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Full text of "Sämtliche Werke;"

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GOETHES 

S/EMTUCHE WERKE 

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GOETHES 

NATUP^ 

WISSENSCHAFTLICHE 

SCHRIFTEN 

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LEIPZIG 
IM INSEL-VERIAG 



ZUKFARBENLEHRE 



1 



ANZEIGE UND ÜBERSICHT 

DES GOETHISCHEN WERKES 

ZUR FARBENLEHRE 

[Tübingen, in der J. G. Cottaschen Buchhandlung. l8lo] 

EINEM jeden Autor ist vergönnt, entweder in einer 
Vorrede oder in einer Rekapitulation, von seiner Ar- 
beit, besonders wenn sie einigermaßen weitläuftig ist, 
Rechenschaft zu geben. Auch hat man es in der neuern 
Zeit nicht ungemäß gefunden, wenn der Verleger dasjenige, 
was der Aufnahme einer Schrift günstig sein könnte, gegen 
das Publikum in Gestalt einer Ankündigung äußerte. Nach- 
stehendes dürfte wohl in diesem doppelten Sinne gelten. 
Dieses, Ihro Durchlaucht der regierenden Herzogin von 
Weimar gewidmete Werk beginnt mit einer Einleitung, in 
der zuvörderst die Absicht im allgemeinen dargelegt wird. 
Sie geht kürzlich dahin, die chromatischen Erscheinungen 
in Verbindung mit allen übrigen physischen Phänomenen 
zu betrachten, sie besonders mit dem, was uns der Magnet, 
der Turmalin gelehrt, was Elektrizität, Galvanismus, che- 
mischer Prozeß uns offenbart, in eine Reihe zu stellen und 
so durch Terminologie und Methode eine vollkommnere 
Einheit des physischen Wissens vorzubereiten. Es soll ge- 
zeigt werden, daß bei den Farben, wie bei den übrigen 
genannten Naturerscheinungen, ein Hüben und Drüben, 
eine Verteilung, eine Vereinigung, ein Gegensatz, eine In- 
differenz, kurz eine Polarität statthabe, und zwar in einem 
hohen, mannigfaltigen, entschiedenen, belehrenden und 
fördernden Sinne. Um unmittelbar zur Sache zu gehen, 
so werden Licht und Auge als bekannt und anerkannt an- 
genommen. 

Das Werk teilt sich in drei Teile, den didaktischen, pole- 
mischen und historischen, deren Veranlassung und Zu- 
sammenhang mit wenigem angezeigt wird. 

Didaktischer Teil 

Seit Wiederherstellung der Wissenschalten ergeht an ein- 
zelne Forscher und ganze Sozietäten immer die Forderung: 
man solle sich treu an die Phänomene halten und eine 
Sammlung derselben naturgemäß aufstellen. Die theore- 



lo ZUR FARBENLEHRE 

tische und praktische Ungeduld des Menschen aber hin- 
dert gar oft die Erreichung eines so löblichen Zwecks. 
Andere Fächer der Naturwissenschaft sind glücklicher ge- 
wesen als die Farbenlehre. Der einigemal wiederholte Ver- 
such, die Phänomene zusammenzustellen, hat aus mehreren 
Ursachen nicht recht glücken wollen. Was wir in unserm 
Entwurf zu leisten gesucht, ist Folgendes. 
Daß die Farben auf mancherlei Art und unter ganz ver- 
schiedenen Bedingungen erscheinen, ist jedermann auf- 
fallend und bekannt. Wir haben die Erfahrungsfälle zu 
sichten uns bemüht, sie, insofern es möghch war, zu Ver- 
suchen erhoben und unter drei Hauptrubriken geordnet. 
Wir betrachten demnach die Farben, unter mehreren Ab- 
teilungen, von dQxphysiologischen,physischen und chemischen 
Seite. 

Die erste Abteilung uTCÄdiQi d\t physiologischen, welche dem 
Organ des Auges vorzüglich angehören und durch dessen 
Wirkung und Gegenwirkung hervorgebracht werden. Man 
kann sie daher auch die subjektiven nennen. Sie sind un- 
aufhaltsam flüchtig, schnell verschwindend. Unsere Vor- 
fahren schrieben sie dem Zufall, der Phantasie, ja einer 
Krankheit des Auges zu und benannten sie darnach. Hier 
kommt zuerst das Verhältnis des großen Gegensatzes von 
Licht und Finsternis zum Auge in Betrachtung; sodann die 
Wirkung heller und dunkler Bilder aufs Auge. Dabei zeigt 
sich denn das erste, den Alten schon bekannte Grundgesetz: 
durch das Finstere werde das Auge gesammlet, zusammen- 
gezogen, durch das Helle hingegen entbunden, ausgedehnt. 
Das farbige Abklingen blendender farbloser Bilder wird so- 
dann mit seinem Gegensatze vorgetragen; hierauf die Wir- 
kung farbiger Bilder, welche gleichfalls ihren Gegensatz 
hervorrufen, gezeigt und dabei die Harmonie und Tota- 
lität der Farbenerscheinung, als der Angel, auf dem die 
ganze Lehre sich bewegt, ein- für allemal ausgesprochen. 
Die farbigen Schatten, als merkwürdige Fälle einer solchen 
wechselseitigen Forderung, schließen sich an; und durch 
schwachwirkende gemäßigte Lichter wird der Übergang 
zu den subjektiven Höfen gefunden. Ein Anhang sondert 
die nah verwandten pathologischen Farben von den phy- 



ANZEIGE UND ÜBERSICHT ii 

siologischen; wobei der merkwürdige Fall besonders zur 
Sprache kommt, daß einige Menschen gewisse Farben von- 
einander nicht unterscheiden können. 
Die zweite Abteilung TCiz.chi uns nunmehr mit dtn physischen 
Farben bekannt. Wir nannten diejenigen so, zu deren Her- 
vorbringung gewisse materielle aber farblose Mittel nötig 
sind, die sowohl durchsichtig und durchscheinend als un- 
durchsichtig sein können. Diese Farben zeigen sich nun 
schon objektiv wie subjektiv, indem wir sie sowohl außer 
uns hervorbringen und für Gegenstände ansprechen, als 
auch dem Auge zugehörig und in demselben hervorgebracht 
annehmen. Sie müssen als vorübergehend, nicht festzu- 
haltend angesehen werden und heißen deswegen apparente, 
flüchtige, falsche, wechselnde Farben. Sie schließen sich 
unmittelbar an die physiologischen an und scheinen nur 
um einen geringen Grad mehr Realität zu haben. 
Hier werden nun die dioptrischen Farben, in zwei Klassen 
geteilt, aufgeführt. Die erste enthält jene höchst wichtigen 
Phänomene, wenn das Licht durch trübe Mittel fällt, oder 
wenn das Auge durch solche hindurchsieht. Diese weisen 
uns auf eine der großen Naturmaximen hin, auf ein Ur- 
phänomen, woraus eine Menge von Farbenerscheinungen, 
besonders die atmosphärischen, abzuleiten sind. In der 
zweiten Klasse werden die Refraktionsfälle erst subjektiv, 
dann objektiv durchgeführt und dabei unwidersprechlich 
gezeigt: daß kein farbloses Licht, von welcher Art es auch 
sei, durch Refraktion eine Farbenerscheinung hervorbringe, 
wenn dasselbe nicht begrenzt, nicht in ein Bild verwan- 
delt worden. So bringt die Sonne das prismatische Far- 
benbild nur insofern hervor, als sie selbst ein begrenztes 
leuchtendes und wirksames Bild ist. Jede weiße Scheibe 
auf schwarzem Grund leistet subjektiv dieselbe Wirkung. 
Hieraufwendet man sich zw. Atn paroptischenY^x\tQ.n. So 
heißen diejenigen, welche entstehen, wenn das Licht an 
einem undurchsichtigen farblosen Körper herstrahlt; sie 
wurden bisher einer Beugung desselben zugeschrieben. 
Auch in diesem Falle finden wir, wie bei den vorhergehen- 
den, eine Randerscheinung, und sind nicht abgeneigt, hier 
gleichfalls farbige Schatten und Doppelbilder zu erblicken. 



12 ZUR FARBENLEHRE 

Doch bleibt dieses Kapitel weiterer Unterst^chung aus- 
gesetzt. 

Die epoptischenYüxh^n dagegen sind ausführlicher und be- 
friedigender behandelt. Es sind solche, die auf der Ober- 
fläche eines farblosen Körpers durch verschiedenen Anlaß 
erregt, ohne Mitteilung von außen, für sich selbst ent- 
springen. Sie werden von ihrer leisesten Erscheinung bis 
zu ihrer hartnäckigsten Dauer verfolgt, und so gelangen 
wir zu 

Der dritten Abteilung, welche die chemischen Farben ent- 
hält. Der chemische Gegensatz wird unter der älteren 
Formel von Acidum und Alkali ausgesprochen, und der 
dadurch entspringende chromatische Gegensatz an Kör- 
pern eingeleitet. Auf die Entstehung des Weißen und 
Schwarzen wird hingedeutet; dann vonErregung der Farbe, 
Steigerung und Kulmination derselben, dann von ihrem 
Hin- und Wiederschwanken, nicht weniger von dem Durch - 
wandern des ganzen Farbenkreises gesprochen; ihre Um- 
kehrung und endliche Fixation, ihre Mischung und Mit- 
teilung, sowohl die wirkliche als scheinbare, betrachtet, 
und mit ihrer Entziehung geschlossen. Nach einem kurzen 
Bedenken über Farbennomenklatur wird angedeutet, wie 
aus diesen gegebenen Ansichten sowohl unorganische als 
organi scheNaturkörper zu betrachten und nach ihre nFarbe - 
äußerungen zu beurteilen sein möchten. Physische und 
chemische Wirkung farbiger Beleuchtung, ingleichen die 
chemische Wirkung bei der dioptrischen Achromasie, zwei 
höchst wichtige Kapitel, machen den Beschluß. Die che- 
mischen Farben können wir uns nun objektiv als den Gegen- 
ständen angehörig denken. Sie heißen sonst Colores proprii, 
materiales, veri, permanentes, und verdienen wohl diesen 
Namen, denn sie sind bis zur spätesten Dauer festzu- 
halten. 

Nachdem wir dergestalt zum Behuf unsers didaktischen 
Vortrages die Erscheinungen möglichst auseinander gehal- 
ten, gelang es uns doch durch eine solche naturgemäße 
Ordnung sie zugleich in einer stetigen Reihe darzustellen, 
die flüchtigen mit den verweilenden und diese wieder mit 
den dauernden zu verknüpfen und so die erst sorgfältig 



ANZEIGE UND ÜBERSICHT 13 

gezogenen Abteilungen für ein höheres Anschaun wieder 
aufzuheben. 

In einer vierten Abteilung haben wir, was bis dahin von den 
Farben unter mannigfaltigen besondern Bedingungen be- 
merkt worden, im allgemeinen ausgesprochen, und dadurch 
eigentlich den Abriß einer künftigen Farbenlehre ent- 
worfen. 

In der fünften Abteilung werden die nachbarlichen Ver- 
hältnisse dargestellt, in welchen unsere Farbenlehre mit 
dem übrigen Wissen, Tun und Treiben zu stehen wünschte. 
Den Philosophen, den Arzt, den Physiker, den Chemiker, 
den Mathematiker, den Techniker laden wir ein, an un- 
serer Arbeit teilzunehmen und unser Bemühen, die Far- 
benlehre dem Kreis der übrigen Naturerscheinungen ein- 
zuverleiben, von ihrer Seite zu begünstigen. 
Die sechste Abteilung ist der sinnlich-sittlichen Wirkung 
der Farbe gewidmet, woraus zuletzt die ästhetische her- 
vorgeht. Hier treffen wir auf den Maler, dem zuliebe 
eigenthch wir uns in diesesFeld gewagt, und so schließt sich 
das Farbenreich in sich selbst ab, indem wir wieder auf 
die physiologischen Farben und auf die naturgemäße Har- 
monie der sich einander fordernden, der sich gegenseitig 
entsprechenden Farben gewiesen werden. 

Polemischer Teil 

Die Naturforscher der altern und mittlem Zeit hatten, un- 
geachtet ihrer beschränkten Erfahrung, doch einen freien 
Blick über die mannigfaltigenFarbenphänomene und waren 
auf dem Wege, eine vollständige und zulängliche Samm- 
lung derselben aufzustellen. Die seit einem Jahrhundert 
herrschende Newtonische Theorie hingegen gründete sich 
auf einen beschränkten Fall und bevorteilte alle die übri- 
gen Erscheinungen um ihre Rechte, in welche wir sie durch 
unsern Entwurf wieder einzusetzen getrachtet. Dieses war 
nötig, wenn wir die hypothetische Verzerrung so vieler 
herrlichen und erfreulichen Naturphänomene wieder ins 
gleiche bringen wollten. Wir konnten nunmehr mit desto 
größerer Sicherheit an die Kontrovers gehn, welche wir, 
ob sie gleich auf verschiedene Weise hätte eingeleitet 



14 ZUR FARBENLEHRE 

werden können, nach Maßgabe der Newtonischen Optik 
führen, indem wir diese Schritt vor Schritt polemisch ver- 
folgen und das Irrtumsgespinst, das sie enthält, zu ent- 
wirren und aufzulösen suchen. 

Wir halten es rätlich, mit wenigem anzugeben, wie sich 
unsere Ansicht, besonders des beschränkten Refraktions- 
falles, von derjenigen unterscheide, welche Newton ge- 
faßt und die sich durch ihn über die gelehrte und unge- 
lehrte Welt verbreitet hat. 

Newton behauptet, in dem weißen farblosen Lichte über- 
all, besonders aber in dem Sonnenlicht, seien mehrere 
verschiedenfarbige Lichter wirklich enthalten, deren Zu- 
sammensetzung das weiße Licht hervorbringe. Damit nun 
diese bunten Lichter zum Vorschein kommen sollen, setzt 
er dem weißen Licht gar mancherlei Bedingungen ent- 
gegen: vorzüglich brechende Mittel, welche das Licht von 
seiner Bahn ablenken; aber diese nicht in einfacher Vor- 
richtung. Er gibt den brechenden Mitteln allerlei Formen, 
den Raum, in dem er operiert, richtet er auf mannigfaltige 
Weise ein; er beschränkt das Licht durch kleine Öffnungen, 
durch winzige Spalten, und nachdem er es auf hunderterlei 
Art in die Enge gebracht, behauptet er: alle diese Be- 
dingungen hätten keinen andern Einfluß, als die Eigen- 
schaften, die Fertigkeiten des Lichts rege zu machen, so 
daß sein Inneres aufgeschlossen und sein Inhalt offenbart 
werde. 

Die Lehre dagegen, die wir mit Überzeugung aufstellen, 
beginnt zwar auch mit dem farblosen Lichte, sie bedient 
sich auch äußerer Bedingungen, um farbige Erscheinungen 
hervorzubringen; sie gesteht aber diesen Bedingungen 
Wert und Würde zu. Sie maßt sich nicht an, Farben aus 
dem Licht zu entwickeln, sie sucht vielmehr durch un- 
zählige Fälle darzutun, daß die Farbe zugleich von dem 
Lichte und von dem, was sich ihm entgegenstellt, hervor- 
gebracht werde. 

Also, um bei dem Refraktionsfalle zu verweilen, auf wel- 
chem sich die Newtonische Theorie doch eigentlich gründet, 
so ist es keineswegs die Brechung allein, welchedie Farben- 
erscheinung verursacht; vielmehr bleibt eine zweite Be- 



ANZEIGE UND ÜBERSICHT 1 5 

dingung unerläßlich, daß nämlich die Brechung auf ein 
Bild wirke und ein solches von der Stelle wegrücke. Ein 
Bild entsteht nur durch Grenzen; und diese Grenzen über- 
sieht Newton ganz, ja er leugnet ihren Einfluß. Wir aber 
schreiben dem Bilde sowohl als seiner Umgebung, der 
Fläche sowohl als der Grenze, der Tätigkeit sowohl als 
der Schranke, vollkommen gleichen Einfluß zu. Es ist 
nichts anders als eine Randerscheinung, und keines Bildes 
Mitte wird farbig, als insofern die farbigen Ränder sich be- 
rühren oder übergreifen. Alle Versuche stimmen uns bei. 
Je mehr wir sie vermannigfaltigen, desto mehr wird aus- 
gesprochen, was wir behaupten, desto planer und klarer 
wird die Sache, desto leichter wird es uns, mit diesem 
Faden an der Hand, auch durch die polemischen Laby- 
rinthe mit Heiterkeit und Bequemlichkeit hindurchzukom- 
men. Ja wir wünschen nichts mehr, als daß der Menschen- 
verstand, von den wahren Naturverhältnissen, auf die wir 
immer dringend zurückkehren, geschwind überzeugt, un- 
sern polemischen Teil, an welchem freilich noch manches 
nachzuholen und schärfer zu bestimmen wäre, bald für 
überflüssig erklären möge. 

Historischer Teil 

War es uns in dem didaktischen Entwürfe schwer ge- 
worden, die Farbenlehre oder Chromatik, in der es übri- 
gens wenig oder nichts zu messen gibt, von der Lehre 
des natürlichen und künstlichen Sehens, der eigentlichen 
Optik, worin die Meßkunst großen Beistand leistet, mög- 
lichst zu trennen und sie für sich zu betrachten, so be- 
gegnen wir dieser Schwierigkeit abermals in dem histori- 
schen Teile, da alles, was uns aus älterer und neuerer Zeit 
über die Farben berichtet worden, sich durch die ganze 
Naturlehre und besonders durch die Optik gleichsam nur 
gelegentlich durchschmiegt und für sich beinahe niemals 
Masse bildet. Was wir daher auch sammelten und zu- 
sammenstellten, blieb allzusehr Bruchwerk, als daß es 
leicht hätte zu einer Geschichte verarbeitet werden kön- 
nen, wozu uns überhaupt in der letzten Zeit die Ruhe 
nicht gegönnt war. Wir entschlossen uns daher, das Ge- 



i6 ■ ZUR FARBENLEHRE 

sammelte als Materialien hinzulegen und sie nur durch 
Stellung und durch Zwischenbetrachtungen einigermaßen 
zu verknüpfen. 

In diesem dritten Teile also macht uns, nach einem kurzen 
Überbhck der Urzeit, die erste Abteilung mit dem bekannt, 
was die Griechen, von Pythagoras an bis Aristoteles^ über 
Farben geäußert, welches auszugsweise übersetzt gegeben 
wird; sodann aber Theophrasts Büchlein von den Farben in 
vollständiger Übersetzung. Dieser ist eine kurze Abhand- 
lung über die Versatilität der griechischen und lateinischen 
Farbenbenennungen beigefügt. 

Die Z7veite Abteilung läßt uns einiges von den Römern er- 
fahren. Die Hauptstelle des Lucretius ist nach Herrn von 
Knebels Übersetzung mitgeteilt, und anstatt uns bei dem 
Texte des Plinius aufzuhalten, liefern wir eine Geschichte 
des Kolorits der alten Maler, verfaßt von Herrn Hofrat 
Meyer. Sie wird hypothetisch genannt, weil sie nicht so- 
wohl auf Denkmäler als auf die Natur des Menschen und 
denKunstgang, den derselbebeifreier Entwicklungnehmen 
muß, gegründet ist. Betrachtungen über Farbenlehre und 
Farbenbehandlungen der Alten folgen hierauf, welche zei- 
gen, daß diese mit dem Fundament und den bedeutendsten 
Erscheinungen derFarbenlehre bekannt und auf einemWege 
gewesen, welcher, von den Nachfolgern betreten, früher 
zum Ziele geführt hätte. Ein kurzer Nachtrag enthält einiges 
über Seneca. An dieser Stelle ist es nun Pflicht des Ver- 
fassers, dankbar zu bekennen, wie sehr ihm bei Bearbei- 
tung dieser Epochen sowohl als überhaupt des ganzen 
Werkes die einsichtigeTeilnahme eines mehrjährigen Haus- 
freundes und Studiengenossen, Herrn Dr. Riemers^ förder- 
hch und behülflich gewesen. 

In der dritten Abteilung wird von jener traurigen Zwischen- 
zeit gesprochen, in welcher die Welt der Barbarei unter- 
legen. Hier tritt vorzüglich die Betrachtung ein, daß, nach 
Zerstörung einer großen Vorwelt, die Trümmer, welche 
sich in die neue Zeit hinüber retten, nicht als ein Leben- 
diges, Eignes, sondern als ein Fremdes, Totes wirken, und 
daß Buchstabe und Wort mehr als Sinn und Geist be- 
trachtet werden. Die drei großen Hauptmassen der Über- 



ANZEIGE UND ÜBERSICHT 17 

lieferung, die Werke des Aristoteles, des F/ato und die Bidet, 
treten heraus. Wie die Autorität sich festsetzt, wird dar- 
getan. Doch wie das Genie immer wieder geboren wird, 
wieder hervordringt und bei einigermaßen günstigen Um- 
ständen lebendig wirkt, so erscheint auch sogleich am Rande 
einer solchen dunkeln Zeit Roger Bacon, eine der reinsten, 
liebenswürdigsten Gestalten, von denen uns in der Ge- 
schichte der Wissenschaften Kunde geworden. Nur weniges 
indessen, was sich auf Farbe bezieht, finden wir bei ihm 
sowie bei einigen Kirchenvätern, und die Naturwissen- 
schaft wird, wie manches andere, durch die Lust am Ge- 
heimnis obskuriert. 

Dagegen gewährt uns die vierte Abteilung einen heitern 
Blick in das sechzehnte Jahrhundert, Durch alte Literatur 
und Sprachkunde sehen wir auch die Farbenlehre beför- 
dert. Das Büchlein von Thylesius von den Farben findet 
man in der Ursprache abgedruckt. Portius erscheint als 
Herausgeber und Übersetzer des Theophrastischen Aui- 
satzes. Scaliger bemüht sich auf ebendiesem Wege um 
die Farbenbenennungen. Paracelsus tritt ein und gibt den 
ersten Wink zur Einsicht in die chemischen Farben. Durch 
Alchymisten wird nichts gefördert. Nun bietet sich die Be- 
trachtung dar, daß, je mehr die Menschen selbsttätig wer- 
den und neue Naturverhältnisse entdecken, das Überheferte 
an seiner Gültigkeit verliere und seine Autorität nach und 
nach unscheinbar werde. Die theoretischen und prakti- 
schen Bemühungen des Telesius, Cardanus, Porta für die 
Naturlehre werden gerühmt. Der menschliche Geist wird 
immer freier, unduldsamer, selbst gegen notwendiges und 
nützliches Lernen, und ein solches Bestreben geht so weit, 
daß Baco von Verulam sich erkühnt, über alles, was bis- 
her auf der Tafel des Wissens verzeichnet gestanden, mit 
dem Schwämme hinzufahren. 

In dtv ßinften Abteilung zu Anfang des siebzehnten Jahr- 
hunderts trösten uns jedoch über ein solches Schrift-stür- 
mendes Beginnen Galilei und Kepler, zwei wahrhaft auf- 
erbauende Männer. Von dieser Zeit an wird auch unser Feld 
mehr angebaut. Snellius entdeckt die Gesetze der Brechung, 
und Antonius de Dotninis tut einen großen Schritt zur Er- 

GOETHE XVII 2. 



i8 ZUR FARBENLEHRE 

klärung des Regenbogens. Aguilonius ist der erste, der 
das Kapitel von den Farben ausführlich behandelt, da sie 
Cartesius neben den übrigen Naturerscheinungen aus Ma- 
terialitäten und Rotationen entstehen läßt. Kircher liefert 
ein Werk, die große Kunst des Lichtes und Schattens, 
und deutet schon durch diesen ausgesprochnen Gegensatz 
auf die rechte Weise, die Farben abzuleiten. Marcus Marci 
dagegen behandelt diese Materie abstrus und ohne Vor- 
teil für die Wissenschaft. Eine neue, schon früher vorbe- 
reitete Epoche tritt nunmehr ein. Die Vorstellungsart von 
der Materialität des Lichtes nimmt überhand. Dela Chambre 
und Vossius haben schon dunkle Lichter in dem hellen. 
Grimaldi zerrt, quetscht, zerreißt, zersplittert das Licht, 
um ihm Farben abzugewinnen. Boyk läßt es von den ver- 
schiedenen Facetten und Rauhigkeiten der Oberfläche 
widerstrahlen und auf diesem Wege die Farben erscheinen. 
Hooke ist geistreich, aber paradox. Bei Malebranche wer- 
den die Farben dem Schall verglichen, wie immer auf dem 
Wege der Schwingungslehre. Sturm kompiliert und eklek- 
tisiert; aber Funccius, durch Betrachtung der atmosphäri- 
schen Erscheinungen an der Natur festgehalten, kommt 
demRechten ganz nahe, ohne doch durchzudringen. Nuguet 
ist der erste, der die prismatischen Erscheinungen richtig 
ableitet. Sein System wird mitgeteilt und seine wahren 
Einsichten von den falschen und unzulänglichen geson- 
dert. Zum Schluß dieser Abteilung wird die Geschichte 
des Kolorits seit Wiederherstellung der Kunst bis auf unsere 
Zeit, gleichfalls von Herrn Hofrat Meyer, vorgetragen. 
Die sechste Abteilung ist dem achtzehnten Jahrhundert ge- 
widmet, und wir treten sogleich in die merkwürdige Epoche 
von Newton bis auf Dollond. Die Londoner Sozietät, als 
eine bedeutende Versammlung von Naturfreunden des 
Augenblicks, zieht alle unsere Aufmerksamkeit an sich. 
Mit ihrer Geschichte machen uns bekannt Sprat, Birch 
und die Transaktionen. Diesen Hülfsmitteln zufolge wird 
von den ungewissen Anfängen der Sozietät, von den frühern 
und spätem Zuständen der Naturwissenschaft in England, 
vonden äußernVorteilen derGesellschaft, von den Mängeln, 
die in ihr selbst, in der Umgebung und in der Zeit liegen, 



ANZEIGE UND ÜBERSICHT 19 

gehandelt. Hooke erscheint als geistreicher, unterrichteter, 
geschäftiger, aber zugleich eigen vvilhger, unduldsamer, un- 
ordentlicher Sekretär und Experimentator. Neivton tritt 
auf. Dokumente seiner Theorie der Farben sind die lec~ 
tiones opticae, ein Brief an Oldenburg, den Sekretär der 
Londoner Sozietät; femer die Optik. Newtons Verhältnis 
zur Sozietät wird gezeigt. Eigentlich meldet er sich zuerst 
durch sein katoptrisches Teleskop an. Von der Theorie ist 
nur beiläufig die Rede, um die Unmöghchkeit der Ver- 
besserung dioptrischer Fernröhre zu zeigen und seiner Vor- 
richtung einen größern Wert beizulegen. Obgedachter Brief 
erregt die ersten Gegner Newtons, denen er selbst ant- 
wortet. Dieser Brief sowohl als die ersten Kontroversen 
sind in ihren Hauptpunkten ausgezogen und der Grund- 
fehler Newtons aufgedeckt, daß er die äußern Bedingungen, 
welche nicht aus dem Licht, sondern an dem Licht die 
Farben hervorbringen, übereilt beseitigt und dadurch so- 
wohl sich als andere in einen beinah unauflöslichen Irr- 
tum verwickelt. Mariotte faßt ein ganz richtiges Apergu 
gegen Newton, worauf wenig geachtet wird. Desaguliers, 
Experimentator von Metier, experimentiert und argumen- 
tiert gegen den schon Verstorbenen. Sogleich tritt Rizzetti 
mit mehrerem Aufwand gegen Newton hervor; aber auch 
ihn treibt Desaguliers aus den Schranken, welchem Gauger 
als Schildknappe beiläuft. Newtons Persönhchkeit wird ge- 
schildert und eine ethische Auflösung des Problems ver- 
sucht: wie ein so außerordentlicher Mann sich in einem 
solchen Grade irren, seinen Irrtum bis an sein Ende mit 
Neigung, Fleiß, Hartnäckigkeit, trotz aller äußeren und 
inneren Warnungen, bearbeiten und befestigen und so viel 
vorzüghche Menschen mit sich fortreißen können. Die 
ersten Schüler und Bekenner Newtons werden genannt. 
Unter den Ausländern sind ^ Gravesande und Musschen- 
broek bedeutend. 

Nun wendet man den Blick zur französischen Akademie 
der Wissenschaften. In ihren Verhandlungen wird Mariottes 
mit Ehren gedacht. De la Hire erkennt die Entstehung des 
Blauen vollkommen, des Gelben und Roten weniger. Con- 
radi, einDeutscher, erkennt den Ursprung desBlauen eben- 



2 ZUR FARBENLEHRE 

falls. Die Schwingungen des Malebranche fördern die Far- 
benlehre nicht, so wenig als die fleißigen Arbeiten Mairans, 
der auf Newtons Wege das prismatische Bild mit den Ton- 
intervallen parallelisieren will. Folignac, Gönner und Lieb- 
haber, beschäftigt sich mit der Sache und tritt der New- 
tonischen Lehre bei. Literatoren, Lobredner, Schöngeister, 
Auszügler und Gemeinmacher, Fontenelle^ Voltaire, Alga- 
rotti und andere, geben vor der Menge den Ausschlag für 
die Newtonische Lehre, wozu die Anglomanie der Fran- 
zosen und übrigen Völker nicht wenig beiträgt. 
Indessen gehn die Chemiker und Farbkünstler immer ihren 
Weg. Sie verwerfen jene größere Anzahl von Grundfarben 
und wollen von dem Unterschiede der Grund- und Haupt- 
farben nichts wissen. Dufay und Castel beharren auf der 
einfacheren Ansicht; letzterer widersetzt sich mit Gewalt 
der Newtonischen Lehre, wird aber überschrieen und ver- 
schrieen. Der farbige Abdruck von Kupferplatten wird ge- 
übt. Le Blond und Gauthier machen sich hierdurch be- 
kannt. Letzterer, ein heftiger Gegner Newtons, trifft den 
rechten Punkt der Kontrovers und führt sie gründlich durch. 
Gewisse Mängel seinesVortrags, die Ungunst der Akademie 
und die öflfentliche Meinung widersetzen sich ihm, und seine 
Bemühungen bleiben fruchtlos. Nach einem Blicke auf die 
deutsche große und tätige Welt wird dasjenige, was in der 
deutschen gelehrten Welt vorgegangen, aus den physikali- 
schen Kompendien kürzlich angemerkt, und die Newtoni- 
sche Theorie erscheint zuletzt als allgemeine Konfession. 
Von Zeit zu Zeit regt sich wieder der Menschenverstand. 
Tobias Mayer erklärt sich für die drei Grund- und Haupt- 
farben, nimmt gewisse Pigmente als ihre Repräsentanten 
an und berechnet ihre möglichen unterscheidbaren Mi- 
schungen. Zaw^<?r/gehtaufdemselben Wege weiter. Außer 
diesen begegnet uns noch eine freundhche Erscheinung. 
Scherffer beobachtet die sogenannten Scheinfarben, sam- 
melt und rezensiert die Bemühungen seiner Vorgänger. 
Franklin wird gleichfalls aufmerksam auf diese Farben, die 
wir unter die physiologischen zählen. 
Die zweite Epoche des achtzehnten Jahrhunderts von Dol- 
lond bis auf unsere Zeit hat einen eigenen Charakter. Sie 



ANZEIGE UND ÜBERSICHT 2 1 

trennt sich in zwei Hauptmassen. Die erste ist um die Ent- 
deckung der Achromasie, teils theoretisch teils praktisch, 
beschäftigt, jene Erfahrung nämlich, daß man die prisma- 
tische Farbenerscheinung aufheben und die Brechung bei- 
behalten, die Brechung aufheben und die Farbenerschei- 
nung behalten könne. Die dioptrischen Fernröhre werden 
gegen das bisherige Vorurteil verbessert, und die New- 
tonische Lehre periklitiert in ihrem Innersten. Erst leugnet 
man die Möglichkeit der Entdeckung, weil sie der her- 
gebrachtenTheorie unmittelbar widerspreche; dann schließt 
man sie durch das Wort Zerstreuung an die bisherige Lehre, 
die auch nur aus Worten bestand. Priestleys Geschichte der 
Optik, durch Wiederholung des Alten, durch Akkomodation 
des Neuen, trägt sehr viel zur Aufrechterhaltung der Lehre 
bei. Frisi^ ein geschickter Lobredner, spricht von der New- 
tonischen Lehre, als wenn sie nicht erschüttert worden 
wäre. Klügelj der Übersetzer Priestleys, durch mancher- 
lei Warnung und Hindeutung aufs Rechte, macht sich bei 
den Nachkommen Ehre; allein weil er die Sache läßlich 
nimmt und, seiner Natur, auch wohl den Umständen nach, 
nicht derb auftreten will, so bleiben seine Überzeugungen 
für die Gegenwart verloren. 

Wenden wir uns zur andern Masse. Die Newtonische Lehre, 
wie früher die Dialektik, hatte die Geister unterdrückt. Zu 
einer Zeit, da man alle frühere Autorität weggeworfen, 
hatte sich diese neue Autorität abermals der Schulen be- 
mächtigt. Jetzt aber ward sie durch Entdeckung der Achro- 
masie erschüttert. Einzelne Menschen fingen an den Natur- 
weg einzuschlagen, und es bereitete sich, da jeder aus 
einseitigem Standpunkte das Ganze übersehen, sich von 
Newton losmachen oder wenigstens mit ihm einen Ver- 
gleich eingehen wollte, eine Art von Anarchie, in welcher 
sich jeder selbst konstituierte und, so eng oder so weit als 
es gehen mochte, mit seinen Bemühungen zu wirken trach- 
tete. Westfeld hofi"te die Farben durch eine gradative Wär- 
mewirkung auf die Netzhaut zu erklären. Guyot sprach, bei 
Gelegenheit eines physikalischen Spielwerks, die Unhalt- 
barkeit der Newtonischen Theorie aus. Mauclerc kam auf 
die Betrachtung, inwiefern Pigmente einander an Ergiebig- 



2 2 ZUR FARBENLEHRE 

keit balancieren. Marat, der gewahr wurde, daß die prisma- 
tische Erscheinung nur eine Randerscheinung sei, verband 
die paroptischen Fälle mit dem Refraktionsfalle. Weil er 
aber bei dem Newtonischen Resultat blieb und zugab, daß 
die Farben aus dem Licht hervorgelockt würden, so hatten 
seine Bemühungen keine Wirkung. Ein französischer Un- 
genatinter beschäftigte sich emsig und treulich mit den 
farbigenSchatten, gelangte aber nicht zumWort des Rätsels. 
Carvalho, ein Maltheserritter, wird gleichfalls zufällig far- 
bige Schatten gewahr und baut auf wenige Erfahrungen 
eine wunderhche Theorie auf. Darwhi beobachtet die 
Scheinfarben mit Aufmerksamkeit und Treue; da er aber 
alles durch mehr und mindern Reiz abtun und die Phä- 
nomene zuletzt, wie Scherffer, auf die Newtonische Theorie 
reduzieren will, so kann er nicht zum Ziel gelangen. Mengs 
spricht mit zartem Künstlersinn von den harmonischen 
Farben, welches eben die, nach unserer Lehre, physio- 
logisch geforderten sind. Gülich, ein Färbekünstler, sieht 
ein, was in seiner Technik durch den chemischen Gegen- 
satz von Acidum und Alkali zu leisten ist; allein bei dem 
Mangel an gelehrter und philosophischer Kultur kann er 
weder den Widerspruch, in dem er sich mit der Newtoni- 
schen Lehre befindet, lösen, noch mit seinen eigenen 
theoretischen Ansichten ins reine kommen. D e laval rasichl 
auf die dunkle schattenhafte Natur der Farbe aufmerksam, 
vermag aber weder durch Versuche, noch Methode, noch 
Vortrag, an denen freilich manches auszusetzen ist, keine 
Wirkung hervorzubringen. Hoffmann möchte die malerische 
Harmonie durch die musikalische deutlich machen und 
einer durch die andere aufhelfen. Natürlich gelingt es ihm 
nicht, und bei manchen schönen Verdiensten ist er wie sein 
Buch verschollen. Blair erneuert die Zweifel gegen Achro- 
masie, welche wenigstens nicht durch Verbindung zweier 
Mittel soll hervorgebracht werden können; er verlangt 
mehrere dazu. Seine Versuche an verschiedenen, die Farbe 
sehr erhöhenden Flüssigkeiten sind aller Aufmerksamkeit 
wert; da er aber zu Erläuterungen derselben die detestable 
Newtonische Theorie kümmerlich modifiziert anwendet, so 
wird seine Darstellung höchst verworren, und seine Be- 



ANZEIGE UND ÜBERSICHT 23 

mühungen scheinen keine praktischen Folgen gehabt zu 
haben. 

Zuletzt nun glaubte der Verfasser des Werks, nachdem er 
so viel über andere gesprochen, auch eine Konfession über 
sich selbst schuldig zu sein; und er gesteht, auf welchem 
Wege er in dieses Feld gekommen, wie er erst zu einzelnen 
Wahrnehmungen und nach und nach zu einem vollstän- 
digem Wissen gelangt, wie er sich das Anschauen der Ver- 
suche selbst zuwege gebracht und gewisse theoretische 
Überzeugungen darauf gegründet; wie diese Beschäftigung 
sich zu seinem übrigen Lebensgange, besonders aber zu 
seinem Anteil an bildender Kunst verhalte, wird dadurch 
begreiflich. Eine Erklärung über das in den letzten Jahr- 
zehnten für die Farbenlehre Geschehene lehnt er ab, lie- 
fert aber zum Ersatz eine Abhandlung über den von Her- 
schein wieder angeregten Punkt, die Wirkung farbiger Be- 
leuchtung betrefifend, in welcher Herr Dr. Seebeck zu Jena 
aus seinem unschätzbaren Vorrat chromatischer Erfah- 
rungen das Zuverlässigste und Bewährteste zusammen- 
gestellt hat. Sie mag zugleich als ein Beispiel dienen, wie 
durch Verbindung von Übereindenkenden, in gleichem 
SinneFortarbeitendendashieunddaSkizzen-undLücken- 
hafte unseres Entwurfs ausgeführt und ergänzt werden kön- 
ne, um die Farbenlehre einer gewünschten Vollständigkeit 
und endlichem Abschluß immer näher zu bringen. 
Anstatt des letzten supplementären Teils folgt voritzt eine 
Entschuldigung, sowie Zusage, denselben baldmöglichst 
nachzuliefern: wie denn vorläufig das darin zu Ejrwartende 
angedeutet wird. 

Übrigens findet man bei jedem Teile ein Inhaltsverzeich- 
nis und am Ende des letzten, zu bequemerem Gebrauch 
eines so komplizierten Ganzen, Namen- und Sachregister. 
Gegenwärtige Anzeige kann als Rekapitulation des ganzen 
Werks sowohl Freunden als Widersachern zum Leitfaden 
dienen. 

Ein Heft mit sechzehn Kupfertafeln und deren Erklärung 
ist dem Ganzen beigegeben. 



[WIDMUNG DER FARBENLEHRE] 

[Zur Farbenlehre. Erster Band. 1810] 

DER DURCHLAUCHTIGSTEN HERZOGIN 
UND FRAUEN 

LUISEN 

REGIERENDEN HERZOGIN VON SACHSEN-WEIMAR 
UND EISENACH 

Durchlauchtigste Herzogin^ 
Gnädigste Frau! 

WÄRE der Inhalt des gegenwärtigen Werkes 
auch nicht durchaus geeignet, Ew. Durchlaucht 
vorgelegt zu werden, könnte die Behandlung 
des' Gegebenen bei schärferer Prüfung kaum genugtun, 
so gehören doch diese Bände Ew. Durchlaucht ganz eigent- 
lich an und sind seit ihrer früheren Entstehung Höchst- 
denenselben gewidmet geblieben. 

Denn hätten Ew. Durchlaucht nicht die Gnade gehabt, 
über die Farbenlehre sowie über verwandte Naturerschei- 
nungen einem mündlichen Vortrag Ihre Aufmerksamkeit 
zu schenken, so hätte ich mich wohl schwerlich imstande 
gefunden, mir selbst manches klarzumachen, manches Aus- 
einanderliegende zusammenzufassen und meine Arbeit, wo 
nicht zu vollenden, doch wenigstens abzuschließen. 
Wenn es bei einem mündlichen Vortrage möglich wird, 
die Phänomene sogleich vor Augen zu bringen, manches 
in verschiedenen Rücksichten wiederkehrend darzustellen, 
so ist dieses freilich ein großer Vorteil, welchen das ge- 
schriebene, das gedruckte Blatt vermißt. Möge jedoch 
dasjenige, was auf dem Papier mitgeteilt werden konnte, 
Höchstdieselben zu einigem Wohlgefallen an jene Stunden 
erinnern, die mir unvergeßlich bleiben, so wie mir un- 
unterbrochen alles das mannigfaltige Gute vorschwebt, 
das ich seit längerer Zeit und in den bedeutendsten Augen- 
blicken meines Lebens mit und vor vielen andern Ew. 
Durchlaucht verdanke! 
Mit innigster Verehrung mich unterzeichnend 

Ew. Durchlaucht 

untertänigster 

Weimar, den 30. Januar 1808. J- W. v. Goethe. 



VORWORT 

[ZUR FARBENLEHRE] 

OB man nicht, indem von den Farben gesprochen 
werden soll, vor allen Dingen des Lichtes zu er- 
wähnen habe, ist eine ganz natürliche Frage, auf 
die wir jedoch nur kurz und aufrichtig erwidern: es scheine 
bedenklich, da bisher schon so viel und mancherlei von 
dem Lichte gesagt worden, das Gesagte zu wiederholen 
oder das oft Wiederholte zu vermehren. 
Denn eigentlich unternehmen wir umsonst, das Wesen 
eines Dinges auszudrücken. Wirkungen werden wir ge- 
wahr, und eine vollständige Geschichte dieser Wirkungen 
umfaßte wohl allenfalls das Wesen jenes Dinges. Ver- 
gebens bemühen wir uns, den Charakter eines Menschen 
zu schildern; man stelle dagegen seine Handlungen, seine 
Taten zusammen, und ein Bild des Charakters wird uns 
entgegentreten. 

Die Farben sind Taten des Lichts, Taten und Leiden. In 
diesem Sinne können wir von denselben Aufschlüsse über 
das Licht erwarten. Farben und Licht stehen zwar unter- 
einander in dem genausten Verhältnis, aber wir müssen 
uns beide als der ganzen Natur angehörig denken: denn 
sie ist es ganz, die sich dadurch dem Sinne des Auges 
besonders ofifenbaren will. 

Ebenso entdeckt sich die ganze Natur einem anderen 
Sinne. Man schließe das Auge, man öffne, man schärfe 
das Ohr, und vom leisesten Hauch bis zum wildesten Ge- 
räusch, vom einfachsten Klang bis zur höchsten Zusammen- 
stimmung, von dem heftigsten leidenschaftlichen Schrei 
bis zum sanftesten Worte der Vernunft ist es nur die Natur, 
die spricht, ihr Dasein, ihre Kraft, ihr Leben und ihre 
Verhältnisse offenbart, so daß ein Blinder, dem das un- 
endlich Sichtbare versagt ist, im Hörbaren ein unendlich 
Lebendiges fassen kann. 

So spricht die Natur hinabwärts zu andern Sinnen, zu 
bekannten, verkannten, unbekannten Sinnen; so spricht 
sie mit sich selbst und zu uns durch tausend Erscheinungen. 
Dem Aufmerksamen ist sie nirgends tot noch stumm; ja 
dem starren Erdkörper hat sie einen Vertrauten zugegeben, 



2 6 ZUR FARBENLEHRE 

ein Metall, an dessen kleinsten Teilen wir dasjenige, was 
in der ganzen Masse vorgeht, gewahr werden sollten. 
So mannigfaltig, so verwickelt und unverständHch uns oft 
diese Sprache scheinen mag, so bleiben doch ihre Ele- 
mente immer dieselbigen. Mit leisem Gewicht und Gegen- 
gewicht wägt sich die Natur hin und her, und so entsteht ein 
Hüben und Drüben, ein Oben und Unten, ein Zuvor und 
Hernach, wodurch alle die Erscheinungen bedingt werden, 
die uns im Raum und in der Zeit entgegentreten. 
Diese allgemeinenBewegungenundBestimmungen werden 
wir auf die verschiedenste Weise gewahr, bald als ein ein- 
faches Abstoßen und Anziehen, bald als ein aufblickendes 
und verschwindendes Licht, als Bewegung der Luft, als 
Erschütterung des Körpers, als Säurung und Entsäurung, 
jedoch immer als verbindend oder trennend, das Dasein 
bewegend und irgendeine Art von Leben befördernd. 
Indem man aber jenes Gewicht und Gegengewicht von 
ungleicher Wirkung zu finden glaubt, so hat man auch 
dieses Verhältnis zu bezeichnen versucht. Man hat ein 
Mehr oder Weniger, ein Wirken, ein Widerstreben, ein 
Tun, ein Leiden, ein Vordringendes, ein Zurückhaltendes, 
ein Heftiges, ein Mäßigendes, ein Männliches, ein Weib- 
liches überall bemerkt und genannt, und so entsteht eine 
Sprache, eine Symbolik, die man auf ähnliche Fälle als 
Gleichnis, als nahverwandten Ausdruck, als unmittelbar 
passendes Wort anwenden und benutzen mag. 
Diese universellen Bezeichnungen, diese Natursprache 
auch auf die Farbenlehre anzuwenden, diese Sprache 
durch die Farbenlehre, durch die Mannigfaltigkeit ihrer 
Erscheinungen zu bereichern, zu erweitern und so die 
Mitteilung höherer Anschauungen unter den Freunden der 
Natur zu erleichtern, war die Hauptabsicht des gegen- 
wärtigen Werkes. 

Die Arbeit selbst zerlegt sich in drei Teile. Der erste 
gibt den Entwurf einer Farbenlehre. In demselben sind 
die unzähligen Fälle der Erscheinungen unter gewisse 
Hauptphänomene zusammengefaßt, welche nach einer 
Ordnung aufgeführt werden, die zu rechtfertigen der 
Einleitung überlassen bleibt. Hier aber ist zu bemerken, 



VORWORT 27 

daß, ob man sich gleich überall an die Erfahrungen ge- 
halten, sie überall zum Grunde gelegt, doch die theo- 
retische Ansicht nicht verschwiegen werden konnte, 
welche den Anlaß zu jener Aufstellung und Anordnung 
gegeben. 

Ist es doch eine höchst wunderliche Forderung, die wohl 
manchmal gemacht, aber auch selbst von denen, die sie 
machen, nicht erfüllt wird: Erfahrungen solle man ohne 
irgendein theoretisches Band vortragen und dem Leser, 
dem Schüler überlassen, sich selbst nach Belieben irgend- 
eine Überzeugung zu bilden. Denn das bloße Anblicken 
einer Sache kann uns nicht fördern. Jedes Ansehen geht 
über in ein Betrachten, jedes Betrachten in ein Sinnen, 
jedes Sinnen in ein Verknüpfen, und so kann man sagen, 
daß wir schon bei jedem aufmerksamen Blick in die Welt 
theoretisieren. Dieses aber mit Bewußtsein, mit Selbst- 
kenntnis, mit Freiheit und, um uns eines gewagten Wortes 
zu bedienen, mit Ironie zu tun und vorzunehmen, eine 
solche Gewandtheit ist nötig, wenn die Abstraktion, vor 
der wir uns fürchten, unschädlich und das Erfahrungs- 
resultat, das wir hoffen, recht lebendig und nützlich wer- 
den soll. 

Im zweiten Teil beschäftigen wir uns mit Enthüllung der 
Newtonischen Theorie, welche einer freien Ansicht der 
Farbenerscheinungen bisher mit Gewalt und Ansehen ent- 
gegengestanden; wir bestreiten eine Hypothese, die, ob 
sie gleich nicht mehr brauchbar gefunden wird, doch noch 
immer eine herkömmliche Achtung unter den Menschen 
behält. Ihr eigentliches Verhältnis muß deutlich werden, 
die alten Irrtümer sind wegzuräumen, wenn die Farben- 
lehre nicht, wie bisher, hinter so manchem anderen, 
besser bearbeiteten Teile der Naturlehre zurückbleiben 
soll. 

Da aber der zweite Teil unsres Werkes seinem Inhalte 
nach trocken, der Ausführung nach vielleicht zu heftig 
und leidenschaftlich scheinen möchte, so erlaube man 
uns hier ein heiteres Gleichnis, um jenen ernsteren Stoff 
vorzubereiten und jene lebhafte Behandlung einigermaßen 
zu entschuldigen. 



28 ZUR FARBENLEHRE 

Wir vergleichen die Newtonische Farbentheorie mit einer 
alten Burg, welche von dem Erbauer anfangs mit jugend- 
licher Übereilung angelegt, nach dem Bedürfnis der Zeit 
und Umstände jedoch nach und nach von ihm erweitert 
und ausgestattet, nicht weniger bei Anlaß von Fehden 
und Feindseligkeiten immer mehr befestigt und gesichert 
worden. 

So verfuhren auch seine Nachfolger und Erben. Man war 
genötigt, das Gebäude zu vergrößern, hier daneben, hier 
daran, dort hinaus zu bauen, genötigt durch die Vermeh- 
rung innerer Bedürfnisse, durch die Zudringlichkeit äuße- 
rer Widersacher und durch manche Zufälligkeiten. 
Alle diese fremdartigen Teile und Zutaten mußten wieder 
in Verbindung gebracht werden durch die seltsamsten 
Galerien, Hallen und Gänge. Alle Beschädigungen, es 
sei von Feindes Hand oder durch die Gewalt der Zeit, 
wurden gleich wieder hergestellt. Man zog, wie es nötig 
ward, tiefere Gräben, erhöhte die Mauern und ließ es 
nicht an Türmen, Erkern und Schießscharten fehlen. 
Diese Sorgfalt, diese Bemühungen brachten ein Vorurteil 
von dem hohen Werte der Festung hervor und erhieltens, 
obgleich Bau- und Befestigungskunst die Zeit über sehr 
gestiegen waren und man sich in andern Fällen viel bes- 
sere Wohnungen und Waffenplätze einzurichten gelernt 
hatte. Vorzüglich aber hielt man die alte Burg in Ehren, 
weil sie niemals eingenommen worden, weil sie so man- 
chen Angriff abgeschlagen, manche Befehdung vereitelt 
und sich immer als Jungfrau gehalten hatte. Dieser Name, 
dieser Ruf dauert noch bis jetzt. Niemanden fällt es auf, 
daß der alte Bau unbewohnbar geworden. Immer wird 
von seiner vortrefflichen Dauer, von seiner köstlichen 
Einrichtung gesprochen. Pilger wallfahrten dahin; flüch- 
tige Abrisse zeigt man in allen Schulen herum imd emp- 
fiehlt sie der empfänglichen Jugend zur Verehrung, in- 
dessen das Gebäude bereits leer steht, nur von einigen 
Invaliden bewacht, die sich ganz ernsthaft für gerüstet 
halten. 

Es ist also hiei die Rede nicht von einer langwierigen 
Belagerung oder einer zweifelhaften Fehde. Wir finden 



VORWORT 29 

vielmehr jenes achte Wunder der Welt schon als ein ver- 
lassenes, Einsturz drohendes Altertum und beginnen so- 
gleich von Giebel und Dach herab es ohne weitere Um- 
stände abzutragen, damit die Sonne doch endlich einmal 
in das alte Ratten- und Eulennest hineinscheine und dem 
Auge des verwunderten Wanderers offenbare jene laby- 
rinthisch unzusammenhängende Bauart, das enge Not- 
dürftige, das zufällig Aufgedrungene, das absichtlich Ge- 
künstelte, das kümmerlich Geflickte. Ein solcher Einblick 
ist aber alsdann nur möglich, wenn eine Mauer nach der 
andern, ein Gewölbenach dem andern fällt und der Schutt, 
so viel sich tun läßt, auf der Stelle hinweggeräumt wird. 
Dieses zu leisten und womöglich den Platz zu ebnen, die 
gewonnenen Materialien aber so zu ordnen, daß sie bei 
einem neuen Gebäude wieder benutzt werden können, 
ist die beschwerliche Pflicht, die wir uns in diesem zweiten 
Teile auferlegt haben. Gelingt es uns nun, mit froher An- 
wendung möglichster Kraft und Geschickes, jene Bastille 
zu schleifen und einen freien Raum zu gewinnen, so ist 
keinesweges die Absicht, ihn etwa sogleich wieder mit 
einem neuen Gebäude zu überbauen und zu belästigen; 
wir wollen uns vielmehr desselben bedienen, um eine 
schöne Reihe mannigfaltiger Gestalten vorzuführen. 
Der dritte Teil bleibt daher historischen Untersuchungen 
und Vorarbeiten gewidmet. Äußerten wir oben, daß die 
Geschichte des Menschen den Menschen darstelle, so läßt 
sich hier auch wohl behaupten, daß die Geschichte 
der Wissenschaft die Wissenschaft selbst sei. Man kann 
dasjenige, was man besitzt, nicht rein erkennen, bis man 
das, was andre vor uns besessen, zu erkennen weiß. Man 
wird sich an den Vorzügen seiner Zeit nicht wahrhaft und 
redlich freuen, wenn man die Vorzüge der Vergangenheit 
nicht zu würdigen versteht. Aber eine Geschichte der 
Farbenlehre zu schreiben oder auch nur vorzubereiten, 
war unmöglich, solange die Newtonische Lehre bestand. 
Denn kein aristokratischer Dünkel hat jemals mit solchem 
unerträglichen Übermute auf diejenigen herabgesehen, 
die nicht zu seiner Gilde gehörten, als die Newtonische 
Schule von jeher über alles abgesprochen hat, was vor 



30 ZUR FARBENLEHRE 

ihr geleistet war und neben ihr geleistet ward. Mit Ver- 
druß und Unwillen sieht man, wie Priestley in seiner "Ge- 
schichte der Optik", und so manche vor und nach ihm, das 
Heil der Farbenwelt von der Epoche eines gespalten sein 
sollenden Lichtes herdatieren imd mit hohem Augbraun 
auf die Altern und Mittleren herabsehen, die auf dem 
rechten Wege ruhig hingingen imd im einzelnen Beobach- 
tungen und Gedanken überliefert haben, die wir nicht 
besser anstellen können, nicht richtiger fassen werden. 
Von demjenigen nun, der die Geschichte irgendeines 
Wissens überliefern will, können wir mit Recht verlangen, 
daß er uns Nachricht gebe, wie die Phänomene nach und 
nach bekannt geworden, was man darüber phantasiert, 
gewähnt, gemeint und gedacht habe. Dieses alles im Zu- 
sammenhange vorzutragen, hat große Schwierigkeiten, 
und eine Geschichte zu schreiben, ist immer eine bedenk- 
liche Sache. Denn bei dem redlichsten Vorsatz kommt 
man in Gefahr, unredlich zu sein; ja, wer eine solche Dar- 
stellung unternimmt, erklärt zum voraus, daß er manche? 
ins Licht, manches in Schatten setzen werde. 
Und doch hat sich der Verfasser auf eine solche Arbeit 
lange gefreut. Da aber meist nur der Vorsatz als ein 
Ganzes vor unserer Seele steht, das Vollbringen aber ge- 
wöhnlich nur stückweise geleistet wird, so ergeben wir 
uns darein, statt der Geschichte Materialien zu derselben 
zu liefern. Sie bestehen in Übersetzungen, Auszügen, 
eigenen und fremden Urteilen, Winken und Andeutungen, 
in einer Sammlung, der, wenn sie nicht allen Forderungen 
entspricht, doch das Lob nicht mangeln wird, daß sie 
mit Ernst und Liebe gemacht sei. Übrigens mögen viel- 
leicht solche Materialien, zwar nicht ganz unbearbeitet, 
aber doch unverarbeitet, dem denkenden Leser um desto 
angenehmer sein, als er selbst sich nach eigener Art und 
Weise ein Ganzes daraus zu bilden die Bequemlichkeit 
findet. 

Mit gedachtem dritten historischen Teil ist jedoch noch 
nicht alles getan. Wir haben daher noch einen vierten 
supplementären hinzugefügt. Dieser enthält die Revision, 
um derentwillen vorzüglich die Paragraphen mit Nummern 



VORWORT 31 

versehen worden. Denn indem bei der Redaktion einer 
solchen Arbeit einiges vergessen werden kann, einiges 
beseitigt werden muß, um die Aufmerksamkeit nicht ab- 
zuleiten, anderes erst hinterdrein erfahren wird, auch an- 
deres einer Bestimmung und Berichtigung bedarf, so sind 
Nachträge, Zusätze und Verbesserungen unerläßlich. Bei 
dieser Gelegenheit haben wir denn auch die Zitate nach- 
gebracht. Sodann enthält dieser Band noch einige ein- 
zelne Aufsätze, z. B. über die atmosphärischen Farben, 
welche, indem sie in dem Entwurf zerstreut vorkommen, 
hier zusammen und auf einmal vor die Phantasie gebracht 
werden. 

Führt nun dieser Aufsatz den Leser in das freie Leben, 
so sucht ein anderer das künstliche Wissen zu befördern, 
indem er den zur Farbenlehre künftig nötigen Apparat 
umständlich beschreibt. 

Schließlich bleibt uns nur noch übrig, der Tafeln zu ge- 
denken, welche wir dem Ganzen beigefügt. Und hier 
werden wir freilich an jene Un Vollständigkeit und Unvoll- 
kommenheit erinnert, welche unser Werk mit allen Wer- 
ken dieser Art gemein hat. 

Denn wie ein gutes Theaterstück eigentlich kaum zur 
Hälfte zu Papier gebracht werden kann, vielmehr der 
größere Teil desselben dem Glanz der Bühne, der Per- 
sönlichkeit des Schauspielers, der Kraft seiner Stimme, 
der Eigentümlichkeit seiner Bewegungen, ja dem Geiste 
und der guten Laune des Zuschauers anheimgegeben 
bleibt, so ist es noch viel mehr der Fall mit einem Buche, 
das von natürlichen Erscheinungen handelt. Wenn es ge- 
nossen, wenn es genutzt werden soll, so muß dem Leser 
die Natur entweder wirklich oder in lebhafter Phantasie 
gegenwärtig sein. Denn eigentlich sollte der Schreibende 
sprechen und seinen Zuhörern die Phänomene, teils wie 
sie uns ungesucht entgegenkommen, teils wie sie durch 
absichtliche Vorrichtungen nach Zweck und Willen dar- 
gestellt werden können, als Text erst anschaulich machen; 
alsdann würde jedes Erläutern, Erklären, Auslegen einer 
lebendigen Wirkung nicht ermangeln. 
Ein höchst unzulängliches Surrogat sind hiezu die Tafeln, 



32 ZUR FARBENLEHRE 

die man dergleichen Schriften beizulegen pHegt. Ein 
freies physisches Phänomen, das nach allen Seiten wirkt, 
ist nicht in Linien zu fassen und im Durchschnitt anzu- 
deuten. Niemand fällt es ein, chemische Versuche mit 
Figuren zu erläutern; bei den physischen, nah verwandten 
ist es jedoch hergebracht, weil sich eins und das andre 
dadurch leisten läßt. Aber sehr oft stellen diese Figuren 
nur Begriffe dar; es sind symbolische Hülfsmittel, hiero- 
glyphische Überlieferungsweisen, welche sich nach und 
nach an die Stelle des Phänomens, an die Stelle der Na- 
tur setzen und die wahre Erkenntnis hindern, anstatt sie 
zu befördern. Entbehren konnten auch wir der Tafeln 
nicht; doch haben wir sie so einzurichten gesucht, daß 
man sie zum didaktischen und polemischen Gebrauch ge- 
trost zur Hand nehmen, ja gewisse derselben als einen 
Teil des nötigen Apparats ansehen kann. 
Und so bleibt uns denn nichts weiter übrig, als auf die 
Arbeit selbst hinzuweisen und nur vorher noch eine Bitte 
zu wiederholen, die schon so mancher Autor vergebens 
getan hat und die besonders der deutsche Leser neuerer 
Zeit so selten gewährt: 

Si quid novisti recthis istis, 
Candidus imperti; si non, his utere mecum. 



DER FARBENLEHRE 
DIDAKTISCHER TEIL 



GOETHE XVII 3. 



Si Vera nostra sunt aut falsa, erunt 
ta/ia, licet nostra per vitam defen- 
dimus. Post fata nostra pueri, gut 
nunc ludunt, nostri judices erunt. 



EINLEITUNG 

DIE Lust zum Wissen wird bei dem Menschen zu- 
erst dadurch angeregt, daß er bedeutende Phäno- 
mene gewahr wird, die seine Aufmerksamkeit an 
sich ziehen. Damit nun diese dauernd bleibe, so muß 
sich eine innigere Teilnahme finden, die uns nach und 
nach mit den Gegenständen bekannter macht. Alsdann 
bemerken wir erst eine große Mannigfaltigkeit, die uns 
als Menge entgegendringt. Wir sind genötigt zu sondern, 
zu unterscheiden und wieder zusammenzustellen, wodurch 
zuletzt eine Ordnung entsteht, die sich mit mehr oder 
weniger Zufriedenheit übersehen läßt. 
Dieses in irgendeinem Fache nur einigermaßen zu leisten, 
wird eine anhaltende strenge Beschäftigung nötig. Des- 
wegen finden wir, daß die Menschen lieber durch eine 
allgemeine theoretische Ansicht, durch irgendeine Erklä- 
rungsart die Phänomene beiseite bringen, anstatt sich die 
Mühe zu geben, das Einzelne kennen zu lernen und ein 
Ganzes zu erbauen. 

Der Versuch, die Farbenerscheinungen auf- und zu- 
sammenzustellen, ist nur zweimal gemacht worden, das 
erstemal von Theophrast, sodann von Boyle. Dem 
gegenwärtigen wird man die dritte Stelle nicht streitig 
machen. 

Das nähere Verhältnis erzählt uns die Geschichte. Hier 
sagen wir nur so viel, daß in dem verflossenen Jahr- 
hundert an eine solche Zusammenstellung nicht gedacht 
werden konnte, weil Newton seiner Hypothese einen ver- 
wickelten und abgeleiteten Versuch zum Grund gelegt 
hatte, aufweichen man die übrigen zudringenden Erschei- 
nungen, wenn man sie nicht verschweigen und beseitigen 
konnte, künstlich bezog und sie in ängstlichen Verhält- 
nissen umherstellte, wie etwa ein Astronom verfahren 
müßte, der aus Grille den Mond in die Mitte unseres 
Systems setzen möchte. Er wäre genötigt, die Erde, die 
Sonne mit allen übrigen Planeten um den subalternen 
Körper herumzubewegen und durch künstliche Berech- 
nungen und Vorstellungsweisen das Irrige seines ersten 
Annehmens zu verstecken und zu beschönigen. 



36 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

Schreiten wir nun in Erinnerung dessen, was wir oben 
vorwortlich beigebracht, weiter vor. Dort setzten wir das 
Licht als anerkannt voraus, hier tun wir ein gleiches mit 
dem Auge. Wir sagten, die ganze Natur offenbare sich 
durch die Farbe dem Sinne des Auges. Nunmehr behaupten 
wir, wenn es auch einigermaßen sonderbar klingen mag, 
daß das Auge keine Form sehe, indem Hell, Dunkel und 
Farbe zusammen allein dasjenige ausmachen, was den 
Gegenstand vom Gegenstand, die Teile des Gegenstandes 
voneinander fürs Auge unterscheidet. Und so erbauen 
wir aus diesen dreien die sichtbare Welt und machen da- 
durch zugleich die Malerei möglich, welche auf der Tafel 
eine weit vollkommner sichtbare Welt, als die wirkliche 
sein kann, hervorzubringen vermag. 
Das Auge hat sein Dasein dem Licht zu danken. Aus 
gleichgültigen tierischen Hülfsorganen ruft sich das Licht 
ein Organ hervor, das seinesgleichen werde, und so bildet 
sich das Auge am Lichte fürs Licht, damit das innere 
Licht dem äußeren entgegentrete. 

Hierbei erinnern wir uns der alten ionischen Schule, wel- 
che mit so großer Bedeutsamkeit immer wiederholte, nur 
von Gleichem werde Gleiches erkannt, wie auch der Worte 
eines alten Mystikers, die wir in deutschen Reimen fol- 
gendermaßen ausdrücken möchten: 

War nicht das Auge sonnenhaft. 
Wie könnten wir das Licht erblicken? 
Lebt nicht in uns des Gottes eigne Kraft, 
Wie könnt uns Göttliches entzücken? 

Jene unmittelbare Verwandtschaft des Lichtes und des 
Auges wird niemand leugnen; aber sich beide zugleich 
als eins und dasselbe zu denken, hat mehr Schwierigkeit. 
Indessen wird es faßhcher, wenn man behauptet, im Auge 
wohne ein ruhendes Licht, das bei der mindesten Ver- 
anlassung von innen oder von außen erregt werde. Wir 
können in der Finsternis durch Forderungen der Ein- 
bildungskraft uns die hellsten Bilder hervorrufen. Im 
Traume erscheinen uns die Gegenstände wie am vollen 
Tage. In wachenden Zustande wird uns die leiseste äußere 



EINLEITUNG 37 

Lichteinwirkung bemerkbar; ja, wenn das Organ einen 
mechanischen Anstoß erleidet, so springen Licht und 
Farben hervor. 

Vielleicht aber machen hier diejenigen, welche nach einer 
gewissen Ordnung zu verfahren pflegen, bemerklich, daß 
wir ja noch nicht einmal entschieden erklärt, was denn 
Farbe sei. Dieser Frage möchten wir gar gern hier aber- 
mals ausweichen und uns auf unsere Ausführung berufen, 
wo wir umständlich gezeigt, wie sie erscheine. Denn es 
bleibt uns auch hier nichts übrig, als zu wiederholen, die 
Farbe sei die gesetzmäßige Natur in bezug auf den Sinn 
des Auges. Auch hier müssen wir annehmen, daß jemand 
diesen Sinn habe, daß jemand die Einwirkung der Natur 
auf diesen Sinn kenne; denn mit dem Bhnden läßt sich 
nicht von der Farbe reden. 

Damit wir aber nicht gar zu ängstlich eine Erklärung zu 
vermeiden scheinen, so möchten wir das Erstgesagte fol- 
gendermaßen umschreiben: die Farbe sei ein elementares 
Naturphänomen für den Sinn des Auges, das sich, wie 
die übrigen alle, durch Trennung und Gegensatz, durch 
Mischung und Vereinigung, durch Erhöhung und Neutra- 
lisation, durch Mitteilung und Verteilung usw. manifestiert 
und unter diesen allgemeinen Naturformeln am besten 
angeschaut und begriffen werden kann. 
Diese Art, sich die Sache vorzustellen, können wir nie- 
mand aufdringen. Wer sich bequem findet, wie wir, wird 
sie gern in sich aufnehmen. Ebensowenig haben wir 
Lust, sie künftig durch Kampf und Streit zu verteidigen. 
Denn es hatte von jeher etwas Gefährliches, von der 
Farbe zu handeln, dergestalt daß einer unserer Vor- 
gänger gelegentlich gar zu äußern wagt: "Hält man dem 
Stier ein rotes Tuch vor, so wird er wütend; aber der 
Philosoph, wenn man nur überhaupt von Farbe spricht, 
fängt an zu rasen." 

Sollen wir jedoch nunmehr von unserem Vortrag, auf den 
wir uns berufen, einige Rechenschaft geben, so müssen 
wir vor allen Dingen anzeigen, wie wir die verschiede- 
nen Bedingungen, unter welchen die Farbe sich zeigen 
mag, gesondert. Wir fanden dreierlei Erscheinungsweisen, 



38 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

dreierlei Arten von Farben oder, wenn man lieber will, 
dreierlei Ansichten derselben, deren Unterschied sich 
aussprechen läßt. 

Wir betrachteten also die Farben zuerst, insofern sie dem 
Auge angehören und auf einer Wirkung und Gegenwir- 
kung desselben beruhen; ferner zogen sie unsere Auf- 
merksamkeit an sich, indem wir sie an farblosen Mitteln 
oder durch deren Beihülfe gewahrten; zuletzt aber wurden 
sie uns merkwürdig, indem wir sie als den Gegenständen 
angehörig denken konnten. Die ersten nannten wix phy- 
siologische, die zweiten physische, die dritten chemische 
Farben. Jene sind unaufhaltsam flüchtig, die andern vor- 
übergehend, aber allenfalls verweilend, die letzten fest- 
zuhalten bis zur spätesten Dauer. 

Indem wir sie nun in solcher naturgemäßen Ordnung 
zum Behuf eines didaktischen Vortrags möglichst son- 
derten und auseinander hielten, gelang es uns zugleich, 
sie in einer stetigen Reihe darzustellen, die flüchtigen 
mit den verweilenden und diese wieder mit den dauern- 
den zu verknüpfen und so die erst sorgfältig gezogenen 
Abteilungen für ein höheres Anschauen wieder aufzu- 
heben. 

Hierauf haben wir in einer vierten Abteilung unserer Ar- 
beit, was bis dahin von den Farben unter mannigfaltigen 
besondern Bedingungen bemerkt worden, im allgemeinen 
ausgesprochen und dadurch eigentlich den Abriß einer 
künftigen Farbenlehre entworfen. Gegenwärtig sagen wir 
nur so viel voraus, daß zur Erzeugung der Farbe Licht 
und Finsternis, Helles und Dunkles oder, wenn man sich 
einer allgemeineren Formel bedienen will, Licht und 
Nichtlicht gefordert werde. Zunächst am Licht entsteht 
uns eine Farbe, die wir Gelb nennen, eine andere zu- 
nächst an der Finsternis, die wir mit dem Worte Blau 
bezeichnen. Diese beiden, wenn wir sie in ihrem reinsten 
Zustand dergestalt vermischen, daß sie sich völlig das 
Gleichgewicht halten, bringen eine dritte hervor, welche 
wir Grün heißen. Jene beiden ersten Farben können aber 
auch jede an sich selbst eine neue Erscheinung hervor- 
bringen, indem sie sich verdichten oder verdunkeln. Sie 



EINLEITUNG 39 

erhalten ein rötliches Ansehen, welches sich*bis auf einen 
so hohen Grad steigern kann, daß man das ursprüngliche 
Blau und Gelb kaum darin mehr erkennen mag. Doch 
läßt sich das höchste und reine Rot, vorzüglich in phy- 
sischen Fällen, dadurch hervorbringen, daß man die bei- 
den Enden des Gelbroten und Blauroten vereinigt. Dieses 
ist die lebendige Ansicht der Farbenerscheinung und -er- 
zeugung. Man kann aber auch zu dem spezifiziert fertigen 
Blauen und Gelben ein fertiges Rot annehmen und rück- 
wärts durch Mischung hervorbringen, was wir vorwärts 
durch Intensieren bewirkt haben. Mit diesen drei oder sechs 
Farben, welche sich bequem in einen Kreis einschließen 
lassen, hat die elementare Farbenlehre allein zu tun. Alle 
übrigen ins Unendliche gehenden Abänderungen gehören 
mehr in das Angewandte, gehören zur Technik des Malers, 
des Färbers, überhaupt ins Leben, 

Sollen wir sodann noch eine allgemeine Eigenschaft aus- 
sprechen, so sind die Farben durchaus als Halblichter, 
als Halbschatten anzusehen, weshalb sie denn auch, wenn 
sie zusammengemischt ihre spezifischen Eigenschaften 
wechselseitig aufheben, ein Schattiges, ein Graues her- 
vorbringen. 

In unserer fünften Abteilung sollten sodann jene nach- 
barlichen Verhältnisse dargestellt werden, in welchen 
unsere Farbenlehre mit dem übrigen Wissen, Tun und 
Treiben zu stehen wünschte. So wichtig diese Abteilung 
ist, so mag sie vielleicht gerade ebendeswegen nicht 
zum besten gelungen sein. Doch wenn man bedenkt, daß. 
eigentlich nachbarhche Verhältnisse sich nicht eher aus- 
sprechen lassen, als bis sie sich gemacht haben, so kann 
man sich über das Mißlingen eines solchen ersten Ver- 
suches wohl trösten. Denn freihch ist erst abzuwarten, 
wie diejenigen, denen wir zu'dienen suchten, denen wir 
etwas Gefälliges und Nützliches zu erzeigen dachten, das 
von uns möglichst Geleistete aufnehmen werden, ob sie 
sich es zueignen, ob sie es benutzen und weiterführen, 
oder ob sie es ablehnen, wegdrängen und notdürftig für 
sich bestehen lassen. Indessen dürfen wir sagen, was wir 
glauben und was wir hoffen. 



40 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

Vom Philosophen glauben wir Dank zu verdienen, daß 
wir gesucht, die Phänomene bis zu ihren Urquellen zu 
verfolgen, bis dorthin, wo sie bloß erscheinen und sind 
und wo sich nichts weiter an ihnen erklären läßt. Ferner 
wird ihm willkommen sein, daß wir die Erscheinungen 
in eine leicht übersehbare Ordnung gestellt, wenn er disse 
Ordnung selbst auch nicht ganz billigen sollte. 
Den Arzt, besonders denjenigen, der das Organ des Auges 
zu beobachten, es zu erhalten, dessen Mängeln abzuhelfen 
und dessen Übel zu heilen berufen ist, glauben wir uns 
vorzüglich zum Freunde zu machen. In der Abteilung 
von den physiologischen Farben, in dem Anhange, der 
die pathologischen andeutet, findet er sich ganz zu Hause. 
Und wir werden gewiß durch die Bemühungen jener 
Männer, die zu unserer Zeit dieses Fach mit Glück be- 
handeln, jene erste, bisher vernachlässigte und, man kann 
wohl sagen, wichtigste Abteilung der Farbenlehre ausführ- 
lich bearbeitet sehen. 

Am freundlichsten sollte der Physiker uns entgegenkom- 
men, da wir ihm die Bequemlichkeit verschaffen, die 
Lehre von den Farben in der Reihe aller übrigen elemen- 
taren Erscheinungen vorzutragen und sich dabei einer 
übereinstimmenden Sprache, ja fast derselbigen Worte 
und Zeichen wie unter den übrigen Rubriken zu bedie- 
nen. Freilich machen wir ihm, insofern er Lehrer ist, 
etwas mehr Mühe: denn das Kapitel von den Farben läßt 
sich künftig nicht wie bisher mit wenig Paragraphen und 
Versuchen abtun; auch wird sich der Schüler nicht leicht 
so frugal, als man ihn sonst bedienen mögen, ohne Mur- 
ren abspeisen lassen. Dagegen findet sich späterhin ein 
anderer Vorteil. Denn wenn die Newtonische Lehre leicht 
zu lernen war, so zeigten sich bei ihrer Anwendung un- 
überwindliche Schwierigkeiten. Unsere Lehre ist viel- 
leicht schwerer zu fassen, aber alsdann ist auch alles ge- 
tan, denn sie führt ihre Anwendung mit sich. 
Der Chemiker, welcher auf die Farben als Kriterien achtet, 
um die geheimem Eigenschaften körperlicher Wesen zu 
entdecken, hat bisher bei Benennung und Bezeichnung 
der Farben manches Hindernis gefunden; ja man ist nach 



EINLEITUNG 41 

einer näheren und feineren Betrachtung bewogen worden, 
die Farbe als ein unsicheres und trügliches Kennzeichen 
bei chemischen Operationen anzusehen. Doch hoffen wir, 
sie durch unsere Darstellung und durch die vorgeschla- 
gene Nomenklatur wieder zu Ehren zu bringen und die 
Überzeugung zu erwecken, daß ein Werdendes, Wach- 
sendes, ein Bewegliches, deren Umwendung Fähiges nicht 
betrüglich sei, vielmehr geschickt, die zartesten Wir- 
kungen der Natur zu offenbaren. 

Blicken wir jedoch weiter umher, so wandelt uns eine 
Furcht an, dem Mathematiker zu mißfallen. Durch eine 
sonderbare Verknüpfung von Umständen ist die Farben- 
lehre in das Reich, vor den Gerichtsstuhl des Mathema- 
tikers gezogen worden, wohin sie nicht gehört. Dies ge- 
schah wegen ihrer Verwandtschaft mit den übrigen Gesetzen 
des Sehens, welche der Mathematiker zu behandeln eigent- 
lich berufen war. Es geschah ferner dadurch, daß ein 
großer Mathematiker die Farbenlehre bearbeitete und, da 
er sich als Physiker geirrt hatte, die ganze Kraft seines 
Talents aufbot, um diesem Irrtum Konsistenz zu ver- 
schaffen. Wird beides eingesehen, so muß jedes Mißver- 
ständnis bald gehoben sein, und der Mathematiker wird 
gern besonders die physische Abteilung der Farbenlehre 
mit bearbeiten helfen. 

Dem Techniker, dem Färber hingegen muß unsre Arbeit 
durchaus willkommen sein. Denn gerade diejenigen, welche 
über die Phänomene der Färberei nachdachten, waren am 
wenigsten durch die bisherige Theorie befriedigt. Sie 
waren die ersten, welche die Unzulänglichkeit der New- 
tonischen Lehre gewahr wurden. Denn es ist ein großer 
Unterschied, von welcher Seite man sich einem Wissen, 
einer Wissenschaft nähert, durch welche Pforte man her- 
einkommt. Der echte Praktiker, der Fabrikant, dem sich 
die Phänomene täglich mit Gewalt aufdringen, welcher 
Nutzen oder Schaden von der Ausübung seiner Über- 
zeugungen empfindet, dem Geld- und Zeitverlust nicht 
gleichgültig ist, der vorwärts will, von anderen Geleistetes 
erreichen, übertreffen soll: er empfindet viel geschwinder 
das Hohle, das Falsche einer Theorie als der Gelehrte, 



42 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

dem zuletzt die hergebrachten Worte für bare Münze 
gelten, als der Mathematiker, dessen Formel immer noch 
richtig bleibt, wenn auch die Unterlage nicht zu ihr paßt, 
auf die sie angewendet worden. Und so werden auch wir, 
da wir von der Seite der Malerei, von der Seite ästheti- 
scher Färbung der Oberflächen in die Farbenlehre her- 
eingekommen, für den Maler das Dankenswerteste ge- 
leistet haben, wenn wir in der sechsten Abteilung die 
sinnlichen und sittlichen Wirkungen der Farbe zu be- 
stimmen gesucht und sie dadurch dem Kunstgebrauch 
annähern wollen. Ist auch hierbei, wie durchaus, man- 
ches nur Skizze geblieben, so soll ja alles Theoretische 
eigentlich nur die Grundzüge andeuten, auf welchen sich 
hernach die Tat lebendig ergehen und zu gesetzlichem 
Hervorbringen gelangen mag. 



ERSTE ABTEILUNG. PHySIOLOGISCHE 
FARBEN 

I 1 V lESE Farben, welche wir billig obenan setzen, 
I jweil sie dem Subjekt, weil sie dem Auge teils 
X_^ völlig, teils größtens zugehören, diese Farben, 
welche das Fundament der ganzen Lehre machen und uns 
die chromatische Harmonie, worüber so viel gestritten 
wird, offenbaren, wurden bisher als außerwesentlich, zu- 
fallig, als Täuschung und Gebrechen betrachtet. Die Er- 
scheinungen derselben sind von frühern Zeiten her bekannt, 
aber weil man ihre Flüchtigkeit nicht haschen konnte, so 
verbannte man sie in das Reich der schädlichen Gespenster 
und bezeichnete sie in diesem Sinne gar verschiedentlich. 

2. Also heißen sie colores adventicii n2i.c]\ Boyle, imaginarii 
und phantastici nach Rizzetti, nach Bufifon couleurs acci- 
dentelles, nach ScherfFer Scheinfarben; Augentäuschungen 
und Gesichtsbetrug nach mehreren, nach Hamberger vitia 
ßigitiva, nach Darwin ocular spectra. 

3. Wir haben sie physiologische genannt, weil sie dem 
gesunden Auge angehören, weil wir sie als die notwendigen 
Bedingungen des Sehens betrachten, auf dessen lebendiges 
Wechselwirken in sich selbst und nach außen sie hin- 
deuten. 

4. Wir fügen ihnen sogleich die pathologischen hinzu, 
welche, wie jeder abnorme Zustand auf den gesetzlichen, 
so auch hier auf die physiologischen Farben eine voll- 
kommenere Einsicht verbreiten. 

I. Licht und Finsternis zum Auge 

5. Die Retina befindet sich, je nachdem Licht oder Fin- 
sternis auf sie wirken, in zwei verschiedenen Zuständen, 
die einander völlig entgegenstehen. 

6. Wenn wir die Augen innerhalb eines ganz finstern 
Raums oflfen halten, so wird uns ein gewisser Mangel 
empfindbar. Das Organ ist sich selbst überlassen, es zieht 
sich in sich selbst zurück, ihm fehlt jene reizende befrie- 
digende Berührung, durch die es mit der äußern Welt ver- 
bunden und zum Ganzen wird. 



44 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

7. Wenden wir das Auge gegen eine stark beleuchtete 
weiße Fläche, so wird es geblendet und für eine Zeitlang 
unfähig, mäßig beleuchtete Gegenstände zu unterschei- 
den. 

8. Jeder dieser äußersten Zustände nimmt auf die ange- 
gebene Weise die ganze Netzhaut ein, imd insofern wer- 
den wir nur einen derselben auf einmal gewahr. Dort (6) 
fanden wir das Organ in der höchsten Abspannung und 
Empfänglichkeit, hier (7) in der äußersten Überspannung 
vmd Unempfindlichkeit. 

9. Gehen wir schnell aus einem dieser Zustände in den 
andern über, wenn auch nicht von einer äußersten Grenze 
zur andern, sondern etwa nur aus dem Hellen ins Däm- 
mernde, so ist der Unterschied bedeutend, und wir können 
bemerken, daß die Zustände eine Zeitlang dauern. 

10. Wer aus der Tageshelle in einen dämmrigen Ort 
übergeht, imterscheidet nichts in der ersten Zeit; nach und 
nach stellen sich die Augen zur Empfänglichkeit wieder 
her, starke früher als schwache: jene schon in einer Minute, 
wenn diese sieben bis acht Minuten brauchen. 

1 1 . Bei wissenschaftlichen Beobachtungen kann die Un- 
empfänglichkeit des Auges für schwache Lichteindrücke, 
wenn man aus dem Hellen ins Dunkle geht, zu sonder- 
baren Irrtümern Gelegenheit geben. So glaubte ein Be- 
obachter, dessen Auge sich langsam herstellte, eine ganze 
Zeit, das faule Holz leuchte nicht um Mittag, selbst in 
der dunkeln Kammer. Er sah nämlich das schwache Leuch- 
ten nicht, weil er aus dem hellen Sonnenschein in die 
dunkle Kammer zu gehen pflegte und erst später einmal 
so lange darin verweilte, bis sich das Auge wieder her- 
gestellt hatte. 

Ebenso mag es dem Doktor Wall mit dem elektrischen 
Scheine des Bernsteins gegangen sein, den er bei Tage, 
selbst im dunkeln Zimmer, kaum gewahr werden konnte. 
Das Nichtsehen der Sterne bei Tage, das Bessersehen 
der Gemälde durch eine doppelte Röhre ist auch hieher 
zu rechnen. 

12. Wer einen völlig dunkeln Ort mit einem, den die 
Sonne bescheint, verwechselt, wird geblendet. Wer aus 



I. PHYSIOLOGISCHE FARBEN 45 

derDämmrung ins nicht blendende Helle kommt, bemerkt 
alle Gegenstände frischer und besser; daher ein ausge- 
ruhtes Auge durchaus für mäßige Erscheinungen empfäng- 
licher ist. 

Bei Gefangenen, welche lange im Finstern gesessen, ist 
die Empfänglichkeit der Retina so groß, daß sie im Fin- 
stern (wahrscheinlich in einem wenig erhellten Dunkel) 
schon Gegenstände unterscheiden. 

13. Die Netzhaut befindet sich bei dem, was wir sehen 
heißen, zu gleicher Zeit in verschiedenen, ja in entgegen- 
gesetzten Zuständen. Das höchste, nicht blendende Helle 
wirkt neben dem völlig Dunkeln. Zugleich werden wir 
alle Mittelstufen des Helldunkeln und alle Farbenbestim- 
mungen gewahr. 

14. Wir wollen gedachte Elemente der sichtbaren Welt 
nach und nach betrachten und bemerken, wie sich das 
Organ gegen dieselben verhalte, und zu diesem Zweck die 
einfachsten Bilder vornehmen. 

IL Schwarze und lueiße Bilder zum Auge 

15. Wie sich die Netzhaut gegen Hell und Dunkel über- 
haupt verhält, so verhält sie sich auch gegen dunkle und 
helle einzelne Gegenstände. Wenn Licht und Finsternis 
ihr im ganzen verschiedene Stimmungen geben, so wer- 
den schwarze und weiße Bilder, die zu gleicher Zeit ins 
Auge fallen, diejenigen Zustände nebeneinander bewirken, 
welche durch Licht und Finsternis in einer Folge hervor- 
gebracht wurden. 

16. Ein dunkler Gegenstand erscheint kleiner als ein 
heller von derselben Größe. Man sehe zugleich eine 
weiße Rundung auf schwarzem, eine schwarze auf weißem 
Grande, welche nach einerlei Zirkelschlag ausgeschnitten 
sind, in einiger Entfernung an, und wir werden die letztere 
etwa um ein Fünftel kleiner als die erste halten. Man 
mache das schwarze Bild um soviel größer, und sie wer- 
den gleich erscheinen. 

17. So bemerkte Tycho de Brahe, daß der Mond in der 
Konjunktion (der finstere) um den fünften Teil kleiner er- 



46 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHP:R TEIL 

scheine als in der Opposition (der volle helle). Die erste 
Mondsichel scheint einer großem Scheibe anzugehören 
als der an sie grenzenden dunkeln, die man zur Zeit des 
Neulichtes manchmal unterscheiden kann. Schwarze Klei- 
der machen die Personen viel schmäler aussehen als helle. 
Hinter einem Rand gesehene Lichter machen in den Rand 
einen scheinbaren Einschnitt. Ein Lineal, hinter welchem 
ein Kerzenlicht hervorblickt, hat für uns eine Scharte. 
Die auf- und untergehende Sonne scheint einen Einschnitt 
in den Horizont zu machen. 

i8. Das Schwarze, als Repräsentant der Finsternis, läßt 
das Organ im Zustande der Ruhe, das Weiße, als Stell- 
vertreter des Lichts, versetzt es in Tätigkeit. Man schlösse 
vielleicht aus gedachtem Phänomen (i6), daß die ruhige 
Netzhaut, wenn sie sich selbst überlassen ist, in sich selbst 
zusammengezogen sei und einen kleinem Raum ein- 
nehme als in dem Zustande der Tätigkeit, in den sie durch 
den Reiz des Lichtes versetzt wird. 
Kepler sagt daher sehr schön: Certum est,velin retina causa 
picturae vel in spiritibus causa impressionis exsistere dila- 
tationem lucidorum {Paralip.in Vitellionem, p. 220). Pater 
Scherffer hat eine ähnliche Mutmaßung. 

19. Wie dem auch sei, beide Zustände, zu welchen das 
Organ durch ein solches Bild bestimmt wird, bestehen 
auf demselben örtlich und dauem eine Zeitlang fort, wenn 
auch schon der äußre Anlaß entfernt ist. Im gemeinen 
Leben bemerken wir es kaum; denn selten kommen Bilder 
vor, die sehr stark voneinander abstechen. Wir vermei- 
den diejenigen anzusehn, die uns blenden. Wir blicken 
von einem Gegenstand auf den andern, die Sukzession 
der Bilder scheint uns rein, wir werden nicht gewahr, daß 
sich von dem vorhergehenden etwas ins nachfolgende hin- 
überschleicht. 

20. Wer auf ein Fensterkreuz, das einen dämmernden 
Himmel zum Hintergrunde hat, morgens beim Erwachen, 
wenn das Auge besonders empfänglich ist, scharf hinblickt 
und sodann die Augen schließt oder gegen einen ganz 
dunkeln Ort hinsieht, wird ein schwarzes Kreuz auf hellem 
Grunde noch eine Weile vor sich sehen. 



I. PHYSIOLOGISCHE FARBEN 47 

21. Jedes Bild nimmt seinen bestimmten Platz auf der 
Netzhaut ein, und zwar einen großem oder kleinem, nach 
dem Maße, in welchem es nahe oder fern gesehen wird. 
Schließen wir das Auge sogleich, wenn wir in die Sonne 
gesehen haben, so werden wir uns wundern, wie klein das 
zurückgebliebene Bild erscheint. 

22. Kehren wir dagegen das geöffnete Auge nach einer 
Wand und betrachten das uns vorschwebende Gespenst 
in bezug auf andre Gegenstände, so werden wir es immer 
größer erblicken, je weiter von uns es durch irgendeine 
Fläche aufgefangen wird. Dieses Phänomen erklärt sich 
wohl aus dem perspektivischen Gesetz, daß uns der kleine 
nähere Gegenstand den großem entfernten zudeckt. 

23. Nach Beschaffenheit der Augen ist die Dauer dieses 
Eindrucks verschieden. Sie verhält sich wie die Herstel- 
Itmg der Netzhaut bei dem Übergang aus dem Hellen ins 
Dunkle (10) und kann also nach Minuten und Sekunden 
abgemessen werden, und zwar viel genauer, als es bisher 
durch eine geschwungene brennende Lunte, die dem 
hinblickenden Auge als ein Zirkel erscheint, geschehen 
konnte. 

24. Besonders auch kommt die Energie in Betracht, wo- 
mit eine Lichtwirkung das Auge trifft. Am längsten bleibt 
das Bild der Sonne, andre mehr oder weniger leuchtende 
Körper lassen ihre Spur länger oder kürzer zurück. 

25. Diese Bilder verschwinden nach und nach, und zwar 
indem sie sowohl an Deutlichkeit als an Größe verlieren. 

26. Sie nehmen von der Peripherie herein ab, und man 
glaubt bemerkt zu haben, daß bei viereckten Bildern sich 
nach und nach die Ecken abstumpfen und zuletzt ein 
immer kleineres rundes Bild vorschwebt. 

27. Ein solches Bild, dessen Eindruck nicht mehr bemerk- 
lich ist, läßt sich auf der Retina gleichsam wieder beleben, 
wenn wir die Augen öffnen und schließen und mit Erre- 
gung und Schonung abwechseln. 

28. Daß Bilder sich bei Augenkrankheiten vierzehn bis 
siebzehn Minuten, ja länger auf der Retina erhielten, deutet 
auf äußerste Schwäche des Organs, auf dessen Unfähig- 
keit, sich wieder herzustellen, so wie das Vorschweben 



4 8 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

leidenschaftlich geliebter oder verhaßter Gegenstände aus 
dem Sinnlichen ins Geistige deutet. 

29. Blickt man, indessen der Eindruck obgedachten Fen- 
sterbildes noch dauert, nach einer hellgrauen Fläche, so 
erscheint das Kreuz hell und der Scheibenraum dunkel. 
In jenem Falle (20) blieb der Zustand sich selbst gleich, 
so daß auch der Eindruck identisch verharren konnte; 
hier aber wird eine Umkehrung bewirkt, die unsere Auf- 
merksamkeit aufregt und von der uns die Beobachter 
mehrere Fälle überliefert haben. 

30. Die Gelehrten, welche auf den Cordilleras ihre Be- 
obachtungen anstellten, sahen um den Schatten ihrer 
Köpfe, der auf Wolken fiel, einen hellen Schein. Dieser 
Fall gehört wohl hieher: denn indem sie das dunkle Bild 
des Schattens fixierten und sich zugleich von der Stelle 
bewegten, so schien ihnen das geforderte helle Bild um 
das dunkle zu schweben. Man betrachte ein schwarzes 
Rund auf einer hellgrauen Fläche, so wird man bald, 
wenn man die Richtung des Blicks im geringsten ver- 
ändert, einen hellen Schein um das dunkle Rund schwe- 
ben sehen. 

Auch mir ist ein Ähnliches begegnet. Indem ich nämlich, 
auf dem Felde sitzend, mit einem Manne sprach, der, in 
einiger Entfernung vor mir stehend, einen grauen Him- 
mel zum Hintergrund hatte, so erschien mir, nachdem 
ich ihn lange scharf und unverwandt angesehen, als ich 
den Blick ein wenig gewendet, sein Kopf von einem blen- 
denden Schein umgeben. 

Wahrscheinlich gehört hieher auch das Phänomen, daß 
Personen, die bei Aufgang der Sonne an feuchten Wiesen 
hergehen, einen Schein um ihr Haupt erblicken, der zu- 
gleich farbig sein mag, weil sich von den Phänomenen 
der Refraktion etwas einmischt. 

So hat man auch um die Schatten der Luftballone, welche 
auf Wolken fielen, helle und einigermaßen gefärbte Kreise 
bemerken wollen. 

Pater Beccaria stellte einige Versuche an über die Wetter- 
elektrizität, wobei er den papiernen Drachen in die Höhe 
steigen ließ. Es zeigte sich um diese Maschine ein kleines 



I. PHYSIOLOGISCHE FARBEN 49 

glänzendes Wölkchen von abwechselnder Größe, ja auch 
um einen Teil der Schnur. Es verschwand zuweilen, und 
wenn der Drache sich schneller bewegte, schien es auf 
dem vorigen Platze einige Augenblicke hin und wieder 
zu schweben. Diese Erscheinung, welche die damaligen 
Beobachter nicht erklären konnten, war das im Auge zu- 
rückgebliebene, gegen den hellen Himmel in ein helles 
verwandelte Bild des dunklen Drachen. 
Bei optischen, besonders chromatischen Versuchen, wo 
man oft mit blendenden Lichtern, sie seien farblos oder 
farbig, zu tun hat, muß man sich sehr vorsehen, daß nicht 
das zurückgebliebene Spektrum einer vorhergehenden Be- 
obachtung sich mit in eine folgende Beobachtung mische 
und dieselbe verwirrt und unrein mache. 

31. Diese Erscheinungen hat man sich folgendermaßen 
zu erklären gesucht. Der Ort der Retina, auf welchen 
das Bild des dunklen Kreuzes fiel, ist als ausgeruht und 
empfänglich anzusehen. Auf ihn wirkt die mäßig erhellte 
Fläche lebhafter als auf die übrigen Teile der Netzhaut, 
welche durch die Fensterscheiben das Licht empfingen 
und, nachdem sie durch einen so viel stärkern Reiz in 
Tätigkeit gesetzt worden, die graue Fläche nur als dunkel 
gewahr werden. 

32. Diese Erklärungsart scheint für den gegenwärtigen 
Fall ziemlich hinreichend; in Betrachtung künftiger Er- 
scheinungen aber sind wir genötigt, das Phänomen aus 
hohem Quellen abzuleiten. 

33. Das Auge eines Wachenden äußert seine Lebendigkeit 
besonders darin, daß es durchaus in seinen Zuständen ab- 
zuwechseln verlangt, die sich am einfachsten vom Dunkeln 
zum Hellen und umgekehrt bewegen. Das Auge kann 
und mag nicht einen Moment in einem besondern, in 
einem durch das Objekt spezifizierten Zustande identisch 
verharren. Es ist vielmehr zu einer Art von Opposition 
genötigt, die, indem sie das Extrem dem Extreme, das 
Mittlere dem Mittleren entgegensetzt, sogleich das Ent- 
gegengesetzte verbindet und in der Sukzession sowohl 
als in der Gleichzeitigkeit und Gleichörtlichkeitnach einem 
Ganzen strebt. 

GOETHE XVII 4. 



5 o DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

34. Vielleicht entsteht das außerordentliche Behagen, das 
wir bei dem wohlbehandelten Helldunkel farbloser Ge- 
mälde und ähnlicher Kunstwerke empfinden, vorzüglich 
aus dem gleichzeitigen Gewahrwerden eines Ganzen, das 
von dem Organ sonst nur in einer Folge mehr gesucht 
als hervorgebracht wird und, wie es auch gelingen möge, 
niemals festgehalten werden kann. 

III. Graue Flächen und Bilder 

35. Ein großer Teil chromatischer Versuche verlangt 
ein mäßiges Licht. Dieses können wir sogleich durch 
mehr oder minder graue Flächen bewirken, und wir haben 
uns daher mit dem Grauen zeitig bekannt zu machen, wobei 
wir kaum zu bemerken brauchen, daß in manchen Fällen 
eine im Schatten oder in der Dämmerung stehende weiße 
Fläche für eine graue gelten kann, 

36. Da eine graue Fläche zwischen Hell und Dunkel innen 
steht, so läßt sich das, was wir oben (29) als Phänomen 
vorgetragen, zum bequemen Versuch erheben. 

37. Man halte ein schwarzes Bild vor eine graue Fläche 
und sehe unverwandt, indem es weggenommen wird, auf 
denselben Fleck; der Raum, den es einnahm, erscheint 
um vieles heller. Man halte auf eben diese Art ein 
weißes Bild hin, und der Raum wird nachher dunk- 
ler als die übrige Fläche erscheinen. Man verwende 
das Auge auf der Tafel hin und wieder, so werden in 
beiden Fällen die Bilder sich gleichfalls hin und her be- 
wegen. 

38. Ein graues Bild auf schwarzem Grunde erscheint viel 
heller als dasselbe Bild auf weißem. Stellt man beide 
Fälle nebeneinander, so kann man sich kaum überzeugen, 
daß beide Bilder aus einem Topf gefärbt seien. Wir 
glauben hier abermals die große Regsamkeit der Netzhaut 
zu bemerken und den stillen Widerspruch, den jedes Leben- 
dige zu äußern gedrungen ist, wenn ihm irgendein be- 
stimmter Zustand dargeboten wird. So setzt das Einatmen 
schon das Ausatmen voraus und umgekehrt, so jede Systole 
ihre Diastole. Es ist die ewige Formel des Lebens, die 



I. PHYSIOLOGISCHE FARBEN 5 1 

sich auch hier äußert. Wie dem Auge das Dunkle geboten 
wird, so fordert es das Helle; es fordert Dunkel, wenn man 
ihm Hell entgegenbringt, und zeigt eben dadurch seine 
Lebendigkeit, sein Recht, das Objekt zu fassen, indem 
es etwas, das dem Objekt entgegengesetzt ist, aus sich 
selbst hervorbringt. 

IV. Blendendes farbloses Bild 

39. Wenn man ein blendendes, völlig farbloses Bild 
ansieht, so macht solches einen starken dauernden Ein- 
druck, und das Abklingen desselben ist von einer Farben- 
erscheinung begleitet. 

40. In einem Zimmer, das möglichst verdunkelt worden, 
habe man im Laden eine runde Öffnung, etwa drei Zoll 
im Durchmesser, die man nach Belieben auf- und zudecken 
kann; durch selbige lasse man die Sonne auf ein weißes 
Papier scheinen und sehe in einiger Entfernung starr das 
erleuchtete Rund an; man schließe darauf die Öffnung 
und blicke nach dem dunkelsten Orte des Zimmers, so 
wird man eine runde Erscheinung vor sich schweben sehen. 
Die Mitte des Kreises wird man hell, farblos, einigermaßen 
gelb sehen, der Rand aber wird sogleich purpurfarben 
erscheinen. 

Es dauert eine Zeitlang, bis diese Purpurfarbe von außen 
herein den ganzen Kreis zudeckt und endlich den hellen 
Mittelpunkt völlig vertreibt. Kaum erscheint aber das 
ganze Rund purpurfarben, so fängt der Rand an, blau zu 
werden, das Blaue verdrängt nach und nach hereinwärts 
den Purpur, Ist die Erscheinung vollkommen blau, so 
wird der Rand dunkel und unfärbig. Es währet lange, 
bis der unfärbige Rand völlig das Blaue vertreibt und der 
ganze Raum unfärbig wird. Das Bild nimmt sodann nach 
und nach ab, und zwar dergestalt, daß es zugleich schwächer 
und kleiner wird. Hier sehen wir abermals, wie sich die 
Netzhaut durch eine Sukzession von Schwingungen gegen 
den gewaltsamen äußern Eindruck nach und nach wieder 
herstellt. (25. 26.) 

41. Die Verhältnisse des Zeitmaßes dieser Erscheinunsr 



5 2 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHF:R TEIL 

habe ich an meinem Auge, bei mehrem Versuchen über- 
einstimmend, folgendermaßen gefunden. 
Auf das blendende Bild hatte ich fünf Sekunden gesehen, 
darauf den Schieber geschlossen; da erblickt ich das farbige 
Scheinbild schwebend, und nach dreizehn Sekunden er- 
schien es ganz purpurfarben. Nun vergingen wieder 
neunundzwanzig Sekunden, bis das Ganze blau erschien, 
und achtundvierzig, bis es mir farblos vorschwebte. Durch 
Schließen und Öffnen des Auges belebte ich das Bild 
immer wieder (27), so daß es sich erst nach Verlauf von 
sieben Minuten ganz verlor. 

Künftige Beobachter werden diese Zeiten kürzer oder 
länger finden, je nachdem sie stärkere oder schwächere 
Augen haben (23). Sehr merkwürdig aber wäre es, wenn 
man demungeachtet durchaus ein gewisses Zahlenverhält- 
nis dabei entdecken könnte. 

42. Aber dieses sonderbare Phänomen erregt nicht sobald 
unsre Aufmerksamkeit, als wir schon eine neue Modifika- 
tion desselben gewahr werden. 

Haben wir, wie oben gedacht, den Lichteindruck im Auge 
aufgenommen und sehen in einem mäßig erleuchteten 
Zimmer auf einen hellgrauen Gegenstand, so schwebt aber- 
mals ein Phänomen vor uns, aber ein dunkles, das sich 
nach und nach von außen mit einem grünen Rande ein- 
faßt, welcher ebenso wie vorher der purpurne Rand sich 
über das ganze Rund hineinwärts verbreitet. Ist dieses 
geschehen, so sieht man nunmehr ein schmutziges Gelb, 
das, wie in dem vorigen Versuche das Blau, die Scheibe 
ausfüllt und zuletzt von einer Unfarbe verschlungen wird. 

43. Diese beiden Versuche lassen sich kombinieren, wenn 
man in einem mäßig heilen Zimmer eine schwarze und 
weiße Tafel nebeneinander hinsetzt und, solange das Auge 
den Lichteindruck behält, bald auf die weiße, bald auf 
die schwarze Tafel scharf hinblickt. Man wird alsdann 
im Anfange bald ein purpurnes, bald ein grünes Phäno- 
men und so weiter das übrige gewahr werden. Ja, wenn 
man sich geübt hat, so lassen sich, indem man das schwe- 
bende Phänomen dahin bringt, wo die zwei Tafeln an- 
einander stoßen, die beiden entgegengesetzten Farben 



I. PHYSIOLOGISCHE FARBEN 53 

zugleich erblicken, welches um so bequemer geschehen 
kann, als die Tafeln entfernter stehen, indem das Spek- 
trum alsdann größer erscheint. 

44. Ich befand mich gegen Abend in einer Eisenschmiede, 
als eben die glühende Masse unter den Hammer gebracht 
wurde. Ich hatte scharf darauf gesehen, wendete mich 
um und blickte zufällig in einen offenstehenden Kohlen- 
schoppen. Ein ungeheures purpurfarbnes Bild schwebte 
nun vor meinen Augen, und als ich den Blick von der 
dunkeln Öffnung weg nach dem hellen Bretterverschlag 
wendete, so erschien mir das Phänomen halb grün, halb 
purpurfarben, je nachdem es einen dunklern oder hel- 
lem Grund hinter sich hatte. Auf das Abklingen dieser 
Erscheinung merkte ich damals nicht. 

45. Wie das Abklingen eines umschriebenen Glanzbildes 
verhält sich auch das Abklingen einer totalen Blendung 
der Retina. Die Purpurfarbe, welche die vom Schnee Ge- 
blendeten erblicken, gehört hieher so wie die ungemein 
schöne grüne Farbe dunkler Gegenstände, nachdem man 
auf ein weißes Papier in der Sonne lange hingesehen. 
Wie es sich näher damit verhalte, werden diejenigen künf- 
tig untersuchen, deren jugendliche Augen um der Wissen- 
schaft willen noch etwas auszustehen fähig sind. 

46. Hieher gehören gleichfalls die schwarzen Buchstaben, 
die im Abendlichte rot erscheinen. Vielleicht gehört auch 
die Geschichte hieher, daß sich Blutstropfen auf dem 
Tische zeigten, an den sich Heinrich der Vierte von 
Frankreich mit dem Herzog von Guise, um Würfel zu 
spielen, gesetzt hatte. 

V. Farbige Bilder 

47. Wir wurden die physiologischen Farben zuerst beim 
Abklingen farbloser blendender Bilder sowie auch bei 
abklingenden allgemeinen farblosen Blendungen gewahr. 
Nun finden wir analoge Erscheinungen, wenn dem Auge 
eine schon spezifizierte Farbe geboten wird, wobei uns 
alles, was wir bisher erfahren haben, immer gegenwärtig 
bleiben muß. 



54 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

48. Wie von den farblosen Bildern, so bleibt auch von 
den farbigen der Eindruck im Auge, nur daß uns die zur 
Opposition aufgeforderte und durch den Gegensatz eine 
Totalität hervorbringende Lebendigkeit der Netzhaut an- 
schaulicher wird. 

49. Man halte ein kleines Stück lebhaft farbigen Papiers 
oder seidnen Zeuges vor eine mäßig erleuchtete weiße 
Tafel, schaue unverwandt auf die kleine farbige Fläche 
und hebe sie, ohne das Auge zu verrücken, nach einiger 
Zeit hinweg, so wird das Spektrum einer andern Farbe 
auf der weißen Tafel zu sehen sein. Man kann auch das 
farbige Papier an seinem Orte lassen und mit dem Auge 
auf einen andern Fleck der weißen Tafel hinblicken, so 
wird jene farbige Erscheinung sich auch dort sehen lassen: 
denn sie entspringt aus einem Bilde, das nunmehr dem 
Auge angehört, 

50. Um in der Kürze zu bemerken, welche Farben denn 
eigentlich durch diesen Gegensatz hervorgerufen werden, 
bediene man sich des illuminierten Farbenkreises unserer 
Taieln, der überhaupt naturgemäß eingerichtet ist und 
auch hier seine guten Dienste leistet, indem die in dem- 
selben diametral einander entgegengesetzten Farben die- 
jenigen sind, welche sich im Auge wechselsweise fordern. 
So fordert Gelb das Violette, Orange das Blaue, Purpur 
das Grüne und umgekehrt. So fordern sich alle Abstu- 
fungen wechselsweise, die einfachere Farbe fordert die 
zusammengesetztere und umgekehrt. 

51. Öfter, als wir denken, kommen uns die hieher gehö- 
rigen Fälle im gemeinen Leben vor, ja der Aufmerksame 
sieht diese Erscheinungen überall, da sie hingegen von 
dem ununterrichteten Teil der Menschen wie von unsem 
Vorfahren als flüchtige Fehler angesehen werden, ja manch- 
mal gar, als wären es Vorbedeutungen von Augenkrank- 
heiten, sorgliches Nachdenken erregen. Einige bedeu- 
tende Fälle mögen hier Platz nehmen. 

52. Als ich gegen Abend in ein Wirtshaus eintrat und 
ein wohlgewachsenes Mädchen mit blendend weißem Ge- 
sicht, schwarzen Haaren und einem scharlachroten Mieder 
zu mir ins Zimmer trat, blickte ich sie, die in einiger Ent- 



I. PHYSIOLOGISCHE FARBEN 55 

femung vor mir stand, in der Halbdämmerung scharf an. 
Indem sie sich nun darauf hinwegbewegte, sah ich auf 
der mir entgegenstehenden weißen Wand ein schwarzes 
Gesicht, mit einem hellen Schein umgeben, und die übrige 
Bekleidung der völlig deutlichen Figiu: erschien von einem 
schönen Meergrün. 

53. Unter dem optischen Apparat befinden sich Brust- 
bilder von Farben und Schattierungen, denen entgegen- 
gesetzt, welche die Natur zeigt, und man will, wenn man 
sie eine Zeitlang angeschaut, die Scheingestalt alsdann 
ziemlich natürlich gesehen haben. Die Sache ist an sich 
selbst richtig und der Erfahrung gemäß: denn in obigem 
Falle hätte mir eine Mohrin mit weißer Binde ein weißes 
Gesicht schwarz umgeben hervorgebracht; nur will es 
bei jenen gewöhnlich klein gemalten Bildern nicht jeder- 
mann glücken, die Teile der Scheinfigur gewahr zu wer- 
den. 

54. Ein Phänomen, das schon früher bei den Naturfor- 
schem Aufmerksamkeit erregt, läßt sich, wie ich über- 
zeugt bin, auch aus diesen Erscheinungen ableiten. 
Man erzählt, daß gewisse Blumen im Sommer bei Abend- 
zeit gleichsam blitzen, phosphoreszieren oder ein augen- 
blickliches Licht ausströmen. Einige Beobachter geben 
diese Erfahrungen genauer an. 

Dieses Phänomen selbst zu sehen, hatte ich mich oft be- 
müht, ja sogar, um es hervorzubringen, künstliche Versuche 
angestellt. 

Am 19. Juni 1799, ^^^ ich zu später Abendzeit bei der 
in eine klare Nacht übergehenden Dämmerung mit einem 
Freunde im Garten auf und ab ging, bemerkten wir sehr 
deutlich an den Blumen des orientalischen Mohns, die 
vor allen andern eine sehr mächtig rote Farbe haben, 
etwas Flammenähnliches, das sich in ihrer Nähe zeigte. 
Wir stellten uns vor die Stauden hin, sahen aufmerksam 
darauf, konnten aber nichts weiter bemerken, bis uns end- 
lich bei abermaligem Hin- und Wiedergehen gelang, in- 
dem wir seitwärts darauf blickten, die Erscheinung so oft 
zu wiederholen, als uns beliebte. Es zeigte sich, daß es 
ein physiologisches Farbenphänomen und der scheinbare 



5 6 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 
Blitz eig:entHch das Scheinbild der Blume in der gefor- 
derten blaugrünen Farbe sei. 

Wenn man eine Blume gerad ansieht, so kommt die Er- 
scheinung nicht hervor; doch müßte es auch geschehen, 
sobald man mit dem Blick wankte. Schielt man aber mit 
dem Augenwinkel hin, so entsteht eine momentane Dop- 
pelerscheinung, bei welcher das Scheinbild gleich neben 
und an dem wahren Bilde erblickt wird. 
Die Dämmerung ist Ursache, daß das Auge völlig ausge- 
ruht und empfänglich ist, und die Farbe des Mohns ist ' 
mächtig genug, bei einer Sommerdämmerung der läng- 
sten Tage noch vollkommen zu wirken und ein gefordertes 
Bild hervorzurufen. 

Ich bin überzeugt, daß man diese Erscheinung zum Ver- 
suche erheben und den gleichen Eflfekt durch Papierblumen 
hervorbringen könnte. 

Will man indessen sich auf die Erfahrung in der Natur 
vorbereiten, so gewöhne man sich, indem man durch den 
Garten geht, die farbigen Blumen scharf anzusehen und 
sogleich auf den Sandweg hinzublicken; man wird diesen 
alsdann mit Flecken der entgegengesetzten Farbe bestreut 
sehen. Diese Erfahrung glückt bei bedecktem Himmel, 
aber auch selbst beim hellsten Sonnenschein, der, indem 
er die Farbe der Blume erhöht, sie fähig macht, die ge- 
forderte Farbe mächtig genug hervorzubringen, daß sie 
selbst bei einem blendenden Lichte noch bemerkt werden 
kann. So bringen die Päonien schön grüne, die Calendeln 
lebhaft blaue Spektra hervor. 

55. So wie bei den Versuchen mit farbigen Bildern auf 
einzelnen Teilen der Retina ein Farbenwechsel gesetz- 
mäßig entsteht, so geschieht dasselbe, wenn die ganze 
Netzhaut von einer Farbe affiziert wird. Hievon können 
wir uns überzeugen, wenn wir farbige Glasscheiben vors 
Auge nehmen. Man blicke eine Zeitlang durch eine blaue 
Scheibe, so wird die Welt nachher dem befreiten Auge 
wie von der Sonne erleuchtet erscheinen, wenn auch 
gleich der Tag grau und die Gegend herbstlich farblos 
wäre. Ebenso sehen wir, indem wir eine grüne Brille 
weglegen, die Gegenstände mit einem rötlichen Schein 



I. PHYSIOLOGISCHE FARBEN 57 

überglänzt. Ich sollte daher glauben, daß es nicht wohl- 
getan sei, zu Schonung der Augen sich grüner Gläser 
oder grünen Papiers zu bedienen, weil jede Farbspezifi- 
kation dem Auge Gewalt antut und das Organ zur Oppo- 
sition nötigt. 

56. Haben wir bisher die entgegengesetzten Farben sich 
einander sukzessiv auf der Retina fordern sehen, so bleibt 
uns noch übrig zu erfahren, daß diese gesetzliche Forde- 
rung auch simultan bestehen könne. Malt sich auf einem 
Teile der Netzhaut ein farbiges Bild, so findet sich der 
übrige Teil sogleich in einer Disposition, die bemerkten 
korrespondierenden Farben hervorzubringen. Setzt man 
obige Versuche fort und blickt z. B. vor einer weißen 
Fläche auf ein gelbes Stück Papier, so ist der übrige Teil 
des Auges schon disponiert, auf gedachter farbloser Fläche 
das Violette hervorzubringen. Allein das wenige Gelbe 
ist nicht mächtig genug, jene Wirkung deutlich zu leisten. 
Bringt man aber auf eine gelbe Wand weiße Papiere, 
so wird man sie mit einem violetten Ton überzogen 
sehen. 

57. Ob man gleich mit allen Farben diese Versuche an- 
stellen kann, so sind doch besonders dazu Grün und Pur- 
pur zu empfehlen, weil diese Farben einander auffallend 
hervorrufen. Auch im Leben begegnen uns diese Fälle 
häufig. Blickt ein grünes Papier durch gestreiften oder 
geblümten Musselin hindurch, so werden die Streifen oder 
Blumen rötlich erscheinen. Durch grüne Schaltern ein 
graues Haus gesehen, erscheint gleichfalls rötlich. Die 
Purpurfarbe an dem bewegten Meer ist auch eine gefor- 
derte Farbe. Der beleuchtete Teil der Wellen erscfieint 
grün in seiner eigenen Farbe imd der beschattete in der 
entgegengesetzten purpurnen. Die verschiedene Richtung 
der Wellen gegen das Auge bringt ebendie Wirkung her- 
vor. Durch eine Öffnung roter oder grüner Vorhänge er- 
scheinen die Gegenstände draußen mit der geforderten 
Farbe. Übrigens werden sich diese Erscheinungen dem 
Aufmerksamen überall, ja bis zur Unbequemlichkeit 
zeigen. 

58. Haben wir das Simultane dieser Wirkungen bisher 



5 8 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 
in den direkten Fällen kennen gelernt, so können wir 
solche auch in den umgekehrten bemerken. Nimmt man 
ein sehr lebhaft orange gefärbtes Stückchen Papier vor 
die weiße Fläche, so wird man, wenn man es scharf an- 
sieht, das auf der übrigen Fläche geforderte Blau schwer- 
lich gewahr werden. Nimmt man aber das orange Papier 
weg und erscheint an dessen Platz das blaue Scheinbild, 
so wird sich in dem Augenblick, da dieses völlig wirk- 
sam ist, die übrige Fläche wie in einer Art von AVetter- 
leuchten mit einem rötlichgelben Schein überziehen und 
wird dem Beobachter die produktive Forderung dieser 
Gesetzlichkeit zum lebhaften Anschauen bringen. 

59. Wie die geforderten Farben da, wo sie nicht sind, 
neben und nach der fordernden leicht erscheinen, so wer- 
den sie erhöht da, wo sie sind. In einem Hofe, der mit 
grauen Kalksteinen gepflastert und mit Gras durchwachsen 
war, erschien das Gras von einer unendlich schönen 
Grüne, als Abendwolken einen rötHchen, kaum bemerk- 
lichen Schein auf das Pflaster warfen. Im umgekehrten 
Falle sieht derjenige, der bei einer mittleren Helle des 
Himmels auf Wiesen wandelt und nichts als Grün vor 
sich sieht, öfters die Baumstämme und Wege mit einem 
rötlichen Scheine leuchten. Bei Landschaftmalern, be- 
sonders denjenigen, die mit Aquarellfarben arbeiten, 
kommt dieser Ton öfters vor. Wahrscheinlich sehen sie 
ihn in der Natur, ahmen ihn unbewußt nach, und ihre 
Arbeit wird als unnatürlich getadelt. 

60. Diese Phänomene sind von der größten Wichtigkeit, 
indem sie uns auf die Gesetze des Sehens hindeuten 
und zu künftiger Betrachtung der Farben eine notwen- 
dige Vorbereitung sind. Das Auge verlangt dabei ganz 
eigentlich Totalität und schließt in sich selbst den Farben- 
kreis ab. In dem vom Gelben geforderten Violetten liegt 
das Rote und Blaue, im Orange das Gelbe und Rote, dem 
das Blaue entspricht; das Grüne vereinigt Blau und Gelb 
und fordert das Rote, und so in allen Abstufungen dei 
verschiedensten Mischungen. Daß man in diesem Falle 
genötigt werde, drei Hauptfarben anzunehmen, ist schon 
früher von den Beobachtern bemerkt worden. 



I. PHYSIOLOGISCHE FARBEN 59 

61. Wenn in der Totalität die Elemente, woraus sie zu- 
sammenwächst, noch bemerklich sind, nennen wir sie 
billig Harmonie, und wie die Lehre von der Harmonie 
der Farben sich aus diesen Phänomenen herleite, wie nur 
durch diese Eigenschaften die Farbe fähig sei, zu ästhe- 
tischem Gebrauch angewendet zu werden, muß sich in 
der Folge zeigen, wenn wir den ganzen Kreis der Be- 
obachtungen durchlaufen haben und auf den Punkt, wo- 
von wir ausgegangen sind, zurückkehren. 

VI. Farbige Schatten 

62. Ehe wir jedoch weiter schreiten, haben wir noch 
höchst merkwürdige Fälle dieser lebendig geforderten, 
nebeneinander bestehenden Farben zu beobachten, und 
zwar indem wir unsre Aufmerksamkeit auf die farbi- 
gen Schatten richten. Um zu diesen überzugehen, 
wenden wir uns vorerst zur Betrachtung der farblosen 
Schatten. 

63. Ein Schatten, von der Sonne auf eine weiße Fläche 
geworfen, gibt uns keine Empfindung von Farbe, solange 
die Sonne in ihrer völligen Kraft wirkt. Er scheint schwarz 
oder, wenn ein Gegenlicht hinzudringen kann, schwächer, 
halberhellt, grau. 

64. Zu den farbigen Schatten gehören zwei Bedingungen: 
erstlich, daß das wirksame Licht auf irgendeine Art die 
weiße Fläche färbe, zweitens, daß ein Gegenlicht den 
geworfenen Schatten auf einen gewissen Grad er- 
leuchte. 

65. Man setze bei der Dämmerung auf ein weißes Papier 
eine niedrig brennende Kerze; zwischen sie und das ab- 
nehmende Tageslicht stelle man einen Bleistift aufrecht, 
so daß der Schatten, welchen die Kerze wirft, von dem 
schwachen Tageslicht erhellt, aber nicht aufgehoben wer- 
den kann, und der Schatten wird von dem schönsten Blau 
erscheinen. 

66. Daß dieser Schatten blau sei, bemerkt man also- 
bald; aber man überzeugt sich nur durch Aufmerksam- 
keit, daß das weiße Papier als eine rötlichgelbe Fläche 



6 o DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

wirkt, durch welchen Schein jene blaue Farbe im Auge 
gefordert wird. 

67. Bei allen farbigen Schatten daher muß man auf der 
Fläche, auf welche er geworfen wird, eine erregte Farbe 
vermuten, welche sich auch bei aufmerksamerer Betrach- 
tung wohl erkennen läßt. Doch überzeuge man sich vor- 
her durch folgenden Versuch. 

68. Man nehme zur Nachtzeit zwei brennende Kerzen 
und stelle sie gegeneinander auf eine weiße Fläche; man 
halte einen dünnen Stab zwischen beiden aufrecht, so 
daß zwei Schatten entstehen; man nehme ein farbiges 
Glas und halte es vor das eine Licht, also daß die weiße 
Fläche gefärbt erscheine, und in demselben Augenblick 
wird der von dem nunmehr färbenden Lichte geworfene 
und von dem farblosen Lichte beleuchtete Schatten die 
geforderte Farbe anzeigen. 

69. Es tritt hier eine wichtige Betrachtung ein, auf die 
wir noch öfters zurückkommen werden. Die Farbe selbst 
ist ein Schattiges (p-ueqöv), deswegen Kircher vollkom- 
men recht hat, sie lumen opacatum zu nennen, und wie 
sie mit dem Schatten verwandt ist, so verbindet sie sich 
auch gern mit ihm, sie erscheint uns gern in ihm und 
durch ihn, sobald der Anlaß nur gegeben ist, und so 
müssen wir bei Gelegenheit der farbigen Schatten zu- 
gleich eines Phänomens erwähnen, dessen Ableitung und 
Entwickelung erst später vorgenommen werden kann. 

70. Man wähle in der Dämmerung den Zeitpunkt, wo 
das einfallende Himmelslicht noch einen Schatten zu wer- 
fen imstande ist, der von dem Kerzenlichte nicht ganz auf- 
gehoben werden kann, so daß vielmehr ein doppelter fällt, 
einmal vom Kerzenlicht gegen das Himmelslicht und so- 
dann vom Himmelslicht gegen das Kerzenlicht. Wenn 
der erstere blau ist, so wird der letztere hochgelb er- 
scheinen. Dieses hohe Gelb ist aber eigentlich nur der 
über das ganze Papier von dem Kerzenlicht verbreitete 
gelbrötUche Schein, der im Schatten sichtbar wird. 

71. Hieven kann man sich bei dem obigen Versuche 
mit zwei Kerzen und farbigen Gläsern am besten über- 
zeugen, so wie die unglaubliche Leichtigkeit, womit der 



I. PHYSIOLOGISCHE FARBEN 61 

Schatten eine Farbe annimmt, bei der nähern Betrach- 
tung der Widerscheine und sonst mehrmals zur Sprache 
kommt. 

7 2 . Und so wäre denn auch die Erscheinung der farbigen 
Schatten, welche den Beobachtern bisher so viel zu schaf- 
fen gemacht, bequem abgeleitet. Ein jeder, der künftig- 
hin farbige Schatten bemerkt, beobachte nur, mit welcher 
Farbe die helle Fläche, worauf sie erscheinen, etwa tin- 
giert sein möchte. Ja, man kann die Farbe des Schattens 
als ein Chromatoskop der beleuchteten Flächen ansehen, 
indem man die der Farbe des Schattens entgegenstehende 
Farbe auf der Fläche vermuten und bei näherer Aufmerk- 
samkeit in jedem Falle gewahr werden kann. 

73. Wegen dieser nunmehr bequem abzuleitenden far- 
bigen Schatten hat man sich bisher viel gequält und sie, 
weil sie meistenteils unter freiem Himmel beobachtet 
wurden und vorzüglich blau erschienen, einer gewissen 
heimlich blauen und blau färbenden Eigenschaft der Luft 
zugeschrieben. Man kann sich aber bei jenem Versuche 
mit dem Kerzenlicht im Zimmer überzeugen, daß keine 
Art von blauem Schein oder Widerschein dazu nötig ist, 
indem man den Versuch an einem grauen trüben Tag, 
ja hinter zugezogenen weißen Vorhängen anstellen kann, 
in einem Zimmer, wo sich auch nicht das mindeste Blaue 
befindet, und der blaue Schatten wird sich nur um desto 
schöner zeigen. 

74. Saussure sagt in der Beschreibung seiner Reise auf 
den Montblanc: 

"Eine zweite nicht uninteressante Bemerkung betrifift die 
Farben der Schatten, die wir trotz der genausten Beob- 
achtung nie dunkelblau fanden, ob es gleich in der Ebene 
häufig der Fall gewesen war. Wir sahen sie im Gegenteil 
von neunundfunfzigmal einmal gelblich, sechsmal blaß- 
bläulich, achtzehnmal farbenlos oder schwarz und vier- 
unddreißigmal blaßviolett. 

Wenn also einige Physiker annehmen, daß diese Farben 
mehr von zufälligen, in der Luft zerstreuten, den Schatten 
ihre eigentümlichen Nuancen mitteilenden Dünsten her- 
rühren nicht aber durch eine bestimmte Luft- oder reflek- 



6 2 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

tierte Himmelsfarbe verursacht werden, so scheinen jene 
Beobachtungen ihrer Meinung günstig zu sein." 
Die von de Saussure angezeigten Erfahrungen werden wir 
nun bequem einrangieren können. 

Auf der großen Höhe war der Himmel meistenteils rein 
von Dünsten, Die Sonne wirkte in ihrer ganzen Kraft 
auf den weißen Schnee, so daß er dem Auge völlig weiß 
erschien, und sie sahen bei dieser Gelegenheit die Schat- 
ten völlig farbenlos. War die Luft mit wenigen Dünsten 
geschwängert und entstand dadurch ein gelblicher Ton 
des Schnees, so folgten violette Schatten, und zwar waren 
diese die meisten. Auch sahen sie bläuliche Schatten, je- 
doch seltener, und daß die blauen und violetten nur blaß 
waren, kam von der hellen und heiteren Umgebung, wo- 
durch die Schattenstärke gemindert wurde. Nur einmal 
sahen sie den Schatten gelblich, welches, wie wir oben 
(70.) gesehen haben, ein Schatten ist, der von einem farb- 
losen Gegenlichte geworfen und von dem färbenden Haupt- 
lichte erleuchtet worden. 

75. Auf einer Harzreise im Winter stieg ich gegen Abend 
vom Brocken herunter; die weiten Flächen auf- und ab- 
wärts waren beschneit, die Heide von Schnee bedeckt, 
alle zerstreut stehenden Bäume und vorragenden Klip- 
pen, auch alle Baum- imd Felsenmassen völlig bereift, die 
Sonne senkte sich eben gegen die Oderteiche hinunter. 
Waren den Tag über bei dem gelblichen Ton des Schnees 
schon leise violette Schatten bemerklich gewesen, so 
mußte man sie nun für hochblau ansprechen, als ein ge- 
steigertes Gelb von den beleuchteten Teilen wider- 
schien. 

Als aber die Sonne sich endlich ihrem Niedergang näherte 
und ihr durch die stärkeren Dünste höchst gemäßigter 
Strahl die ganze mich umgebende Welt mit der schön- 
sten Purpurfarbe überzog, da verwandelte sich die Schat- 
tenfarbe in ein Grün, das nach seiner Klarheit einem 
Meergrün, nach seiner Schönheit einem Smaragdgrün 
verglichen werden konnte. Die Erscheinung ward immer 
lebhafter, man glaubte sich in einer Feenwelt /.u befinden, 
denn alles hatte sich in die zwei lebhalten und so schön 



I. PHYSIOLOGISCHE FARBEN 63 

tibereinstimmenden Farben gekleidet, bis endlich mit dem 
Sonnenuntergang die Prachterscheinung sich in eine graue 
Dämmerung und nach und nach in eine mond- und stern- 
helle Nacht verlor. 

76. Einer der schönsten Fälle farbiger Schatten kann bei 
dem Vollmonde beobachtet werden. Der Kerzen- und 
Mondenschein lassen sich völlig ins Gleichgewicht brin- 
gen. Beide Schatten können gleich stark und deutlich 
dargestellt werden, so daß beide Farben sich vollkommen 
balancieren. Man setzt die Tafel dem Scheine des Voll- 
mondes entgegen, das Kerzenlicht ein wenig an die Seite^ 
in gehöriger Entfernung, vor die Tafel hält man einen 
undurchsichtigen Körper; alsdann entsteht ein doppelter 
Schatten, und zwar wird derjenige, den der Mond wirft 
und das Kerzenlicht bescheint, gewaltig rotgelb, und um- 
gekehrt der, den das Licht wirft und der Mond bescheint, 
vom schönsten Blau gesehen werden. Wo beide Schatten 
zusammentreffen und sich zu einem vereinigen, ist er 
schwarz. Der gelbe Schatten läßt sich vielleicht auf keine 
Weise auffallender darstellen. Die unmittelbare Nähe des 
blauen, der dazwischentretende schwarze Schatten machen 
die Erscheinung desto angenehmer. Ja, wenn der Blick 
lange auf der Tafel verweilt, so wird das geforderte Blau 
das fordernde Gelb wieder gegenseitig fordernd steigern 
und ins Gelbrote treiben, welches denn wieder seinen 
Gegensatz, eine Art von Meergrün, hervorbringt. 

77. Hier ist der Ort zu bemerken, daß es wahrscheinlich 
eines Zeitmomentes bedarf, um die geforderte Farbe her- 
vorzubringen. Die Retina muß von der fordernden Farbe 
erst recht affiziert sein, ehe die geforderte lebhaft be- 
merklich wird. 

78. Wenn Taucher sich unter dem Meere befinden und 
das Sonnenlicht in ihre Gloclce scheint, so ist alles Be- 
leuchtete, was sie umgibt, purpurfarbig (wovon künftig 
die Ursache anzugeben ist), die Schatten dagegen sehen 
grün aus. Eben dasselbe Phänomen, was ich auf einem 
hohen Berge gewahr wurde (75), bemerken sie in der 
Tiefe des Meers, und so ist die Natur mit sich selbst 
durchaus übereinstimmend. 



64 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

79. Einige Erfahrungen und Versuche, welche sich zwi- 
schen die Kapitel von farbigen Bildern und von farbigen 
Schatten gleichsam einschieben, werden hier nachge- 
bracht. 

Man habe an einem Winterabende einen weißen Papier- 
laden inwendig vor dem Fenster eines Zimmers; in die- 
sem Laden sei eine Öffnung, wodurch man den Schnee 
eines etwa benachbarten Daches sehen könne; es sei 
draußen noch einigermaßen dämmrig imd ein Licht 
komme in das Zimmer, so wird der Schnee durch die 
Öffnung vollkommen blau erscheinen, weil nämlich das 
Papier durch das Kerzenlicht gelb gefärbt wird. Der 
Schnee, welchen man durch die Öffnung sieht, tritt hier 
an die Stelle eines durch ein Gegenlicht erhellten Schat- 
tens oder, wenn man will, eines grauen Bildes auf gelber 
Fläche. 

80. Ein andrer sehr interessanter Versuch mache den 
Schluß. 

Nimmt man eine Tafel grünen Glases von einiger Stärke 
und läßt darin die Fensterstäbe sich spiegeln, so wird 
man sie doppelt sehen, und zwar wird das Bild, das von 
der untern Fläche des Glases kommt, grün sein, das Bild 
hingegen, das sich von der obern Fläche herleitet und 
eigentlich farblos sein sollte, wird purpurfarben er- 
scheinen. 

An einem Gefäß, dessen Boden spiegelartig ist, welches 
man mit Wasser füllen kann, läßt sich der Versuch sehr 
artig anstellen, indem man bei reinem Wasser erst die 
farblosen Bilder zeigen und durch Färbung desselben so- 
dann die farbigen Bilder produzieren kann. 

VII. Schwachwirkende Lichter 

81. Das energische Licht erscheint rein weiß, und diesen 
Eindruck macht es auch im höchsten Grade der Blen- 
dung. Das nicht in seiner ganzen Gewalt wirkende Licht 
kann auch noch unter verschiedenen Bedingungen farb- 
los bleiben. Mehrere Naturforscher und Mathematiker 
haben die Stufen desselben zu messen gesucht (Lambert, 
Bouguer, Rumford). 



I. PHYSIOLOGISCHE FARBEN 65 

82. Jedoch findet sich bei schwächer wirkenden Lichtern 
bald eine Farbenerscheinung, indem sie sich wie abklin- 
gende Bilder verhalten (39). 

83. Irgendein Licht wirkt schwächer, entweder wenn 
seine Energie, es geschehe, wie es wolle, gemindert wird 
oder wenn das Auge in eine Disposition gerät, die Wir- 
kung nicht genugsam erfahren zu können. Jene Erschei- 
nungen, welche objektiv genannt werden können, finden 
ihren Platz bei den physischen Farben. Wir erwähnen 
hier nur des Übergangs vom Weißgliihen bis zum Rot- 
glühen des erhitzten Eisens. Nicht weniger bemerken wir, 
daß Kerzen auch bei Nachtzeit, nach Maßgabe, wie man 
sie vom Auge entfernt, röter scheinen. 

84. Der Kerzenschein bei Nacht wirkt in der Nähe als 
ein gelbes Licht; wir können es an der Wirkung bemer- 
ken, welche auf die übrigen Farben hervorgebracht wird. 
Ein Blaßgelb ist bei Nacht wenig von dem Weißen zu 
unterscheiden; das Blaue nähert sich dem Grünen und 
ein Rosenfarb dem Orangen. 

85. Der Schein des Kerzenlichts bei der Dämmrung 
wirkt lebhaft als ein gelbes Licht, welches die blauen 
Schatten am besten beweisen, die bei dieser Gelegenheit 
im Auge hervorgerufen werden. 

86. Die Retina kann durch ein starkes Licht dergestalt 
gereizt werden, daß sie schwächere Lichter nicht erken- 
nen kann (11). Erkennt sie solche, so erscheinen sie far- 
big; daher sieht ein Kerzenlicht bei Tage rötlich aus, es 
verhält sich wie ein abklingendes; ja ein Kerzenlicht, das 
man bei Nacht länger und schärfer ansieht, erscheint 
immer röter. 

87. Es gibt schwach wirkende Lichter, welche demunge- 
achtet eine weiße, höchstens hellgelbliche Erscheinung 
auf der Retina machen, wie -der Mond in seiner vollen 
Klarheit. Das faule Holz hat sogar eine Art von bläu- 
lichem Schein. Dieses alles wird künftig wieder zur 
Sprache kommen. 

88. Wenn man nahe an eine weiße oder grauliche Wand 
nachts ein Licht stellt, so wird sie von diesem Mittel- 
punkt aus auf eine ziemliche Weite erleuchtet sein. Be- 

GOETHE XVII 5. 



6 6 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

trachtet man den daher entstehenden Kreis aus einiger 
Ferne, so erscheint uns der Rand der erleuchteten Fläche 
mit einem gelben, nach außen rotgelben Kreise umgeben, 
und wir werden aufmerksam gemacht, daß das Licht, 
wenn es scheinend oder widerscheinend nicht in seiner 
größten Energie auf uns wirkt, unserm Auge den Eindruck 
vom Gelben, Rötlichen und zuletzt sogar vom Roten gebe. 
Hier finden wir den Übergang zu den Höfen, die wir um 
leuchtende Punkte auf eine oder die andre Weise zu sehen 
pflegen. 

VIII. Subjektive Höfe 

89. Man kann die Höfe in subjektive und objektive ein- 
teilen. Die letzten werden unter den physischen Farben 
abgehandelt, nur die ersten gehören hieher. Sie unter- 
scheiden sich von den objektiven darin, daß sie verschwin- 
den, wenn man den leuchtenden Gegenstand, der sie auf 
der Netzhaut hervorbringt, zudeckt. 

90. Wir haben oben den Eindruck des leuchtenden Bil- 
des auf die Retina gesehen und wie es sich auf derselben 
vergrößert; aber damit ist die Wirkung noch nicht voll- 
endet. Es wirkt nicht allein als Bild, sondern auch als 
Energie über sich hinaus; es verbreitet sich vom Mittel- 
punkte aus nach der Peripherie. 

91. Daß ein solcher Nimbus um das leuchtende Bild in 
unserm Auge bewirket werde, kann man am besten in der 
dunkeln Kammer sehen, wenn man gegen eine mäßig 
große Öffnung im Fensterladen hinblickt. Hier ist das 
helle Bild von einem runden Nebelschein umgeben. 
Einen solchen Nebelschein sah ich mit einem gelben und 
gelbroten Kreise umgeben, als ich mehrere Nächte in 
einem Schlafwagen zubrachte und morgens bei dämmern- 
dem Tageslichte die Augen aufschlug. 

92. Die Höfe erscheinen am lebhaftesten, wenn das Auge 
ausgeruht und empfänglich ist. Nicht weniger vor einem 
dunklen Hintergrund. Beides ist die Ursache, daß wir sie 
so stark sehen, wenn wir nachts aufwachen und uns ein 
Licht entgegengebracht wird. Diese Bedingungen fanden 
sich auch zusammen, als Descartes im Schiff sitzend ge- 



I. PHYSIOLOGISCHE FARBEN 67 

schlafen hatte und so lebhafte farbige Scheine um das 
Licht bemerkte. 

93. Ein Licht muß mäßig leuchten, nicht blenden, wenn 
es einen Hof im Auge erregen soll, wenigstens würden die 
Höfe eines blendenden Lichtes nicht bemerkt werden 
können. Wir sehen einen solchen Glanzhof um die Sonne, 
welche von einer Wasserfläche ins Auge fällt. 

94. Genau beobachtet, ist ein solcher Hof an seinem 
Rande mit einem gelben Saume eingefaßt. Aber auch 
hier ist jene energische Wirkung noch nicht geendigt, 
sondern sie scheint sich in abwechselnden Kreisen weiter 
fortzubewegen. 

95. Es gibt viele Fälle, die auf eine kreisartige Wirkung 
der Retina deuten, es sei nun, daß sie durch die runde 
Form des Auges selbst und seiner verschiedenen Teile 
oder sonst hervorgebracht werde. 

96. Wenn man das Auge von dem innern Augenwinkel 
her nur ein wenig drückt, so entstehen dunklere oder hel- 
lere Kreise. Man kann bei Nachtzeit manchmal auch ohne 
Druck eine Sukzession solcher Kreise gewahr werden, 
von denen sich einer aus dem andern entwickelt, einer 
vom andern verschlungen wird. 

97. Wir haben schon einen gelben Rand um den von 
einem nah gestellten Licht erleuchteten weißen Raum 
gesehen. Dies wäre eine Art von objektivem Hof (88). 

98. Die subjektiven Höfe können wir uns als den Kon- 
flikt des Lichtes mit einem lebendigen Räume denken. 
Aus dem Konflikt des Bewegenden mit dem Bewegten 
entsteht eine undulierende Bewegung. Man kann das 

, Gleichnis von den Ringen im Wasser hernehmen. Der 
! hineingeworfene Stein treibt das Wasser nach allen Sei- 
\ ten, die Wirkung erreicht eine höchste Stufe, sie klingt 
ab und gelangt im Gegensatz zur Tiefe. Die Wirkimg 
geht fort, kulminiert aufs neue^ und so wiederholen sich 
die Kreise. Erinnert man sich der konzentrischen Ringe, 
die in einem mit Wasser gefüllten Trinkglase entstehen, 
wenn man versucht, einen Ton durch Reiben des Ran- 
des hervorzubringen, gedenkt man der intermittierenden 
Schwingungen beim Abklingen der Glocken, so nähert 



68 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

man sich wohl in der Vorstelhing demjenigen, was auf 
der Retina vorgehen mag, wenn sie von einem leuchten- 
den Gegenstand getroffen wird, nur daß sie als lebendig 
schon eine gewisse kreisartige Disposition in ihrer Orga- 
nisation hat. 

99. Die um das leuchtende Bild sich zeigende helle Kreis- 
fläche ist gelb mit Rot geendigt. Darauf folgt ein grün- 
licher Kreis, der mit einem roten Rande geschlossen ist. 
Dies scheint das gewöhnliche Phänomen zu sein bei einer 
gewissen Größe des leuchtenden Körpers. Diese Höfe 
werden größer, je weiter man sich von dem leuchtenden 
Bilde entfernt. 

100. Die Höfe können aber auch im Auge unendlich 
klein und vielfach erscheinen, wenn der erste Anstoß 
klein und mächtig ist. Der Versuch macht sich am besten 
mit einer auf der Erde liegenden, von der Sonne beschie- 
nenen Goldflinter. In diesen Fällen erscheinen die Höfe 
in bunten Strahlen. Jene farbige Erscheinung, welche die 
Sonne im Auge macht, indem sie durch Baiunblätter dringt, 
scheint auch hiebet zu gehören. 

PATHOLOGISCHE FARBEN 

Anhang 

loi. Die physiologischen Farben kennen wir nunmehr 
hinreichend, um sie von den pathologischen zu unter- 
scheiden. Wir wissen, welche Erscheinungen dem ge- 
sunden Auge zugehören und nötig sind, damit sich das 
Organ vollkommen lebendig und tätig erzeige. 

102. Die krankhaften Phänomene deuten gleichfalls auf 
organische und physische Gesetze: denn wenn ein beson- 
deres lebendiges Wesen von derjenigen Regel abweicht, 
durch die es gebildet ist, so strebt es ins allgemeine Leben 
hin, immer auf einem gesetzlichen Wege, und macht uns 
auf seiner ganzen Bahn jene Maximen anschaulich, aus 
welchen die Welt entsprungen ist und durch welche sie 
zusammengehalten wird. 

103. Wir sprechen hier zuerst von einem sehr merkwür- 



I. PATHOLOGISCHE FARBEN 69 

digen Zustande, in welchem sich die Augen mancher Per- 
sonen befinden. Indem er eine Abweichung von der ge- 
wöhnlichen Art, die Farben zu sehen, anzeigt, so gehört er 
wohl zu den krankhaften; da er aber regelmäßig ist, öfter 
vorkommt, sich auf mehrere Familienglieder erstreckt und 
sich wahrscheinlich nicht heilen läßt, so stellen wir ihn 
billig auf die Grenze. 

104. Ich kannte zwei Subjekte, die damit behaftet waren, 
nicht über zwanzig Jahr alt; beide hatten blaugraue Augen, 
ein scharfes Gesicht in der Nähe und Ferne, bei Tages- 
und Kerzenlicht, und ihre Art, die Farben zu sehen, war 
in der Hauptsache völlig übereinstimmend. 

1 05. Mit uns treffen sie zusammen, daß sie Weiß, Schwarz 
und Grau nach unsrer Weise benennen; Weiß sahen sie 
beide ohne Beimischung. Der eine wollte bei Schwarz 
etwas Bräunliches und bei Grau etwas Rötliches bemer- 
ken. Überhaupt scheinen sie die Abstufung von Hell und 
Dunkel sehr zart zu empfinden. 

106. Mit uns scheinen sie Gelb, Rotgelb und Gelbrot 
zu sehen; bei dem letzten sagen sie, sie sähen das Gelbe 
gleichsam über dem Rot schweben, wie lasiert. Karmin, 
in der Mitte einer Untertasse dicht aufgetrocknet, nannten 
sie Rot. 

107. Nun aber tritt eine auffallende Differenz ein. Man 
streiche mit einem genetzten Pinsel den Karmin leicht 
über die weiße Schale, so werden sie diese entstehende 
helle Farbe der Farbe des Himmels vergleichen und solche 
Blau nennen. Zeigt man ihnen daneben eine Rose, so 
nennen sie diese auch blau und können bei allen Proben, 
die man anstellt, das Hellblau nicht von dem Rosenfarb 
unterscheiden. Sie verwechseln Rosenfarb, Blau imd Vio- 
lett durchaus; nur durch kleine Schattierungen des Helle- 
ren, Dunkleren, Lebhafteren, Schwächeren scheinen sich 
diese Farben für sie voneinander abzusondern. 

108. Ferner können sie Grün von einem Dunkelorange, 
besonders aber von einem Rotbraun nicht unterschei- 
den. 

109. Wenn man die Unterhaltung mit ihnen dem Zufall 
überläßt und sie bloß über vorliegende Gegenstände be- 



7 o DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

fragt, so gerät man in die größte Verwirrung und fürchtet, 
wahnsinnig zu werden. Mit einiger Methode hingegen 
kommt man dem Gesetz dieser Gesetzwidrigkeit schon 
um vieles näher. 

HO. Sie haben, wie man aus dem Obigen sehen kann, 
weniger Farben als wir; daher denn die Verwechselung 
von verschiedenen Farben entsteht. Sie nennen den Him- 
mel rosenfarb und die Rose blau oder umgekehrt. Nun 
fragt sich: sehen sie beides blau oder beides rosenfarb: 
sehen sie das Grün orange oder das Orange grün? 

111. Diese seltsamen Rätsel scheinen sich zu lösen, 
wenn man annimmt, daß sie kein Blau, sondern an des- 
sen Statt einen diluierten Purpur, ein Rosenfarb, ein hel- 
les reines Rot sehen. Symbolisch kann man sich diese 
Lösung einstweilen folgendermaßen vorstellen. 

112. Nehmen wir aus unserm Farbenkreise das Blaue 
heraus, so fehlt uns Blau, Violett und Grün. Das reine 
Rot verbreitet sich an der Stelle der beiden ersten, und 
wenn es wieder das Gelbe berührt, bringt es anstatt des 
Grünen abermals ein Orange hervor. 

113. Indem wir uns von dieser Erklärungsart überzeugt 
halten, haben wir diese merkwürdige Abweichung vom 
gewöhnlichen Sehen Akyanohlepsie genannt und zu besse- 
rer Einsicht mehrere Figuren gezeichnet und illuminiert, 
bei deren Erklärung wir künftig das Weitre beizubringen 
gedenken. Auch findet man daselbst eine Landschaft, ge- 
färbt nach der Weise, wie diese Menschen wahrscheinlich 
die Natur sehen, den Himmel rosenfarb und alles Grüne 
in Tönen vom Gelben bis zum Braunroten, ungefähr wie 
es uns im Herbst erscheint. 

114. Wir sprechen nunmehr von krankhaften sowohl als 
allen widernatürlichen, außernatürlichen, seltenen Afifek- 
tionen der Retina, wobei ohne äußres Licht das Auge 
zu einer Lichterscheinung disponiert werden kann, und 
behalten uns vor, des galvanischen Lichtes künftig zu er- 
wähnen. 

115. Bei einem Schlag aufs Auge scheinen Funken um- 
her zu sprühen. Femer, wenn man in gewissen körper- 
lichen Dispositionen, besonders bei erhitztem Blute und 



I. PATHOLOGISCHE FARBEN 71 

reger Empfindlichkeit, das Auge erst sachte, dann immer 
stärker drückt, so kann man ein blendendes unerträgliches 
Licht erregen. 

116. Operierte Starkranke, wenn sie Schmerz und Hitze 
im Auge haben, sehen häufig feurige Blitze und Funken, 
welche zuweilen acht bis vierzehn Tage bleiben oder doch 
so lange, bis Schmerz und Hitze weicht. 

117. Ein Kranker, wenn er Ohrenschmerz bekam, sah 
jederzeit Lichtfunken und Kugeln im Auge, solange der 
Schmerz dauerte. 

118. Wurmkranke haben oft sonderbare Erscheinungen 
im Auge, bald Feuerfunken, bald Lichtgespenster, bald 
schreckhafte Figuren, die sie nicht entfernen können, 
bald sehen sie doppelt. 

119. Hypochondristen sehen häufig schwarze Figuren, als 
Fäden, Haare, Spinnen, Fliegen, Wespen. Diese Erschei- 
mmgen zeigen sich auch bei anfangendem schwarzen 
Star. Manche sehen halbdurchsichtige kleine Röhren, wie 
Flügel von Insekten, Wasserbläschen von verschiedener 
Größe, welche beim Heben des Auges niedersinken, zu- 
weilen geradeso in Verbindung hängen wie Froschlaich 
und bald als völlige Sphären, bald als Linsen bemerkt 
werden. 

1 20. Wie dort das Licht ohne äußeres Licht, so ent- 
springen auch diese Bilder ohne äußre Bilder. Sie sind 
teils vorübergehend, teils lebenslänglich dauernd. Hiebei 
tritt auch manchmal eine Farbe ein: denn Hypochon- 
dristen sehen auch häufig gelbrote schmale Bänder im 
Auge, oft heftiger und häufiger am Morgen oder bei lee- 
rem Magen. 

121. Daß der Eindruck irgendeines Bildes im Auge ei- 
nige Zeit verharre, kennen wir als ein physiologisches 
Phänomen (23), die allzulange Dauer eines solchen Ein- 
drucks hingegen kann als krankhaft angesehen werden. 

122. Je schwächer das Auge ist, desto länger bleibt das 
Bild in demselben. Die Retina stellt sich nicht sobald 
wieder her, und man kann die Wirkung als eine Art von 
Paralyse ansehen (28). 

12-1. Von blendenden Bildern ist es nicht zu verwundern. 



7 2 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

Wenn man in die Sonne sieht, so kann man das Bild 
mehrere Tage mit sich herumtragen. Boyle erzählt einen 
Fall von zehn Jahren. 

124. Das gleiche findet auch verhältnismäßig von Bil- 
dern, welche nicht blendend sind, statt. Busch erzählt 
von sich selbst, daß ihm ein Kupferstich vollkommen mit 
allen seinen Teilen bei siebzehn Minuten im Auge ge- 
blieben. 

125. Mehrere Personen, welche zu Krampf und Voll- 
blütigkeit geneigt waren, behielten das Bild eines hoch- 
roten Kattuns mit weißen Muscheln viele Minuten lang 
im Auge und sahen es wie einen Flor vor allem schwe- 
ben. Nur nach langem Reiben des Auges verlor sichs. 

126. Scherffer bemerkt, daß die Purpurfarbe eines ab- 
klingenden starken Lichteindrucks einige Stmiden dauern 
könne. 

127. Wie wir durch Druck auf den Augapfel eine Licht- 
erscheinung auf der Retina hervorbringen können, so ent- 
steht bei schwachem Druck eine rote Farbe imd wird 
gleichsam ein abklingendes Licht hervorgebracht. 

128. Viele Kranke, wenn sie erwachen, sehen alles in 
der Farbe des Morgenrots wie durch einen roten Flor; 
auch wenn sie am Abend lesen und zwischendurch ein- 
nicken und wieder aufwachen, pflegt es zu geschehen. 
Dieses bleibt minutenlang und vergeht allenfalls, wenn 
das Auge etwas gerieben wird. Dabei sind zuweilen rote 
Sterne und Kugeln. Dieses Rotsehen dauert auch wohl 
eine lange Zeit. 

129. Die Luftfahrer, besonders Zambeccari und seine Ge- 
fährten, wollen in ihrer höchsten Erhebung den Mond 
blutrot gesehen haben. Da sie sich über die irdischen 
Dünste emporgeschwungen hatten, dvirch welche wir den 
Mond und die Sonne wohl in einer solchen Farbe sehen, 
so läßt sich vermuten, daß diese Erscheinung zu den 
pathologischen Farben gehöre. Es mögen nämlich die 
Sinne durch den ungewohnten Zustand dergestalt affiziert 
sein, daß der ganze Körper und besonders auch die Re- 
tina in eine Art von Unrührbarkeit und Unreizbarkeit ver- 
fällt. Es ist daher nicht unmöglich, daß der Mond als ein 



I. PATHOLOGISCHE FARBEN 73 

höchst abgestumpftes Licht wirke und also das Gefühl der 
roten Farbe hervorbringe. Den Hamburger Luftfahrern 
erschien auch die Sonne blutrot. 

Wenn die Luftfahrenden zusammen sprechen imd sich 
kaum hören, sollte nicht auch dieses der Unreizbarkeit 
der Nerven ebensogut als der Dünne der Luft zugeschrie- 
ben werden können? 

130. Die Gegenstände werden von Kranken auch manch- 
mal vielfarbig gesehen. Boyle erzählt von einer Dame, 
daß sie nach einem Sturze, wobei ein Auge gequetscht 
worden, die Gegenstände, besonders aber die weißen, 
lebhaft bis zum Unerträglichen schimmern gesehen. 

131. Die Ärzte nennen Chrupsie, wenn in typhischen 
Krankheiten, besonders der Augen, die Patienten an den 
Rändern der Bilder, wo Hell und Dunkel aneinander 
grenzen, farbige Umgebungen zu sehen versichern. Wahr- 
scheinlich entsteht in den Liquoren eine Veränderung, 
wodurch ihre Achromasie aufgehoben wird. 

132. Beim grauen Star läßt eine starkgetrübte Kristall- 
linse den Kranken einen roten Schein sehen. In einem 
solchen Falle, der durch Elektrizität behandelt wurde, 
veränderte sich der rote Schein nach und nach in einen 
gelben, zuletzt in einen weißen, und der Kranke fing an, 
wieder Gegenstände gewahr zu werden, woraus man 
schließen konnte, daß der trübe Zustand der Linse sich 
nach und nach der Durchsichtigkeit nähere. Diese Er- 
scheinung wird sich, sobald wir mit den physischen Far- 
ben nähere Bekanntschaft gemacht, bequem ableiten 
lassen. 

133. Kann man nun annehmen, daß ein gelbsüchtiger 
Kranker durch einen wirklich gelbgefärbten Liquor hin- 
durchsehe, so werden wir schon in die Abteilung der 
chemischen Farben verwiesen, und wir sehen leicht ein, 
daß wir das Kapitel von den pathologischen Farben nur 
dann erst vollkommen ausarbeiten können, wenn wir 
uns mit der Farbenlehre in ihrem ganzen Umfang be- 
kannt gemacht; deshalb sei es an dem Gegenwärtigen ge- 
nug, bis wir später das Angedeutete weiter ausführen 
können. 



7 4 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

134. Nur möchte hier zum Schlüsse noch einiger beson- 
dern Dispositionen des Auges vorläufig zu erwähnen 
sein. 

Es gibt Maler, welche, anstatt daß sie die natürliche 
Farbe wiedergeben sollten, einen allgemeinen Ton, einen 
warmen oder kalten, über das Bild verbreiten. So zeigt 
sicli auch bei manchen eine Vorliebe für gewisse Farben, 
bei andern ein Ungefühl für Harmonie. 

135. Endlich ist noch bemerkenswert, daß wilde Natio- 
nen, ungebildete Menschen, Kinder eine große Vorliebe 
für lebhafte Farben empfinden, daß Tiere bei gewissen 
Farben in Zorn geraten, daß gebildete Menschen in 
Kleidung und sonstiger Umgebung die lebhaften Farben 
vermeiden und sie durchgängig von sich zu entfernen 
suchen. 



ZWEITE ABTEILUNG. PHYSISCHE 
FARBEN 

ö.TAHYSISCHE Farben nennen wir diejenigen, zu de- 
K^ren Hervorbringung gewisse materielle Mittel nötig 
i sind, welche aber selbst keine Farbe haben und teils 
durchsichtig, teils trüb und durchscheinend, teils völlig 
undurchsichtig sein können. Dergleichen Farben werden 
also in unserm Auge durch solche äußere bestimmte 
Anlässe erzengt oder, wenn sie schon auf irgendeine 
Weise außer uns erzeugt sind, in unser Auge zurück- 
geworfen. Ob wir nun schon hiedurch denselben eine 
Art von Objektivität zuschreiben, so bleibt doch das Vor- 
übergehende, Nichtfestzuh alt ende meistens ihr Kenn- 
zeichen. 

137. Sie heißen daher auch bei den frühern Naturfor- 
schern colores apparenfes, fluxi, fiigitivi, p/iantasiici, falsi, 
variantes. Zugleich werden sie speciosi und emphatici we- 
gen ihrer auffallenden Herrlichkeit genannt, Sie schHeßen 
sich unmittelbar an die physiologischen an und scheinen 
nur um einen geringen Grad mehr Realität zu haben. 
Denn wenn bei jenen vorzüglich das Auge wirksam war 
und wir die Phänomene derselben nur in uns, nicht aber 
außer uns darzustellen vermochten, so tritt nun hier der 

I Fall ein, daß zwar Farben im Auge durch farblose Gegen- 
stände erregt werden, daß wir aber auch eine farblose 
Fläche an die Stelle unserer Retina setzen und auf der- 

I selben die Erscheinung außer uns gewahr werden können; 
wobei ims jedoch alle Erfahrungen auf das bestimmteste 
überzeugen, daß hier nicht von fertigen, sondern von 
werdenden und wechselnden Farben die Rede sei, 

138. Wir sehen uns deshalb bei diesen physischen Far- 
ben durchaus imstande, einem subjektiven Phänomen 
ein objektives an die Seite zu setzen und öfters durch die 
Verbindung beider mit Glück tiefer in die Natur der Er- 
scheinung einzudringen, 

139. Bei den Erfahrungen also, wobei wir die physischen 
Farben gewahr werden, wird das Auge nicht für sich als 
wirkend, das Licht niemals in unmittelbarem Bezüge auf 
das Au2:e betrachtet, sondern wir richten unsere Auf- 



7 6 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

merksamkeit besonders darauf, wie durch Mittel, und 
zwar farblose Mittel, verschiedene Bedingungen ent- 
stehen. 

140. Das Licht kann auf dreierlei Weise unter diesen 
Umständen bedingt werden. Erstlich, wenn es von der 
Oberfläche eines Mittels zurückstrahlt, da denn die kat- 
optrischenYQrs\ic\\Q zur Sprache kommen. Zweitens, wenn 
es an dem Rande eines Mittels her strahlt. Die dabei ein- 
tretenden Erscheinungen wurden ehmals perioptische ge- 
nannt, wir nennen sieparoptische. Drittens, wenn es durch 
einen durchscheinenden oder durchsichtigen Körper durch- 
geht, welches die dioptrischen Versuche sind. Eine vierte 
Art physischer Farben haben wir epoptische genannt, in- 
dem sich die Erscheinung ohne vorgängige Mitteilung 
[ßacprj) auf einer farblosen Oberfläche der Körper unter 
verschiedenen Bedingungen sehen läßt. 

141. Beurteilen wir diese Rubriken in bezug auf die von 
uns beliebten Hauptabteilungen, nach welchen wir die 
Farben in physiologischer, physischer und chemischer 
Rücksicht betrachten, so finden wir, daß die katoptrischen 
Farben sich nahe an die physiologischen anschließen, die 
paroptischen sich schon etwas mehr ablösen und gewisser- 
maßen selbständig werden, die dioptrischen sich ganz 
eigentlich physisch erweisen und eine entschieden objek- 
tive Seite haben; die epoptischen, obgleich in ihren An- 
fängen auch nur apparent, machen den Übergang zu den 
chemischen Farben. 

142. Wenn wir also unsern Vortrag stetig nach Anlei- 
tung der Natur fortführen wollten, so dürften wir nur in 
der jetzt eben bezeichneten Ordnung auch fernerhin ver- 
fahren; weil aber bei didaktischen Vorträgen es nicht so- 
wohl darauf ankommt, dasjenige, wovon die Rede ist, 
aneinander zu knüpfen, vielmehr solches wohl auseinan- 
der zu sondern, damit erst zuletzt, wenn alles einzelne 
vor die Seele gebracht ist, eine große Einheit das Be- 
sondere verschlinge, so wollen wir ims gleich zu den di- 
optrischen Farben wenden, um den Leser alsbald in die 
Mitte der physischen Farben zu versetzen und ihm ihre 
Eigenschaften auffallender zu machen. 



IL PHYSISCHE FARBEN 77 

IX. Diop irische Farben 

143. Man nennt dioptrische Farben diejenigen, zu deren 
Entstehung ein farbloses Mittel gefordert wird, dergestalt, 
daß Licht und Finsternis hindurchwirken, entweder aufs 
Auge oder auf entgegenstehende Flächen. Es wird also 
gefordert, daß das Mittel durchsichtig oder wenigstens bis 
auf einen gewissen Grad durchscheinend sei. 

144. Nach diesen Bedingungen teilen wir die dioptri- 
schen Erscheinungen in zwei Klassen und setzen in die 
erste diejenigen, welche bei durchscheinenden trüben 
Mitteln entstehen, in die zweite aber solche, die sich als- 
dann zeigen, wenn das Mittel in dem höchst möglichen 
Grade durchsichtig ist. 

X. Dioptrische Farben 
der ersten Klasse 

145. Der Raum, den wir uns leer denken, hätte durch- 
aus für uns die Eigenschaft der Durchsichtigkeit. Wenn 
sich nun derselbe dergestalt füllt, daß unser Auge die 
Ausfüllung nicht gewahr wird, so entsteht ein mate- 
rielles, mehr oder weniger körperliches, durchsichtiges 
Mittel, das luft- und gasartig, flüssig oder auch fest sein 
kann. 

146. Die reine durchscheinende Trübe leitet sich aus 
dem Durchsichtigen her. Sie kann sich uns also auch auf 
gedachte dreifache Weise darstellen. 

147. Die vollendete Trübe ist das Weiße, die gleichgül- 
tigste, hellste, erste undurchsichtige Raumerfüllung. 

148. Das Durchsichtige selbst, empirisch betrachtet, ist 
schon der erste Grad des Trüben. Die ferneren Grade 
des Trüben bis zum undurchsichtigen Weißen sind un- 
endlich. 

149. Auf welcher Stufe wir auch das Trübe vor seiner 
Undurchsichtigkeit festhalten, gewährt es uns, wenn wir 
es in Verhältnis zum Hellen und Dunkeln setzen, ein- 
fache und bedeutende Phänomene. 



7 8 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

150. Das höchstenergische Licht, wie das der Sonne, 
des Phosphors in Lebensluft verbrennend, ist blendend 
und farblos. So kommt auch das Licht der Fixsterne mei- 
stens farblos zu uns. Dieses Licht aber durch ein auch 
nur wenig trübes Mittel gesehen, erscheint uns gelb. 
Nimmt die Trübe eines solchen Mittels zu oder wird seine 
Tiefe vermehrt, so sehen wir das Licht nach und nach 
eine gelbrote Farbe annehmen, die sich endlich bis zum 
Rubinroten steigert. 

151. Wird hingegen durch ein trübes, von einem dar- 
auffallenden Lichte erleuchtetes Mittel die Finsternis ge- 
sehen, so erscheint uns eine blaue Farbe, welche immer 
heller und blässer wird, je mehr sich die Trübe des Mit- 
tels vermehrt, hingegen immer dtmkler und satter sich 
zeigt, je durchsichtiger das Trübe werden kann, ja bei 
dem mindesten Grad der reinsten Trübe als das schönste 
Violett dem Auge fühlbar wird. 

152. Wenn diese Wirkung auf die beschriebene Weise 
in unserm Auge vorgeht und also subjektiv genannt wer- 
den kann, so haben wir uns auch durch objektive Er- 
scheinungen von derselben noch mehr zu vergewissern. 
Denn ein so gemäßigtes und getrübtes Licht wirft auch 
auf die Gegenstände einen gelben, gelbroten oder pur- 
purnen Schein, und ob sich gleich die Wirkung der Fin- 
sternis durch das Trübe nicht ebenso mächtig äußert, so 
zeigt sich doch der blaue Himmel in der Camera obscura 
ganz deutlich auf dem weißen Papier neben jeder andern 
körperlichen Farbe. 

153. Wenn wir die Fälle durchgehn, unter welchen uns 
dieses wichtige Grundphänomen erscheint, so erwähnen 
wir billig zuerst der atmosphärischen Farben, deren meiste 
hieher geordnet werden können. 

154. Die Sonne, durch einen gewissen Grad von Dün- 
.sten gesehen, zeigt sich mit einer gelblichen Scheibe. 
Oft ist die Mitte noch blendend gelb, wenn sich die Rän- 
der schon rot zeigen. Beim Heerrauch (wie 1794 auch 
im Norden der Fall war) und noch mehr bei der Dispo- 
sition der Atmosphäre, wenn in südlichen Gegenden der 
Scirocco herrscht, erscheint die Sonne mbinrot mit allen 



II. PHYSISCHE FARBEN 79 

sie im letzten Falle gewöhnlich umgebenden Wolken, die 
alsdann jene Farbe im Widerschein zurückwerfen. 
Morgen- und Abendröte entsteht aus derselben Ursache. 
Die Sonne wird durch eine Röte verkündigt, indem sie 
durch eine größere Masse von Dünsten zu ims strahlt. Je 
weiter sie heraufkommt, desto heller und gelber wird der 
Schein. 

155. Wird die Finsternis des unendlichen Raums durch 
atmosphärische, vom Tageslicht erleuchtete Dünste hin- 
durch angesehen, so erscheint die blaue Farbe. Auf hohen 
Gebirgen sieht man am Tage den Himm.el königsblau, 
weil nur wenig feine Dünste vor dem unendlichen finstern 
Raum schweben; sobald man in die Täler herabsteigt, 
wird das Blaue heller, bis es endlich in gewissen Regio- 
nen und bei zunehmenden Dünsten ganz in ein Weißblau 
übergeht. 

156. Ebenso scheinen uns auch die Berge blau: denn in- 
dem wir sie in einer solchen Ferne erblicken, daß wir die 
Lokalfarben nicht mehr sehen und kein Licht von ihrer 
Oberfläche mehr auf unser Auge wirkt, so gelten sie als 
ein reiner finsterer Gegenstand, der nun durch die da- 
zwischen tretenden trüben Dünste blau erscheint. 

157. Auch sprechen wir die Schattenteile näherer Gegen- 
stände für blau an, wenn die Luft mit feinen Dünsten ge- 
sättigt ist. 

158. Die Eisberge hingegen erscheinen in großer Ent- 
fernung noch immer weiß und eher gelblich, weil sie im- 
mer noch als hell durch den Dunstkreis auf unser Auge 
wirken. 

159. Die blaue Erscheinimg an dem untern Teil des 
Kerzenlichtes gehört auch Iiieher. Man halte die Flamme 
vor einen weißen Grund, und man wird nichts Blaues 
sehen, welche Farbe hingegen sogleich erscheinen wird, 
wenn man die Flamme gegen einen schwarzen Grund 
hält. Dieses Phänomen erscheint am lebhaftesten bei ei- 
nem angezündeten Löffel Weingeist. Wir können also 
den untern Teil der Flamme für einen Dunst ansprechen, 
welcher, obgleich unendlich fein, doch vor der dunklen 
Fläche sichtbar wird: er ist so fein, daß man bequem 



8o DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

durch ihn lesen kann; dahingegen die Spitze der Flamme, 
welche uns die Gegenstände verdeckt, als ein selbst- 
leuchtender Körper anzusehen ist. 

i6o. Übrigens ist der Rauch gleichfalls als ein trübes 
Mittel anzusehen, das uns vor einem hellen Grunde gelb 
oder rötlich, vor einem dunklen aber blau erscheint. 
i6i. Wenden wir uns nun zu den flüssigen Mitteln, so 
finden wir, daß ein jedes Wasser, auf eine zarte Weise 
getrübt, denselben Eflfekt hervorbringe. 

162. Die Infusion des nephritischen Holzes (der Guilan- 
dina Linnaei), welche früher so großes Aufsehen machte, 
ist nur ein trüber Liquor, der im dunklen hölzernen Becher 
blau aussehen, in einem durchsichtigen Glase aber, gegen 
die Sonne gehalten, eine gelbe Erscheinung hervorbringen 
muß. 

163. Einige Tropfen wohlriechender Wasser, eines Wein- 
geistfirnisses, mancher metallischen Solutionen können 
das Wasser zu solchen Versuchen in allen Graden trübe 
machen. Seifenspiritus tut fast die beste Wirkung. 

164. Der Grund des Meeres erscheint den Tauchern bei 
hellem Sonnenschein purpurfarb, wobei das Meerwasser 
als ein trübes und tiefes Mittel wirkt. Sie bemerken bei 
dieser Gelegenheit die Schatten grün, welches die ge- 
forderte Farbe ist. (78.) 

165. Unter den festen Mitteln begegnet uns in der Na- 
tur zuerst der Opal, dessen Farben wenigstens zum Teil 
daraus zu erklären sind, daß er eigentlich ein trübes Mittel 
sei, wodurch bald helle, bald dunkle Unterlagen sichtbar 
werden. 

166. Zu allen Versuchen aber ist das Opalglas [vitrum 
astroides, girasole) der erwünschteste Körper. Es wird auf 
verschiedene Weise verfertigt und seine Trübe durch Me- 
tallkalke hervorgebracht. Auch trübt man das Glas da- 
durch, daß man gepulverte und kalzinierte Knochen mit 
ihm zusammenschmelzt, deswegen man es auch Beinglas 
nennt; doch geht dieses gar zu leicht ins Undurchsichtige 
über. 

167. Man kann dieses Glas zu Versuchen auf vielerlei 
Weise zurichten: denn entweder man macht es nur wenig 



II. PHYSISCHE FARBEN 8i 

trüb, da man denn durch mehrere Schichten übereinan- 
der das Licht vom hellsten Gelb bis zum tiefsten Purpur 
führen kann, oder man kann auch stark getrübtes Glas in 
dünnem und stärkeren Scheiben anwenden. Auf beide 
Arten lassen sich die Versuche anstellen; besonders darf 
man aber, um die hohe blaue Farbe zu sehen, das Glas 
weder allzu trüb noch allzu stark nehmen. Denn da es na- 
türlich ist, daß das Finstere nur schwach durch die Trübe 
hindurch wirke, so geht die Trübe, wenn sie zu dicht 
wird, gar schnell in das Weiße hinüber. 
i68. Fensterscheiben durch die Stellen, an welchen sie 
blind geworden sind, werfen einen gelben Schein auf 
die Gegenstände, imd eben diese Stellen sehen blau aus, 
wenn wir durch sie nach einem dunklen Gegenstande 
blicken. 

169. Das angerauchte Glas gehört auch hieher und ist 
gleichfalls als ein trübes Mittel anzusehen. Es zeigt uns 
die Sonne mehr oder weniger rubinrot, und ob man gleich 
diese Erscheinung der schwarzbraunen Farbe des Rußes 
zuschreiben könnte, so kann man sich doch überzeugen, 
daß hier ein trübes Mittel wirke, wenn man ein solches 
mäßig angerauchtes Glas, auf der vordem Seite dturch 
die Sonne erleuchtet, vor einen dunklen Gegenstand hält, 
da wir denn einen blaulichen Schein gewahr werden. 

170. Mit Pergamentblättern läßt sich in der dunkeln 
Kammer ein auffallender Versuch anstellen. Wenn man 
vor die Öffnung des eben von der Sonne beschienenen 
Fensterladens ein Stück Pergament befestigt, so wird es 
weißlich erscheinen; fügt man ein zweites hinzu, so ent- 
steht eine gelbliche Farbe, die immer zunimmt und end- 
lich bis ins Rote übergeht, je mehr man Blätter nach und 
nach hinzufügt. 

171. Einer solchen Wirkung der getrübten Kristallinse 
beim grauen Star ist schon oben gedacht. (132.) 

172. Sind wir nun auf diesem Wege schon bis zu der 
Wirkung eines kaum noch durchscheinenden Trüben ge- 
langt, so bleibt uns noch übrig, einer wunderbaren Er- 
scheinung augenblicklicher Trübe zu gedenken. 

Das Porträt eines angesehenen Theologen war von einem 

GOETHE XVII 6. 



8 2 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

Künstler, welcher praktisch besonders gut mit der Farbe 
umzugehen wußte, vor mehrern Jahren gemalt worden. Der 
hochwürdige Mann stand in einem glänzenden Samtrocke 
da, welcher fast mehr als das Gesicht die Augen der An- 
schauer auf sich zog und Bewunderung erregte. Indessen 
hatte das Bild nach und nach durch Lichterdampf und 
Staub von seiner ersten Lebhaftigkeit vieles verloren. 
Man übergab es daher einem Maler, der es reinigen und 
mit einem neuen Firnis überziehen sollte. Dieser fängt 
nun sorgfältig an, zuerst das Bild mit einem feuchten 
Schwamm abzuwaschen; kaum aber hat er es einigemal 
überfahren und den stärksten Schmutz weggewischt, als 
zu seinem Erstaunen der schwarze Samtrock sich plötz- 
lich in einen hellblauen Plüschrock verwandelt, wodurch 
der geistliche Herr ein sehr weltliches, obgleich altmo- 
disches Ansehn gewinnt. Der Maler getraut sich nicht 
weiter zu waschen, begreift nicht, wie ein Hellblau zum 
Grunde des tiefsten Schwarzen liegen, noch weniger, wie 
er eine Lasur so schnell könne weggescheuert haben, 
welche ein solches Blau, wie er vor sich sah, in Schwarz 
zu verwandeln imstande gewesen wäre. 
Genug, er fühlte sich sehr bestürzt, das Bild auf diesen 
Grad verdorben zu haben: es war nichts Geistliches mehr 
daran zu sehen als nur die vielgelockte runde Perücke, 
wobei der Tausch eines verschossenen Plüschrocks gegen 
einen trefflichen neuen Samtrock durchaus unerwünscht 
blieb. Das Übel schien indessen unheilbar, und unser 
guter Künstler lehnte mißmutig das Bild gegen die Wand 
und legte sich nicht ohne Sorgen zu Bette. 
Wie erfreut aber war er den andern Morgen, als er das 
Gemälde wieder vornahm und den schwarzen Samtrock 
in vöUigem Glänze wieder erblickte. Er konnte sich nicht 
enthalten, den Rock an einem Ende abermals zu benetzen, 
da denn die blaue Farbe wieder erschien und nach einiger 
Zeit verschwand. 

Als ich Nachricht von diesem Phänomen erhielt, begab 
ich mich sogleich zu dem Wunderbilde. Es ward in mei- 
ner Gegenwart mit einem feuchten Schwämme überfahren, 
und die Veränderung zeigte sich sehr schnell. Ich sah 



IL PHYSISCHE FARBEN 83 

einen zwar etwas verschossenen, aber völlig hellblauen 
Plüschrock, auf welchem an dem Ärmel einige braune 
Striche die Falten andeuteten. 

Ich erklärte mir dieses Phänomen aus der Lehre von den 
trüben Mitteln. Der Künstler mochte seine schon gemalte 
schwarze Farbe, um sie recht tief zu machen, mit einem 
besondern Firnis lasieren, welcher beim Waschen einige 
Feuchtigkeit in sich sog und dadurch trübe ward, wodurch 
das unterliegende Schwarz sogleich als Blau erschien. 
Vielleicht kommen diejenigen, welche viel mit Firnissen 
umgehen, durch Zufall oder Nachdenken auf den Weg, 
diese sonderbare Erscheinung den Freunden der Natur- 
forschung als Experiment darzustellen. Mir hat es nach 
mancherlei Proben nicht gelingen wollen. 

173. Haben wir nun die herrlichsten Fälle atmosphäri- 
scher Erscheinungen sowie andre geringere, aber doch 
immer genugsam bedeutende aus der Haupterfahrung mit 
trüben Mitteln hergeleitet, so zweifeln wir nicht, daß auf- 
merksame Naturfreunde immer weitergehen und sich 
üben werden, die im Leben mannigfaltig vorkommenden 
Erscheinungen auf ebendiesem Wege abzuleiten und zu 
erklären, so wie wir hofifen können, daß die Naturforscher 
sich nach einem hinlänglichen Apparat umsehen werden, 
um so bedeutende Erfahrungen den Wißbegierigen vor 
Augen zu bringen. 

174. Ja wir möchten jene im allgemeinen ausgesprochene 
Haupterscheinung ein Grund- und Urphänomen nennen, 
und es sei uns erlaubt, hier, was wir darunter verstehen, 
sogleich beizubringen. 

175. Das, was wir in der Erfahrung gewahr werden, sind 
meistens nur Fälle, welche sich mit einiger Aufmerksam- 
keit unter allgemeine empirische Rubriken bringen lassen. 
Diese subordinieren sich aber-mals unter wissenschaftliche 
Rubriken, welche weiter hinaufdeuten, wobei uns gewisse 
unerläßliche Bedingungen des Erscheinenden näher be- 
kannt werden. Von nun an fügt sich alles nach und nach 
unter höhere Regeln und Gesetze, die sich aber nicht 
durch Worte und Hypothesen dem Verstände, sondern 
i/leichfalls durch Phänomene dem Anschauen offenbaren. 



84 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

Wir nennen sie Urphänomene, weil nichts in der Erschei- 
nung über ihnen liegt, sie aber dagegen völlig geeignet 
sind, daß man stufenweise, wie wir vorhin hinaufgestie- 
gen, von ihnen herab bis zu dem gemeinsten Falle der 
täglichen Erfahrung niedersteigen kann. Ein solches Ur- 
phänomen ist dasjenige, das wir bisher dargestellt haben. 
Wir sehen auf der einen Seite das Licht, das Helle, auf 
der andern die Finsternis, das Dunkle; wir bringen die 
Trübe zwischen beide, und aus diesen Gegensätzen, mit 
Hülfe gedachter Vermittlung, entwickeln sich, gleichfalls 
in einem Gegensatz, die Farben, deuten aber alsbald 
durch einen Wechselbezug unmittelbar auf ein Gemein- 
sames wieder zurück. 

176. In diesem Sinne halten wir den in der Naturfor- 
schung begangenen Fehler für sehr groß, daß man ein 
abgeleitetes Phänomen an die obere Stelle, das Urphäno- 
men an die niedere Stelle setzte, ja sogar das abgeleitete 
Phänomen wieder auf den Kopf stellte und an ihm das 
Zusammengesetzte für ein Einfaches, das Einfache für ein 
Zusammengesetztes gelten ließ, durch welches Hinterst- 
zuvörderst die wunderlichsten Verwicklungen und Ver- 
wirrungen in die Naturlehre gekommen sind, an welchen 
sie noch leidet. 

177. Wäre denn aber auch ein solches Urphänomen ge- 
funden, so bleibt immer noch das Übel, daß man es nicht 
als ein solches anerkennen will, daß wir hinter ihm und 
über ihm noch etwas Weiteres aufsuchen, da wir doch hier 
die Grenze des Schauens eingestehen sollten. Der Natur- 
forscher lasse die Urphänomene in ihrer ewigen Ruhe 
und Herrlichkeit dastehen, der Philosoph nehme sie in 
seine Region auf, und er wird finden, daß ihm nicht in 
einzelnen Fällen, allgemeinen Rubriken, Meinungen und 
Hypothesen, sondern im Grund- und Urphänomen ein 
würdiger Stofif zu weiterer Behandltmg und Bearbeitung 
überliefert werde. 



IL PHYSISCHE FARBEN 85 

XI. Dioptrische Farben 
der zweiten Klasse 
Refraktion 

178. Die dioptrischen Farben der beiden Klassen schlie- 
ßen sich genau aneinander an, wie sich bei einiger 
Betrachtung sogleich finden läßt. Die der ersten Klasse 
erschienen in dem Felde der trüben Mittel, die der 
zweiten sollen uns nun in durchsichtigen Mitteln er- 
scheinen. Da aber jedes empirisch Durchsichtige an sich 
schon als trüb angesehen werden kann, wie uns jede ver- 
mehrte Masse eines durchsichtig genannten Mittels zeigt, 
so ist die nahe Verwandtschaft beider Arten genugsam 
einleuchtend. 

179. Doch wir abstrahieren vorerst, indem wir uns zu 
den durchsichtigen Mitteln wenden, von aller ihnen ei- 
nigermaßen beiwohnenden Trübe und richten unsre 
ganze Aufmerksamkeit auf das hier eintretende Phäno- 
men, das unter dem Kunstnamen der Refraktion be- 
kannt ist. 

180. Wir haben schon bei Gelegenheit der physiologi- 
schen Farben dasjenige, was man sonst Augentäuschungen 
zu nennen pflegte, als Tätigkeiten des gesunden und rich- 
tig wirkenden Auges gerettet (2), und wir kommen hier 
abermals in den Fall, zu Ehren unserer Sinne und zu Be- 
stätigung ihrer Zuverlässigkeit einiges auszuführen. 

181. In der ganzen sinnlichen Welt kommt alles über- 
haupt auf das Verhältnis der Gegenstände untereinander 
an, vorzüglich aber auf das Verhältnis des bedeutendsten 
irdischen Gegenstandes, des Menschen, zu den übrigen. 
Hierdurch trennt sich die Welt in zwei Teile, und der 
Mensch stellt sich als ein Subjekt dem Objekt entgegen. 
Hier ist es, wo sich der Praktiker in der Erfahrung, der 
Denker in der Spekulation abmüdet und einen Kampf zu 
bestehen aufgefordert ist, der durch keinen Frieden und 
durch keine Entscheidung geschlossen werden kann. 

182. Immer bleibt es aber auch hier die Hauptsache, 
daß die Beziehungen wahrhaft eingesehen werden. Da 
nun unsre Sinne, insofern sie gesund sind, die äußern 



8 6 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

Beziehungen am wahrhaftesten aussprechen, so können 
wir uns überzeugen, daß sie überall, wo sie dem Wirk- 
lichen zu widersprechen scheinen, das wahre Verhältnis 
desto sichrer bezeichnen. So erscheint uns das Entfernte 
kleiner, und eben dadurch werden wir die Entfernung ge- 
wahr. An farblosen Gegenständen brachten wir durch 
farblose Mittel farbige Erscheinungen hervor und wurden 
zugleich auf die Grade des Trüben solcher Mittel auf- 
merksam. 

183. Ebenso werden unserm Auge die verschiedenen 
Grade der Dichtigkeit durchsichtiger Mittel, ja sogar noch 
andre physische imd chemische Eigenschaften derselben 
bei Gelegenheit der Refraktion bekannt und fordern uns 
auf, andre Prüfungen anzustellen, um in die von einer 
Seite schon eröffneten Geheimnisse auf physischem und 
chemischem Wege völlig einzudringen. 

184. Gegenstände, durch mehr oder weniger dichte Mit- 
tel gesehen, erscheinen uns nicht an der Stelle, an der 
sie sich nach den Gesetzen der Perspektive befinden soll- 
ten. Hierauf beruhen die dioptrischen Erscheinungen der 
zweiten Klasse. 

185. Diejenigen Gesetze des Sehens, welche sich durch 
mathematische Formeln ausdrücken lassen, haben zum 
Grunde, daß, so wie das Licht sich in gerader Linie be- 
wegt, auch eine gerade Linie zwischen dem sehenden 
Organ und dem gesehenen Gegenstand müsse zu ziehen 
sein. Kommt also der Fall, daß das Licht zu ims in einer 
gebogenen oder gebrochenen Linie anlangt, daß wir die 
Gegenstände in einer gebogenen oder gebrochenen Linie 
sehen, so werden wir alsbald erinnert, daß die dazwischen 
liegenden Mittel sich verdichtet, daß sie diese oder jene 
fremde Natur angenommen haben. 

186. Diese Abweichung vom Gesetz des geradlinigen 
Sehens wird im allgemeinen die Refraktion genannt, und 
ob wir gleich voraussetzen können, daß unsre Leser da- 
mit bekannt sind, so wollen wir sie doch kürzlich von 
ihrer objektiven und subjektiven Seite hier nochmals dar- 
stellen. 

187. Man lasse in ein leeres kubisches Gefäß das Son- 



II. PHYSISCHE FARBEN 87 

7ienlicht schräg in der Diagonale hineinscheinen, derge- 
stalt, daß nur die dem Licht entgegengesetzte Wand, nicht 
aber der Boden erleuchtet sei; man gieße sodann Wasser 
in dieses Gefäß, und der Bezug des Lichtes zu demselben 
wird sogleich verändert sein. Das Licht zieht sich gegen 
die Seite, wo es herkommt, zurück, und ein Teil des Bo- 
dens wird gleichfalls erleuchtet. An dem Punkte, wo nun- 
mehr das Licht in das dichtere Mittel tritt, weicht es von 
seiner geradlinigen Richtimg ab und scheint gebrochen, 
deswegen man auch dieses Phänomen die Brechung ge- 
nannt hat. So viel von dem objektiven Versuche. 

188. Zu der subjektiven Erfahrung gelangen wir aber 
folgendermaßen. Man setze das Auge an die Stelle der 
Sonne, das Auge schaue gleichfalls in der Diagonale über 
die eine Wand, so daß es die ihm entgegenstehende jen- 
seitige innre Wandfiäche vollkommen, nichts aber vom 
Boden sehen könne. Man gieße Wasser in das Gefäß, und 
das Auge wird nun einen Teil des Bodens gleichfalls er- 
blicken, und zwar geschieht es auf eine Weise, daß wir 
glauben, wir sehen noch immer in gerader Linie: denn 
der Boden scheint uns heraufgehoben, daher wir das sub- 
jektive Phänomen mit dem Namen der Hebung bezeich- 
nen. Einiges, was noch besonders merkwürdig hiebei ist, 
wird künftig vorgetragen werden. 

189. Sprechen wir dieses Phänomen nunmehr im allge- 
meinen aus, so können wir, was wir oben angedeutet, 
hier wiederholen: daß nämlich der Bezug der Gegen- 
stände verändert, verrückt werde. 

190. Da wir aber bei unserer gegenwärtigen Darstellung 
die objektiven Erscheinungen von den subjektiven zu 
trennen gemeint sind, so sprechen wir das Phänomen vor- 
erst subjektiv aus und sagen: es zeige sich eine Verrük- 
kung des Gesehenen oder des zu Sehenden. 

191. Es kann nun aber das unbegrenzt Gesehene ver- 
rückt werden, ohne daß uns die Wirkung bemerklich wird. 
Verrückt sich hingegen das begrenzt Gesehene, so haben 
wir Merkzeichen, daß eine Verrückung geschieht. Wollen 
wir ims also von einer solchen Veränderung des Bezuges 
unterrichten, so werden wir uns vorzüglich an die Ver- 



8 8 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

rückung des begrenzt Gesehenen, an die Verriickung des 
Bildes zu halten haben. 

192. Diese Wirkung überhaupt kann aber geschehen durch 
parallele Mittel: denn jedes parallele Mittel verrückt den 
Gegenstand und bringt ihn sogar im Perpendikel dem 
Auge entgegen. Merklicher aber wird dieses Verrücken 
durch nicht parallele Mittel. 

193. Diese können eine völlig sphärische Gestalt haben, 
auch als konvexe oder als konkave Linsen angewandt 
werden. Wir bedienen uns derselben gleichfalls bei un- 
sern Erfahrungen. Weil sie aber nicht allein das Bild von 
der Stelle verrücken, sondern dasselbe auch auf mancher- 
lei Weise verändern, so gebrauchen wir lieber solche 
Mittel, deren Flächen zwar nicht parallel gegeneinander, 
aber doch sämtlich eben sind, nämlich Prismen, die einen 
Triangel zur Base haben, die man zwar auch als Teile 
einer Linse betrachten kann, die aber zu unsern Erfah- 
rungen deshalb besonders tauglich sind, weil sie das Bild 
sehr stark von der Stelle verrücken, ohne jedoch an 
seiner Gestalt eine bedeutende Veränderung hervorzu- 
bringen. 

194. Nunmehr, um unsre Erfahrungen mit möglichster 
Genauigkeit anzustellen und alle Verwechslung abzuleh- 
nen, halten wir uns zuerst an 

Subjektive Versuche^ 

bei welchen nämlich der Gegenstand durch ein brechen- 
des Mittel von dem Beobachter gesehen wird. Sobald 
wir diese der Reihe nach abgehandelt, sollen die objek- 
tiven Versuche in gleicher Ordnung folgen. 

XII. Refraktion ohne Farbenerscheinung 

195. Die Refraktion kann ihre Wirktmg äußern, ohne, 
daß man eine Farbenerscheinung gewahr werde. So sehr 
auch durch Refraktion das unbegrenzt Gesehene, eine 
farblose oder einfach gefärbte Fläche verrückt werde, so 
entsteht innerhalb derselben doch keine Farbe. Man kann 
sich hieven auf mancherlei Weise überzeugen. 



IL PHYSISCHE FARBEN 89 

196. Man setze einen gläsernen Kubus auf irgendeine 
Fläche und schaue im Perpendikel oder im Winkel dar- 
auf, so wird die reine Fläche dem Auge völlig entgegen- 
gehoben, aber es zeigt sich keine Farbe. Wenn man 
durchs Prisma einen rein grauen oder blauen Himmel, 
eine rein weiße oder farbige Wand betrachtet, so wird der 
Teil der Fläche, den wir eben ins Auge gefaßt haben, 
völlig von seiner Stelle gerückt sein, ohne daß wir des- 
halb die mindeste Farbenerscheinung darauf bemerken. 

XIII. Bedingungen der Farbenerscheinung 

197. Haben wir bei den vorigen Versuchen und Beob- 
achtimgen alle reinen Flächen, groß oder klein, farblos ge- 
funden, so bemerken wir an den Rändern da, wo sich 
eine solche Fläche gegen einen heilern oder dunklern 
Gegenstand abschneidet, eine farbige Erscheinung. 

198. Durch Verbindung von Rand und Fläche entstehen 
Bilder. Wir sprechen daher die Haupterfahrung derge- 
stalt aus: es müssen Bilder verrückt werden, wenn eine 
Farbenerscheinung sich zeigen soll. 

199. Wir nehmen das einfachste Bild vor uns, ein helles 
Rund auf dunklem Grunde A. An diesem findet eine Ver- 
rückvmg statt, wenn wir seine Ränder von dem Mittel- 
punkte aus scheinbar nach außen dehnen, indem wir es 
vergrößern. Dieses geschieht durch jedes konvexe Glas, 
und wir erblicken in diesem Falle einen blauen Rand B. 

200. Den Umkreis ebendesselben Bildes können wir 
nach dem Mittelpunkte zu scheinbar hineinbewegen, in- 
dem wir das Rund zusammenziehen, da alsdann die Rän- 
der gelb erscheinen C. Dieses geschieht durch ein kon- 
kaves Glas, das aber nicht, wie die gewöhnlichen Lor- 
gnetten, dünn geschliffen sein darf, sondern einige Masse 
haben muß. Damit man aber diesen Versuch auf einmal 
mit dem konvexen Glas machen könne, so bringe man in 
das helle Rund auf schwarzem Grunde eine kleinere 
schwarze Scheibe. Denn vergrößert man durch ein kon- 
vexes Glas die schwarze Scheibe auf weißem Grund, so 
geschieht dieselbe Operation, als wenn man ein weißes 



90 DER FARBENLEHRE DIDAKllSCHER TEIL 

Rund verkleinerte: denn wir führen den schwarzen Rand 
nach dem weißen zu, und wir erblicken also den gelb- 
lichen Farbenrand zugleich mit dem blauen D. 

201. Diese beiden Erscheinungen, die blaue und gelbe, 
zeigen sich an und über dem Weißen. Sie nehmen, in- 
sofern sie über das Schwarze reichen, einen rötlichen 
Schein an. 

202. Und hiermit sind die Grundphänomene aller Farben- 
erscheinung bei Gelegenheit der Refraktion ausgespro- 
chen, welche denn freilich auf mancherlei Weise wieder- 
holt, variiert, erhöht, verringert, verbunden, verwickelt, 
verwirrt, zuletzt aber immer wieder auf ihre ursprüng- 
liche Einfalt zurückgeführt werden können. 

203. Untersuchen wir nun die Operation, welche wir 
vorgenommen, so finden wir, daß wir in dem einen Falle 
den hellen Rand gegen die dunkle, in dem andern den 
dunkeln Rand gegen die helle Fläche scheinbar geführt, 
eins durch das andre verdrängt, eins über das andre weg- 
geschoben haben. Wir wollen nunmehr sämtliche Erfah- 
rungen schrittweise zu entwickeln suchen. 

204. Rückt man die helle Scheibe, wie es besonders 
durch Prismen geschehen kann, im Ganzen von ihrer Stelle, 
so wird sie in der Richtung gefärbt, in der sie scheinbar 
bewegt wird, und zwar nach jenen Gesetzen. Man be- 
trachte durch ein Prisma die in a befindliche Scheibe der- 
gestalt, daß sie nach b verrückt erscheine, so wird der 
obere Rand nach dem Gesetz der Figur B blau und blau- 
rot erscheinen, der untere nach dem Gesetz der Scheibe 
C gelb und gelbrot. Denn im ersten Fall wird das helle 
Bild in den dimklen Rand hinüber- und in dem andern 
der dunkle Rand über das helle Bild gleichsam hinein- 
geführt. Ein gleiches gilt, wenn man die Scheibe von a 
nach ^, von a nach d und so im ganzen Kreise scheinbar 
herumführt. 

205. Wie sich nun die einfache Wirkung verhält, so ver- 
hält sich auch die zusammengesetzte. Man sehe durch 
das horizontale Prisma a b nach einer hinter demselben 
in einiger Entfernung befindlichen weißen Scheibe in ^, 
so wird die Scheibe nach /erhoben und nach dem obigen 



II. PHYSISCHE FARBEN 9 1 

Gesetz gefärbt sein. Man hebe dies Prisma weg und 
schaue durch ein vertikales cd nach ebendem Bilde, so 
wird es in h erscheinen und nach ebendemselben Ge- 
setze gefärbt. Man bringe nun beide Prismen überein- 
ander, so erscheint die Scheibe nach einem allgemeinen 
Naturgesetz in der Diagonale verrückt und gefärbt, wie 
es die Richtung eg mit sich bringt. 

206. Geben wir auf diese entgegengesetzten Farbenrän- 
der der Scheibe wohl acht, so finden wir, daß sie nur in 
der Richtung ihrer scheinbaren Bewegung entstehen. Ein 
rundes Bild läßt ims über dieses Verhältnis einigermaßen 
ungewiß, ein vierecktes hingegen belehrt uns klärlich 
darüber. 

207. Das viereckte Bild ä, in der Richtung a b oder 
ad verrückt, zeigt uns an den Seiten, die mit der Rich- 
tung parallel gehen, keine Farben; in der Richtung a c 
hingegen, da sich das Quadrat in seiner eignen Dia- 
gonale bewegt, erscheinen alle Grenzen des Bildes ge- 
färbt. 

208. Hier bestätigt sich also jener Ausspruch (203 f.), 
ein Bild müsse dergestalt verrückt werden, daß seine helle 
Grenze über die dunkle, die dunkle Grenze aber über die 
helle, das Bild über seine Begrenzung, die Begrenzung 
über das Bild scheinbar hingeführt werde. Bewegen sich 
aber die geradhnigen Grenzen eines Bildes durch Re- 
fraktion immerfort, daß sie nur nebeneinander, nicht 
aber übereinander ihren Weg zurücklegen, so entstehen 
keine Farben, und wenn sie auch bis ins Unendliche fort- 
geführt würden. 

XrV. Bedingungen, unter welchen die Farbenerscheinung 
zunimmi 

zog. Wir haben in dem vorigen gesehen, daß alle Far- 
benerscheimmg bei Gelegenheit der Refraktion darauf 
beruht, daß der Rand eines Bildes gegen das Bild selbst 
oder über den Grund gerückt, daß das Bild gleichsam 
über sich selbst oder über den Grund hingeführt werde. 
Und nun zeigt sich auch bei vermehrter Verrückung des 



9 2 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

Bildes die Farbenerscheinung in einem breitern Maße, 
und zwar bei subjektiven Versuchen, bei denen wir im- 
mer noch verweilen, unter folgenden Bedingungen: 
2IO. Erstlich, wenn das Auge gegen parallele Mittel eine 
schiefere Richtung annimmt; 

Zweitens, wenn das Mittel aufhört, parallel zu sein, und 
einen mehr oder weniger spitzen Winkel bildet; 
Drittens durch das verstärkte Maß des Mittels, es sei 
nun, daß parallele Mittel am Volumen zunehmen oder 
die Grade des spitzen Winkels verstärkt werden, doch so, 
daß sie keinen rechten Winkel erreichen; 
Viertens durch Entfernung des mit brechenden Mitteln 
bewaffneten Auges von dem zu verrückenden Bilde; 
Fünftens durch eine chemische Eigenschaft, welche 
dem Glase mitgeteilt, auch in demselben erhöht werden 
kann. 

2 11. Die größte Verrückung des Bildes, ohne daß des- 
selben Gestalt bedeutend verändert werde, bringen wir 
durch Prismen hervor, und dies ist die Ursache, warum 
durch so gestaltete Gläser die Farbenerscheinung höchst 
mächtig werden kann. Wir wollen uns jedoch bei dem 
Gebrauch derselben von jenen glänzenden Erscheinungen 
nicht blenden lassen, vielmehr die oben festgesetzten ein- 
fachen Anfänge ruhig im Sinne behalten. 

212. Diejenige Farbe, welche bei Verrückung eines Bil- 
des vorausgeht, ist immer die breitere, und wir nennen 
sie einen Saum; diejenige Farbe, welche an der Grenze 
zurückbleibt, ist die schmälere, und wir nennen sie einen 
Rand. 

213. Bewegen wir eine dunkle Grenze gegen das Helle, 
so geht der gelbe breitere Saum voran, und der schmä- 
lere gelbrote Rand folgt mit der Grenze. Rücken wir 
eine helle Grenze gegen das Dunkle, so geht der brei- 
tere violette Saum voraus, und der schmälere blaue Rand 
folgt. 

214. Ist das Bild groß, so bleibt dessen Mitte ungefärbt. 
Sie ist als eine unbegrenzte Fläche anzusehen, die ver- 
rückt, aber nicht verändert wird, Ist es aber so schmal, 
daß unter obgedachten vier Bedingungen der gelbe Saum 



IL PHYSISCHE FARBEN 93 

den blauen Rand erreichen kann, so wird die Mitte völ- 
lig durch Farben zugedeckt. Man mache diesen Versuch 
mit einem weißen Streifen auf schwarzem Grunde; über 
einem solchen werden sich die beiden Extreme bald ver- 
einigen und das Grün erzeugen. Man erblickt alsdann 
folgende Reihe von Farben: 

Gelbrot 

Gelb 

Grün 

Blau 
Blaiurot. 

215. Bringt man auf weiß Papier einen schwarzen Strei- 
fen, so wird sich der violette Saum darüber hinbrei- 
ten und den gelbroten Rand erreichen. Hier wird das 
dazwischen liegende Schwarz so wie vorher das da- 
zwischen liegende Weiß aufgehoben und an seiner Stelle 
ein prächtig reines Rot erscheinen, das wir oft mit dem 
Namen Purpur bezeichnet haben. Nunmehr ist die Far- 
benfolge nachstehende: 

Blau 

Blaurot 
Purpur 
Gelbrot 
Gelb. 

216. Nach und nach können in dem ersten Falle (214) 
Gelb und Blau dergestalt übereinander greifen, daß diese 
beiden Farben sich völlig zu Grün verbinden und das 
farbige Bild folgendermaßen erscheint: 

Gelbrot 

Grün 

Blaurot. 

Im zweiten Falle (215) sieht man unter ähnlichen Um- 
ständen nur: 

Blau 

Purpur 

Gelb, 

welche Erscheinung am schönsten sich an Fensterstä- 



94 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

ben zeigt, die einen grauen Himmel zum Hintergrunde 
haben. 

217. Bei allem diesem lassen wir niemals aus dem Sinne, 
daß diese Erscheinung nie als eine fertige, vollendete, 
sondern immer als eine werdende, zunehmende und in 
manchem Sinn bestimmbare Erscheinung anzusehen sei. 
Deswegen sie auch bei Negation obiger fünf Bedingungen 
(210) wieder nach und nach abnimmt und zuletzt völlig 
verschwindet. 

XV. Ableitung der angezeigten Phänomene 

218. Ehe wir. nun weitergehen, haben wir die erstge- 
dachten ziemlich einfachen Phänomene aus dem Vorher- 
gehenden abzuleiten oder, wenn man will, zu erklären, 
damit eine deutliche Einsicht in die folgenden, mehr zu- 
sammengesetzten Erscheinungen dem Liebhaber der Na- 
tur werden könne. 

219. Vor allen Dingen erinnern wir uns, daß wir im 
Reiche der Bilder wandeln. Beim Sehen überhaupt ist 
das begrenzt Gesehene immer das, worauf wir vorzüglich 
merken, imd in dem gegenwärtigen Falle, da wir von 
Farbenerscheinung bei Gelegenheit der Refraktion spre- 
chen, kommt nur das begrenzt Gesehene, kommt nur das 
Bild in Betrachtung. 

220. Wir können aber die Bilder überhaupt zu unsern 
chromatischen Darstellungen in primäre tmd sekundäre 
Bilder einteilen. Die Ausdrücke selbst bezeichnen, was 
wir darunter verstehen, und Nachfolgendes wird unsern 
Sinn noch deutlicher machen. 

221. Man kann die primären Bilder ansehen erstUch als 
ursp?-üng liehe, als Bilder, die von dem anwesenden Gegen- 
stande in unserm Auge erregt werden, und die xms von 
seinem wirklichen Dasein versichern. Diesen kann man 
die sekundären Bilder entgegensetzen als abgeleitete Bil- 
der, die, wenn der Gegenstand weggenommen ist, im 
Auge zurückbleiben, jene Schein- und Gegenbilder, welche 
wir in der Lehre von [den] physiologischen Farben um- 
ständlich abgehandelt haben. 



II. PHYSISCHE FARBEN 95 

222. Man kann die primären Bilder zweitens auch als 
direkte Bilder ansehen, welche wie jene ursprünglichen 
unmittelbar von dem Gegenstande zu unserm Auge ge- 
langen. Diesen kann man die sekundären als indirekte 
Bilder entgegensetzen, welche erst von einer spiegelnden 
Fläche aus der zweiten Hand uns überliefert werden. Es 
sind dieses die katoptrischen Bilder, welche auch in ge- 
wissen Fällen zu Doppelbildern werden können. 

223. Wenn nämlich der spiegelnde Körper durchsichtig 
ist und zwei hintereinander liegende parallele Flächen 
hat, so kann von jeder Fläche ein Bild ins Auge kommen, 
und so entstehen Doppelbilder, insofern das obere Bild 
das untere nicht ganz deckt, welches auf mehr als eine 
Weise der Fall ist. 

Man halte eine Spielkarte nahe vor einen Spiegel. Man 
wird alsdann zuerst das starke lebhafte Bild der Karte 
erscheinen sehen, allein den Rand des ganzen sowohl als 
jedes einzelnen darauf befindlichen Bildes mit einem 
Saume verbrämt, welcher der Anfang des zweiten Bildes 
ist. Diese Wirkung ist bei verschiedenen Spiegeln, nach 
Verschiedenheit der Stärke des Glases und nach vorge- 
kommenen Zufälligkeiten beim Schleifen, gleichfalls ver- 
schieden. Tritt man mit einer weißen Weste auf schwar- 
zen Unterkleidern vor manchen Spiegel, so erscheint der 
Saum sehr stark, wobei man auch sehr deutlich die Dop- 
pelbilder der Metallknöpfe auf dunklem Tuche erkennen 
kann. 

224. Wer sich mit andern, von uns früher angedeuteten 
Versuchen (80) schon bekannt gemacht hat, der wird sich 
auch hier eher zurechtfinden. Die Fensterstäbe, von Glas- 
tafeln zurückgeworfen, zeigen sich doppelt und lassen sich 
bei mehrerer Stärke der Tafel und vergrößertem Zurück- 
werfungswinkel gegen das Auge völlig trennen. So zeigt 
auch ein Gefäß voll Wasser mit flachem spiegelndem Bo- 
den die ihm vorgehaltnen Gegenstände doppelt und nach 
Verhältnis mehr oder weniger voneinander getrennt; wo- 
bei zu bemerken ist, daß da, wo beide Bilder einander 
decken, eigentlich das vollkommen lebhafte Bild ent- 
steht, wo es aber auseinander tritt und doppelt wird, sich 



9 6 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

nun mehr schwache, durchscheinende und gespenster- 
hafte Bilder zeigen. 

225. Will man wissen, welches das untere und welches 
das obere Bild sei, so nehme man gefärbte Mittel, da 
denn ein helles Bild, das von der untern Fläche zurück- 
geworfen wird, die Farbe des Mittels, das aber von der 
obem zurückgeworfen wird, die geforderte Farbe hat. 
Umgekehrt ist es mit dunklen Bildern, weswegen man auch 
hier schwarze und weiße Tafeln sehr wohl brauchen 
kann. Wie leicht die Doppelbilder sich Farbe mitteilen 
lassen, Farbe hervorrufen, wird auch hier wieder auffal- 
lend sein. 

226. Drittens kann man die primären Bilder auch als 
Hauptbilder ansehen und ihnen die sekundären als Neben- 
bilder gleichsam anfügen. Ein solches Nebenbild ist eine 
Art von Doppelbild, nur daß es sich von dem Hauptbilde 
nicht trennen läßt, ob es sich gleich immer von demsel- 
ben zu entfernen strebt. Von solchen ist nun bei den 
prismatischen Erscheinungen die Rede. 

227. Das unbegrenzt durch Refraktion Gesehene zeigt 
keine Farbenerscheinung (195). Das Gesehene muß be- 
grenzt sein. Es wird daher ein Bild gefordert; dieses Bild 
wird durch Refraktion verrückt, aber nicht vollkommen, 
nicht rein, nicht scharf verrückt, sondern unvollkommen, 
dergestalt, daß ein Nebenbild entstehet. 

228. Bei einer jeden Erscheinung der Natur, besonders 
aber bei einer bedeutenden, auffallenden, muß man nicht 
stehen bleiben, man muß sich nicht an sie heften, nicht 
an ihr kleben, sie nicht isoliert betrachten, sondern in 
der ganzen Natur umhersehen, wo sich etwas Ähnliches, 
etwas Verwandtes zeigt: denn nur durch Zusammenstellen 
des Verwandten entsteht nach und nach eine Totalität, die 
sich selbst ausspricht und keiner weitern Erklärung bedarf. 

229. Wir erinnern uns also hier, daß bei gewissen Fäl- 
len Refraktion unleugbare Doppelbilder hervorbringt, 
wie es bei dem sogenannten Isländischen Kristalle der 
Fall ist. Dergleichen Doppelbilder entstehen aber auch 
bei Refraktion durch große Bergkristalle imd sonst, Phä- 
nomene, die noch nicht genugsam beobachtet sind. 



II. PHYSISCHE FARBEN 97 

230. Da nun aber in gedachtem Falle (227) nicht von 
Doppel-, sondern von Nebenbildern die Rede ist, so ge- 
denken wir einer von uns schon dargelegten, aber noch 
nicht vollkommen ausgeführten Erscheinung. Man er- 
innere sich jener frühern Erfahrung, daß ein helles Bild 
mit einem dunklen Grunde, ein dunkles mit einem hellen 
Grunde schon in Absicht auf unsre Retina in einer Art 
von Konflikt stehe (16). Das Helle erscheint in diesem 
Falle größer, das Dunkle kleiner. 

231. Bei genauer Beobachtung dieses Phänomens läßt 
sich bemerken, daß die Bilder nicht scharf vom Grunde 
abgeschnitten, sondern mit einer Art von grauem, einiger- 
maßen gefärbtem Rande, mit einem Nebenbild erschei- 
nen. Bringen nun Bilder schon in dem nackten Auge 
solche Wirkungen hervor, was wird erst geschehen, wenn 
ein dichtes Mittel dazwischen tritt! Nicht das allein, was 
uns im höchsten Sinne lebendig erscheint, übt Wirkungen 
aus und erleidet sie, sondern auch alles, was nur irgend- 
einen Bezug aufeinander hat, ist wirksam aufeinander, und 
zwar oft in sehr hohem Maße. 

232. Es entstehet also, wenn die Refraktion auf ein Bild 
wirkt, an dem Hauptbilde ein Nebenbild, und zwar scheint 
es, daß das wahre Bild einigermaßen zurückbleibe und 
sich dem Verrücken gleichsam widersetze. Ein Neben- 
bild aber in der Richtung, wie das Bild durch Refraktion 
über sich selbst und über den Grund hin bewegt wird, 
eilt vor, und zwar schmäler oder breiter, wie oben schon 
ausgeführt worden (212 — 216). 

233. Auch haben wir bemerkt (224), daß Doppelbilder 
als halbierte Bilder, als eine Art von durchsichtigem Ge- 
spenst erscheinen, so wie sich die Doppelschatten jedes- 
mal als Halbschatten zeigen müssen. Diese nehmen die 
Farbe leicht an und bringen sie schnell hervor (69), jene 
gleichfalls (80). Und eben der Fall tritt auch bei den 
Nebenbildern ein, welche zwar von dem Hauptbilde nicht 
ab-, aber auch als halbierte Bilder aus demselben hervor- 
treten und daher so schnell, so leicht und so energisch 
gefärbt erscheinen können. 

234. Daß nun die prismatische Farbenerscheinung ein 
GOETHE xvn 7. 



9 8 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 
Nebenbild sei, davon kann man sich auf mehr als eine 
Weise überzeugen. Es entsteht genau nach der Form des 
Hauptbildes. Dieses sei nun gerade oder im Bogen be- 
grenzt, gezackt oder wellenförmig: durchaus hält sich das 
Nebenbild genau an den Umriß des Hauptbildes. 

235. Aber nicht allein die Form des wahren Bildes, son- 
dern auch andre Bestimmungen desselben teilen sich dem 
Nebenbilde mit. Schneidet sich das Hauptbild scharf 
vom Grunde ab, wie Weiß auf Schwarz, so erscheint das 
farbige Nebenbild gleichfalls in seiner höchsten Energie. 
Es ist lebhaft, deutlich und gewaltig. Am allermächtig- 
sten aber ist es, wenn ein leuchtendes Bild sich auf einem 
dunkeln Grunde zeigt, wozu man verschiedene Vorrich- 
tungen machen kann. 

236. Stuft sich aber das Hauptbild schwach von dem 
Grunde ab, wie sich graue Bilder gegen Schwarz und 
Weiß oder gar gegeneinander verhalten, so ist auch das 
Nebenbild schwach und kann bei einer geringen Diffe- 
renz von Tinten beinahe unmerkHch werden. 

237. So ist es ferner höchst merkwürdig, was an farbigen 
Bildern auf hellem, dunklem oder farbigem Grunde be- 
obachtet wird. Hier entsteht ein Zusammentritt der Farbe 
des Nebenbildes mit der realen Farbe des Hauptbildes, 
und es erscheint daher eine zusammengesetzte, entweder 
durch Übereinstimmung begünstigte oder durch Wider- 
wärtigkeit verkümmerte Farbe. 

238. Überhaupt aber ist das Kennzeichen des Doppel- 
und Nebenbildes die Halbdurchsichtigkeit. Man denke 
sich daher innerhalb eines durchsichtigen Mittels, dessen 
innre Anlage, nur halbdurchsichtig, nur durchscheinend 
zu werden, schon oben ausgeführt ist (147), man denke 
sich innerhalb desselben ein halbdurchsichtiges Schein- 
bild, so wird man dieses sogleich für ein trübes Bild an- 
sprechen. 

239. Und so lassen sich die Farben bei Gelegenheit der 
Refraktion aus der Lehre von den trüben Mitteln gar 
bequem ableiten. Denn wo der voreilende Saum des 
trüben Nebenbildes sich vom Dunklen über das Helle 
zieht, erscheint das Gelbe; umgekehrt, wo eine helle ' 



IL PHYSISCHE FARBEN 99 

Grenze über die dunkle Umgebung hinaustritt, erscheint 
das Blaue (150. 151). 

240. Die voreilende Farbe ist immer die breitere. So 
greift die gelbe über das Licht mit einem breiten Saume; 
da, wo sie aber an das Dunkle gi-enzt, entsteht, nach der 
Lehre der Steigerung und Beschattung, das Gelbrote als 
ein schmälerer Rand. 

241. An der entgegengesetzten Seite hält sich das ge- 
drängte Blau an der Grenze, der vorstrebende Saum 
aber, als ein leichtes Trübes über das Schwarze verbrei- 
tet, läßt uns die violette Farbe sehen, nach ebenden- 
selben Bedingungen, welche oben bei der Lehre von den 
trüben Mitteln angegeben worden, und welche sich künf- 
tig in mehreren andern Fällen gleichmäßig wirksam zeigen 
werden. 

242. Da eine Ableitung wie die gegenwärtige sich eigent- 
lich vor dem Anschauen des Forschers legitimieren muß, 
so verlangen wir von jedem, daß er sich nicht auf eine 
flüchtige, sondern gründhche Weise mit dem bisher Vor- 
geführten bekannt mache. Hier werden nicht willkürliche 
Zeichen, Buchstaben, und was man sonst belieben möchte, 
statt der Erscheinungen hingestellt; hier werden nicht 
Redensarten überliefert, die man hundertmal wiederholen 
kann, ohne etwas dabei zu denken noch jemanden etwas 
dadurch denken zu machen, sondern es ist von Erschei- 
nungen die Rede, die man vor den Augen des Leibes 
und des Geistes gegenwärtig haben muß, um ihre Ab- 
kunft, ihre Herleitung sich und andern mit Klarheit ent- 
wickeln zu können. 

XVI. Abnahme der farbigen Erscheinmig 

243. Da man jene vorschreitenden fünf Bedingungen 
(210), unter welchen die Farbenerscheinung zunimmt, 
nur rückgängig annehmen darf, um die Abnahme des 
Phänomens leicht einzusehen und zu bewirken, so wäre 
nur noch dasjenige, was dabei das Auge gewahr wird, 
kürzlich zu beschreiben und durchzuführen. 

244. Auf dem höchsten Punkte wechselseitiger Deckung 



I o o DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

der entgegengesetzten Ränder erscheinen die Farben fol- 
gendermaßen (216): 

Gelbrot Blau 

Grün Purpur 

Blaurot Gelb. 

245. Bei minderer Deckung zeigt sich das Phänomen 
folgendermaßen (214. 215): 

Gelbrot Blau 

Gelb Blaurot 

Grün Purpur 

Blau Gelbrot 

Blaurot Gelb. 

Hier erscheinen also die Bilder noch völlig gefärbt; aber 
diese Reihen sind nicht als ursprüngliche, stetig sich aus- 
einander entwickelnde, stufen- und skalenartige Reihen 
anzusehen; sie können und müssen vielmehr in ihre Ele- 
mente zerlegt werden, wobei man denn ihre Natur und 
Eigenschaft besser kennen lernt. 

246. Diese Elemente aber sind (199. 200. 201): 

Gelbrot Blau 

Gelb Blaurot 

Weißes Schwarzes 

Blau Gelbrot 

Blaurot Gelb. 

Hier tritt nun das Hauptbild, das bisher ganz zugedeckt 
und gleichsam verloren gewesen, in der Mitte der Er- 
scheinung wieder hervor, behauptet sein Recht und läßt 
uns die sekundäre Natur der Nebenbilder, die sich als 
Ränder und Säume zeigen, völlig erkennen. 

247. Es hängt von uns ab, diese Ränder und Säume so 
schmal werden zu lassen, als es uns beliebt, ja noch Re- 
fraktion übrig zu behalten, ohne daß uns deswegen eine 
Farbe an der Grenze erschiene. 

Dieses nunmehr genugsam entwickelte farbige Phänomen 
lassen wir denn nicht als ein ursprüngliches gelten, son- 
dern wir haben es auf ein früheres und einfacheres zu- 
rückgeführt und solches aus dem Urphänomen des Lichtes 



IL PHYSISCHE FARHEN loi 

und der Finsternis, durch die Trübe vermittelt, in Ver- 
bindung mit der Lehre von den sekundären Bildern ab- 
geleitet, und so gerüstet werden wir die Erscheinungen, 
welche graue und farbige Bilder, durch Brechung ver- 
rückt, hervorbringen, zuletzt umständlich vortragen und 
damit den Abschnitt subjektiver Erscheinungen völlig ab- 
schheßen. 

XVII. Graue Bilder durch Brechung verrückt 

248. Wir haben bisher nur schwarze und weiße Bilder 
auf entgegengesetztem Grunde durchs Prisma betrachtet, 
weil sich an denselben die farbigen Ränder und Säume 
am deutlichsten ausnehmen. Gegenwärtig wiederholen wir 
jene Versuche mit grauen Bildern und finden abermals 
die bekannten Wirkungen. 

249. Nannten wir das Schwarze den Repräsentanten der 
Finsternis, das Weiße den Stellvertreter des Lichts (18), 
so können wir sagen, daß das Graue den Halbschatten 
repräsentiere, welcher mehr oder weniger an Licht tmd 
Finsternis teilnimmt und also zwischen beiden innesteht 
(36). Zu unserm gegenwärtigen Zwecke rufen wir fol- 
gende Phänomene ins Gedächtnis. 

250. Graue Bilder erscheinen heller auf schwarzem als 
auf weißem Grunde (33) und erscheinen in solchen Fäl- 
len als ein Helles auf dem Schwarzen größer, als ein 
Dunkles auf dem Weißen kleiner (i 6), 

251. Je dunkler das Grau ist, desto mehr erscheint es 
als ein schwaches Bild auf Schwarz, als ein starkes Bild 
auf Weiß, und umgekehrt; daher gibt Dunkelgrau auf 
Schwarz nur schwache, dasselbe auf Weiß starke, Hellgrau 
auf Weiß schwache, auf Schwarz starke Nebenbilder. 

252. Grau auf Schwarz wird uns durchs Prisma jene 
Phänomene zeigen, die wir bisher mit Weiß auf Schwarz 
hervorgebracht haben; die Ränder werden nach eben- 
der Regel gefärbt, die Säume zeigen sich nur schwächer. 
Bringen wir Grau auf Weiß, so erbhcken wir ebendie 
Ränder und Säume, welche hervorgebracht wurden, wenn 
wir Schwarz auf Weiß durchs Prisma betrachteten. 



I o 2 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

253. Verschiedene Schattierungen von Grau, stufenweise 
aneinander gesetzt, werden, je nachdem man das Dunk- 
lere oben- oder untenhin bringt, entweder nur Blau und 
Violett oder nur Rot und Gelb an den Rändern zeigen, 

254. Eine Reihe grauer Schattierungen, horizontal an- 
einander gestellt, wird, wie sie oben oder unten an eine 
schwarze oder weiße Fläche stößt, nach den bekannten 
Regeln gefärbt. 

255. Auf der zu diesem Abschnitt bestimmten, von jedem 
Naturfreund für seinen Apparat zu vergrößernden Tafel 
kann man diese Phänomene durchs Prisma mit einem 
Blicke gewahr werden. 

256. Höchst wichtig aber ist die Beobachtung und Be- 
trachtung eines grauen Bildes, welches zwischen einer 
schwarzen und einer weißen Fläche dergestalt angebcacht 
ist, daß die TeilungsHnie vertikal durch das Bild durch- 
geht. 

257. An diesem grauen Bilde werden die Farben nach 
der bekannten Regel, aber nach dem verschiedenen Ver- 
hältnisse des Hellen zum Dunklen auf einer Linie entgegen- 
gesetzt erscheinen. Denn indem das Graue zum Schwar- 
zen sich als hell zeigt, so hat es oben das Rote und Gelbe, 
unten das Blaue imd Violette. Indem es sich zum Weißen 
als dunkel verhält, so sieht man oben den blauen und 
violetten, unten hingegen den roten und gelben Rand. 
Diese Beobachtung wird für die nächste Abteilung höchst 
wichtig. 

XVIII. Farbige Bilder durch Brechung verrückt 

258. Eine farbige große Fläche zeigt innerhalb ihrer 
selbst, so wenig als eine schwarze, weiße oder graue, 
irgendeine prismatische Farbe, es müßte denn zufällig 
oder vorsätzlich auf ihr Hell und Dunkel abwechseln. Es 
sind also auch nvu: Beobachtungen durchs Prisma an far- 
bigen Flächen anzustellen, insofern sie durch einen Rand 
von einer andern verschieden tingierten Fläche abgeson- 
dert werden, also auch nur an farbigen Bildern. 

259. Es kommen alle Farben, welcher Art sie auch sein 



IL PHYSISCHE FARBEN 103 

mögen, darin mit dem Grauen iiberein, daß sie dunkler 
als Weiß und heller als Schwarz erscheinen. Dieses Schat- 
tenhafte der Farbe (o'/.UQ6i') ist schon früher angedeutet 
worden (69) und wird uns immer bedeutender werden. 
Wenn wir also vorerst farbige Bilder auf schwarze und 
weiße Flächen bringen und sie durchs Prisma betrachten, 
so werden wir alles, was wir bei grauen Flächen bemerkt 
haben, hier abermals finden. 

260. Verrücken wir ein farbiges Bild, so entsteht wie 
bei farblosen Bildern, nach ebenden Gesetzen, ein Neben- 
bild. Dieses Nebenbild behält, was die Farbe betrifft, 
seine ursprüngliche Natur bei und wirkt auf der einen 
Seite als ein Blaues und Blaurotes, auf der entgegenge- 
setzten als ein Gelbes und Gelbrotes. Daher muß der 
Fall eintreten, daß die Scheinfarbe des Randes und des 
Saumes mit der realen Farbe eines farbigen Bildes homo- 
gen sei; es kann aber auch im andern Falle das mit einem 
Pigment gefärbte Bild mit dem erscheinenden Rand und 
Saum sich heterogen finden. In dem ersten Falle identi- 
fiziert sich das Scheinbild mit dem wahren und scheint 
dasselbe zu vergrößern, dahingegen in dem zweiten Falle 
das wahre Bild durch das Scheinbild verunreinigt, un- 
deutlich gemacht und verkleinert werden kann. Wir wol- 
len die Fälle durchgehen, wo diese Wirkungen sich am 
sonderbarsten zeigen. 

261. Man nehme die zu diesen Versuchen vorbereitete 
Tafel vor sich und betrachte das rote und blaue Viereck 
auf schwarzem Grunde nebeneinander nach der gewöhn- 
lichen Weise durchs Prisma, so werden, da beide Farben 
heller sind als der Grund, an beiden sowohl oben als 
unten gleiche farbige Ränder und Säume entstehen, nur 
werden sie dem Auge des Beobachters nicht gleich deut- 
hch erscheinen. 

262. Das Rote ist verhältnismäßig gegen das Schwarze 
viel heller als das Blaue. Die Farben der Ränder werden 
also an dem Roten stärker als an dem Blauen erscheinen, 
welches hier wie ein Dunkelgraues wirkt, das wenig von 
dem Schwarzen unterschieden ist (251). 

263. Der obere rote Rand wird sich mit der Zinnober- 



1 04 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

färbe des Vierecks identifizieren, und so wird das rote 
Viereck hinaufwärts ein wenig vergrößert erscheinen; der 
gelbe herabwärtsstrebende Saum aber gibt der roten Fläche 
nur einen höhern Glanz und wird erst bei genauerer Auf- 
merksamkeit bemerkbar. 

264. Dagegen ist der rote Rand und der gelbe Saum mit 
dem blauen Viereck heterogen; es wird also an dem Rande 
eine schmutzigrote und hereinwärts in das Viereck eine 
schmutziggrüne Farbe entstehen, und so wird beim flüch- 
tigen Anblick das blaue Viereck von dieser Seite zu ver- 
lieren scheinen. 

265. An der untern Grenze der beiden Vierecke wird 
ein blauer Rand und ein violetter Saum entstehen und 
die entgegengesetzte Wirkung hervorbringen. Denn der 
blaue Rand, der mit der Zinnoberfläche heterogen ist, 
wird das Gelbrote beschmutzen und eine Art von Grün 
hervorbringen, so daß das Rote von dieser Seite verkürzt 
und hinaufgerückt erscheint und der violette Saum nach 
dem Schwarzen zu kaum bemerkt wird. 

266. Dagegen wird der blaue Scheinrand sich mit der 
blauen Fläche identifizieren, ihr nicht allein nichts neh- 
men, sondern vielmehr noch geben, und dieselbe wird 
also dadurch und durch den violetten benachbarten Saum 
dem Anscheine nach vergrößert und scheinbar herunter- 
gerückt werden. 

267. Die Wirkung der homogenen und heterogenen Rän- 
der, wie ich sie gegenwärtig genau beschrieben habe, ist 
so mächtig und so sonderbar, daß einem flüchtigen Be- 
schauer beim ersten Anblicke die beiden Vierecke aus ihrer 
wechselseitig horizontalen Lage geschoben und im ent- 
gegengesetzten Sinne verrückt scheinen, das Rote hin- 
aufwärts, das Blaue herabwärts. Doch niemand, der in 
einer gewissen Folge zu beobachten. Versuche aneinan- 
der zu knüpfen, auseinander herzuleiten versteht, wird 
sich von einer solchen Schein Wirkung täuschen lassen. 

268. Eine richtige Einsicht in dieses bedeutende Phäno- 
men wird aber dadurch erleichtert, daß gewisse scharfe, 
ja ängstliche Bedingungen nötig sind, wenn diese Täu- 
schung stattfinden soll. Man muß nämlich zu dem roten 



IL PHYSISCHE FARBEN 105 

Viereck ein mit Zinnober oder dem besten Mennig, zu 
dem blauen ein mit Indig recht satt gefärbtes Papier be- 
sorgen. Alsdann verbindet sich der blaue und rote pris- 
matische Rand da, wo er homogen ist, unmerklich mit 
dem Bilde; da, wo er heterogen ist, beschmutzt er die 
Farbe des Vierecks, ohne eine sehr deutliche Mittelfarbe 
hervorzubringen. Das Rot des Vierecks darf nicht zu sehr 
ins Gelbe fallen, sonst wird oben der dunkelrote Schein- 
rand zu sehr bemerklich; es muß aber von der andern 
Seite genug vom Gelben haben, sonst wird die Verände- 
rung durch den gelben Saum zu deutlich. Das Blaue darf 
nicht hell sein, sonst wird der rote Rand sichtbar und 
der gelbe Saum bringt zu offenbar ein Grün hervor, und 
man kann den imtern violetten Saum nicht mehr für die 
verrückte Gestalt eines hellblauen Vierecks ansehen oder 
ausgeben. 

269. Von allem diesem wird künftig umständlicher die 
Rede sein, wenn wir vom Apparate zu dieser Abteilung 
handeln werden. Jeder Naturforscher bereite sich die Ta- 
feln selbst, um dieses Taschenspielerstückchen hervor- 
bringen zu können und sich dabei zu überzeugen, daß die 
farbigen Ränder selbst in diesem Falle einer geschärften 
Aufmerksamkeit nicht entgehen können. 

270. Indessen sind andere mannigfaltige Zusammenstel- 
lungen, wie sie unsre Tafel zeigt, völlig geeignet, allen 
Zweifel über diesen Punkt jedem Aufmerksamen zu be- 
nehmen, 

271. Man betrachte dagegen ein weißes, neben dem 
blauen stehendes Viereck auf schwarzem Grunde, so wer- 
den an dem weißen, welches hier an der Stelle des roten 
steht, die entgegengesetzten Ränder in ihrer höchsten 
Energie sich zeigen. Es erstreckt sich an demselben der 
rote Rand fast noch mehr als oben am roten selbst über 
die Horizontallinie des blauen hinauf; der untere blaue 
Rand aber ist an dem weißen in seiner ganzen Schöne 
sichtbar; dagegen verliert er sich in dem blauen Viereck 
durch Identifikation. Der violette Saum hinabwärts ist 
viel deutlicher an dem weißen als an dem blauen. 

272. Man vergleiche nvm die mit Fleiß übereinander ge- 



I o6 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

stellten Paare gedachter Vierecke, das rote mit dem wei- 
ßen, die beiden blauen Vierecke miteinander, das blaue 
mit dem roten, das blaue mit dem weißen, und man wird 
die Verhältnisse dieser Flächen zu ihren farbigen Rän- 
dern und Säumen deutlich einsehen. 

273. Noch auffallender erscheinen die Ränder und ihre 
Verhältnisse zu den farbigen Bildern, wenn man die far- 
bigen Vierecke und das schwarze auf weißem Grunde be- 
trachtet. Denn hier fällt jene Täuschung völlig weg, und 
die Wirkungen der Ränder sind so sichtbar, als wir sie 
nur in irgendeinem andern Falle bemerkt haben. Man be- 
trachte zuerst das blaue und rote Viereck durchs Prisma. 
An beiden entsteht der blaue Rand nunmehr oben. Die- 
ser, homogen mit dem blauen Bilde, verbindet sich dem- 
selben und scheint es in die Höhe zu heben, nur daß der 
hellblaue Rand oberwärts zu sehr absticht. Der violette 
Saum ist auch herabwärts ins Blaue deutlich genug. Eben- 
dieser obere blaue Scheinrand ist nun mit dem roten 
Viereck heterogen, er ist in der Gegenwirkung begrififen 
und kamn sichtbar. Der violette Saum indessen bringt, 
verbunden mit dem Gelbroten des Bildes, eine Pfirsich- 
blütfarbe zuwege. 

274. Wenn nun aus der angegebenen Ursache die oberen 
Ränder dieser Vierecke nicht horizontal erscheinen, so 
erscheinen die untern desto gleicher: denn indem beide 
Farben, die rote und die blaue, gegen das Weiße gerech- 
net, dunkler sind, als sie gegen das Schwarze hell waren, 
welches besonders von der letztern gilt, so entsteht unter 
beiden der rote Rand mit seinem gelben Saume sehr 
deutlich. Er zeigt sich unter dem gelbroten Bilde in sei- 
ner ganzen Schönheit und unter dem dunkelblauen bei- 
nahe, wie er unter dem schwarzen erschien; wie man be- 
merken kann, wenn man abermals die übereinander ge- 
setzten Bilder und ihre Ränder und Säume vergleicht. 

275. Um nun diesen Versuchen die größte Mannigfaltig- 
keit und Deutlichkeit zu geben, sind Vierecke von ver- 
schiedenen Farben in der Mitte der Tafel dergestalt an- 
gebracht, daß die Grenze des Schwarzen und Weißen 
vertikal durch sie durchgeht. Man wird sie, nach jenen 



IL PHYSISCHE FARBEN 107 

uns überhaupt und besonders bei farbigen Bildern genug- 
sam bekannt gewordenen Regeln, an jedem Rand zwie- 
fach gefärbt finden, und die Vierecke werden in sich 
selbst entzwei gerissen und hinauf- oder herunterwärts ge- 
rückt erscheinen. Wir erinnern uns hiebei jenes grauen, 
gleichfalls auf der Grenzscheidung des Schwarzen und 
Weißen beobachteten Bildes (257). 

276. Da nun das Phänomen, das wir vorhin an einem 
roten und blauen Viereck auf schwarzem Grunde bis zur 
Täuschung gesehen haben, das Hinauf- und Hinabrücken 
zweier verschieden gefärbten Bilder uns hier an zwei 
Hälften eines und desselben Bildes von einer und der- 
selben Farbe sichtbar wird, so werden wir dadurch aber- 
mals auf die farbigen Ränder, ihre Säume und auf die 
Wirkungen ihrer homogenen und heterogenen Natur hin- 
gewiesen, wie sie sich zu den Bildern verhält, an denen 
die Erscheinung vorgeht. 

Ich überlasse den Beobachtern, die mannigfaltigen Schat- 
tierungen der halb auf Schwarz, halb auf Weiß ange- 
brachten farbigen Vierecke selbst zu vergleichen, und be- 
merke nur noch die widersinnige scheinbare Verzerrung, 
da Rot und Gelb auf Schwarz hinaufwärts, auf Weiß her- 
unterwärts, Blau auf Schwarz herunterwärts und auf Weiß 
hinaufwärts gezogen scheinen, welches doch alles dem 
bisher weitläuftig Abgehandelten gemäß ist. 

277. Nun stelle der Beobachter die Tafel dergestalt vor 
sich, daß die vorgedachten, auf der Grenze des Schwar- 
zen und Weißen stehenden Vierecke sich vor ihm in einer 
horizontalen Reihe befinden und daß zugleich der schwarze 
Teil oben, der weiße aber unten sei. Er betrachte durchs 
Prisma jene Vierecke, und er wird bemerken, daß das rote 
Viereck durch den Ansatz zweier roten Ränder gewinnt; 
er wird bei genauer Aufmerksamkeit den gelben Saum 
auf dem roten Bilde bemerken, und der untere gelbe Saum 
nach dem Weißen zu wird völlig deutlich sein, 

278. Oben an dem gelben Viereck ist der rote Rand sehr 
merklich, weil das Gelbe als hell gegen das Sch^warz ge- 
nugsam absticht. Der gelbe Saum identifiziert sich mit 
der gelben Fläche, nur wird solche etwas schöner da- 



I o 8 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEII . 

durch; der untere Rand zeigt nur wenig Rot, weil das 
helle Gelb gegen das Weiße nicht genugsam absticht. 
Der untere gelbe Saum aber ist deutlich genug. 

279. An dem blauen Viereck hingegen ist der obere rote 
Rand kaum sichtbar; der gelbe Saum bringt henmterwärts 
ein schmutziges Grün im Bilde hervor; der untere rote 
Rand und der gelbe Saum zeigen sich in lebhaften Far- 
ben. 

280. Bemerkt man nun in diesen Fällen, daß das rote 
Bild durch einen Ansatz auf beiden Seiten zu gewinnen, 
das dunkelblaue von einer Seite wenigstens zu verlieren 
scheint, so wird man, wenn man die Pappe umkehrt, so 
daß der weiße Teil sich oben, der schwarze sich unten 
befindet, das umgekehrte Phänomen erblicken. 

281. Denn da nunmehr die homogenen Ränder und Säume 
an den blauen Vierecken oben und unten entstehen, so 
scheinen diese vergrößert, ja ein Teil der Bilder selbst 
schöner gefärbt, und nur eine genaue Beobachtung wird 
die Ränder und Säume von der Farbe der Fläche selbst 
unterscheiden lehren. 

282. Das gelbe und rote dagegen werden in dieser 
Stellung der Tafel von den heterogenen Rändern einge- 
schränkt und die Wirkung der Lokalfarbe verkümmert. 
Der obere blaue Rand ist an beiden fast gar nicht sicht- 
bar. Der violette Saum zeigt sich als ein schönes Pfir- 
sichblüt auf dem roten, als ein sehr blasses auf dem gel- 
ben; die beiden imtern Ränder sind grün, an dem roten 
schmutzig, lebhaft an dem gelben; den violetten Saum 
bemerkt man unter dem roten wenig, mehr unter dem 
gelben. 

283. Ein jeder Naturfreund mache sich zur Pflicht, mit 
allen den vorgetragenen Erscheinungen genau bekannt 
zu werden, und halte es nicht für lästig, ein einziges 
Phänomen durch so manche bedingende Umstände durch- 
zuführen. Ja, diese Erfahrungen lassen sich noch ins Un- 
endliche durch Bilder von verschiedenen Farben auf imd 
zwischen verschiedenfarbigen Flächen vervielfältigen. Un- 
ter allen Umständen aber wird jedem Aufmerksamen deut- 
lich werden, daß farbige Vierecke nebeneinander nur des- 



II. PHYSISCHE FARBEN 109 

wegen durch das Prisma verschoben erscheinen, weil ein 
Ansatz von homogenen und heterogenen Rändern eine 
Täuschung hervorbringt. Diese ist man nur alsdann zu 
verbannen fähig, wenn man eine Reihe von Versuchen 
nebeneinander zu stellen und ihre Übereinstimmung dar- 
zutun genügsame Geduld hat. 

Warum wir aber vorstehende Versuche mit farbigen Bil- 
dern, welche auf mehr als eine Weise vorgetragen wer- 
den konnten, gerade so und so umständlich dargestellt, 
wird in der Folge deutlicher werden. Gedachte Phäno- 
mene waren früher zwar nicht unbekannt, aber sehr ver- 
kannt, deswegen wir sie zu Erleichterung eines künftigen 
historischen Vortrags genau entwickeln mußten. 
284. Wir wollen nunmehr zum Schlüsse den Freunden 
der Natur eine Vorrichtung anzeigen, durch welche diese 
Erscheinungen auf einmal deutlich, ja in ihrem größten 
Glänze gesehen werden können. 

Man schneide aus einer Pappe fünf ungefähr einen Zoll 
große, völlig gleiche Vierecke nebeneinander aus, genau 
in horizontaler Linie. Man bringe dahinter fünf farbige 
Gläser in der bekannten Ordnung: Orange, Gelb, Grün, 
Blau, Violett. Man befestige diese Tafel in einer Öffnung 
der Camera obscura, so daß der helle Himmel durch sie 
gesehen wird oder daß die Sonne darauf scheint, und 
man wird höchst energische Bilder vor sich haben. Man 
betrachte sie nun durchs Prisma und beobachte die durch 
jene Versuche an gemalten Bildern schon bekannten Phä- 
nomene, nämlich die teils begünstigenden, teils verküm- 
mernden Ränder und Säume und die dadurch bewirkte 
scheinbare Verrückimg der spezifisch gefärbten Bilder aus 
der horizontalen Linie. 

Das, was der Beobachter hier sehen wird, folgt genugsam 
aus dem früher Abgeleiteten, daher wir es auch nicht 
einzeln abermals durchführen, um so weniger, als wir auf 
diese Erscheinungen zurückzukehren noch öfteren Anlaß 
finden werden. 



1 1 o DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

XIX. Achromasie und Hyperchromasie 

285. In der frühern Zeit, da man noch manches, was in 
der Natur regelmäßig und konstant war, für ein bloßes 
Abirren, für zufällig hielt, gab man auf die Farben weniger 
acht, welche bei Gelegenheit der Refraktion entstehen, 
und hielt sie für eine Erscheinung, die sich von beson- 
dern Nebenumständen herschreiben möchte. 

286. Nachdem man sich aber überzeugt hatte, daß diese 
Farbenerscheinung die Refraktion jederzeit begleite, so 
war es natürlich, daß man sie auch als innig und einzig 
mit der Refraktion verwandt ansah und nicht anders 
glaubte, als daß das Maß der Farbenerscheinung sich nach 
dem Maße der Brechung richten und beide gleichen Schritt 
miteinander halten müßten. 

287. Wenn man also nicht gänzlich, doch einigermaßen 
das Phänomen einer stärkeren oder schwächeren Brechung 
der verschiedenen Dichtigkeit der Mittel zuschrieb, wie 
denn auch reinere atmosphärische Luft, mit Dünsten an- 
gefüllte, Wasser, Glas nach ihren steigenden Dichtig- 
keiten die sogenannte Brechung, die Verrückung des 
Bildes vermehren, so mußte man kaum zweifeln, daß 
auch in selbiger Maße die Farbenerscheinung sich stei- 
gern müsse, und man glaubte völlig gewiß zu sein, daß 
bei verschiedenen Mitteln, welche man im Gegensinne 
der Brechung zueinander brachte, sich, solange Bre- 
chung vorhanden sei, die Farbe zeigen, sobald aber die 
Farbe verschwände, auch die Brechung aufgehoben sein 
müsse. 

288. In späterer Zeit hingegen ward entdeckt, daß dieses 
als gleich angenommene Verhältnis ungleich sei, daß zwei 
Mittel das Bild gleich weit verrücken und doch sehr un- 
gleiche Farbensäume hervorbringen können. 

289. Man fand, daß man zu jener physischen Eigenschaft, 
welcher man die Refraktion zuschrieb, noch eine che- 
mische hinzuzudenken habe (210), wie wir solches künf- 
tig, wenn wir uns chemischen Rücksichten nähern, weiter 
auszuführen denken, so wie wir die nähern Umstände die- 
ser wichtigen Entdeckung in der Geschichte der Farben- 



IL PHYSISCHE FARBEN t i i 

lehre aufzuzeichnen haben. Gegenwärtig sei folgendes 
genug: 

290. Es zeigt sich bei Mitteln von gleicher oder wenig- 
stens nahezu gleicher Brechungskraft der merkwürdige 
Umstand, daß ein Mehr und Weniger der Farbenerschei- 
nung durch eine chemische Behandlung hervorgebracht 
werden kann; das Mehr wird nämlich durch Säuren, das 
Weniger durch Alkalien bestimmt. Bringt man unter eine 
gemeine Glasmasse Metalloxyde, so wird die Farbener- 
scheinung solcher Gläser, ohne daß die Refraktion merk- 
lich verändert werde, sehr erhöht. Daß das Mindere hin- 
gegen auf der alkalischen Seite liege, kann leicht vermutet 
werden. 

291. Diejenigen Glasarten, welche nach der Entdeckung 
zuerst angewendet worden, nennen die Engländer Flint- 
und Crownglas, und zwar gehört jenem ersten die stärkere, 
diesem zweiten die geringere Farbenerscheinung an. 

292. Zu unserer gegenwärtigen Darstellung bedienen wir 
uns dieser beiden Ausdrücke als Kunstwörter und neh- 
men an, daß in beiden die Refraktion gleich sei, das 
Flintglas aber die Farbenerscheinung um ein Drittel stär- 
ker als das Crownglas hervorbringe, wobei wir unserm 
Leser eine gewissermaßen symbolische Zeichnung zur 
Hand geben. 

293. Man denke sich auf einer schwarzen Tafel, welche 
hier des bequemeren Vortrags wegen in Käsen geteilt ist, 
zwischen den Parallellinien ab und cd fünf weiße Vier- 
ecke. Das Viereck Nr. i stehe vor dem nackten Auge 
unverrückt auf seinem Platz. 

294. Das Viereck Nr. 2 aber sei durch ein vor das Auge 
gehaltenes Prisma von Crownglas g um drei Käsen ver- 
rückt und zeige die Farbensäume in einer gewissen Breite; 
ferner sei das Viereck Nr. 3 ^urch ein Prisma von Flint- 
glas \}i\ gleichfalls um drei Käsen heruntergerückt, derge- 
stalt, daß es die farbigen Säume nunmehr um ein Drittel 
breiter als Nr. 2 zeige. 

295. Ferner stelle man sich vor, das Viereck Nr. 4 sei 
eben wie das Nr. 2 durch ein Prisma von Crownglas erst 
drei Käsen verrückt gewesen, dann sei es aber durch ein 



1 1 2 DER FARBENJ.EHRE DIDAKTISCHER TEIL 
entgegengestelltes Prisma h von Flintglas wieder auf 
seinen vorigen Fleck, wo man es nun sieht, gehoben 
worden. 

296. Hier hebt sich nun die Refraktion zwar gegenein- 
ander auf; allein da das Prisma h bei der Verrückung 
durch drei Käsen um ein Drittel breitere Farbensäume, 
als dem Prisma g eigen sind, hervorbringt, so muß bei 
aufgehobener Refraktion noch ein Überschuß von Farben- 
saum übrigbleiben, und zwar im Sinne der scheinbaren 
Bewegung, welche das Prisma h dem Bilde erteilt, imd 
folglich umgekehrt, wie wir die Farben an den herabge- 
rückten Nummern 2 und 3 erblicken. Dieses Überschie- 
ßende der Farbe haben wir Hyperchromasie genannt, 
woraus sich denn die Achromasie unmittelbar folgern 
läßt. 

297. Denn gesetzt, es wäre das Viereck Nr. 5 von seinem 
ersten supponierten Platze wie Nr. 2 durch ein Prisma 
von Crownglas g um drei Käsen heruntergerückt worden, 
so dürfte man nur den Winkel eines Prismas von Flint- 
glas h verkleinern, solches im umgekehrten Sinne an das 
Prisma g anschließen, um das Viereck Nr. 5 zwei Käsen 
scheinbar hinauf zu heben, wobei die Hyperchromasie 
des vorigen Falles wegfiele, das Bild nicht ganz an seine 
erste Stelle gelangte und doch schon farblos erschiene. 
Man sieht auch an den fortpunktierten Linien der zu- 
sammengesetzten Prismen unter Nr. 5, daß ein wirkliches 
Prisma übrigbleibt und also auch auf diesem Wege, so- 
bald man sich die Linien krumm denkt, ein Okularglas 
entstehen kann, wodurch denn die achromatischen Fern- 
gläser abgeleitet sind. 

298. Zu diesen Versuchen, wie wir sie hier vortragen, 
ist ein kleines, aus drei verschiedenen Prismen zusammen- 
gesetztes Prisma, wie solche in England verfertigt wer- 
den, höchst geschickt. Hoffentlich werden künftig unsre 
inländischen Künstler mit diesem notwendigen Instrumente 
jeden Naturfreund versehen. 



IL PHYSISCHE FARBEN 113 

XX. Vorzüge der subjektiven Versuche. Übergang zu den 
objektiven 

299. Wir haben die Farbenerscheinungen, welche sich 
bei Gelegenheit der Refraktion sehen lassen, zuerst durch 
subjektive Versuche dargestellt und das Ganze in sich 
dergestalt abgeschlossen, daß wir auch schon jene Phäno- 
mene aus der Lehre von den trüben Mitteln und Doppel- 
bildern ableiteten. 

300. Da bei Vorträgen, die sich auf die Natur beziehen, 
doch alles auf Sehen und Schauen ankommt, so sind diese 
Versuche um desto erwünschter, als sie sich leicht imd 
bequem anstellen lassen. Jeder Liebhaber kann sich den 
Apparat ohne große Umstände und Kosten anschaffen, 
ja, wer mit Papparbeiten einigermaßen umzugehen weiß, 
einen großen Teil selbst verfertigen. Wenige Tafeln, auf 
welchen schwarze, weiße, graue und farbige Bilder auf 
hellem und dunkelm Grunde abwechseln, sind dazu hin- 
reichend. Man stellt sie unverrückt vor sich hin, be- 
trachtet bequem und anhaltend die Erscheinungen an 
dem Rande der Bilder; man entfernt sich, man nähert 
sich wieder und beobachtet genau den Stufengang des 
Phänomens. 

301. Ferner lassen sich auch durch geringe Prismen, die 
nicht von dem reinsten Glase sind, die Erscheinungen 
noch deutlich genug beobachten. Was jedoch wegen die- 
ser Glasgerätschaften noch zu wünschen sein möchte, wird 
in dem Abschnitt, der den Apparat abhandelt, umständ- 
lich zu finden sein. 

302. Ein Hauptvorteil dieser Versuche ist sodann, daß 
man sie zu jeder Tageszeit anstellen kann, in jedem Zim- 
mer, es sei nach einer Weltgegend gerichtet, nach wel- 
cher es wolle; man braucht nicht auf Sonnenschein zu 
warten, der einem nordischen Beobachter überhaupt nicht 
reichlich gewogen ist. 

Die objektiven Versuche 

303. verlangen hingegen notwendig den Sonnenschein, 
der, wenn er sich auch einstellt, nicht immer den wün- 

GOETHE XVII 8. 



1 1 4 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

sehenswerten Bezug auf den ihm entgegengestellten Ap- 
parat haben kann. Bald steht die Sonne zu hoch, bald 
zu tief, und doch auch nur kurze Zeit in dem Meridian 
des am besten gelegenen Zimmers. Unter dem Beobachten 
weicht sie; man muß mit dem Apparat nachrücken, wo- 
durch in manchen Fällen die Versuche unsicher werden. 
Wenn die Sonne durchs Prisma scheint, so offenbart sie 
alle Ungleichheiten, innere Fäden und Bläschen des Gla- 
ses, wodurch die Erscheinung verwirrt, getrübt und miß- 
färbig gemacht wird, 

304. Doch müssen die Versuche beider Arten gleich ge- 
nau bekannt sein. Sie scheinen einander entgegengesetzt 
und gehen immer miteinander parallel; was die einen 
zeigen, zeigen die andern auch, und doch hat jede Art 
wieder ihre Eigenheiten, wodurch gewisse Wirkungen der 
Natur auf mehr als eine Weise oifenbar werden. 

305. Sodann gibt es bedeutende Phänomene, welche 
man durch Verbindung der subjektiven und objektiven 
Versuche hervorbringt. Nicht weniger gewähren uns die 
objektiven den Vorteil, daß wir sie meist durch Linear- 
zeichnungen darstellen und die innern Verhältnisse des 
Phänomens auf unsern Tafeln vor Augen legen können. 
Wir säumen daher nicht, die objektiven Versuche sogleich 
dergestalt vorzutragen, daß die Phänomene mit den sub- 
jektiv vorgestellten durchaus gleichen Schritt halten; des- 
wegen wir auch neben der Zahl eines jeden Paragraphen 
die Zahl der früheren in Parenthese unmittelbar anfügen. 
Doch setzen wir im ganzen voraus, daß der Leser sich 
mit den Tafeln, der Forscher mit dem Apparat bekannt 
mache, damit die Zwillingsphänomene, von denen die 
Rede ist, auf eine oder die andere Weise dem Liebhaber 
vor Augen seien. 

XXI. Refraktion ohne Farbenerscheinung 

306 (195. 196). Daß die Refraktion ihre Wirkung äußre, 
ohne eine Farbenerscheinung hervorzubringen, ist bei ob- 
jektiven Versuchen nicht so vollkommen als bei subjek- 
tiven darzutun. Wir haben zwar unbegrenzte Räume, nach 



IL PHYSISCHE FARBEN 1 1 5 

welchen wir durchs Prisma schauen und uns überzeugen 
können, daß ohne Grenze keine Farbe entstehe; aber wir 
haben kein unbegrenzt Leuchtendes, welches wir könnten 
aufs Prisma wirken lassen. Unser Licht kommt uns von 
begrenzten Körpern, und die Sonne, welche unsre mei- 
sten objektiven prismatischen Erscheinungen hervorbringt, 
ist ja selbst nur ein kleines begrenzt leuchtendes Bild. 
307. Indessen können wir jede größere Öffnung, durch 
welche die Sonne durchscheint, jedes größere Mittel, wo- 
durch das Sonnenlicht aufgefangen und aus seiner Rich- 
tung gebracht wird, schon insofern als unbegrenzt an- 
sehen, indem wir bloß die Mitte der Flächen, nicht aber 
ihre Grenzen betrachten. 

308 (197). Man stelle ein großes Wasserprisma in die 
Sonne, und ein heller Raum wird sich in die Höhe ge- 
brochen an einer entgegengesetzten Tafel zeigen und die 
Mitte dieses erleuchteten Raumes farblos sein. Ebendas- 
selbe erreicht man, wenn man mit Glasprismen, welche 
Winkel von wenigen Graden haben, den Versuch anstellt. 
Ja, diese Erscheinung zeigt sich selbst bei Glasprismen, 
deren brechender Winkel sechzig Grad ist, wenn man nur 
die Tafel nahe genug heranbringt. 

XXII. Bedingungen der Farbenerscheinung 

309 (198). Wenn nun gedachter erleuchteter Raum zwar 
gebrochen, von der Stelle gerückt, aber nicht gefärbt er- 
scheint, so sieht man jedoch an den horizontalen Grenzen 
desselben eine farbige Erscheinung. Daß auch hier die 
Farbe bloß durch Verrückung eines Bildes entstehe, ist 
umständlicher darzutun. 

Das Leuchtende, welches hier wirkt, ist ein Begrenztes, 
und die Sonne wirkt hier, indem sie scheint und strahlt, 
als ein Bild. Man mache die Öffnung in dem Laden der 
Camera obscura so klein, als man kann, immer wird das 
ganze Bild der Sonne hereindringen. Das von ihrer Scheibe 
herströmende Licht wird sich in der kleinsten Öffnung 
kreuzen und den Winkel machen, der ihrem scheinbaren 
Diameter gemäß ist. Hier kommt ein Konus mit der Spitze 



1 1 6 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

außen an, und inwendig verbreitert sich diese Spitze wie- 
der, bringt ein durch eine Tafel aufzufassendes rundes, 
sich durch die Entfernung der Tafel auf immer vergrö- 
ßerndes Bild hervor, welches Bild nebst allen übrigen 
Bildern der äußeren Landschaft auf einer weißen gegen- 
gehaltenen Fläche im dunklen Zimmer umgekehrt er- 
scheint. 

310. Wie wenig also hier von einzelnen Sonnenstrahlen 
oder Strahlenbündeln und -büscheln, von Strahlenzylin- 
dem, -Stäben, und wie man sich das alles vorstellen mag, 
die Rede sein kann, ist auffallend. Zu Bequemlichkeit 
gewisser Lineardarstellungen nehme man das Sonnenlicht 
als parallel einfallend an; aber man wisse, daß dieses nur 
eine Fiktion ist, welche man sich gar wohl erlauben kann 
da, wo der zwischen die Fiktion und die wahre Erschei- 
nung fallende Bruch unbedeutend ist. Man hüte sich 
aber, diese Fiktion wieder zum Phänomen zu machen und 
mit einem solchen fingierten Phänomen weiter fort zu 
operieren. 

311. Man vergrößre nunmehr die Öffnung in dem Fenster- 
laden, so weit man will, man mache sie rund oder vier- 
eckt, ja man öffne den Laden ganz und lasse die Sonne 
durch den völligen Fensterraum in das Zimmer scheinen: 
der Raum, den sie erleuchtet, wird immer so viel größer 
sein, als der Winkel, den ihr Durchmesser macht, ver- 
langt, und also ist auch selbst der ganze durch das größte 
Fenster von der Sonne erleuchtete Raum nur das Sonnen- 
bild plus der Weite der Öffnung. Wir werden hierauf 
zurückzukehren künftig Gelegenheit finden. 

312 (199). Fangen wir nun das Sonnenbild durch kon- 
vexe Gläser auf, so ziehen wir es gegen den Fokus zu- 
sammen. Hier muß nach den oben ausgeführten Regeln 
ein gelber Saum und ein gelbroter Rand entstehen, wenn 
das Bild auf einem weißen Papiere aufgefangen wird. Weil 
aber dieser Versuch blendend und unbequem ist, so macht 
er sich am schönsten mit dem Bilde des Vollmonds. Wenn 
man dieses durch ein konvexes Glas zusammenzieht, so 
erscheint der farbige Rand in der größten Schönheit: denn 
der Mond sendet an sich schon ein gemäßigtes Licht, und 



II. PHYSISCHE FARBEN 1 1 7 

er kann also um desto eher die Farbe, welche aus Mäßi- 
gung des Lichts entsteht, hervorbringen, wobei zugleich 
das Auge des Beobachters nur leise und angenehm be- 
rührt wird. 

313 (200). Wenn man ein leuchtendes Bild durch kon- 
kave Gläser auffaßt, so wird es vergrößert und also aus- 
gedehnt. Hier erscheint das Bild blau begrenzt. 
314. Beide entgegengesetzte P>scheinungen kann man 
durch ein konvexes Glas sowohl simultan als sukzessiv 
hervorbringen, und zwar simultan, wenn man auf das 
konvexe Glas in der Mitte eine undurchsichtige Scheibe 
klebt und nun das Sonnenbild auffängt. Hier wird nun 
sowohl das leuchtende Bild als der in ihm befindliche 
schwarze Kern zusammengezogen, und so müssen auch 
die entgegengesetzten Farberscheinungen entstehen. Fer- 
ner kann man diesen Gegensatz sukzessiv gewahr werden, 
wenn man das leuchtende Bild erst bis gegen den Fokus 
zusammenzieht, da man denn Gelb und Gelbrot gewahr 
wird, dann aber hinter dem Fokus dasselbe sich ausdeh- 
nen läßt, da es denn sogleich eine blaue Grenze zeigt. 

315 (201). Auch hier gilt, was bei den subjektiven Er- 
fahrungen gesagt worden, daß das Blaue und Gelbe sich 
an und über dem Weißen zeige und daß beide Farben 
einen rötlichen Schein annehmen, insofern sie über das 
Schwarze reichen. 

316 (202. 203). Diese Grunderscheinungen wiederholen 
sich bei allen folgenden objektiven Erfahrungen, so wie 
sie die Grundlage der subjektiven ausmachten. Auch die 
Operation, welche vorgenommen wird, ist ebendieselbe: 
ein heller Rand wird gegen eine dunkle Fläche, eine 
dunkle Fläche gegen eine helle Grenze geführt. Die 
Grenzen müssen einen Weg machen und sich gleichsam 
übereinander drängen, bei diesen Versuchen wie bei 
jenen. 

317 (204). Lassen wir also das Sonnenbild durch eine 
größere oder kleinere Öffnung in die dunkle Kammer, 
fangen wir es durch ein Prisma auf, dessen brechender 
Winkel hier wie gewöhnlich unten sein mag, so kommt 
das leuchtende Bild nicht in gerader Linie nach dem 



1 1 8 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

Fußboden, sondern es wird an eine vertikal gesetzte Tafel 
hinaufgebrochen. Hier ist es Zeit, des Gegensatzes zu 
gedenken, in welchem sich die subjektive und objektive 
Verrückung des Bildes befindet. 

318. Sehen wir durch ein Prisma, dessen brechender 
Winkel sich unten befindet, nach einem in der Höhe be- 
findlichen Bilde, so wird dieses Bild heruntergerückt, an- 
statt daß ein einfallendes leuchtendes Bild von demselben 
Prisma in die Höhe geschoben wird. Was wir hier der 
Kürze wegen nur historisch angeben, läßt sich aus den 
Regeln der Brechimg und Hebung ohne Schwierigkeit ab- 
leiten. 

319. Indem nun also auf diese Weise das leuchtende 
Bild von seiner Stelle gerückt wird, so gehen auch die 
Farbensäume nach den früher ausgeführten Regeln ihren 
Weg. Der violette Saum geht jederzeit voraus und also 
bei objektiven hinaufwärts, wenn er bei subjektiven her- 
unterwärts geht. 

320 (205). Ebenso überzeuge sich der Beobachter von 
der Färbung in der Diagonale, wenn die Verrückung 
durch zwei Prismen in dieser Richtung geschieht, wie bei 
dem subjektiven Falle deutlich genug angegeben; man 
schaffe sich aber hiezu Prismen mit Winkeln von wenigen, 
etwa fünfzehn Graden. 

321 (206. 207). Daß die Färbung des Bildes auch hier 
nach der Richtung seiner Bewegung geschehe, wird man 
einsehen, wenn man eine Öffnung im Laden von mäßiger 
Größe viereckt macht und das leuchtende Bild durch 
das Wasserprisma gehen läßt, erst die Ränder in hori- 
zontaler und vertikaler Richtung, sodann in der diago- 
nalen. 

322 (208). Wobei sich denn abermals zeigen wird, daß 
die Grenzen nicht nebeneinander weg, sondern überein- 
ander geführt werden müssen. 

XXIII. Bedingungen des Zunehmens der Erscheinung 

323 (209). Auch hier bringt eine vermehrte Verrückung 
des Bildes eine stärkere Farbenerscheinung zuwege. 



II. PHYSISCHE FARBEN 1 1 9 

324 (210). Diese vermehrte Verrückung aber hat 
statt: 

i) durch schiefere Richtung des auffallenden leuchtenden 
Bildes auf parallele Mittel; 

2) durch Veränderung der parallelen Form in eine mehr 
oder weniger spitzwinklige; 

3) durch verstärktes Maß des Mittels, des parallelen oder 
winkelhaften, teils weil das Bild auf diesem Wege stärker 
verrückt wird, teils weil eine der Masse angehörige Eigen- 
schaft mit zur Wirkung gelangt; 

4) durch die Entfernung der Tafel von dem brechenden 
Mittel, so daß das heraustretende gefärbte Bild einen 
längeren Weg zurücklegt. 

5) Zeigt sich eine chemische Eigenschaft unter allen die- 
sen Umständen wirksam, welche wir schon unter den Ru- 
briken der Achromasie und Hyperchromasie näher ange- 
deutet haben. 

325 (211). Die objektiven Versuche geben uns den Vor- 
teil, daß wir das Werdende des Phänomens, seine suk- 
zessive Genese außer uns darstellen und zugleich mit 
Linearzeichnungen deutlich machen können, welches bei 
subjektiven der Fall nicht ist. 

326. Wenn man das aus dem Prisma heraustretende leuch- 
tende Bild und seine wachsende Farbenerscheinung auf 
einer entgegengehaltenen Tafel stufenweise beobachten 
und sich Durchschnitte von diesem Konus mit elliptischer 
Base vor Augen stellen kann, so läßt sich auch das Phä- 
nomen auf seinem ganzen Wege zum schönsten folgender- 
maßen sichtbar machen. Man errege nämlich in der Linie, 
in welcher das Bild durch den dunklen Raum geht, eine 
weiße feine Staubwolke, welche durch feinen, recht trock- 
nen Haarpuder am besten hervorgebracht wird. Die mehr 
oder weniger gefärbte Erscheinung wird nun durch die 
weißen Atomen aufgefangen und dem Auge in ihrer gan- 
zen Breite und Länge dargestellt. 

327. Ebenso haben wir Linearzeichnungen bereitet und 
solche imter unsre Tafeln aufgenommen, wo die Erschei- 
nung von ihrem ersten Ursprünge an dargestellt ist und 
an welchen man sich deutlich machen kann, warum das 



1 2 o DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

leuchtende Bild durch Prismen so viel stärker als durch 
parallele Mittel gefärbt wird. 

328 (212). An den beiden entgegengesetzten Grenzen 
steht eine entgegengesetzte Erscheinung in einem spitzen 
Winkel auf, die sich, wie sie weiter in dem Räume vor- 
wärtsgeht, nach Maßgabe dieses Winkels verbreitert. So 
strebt in der Richtung, in welcher das leuchtende Bild 
verrückt worden, ein violetter Saum in das Dunkle hin- 
aus, ein blauer schmalerer Rand bleibt an der Grenze. 
Von der andern Seite strebt ein gelber Saum in das Helle 
hinein, und ein gelbroter Rand bleibt an der Grenze. 

329 (213). Hier ist also die Bewegung des Dunklen 
gegen das Helle, des Hellen gegen das Dunkle wohl zu 
beachten. 

330 (214). Eines großen Bildes Mitte bleibt lange un- 
gefärbt, besonders bei Mitteln von minderer Dichtigkeit 
und geringerem Maße, bis endlich die entgegengesetzten 
Säume und Ränder einander erreichen, da alsdann bei 
dem leuchtenden Bild in der Mitte ein Grün entsteht. 

331 (215). Wenn nun die objektiven Versuche gewöhn- 
lich nur mit dem leuchtenden Sonnenbilde gemacht wur- 
den, so ist ein objektiver Versuch mit einem dunklen 
Bilde bisher fast gar nicht vorgekommen. Wir haben 
hierzu aber auch eine bequeme Vorrichtung angegeben. 
Jenes große Wasserprisma nämlich stelle man in die Sonne 
und klebe auf die äußere oder innere Seite eine runde Pap- 
penscheibe, so wird die farbige Erscheinung abermals 
an den Rändern vorgehen, nach jenem bekannten Gesetz 
entspringen: die Ränder werden erscheinen, sich in jener 
Maße verbreitern und in der Mitte der Purpur entstehen. 
Man kann neben das Rund ein Viereck in beliebiger Rich- 
tung hinzufügen und sich von dem oben mehrmals Ange- 
gebenen und Ausgesprochenen von neuem überzeugen. 

332 (216). Nimmt man von dem gedachten Prisma diese 
dunklen Bilder wieder hinweg, wobei jedoch die Glas- 
tafeln jedesmal sorgfältig zu reinigen sind, und hält einen 
schwachen Stab, etwa einen starken Bleistift, vor die 
Mitte des horizontalen Prismas, so wird man das völlige 
Übereinandergreifen des violetten Saums und des roten 



II. PHYSISCHE FARBEN 1 2 1 

Randes bewirken und nur die drei Farben, die zwei äußern 
und die mittlere, sehen. 

333. Schneidet man eine vor das Prisma zu schiebende 
Pappe dergestalt aus, daß in der Mitte derselben eine 
horizontale längliche Öffnung gebildet wird, und läßt als- 
dann das Sonnenlicht hindurchfallen, so wird man die 
völlige Vereinigung des gelben Saumes und des blauen 
Randes nunmehr über das Helle bewirken und nur Gelb- 
rot, Grün und Violett sehen: auf welche Art und Weise, 
ist bei Erklärung der Tafeln weiter auseinandergesetzt. 

334 (217). Die prismatische Erscheinung ist also keines- 
weges fertig und vollendet, indem das leuchtende Bild aus 
dem Prisma hervortritt. Man wird alsdann nur erst ihre 
Anfänge im Gegensatz gewahr; dann wächst sie, das Ent- 
gegengesetzte vereinigt sich und verschränkt sich zuletzt 
aufs innigste. Der von einer Tafel aufgefangene Durch- 
schnitt dieses Phänomens ist in jeder Entfernung vom 
Prisma anders, so daß weder von einer stetigen Folge 
der Farben noch von einem durchaus gleichen Maß der- 
selben die Rede sein kann, weshalb der Liebhaber und 
Beobachter sich an die Natur und unsre naturgemäßen 
Tafeln wenden wird, welchen zum Überfluß eine aber- 
malige Erklärung sowie eine genügsame Anweisung und 
Anleitung zu allen Versuchen hinzugefügt ist. 

XXIV. Ableitung der angezeigten Phänomene 

335 (218). Wenn wir diese Ableitung schon bei Gelegen- 
heit der subjektiven Versuche umständlich vorgetragen, 
wenn alles, was dort gegolten hat, auch hier gilt, so be- 
darf es keiner weitläufigen Ausführung mehr, um zu zei- 
gen, daß dasjenige, was in der Erscheinung völlig par- 
allel geht, sich auch aus ebendenselben Quellen ableiten 
lasse. 

336 (219). Daß wir auch bei objektiven Versuchen mit 
Bildern zu tun haben, ist oben umständlich dargetan wor- 
den. Die Sonne mag durch die kleinste Ötfnung herein- 
scheinen, so dringt doch immer das Bild ihrer ganzen 
Scheibe hindurch. Man mng das größte Prisma in das 



1 2 2 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

freie Sonnenlicht stellen, so ist es doch immer wieder 
das Sonnenbild, das sich an den Rändern der brechenden 
Flächen selbst begrenzt und die Nebenbilder dieser Be- 
grenzung hervorbringt. Man mag eine vielfach ausge- 
schnittene Pappe vor das Wasserprisma schieben, so sind 
es doch nur die Bilder aller Art, welche, nachdem sie 
durch Brechung von ihrer Stelle gerückt worden, farbige 
Ränder und Säume und in denselben durchaus vollkom- 
mene Nebenbilder zeigen. 

337 (235). Haben uns bei subjektiven Versuchen stark 
voneinander abstechende Bilder eine höchst lebhafte Far- 
benerscheinung zuwege gebracht, so wird diese bei ob- 
jektiven Versuchen noch viel lebhafter und herrlicher sein, 
weil das Sonnenbild von der höchsten Energie ist, die 
wir kennen, daher auch dessen Nebenbild mächtig und, 
ungeachtet seines sekundären getrübten und verdunkelten 
Zustandes, noch immer herrlich und glänzend sein muß. 
Die vom Sonnenlicht durchs Prisma auf irgendeinen Gegen- 
stand geworfenen Farben bringen ein gewaltiges Licht mit 
sich, indem sie das höchst energische Urlicht gleichsam 
im Hintergrunde haben. 

338 (238). Inwiefern wir auch diese Nebenbilder trüb 
nennen und sie aus der Lehre von den trüben Mitteln 
ableiten dürfen, wird jedem, der uns bis hieher aufmerk- 
sam gefolgt, klar sein, besonders aber dem, der sich den 
nötigen Apparat verschafft, um die Bestimmtheit und 
Lebhaftigkeit, womit trübe Mittel wirken, sich jederzeit 
vergegenwärtigen zu können. 

XXV. Abnahme der farbigen Erscheinung 

339 (243). Haben wir uns bei Darstellung der Abnahme 
unserer farbigen Erscheinung in subjektiven Fällen kurz 
fassen können, so wird es uns erlaubt sein, hier noch 
kürzer zu verfahren, indem wir uns auf jene deutliche 
Darstellung berufen. Nur eines mag wegen seiner großen 
Bedeutung als ein Hauptmoment des ganzen Vortrags 
hier dem Leser zu besonderer Auftnerksamkeit empfohlen 
werden. 



IL PHYSISCHE FARBEN 123 

340 (244—247). Der Abnahme der prismatischen Er- 
scheinung muß erst eine Entfaltung derselben voran- 
gehen. Aus dem gefärbten Sonnenbilde verschwinden in 
gehöriger Entfernung der Tafel vom Prisma zuletzt die 
blaue und gelbe Farbe, indem beide übereinander grei- 
fen, völlig, und man sieht nur Gelbrot, Grün und Blau- 
rot. Nähert man die Tafel dem brechenden Mittel, so 
erscheinen Gelb und Blau schon wieder, und man er- 
blickt die fünf Farben mit ihren Schattierungen. Rückt 
man mit der Tafel noch näher, so treten Gelb und Blau 
völlig auseinander, das Grüne verschwindet, und zwi- 
schen den gefärbten Rändern und Säumen zeigt sich das 
Bild farblos. Je näher man mit der Tafel gegen das 
Prisma zurückt, desto schmäler werden gedachte Ränder 
und Säume, bis sie endlich an und auf dem Prisma Null 
werden. 

XXVI. Graue Bilder 

341 (248). Wir haben die grauen Bilder als höchst wich- 
tig bei subjektiven Versuchen dargestellt. Sie zeigen uns 
durch die Schwäche der Nebenbilder, daß ebendiese Ne- 
benbilder sich jederzeit von dem Hauptbilde herschrei- 
ben. Will man nun die objektiven Versuche auch hier 
parallel durchführen, so könnte dieses auf eine bequeme 
Weise geschehen, wenn man ein mehr oder weniger matt 
geschliffenes Glas vor die Öffnung hielte, durch welche 
das Sonnenbild hereinfällt. Es würde dadurch ein ge- 
dämpftes Bild hervorgebracht werden, welches nach der 
Refraktion viel mattere Farben als das von der Sonnen- 
scheibe unmittelbar abgeleitete auf der Tafel zeigen würde, 
und so würde auch von dem höchst energischen Sonnen- 
bilde nur ein schwaches, der Dämpfung gemäßes Neben- 
bild entstehen; wie denn freilich durch diesen Versuch 
dasjenige, was uns schon genugsam bekannt ist, nur noch 
aber- und abermal bekräftigt wird. 



1 2 4 DER farbenlehrp: didaktischer teil 

XXVII. Farbige Bilder 

342 (260). Es gibt mancherlei Arten, farbige Bilder zum 
Behuf objektiver Versuche hervorzubringen. Erstlich kann 
man farbiges Glas vor die Öffnung halten, wodurch so- 
gleich ein farbiges Bild hervorgebracht wird. Zweitens 
kann man das Wasserprisma mit farbigen Liquoren füllen. 
Drittens kann man die von einem Prisma schon hervor- 
gebrachten emphatischen Farben durch proportionierte 
kleine Öffnungen eines Bleches durchlassen und also 
kleine Bilder zu einer zweiten Refraktion vorbereiten. 
Diese letzte Art ist die beschwerlichste, indem bei dem 
beständigen Fortrücken der Sonne ein solches Bild nicht 
festgehalten noch in beliebiger Richtung bestätigt wer- 
den kann. Die zweite Art hat auch ihre Unbequemlich- 
keiten, weil nicht alle farbige Liquoren schön hell und 
klar zu bereiten sind. Daher die erste um so mehr den 
Vorzug verdient, als die Physiker schon bisher die von 
dem Sonnenlicht durchs Prisma hervorgebrachten Far- 
ben, diejenigen, welche durch Liquoren und Gläser er- 
zeugt werden, und die, welche schon auf Papier oder 
Tuch fixiert sind, bei der Demonstration als gleichwirkend 
gelten lassen. 

343. Da es nun also bloß darauf ankommt, daß das Bild 
gefärbt werde, so gewährt uns das schon eingeführte große 
Wasserprisma hierzu die beste Gelegenheit; denn indem 
man vor seine großen Flächen, welche das Licht unge- 
färbt durchlassen, eine Pappe vorschieben kann, in welche 
man Öffnungen von verschiedener Figur geschnitten, um 
unterschiedene Bilder und also auch unterschiedene Ne- 
benbilder hervorzubringen, so darf man nur vor die Öff- 
nungen der Pappe farbige Gläser befestigen, um zu be- 
obachten, welche Wirkung die Refraktion im objektiven 
Sinne auf farbige Bilder hervorbringt. 

344. Man bediene sich nämlich jener schon beschriebe- 
nen Tafel (284) mit farbigen Gläsern, welche man genau 
in der Größe eingerichtet, daß sie in die Falzen des 
großen Wasserprismas eingeschoben werden kann. Man 
lasse nunmehr die Sonne hindurchscheinen, so wird man 



[T. PHYSISCHE FARBEN 125 

die hinaufwärts gebrochenen farbigen Bilder jedes nach 
seiner Art gesäumt und gerändert sehen, indem sich diese 
Säume und Ränder an einigen Bildern ganz deutlich zei- 
gen, an andern sich mit der spezifischen Farbe des Glases 
vermischen, sie erhöhen oder verkümmern, und jeder- 
mann wird sich überzeugen können, daß hier abermals 
nur von diesem von uns subjektiv und objektiv so um- 
ständlichvorgetragenen einfachen Phänomen die Rede sei. 

XXVIII. Achromasie und Hyperchrotnask 

345 (285—290). Wie man die hyperchromatischen und 
achromatischen Versuche auch objektiv anstellen könne, 
dazu brauchen wir nur nach allem, was oben weitläuftig 
ausgeführt worden, eine kurze Anleitung zu geben, be- 
sonders da wir voraussetzen können, daß jenes erwähnte 
zusammengesetzte Prisma sich in den Händen des Natur- 
freundes befinde. 

346. Man lasse durch ein spitzwinkliges Prisma von we- 
nigen Graden, aus Crownglas geschliffen, das Sonnen- 
bild dergestalt durchgehen, daß es auf der entgegenge- 
setzten Tafel in die Höhe gebrochen werde; die Ränder 
werden nach dem bekannten Gesetz gefärbt erscheinen, 
das Violette und Blaue nämlich oben und außen, das 
Gelbe und Gelbrote unten imd innen. Da nun der bre- 
chende Winkel dieses Prismas sich imten befindet, so 
setze man ihm ein andres proportioniertes von Flintglas 
entgegen, dessen brechender Winkel nach oben gerichtet 
sei. Das Sonnenbild werde dadurch wieder an seinen 
Platz geführt, wo es denn durch den Überschuß der farb- 
erregenden Kraft des herabführenden Prismas von Flint- 
glas nach dem Gesetze dieser Herabführung wenig gefärbt 
sein, das Blaue und Violette unten und außen, das Gelbe 
und Gelbrote oben und innen zeigen wird. 

347. Man rücke nun durch ein proportioniertes Prisma 
von Crownglas das ganze Bild wieder um weniges in 
die Höhe, so wird die Hyperchromasie aufgehoben, das 
Sonnenbild vom Platze gerückt und doch farblos er- 
scheinen. 



1 2 6 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

348. Mit einem aus drei Gläsern zusammengesetzten 
achromatischen Objektivglase kann man ebendiese Ver- 
suche stufenweise machen, wenn man es sich nicht reuen 
läßt, solches aus der Hülse, worein es der Künstler ein- 
genietet hat, herauszubrechen. Die beiden konvexen Glä- 
ser von Crownglas, indem sie das Bild nach dem Fokus 
zusammenziehen, das konkave Glas von FHntglas, indem 
es das Sonnenbild hinter sich ausdehnt, zeigen an dem 
Rande die hergebrachten Farben. Ein Konvexglas mit 
dem Konkavglase zusammengenommen, zeigt die Farben 
nach dem Gesetz des letztern. Sind alle drei Gläser zu- 
sammengelegt, so mag man das Sonnenbild nach dem 
Fokus zusammenziehen oder sich dasselbe hinter dem 
Brennpunkte ausdehnen lassen, niemals zeigen sich far- 
bige Ränder, und die von dem Künstler intendierte Achro- 
masie bewährt sich hier abermals, 

349. Da jedoch das Crownglas durchaus eine grünliche 
Farbe hat, so daß besonders bei großen und starken Ob- 
jektiven etwas von einem grünlichen Schein mit unter- 
laufen und sich daneben die geforderte Purpurfarbe unter 
gewissen Umständen einstellen mag, welches uns jedoch 
bei wiederholten Versuchen mit mehreren Objektiven nicht 
vorgekommen, so hat man hierzu die wunderbarsten Er- 
klärungen ersonnen und sich, da man theoretisch die Un- 
möglichkeit achromatischer Ferngläser zu beweisen ge- 
nötigt war, gewissermaßen gefreut, eine solche radikale 
Verbesserung leugnen zu können, wovon jedoch nur in 
der Geschichte dieser Erfindungen umständlich gehandelt 
werden kann. 

XXIX. Verbindung objektiver und subjektiver Versuche 

350. Wenn wir oben angezeigt haben, daß die objektiv 
und subjektiv betrachtete Refraktion im Gegensinne wir- 
ken müsse (318), so wird daraus folgen, daß, wenn man 
die Versuche verbindet, entgegengesetzte und einander 
aufhebende Erscheinungen sich zeigen werden. 

351. Durch ein horizontal gestelltes Prisma werde das 
Sonnenbild an eine Wand hinaufgeworfen. Ist das Prisma 



II. PHYSISCHE FARBEN 127 

lang genug, daß der Beobachter zugleich hindurchsehen 
kann, so wird er das durch die objektive Refraktion hin- 
aufgerückte Bild wieder heruntergerückt und solches an 
der Stelle sehen, wo es ohne Refraktion erschienen 
wäre. 

352. Hierbei zeigt sich ein bedeutendes, aber gleichfalls 
aus der Natur der Sache herfließendes Phänomen. Da 
nämlich, wie schon so oft erinnert worden, das objektiv 
an die Wand geworfene gefärbte Sonnenbild keine fer- 
tige noch unveränderliche Erscheinung ist, so wird bei 
obgedachter Operation das Bild nicht allein für das Auge 
heruntergezogen, sondern auch seiner Ränder und Säume 
völlig beraubt und in eine farblose Kreisgestalt zurück- 
gebracht. 

353. Bedient man sich zu diesem Versuche zweier völHg 
gleichen Prismen, so kann man sie erst nebeneinander 
stellen, durch das eine das Sonnenbild durchfallen lassen, 
durch das andre aber hindurchsehen. 

354. Geht der Beschauer mit dem zweiten Prisma nun- 
mehr weiter vorwärts, so zieht sich das Bild wieder hin- 
auf und wird stufenweise nach dem Gesetz des ersten 
Prismas gefärbt. Tritt der Beschauer nun wieder zurück, 
bis er das Bild wieder auf den Nullpunkt gebracht hat, 
und geht sodann immer weiter von dem Bilde weg, so 
bewegt sich das für ihn rund und farblos gewordene Bild 
immer weiter herab und färbt sich im entgegengesetzten 
Sinne, so daß wir dasselbe Bild, wenn wir zugleich durch 
das Prisma hindurch und daran hersehen, nach objektiven 
und subjektiven Gesetzen gefärbt erblicken. 

355. Wie dieser Versuch zu vermannigfaltigen sei, er- 
gibt sich von selbst. Ist der brechende Winkel des Pris- 
mas, wodurch das Sonnenbild objektiv in die Höhe ge- 
hoben wird, größer als der des Prismas, wodurch der 
Beobachter blickt, so muß der Beobachter viel weiter zu- 
rücktreten, lun das farbige Bild an der Wand so weit her- 
unterzuführen, daß es farblos werde, und umgekehrt. 

356. Daß man auf diesem Wege die Achromasie und 
Hyperchromasie gleichfalls darstellen könne, fällt in die 
Augen, welches wir weiter auseinanderzusetzen und aus- 



1 2 8 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

zuführen dem Liebhaber wohl selbst überlassen können, 
so wie wir auch andere komplizierte Versuche, wobei man 
Prismen und Linsen zugleich anwendet, auch die objek- 
tiven und subjektiven Erfahrungen auf mancherlei Weise 
durcheinander mischt, erst späterhin darlegen und auf 
die einfachen, tms nunmehr genugsam bekannten Phäno- 
mene zurückführen werden. 

XXX. Übergang 

357. Wenn wir auf die bisherige Darstellung und Ab- 
leitung der dioptrischen Farben zurücksehen, können wir 
keine Reue empfinden, weder daß wir sie so umständ- 
lich abgehandelt, noch daß wir sie vor den übrigen phy- 
sischen Farben außer der von uns selbst angegebenen 
Ordnung vorgetragen haben. Doch gedenken wir hier an 
der Stelle des Übergangs unsern Lesern und Mitarbeitern 
deshalb einige Rechenschaft zu geben. 

358. Sollten wir uns verantworten, daß wir die Lehre 
von den dioptrischen Farben, besonders der zweiten 
Klasse, vielleicht zu weitläuftig ausgeführt, so hätten wir 
Folgendes zu bemerken. Der Vortrag irgendeines Gegen- 
standes unsres Wissens kann sich teils auf die innre Not- 
wendigkeit der abzuhandelnden Materie, teils aber auch 
auf das Bedürfnis der Zeit, in welcher der Vortrag ge- 
schieht, beziehen. Bei dem unsrigen waren wir genötigt, 
beide Rücksichten immer vor Augen zu haben. Einmai 
war es die Absicht, unsre sämtlichen Erfahrungen sowie 
unsre Überzeugungen nach einer lange geprüften Methode 
vorzulegen; sodann aber mußten wir unser Augenmerk 
darauf richten, manche zwar bekannte, aber doch ver- 
kannte, besonders auch in falschen Verknüpfungen auf- 
gestellte Phänomene in ihrer natürlichen Entwicklung 
und wahrhaft-erfahrungsmäßigen Ordnung darzustellen, 
damit wir künftig bei polemischer und historischer Be- 
handlimg schon eine vollständige Vorarbeit zu leichterer 
Übersicht ins Mittel bringen könnten. Daher ist denn 
freilich eine größere Umständlichkeit nötig geworden, 
welche eigentlich nur dem gegenwärtigen Bedürfnis zum 



IL PHYSISCHE FARBEN 129 

Opfer gebracht wird. Künftig, wenn man erst das Ein- 
fache als einfach, das Zusammengesetzte als zusammen- 
gesetzt, das Erste und Obere als ein solches, das Zweite, 
Abgeleitete auch als ein solches anerkennen und schauen 
wird, dann läßt sich dieser ganze Vortrag ins Engere zu- 
sammenziehen, welches, wenn es uns nicht selbst noch 
glücken sollte, wir einer heiter-tätigen Mit- und Nach- 
welt überlassen. 

359. Was ferner die Ordnung der Kapitel überhaupt be- 
trifft, so mag man bedenken, daß selbst verwandte Natur- 
phänomene in keiner eigentlichen Folge oder stetigen 
Reihe sich aneinander schließen, sondern daß sie durch 
Tätigkeiten hervorgebracht werden, welche verschränkt 
wirken, so daß es gewissermaßen gleichgültig ist, was für 
eine Erscheinimg man zuerst und was für eine man zu- 
letzt betrachtet, weil es doch nur darauf ankommt, daß 
man sich alle möglichst vergegenwärtige, um sie zuletzt 
unter einem Gesichtspunkt teils nach ihrer Natur, teils 
nach Menschenweise und Bequemlichkeit zusammenzu- 
fassen. 

360. Doch kann man im gegenwärtigen besondern Falle 
behaupten, daß die dioptrischen Farben billig an die 
Spitze der physischen gestellt werden, sowohl wegen 
ihres auffallenden Glanzes und übrigen Bedeutsamkeit 
als auch, weil, um dieselben abzuleiten, manches zur 
Sprache kommen mußte, welches uns zunächst große Er- 
leichterung gewähren wird. 

361. Denn man hat bisher das Licht als eine Art von 
Abstraktum, als ein für sich bestehendes und wirkendes, 
gewissermaßen sich selbst bedingendes, bei geringen An- 
lässen aus sich selbst die Farben hervorbringendes Wesen 
angesehen. Von dieser Vorstellungsart jedoch die Natur- 
freunde abzulenken, sie aufmerksam zu machen, daß bei 
prismatischen und andern Erscheinungen nicht von einem 
unbegrenzten bedingenden, sondern von einem begrenz- 
ten bedingten Lichte, von einem Lichtbilde, ja von Bil- 
dern überhaupt, hellen oder dunklen, die Rede sei: dies 
ist die Aufgabe, welche zu lösen, das Ziel, welches zu 
erreichen wäre. 

GOETHE XVII 9. 



1 3 o DER farbb:nlehre didaktischer teil 

362. Was bei dioptrischen Fällen, besonders der zweiten 
Klasse, nämlich bei Refraktionsfällen vorgeht, ist uns 
nunmehr genugsam bekannt und dient uns zur Einleitung 
ins Künftige. 

363. Die katoptrischen Fälle erinnern uns an die phy- 
siologischen, nur daß wir jenen mehr Objektivität zu- 
schreiben und sie deshalb unter die physischen zu zählen 
uns berechtigt glauben. Wichtig aber ist es, daß wir hier 
abermals nicht ein abstraktes Licht, sondern ein Licht- 
bild zu beachten finden. 

364. Gehen wir zu den paroptischen über, so werden 
wir, wenn das Frühere gut gefaßt worden, uns mit Ver- 
wundrung und Zufriedenheit abermals im Reiche der Bil- 
der finden. Besonders wird uns der Schatten eines Kör- 
pers als ein sekundäres, den Körper so genau begleitendes 
Bild manchen Aufschluß geben. 

365. Doch greifen wir diesen fernem Darstellungen nicht 
vor, um, wie bisher geschehen, nach unserer Überzeugung 
regelmäßigen Schritt zu halten. 

XXXI. Katoptrische Farben 

366. Wenn wir von katoptrischen Farben sprechen, so 
deuten wir damit an, daß uns Farben bekannt sind, welche 
bei Gelegenheit einer Spiegelung erscheinen. Wir setzen 
voraus, daß das Licht sowohl als die Fläche, wovon es 
zurückstrahlt, sich in einem völlig farblosen Zustand be- 
finde. In diesem Sinne gehören diese Erscheinungen 
unter die physischen Farben. Sie entstehen bei Gelegen- 
heit der Reflexion, wie wir oben die dioptrischen der 
zweiten Klasse bei Gelegenheit der Refraktion hervor- 
treten sahen. Ohne jedoch weiter im allgemeinen zu ver- 
weilen, wenden wir uns gleich zu den besondern Fällen 
und zu den Bedingungen, welche nötig sind, daß ge- 
dachte Phänomene sich zeigen. 

367. Wenn man eine feine Stahlsaite vom Röllchen ab- 
nimmt, sie ihrer Elastizität gemäß verworren durchein- 
ander laufen läßt und sie an ein Fenster in die Tages- 
helle legt, so wird man die Höhen der Kreise und Win- 



II. PHYSISCHE FARBEN 131 

düngen erhellt, aber weder glänzend noch farbig sehen. 
Tritt die Sonne hingegen hervor, so zieht sich diese Hel- 
lung auf einen Punkt zusammen, und das Auge erblickt 
ein kleines glänzendes Sonnenbild, das, wenn man es 
nahe betrachtet, keine Farbe zeigt. Geht man aber zu- 
rück und faßt den Abglanz in einiger Entfernung mit den 
Augen auf, so sieht man viele kleine, auf die mannigfal- 
tigste Weise gefärbte Sonnenbilder, und ob man gleich 
Grün und Purpur am meisten zu sehen glaubt, so zeigen 
sich doch auch bei genauerer Aufmerksamkeit die übrigen 
Farben. 

368. Nimmt man eine Lorgnette und sieht dadurch auf 
die Erscheinung, so sind die Farben verschwunden so- 
wie der ausgedehntere Glanz, in dem sie erscheinen, und 
man erblickt nur die kleinen leuchtenden Punkte, die 
wiederholten Sonnenbilder. Hieraus erkennt man, daß 
die Erfahrung subjektiver Natur ist und daß sich die Er- 
scheinung an jene anschließt, die wir unter dem Namen 
der strahlenden Höfe eingeführt haben (100). 

369. Allein wir können dieses Phänomen auch von der 
objektiven Seite zeigen. Man befestige unter eine mäßige 
Öffnung in dem Laden der Camera obscura ein weißes 
Papier und halte, wenn die Sonne durch die Öffnung 
scheint, die verworrene Drahtsaite in das Licht, so daß 
sie dem Papiere gegenübersteht. Das Sonnenlicht wird 
auf und in die Ringe der Drahtsaite fallen, sich aber 
nicht, wie im konzentrierenden menschlichen Auge, auf 
einem Punkte zeigen, sondern weil das Papier auf jedem 
Teile seiner Fläche den Abglanz des Lichtes aufnehmen 
kann, in haarförmigen Streifen, welche zugleich bunt sind, 
sehen lassen. 

370. Dieser Versuch ist rein katoptrisch: denn da man 
sich nicht denken kann, daß das Licht in die Oberfläche 
des Stahls hineindringe und etwa darin verändert werde, 
so überzeugen wir uns leicht, daß hier bloß von einer 
reinen Spiegelung die Rede sei, die sich, insofern sie 
subjektiv ist, an die Lehre von den schwach wirkenden 
und abklingenden Lichtern anschließt und, insofern sie 
objektiv gemacht werden kann, auf ein außer dem Men- 



£ 3 2 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

sehen Reales, sogar in den leisesten Erscheinungen hin- 
deutet. 

371. Wir haben gesehen, daß hier nicht allein ein Licht, 
sondern ein energisches Licht, und selbst dieses nicht im 
Abstrakten und allgemeinen, sondern ein begrenztes Licht, 
ein Lichtbild nötig sei, um diese Wirkung hervorzubrin- 
gen. Wir werden uns hiervon bei verwandten Fällen noch 
mehr überzeugen. 

372. Eine polierte Silberplatte gibt in der Sonne einen 
blendenden Schein von sich, aber es wird bei dieser Ge- 
legenheit keine Farbe gesehen. Ritzt man hingegen die 
Oberfläche leicht, so erscheinen bunte, besonders grüne 
und purpurne Farben unter einem gewissen Winkel dem 
Auge. Bei ziselierten und guillochierten Metallen tritt 
auch dieses Phänomen auffallend hervor; doch läßt sich 
durchaus bemerken, daß, wenn es erscheinen soll, irgend- 
ein Bild, eine Abwechselung des Dunklen und Hellen bei 
der Abspiegelung mitwirken müsse, so daß ein Fenster- 
stab, der Ast eines Baumes, ein zufälliges oder mit Vor- 
satz aufgestelltes Hindernis eine merkliche Wirkung her- 
vorbringt. Auch diese Erscheinung läßt sich in der Camera 
obscura objektivieren. 

373. Läßt man ein poliertes Silber durch Scheide wasser 
dergestalt anfressen, daß das darin befindliche Kupfer 
aufgelöst und die Oberfläche gewissermaßen rauh werde, 
und läßt alsdann das Sonnenbild sich auf der Platte spie- 
geln, so wird es von jedem unendlich kleinen erhöhten 
Pimkte einzeln zurückglänzen und die Oberfläche der Platte 
in bunten Farben erscheinen. Ebenso wenn man ein schwar- 
zes ungeglättetes Papier in die Sonne hält imd aufmerk- 
sam darauf blickt, sieht man es in seinen kleinsten Teilen 
bunt in den lebhaftesten Farben glänzen. 

374. Diese sämtlichen Erfahrungen deuten auf ebendie- 
selben Bedingungen hin. In dem ersten Falle scheint das 
Lichtbild von einer schmalen Linie zurück, in dem zwei- 
ten wahrscheinhch von scharfen Kanten, in dem dritten 
von sehr kleinen Punkten. Bei allen wird ein lebhaftes 
Licht und eine Begrenzung desselben verlangt. Nicht 
weniger wird zu diesen sämtlichen Farberscheinungen er- 



II. PHYSISCHE FARBEN 133 

fordert, daß sich das Auge in einer proportionierten Ferne 
von den reflektierenden Punkten befinde. 

375. Stellt man diese Beobachtungen unter dem Mikro- 
skop an, so wird die Erscheinung an Kraft und Glanz im- 
endlich wachsen: denn man sieht alsdann die kleinsten 
Teile der Körper, von der Sonne beschienen, in diesen 
Reflexionsfarben schimmern, die, mit den Refraktions- 
farben verwandt, sich nun auf die höchste Stufe ihrer 
Herrlichkeit erheben. Man bemerkt in solchem Falle 
ein wurmförmig Buntes auf der Oberfläche organischer 
Körper, wovon das Nähere künftig vorgelegt werden 
soll. 

376. Übrigens sind die Farben, welche bei der Reflexion 
sich zeigen, vorzüglich Purpur und Grün, woraus sich 
vermuten läßt, daß besonders die streifige Erscheinung 
aus einer zarten Purpurlinie bestehe, welche an ihren bei- 
den Seiten teils mit Blau, teils mit Gelb eingefaßt ist. 
Treten die Linien sehr nahe zusammen, so muß der Zwi- 
schenraum grün erscheinen, ein Phänomen, das uns noch 
oft vorkommen wird. 

377. In der Natur begegnen uns dergleichen Farben öf- 
ters. Die Farben der Spinneweben setzen wir denen, die 
von Stahlsaiten Widerscheinen, völlig gleich, ob sich 
schon daran nicht so gut als an dem Stahl die Undurch- 
dringlichkeit beglaubigen läßt, weswegen man auch diese 
Farben mit zu den Refraktionserscheinungen hat ziehen 
wollen. 

378. Beim Perlemutter werden wir unendlich feine, neben- 
einanderliegende organische Fibern und Lamellen gewahr, 
von welchen, wie oben beim geritzten Silber, mannigfal- 
tige Farben, vorzüglich aber Purpur und Grün entspringen 
mögen. 

379. Die changeanten Farben der Vogelfedern werden 
hier gleichfalls erwähnt, obgleich bei allem Organischen 
eine chemische Vorbereitung und eine Aneignung der 
Farbe an den Körper gedacht werden kann, wovon bei 
Gelegenheit der chemischen Farben weiter die Rede sein 
wird. 

380. Daß die Erscheinungen der objektiven Höfe auch 



1 3 4 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

in der Nähe katoptrischer Phänomene liegen, wird leicht 
zugegeben werden, ob wir gleich nicht leugnen, daß auch 
Refraktion mit im Spiele sei. Wir wollen hier nur einiges 
bemerken, bis wir nach völlig durchlaufenem theoreti- 
schen Kreise eine vollkommnere Anwendung des uns als- 
dann im allgemeinen Bekannten auf die einzelnen Natur- 
erscheinungen zu machen imstande sein werden. 

381. Wir gedenken zuerst jenes gelben und roten Kreises 
an einer weißen oder graulichen W^and, den wir durch 
ein nah gestelltes Licht hervorgebracht (88). Das Licht, 
indem es von einem Körper zurückscheint, wird gemäßigt, 
das gemäßigte Licht erregt die Empfindung der gelben 
und ferner der roten Farbe. 

382. Eine solche Kerze erleuchte die Wand lebhaft in 
unmittelbarer Nähe. Je weiter der Schein sich verbreitet, 
desto schwächer wird er; allein er ist doch immer die 
Wirkung der Flamme, die Fortsetzung ihrer Energie, die 
ausgedehnte Wirkung ihres Bildes. Man könnte diese 
Kreise daher gar wohl Grenzbilder nennen, weil sie die 
Grenze der Tätigkeit ausmachen und doch auch nur ein 
erweitertes Bild der Flamme darstellen. 

383. Wenn der Himmel um die Sonne weiß tmd leuch- 
tend ist, indem leichte Dünste die Atmosphäre erfüllen, 
wenn Dünste oder Wolken um den Mond schweben, so 
spiegelt sich der Abglanz der Scheibe in denselben. Die 
Höfe, die wir alsdann erblicken, sind einfach oder dop- 
pelt, kleiner oder größer, zuweilen sehr groß, oft farblos, 
manchmal farbig. 

384. Einen sehr schönen Hof um den Mond sah ich den 
15. November 1799 bei hohem Barometerstande und 
dennoch wolkigem und dunstigem Himmel. Der Hof war 
völlig farbig, und die Kreise folgten sich wie bei subjek- 
tiven Höfen ums Licht. Daß er objektiv war, konnte ich 
bald einsehen, indem ich das Bild des Mondes zuhielt 
und der Hof dennoch vollkommen gesehen wurde. 

385. Die verschiedene Größe der Höfe scheint auf die 
Nähe oder Ferne des Dunstes von dem Auge des Beob- 
achters einen Bezug zu haben. 

386. Da leicht angehauchte Fensterscheiben die Leb- 



II. PHYSISCHE FARBEN 135 

haftigkeit dei subjektiven Höfe vermehren und sie ge- 
wissermaßen zu objektiven machen, so ließe sich vielleicht 
mit einer einfachen Vorrichtung bei recht rasch kalter Win- 
terzeit hiervon die nähere Bestimmung auffinden. 

387. Wie sehr wir Ursache haben, auch bei diesen Krei- 
sen auf das Bild und dessen Wirkung zu dringen, zeigt 
sich bei dem Phänomen der sogenannten Nebensonnen. 
Dergleichen Nachbarbilder finden sich immer auf gewis- 
sen Punkten der Höfe und Kreise und stellen das wieder 
nur begrenzter dar, was in dem ganzen Kreise immer- 
fort allgemeiner vorgeht. An die Erscheinung des Regen- 
bogens wird sich dieses alles bequemer anschließen. 

388. Zum Schlüsse bleibt uns nichts weiter übrig, als 
daß wir die Verwandtschaft der katoptrischen Farben mit 
den paroptischen einleiten. 

Die paroptischen Farben werden wir diejenigen nennen, 
welche entstehen, wenn das Licht an einem undurchsich- 
tigen farblosen Körper herstrahlt. Wie nahe sie mit den 
dioptrischen der zweiten Klasse verwandt sind, wird jeder- 
mann leicht einsehen, der mit uns überzeugt ist, daß die 
Farben der Refraktion bloß an den Rändern entstehen. 
Die Verwandtschaft der katoptrischen und paroptischen 
aber wird uns in dem folgenden Kapitel klar werden. 

XXXII. Paroptische Farben 

389. Die paroptischen Farben wurden bisher periopti- 
sche genannt, weil man sich eine Wirkung des Lichts 
gleichsam um den Körper herum dachte, die man einer 
gewissen Biegbarkeit des Lichtes nach dem Körper hin 
und vom Körper ab zuschrieb. 

390. Auch diese Farben kann man in objektive und sub- 
jektive einteilen, weil auch sie teils außer uns, gleichsam 
wie auf der Fläche gemalt, teils in uns unmittelbar auf der 
Retina erscheinen. Wir finden bei diesem Kapitel das 
vorteilhafteste, die objektiven zuerst zu nehmen, weil die 
subjektiven sich so nah an andre, uns schon bekannte Er- 
scheinungen anschließen, daß man sie kaum davon zu 
trennen vermag. 



1 3 6 DP:R FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

391. Die paroptischen Farben werden also genannt, weil, 
um sie hervorzubringen, das Licht an einem Rande her- 
strahlen muß. Allein nicht immer, wenn das Licht an 
einem Rande herstrahlt, erscheinen sie; es sind dazu noch 
ganz besondre Nebenbedingungen nötig. 

392. Ferner ist zu bemerken, daß hier abermals das Licht 
keines weges in abstracto wirke (361), sondern die Sonne 
scheint an einem Rande her. Das ganze von dem Son- 
nenbild ausströmende Licht wirkt an einer Körpergrenze 
vorbei und verursacht Schatten. An diesen Schatten, in- 
nerhalb derselben werden wir künftig die Farbe gewahr 
werden. 

393. Vor allen Dingen aber betrachten wir die hieher 
gehörigen Erfahrungen in vollem Lichte. Wir setzen den 
Beobachter ins Freie, ehe wir ihn in die Beschränkung 
der dunklen Kammer führen. 

394. Wer im Sonnenschein in einem Garten oder sonst 
auf glatten Wegen wandelt, wird leicht bemerken, daß 
sein Schatten nur unten am Fuß, der die Erde betritt, 
scharf begrenzt erscheint; weiter hinauf, besonders um 
das Haupt, verfließt er sanft in die helle Fläche. Denn 
indem das Sonnenlicht nicht allein aus der Mitte der 
Sonne herströmt, sondern auch von den beiden Enden 
dieses leuchtenden Gestirnes übers Kreuz wirkt, so ent- 
steht eine objektive Parallaxe, die an beiden Seiten des 
Körpers einen Halbschatten hervorbringt. 

395. Wenn der Spaziergänger seine Hand erhebt, so sieht 
er an den Fingern deutlich das Auseinanderweichen der 
beiden Halbschatten nach außen, die Verschmälerung des 
Hauptschattens nach innen, beides Wirkungen des sich 
kreuzenden Lichtes. 

396. Man kann vor einer glatten Wand diese Versuche 
mit Stäben von verschiedener Stärke sowie auch mit 
Kugeln wiederholen und vervielfältigen: immer wird man 
finden, daß, je weiter der Körper von der Tafel entfernt 
wird, desto mehr verbreitet sich der schwache Doppel- 
schatten, desto mehr verschmälert sich der starke Haupt- 
schatten, bis dieser zuletzt ganz aufgehoben scheint, ja_ 
die Doppelschatten endlich so schwach werden, daß sie 



IL PHYSISCHE FARBEN 137 

beinahe verschwinden, wie sie denn in mehrerer Entfer- 
nung unbemerkhch sind. 

397. Daß dieses von dem sich kreuzenden Lichte her- 
rühre, davon kann man sich leicht überzeugen, so wie 
denn auch der Schatten eines zugespitzten Körpers zwei 
Spitzen deutlich zeigt. Wir dürfen also niemals außer 
Augen lassen, daß in diesem Falle das ganze Sonnenbild 
wirke, Schatten hervorbringe, sie in Doppelschatten ver- 
wandle und endlich sogar aufhebe. 

398. Man nehme nunmehr statt der festen Körper aus- 
geschnittene Öffnungen von verschiedener bestimmter 
Größe nebeneinander und lasse das SonnenHcht auf eine 
etwas entfernte Tafel hindurchfallen, so wird man finden, 
daß das helle Bild, welches auf der Tafel von der Sonne 
hervorgebracht wird, größer sei als die Öffnung, welches 
daher kommt, daß der eine Rand der Sonne durch die 
entgegengesetzte Seite der Öffnung noch hindurchscheint, 
wenn der andre durch sie schon verdeckt ist. Daher 
ist das helle Bild an seinen Rändern schwächer be- 
leuchtet. 

399. Nimmt man viereckte Öffnungen, von welcher Größe 
man wolle, so wird das helle Bild auf einer Tafel, die 
neun Fuß von den Öffnungen steht, um einen Zoll an 
jeder Seite größer sein als die Öffnung, welches mit dem 
Winkel des scheinbaren Sonnendiameters ziemlich über- 
einkommt. 

400. Daß ebendiese Rand er leuchtung nach und nach ab- 
nehme, ist ganz natürlich, weil zuletzt nur ein Minimum 
des Sonnenlichtes vom Sonnenrande übers Kreuz durch 
den Rand der Öffnung einwirken kann. 

401. Wir sehen also hier abermals, wie sehr wir Ursache 
haben, uns in der Erfahrung vor der Annahme von par- 
allelen Strahlen, Strahlenbüscheln und -bündeln und der- 
gleichen hypothetischen Wesen zu hüten (309. 310). 

402. Wir können uns vielmehr das Scheinen der Sonne 
oder irgendeines Lichtes als eine unendliche Abspiegelung 
des beschränkten Lichtbildes vorstellen, woraus sich denn 
wohl ableiten läßt, wie alle viereckte Öffnungen, durch 
welche die Sonne scheint, in gewissen Entfernungen, je 



1 3 8 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

nachdem sie größer oder kleiner sind, ein rundes Bild 
geben müssen. 

403. Obige Versuche kann man durch Öffnungen von 
mancherlei Form und Größe wiederholen, und es wird 
sich immer dasselbe in verschiedenen Abweichungen zei- 
gen; wobei man jedoch immer bemerken wird, daß im 
vollen Lichte und bei der einfachen Operation des Her- 
scheinens der Sonne an einem Rand keine Farbe sich 
sehen lasse. 

404. Wir wenden uns daher zu den Versuchen mit dem 
gedämpften Lichte, welches nötig ist, damit die Farben- 
erscheinung eintrete. Man mache eine kleine Öffnung in 
den Laden der dunklen Kammer, man fange das übers 
Kreuz eindringende Sonnenbild mit einem weißen Papiere 
auf, und man wird, je kleiner die Öflfntmg ist, ein desto 
matteres Licht erblicken, und zwar ganz natürlich, weil 
die Erleuchtung nicht von der ganzen Sonne, sondern 
nur von einzelnen Punkten, nur teilweise gewirkt wird. 

405. Betrachtet man dieses matte Sonnenbild genau, so 
findet man es gegen seine Ränder zu immer matter und 
mit einem gelben Saume begrenzt, der sich deutlich zeigt, 
am deutlichsten aber, wenn sich ein Nebel oder eine 
durchscheinende Wolke vor die Sonne zieht, ihr Licht 
mäßiget und dämpft. Sollten wir uns nicht gleich hiebei 
jenes Hofes an der Wand und des Scheins eines nahe 
davorstehenden Lichtes erinnern (88)? 

406. Betrachtet man jenes oben beschriebene Sonnen- 
bild genauer, so sieht man, daß es mit diesem gelben 
Saume noch nicht abgetan ist, sondern man bemerkt 
noch einen zweiten blaulichen Kreis, wo nicht gar eine 
hofartige Wiederholung des Farbensaums. Ist das Zim- 
mer recht dunkel, so sieht man, daß der zunächst um die 
Sonne erhellte Himmel gleichfalls einwirkt, man sieht 
den blauen Himmel, ja sogar die ganze Landschaft auf 
dem Papiere und überzeugt sich abermals, daß hier nur 
von dem Sonnenbilde die Rede sei. 

407. Nimmt man eine etwas größere viereckte Öffnung, 
welche durch das Hineinstrahlen der Sonne nicht gleich 
rund wird, so kann man die Halbschatten von jedem 



IL PHYSISCHE FARBEN 139 

Rande, das Zusammentreffen derselben in den Ecken, die 
Färbung derselben nach Maßgabe obgeiiieldeter Erschei- 
nung der nmden Öffnung genau bemerken. 

408. Wir haben nunmehr ein parallaktisch scheinendes 
Licht gedämpft, indem wir es durch kleine Öffnungen 
scheinen ließen, wir haben ihm aber seine parallaktische 
Eigenschaft nicht genommen, so daß es abermals Doppel- 
schatten der Körper, wenngleich mit gedämpfter Wirkung, 
hervorbringen kann. Diese sind nunmehr diejenigen, auf 
welche man bisher aufmerksam gewesen, welche in ver- 
schiedenen hellen und dunkeln, farbigen und farblosen 
Kreisen aufeinander folgen und vermehrte, ja gewisser- 
maßen unzählige Höfe hervorbringen. Sie sind oft ge- 
zeichnet und in Kupfer gestochen worden, indem man 
Nadeln, Haare und andre schmale Körper in das ge- 
dämpfte Licht brachte, die vielfachen hofartigen Doppel- 
schatten bemerkte und sie einer Aus- und Einbiegung 
des Lichtes zuschrieb und dadurch erklären wollte, wie 
der Kernschatten aufgehoben und wie ein Helles an der 
Stelle des Dunkeln erscheinen könne. 

409. Wir aber halten vorerst daran fest, daß es abermals 
parallaktische Doppelschatten sind, welche mit farbigen 
Säumen und Höfen begrenzt erscheinen. 

410. Wenn man alles dieses nun gesehen, untersucht 
und sich deutlich gemacht hat, so kann man zu dem Ver- 
suche mit den Messerklingen schreiten, welches nur ein 
Aneinanderrücken und parallaktisches Übereinandergrei- 
fen der uns schon bekannten Halbschatten und Höfe ge- 
nannt werden kann. 

41 1. Zuletzt hat man jene Versuche mit Haaren, Nadeln 
und Drähten in jenem Halblichte, das die Sonne wirkt, so- 
wie im Halblichte, das sich vom blauen Himmel herschreibt 
und auf dem Papiere zeigt, anzustellen und zu betrachten, 
wodurch man der wahren Ansicht dieser Phänomene sich 
immer mehr bemeistern wird. 

412. Da nun aber bei diesen Versuchen alles darauf an- 
kommt, daß man sich von der parallaktisch en Wirkung 
des scheinenden Lichtes überzeuge, so kann man sich das, 
worauf es ankommt, durch zwei Lichter deutlicher machen, 



1 40 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

wodurch sich die zwei Schatten übereinander führen und 
völlig sondern lassen. Bei Tage kann es durch zwei Öff- 
nungen am Fensterladen geschehen, bei Nacht durch zwei 
Kerzen; ja es gibt manche Zufälligkeiten in Gebäuden 
beim Auf- und Zuschlagen von Läden, wo man diese Er- 
scheinungen besser beobachten kann als bei dem sorg- 
fältigsten Apparate. Jedoch lassen sich alle und jede zum 
Versuch erheben, wenn man einen Kasten einrichtet, in 
den man oben hineinsehen kann und dessen Türe man 
sachte zulehnt, nachdem man vorher ein Doppellicht ein- 
fallen lassen. Daß hierbei die von uns unter den physio- 
logischen Farben abgehandelten farbigen Schatten sehr 
leicht eintreten, läßt sich erwarten. 

413. Überhaupt erinnre man sich, was wir über die 
Natur der Doppelschatten, Halblichter und dergleichen 
früher ausgeführt haben, besonders aber mache man Ver- 
suche mit verschiedenen nebeneinander gestellten Schat- 
tierungen von Grau, wo jeder Streif an seinem dunklen 
Nachbar hell, am hellen dunkel erscheinen wird. Bringt 
man abends mit drei oder mehreren Lichtern Schatten 
hervor, die sich stufenweise decken, so kann man dieses 
Phänomen sehr deutlich gewahr werden, und man wird 
sich überzeugen, daß hier der physiologische Fall eintritt, 
den wir oben weiter ausgeführt haben (38). 

414. Inwiefern nun aber alles, was von Erscheinungen 
die paroptischen Farben begleitet, aus der Lehre vom 
gemäßigten Lichte, von Halbschatten und von physiolo- 
gischer Bestimmung der Retina sich ableiten lasse, oder 
ob wir genötigt sein werden, zu gewissen innern Eigen- 
schaften des Lichts unsere Zuflucht zu nehmen, wie man 
es bisher getan, mag die Zeit lehren. Hier sei es genug, 
die Bedingungen angezeigt zu haben, unter welchen die 
paroptischen Farben entstehen, so wie wir denn auch 
hoffen können, daß unsre Winke auf den Zusammenhang 
mit dem bisherigen Vortrag von Freunden der Natur nicht 
unbeachtet bleiben werden. 

415. Die Verwandtschaft der paroptischen Farben mit 
den dioptrischen der zweiten Klasse wird sich auch jeder 
Denkende gern ausbilden. Hier wie dort ist von Rändern 



IL PHYSISCHE FARBEN 141 

die Rede, hier wie dort von einem Lichte, das an dem 
Rande herscheint. Wie natürlich ist es also, daß die par- 
optischen Wirkmigen durch die dioptrischen erhöht, ver- 
stärkt und verherrlicht werden können. Doch kann hier 
mu- von den objektiven Refraktionsfällen die Rede sein, 
da das leuchtende Bild wirklich durch das Mittel durch- 
scheint: denn diese sind eigentlich mit den paroptischen 
verwandt. Die subjektiven Refraktionsfälle, da wir die 
Bilder durchs Mittel sehen, stehen aber von den paropti- 
schen völlig ab und sind auch schon wegen ihrer Rein- 
heit von uns gepriesen worden. 

416. Wie die paroptischen Farben mit den katoptrischen 
zusammenhängen, läßt sich aus dem Gesagten schon ver- 
muten: denn da die katoptrischen Farben nur an Ritzen, 
Punkten, Stahlsaiten, zarten Fäden sich zeigen, so ist es 
ungefähr derselbe Fall, als wenn das Licht an einem 
Rande herschiene. Es muß jederzeit von einem Rande 
zurückscheinen, damit unser Auge eine Farbe gewahr 
werde. Wie auch hier die Beschränkung des leuchtenden 
Bildes sowie die Mäßigung des Lichtes zu betrachten sei, 
ist oben schon angezeigt worden. 

417. Von den subjektiven paroptischen Farben führen 
wir nur noch weniges an, weil sie sich teils mit den phy- 
siologischen, teils mit den dioptrischen der zweiten Klasse 
in Verbindung setzen lassen und sie größtenteils kaum 
hieher zu gehören scheinen, ob sie gleich, wenn man ge- 
nau aufmerkt, über die ganze Lehre und ihre Verknüp- 
fung ein erfreuliches Licht verbreiten. 

418. Wenn man ein Lineal dergestalt vor die Augen 
hält, daß die Flamme des Lichts über dasselbe hervor- 
scheint, so sieht man das Lineal gleichsam eingeschnitten 
und schartig an der Stelle, wo das Licht hervorragt. Es 
scheint sich dieses aus der ausdehnenden Kraft des Lichtes 
auf der Retina ableiten zu lassen (18). 

419. Dasselbige Phänomen im Großen zeigt sich beim 
Aufgang der Sonne, welche, wenn sie rein, aber nicht 
allzu mächtig aufgeht, also daß man sie noch anblicken 
kann, jederzeit einen scharfen Einschnitt in den Horizont 
macht. 



1 4 2 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

420. Wenn man bei grauem Himmel gegen ein Fenster 
tritt, so daß das dunkle Kreuz sich gegen denselben ab- 
schneidet, wenn man die Augen alsdann auf das horizon- 
tale Holz richtet, ferner den Kopf etwas vorzubiegen, zu 
blinzen und aufwärts zu sehen anfängt, so wird man bald 
unten an dem Holze einen schönen gelbroten Saum, oben 
über demselben einen schönen hellblauen entdecken. Je 
dunkelgrauer imd gleicher der Himmel, je dämmernder 
das Zimmer und folglich je ruhiger das Auge, desto leb- 
hafter wird sich die Erscheinung zeigen, ob sie sich gleich 
einem aufmerksamen Beobachter auch bei hellem Tage 
darstellen wird. 

421. Man biege nunmehr den Kopf zurück und blinzle 
mit den Augen dergestalt, daß man den horizontalen 
Fensterstab unter sich sehe, so wird auch das Phänomen 
umgekehrt erscheinen. Man wird nämlich die obere Kante 
gelb und die untre blau sehen. 

422. In einer dunkeln Kammer stellen sich die Beob- 
achtungen am besten an. Wenn man vor die Öffnung, 
vorweiche man gewöhnlich das Sonnenmikroskop schraubt, 
ein weißes Papier heftet, wird man den untern Rand des 
Kreises blau, den obern gelb erblicken, selbst indem man 
die Augen ganz offen hat oder sie nur insofern zublinzt, 
daß kein Hof sich mehr um das Weiße herum zeigt. 
Biegt man den Kopf zurück, so sieht man die Farben 
umgekehrt. 

423. Diese Phänomene scheinen daher zu entstehen, daß 
die Feuchtigkeiten unsres Auges eigentlich nur in der 
Mitte, wo das Sehen vorgeht, wirklich achromatisch sind, 
daß aber gegen die Peripherie zu und in unnatürlichen 
Stellungen, als Auf- und Niederbiegen des Kopfes, wirk- 
lich eine chromatische Eigenschaft, besonders wenn scharf 
absetzende Bilder betrachtet werden, übrigbleibe. Daher 
diese Phänomene zu jenen gehören mögen, welche mit 
den dioptrischen der zweiten Klasse verwandt sind. 

424. Ähnliche Farben erscheinen, wenn man gegen 
schwarze und weiße Bilder durch den Nadelstich einer 
Karte sieht. Statt des weißen Bildes kann man auch 
den lichten Punkt im Bleche des Ladens der Camera ob- 



IL PHYSISCHE FARBEN 143 

scura wählen, wenn die Vorrichtung zu den paroptischen 
Farben gemacht ist. 

425. Wenn man durch eine Röhre durchsieht, deren un- 
tre Öffnung verengt oder durch verschiedene Ausschnitte 
bedingt ist, erscheinen die Farben gleichfalls. 

426. An die paroptischen Erscheinungen aber schließen 
sich meines Bedünkens folgende Phänomene näher an. 
Wenn man eine Nadelspitze nah voi das Auge hält, so 
entsteht in demselben ein Doppelbild. Besonders merk- 
würdig ist aber, wenn man durch die zu paroptischen 
Versuchen eingerichteten Messerklingen hindurch und 
gegen einen grauen Himmel sieht. Man blickt nämlich 
wie durch einen Flor, und es zeigen sich im Auge sehr 
viele Fäden, welches eigentlich nur die wiederholten Bil- 
der der Klingenschärfen sind, davon das eine immer von 
dem folgenden sukzessiv oder wohl auch von dem gegen- 
über wirkenden parallaktisch bedingt und in eine Faden- 
gestalt verwandelt wird, 

427. So ist denn auch noch schließlich zu bemerken, 
daß, wenn man durch die Klingen nach einem lichten 
Punkt im Fensterladen hinsieht, auf der Retina dieselben 
farbigen Streifen und Höfe wie auf dem Papiere ent- 
stehen. 

428. Und so sei dieses Kapitel gegenwärtig um so mehr 
geschlossen, als ein Freund übernommen hat, dasselbe 
nochmals genau durchzuexperimentieren, von dessen Be- 
merkungen wir bei Gelegenheit der Revision der Tafeln 
und des Apparats in der Folge weitere Rechenschaft zu 
geben hoffen. 

XXXIII. Epoptische Farben 

429. Haben wir bisher uns- mit solchen Farben abge- 
geben, welche zwar sehr lebhaft erscheinen, aber auch 
bei aufgehobener Bedingung sogleich wieder verschwin- 
den, so machen wir nun die Erfahrung von solchen, 
welche zwar auch als vorübergehend beobachtet werden, 
aber unter gewissen Umständen sich dergestalt fixieren, 
daß sie auch nach aufgehobenen Bedingungen, welche 



1 44 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

ihre Erscheinung hervorbrachten, bestehen bleiben und 
also den Übergang von den physischen zu den chemi- 
schen Farben ausmachen. 

430. Sie entspringen durch verschiedene Veranlassungen 
auf der Oberfläche eines farblosen Körpers, ursprüng- 
lich, ohne Mitteilung, Färbe, Taufe {ßmpif), und wir wer- 
den sie nun von ihrer leisesten Erscheinung bis zu ihrer 
hartnäckigsten Dauer durch die verschiedenen Bedin- 
gungen ihres Entstehens hindurch verfolgen, welche wir zu 
leichterer Übersicht hier sogleich summarisch anführen. 

43 1 . Erste Bedingung: Berührung zweier glatten Flächen 
harter durchsichtiger Körper. 

Erster Fall: wenn Glasmassen, Glastafeln, Linsen anein- 
ander gedrückt werden. 

Zweiter Fall: wenn in einer soliden Glas-, Kristall- oder 
Eismasse ein Sprung entsteht. 

Dritter Fall: indem sich Lamellen durchsichtiger Steine 
voneinander trennen. 

Zweite Bedingung: wenn eine Glasfläche oder ein ge- 
schliffner Stein angehaucht wird. 

Dritte Bedingung: Verbindung von beiden obigen, daß 
man nämlich die Glastafel anhaucht, eine andre drauf 
legt, die Farben durch den Druck erregt, dann das Glas 
abschiebt, da sich denn die Farben nachziehen und mit 
dem Hauche verfliegen. 

Vierte Bedingung: Blasen verschiedener Flüssigkeiten, 
Seife, Schokolade, Bier, Wein, feine Glasblasen. 
Fünfte Bedingung: Sehr feine Häutchen und Lamellen 
mineralischer und metallischer Auflösungen; das Kalk- 
häutchen, die Oberfläche stehender Wasser, besonders 
eisenschüssiger; ingleichen Häutchen von Öl auf dem 
Wasser, besonders von Firnis auf Scheidewasser. 
Sechste Bedingung: wenn Metalle erhitzt werden. An- 
laufen des Stahls und andrer Metalle. 
Siebente Bedingung: wenn die Oberfläche des Glases 
angegriffen wird. 

432. Erste Bedingung, erster Fall. Wenn zwei konvexe 
Gläser oder ein Konvex- und Planglas, am besten ein 
Konvex- imd Hohlglas sich einander berühren, so ent- 



II. PHYSISCHE FARBEN 145 

stehn konzentrische farbige Kreise. Bei dem gelindesten 
Druck zeigt sich sogleich das Phänomen, welches nach 
und nach durch verschiedene Stufen geführt werden kann. 
Wir beschreiben sogleich die vollendete Erscheinung, 
weil wir die verschiedenen Grade, durch welche sie durch- 
geht, rückwärts alsdann desto besser werden einsehen 
lernen. 

433. Die Mitte ist farblos; daselbst, wo die Gläser durch 
den stärksten Druck gleichsam zu einem vereinigt sind, 
zeigt sich ein dunkelgrauer Punkt, um denselben ein 
silberweißer Raum, alsdann folgen in abnehmenden Ent- 
fernungen verschiedene isolierte Ringe, welche sämtlich 
aus drei Farben, die unmittelbar miteinander verbunden 
sind, bestehen. Jeder dieser Ringe, deren etwa drei bis 
vier gezählt werden können, ist inwendig gelb, in der 
Mitte purpurfarben und auswendig blau. Zwischen zwei 
Ringen findet sich ein silberweißer Zwischenraum. Die 
letzten Ringe gegen die Peripherie des Phänomens stehen 
immer enger zusammen. Sie wechseln mit Purpur und 
Grün, ohne einen dazwischen bemerklichen silberweißen 
Raum. 

434. Wir wollen nunmehr die sukzessive Entstehung des 
Phänomens vom gelindesten Druck an beobachten. 

435. Beim gelindesten Druck erscheint die Mitte selbst 
grün gefärbt. Darauf folgen bis an die Peripherie sämt- 
licher konzentrischen Kreise purpurne und grüne Ringe. 
Sie sind verhältnismäßig breit, und man sieht keine Spur 
eines silberweißen Raums zwischen ihnen. Die grüne 
Mitte entsteht durch das Blau eines unentwickelten Zir- 
kels, das sich mit dem Gelb des ersten Kreises vermischt. 
Alle übrigen Kreise sind bei dieser gelinden Berührung 
breit, ihre gelben und blauen Ränder vermischen sich 
und bringen das schöne Grün hervor. Der Purpur aber 
eines jeden Ringes bleibt rein und unberührt; daher zei- 
gen sich sämtliche Kreise von diesen beiden Farben. 

436. Ein etwas stärkerer Druck entfernt den ersten Kreis 
von dem unentwickelten um etwas weniges und isoliert 
ihn, so daß er sich nun ganz vollkommen zeigt. Die 
Mitte erscheint nun als ein blauer Punkt: denn das Gelbe 

GOETHE XVIl »9. 



146 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 
des ersten Kreises ist nun durch einen silberweißen Raum 
von ihr getrennt. Aus dem Blauen entwickelt sich in dei 
Mitte ein Purpur, welcher jederzeit nach außen seinen 
zugehörigen blauen Rand behält. Der zweite, dritte Ring, 
von innen gerechnet, ist nun schon völlig isoliert. Kom- 
men abweichende Fälle vor, so wird man sie aus dem 
Gesagten und noch zu Sagenden zu beurteilen wissen. 

437. Bei einem stärkern Druck wird die Mitte gelb, sie 
ist mit einem purpurfarbenen und blauen Rand um- 
geben. Endlich zieht sich auch dieses Gelb völlig aus der 
Mitte. Der innerste Kreis ist gebildet, und die gelbe Farbe 
umgibt dessen Rand. Nun erscheint die ganze Mitte sil- 
berweiß, bis zuletzt bei dem stärksten Druck sich der 
dunkle Punkt zeigt und das Phänomen, wie es zu Anfang 
beschrieben wurde, vollendet ist. 

438. Das Maß der konzentrischen Ringe und ihrer Ent- 
fernungen bezieht sich auf die Form der Gläser, welche 
zusammengedrückt werden. 

439. Wir haben oben bemerkt, daß die farbige Mitte aus 
einem unentwickelten Kreise bestehe. Es findet sich aber 
oft bei dem gelindesten Druck, daß mehrere unentwickelte 
Kreise daselbst gleichsam im Keime liegen, welche nach 
und nach vor dem Auge des Beobachters entwickelt wer- 
den können. 

440. Die Regelmäßigkeit dieser Ringe entspringt aus 
der Form des Konvexglases, und der Durchmesser des 
Phänomens richtet sich nach dem größern oder kleinern 
Kugelschnitt, wornach eine Linse geschlifien ist. Man 
schließt daher leicht, daß man durch das Aneinander- 
drücken von Plangläsern nur unregelmäßige Erschei- 
nungen sehen werde, welche wellenförmig nach Art der 
gewässerten Seidenzeuge erscheinen und sich von dem 
Punkte des Drucks aus nach allen Enden verbreiten. 
Doch ist auf diesem Wege das Phänomen viel herrlicher 
als auf jenem und für einen jeden auffallend und reizend. 
Stellt man nun den Versuch auf diese Weise an, so wird 
man völlig wie bei dem oben beschriebenen bemerken, 
daß bei gelindem Druck die grünen und purpurnen Wellen 
zum Vorschein kommen, beim stärkeren aber Streifen, 



IL PHYSISCHE FARBEN 147 

welche blau, purpurn und gelb sind, sich isolieren. In 
dem ersten Falle berühren sich ihre Außenseiten, in 
dem zweiten sind sie durch einen silberweißen Raum ge- 
trennt. 

441. Ehe wir nun zur fernem Bestimmung dieses Phä- 
nomens übergehen, wollen wir die bequemste Art, dasselbe 
hervorzubringen, mitteilen. 

Man lege ein großes Konvexglas vor sich auf den Tisch 
gegen ein Fenster und auf dasselbe eine Tafel wohlge- 
schliflfenen Spiegelglases, ungefähr von der Größe einer 
Spielkarte, so wird die bloße Schwere der Tafel sie schon 
dergestalt andrücken, daß eins oder das andre der be- 
schriebenen Phänomene entsteht, und man wird schon 
durch die verschiedene Schwere der Glastafel, durch an- 
dre Zufälligkeiten, wie z. B. wenn man die Glastafel auf 
die abhängende Seite des Konvexglases führt, wo sie 
nicht so stark aufdrückt als in der Mitte, alle von uns 
beschriebenen Grade nach und nach hervorbringen kön- 
nen. 

442. Um das Phänomen zu bemerken, muß man schief 
auf die Fläche sehen, auf welcher uns dasselbe erscheint. 
Äußerst merkwürdig ist aber, daß, wenn man sich immer 
mehr neigt und unter einem spitzeren Winkel nach dem 
Phänomen sieht, die Kreise sich nicht allein erweitern, 
sondern aus der Mitte sich noch andre Kreise entwickeln, 
von denen sich, wenn man perpendikulär auch durch das 
stärkste Vergrößerungsglas darauf sah, keine Spur ent- 
decken ließ. 

443. Wenn das Phänomen gleich in seiner größten Schön- 
heit erscheinen soll, so hat man sich der äußersten Rein- 
lichkeit zubefleißigen. Macht man den Versuch mit Spiegel- 
glasplatten, so tut man wohl, lederne Handschuh anzu- 
ziehen. Man kann bequem die innern Flächen, welche 
sich auf das genaueste berühren müssen, vor dem Ver- 
suche reinigen und die äußern bei dem Versuche selbst 
unter dem Drücken rein erhalten. 

444. Man sieht aus obigem, daß eine genaue Berührung 
zweier glatten Flächen nötig ist. GeschHffene Gläser tun 
den besten Dienst. Glasplatten zeigen die schönsten Far- 



148 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

ben, wenn sie aneinander festhängen, und aus ebendieser 
Ursache soll das Phänomen an Schönheit wachsen, wenn 
sie unter die Luftpumpe gelegt werden und man die Luft 
auspumpt. 

445. Die Erscheinung der farbigen Ringe kann am schön- 
sten hervorgebracht werden, wenn man ein konvexes und 
konkaves Glas, die nach einerlei Kugelschnitt geschliffen 
sind, zusammenbringt. Ich habe die Erscheinung nie- 
mals glänzender gesehen als bei dem Objektivglase ei- 
nes achromatischen Femrohrs, bei welchem das Crown - 
glas mit dem Flintglase sich allzugenau berühren 
mochte. 

446. Merkwürdig ist die Erscheinung, wenn ungleich- 
artige Flächen, z. B. ein geschliffner Kristall an eine 
Glasplatte gedrückt wird. Die Erscheinung zeigt sich 
keinesweges in großen fließenden Wellen, wie bei der 
Verbindung des Glases mit dem Glase, sondern sie ist 
klein und zackig und gleichsam unterbrochen, so daß es 
scheint, die Fläche des geschliffenen Kristalls, die aus 
unendlich kleinen Durchschnitten der Lamellen besteht, 
berühre das Glas nicht in einer solchen Kontinuität, als 
es von einem andern Glase geschieht. 

447. Die Farbenerscheinung verschwindet durch den 
stärksten Druck, der die beiden Flächen so innig verbin- 
det, daß sie nur einen Körper auszumachen scheinen. 
Daher entsteht der dunkle Punkt in der Mitte, weil die 
gedrückte Linse auf diesem Punkte kein Licht mehr zu- 
rückwirft, sowie ebenderselbe Punkt, wenn man ihn gegen 
das Licht sieht, völlig hell und durchsichtig ist. Bei 
Nachlassung des Drucks verschwinden die Farben all- 
mählich, und völlig, wenn man die Flächen voneinander 
schiebt. 

448. Ebendiese Erscheinungen kommen noch in zwei 
ähnlichen Fällen vor. Wenn ganze durchsichtige Massen 
sich voneinander in dem Grade trennen, daß die Flächen 
ihrer Teile sich noch hinreichend berühren, so sieht man 
dieselben Kreise und Wellen mehr oder weniger. Man 
kann sie sehr schön hervorbringen, wenn man eine er- 
hitzte Glasmasse ins Wasser taucht, in deren verschie- 



IL PHYSISCHE FARBEN 149 

denen Rissen und Sprüngen man die Farben in mannig- 
faltigen Zeichnungen bequem beobachten kann. Die Na- 
tur zeigt uns oft dasselbe Phänomen an gesprungenem 
Bergkristall. 

449. Häufig aber zeigt sich diese Erscheinung in der 
mineralischen Welt an solchen Steinarten, welche ihrer 
Natur nach blättrig sind. Diese ursprünglichen Lamellen 
sind zwar so innig verbunden, daß Steine dieser Art auch 
völlig durchsichtig und farblos erscheinen können; doch 
werden die innerlichen Blätter durch manche Zufälle ge- 
trennt, ohne daß die Berührung aufgehoben werde, imd 
so wird die uns nun genugsam bekannte Erscheinung öf- 
ters hervorgebracht, besonders bei Kalkspäten, bei Frauen- 
eis, bei der Adularia und mehrem ähnlich gebildeten Mi- 
neralien. Es zeigt also eine Unkenntnis der nächsten 
Ursachen einer Erscheinung, welche zufällig so oft her- 
vorgebracht wird, wenn man sie in der Mineralogie für 
so bedeutend hielt und den Exemplaren, welche sie zeig- 
ten, einen besondern Wert beilegte. 

450. Es bleibt uns nur noch übrig, von der höchst merk- 
würdigen Umwendung dieses Phänomens zu sprechen, 
wie sie uns von den Naturforschern überliefert worden. 
Wenn man nämlich, anstatt die Farben bei reflektiertem 
Lichte zu betrachten, sie bei durchfallendem Licht beob- 
achtet, so sollen an derselben Stelle die entgegengesetz- 
ten, und zwar auf ebendie Weise, wie wir solche oben 
physiologisch als Farben, die einander fordern, angegeben 
haben, erscheinen. An der Stelle des Blauen soll man 
das Gelbe und umgekehrt, an der Stelle des Roten das 
Grüne usw. sehen. Die näheren Versuche sollen künftig 
angegeben werden, um so mehr, als bei uns über diesen 
Punkt noch einige Zweifel obwalten. 

451. Verlangte man nun von uns, daß wir über diese 
bisher vorgetragenen epoptischen Farben, die unter der 
ersten Bedingung erscheinen, etwas Allgemeines aus- 
sprechen und diese Phänomene an die frühern physi- 
schen Erscheinungen anknüpfen sollten, so würden wir 
folgendermaßen zu Werke gehen. 

452. Die Gläser, welche zu den Versuchen gebraucht 



1 5 o DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

werden, sind als ein empirisch möglichst Durchsichtiges 
anzusehen. Sie werden aber nach unsrer Überzeugimg 
durch eine innige Berührung, wie sie der Druck verur- 
sacht, sogleich auf ihren Oberflächen, jedoch nur auf das 
leiseste getrübt. Innerhalb dieser Trübe entstehn so- 
gleich die Farben, und zwar enthält jeder Ring das ganze 
System: denn indem die beiden entgegengesetzten, das 
Gelb und Blau, mit ihren roten Enden verbunden sind, 
zeigt sich der Purpur, das Grüne hingegen, wie bei dem 
prismatischen Versuch, wenn Gelb und Blau sich er- 
reichen. 

453. Wie durchaus bei Entstehung der Farbe das ganze 
System gefordert wird, haben wir schon früher mehrmals 
erfahren, und es hegt auch in der Natur jeder physischen 
Erscheinung, es liegt schon in dem Begriff von polari- 
scher Entgegensetzung, wodurch eine elementare Einheit 
zur Erscheinung kommt. 

454. Daß bei durchscheinendem Licht eine andre Farbe 
sich zeigt als bei reflektiertem, erinnert uns an jene di- 
optrischen Farben der ersten Klasse, die wir auf eben- 
diese Weise aus dem Trüben entspringen sahen. Daß 
aber auch hier ein Trübes obwalte, daran kann fast kein 
Zweifel sein: denn das Ineinandergreifen der glättesten 
Glasplatten, welches so stark ist, daß sie fest aneinander 
hängen, bringt eine Halbvereinigung hervor, die jeder 
von beiden Flächen etwas an Glätte imd Durchsichtig- 
keit entzieht. Den völligen Ausschlag aber möchte die 
Betrachtung geben, daß in der Mitte, wo die Linse am 
festesten auf das andre Glas aufgedrückt und eine voll- 
kommene Vereinigung hergestellt wird, eine völlige Durch- 
sichtigkeit entstehe, wobei man keine Farbe mehr ge- 
wahr wird. Jedoch mag alles dieses seine Bestätigung 
erst nach vollendeter allgemeiner Übersicht des Ganzen 
erhalten. 

455. Zweite Bedingung. Wenn man eine angehauchte 
Glasplatte mit dem Finger abwischt und sogleich wieder 
anhaucht, sieht man sehr lebhaft durcheinander schwe- 
bende Farben, welche, indem der Hauch abläuft, ihren 
Ort verändern und zuletzt mit dem Hauche verschwinden. 



II. PHYSISCHE FARBB:N 151 

Wiederholt man diese Operation, so werden die Farben 
lebhafter und schöner und scheinen auch länger als die 
ersten Male zu bestehen, 

456. So schnell auch dieses Phänomen vorübergeht und 
so konfus es zu sein scheint, so glaub ich doch Folgendes 
bemerkt zu haben. Im Anfange erscheinen alle Gnind- 
farben und ihre Zusammensetzungen. Haucht man stär- 
ker, so kann man die Erscheinung in einer Folge ge- 
wahr werden. Dabei läßt sich bemerken, daß, wenn der 
Hauch im Ablaufen sich von allen Seiten gegen die 
Mitte des Glases zieht, die blaue Farbe zuletzt ver- 
schwindet. 

457. Das Phänomen entsteht am leichtesten zwischen 
den zarten Streifen, welche der Strich des Fingers auf 
der klaren Fläche zurückläßt, oder es erfordert eine son- 
stige, gewissermaßen rauhe Disposition der Oberfläche 
des Körpers. Auf manchen Gläsern kann man durch den 
bloßen Hauch schon die Farbenerscheinung hervorbrin- 
gen, auf andern hingegen ist das Reiben mit dem Finger 
nötig; ja ich habe geschliffene Spiegelgläser gefunden, 
von welchen die eine Seite, angehaucht, sogleich die Far- 
ben lebhaft zeigte, die andre aber nicht. Nach den über- 
bliebenen Facetten zu urteilen, war jene ehmals die freie 
Seite des Spiegels, diese aber die innere, durch das Queck- 
silber bedeckte gewesen. 

458. Wie nun diese Versuche sich am besten in der 
Kälte anstellen lassen, weil sich die Platte schneller und 
reiner anhauchen läßt und der Hauch schneller wieder 
abläuft, so kann man auch bei starkem Frost, in der 
Kutsche fahrend, das Phänomen im Großen gewahr wer- 
den, wenn die Kutschfenster sehr rein geputzt und sämt- 
lich aufgezogen sind. Der Hauch der in der Kutsche 
sitzenden Personen schlägt auf das zarteste an die Schei- 
ben und erregt sogleich das lebhafteste Farbenspiel. In- 
wiefern eine regelmäßige Sukzession darin sei, habe ich 
nicht bemerken können. Besonders lebhaft aber erschei- 
nen die Farben, wenn sie einen dunklen Gegenstand zum 
Hintergrunde haben. Dieser Farbenwechsel dauert aber 
nicht lange: denn sobald sich der Hauch in stärkere 



1 5 2 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

Tropfen sammelt oder zu Eisnadeln gefriert, so ist die 
Erscheinung alsbald aufgehoben. 

459. Dritte Bedingung. Man kann die beiden vorher- 
gehenden Versuche des Druckes und Hauches verbinden, 
indem man nämlich eine Glasplatte anhaucht und die an- 
dre sogleich darauf drückt. Es entstehen alsdann die 
Farben wie beim Drucke zweier unangehauchten, nur mit 
dem Unterschiede, daß die Feuchtigkeit hie und da einige 
Unterbrechung der Wellen verursacht. Schiebt man eine 
Glasplatte von der andern weg, so läuft der Hauch far- 
big ab. 

460. Man könnte jedoch behaupten, daß dieser verbun- 
dene Versuch nichts mehr als die einzelnen sage: denn 
wie es scheint, so verschwinden die durch den Druck 
erregten Farben in dem Maße, wie man die Gläser von- 
einander abschiebt, und die behauchten Stellen laufen 
alsdann mit ihren eignen Farben ab. 

461. Vierte Bedingufig. Farbige Erscheinungen lassen sich 
fast an allen Blasen beobachten. Die Seifenblasen sind 
die bekanntesten, und ihre Schönheit ist am leichtesten 
darzustellen. Doch findet man sie auch beim Weine, Bier, 
bei geistigen reinen Liquoren, besonders auch im Schaume 
der Schokolade. 

462. Wie wir oben einen unendlich schmalen Raum zwi- 
schen zwei Flächen, welche sich berühren, erforderten, 
so kann man das Häutchen der Seifenblase als ein un- 
endlich dünnes Blättchen zwischen zwei elastischen Kör- 
pern ansehen: denn die Erscheinung zeigt sich doch ei- 
sentlich zwischen der innern, die Blase auftreibenden 
Luft und zwischen der atmosphärischen. 

463. Die Blase, indem man sie hervorbringt, ist farblos; 
dann fangen farbige Züge wie des Marmorpapieres an, 
sich sehen zu lassen, die sich endlich über die ganze 
Blase verbreiten oder vielmehr um sie herumgetrieben 
werden, indem man sie aufbläst. 

464. Es gibt verschiedene Arten, die Blase zu machen: 
frei, indem man den Strohhalm nur in die Auflösung 
taucht und die hängende Blase durch den Atem auftreibt. 
Hier ist die Entstehung der Farbenerscheinung schwer 



II. PHYSISCHE FARBEN 153 

zu beobachten, weil die schnelle Rotation keine genaue 
Bemerkung zuläßt und alle Farben durcheinander gehen. 
Doch läßt sich bemerken, daß die Farben am Strohhalm 
anfangen. Ferner kann man in die Auflösung selbst bla- 
sen, jedoch vorsichtig, damit nur eine Blase entstehe. 
Sie bleibt, wenn man sie nicht sehr auftreibt, weiß; wenn 
aber die Auflösung nicht allzu wäßrig ist, so setzen sich 
Kreise um die perpendikulare Achse der Blase, die ge- 
wöhnlich grün und purpurn abwechseln, indem sie nah 
aneinander stoßen. Zuletzt kann man auch mehrere Bla- 
sen nebeneinander hervorbringen, die noch mit der Auf- 
lösung zusammenhangen. In diesem Falle entstehen die 
Farben an den Wänden, wo zwei Blasen einander platt- 
gedrückt haben. 

465. An den Blasen des Schokoladenschaums sind die 
Farben fast bequemer zu beobachten als an den Seifen- 
blasen. Sie sind beständiger, obgleich kleiner. In ihnen 
wird durch die Wärme ein Treiben, eine Bewegung her- 
vorgebracht und unterhalten, die zur Entwicklung, Suk- 
zession und endlich zum Ordnen des Phänomens nötig 
zu sein scheinen. 

466. Ist die Blase klein oder zwischen andern einge- 
schlossen, so treiben sich farbige Züge auf der Ober- 
fläche herum, dem marmorierten Papiere ähnlich; man 
sieht alle Farben unsres Schemas durcheinander ziehen, 
die reinen, gesteigerten, gemischten, alle deutlich hell 
und schön. Bei kleinen Blasen dauert das Phänomen 
immer fort. 

467. Ist die Blase größer oder wird sie nach und nach 
isoliert dadurch, daß die andern neben ihr zerspringen, 
so bemerkt man bald, daß dieses Treiben und Ziehen 
der Farben auf etwas abzwecke. Wir sehen nämlich auf 
dem höchsten Punkte der Blase einen kleinen Kreis ent- 
stehen, der in der Mitte gelb ist; die übrigen farbigen 
Züge bewegen sich noch immer wurmförmig um ihn her. 

468. Es dauert nicht lange, so vergrößert sich der Kreis 
und sinkt nach allen Seiten hinab. In der Mitte behält 
er sein Gelb, nach unten und außen wird er purpurfarben 
und bald blau. Unter diesem entsteht wieder ein neuer 



1 5 4 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 
Kreis von ebendieser Farbenfolge. Stehen sie nahe ge- 
nug beisammen, so entsteht aus Vermischung der End- 
farben ein Grün. 

469. Wenn ich drei solcher Hauptkreise zählen konnte, 
so war die Mitte farblos, und dieser Raum wurde nach 
und nach größer, indem die Kreise mehr niedersanken, 
bis zuletzt die Blase zerplatzte. 

470. Fünfte Bedingung. Es können auf verschiedene 
Weise sehr zarte Häutchen entstehen, an welchen man 
ein sehr lebhaftes Farbenspiel entdeckt, indem nämlich 
sämtliche Farben entweder in der bekannten Ordnung 
oder mehr verworren durcheinander laufend gesehen wer- 
den. Das Wasser, in welchem ungelöschter Kalk aufge- 
löst worden, überzieht sich bald mit einem farbigen Häut- 
chen. Ein gleiches geschieht auf der Oberfläche stehen- 
der Wasser, vorzüglich solcher, welche Eisen enthalten. 
Die Lamellen des feinen Weinsteins, die sich, besonders 
von rotem französischen Weine, in den Bouteillen an- 
legen, glänzen von den schönsten Farben, wenn sie auf 
sorgfältige Weise losgeweicht und an das Tageslicht ge- 
bracht werden. Öltropfen auf Wasser, Branntwein imd 
andern Flüssigkeiten bringen auch dergleichen Ringe und 
Flämmchen hervor. Der schönste Versuch aber, den man 
machen kann, ist folgender. Man gieße nicht allzu star- 
kes Scheidewasser in eine flache Schale tmd tropfe mit 
einem Pinsel von jenem Firnis darauf, welchen die Kupfer- 
stecher brauchen, um während des Ätzens gewisse Stellen 
ihrer Platten zu decken. Sogleich entsteht unter lebhafter 
Bewegung ein Häutchen, das sich in Kreise ausbreitet 
und zugleich die lebhaftesten Farbenerscheinungen her- 
vorbringt. 

471. Sechste Bedingung. Wenn Metalle erhitzt werden, 
so entstehen auf ihrer Oberfläche flüchtig aufeinander- 
folgende Farben, welche jedoch nach Belieben festge- 
halten werden können. 

472. Man erhitze einen polierten Stahl, und er wird in 
einem gewissen Grad der Wärme gelb überlaufen. Nimmt 
man ihn schnell von den Kohlen weg, so bleibt ihm diese 
Farbe. 



II. PHYSISCHE FARBEN 155 

473. Sobald der Stahl heißer wird, erscheint das Gelbe 
dunkler, höher und geht bald in den Purpur hinüber. 
Dieser ist schwer festzuhalten, denn er eilt sehr schnell 
ins Hochblaue. 

474. Dieses schöne Blau ist festzuhalten, wenn man 
schnell den Stahl aus der Hitze nimmt und ihn in Asche 
steckt. Die blau angelaufnen Stahlarbeiten werden auf 
diesem Wege hervorgebracht. Fährt man aber fort, den 
Stahl frei über dem Feuer zu halten, so wird er in kur- 
zem hellblau, und so bleibt er. 

475. Diese Farben ziehen wie ein Hauch über die Stahl- 
platte, eine scheint vor der andern zu fliehen; aber ei- 
gentlich entwickelt sich immer die folgende aus der vor- 
hergehenden. 

476. Wenn man ein Federmesser ins Licht hält, so wird 
ein farbiger Streif quer über die Klinge entstehen. Der 
Teil des Streifes, der am tiefsten in der Flamme war, ist 
hellblau, das sich ins Blaurote verliert. Der Purpur steht 
in der Mitte, dann folgt Gelbrot und Gelb. 

477. Dieses Phänomen leitet sich aus dem vorhergehen- 
den ab; denn die Klinge nach dem Stiele zu ist weniger 
erhitzt als an der Spitze, welche sich in der Flamme be- 
findet, und so müssen alle Farben, die sonst nacheinan- 
der entstehen, auf einmal erscheinen, und man kann sie 
auf das beste figiert aufbewahren. 

478. Robert Boyle gibt diese Farbensukzession folgen- 
dermaßen an: a florido flavo ad flavwn saturuni et rube- 
scentem i^uem artifices sanguineum vocani)^ inde ad langui- 
dum, postea ad saturioreni cyanetim. Dieses wäre ganz gut, 
wenn man die Worte languidus und saturior ihre Stellen 
verwechseln ließe. Inwiefern die Bemerkung richtig ist, 
daß die verschiedenen Farben auf die Grade der folgen- 
den Härtung Einfluß haben, lassen wir dahingestellt sein. 
Die Farben sind hier nur Anzeichen der verschiedenen 
Grade der Hitze. 

479. Wenn man Blei kalziniert, wird die Oberfläche erst 
i^raulich. Dieses grauliche Pulver wird durch größere 
Hitze gelb und sodann orange. Auch das Silber zeigt 
bei der Erhitzung Farben. Der Blick des Silbers beim 



1 5 6 DER FARBENLEHRE DU )AKTISCHER TEIL 

Abtreiben gehört auch hieher. Wenn metallische Gläser 
schmelzen, entstehen gleichfalls Farben auf der Ober- 
fläche. 

480. Siebente Bedingung: wenn die Oberfläche des Gla- 
ses angegriffen wird. Das Blindwerden des Glases ist 
uns oben schon merkwürdig gewesen. Man bezeichnet 
durch diesen Ausdruck, wenn die Oberfläche des Glases 
dergestalt angegriffen wird, daß es uns trüb erscheint. 

481. Das weiße Glas wird am ersten bhnd, desgleichen 
gegossenes und nachher geschliffenes Glas, das blauliche 
weniger, das grüne am wenigsten. 

482. Eine Glastafel hat zweierlei Seiten, davon man die 
eine die Spiegelseite nennt. Es ist die, welche im Ofen 
oben liegt, an der man rundliche Erhöhungen bemerken 
kann. Sie ist glätter als die andere, die im Ofen unten 
liegt und an welcher man manchmal Kritzen bemerkt. 
Man nimmt deswegen gern die Spiegelseite in die Zim- 
mer, weil sie durch die von innen anschlagende Feuchtig- 
keit weniger als die andre angegriffen und das Glas da- 
her weniger bhnd wird. 

483. Dieses Blindwerden oder Trüben des Glases geht 
nach und nach in eine Farbenerscheinung über, die sehr 
lebhaft werden kann und bei welcher vielleicht auch eine 
gewisse Sukzession oder sonst etwas Ordnungsgemäßes 
zu entdecken wäre. 

484. Und so hätten wir denn auch die physischen Far- 
ben von ihrer leisesten Wirkung an bis dahin geführt, 
wo sich diese flüchtigen Erscheinungen an die Körper 
festsetzen, und wir wären auf diese Weise an die Grenze 
gelangt, wo die chemischen Farben eintreten, ja gewisser- 
maßen haben wir diese Grenze schon überschritten; wel- 
ches für die Stetigkeit unsres Vortrags ein gutes Vor- 
urteil erregen mag. Sollen wir aber noch zu Ende die- 
ser Abteilung etwas Allgemeines aussprechen und auf 
ihren innern Zusammenhang hindeuten, so fügen wir zu 
dem, was wir oben (451 — 454) gesagt haben, noch Fol- 
gendes hinzu. 

485. Das Anlaufen des Stahls und die verwandten Er- 
fahrungen könnte man vielleicht ganz bequem aus der 



II. PHYSISCHE FARBEN 157 

Lehre von den trüben Mitteln herleiten. Polierter Stahl 
wirft mächtig das Licht zurück. Man denke sich das durch 
die Hitze bewirkte Anlaufen als eine gelinde Trübe; so- 
gleich müßte daher ein Hellgelb erscheinen, welches bei 
zunehmender Trübe immer verdichteter, gedrängter und 
röter, ja zuletzt purpur- und rubinrot erscheinen muß. 
Wäre nun zuletzt diese Farbe auf den höchsten Punkt des 
Dunkelwerdens gesteigert und man dächte sich die im- 
mer fortwaltende Trübe, so würde diese nunmehr sich 
über ein Finsteres verbreiten und zuerst ein Violett, dann 
ein Dunkelblau und endlich ein Hellblau hervorbringen 
und so die Reihe der Erscheinungen beschließen. 
Wir wollen nicht behaupten, daß man mit dieser Erklä- 
rungsart völlig auslange, unsre Absicht ist vielmehr, nur 
auf den Weg zu deuten, auf welchem zuletzt die alles 
umfassende Formel, das eigentliche Wort des Rätsels ge- 
funden werden kann. 



DRITTE ABTEILUNG. CHEMISCHE 
FARBEN 



S. 



486. C^O nennen wir diejenigen, welche wir an ge- 
wissen Körpern erregen, mehr oder weniger 

'fixieren, an ihnen steigern, von ihnen wieder 
wegnehmen und andern Körpern mitteilen können, denen 
wir denn auch deshalb eine gewisse immanente Eigen- 
schaft zuschreiben. Die Dauer ist meist ihr Kenn- 
zeichen. 

487. In diesen Rücksichten bezeichnete man früher die 
chemischen Farben mit verschiedenen Beiwörtern. Sie 
hießen colores proprü, corporei^ materiales, veri, perma- 
nentes, fixi. 

488. Wie sich das Bewegliche und Vorübergehende der 
physischen Farben nach und nach an den Körpern fixiere, 
haben wir in dem Vorhergehenden bemerkt und den Über- 
gang eingeleitet. 

489. Die Farbe fixiert sich an den Körpern mehr oder 
weniger dauerhaft, oberflächlich oder durchdringend. 

490. Alle Körper sind der Farbe fähig, entweder daß sie 
an ihnen erregt, gesteigert, stufenweise fixiert oder wenig- 
stens ihnen mitgeteilt werden kann. 

XXXIV. Chemischer Gegensatz 

491. Indem wir bei Darstellung der farbigen Erschei- 
nung auf einen Gegensatz durchaus aufmerksam zu machen 
Ursache hatten, so finden wir, indem wir den Boden der 
Chemie betreten, die chemischen Gegensätze uns auf 
eine bedeutende Weise begegnend. Wir sprechen hier 
zu unsern Zwecken nur von demjenigen, den man unter 
dem allgemeinen Namen von Säure und Alkali zu be- 
greifen pflegt, 

492. Wenn wir den chromatischen Gegensatz nach An- 
leitung aller übrigen physischen Gegensätze durch ein 
Mehr oder Weniger bezeichnen, der gelben Seite das 
Mehr, der blauen das Weniger zuschreiben, so schließen 
sich diese beiden Seiten nun auch in chemischen Fällen 
an die Seiten des chemisch Entgegengesetzten an. Das 
Gelb und Gelbrote widmet sich den Säuren, das Blau 



III. CHEMISCHE FARBEN 159 

und Blaurote den Alkalien, und so lassen sich die Er- 
scheinungen der chemischen Farben, freilich mit noch 
manchen andern eintretenden Betrachtungen, auf eine 
ziemlich einfache Weise durchführen, 

493. Da übrigens die Hauptphänomene der chemischen 
Farben bei Säuerungen der Metalle vorkommen, so sieht 
man, wie wichtig diese Betrachtung hier an der Spitze 
sei. Was übrigens noch weiter zu bedenken eintritt, wer- 
den wir unter einzelnen Rubriken näher bemerken, wo- 
bei wir jedoch ausdrücklich erklären, daß wir dem Che- 
miker nur im allgemeinsten vorzuarbeiten gedenken, ohne 
uns in irgendein Besondres, ohne uns in die zartem che- 
mischen Aufgaben und Fragen mischen oder sie beant- 
worten zu wollen. Unsre Absicht kann nur sein, eine 
Skizze zu geben, wie sich allenfalls nach unserer Über- 
zeugung die chemische Farbenlehre an die allgemeine 
physische anschließen könnte. 

XXXV. Ableitung des Weißen 

494. Wir haben hiezu schon oben bei Gelegenheit der 
dioptrischen Farben der ersten Klasse (155 ff.) einige 
Schritte getan. Durchsichtige Körper stehen auf der 
höchsten Stufe unorganischer Materialität. Zunächst daran 
fügt sich die reine Trübe, und das Weiße kann als die 
vollendete reine Trübe angesehen werden. 

495. Reines Wasser zu Schnee kristallisiert erscheint 
weiß, indem die Durchsichtigkeit der einzelnen Teile 
kein durchsichtiges Ganzes macht. Verschiedene Salz- 
kristalle, denen das Kristallisationswasser entweicht, er- 
scheinen als ein weißes Pulver. Man könnte den zu- 
fällig undurchsichtigen Zustand des rein Durchsichtigen 
Weiß nennen, so wie ein zermalmtes Glas als ein weißes 
Pulver erscheint. Man kann dabei die Aufhebung einer 
dynamischen Verbindung und die Darstellung der ato- 
mistischen Eigenschaft der Materie in Betracht ziehn. 

496. Die bekannten unzerlegten Erden sind in ihrem 
reinen Zustand alle weiß. Sie gehen durch natürliche 
Kristallisation in Durchsichtigkeit über: Kieselerde in den 



1 6o DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

Bergkristall, Tonerde in den Glimmer, ßittererde in den 
Talk; Kalkerde und Schwererde erscheinen in so man- 
cherlei Späten durchsichtig. 

497. Da uns bei Färbung mineralischer Körper die Me- 
tallkalke vorzüglich begegnen werden, so bemerken wir 
noch zum Schlüsse, daß angehende gelinde Säurungen 
weiße Kalke darstellen, wie das Blei durch die Essig- 
säure in Bleiweiß verwandelt wird. 



XXXVI. Ableihmg des Schwarzen 

498. Das Schwarze entspringt uns nicht so uranfänglich 
wie das Weiße, Wir treffen es im vegetabilischen Reiche 
bei Halbverbrennungen an, und die Kohle, der auch übri- 
gens höchst merkwürdige Körper, zeigt uns die schwarze 
Farbe. Auch wenn Holz, z. B. Bretter, durch Licht, Luft 
und Feuchtigkeit seines Brennlichen zum Teil beraubt 
wird, so erscheint erst die graue, dann die schwarze 
Farbe; wie wir denn auch animalische Teile durch eine 
Halbverbrennung in Kohle verwandeln können. 

499. Ebenso finden wir auch bei den Metallen, daß oft 
eine Halboxydation stattfindet, wenn die schwarze Farbe 
erregt werden soll. So werden durch schwache Säuerung 
mehrere Metalle, besonders das Eisen, schwarz, durch 
Essig, durch gelinde saure Gärungen, z. B, eines Reis- 
dekokts usw. 

500. Nicht weniger läßt sich vermuten, daß eine Ab- 
oder Rücksäuerung die schwarze Farbe hervorbringe. 
Dieser Fall ist bei der Entstehung der Tinte, da das in 
der starken Schwefelsäure aufgelöste Eisen gelblich wird, 
durch die Gallusinfusion aber zum Teil entsäuert, nun- 
mehr schwarz erscheint. 

XXXVII. Erregung der Farbe 

501. Als wir oben in der Abteilung von physischen Far- 
ben trübe Mittel behandelten, sahen wir die Farbe eher 
als das Weiße und Schwarze. Nun setzen wir ein ge- 
wordnes Weißes, ein gewordnes Schwarzes fixiert vor- 



III. CHEMISCHE FARBEN i6i 

aus und fragen, wie sich an ihm die Farbe erregen 
lasse. 

502. Auch hier können wir sagen: ein Weißes, das sich 
verdunkelt, das sich trübt, wird gelb; das Schwarze, das 
sich erhellt, wird blau. 

503. Auf der aktiven Seite, unmittelbar am Lichte, am 
Hellen, am Weißen, entsteht das Gelbe. Wie leicht ver- 
gilbt alles, was weiße Oberflächen hat: das Papier, die 
Leinwand, Baumwolle, Seide, Wachs; besonders auch 
durchsichtige Liquoren, welche zum Brennen geneigt 
sind, werden leicht gelb, d. h. mit andern Worten, sie 
gehen leicht in eine gelinde Trübung über. 

504. So ist die Erregung auf der passiven Seite amFin- 
stern. Dunkeln, Schwarzen sogleich mit der blauen oder 
vielmehr mit einer rötlichblauen Erscheinung begleitet. 
Eisen, in Schwefelsäure aufgelöst und sehr mit Wasser 
diluiert, bringt in einem gegen das Licht gehaltnen Glase, 
sobald nur einige Tropfen Gallus dazu kommen, eine 
schöne violette Farbe hervor, welche die Eigenschaften 
des Rauchtopases, das Orphninon eines verbrannten Pur- 
purs, wie sich die Alten ausdrücken, dem Auge dar- 
stellt. 

505. Ob an den reinen Erden durch chemische Opera- 
tionen der Natur und Kunst ohne Beimischung von Me- 
tallkalken eine Farbe erregt werden könne, ist eine wich- 
tige Frage, die gewöhnlich mit Nein beantwortet wird. 
Sie hängt vielleicht mit der Frage zusammen, inwie- 
fern sich durch Oxydation den Erden etwas abgewinnen 
lasse. 

506. Für die Verneinung der Frage spricht allerdings der 
Umstand, daß überall, wo man mineralische Farben fin- 
det, sich eine Spur von Metall, besonders von Eisen zeigt, 
wobei man freilich in Betracht zieht, wie leicht sich das 
Eisen oxydiere, wie leicht der Eisenkalk verschiedene 
Farben annehme, wie unendlich teilbar derselbe sei und 
wie geschwind er seine Farbe mitteile. Demungeachtet 
wäre zu wünschen, daß neue Versuche hierüber ange- 
stellt und die Zweifel entweder bestärkt oder beseitigt 
würden. 

GOETHE XVIl II. 



1 6 2 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

507. Wie dem auch sein mag, so ist die Rezeptivität der 
F>den gegen schon vorhandne Farben sehr groß, wor- 
unter sich die Alaunerde besonders auszeichnet. 

508. Wenn wir nun zu den Metallen übergehen, welche 
sich im unorganischen Reiche beinahe privativ das Recht, 
farbig zu erscheinen, zugeeignet haben, so finden wir, 
daß sie sich in ihrem reinen, selbsändigen, regulinischen 
Zustande schon dadurch von den reinen Erden unter- 
scheiden, daß sie sich zu irgendeiner Farbe hinneigen. 

509. Wenn das Silber sich dem reinen Weißen am mei- 
sten nähert, ja das reine Weiß, erhöht durch metallischen 
Glanz, wirklich darstellt, so ziehen Stahl, Zinn, Blei usw. 
ins bleiche Blaugraue hinüber, dagegen das Gold sich 
zum reinen Gelben erhöht, das Kupfer zum Roten hinan- 
rückt, welches unter gewissen Umständen sich fast bis 
zum Purpur steigert, durch Zink hingegen wieder zur 
gelben Goldfarbe hinabgezogen wird. 

510. Zeigen Metalle nun im gediegenen Zustande solche 
spezifische Determinationen zu diesem oder jenem Far- 
benausdruck, so werden sie durch die Wirkung der Oxy- 
dation gewissermaßen in eine gemeinsame Lage versetzt. 
Denn die Elementarfarben treten nun rein hervor, und 
obgleich dieses und jenes Metall zu dieser oder jener 
Farbe eine besondre Bestimmbarkeit zu haben scheint, 
so wissen wir doch von einigen, daß sie den ganzen Far- 
benkreis durchlaufen können, von andern, daß sie mehr 
als eine Farbe darzustellen fähig sind, wobei sich jedoch 
das Zinn durch seine Unfärblichkeit auszeichnet. Wir 
geben künftig eine Tabelle, inwiefern die verschiedenen 
Metalle mehr oder weniger durch die verschiedenen Far- 
ben durchgeführt werden können. 

511. Daß die reine glatte Oberfläche eines gediegenen 
Metalles bei Erhitzung von einem Farbenhauch über- 
zogen wird, welcher mit steigender Wärme eine Reihe 
von Erscheinungen durchläuft, deutet nach unserer Über- 
zeugung auf die Fähigkeit der Metalle, den ganzen Far- 
benkreis zu durchlaufen. Am schönsten werden wir dieses 
Phänomen am polierten Stahl gewahr, aber Silber, Kupfer, 
Messing, Blei, Zinn lassen uns leicht ähnhche Erschei- 



III. CHEMISCHE FARBEN 163 

nungen sehen. Wahrscheinlich ist hier eine oberfläch- 
liche Säurung im Spiele, wie man aus der fortgesetzten 
Operation, besonders bei den leichter verkalklichen Me- 
tallen schließen kann. 

512. Daß ein geglühtes Eisen leichter eine Säurung 
durch saure Liquoren erleidet, scheint auch dahin zu 
deuten, indem eine Wirkung der andern entgegenkommt. 
Noch bemerken wir, daß der Stahl, je nachdem er in 
verschiedenen Epochen seiner Farbenerscheinung ge- 
härtet wird, einigen Unterschied der Elastizität zeigen 
soll, welches ganz naturgemäß ist, indem die verschie- 
denen Farbenerscheinungen die verschiedenen Grade der 
Hitze andeuten. 

513. Geht man über diesen oberflächhchen Hauch, über 
dieses Häutchen hinweg, beobachtet man, wie Metalle 
in Massen penetrativ gesäuert werden, so erscheint mit 
dem ersten Grade Weiß oder Schwarz, wie man beim 
Bleiweiß, Eisen und Quecksilber bemerken kann. 

514. Fragen wir nun weiter nach eigentlicher Erregung 
der Farbe, so finden wir sie auf der Plusseite am häufig- 
sten. Das oft erwähnte Anlaufen glatter metallischer 
Flächen geht von dem Gelben aus. Das Eisen geht bald 
in den gelben Ocker, das Blei aus dem Bleiweiß in den 
Massikot, das Quecksilber aus dem Äthiops in den gel- 
ben Turbit hinüber. Die Auflösungen des Goldes und 
der Piatina in Säuren sind gelb, 

515. Die Erregungen auf der Minusseite sind seltner. 
Ein wenig gesäuertes Kupfer erscheint blau. Bei Berei- 
tung des ßerlinerblau sind Alkalien im Spiele. 

516. Überhaupt aber sind diese Farbenerscheinungen von 
so beweglicher Art, daß die Chemiker selbst, sobald sie 
ins Feinere gehen, sie als trügliche Kennzeichen be- 
trachten. Wir aber können zu unsern Zwecken diese Ma- 
terie nur im Durchschnitt behandeln und wollen nur so 
viel bemerken, daß man vielleicht die metallischen Far- 
benerscheinungen, wenigstens zum didaktischen Behuf, 
einstweilen ordnen könne, wie sie durch Säurung, Auf- 
säurung, Absäurung und Entsäurung entstehen, sich auf 
mannigfaltige Weise zeigen und verschwinden. 



1 64 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

XXXVIII. Steigerung 

517. Die Steigerung erscheint uns als eine In-sich-selbst- 
Drängung, Sättigung, Beschattung der Farben. So haben 
wir schon oben bei farblosen Mitteln gesehen, daß wir 
durch Vermehrung der Trübe einen leuchtenden Gegen- 
stand vom leisesten Gelb bis zum höchsten Rubinrot 
steigern können. Umgekehrt steigert sich das Blau in 
das schönste Violett, wenn wir eine erleuchtete Trübe 
vor der Finsternis verdünnen und vermindern (150. 

518. Ist die Farbe spezifiziert, so tritt ein Ähnliches her- 
vor. Man lasse nämlich Stufengefäße aus weißem Por- 
zellan machen und fülle das eine mit einer reinen gelben 
Feuchtigkeit, so wird diese von oben herunter bis auf 
den Boden stufenweise immer röter und zuletzt orange 
erscheinen. In das andre Gefäß gieße man eine blaue 
reine Solution: die obersten Stufen werden ein Himmel- 
blau, der Grund des Gefäßes ein schönes Violett zeigen. 
Stellt man das Gefäß in die Sonne, so ist die Schatten- 
seite der obern Stufen auch schon violett. Wirft man mit 
der Hand oder einem andern Gegenstande Schatten über 
den erleuchteten Teil des Gefäßes, so erscheint dieser 
Schatten gleichfalls rötlich. 

519. Es ist dieses eine der wichtigsten Erscheinungen in 
der Farbenlehre, indem wir ganz greiflich erfahren, daß 
ein quantitatives Verhältnis einen qualitativen Eindruck 
auf unsre Sinne hervorbringe. Und indem wir schon 
früher, bei Gelegenheit der letzten epoptischen Farben 
(485), unsre Vermutungen eröffnet, wie man das Anlaufen 
des Stahls vielleicht aus der Lehre von trüben Mitteln 
herleiten könnte, so bringen wir dieses hier abermals ins 
Gedächtnis. 

520. Übrigens folgt alle chemische Steigerung unmittel- 
bar auf die Erregung. Sie geht unaufhaltsam und stetig 
fort, wobei man zu bemerken hat, daß die Steigerung auf 
der Plusseite die gewöhnlichste ist. Der gelbe Eisenocker 
steigert sich sowohl durchs Feuer als durch andre Ope- 
rationen zu einer sehr hohen Röte. Massikot wird in 



III. CHEMISCHE FARBEN 165 

Mennige, Turbit in Zinnober gesteigert, welcher letz- 
tere schon auf eine sehr hohe Stufe des Gelbroten ge- 
langt. Eine innige Durchdringung des Metalls durch die 
Säure, eine Teilung desselben ins empirisch Unendliche 
geht hierbei vor. 

521. Die Steigerung auf der Minusseite ist seltner, ob 
wir gleich bemerken, daß, je reiner und gedrängter das 
Berlinerblau oder das Kobaltglas bereitet wird, es immer 
einen rötlichen Schein annimmt und mehr ins Violette 
spielt. 

522. Für diese unmerkliche Steigerung des Gelben und 
Blauen ins Rote haben die Franzosen einen artigen Aus- 
druck, indem sie sagen, die Farbe habe einen (kü de rouge^ 
welches wir durch "einen rötlichen Blick" ausdrücken 
könnten. 



XXXIX. Kulmination 

523. Sie erfolgt bei fortschreitender Steigerung. Das 
Rote, worin weder Gelb noch Blau zu entdecken ist, 
macht hier den Zenit. 

524. Suchen wir ein auffallendes Beispiel einer Kulmi- 
nation von der Plusseite her, so finden wir es abermals 
beim anlaufenden Stahl, welcher bis in den Purpur- 
zenit gelangt und auf diesem Punkte festgehalten werden 
kann. 

525. Sollen wir die vorhin (516) angegebene Termino- 
logie hier anwenden, so würden wir sagen: die erste 
Säuerung bringe das Gelbe hervor, die Aufsäurung das 
Gelbrote; hier entstehe ein gewisses Summwn^ da denn 
eine Absäurung und endlich eine Entsäurung eintrete. 

526. Hohe Punkte von Säuerung bringen eine Purpur- 
farbe hervor, Gold, aus seiner Auflösung durch Zinnauf- 
lösung gefällt, erscheint purpurfarben. Das Oxyd des 
Arseniks, mit Schwefel verbunden, bringt eine Rubinfarbe 
hervor. 

527. Wiefern aber eine Art von Absäurung bei mancher 
Kulmination mitwirke, wäre zu untersuchen: denn eine 



1 6 6 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

Einwirkung der Alkalien auf das Gelbrote scheint auch 
die Kulmination hervorzubringen, indem die Farbe gegen 
das Minus zu in den Zenit genötigt wird. 

528. Aus dem besten ungarischen Zinnober, welcher das 
höchste Gelbrot zeigt, bereiten die Holländer eine Farbe, 
die man Vermillon nennt. Es ist auch nur ein Zinnober, 
der sich aber der Purpurfarbe nähert, und es läßt sich 
vermuten, daß man durch Alkalien ihn der Kulmination 
näherzubringen sucht. 

529. Vegetabilische Säfte sind, auf diese Weise behan- 
delt, ein in die Augen fallendes Beispiel. Kurkuma, Or- 
kan, Saflor und andre, deren färbendes Wesen man mit 
Weingeist ausgezogen und nun Tinkturen von gelber, 
gelb- und hyazinthroter Farbe vor sich hat, gehen durch 
Beimischung von Alkalien in den Zenit, ja drüber hin- 
aus nach dem Blauroten zu. 

530. Kein Fall einer Kulmination von der Minusseite 
ist mir im mineralischen und vegetabilischen Reiche be- 
kannt. In dem animalischen ist der Saft der Purpur- 
schnecke merkwürdig, von dessen Steigerung und Kul- 
mination von der Minusseite her wir künftig sprechen 
werden. 

XL. Balancieren 

531. Die Beweglichkeit der Farbe ist so groß, daß selbst 
diejenigen Pigmente, welche man glaubt spezifiziert zu 
haben, sich wieder hin und her wenden lassen. Sie ist 
in der Nähe des Kulminationspunktes am merkwürdig- 
sten und wird durch wechselsweise Anwendung der Säu- 
ren und Alkalien am auffallendsten bewirkt. 

532. Die Franzosen bedienen sich, um diese Erscheinung 
bei der Färberei auszudrücken, des Wortes virer ^ welches 
"von einer Seite nach der andern wenden" heißt, und 
drücken dadurch auf eine sehr geschickte Weise dasjenige 
aus, was man sonst durch Mischungsverhältnisse zu be- 
zeichnen und anzuheben versucht. 

533. Hievon ist diejenige Operation, die wir mit dem 
Lackmus zu machen pflegen, eine der bekanntesten und 
auffallendsten. Lackmus ist ein Farbematerial, das durch' 



III. CHEMISCHE FARBEN 167 

Alkalien zum Rotblauen spezifiziert worden. Es wird 
dieses sehr leicht durch Säuren ins Rotgelbe hinüber- 
und durch Alkalien wieder herübergezogen. Inwiefern in 
diesem Fall durch zarte Versuche ein Kulminationspunkt 
zu entdecken und festzuhalten sei, wird denen, die in 
dieser Kunst geübt sind, überlassen, so wie die Färbekunst, 
besonders die Scharlachfärberei, von diesem Hin- und 
Herwenden mannigfaltige Beispiele zu liefern imstande ist. 

XU. Durchwandern des Kreises 

534. Die Erregung und Steigerung kommt mehr auf der 
Plus- als auf der Minusseite vor. So geht auch die Farbe 
bei Durch Wanderung des ganzen Wegs meist von der 
Plusseite aus. 

535. Eine stetige, in die Augen fallende Durchwande- 
rung des Wegs vom Gelben durchs Rote zum Blauen zeigt 
sich beim Anlaufen des Stahls. 

536. Die Metalle lassen sich durch verschiedene Stufen 
und Arten der Oxydation auf verschiedenen Punkten des 
Farbenkreises spezifizieren. 

537. Da sie auch grün erscheinen, so ist die Frage, ob 
man eine stetige Durchwanderung aus dem Gelben durchs 
Grüne ins Blaue und umgekehrt in dem Mineralreiche 
kennt. Eisenkalk, mit Glas zusammengeschmolzen, bringt 
erst eine grüne, bei verstärktem Feuer eine blaue Farbe 
hervor. 

538. Es ist wohl hier am Platz, von dem Grünen über- 
haupt zu sprechen. Es entsteht vor uns vorzüglich im 
atomistischen Sinne, und zwar völlig rein, wenn wir Gelb 
und Blau zusammenbringen; allein auch schon ein un- 
reines beschmutztes Gelb bringt uns den Eindruck des 
Grünlichen hervor. Gelb mit Schwarz macht schon Grün; 
aber auch dieses leitet sich davon ab, daß Schwarz mit 
dem Blauen verwandt ist. Ein unvoUkommnes Gelb wie 
das Schwefelgelb gibt uns den Eindruck von einem Grün- 
lichen. Ebenso werden wir ein unvollkommenes Blau als 
Grün gewahr. Das Grüne der Weinflaschen entsteht, so 
scheint es, durch eine unvollkommene Verbindung des 



1 6 8 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

Eisenkalks mit dem Glase. Bringt man durch größere 
Hitze eine vollkommenere Verbindung hervor, so ent- 
steht ein schönes blaues Glas. 

539. Aus allem diesem scheint so viel hervorzugehen, 
daß eine gewisse Kluft zwischen Gelb und Blau in der 
Natur sich findet, welche zwar durch Verschränkung und 
Vermischung atomistisch gehoben und zum Grünen ver- 
knüpft werden kann, daß aber eigentlich die wahre Ver- 
mittlung vom Gelben und Blauen nur durch das Rote 
geschieht. 

540. Was jedoch dem Unorganischen nicht gemäß zu sein 
scheint, das werden wir, wenn von organischen Naturen 
die Rede ist, möglich finden, indem in diesem letzten 
Reiche eine solche Durchwandrung des Kreises vom 
Gelben durchs Grüne und Blaue bis zum Purpur wirk- 
lich vorkommt. 



XLH. Umkehrung 

541. Auch eine unmittelbare Umkehrung in den gefor- 
derten Gegensatz zeigt sich als eine sehr merkwürdige 
Erscheinung, wovon wir gegenwärtig nur Folgendes an- 
zugeben wissen. 

542. Das mineralische Chamäleon, welches eigentlich 
ein Braunsteinoxyd enthält, kann man in seinem ganz 
trocknen Zustande als ein grünes Pulver ansehen. Streut 
man es in Wasser, so zeigt sich in dem ersten Augen- 
blick der Auflösung die grüne Farbe sehr schön; aber sie 
verwandelt sich sogleich in die dem Grünen entgegen- 
gesetzte Purpurfarbe, ohne daß irgendeine Zwischenstufe 
bemerklich wäre. 

543. Derselbe Fall ist mit der sympathetischen Tinte, 
welche auch als ein rötlicher Liquor angesehen werden 
kann, dessen Austrocknung durch Wärme die grüne Farbe 
auf dem Papiere zeigt. 

544. Eigentlich scheint hier der Konflikt zwischen Trockne 
und Feuchtigkeit dieses Phänomen hervorzubringen, wie, 
wenn wir uns nicht irren, auch schon von den Scheide- 
künstlern angegeben worden. Was sich weiter daraus 



III. CHEMISCHE FARBEN 169 

ableiten, woran sich diese Phänomene anknüpfen lassen, 
darüber können wir von der Zeit hinlänghche Belehrung 
erwarten. 

XLIII, Fixation 

545. So beweglich wir bisher die Farbe, selbst bei ihrer 
körperlichen Erscheinung gesehen haben, so fixiert sie 
sich doch zuletzt unter gewissen Umständen. 

546. Es gibt Körper, welche fähig sind, ganz in Farbestoff 
verwandelt zu werden, und hier kann man sagen, die 
Farbe fixiere sich in sich selbst, beharre auf einer ge- 
wissen Stufe und spezifiziere sich. So entstehen Färbe- 
materialien aus allen Reichen, deren besonders das vege- 
tabilische eine große Menge darbietet, worunter doch 
einige sich besonders auszeichnen und als die Stellver- 
treter der andern angesehen werden können, wie auf der 
aktiven Seite der Krapp, auf der passiven der Indig. 

547. Um diese Materialien bedeutend und zum Gebrauch 
vorteilhaft zu machen, gehört, daß die färbende Eigen- 
schaft in ihnen innig zusammengedrängt und der färbende 
Stoff zu einer unendlichen empirischen Teilbarkeit er- 
hoben werde, welches auf allerlei Weise und besonders 
bei den genannten durch Gärung und Fäulnis hervorge- 
bracht wird. 

548. Diese materiellen Farbenstoffe fixieren sich nun 
wieder an andern Körpern. So werfen sie sich im Mine- 
ralreich an Erden und Metallkalke, sie verbinden sich 
durch Schmelzung mit Gläsern und erhalten hier bei 
durchscheinendem Licht die höchste Schönheit, so wie 
man ihnen eine ewige Dauer zuschreiben kann. 

549. Vegetabilische und animalische Körper ergreifen sie 
mit mehr oder weniger Gewalt und halten daran mehr 
oder weniger fest, teils ihrer-Natur nach, wie denn Gelb 
vergänglicher ist als Blau, oder nach der Natur der Un- 
terlagen. An vegetabilischen dauern sie weniger als an 
animalischen, und selbst innerhalb dieser Reiche gibt es 
abermals Verschiedenheit. Flachs- oderbaumwoUnes Garn, 
Seide oder Wolle zeigen gar verschiedene Verhältnisse zu 
den Färbestoffen. 



1 7 o DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

550. Hier tritt nun die wichtige Lehre von den Beizen 
hervor, welche als Vermittler zwischen der Farbe und 
dem Körper angesehen werden können. Die Färbebücher 
sprechen hievon umständlich. Uns sei genug, dahin ge- 
deutet zu haben, daß durch diese Operationen die Farbe 
eine nur mit dem Körper zu verwüstende Dauer erhält, 
ja sogar durch den Gebrauch an Klarheit und Schönheit 
wachsen kann. 

XLIV. Mischung. Reale 

551. Eine jede Mischung setzt eine Spezifikation voraus, 
und wir sind daher, wenn wir von Mischung reden, im 
atomistischen Felde. Man muß erst gewisse Körper auf 
irgendeinem Punkte des Farbenkreises spezifiziert vor sich 
sehen, ehe man durch Mischung derselben neue Schat- 
tierungen hervorbringen will. 

552. Man nehme im allgemeinen Gelb, Blau und Rot 
als reine, als Grundfarben fertig an. Rot und Blau wird 
Violett, Rot und Gelb Orange, Gelb und Blau Grün her- 
vorbringen. 

553. Man hat sich sehr bemüht, durch Zahl-, Maß- und 
Gewichtsverhältnisse diese Mischungen näher zu be- 
stimmen, hat aber dadurch wenig Ersprießliches ge- 
leistet. 

554. Die Malerei beruht eigentlich auf der Mischimg 
solcher spezifizierten, ja individualisierten Farbenkörper 
und ihrer unendlichen möglichen Verbindungen, welche 
allein durch das zarteste, geübteste Auge empfunden und 
unter dessen Urteil bewirkt werden können. 

555. Die innige Verbindung dieser Mischungen geschieht 
durch die reinste Teilung der Kör;)er durch Reiben, 
Schlemmen usw., nicht weniger durch Säfte, welche das 
Staubartige zusammenhalten und das Unorganische gleich- 
sam organisch verbinden; dergleichen sind die Öle, Harze 
usw. 

556. Sämtliche Farben zusammengemischt behalten ihren 
allgemeinen Charakter als a/ueQÖr, und da sie nicht mehr 
nebeneinander gesehen werden, wird keine Totalität, keine 



III. CHEMISCHE FARBEN 1 7 1 

Harmonie empfanden, und so entsteht das Grau, das, wie 
die sichtbare Farbe, immer etwas dunkler als Weiß und 
immer etwas heller als Schwarz erscheint. 

557. Dieses Grau kann auf verschiedene Weise hervor- 
gebracht werden. Einmal, wenn man aus Gelb und Blau 
ein Smaragdgrün mischt und alsdann so viel reines Rot 
hinzubringt, bis sich alle drei gleichsam neutralisiert ha- 
ben. Ferner entsteht gleichfalls ein Grau, wenn man 
eine Skala der ursprünglichen und abgeleiteten Farben 
in einer gewissen Proportion zusammenstellt und hernach 
vermischt. 

558. Daß alle Farben zusammengemischt Weiß machen, 
ist eine Absurdität, die man nebst andern Absurditäten 
schon ein Jahrhundert gläubig und dem Augenschein ent- 
gegen zu wiederholen gewohnt ist. 

559. Die zusammengemischten Farben tragen ihr Dunk- 
les in die Mischung über. Je dunkler die Farben sind, 
desto dunkler wird das entstehende Grau, welches zu- 
letzt sich dem Schwarzen nähert. Je heller die Farben 
sind, desto heller wird das Grau, welches zuletzt sich 
dem Weißen nähert. 

XLV. Mischung. Schembare 

560. Die scheinbare Mischung wird hier um so mehr 
gleich mit abgehandelt, als sie in manchem Sinne von 
großer Bedeutung ist und man sogar die von uns als real 
angegebene Mischung für scheinbar halten könnte. Denn 
die Elemente, woraus die zusammengesetzte Farbe ent- 
sprungen ist, sind nur zu klein, um einzeln gesehen zu 
werden. Gelbes und blaues Pulver zusammengerieben 
erscheint dem nackten Auge grün, wenn man durch ein 
Vergrößerungsglas noch Gelb -und Blau voneinander ab- 
gesondert bemerken kann. So machen auch gelbe und 
blaue Streifen in der Entfernung eine grüne Fläche, wel- 
ches alles auch von der Vermischung der übrigen spezi- 
fizierten Farben gilt. 

561. Unter dem Apparat wird künftig auch das Schwung- 
rad abgehandelt werden, auf welchem die scheinbare 



1 7 2 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 
Mischung durch Schnelligkeit hervorgebracht wird. Auf 
einer Scheibe bringt man verschiedene Farben im Kreise 
nebeneinander an, dreht dieselben durch die Gewalt des 
Schwunges mit größter Schnelligkeit herum und kann so, 
wenn man mehrere Scheiben zubereitet, alle möghchen 
Mischungen vor Augen stellen, so wie zuletzt auch die 
Mischung aller Farben zum Grau naturgemäß auf oben 
angezeigte Weise. 

562. Physiologische Farben nehmen gleichfalls Mischung 
an. Wenn man z. B. den blauen Schatten (65) auf einem 
leicht gelben Papiere hervorbringt, so erscheint derselbe 
grün. Ein gleiches gilt von den übrigen Farben, wenn 
man die Vorrichtung darnach zu machen weiß. 

563. Wenn man die im Auge verweilenden farbigen 
Scheinbilder (39 ff.) auf farbige Flächen führt, so ent- 
steht auch eine Mischung und Determination des Bil- 
des zu einer andern Farbe, die sich aus beiden her- 
schreibt, 

564. Physische Farben stellen gleichfalls eine Mischung 
dar, Hieher gehören die Versuche, wenn man bunte Bil- 
der durchs Prisma sieht, wie wir solches oben (258 — 284) 
umständlich angegeben haben. 

565. Am meisten aber machten sich die Physiker mit 
jenen Erscheinungen zu tun, welche entstehen, wenn man 
die prismatischen Farben auf gefärbte Flächen wirft. 

566. Das, was man dabei gewahr wird, ist sehr einfach. 
Erstlich muß man bedenken, daß die prismatischen Far- 
ben viel lebhafter sind als die Farben der Fläche, wor- 
auf man sie fallen läßt. Zweitens kommt in Betracht, daß 
die prismatische Farbe entweder homogen mit der Fläche 
oder heterogen sein kann. Im ersten Fall erhöht und 
verherrlicht sie solche und wird dadurch verherrlicht, wie 
der farbige Stein durch eine gleichgefärbte Folie. Im 
entgegengesetzten Falle beschmutzt, stört und zerstört 
eine die andere. 

567. Man kann diese Versuche durch farbige Gläser wie- 
derholen und das Sonnenlicht durch dieselben auf far- 
bige Flächen fallen lassen, und durchaus werden ähnliche 
Resultate erscheinea 



III. CHEMISCHE FARBEN 173 

568. Ein gleiches wird bewirkt, wenn der Beobachter 
durch farbige Gläser nach gefärbten Gegenständen hin- 
sieht, deren Farben sodann nach Beschaffenheit erhöht; 
erniedrigt oder aufgehoben werden. 

569. Läßt man die prismatischen Farben durch farbige 
Gläser durchgehen, so treten die Erscheinungen völlig 
analog hervor, wobei mehr oder weniger Energie, mehr 
oder weniger Helle und Dunkle, Klarheit und Reinheit 
des Glases in Betracht kommt und manchen zarten Un- 
terschied hervorbringt, wie jeder genaue Beobachter wird 
bemerken können, der diese Phänomene durchzuarbeiten 
Lust und Geduld hat. 

570. So ist es auch wohl kaum nötig zu erwähnen, daß 
mehrere farbige Gläser übereinander, nicht weniger öl- 
getränkte, durchscheinende Papiere alle und jede Arten 
von Mischung hervorbringen und dem Auge nach Be- 
lieben des Experimentierenden darstellen. 

571. Schließlich gehören hieher die Lasuren der Maler, 
wodurch eine viel geistigere Mischimg entsteht, als durch 
die mechanisch- atomistische, deren sie sich gewöhnlich 
bedienen, hervotgebracht werden kann. 

XLVL Mitteilung^ wirkliche 

572. Wenn wir nunmehr auf gedachte Weise uns Farbe- 
materialien verschafft haben, so entsteht ferner die Frage, 
wie wir solche farblosen Körpern mitteilen können, deren 
Beantwortung für das Leben, den Gebrauch, die Be- 
nutzung, die Technik von der größten Bedeutung ist. 

573. Hier kommt abermals die dunkle Eigenschaft einer 
jeden Farbe zur Sprache. Von dem Gelben, das ganz 
nah am Weißen liegt, durchs Orange und Mennigfarbe 
zum Reinroten und Karmin, durch alle Abstufungen des 
Violetten bis in das satteste Blau, das ganz am Schwar- 
zen liegt, nimmt die Farbe immer an Dunkelheit zu. Das 
Blaue, einmal spezifiziert, läßt sich verdünnen, erhellen, 
mit dem Gelben verbinden, wodurch es Grün wird und 
sich nach der Lichtseite hinzieht. Keinesweges geschieht 
dies aber seiner Natur nach. 



1 7 4 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

574. Bei den physiologischen Farben haben wir schon 
gesehen, daß sie ein Minus sind als das Licht, indem sie 
beim Abklingen des Lichteindrucks entstehen, ja zuletzt 
diesen Eindruck ganz als ein Dunkles zurücklassen. Bei 
physischen Versuchen belehrt uns schon der Gebrauch 
trüber Mittel, die Wirkung trüber Nebenbilder, daß hier 
von einem gedämpften Lichte, von einem Übergang ins 
Dunkle die Rede sei. 

575. Bei der chemischen Entstehung der Pigmente wer- 
den wir dasselbe bei der ersten Erregung gewahr. Der 
gelbe Hauch, der sich über den Stahl zieht, verdunkelt 
schon die glänzende Oberfläche. Bei der Verwandlung 
des Bleiweißes in Massikot ist es deutlich, daß das Gelbe 
dunkler als Weiß sei. 

576. Diese Operation ist von der größten Zartheit und 
so auch die Steigerung, welche immer fortwächst, die 
Körper, welche bearbeitet werden, immer inniger und 
kräftiger färbt und so auf die größte Feinheit der beban- 
delten Teile, auf imendliche Teilbarkeit hinweist. 

577. Mit den Farben, welche sich gegen das Dunkle hin- 
begeben und folglich besonders mit dem Blauen können 
wir ganz an das Schwarze hinanrücken; wie uns denn ein 
recht vollkommnes Berlinerblau, ein durch Vitriolsäure 
behandelter Indig fast als Schwarz erscheint. 

578. Hier ist es nun der Ort, einer merkwürdigen Er- 
scheinung zu gedenken, daß nämlich Pigmente in ihrem 
höchst gesättigten und gedrängten Zustande, besonders 
aus dem Pflanzenreiche, als erstgedachter Indig oder auf 
seine höchste Stufe geführter Krapp, ihre Farbe nicht mehr 
zeigen; vielmehr erscheint auf ihrer Oberfläche ein ent- 
schiedener Metallglanz, in welchem die physiologisch ge- 
forderte Farbe spielt. 

579. Schon jeder gute Indig zeigt eine Kupferfarbe auf 
dem Bruch, welches im Handel ein Kennzeichen aus- 
macht. Der durch Schwefelsäure bearbeitete aber, wenn 
man ihn dick aufstreicht oder eintrocknet, so daß weder 
das weiße Papier noch die Porzellanschale durchwirken 
kann, läßt eine Farbe sehen, die dem Orange nah kommt. 

580. Die hochpurpurfarbne spanische Schminke, wahr- 



III. CHEMISCHE FARBEN 1 7 5 

scheinlich aus Krapp bereitet, zeigt auf der Oberfläche 
einen voUkommnen grünen Metallglanz. Streicht man 
beide Farben, die blaue und rote, mit einem Pinsel auf 
Porzellan oder Papier auseinander, so hat man sie wie- 
der in ihrer Natur, indem das Helle der Unterlage durch 
sie hindurchscheint. 

581. Farbige Liquoren erscheinen schwarz, wenn kein 
Licht durch sie hindurchfällt, wie man sich in parallel- 
epipedischen Blechgefäßen mit Glasboden sehr leicht über- 
zeugen kann. In einem solchen wird jede durchsichtige 
farbige Infusion, wenn man einen schwarzen Grund unter- 
legt, schwarz und farblos erscheinen. 

582. Macht man die Vorrichtung, daß das Bild einer 
Flamme von der untern Fläche zurückstrahlen kann, so 
erscheint diese gefärbt. Hebt man das Gefäß in die Höhe 
und läßt das Licht auf druntergehaltenes weißes Papier 
fallen, so erscheint die Farbe auf diesem. Jede helle Un- 
terlage, durch ein solches gefärbtes Mittel gesehen, zeigt 
die Farbe desselben. 

583. Jede Farbe also, um gesehen zu werden, muß ein 
Licht im Hinterhalte haben. Daher kommt es, daß, je 
heller und glänzender die Unterlagen sind, desto schöner 
erscheinen die Farben. Zieht man Lackfarben auf einen 
metallisch glänzenden weißen Grund, wie unsre soge- 
nannten Folien verfertigt werden, so zeigt sich die Herr- 
lichkeit der Farbe bei diesem zurückwirkenden Licht so 
sehr als bei irgendeinem prismatischen Versuche. Ja die 
Energie der physischen Farben beruht hauptsächlich dar- 
auf, daß mit und hinter ihnen das Licht immerfort wirk- 
sam ist. 

584. Lichtenberg, der zwar seiner Zeit und Lage nach 
der hergebrachten Vorstellung folgen mußte, war doch 
ein zu guter Beobachter und zu geistreich, als daß er das, 
was ihm vor Augen erschien, nicht hätte bemerken und 
nach seiner Weise erklären und zurechtlegen sollen. Er 
sagt in der Vorrede zu Delaval: "Auch scheint es mir 
aus andern Gründen . . . wahrscheinlich, daß unser Organ, 
um eine Farbe zu empfinden, etwas von allem Licht 
(weißes) zugleich mit empfinden müsse." 



1 7 6 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

585. Sich weiße Unterlagen zu verschaffen, ist das 
Hauptgeschäft des Färbers. Farblosen Erden, besonders 
dem Alaun, kann jede spezifizierte Farbe leicht mitge- 
teilt werden. Besonders aber hat der Färber mit Pro- 
dukten der animalischen und der Pflanzenorganisation zu 
schaffen. 

586. Alles Lebendige strebt zur Farbe, zum Besondern, 
zur Spezifikation, zum Effekt, zur Undurchsichtigkeit bis 
ins Unendlichfeine. Alles Abgelebte zieht sich nach dem 
Weißen, zur Abstraktion, zur Allgemeinheit, zur Verklä- 
rung, zur Durchsichtigkeit. 

587. Wie dieses durch Technik bewirkt werde, ist in 
dem Kapitel von Entziehung der Farbe anzudeuten. Hier 
bei der Mitteilung haben wir vorzüglich zu bedenken, 
daß Tiere und Vegetabilien im lebendigen Zustande Farbe 
an ihnen hervorbringen und solche daher, wenn sie ihnen 
völlig entzogen ist, um desto leichter wieder in sich auf- 
nehmen. 

XLVII. Mitteilung^ scheinbare 

588. Die Mitteilung trifft, wie man leicht sehen kann, 
mit der Mischung zusammen, sowohl die wahre als die 
scheinbare. Wir wiederholen deswegen nicht, was oben 
so viel als nötig ausgeführt worden. 

589. Doch bemerken wir gegenwärtig umständlicher die 
Wichtigkeit einer scheinbaren Mitteilung, welche durch 
den Widerschein geschieht. Es ist dieses zwar sehr be- 
kannte, doch immer ahndungsvolle Phänomen dem Phy- 
siker wie dem Maler von der größten Bedeutung. 

590. Man nehme eine jede spezifizierte farbige Fläche, 
man stelle sie in die Sonne und lasse den Widerschein 
auf andre, farblose Gegenstände fallen. Dieser Widerschein 
ist eine Art gemäßigten Lichts, ein Halblicht, ein Halb- 
schatten, der außer seiner gedämpften Natur die spezi- 
fische Farbe der Fläche mit abspiegelt. 

591. Wirkt dieser Widerschein auf lichte Flächen, so 
wird er aufgehoben, und man bemerkt die Farbe wenig, 
die er mit sich bringt. Wirkt er aber auf Schattenstellen, 
so zeigt sich eine gleichsam magische Verbindung mit 



III. CHEMISCHE FARBEN 177 

dem a/uEQ([i. Der Schatten ist das eigentliche Element 
der Farbe, und hier tritt zu demselben eine schattige 
Farbe beleuchtend, färbend und belebend, und so ent- 
steht eine ebenso mächtige als angenehme Erscheinung, 
welche dem Maler, der sie zu benutzen weiß, die herr- 
lichsten Dienste leistet. Hier sind die Vorbilder der so- 
genannten Reflexe, die in der Geschichte der Kunst erst 
später bemerkt werden, und die man seltner als billig 
in ihrer ganzen Mannigfaltigkeit anzuwenden gewußt 
hat. 

592. Die Scholastiker nannten diese Farben colores no- 
tionales und intentionales; wie uns denn überhaupt die 
Geschichte zeigen wird, daß jene Schule die Phänomene 
schon gut genug beachtete, auch sie gehörig zu sondern 
wußte, wennschon die ganze Behandlungsart solcher 
Gegenstände von der imsrigen sehr verschieden ist. 

XLVIII. Entziehung 

593. Den Körpern werden auf mancherlei Weise die 
Farben entzogen, sie mögen dieselben von Natur be- 
sitzen oder wir mögen ihnen solche mitgeteilt haben. Wir 
sind daher imstande, ihnen zu unserm Vorteil zweck- 
mäßig die Farbe zu nehmen, aber sie entflieht auch oft 
zu unserm Nachteil gegen unsern Willen. 

594. Nicht allein die Grunderden sind in ihrem natür- 
lichen Zustande weiß, sondern auch vegetabilische und 
animalische Stoffe können, ohne daß ihr Gewebe zerstört 
wird, in einen weißen Zustand versetzt werden. Da uns 
nun zu mancherlei Gebrauch ein reinliches Weiß höchst 
nötig und angenehm ist, wie wir uns besonders gern der 
leinenen und baumwollenen Zeuge ungefärbt bedienen, 
auch seidene Zeuge, das Papier und anderes uns desto 
angenehmer sind, je weißer sie gefunden werden, weil 
auch ferner, wie wir oben gesehen, das Hauptfundament 
der ganzen Färberei weiße Unterlagen sind: so hat sich 
die Technik, teils zufällig, teils mit Nachdenken, auf das 
Entziehen der Farbe aus diesen Stoffen so emsig gewor- 
fen, daß man hierüber unzählige Versuche gemacht und 
gar manches Bedeutende entdeckt hat. 

GOETHE XVII 12. 



1 7 8 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

595. In dieser völligen Entziehung der Farbe Hegt ei- 
gentlich die Beschäftigung der Bleichkunst, welche von 
mehreren empirischer oder methodischer abgehandelt 
worden. Wir geben die Hauptmomente hier nur kürz- 
lich an. 

596. Das Licht wird als eines der ersten Mittel, die 
Farbe den Körpern zu entziehen, angesehen, und zwar 
nicht allein das Sonnenlicht, sondern das bloße gewalt- 
lose Tageslicht. Denn wie beide Lichter, sowohl das di- 
rekte von der Sonne als auch das abgeleitete Himmels- 
licht, die Bononischen Phosphoren entzünden, so wirken 
auch beide Lichter auf gefärbte Flächen. Es sei nun, daß 
das Licht die ihm verwandte Farbe ergreife, sie, die so- 
viel Flammenartiges hat, gleichsam entzünde, verbrenne 
und das an ihr Spezifizierte wieder in ein Allgemeines 
auflöse oder daß eine andre, uns unbekannte Operation 
geschehe: genug, das Licht übt eine große Gewalt gegen 
farbige Flächen aus und bleicht sie mehr oder weniger. 
Doch zeigen auch hier die verschiedenen Farben eine 
verschiedene Zerstörlichkeit und Dauer, wie denn das 
Gelbe, besonders das aus gewissen Stoffen bereitete, hier 
zuerst davonfliegt. 

597. Aber nicht allein das Licht, sondern auch die Luft 
und besonders das Wasser wirken gewaltig auf die Ent- 
ziehung der Farbe. Man will sogar bemerkt haben, daß 
wohlbefeuchtete, bei Nacht auf dem Rasen ausgebreitete 
Garne besser bleichen als solche, welche, gleichfalls wohl- 
befeuchtet, dem Sonnenlicht ausgesetzt werden. Und so 
mag sich denn freilich das Wasser auch hier als ein Auf- 
lösendes, Vermittlendes, das Zufällige Aufhebendes und 
das Besondre insAllgeraeineZurückführendes beweisen. 

598. Durch Reagenzien wird auch eine solche Entziehung 
bewirkt. Der Weingeist hat eine besondre Neigung, das- 
jenige, was die Pflanzen färbt, an sich zu ziehen und sich 
damit, oft auf eine sehr beständige Weise, zu färben. Die 
Schwefelsäure zeigt sich, besonders gegen Wolle und Seide, 
als farbentziehend sehr wirksam, und wem ist nicht der 
Gebrauch des Schwefeldampfes da bekannt, wo man etwas 
vergilbtes oder beflecktes Weiß herzustellen gedenkt! 



111. CHEMISCHE FARBEN 179 

599. Die stärksten Säuren sind in der neuren Zeit als 
kürzere Bleichmittel angeraten worden. 

600. Ebenso wirken im Gegensinne die alkalischen Rea- 
genzien, die Laugen an sich, die zu Seife mit Lauge ver- 
bundenen Öle und Fettigkeiten usw., wie dieses alles in 
den ausdrücklich zu diesem Zwecke verfaßten Schriften 
umständlich gefunden wird. 

601. Übrigens möchte es wohl der Mühe wert sein, ge- 
wisse zarte Versuche zu machen, inwiefern Licht und 
Luft auf das Entziehen der Farbe ihre Tätigkeit äußern. 
Man könnte vielleicht unter luftleeren, mit gemeiner Luft 
oder besondern Luftarten gefüllten Glocken solche Farb- 
stoffe dem Licht aussetzen, deren Flüchtigkeit man kennt, 
und beobachten, ob sich nicht an das Glas wieder etwas 
von der verflüchtigten Farbe ansetzte oder sonst ein Nie- 
derschlag sich zeigte und ob alsdann dieses Wiederer- 
scheinende dem Unsichtbargewordnen völlig gleich sei 
oder ob es eine Veränderung erlitten habe. Geschickte 
Experimentatoren ersinnen sich hierzu wohl mancherlei 
Vorrichtungen. 

602. Wenn wir nun also zuerst die Naturwirkungen be- 
trachtet haben, wie wir sie zu unsern Absichten anwen- 
den, so ist noch einiges zu sagen von dem, wie sie feind- 
lich gegen uns wirken. 

603. Die Malerei ist in dem Falle, daß sie die schönsten 
Arbeiten des Geistes und der Mühe durch die Zeit auf 
mancherlei Weise zerstört sieht. — Man hat daher sich im- 
mer viel Mühe gegeben, dauernde Pigmente zu finden 
und sie auf eine Weise unter sich sowie mit der Unter- 
lage zu vereinigen, daß ihre Dauer dadurch noch mehr 
gesichert werde, wie uns hiervon die Technik der Maler- 
schulen genugsam unterrichten kann. 

604. Auch ist hier der Platz, einer Halbkunst zu ge- 
denken, welcher wir in Absicht auf Färberei sehr vieles 
schuldig sind: ich meine die Tapetenwirkerei. Indem man 
nämhch in den Fall kam, die zartesten Schattierungen 
der Gemälde nachzuahmen und daher die verschiedenst 
gefärbten Stoffe oft nebeneinander zu bringen, so be- 
merkte man bald, daß die Farben nicht alle gleich dauer- 



1 8o DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

haft waren, sondern die eine eher als die andre dem ge- 
wobenen Bilde entzogen wurde. Es entsprang daher das 
eifrigste Bestreben, den sämtlichen Farben imd Schattie- 
rungen eine gleiche Dauer zu versichern, welches beson- 
ders in Frankreich unter Colbert geschah, dessen Ver- 
fügungen über diesen Punkt in der Geschichte der Färbe- 
kunst Epoche machen. Die sogenannte Schönfärberei, 
welche sich nur zu einer vergänglichen Anmut verpflich- 
tete, ward eine besondre Gilde; mit desto größerm Ernst 
hingegen suchte man diejenige Technik, welche für die 
Dauer stehn sollte, zu begründen. 

So wären wir bei Betrachtung des Entziehens, der Flüch- 
tigkeit und Vergänglichkeit glänzender Farbenerschei- 
nungen wieder auf die Forderung der Dauer zurückge- 
kehrt und hätten auch in diesem Sinne unsern Kreis 
abermals abgeschlossen. 

XLIX. Nomenklatur 

605. Nach dem, was wir bisher von dem Entstehen, dem 
Fortschreiten und der Verwandtschaft der Farben ausge- 
führt, wird sich besser übersehen lassen, welche Nomen- 
klatur künftig wünschenswert wäre und was von der bis- 
herigen zu halten sei. 

606. Die Nomenklatur der Farben ging wie alle Nomen- 
klaturen, besonders aber diejenigen, welche sinnliche 
Gegenstände bezeichnen, vom Besondem aus ins Allge- 
meine und vom Allgemeinen wieder zurück ins Besondre. 
Der Name der Spezies ward ein Geschlechtsname, dem 
sich wieder das Einzelne unterordnete. 

607. Dieser Weg konnte bei der Beweglichkeit und Un- 
bestimmtheit des frühem Sprachgebrauchs zurückgelegt 
werden, besonders da man in den ersten Zeiten sich auf 
ein lebhafteres sinnliches Anschauen verlassen durfte. 
Man bezeichnete die Eigenschaften der Gegenstände un- 
bestimmt, weil sie jedermann deutlich in der Imagination 
festhielt. 

608. Der reine Farbenkreis war zwar enge, er schien 
aber an unzähligen Gegenständen spezifiziert xind indivi- 



m. CHEMISCHE FARBEN i8i 

dualisiert und mit Nebenbestimmungen bedingt. Man 
sehe die Mannigfaltigkeit der griechischen und römi- 
schen Ausdrücke . . ., und man wird mit Vergnügen dabei 
gewahr werden, wie beweglich und läßlich die Worte 
beinahe durch den ganzen Farbenkreis herum gebraucht 
worden. 

609. In späteren Zeiten trat durch die mannigfaltigen 
Operationen der Färbekunst manche neue Schattierung 
ein. Selbst die Modefarben und ihre Benennungen stell- 
ten ein unendliches Heer von Farbenindividualitäten dar. 
Auch die Farbenterminologie der neuern Sprachen wer- 
den wir gelegentlich aufführen, wobei sich denn zeigen 
wird, daß man immer auf genauere Bestimmungen aus- 
gegangen und ein Fixiertes, Spezifiziertes auch durch die 
Sprache festzuhalten und zu vereinzelnen gesucht hat. 

610. Was die deutsche Terminologie betrifft, so hat sie 
den Vorteil, daß wir vier einsilbige, an ihren Ursprung 
nicht mehr erinnernde Namen besitzen, nämlich Gelb, 
Blau, Rot, Grün. Sie stellen nur das Allgemeinste der 
Farbe der Einbildungskraft dar, ohne auf etwas Spezifi- 
sches hinzudeuten. 

611. Wollten wir in jeden Zwischenraum zwischen diesen 
vieren noch zwei Bestimmungen setzen, als Rotgelb und 
Gelbrot, Rotblau und Blaurot, Gelbgrün und Grüngelb, 
Blaugrün und Grünblau, so würden wir die Schattierun- 
gen des Farbenkreises bestimmt genug ausdrücken, und 
wenn wir die Bezeichnungen von Hell und Dunkel hin- 
zufügen wollten, ingleichen die Beschmutzungen einiger- 
maßen andeuten, wozu uns die gleichfalls einsilbigen 
Worte Schwarz, Weiß, Grau und Braun zu Diensten ste- 
hen, so würden wir ziemlich auslangen und die vorkom- 
menden Erscheinungen ausdrücken, ohne uns zu beküm- 
mern, ob sie auf dynamischem oder atomistischem Wege 
entstanden sind. 

6x2. Man könnte jedoch immer hiebei die spezifischen 
und individuellen Ausdrücke vorteilhaft benutzen, so wie 
wir uns auch des Worts Orange und Violett bedienten. 
.Ingleichen haben wir das Wort Purpur gebraucht, um das 
reine, in der Mitte stehende Rot zu bezeichnen, weil der 



1 8 2 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

Saft der Purpurschnecke, besonders wenn er feine Lein- 
wand durchdrungen hat, vorzüglich durch das Sonnen- 
licht zu dem höchsten Punkte der Kulmination zu brin- 
gen ist. 

L. Mineralien 

613. Die Farben der Mineralien sind alle chemischer 
Natur, und so kann ihre Entstehungsweise aus dem, was 
wir von den chemischen Farben gesagt haben, ziemlich 
entwickelt werden. 

614. Die Farbenbenennungen stehen unter den äußern 
Kennzeichen obenan, und man hat sich im Sinne der 
neuern Zeit große Mühe gegeben, jede vorkommende Er- 
scheinung genau zu bestimmen und festzuhalten; man hat 
aber dadurch, wie uns dünkt, neue Schwierigkeiten er- 
regt, welche beim Gebrauch manche Unbequemlichkeit 
veranlassen. 

615. Freilich führt auch dieses, sobald man bedenkt, wie 
die Sache entstanden, seine Entschuldigung mit sich. 
Der Maler hatte von jeher das Vorrecht, die Farbe zu 
handhaben. Die wenigen spezifizierten Farben standen 
fest, und dennoch kamen durch künstliche Mischungen 
unzählige Schattierungen hervor, welche die Oberfläche 
der natürlichen Gegenstände nachahmten. War es daher 
ein Wunder, wenn man auch diesen Mischungsweg ein- 
schlug und den Künstler aufrief, gefärbte Musterflächen 
aufzustellen, nach denen man die natürlichen Gegenstände 
beurteilen und bezeichnen könnte.* Man fragte nicht: wie 
geht die Natur zu Werke, um diese und jene Farbe auf 
ihrem Innern lebendigen Wege hervorzubringen? sondern: 
wie belebt der Maler das Tote, um ein dem Lebendigen 
ähnliches Scheinbild darzustellen? Man ging also immer 
von Mischung aus und kehrte auf Mischung zurück, so 
daß man zuletzt das Gemischte wieder zu mischen vor- 
nahm, um einige sonderbare Spezifikationen und Indivi- 
dualisationen auszudrücken und zu unterscheiden. 

616. Übrigens läßt sich bei der gedachten eingeführten 
mineralischen Farbenterminologie noch manches erinnern. . 
Man hat nämlich die Benennunsfen nicht, wie es doch 



III. CHEMISCHE FARBEN 183 

meistens möglich gewesen wäre, aus dem Mineralreich, 
sondern von allerlei sichtbaren Gegenständen genommen, 
da man doch mit größerem Vorteil auf eigenem Grund und 
Boden hätte bleiben können. Femer hat man zu viel ein- 
zelne spezifische Ausdrücke aufgenommen und, indem 
man durch Vermischung dieser Spezifikationen wieder 
neue Bestimmungen hervorzubringen suchte, nicht be- 
dacht, daß man dadurch vor der Imagination das Bild 
und vor dem Verstand den Begriff völlig aufhebe. Zu- 
letzt stehen denn auch diese gewissermaßen als Grund- 
bestimmungen gebrauchten einzelnen Farbenbenennungen 
nicht in der besten Ordnung, wie sie etwa voneinander 
sich ableiten, daher denn der Schüler jede Bestimmung 
einzeln lernen und sich ein beinahe totes Positives ein- 
prägen muß. Die weitere Ausführung dieses Angedeu- 
teten stünde hier nicht am rechten Orte. 

LI. Pflanzen 

617. Man kann die Farben organischer Körper über- 
haupt als eine höhere chemische Operation ansehen, wes- 
wegen sie auch die Alten durch das Wort "Kochung" 
(^reipig) ausgedrückt haben. Alle Elementarfarben sowohl 
als die gemischten und abgeleiteten kommen auf der Ober- 
fläche organischer Naturen vor, dahingegen das Innere, 
man kann nicht sagen unfärbig, doch eigentlich mißfärbig 
erscheint, wenn es zutage gebracht wird. Da wir bald an 
einem andern Orte von unsern Ansichten über organische 
Natur einiges mitzuteilen denken, so stehe nur dasjenige 
hier, was früher mit der Farbenlehre in Verbindung ge- 
bracht war, indessen wir zu jenen besondern Zwecken 
das Weitere vorbereiten. Von den Pflanzen sei also zu- 
erst gesprochen. 

618. Die Samen, Bulben, Wurzeln, und was überhaupt 
vom Lichte ausgeschlossen ist oder unmittelbar von 
der Erde sich umgeben befindet, zeigt sich meistenteils 
weiß. 

619. Die im Finstern aus Samen erzogenen Pflanzen 
sind weiß oder ins Gelbe ziehend. Das Licht hingegen. 



1 8 4 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

indem es auf ihre Farben wirkt, wirkt zugleich auf ihre 
Form. 

620. Die Pflanzen, die im Finstern wachsen, setzen sich 
von Knoten zu Knoten zwar lange fort, aber die Stengel 
zwischen zwei Knoten sind länger als billig; keine Seiten- 
zweige werden erzeugt, und die Metamorphose der Pflan- 
zen hat nicht statt. 

621. Das Licht versetzt sie dagegen sogleich in einen 
tätigen Zustand: die Pflanze erscheint grün, und der Gang 
der Metamorphose bis zur Begattung geht unaufhaltsam 
fort. 

622. Wir wissen, daß die Stengelblätter nur Vorberei- 
tungen und Vorbedeutungen auf die Blumen- und Frucht- 
werkzeuge sind, und so kann man in den Stengelblättern 
schon Farben sehen, die von weiten auf die Blume hin- 
deuten, wie bei den Amaranten der Fall ist. 

623. Es gibt weiße Blumen, deren Blätter sich zur größ- 
ten Reinheit durchgearbeitet haben, aber auch farbige, 
in denen die schöne Elementarerscheinung hin- und wie- 
derspielt. Es gibt deren, die sich nur teilweise vom 
Grünen auf eine höhere Stufe losgearbeitet haben. 

624. Blumen einerlei Geschlechts, ja einerlei Art finden 
sich von allen Farben. Rosen und besonders Malven 
z. B. gehen einen großen Teil des Farbenkreises durch, 
vom Weißen ins Gelbe, sodann durch das Rotgelbe in 
den Purpur und von da in das Dunkelste, was der Pur- 
pur, indem er sich dem Blauen nähert, ergreifen kann. 

625. Andere fangen schon auf einer höhern Stufe an, wie 
z. B. die Mohne, welche von dem Gelbroten ausgehen 
und sich in das Violette hinüberziehen. 

626. Doch sind auch Farben bei Arten, Gattungen, ja 
Familien und Klassen, wo nicht beständig, doch herr- 
schend, besonders die gelbe Farbe; die blaue ist über- 
haupt seltner. 

627. Bei den saftigen Hüllen der Frucht geht etwas Ähn- 
liches vor, indem sie sich von der grünen Farbe durch 
das Gelbliche und Gelbe bis zu dem höchsten Rot er- 
höhen, wobei die Farbe der Schale die Stufen der Reife 
andeutet. Einige sind ringsum gefärbt, einige nur an der 



III. CHEMISCHE FARBEN 185 

Sonnenseite, in welchem letzten Falle man die Steige- 
rung des Gelben ins Rote durch größere An- und Über- 
einanderdrängung sehr wohl beobachten kann. 

628. Auch sind mehrere Früchte innerlich gefärbt, be- 
sonders sind purpurrote Säfte gewöhnlich. 

629. Wie die Farbe sowohl oberflächlich auf der Blume 
als durchdringend in der Frucht sich befindet, so ver- 
breitet sie sich auch durch die übrigen Teile, indem sie 
die Wurzeln und die Säfte der Stengel färbt, und zwar 
mit sehr reicher und mächtiger Farbe. 

630. So geht auch die Farbe des Holzes vom Gelben 
durch die verschiedenen Stufen des Roten bis ins Pur- 
purfarbene und Braune hinüber. Blaue Hölzer sind mir 
nicht bekannt, und so zeigt sich schon auf dieser Stufe 
der Organisation die aktive Seite mächtig, wenn in dem 
allgemeinen Grün der Pflanzen beide Seiten sich balan- 
cieren mögen, 

631. Wir haben oben gesehen, daß der aus der Erde 
dringende Keim sich mehrenteils weiß und gelblich zeigt, 
durch Einwirkung von Licht und Luft aber in die grüne 
Farbe übergeht. Ein Ähnliches geschieht bei jungen Blät- 
tern der Bäume, wie man z. B. an den Birken sehen kann, 
deren junge Blätter gelblich sind und beim Auskochen 
einen schönen gelben Saft von sich geben. Nachher 
werden sie immer grüner, so wie die Blätter von an- 
dern Bäumen nach und nach in das Blaugrüne über- 
gehen, 

632. So scheint auch das Gelbe wesentlicher den Blät- 
tern anzugehören als der blaue Anteil: denn dieser ver- 
schwindet im Herbste, imd das Gelbe des Blattes scheint 
in eine braune Farbe übergegangen. Noch merkwürdiger 
aber sind die besonderen Fälle, da die Blätter im Herbste 
wieder rein gelb werden und andre sich bis zu dem höch- 
sten Rot hinaufsteigern. 

633. Übrigens haben einige Pflanzen die Eigenschaft, 
durch künsthche Behandlung fast durchaus in ein Farbe- 
material verwandelt zu werden, das so fein, wirksam 
und unendlich teilbar ist als irgendein anderes. Bei- 
spiele sind der Indigo und Krapp, mit denen so viel 



1 86 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

geleistet wird. Auch werden Flechten zum Färben be- 
nutzt. 

634. Diesem Phänomen steht ein anderes unmittelbar 
entgegen, daß man nämlich den färbenden Teil der Pflan- 
zen ausziehen und gleichsam besonders darstellen kann, 
ohne daß ihre Organisation dadurch etwas zu leiden 
scheint. Die Farben der Blumen lassen sich durch Wein- 
geist ausziehen und tingieren denselben; die Blumen- 
blätter dagegen erscheinen weiß. 

635. Es gibt verschiedene Bearbeitungen der Blumen 
und ihrer Säfte durch Reagenzien. Dieses hat Boyle in 
vielen Experimenten geleistet. Man bleicht die Rosen 
durch Schwefel und stellt sie durch andre Säuren wieder 
her. Durch Tobaksrauch werden die Rosen grün. 

LH. Würmer, Insekten, Fische 

636. Von den Tieren, welche auf den niedern Stufen 
der Organisation verweilen, sei hier vorläufig folgendes 
gesagt. Die Würmer, welche sich in der Erde aufhalten, 
der Finsternis und der kalten Feuchtigkeit gewidmet sind, 
zeigen sich mißfärbig, die Eingeweidewürmer, von war- 
mer Feuchtigkeit im Finstern ausgebrütet und genährt, 
unfärbig; zu Bestimmung der Farbe scheint ausdrücklich 
Licht zu gehören. 

637. Diejenigen Geschöpfe, welche im Wasser wohnen, 
welches als ein obgleich sehr dichtes Mittel dennoch hin- 
reichendes Licht hindurchläßt, erscheinen mehr oder 
weniger gefärbt. Die Zoophyten, welche die reinste Kalk- 
erde zu beleben scheinen, sind meistenteils weiß; doch 
finden wir die Korallen bis zum schönsten Gelbrot hin- 
aufgesteigert, welches in andern Wurmgehäusen sich bis 
nahe zum Purpur hinanhebt. 

638. Die Gehäuse der Schaltiere sind schön gezeichnet 
und gefärbt; doch ist zu bemerken, daß weder die Land- 
schnecken noch die Schale der Muscheln des süßen 
Wassers mit so hohen Farben geziert sind als die des 
Meerwassers. 

639. Bei Betrachtung der Muschelschalen, besonders der 



m. CHEMISCHE FARBEN 187 

gewundenen, bemerken wir, daß zu ihrem Entstehen eine 
Versammlung unter sich ähnlicher tierischer Organe sich 
wachsend vorwärts bewegte und, indem sie sich um eine 
Achse drehten, das Gehäuse durch eine Folge von Rie- 
fen, Rändern, Rinnen und Erhöhungen nach einem im- 
mer sich vergrößernden Maßstab hervorbrachten. Wir 
bemerken aber auch zugleich, daß diesen Organen irgend- 
ein mannigfaltig färbender Saft beiwohnen mußte, der die 
Oberfläche des Gehäuses, wahrscheinlich durch unmittel- 
bare Einwirkung des Meerwassers, mit farbigen Linien, 
Punkten, Flecken und Schattierungen epochenweis be- 
zeichnete und so die Spuren seines steigenden Wachs- 
tums auf der Außenseite dauernd hinterließ, indes die 
innere meistens weiß oder nur blaß gefärbt angetroffen 
wird. 

640. Daß in den Muscheln solche Säfte sich befinden, 
zeigt uns die Erfahrung auch außerdem genugsam, indem 
sie uns dieselben noch in ihrem flüssigen und färbenden 
Zustande darbietet, wovon der Saft des Tintenfisches ein 
Zeugnis gibt, ein weit stärkeres aber derjenige Purpur- 
saft, welcher in mehreren Schnecken gefunden wird, der 
von alters her so berühmt ist und in der neuern Zeit auch 
wohl benutzt wird. Es gibt nämlich unter den Eingewei- 
den mancher Würmer, welche sich in Schalgehäusen auf- 
halten, ein gewisses Gefäß, das mit einem roten Safte 
gefüllt ist. Dieser enthält ein sehr stark und dauerhaft 
färbendes Wesen, so daß man die ganzen Tiere zerknir- 
schen, kochen und aus dieser animalischen Brühe doch 
noch eine hinreichend färbende Feuchtigkeit herausneh- 
men konnte. Es läßt sich aber dieses farbgefüllte Gefäß 
auch von dem Tiere absondern, wodurch denn freilich 
ein konzentrierterer Saft gewonnen wird. 

641. Dieser Saft hat das Eigene, daß er, dem Licht und 
der Luft ausgesetzt, erst gelblich, dann grünhch erscheint, 
dann ins Blaue, von da ins Violette übergeht, immer aber 
ein höheres Rot annimmt und zuletzt durch Einwirkung 
der Sonne, besonders wenn er auf Batist aufgetragen 
worden, eine reine hohe rote Farbe annimmt. 

642. Wir hätten also hier eine Steigerung von der Minus- 



1 8 8 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

Seite bis zur Kulmination, die wir bei den unorganischen 
Fällen nicht leicht gewahr wurden; ja wir können diese 
Erscheinung beinahe ein Durchwandern des ganzen Krei- 
ses nennen, und wir sind überzeugt, daß durch gehörige 
Versuche wirklich die ganze Durch Wanderung des Krei- 
ses bewirkt werden könne: denn es ist wohl kein Zweifel, 
daß sich durch wohl angewendete Säuren der Purpur 
vom Kulminationspunkte herüber nach dem Scharlach 
führen ließe. 

643. Diese Feuchtigkeit scheint von der einen Seite mit 
der Begattung zusammenzuhängen, ja sogar finden sich 
Eier, die Anfänge künftiger Schaltiere, welche ein solches 
färbendes Wesen enthalten. Von der andern Seite scheint 
aber dieser Saft auf das bei höher stehenden Tieren sich 
entwickelnde Blut zu deuten. Denn das Blut läßt uns 
ähnhche Eigenschaften der Farbe sehen. In seinem ver- 
dünntesten Zustande erscheint es uns gelb, verdichtet, 
wie es in den Adern sich befindet, rot, und zwar zeigt 
das arterielle Blut ein höheres Rot, wahrscheinlich wegen 
der Säurung, die ihm beim Atemholen widerfährt; das 
venöse Blut geht mehr nach dem Violetten hin und zeigt 
durch diese Beweglichkeit auf jenes uns genugsam be- 
kannte Steigern und Wandern. 

644. Sprechen wir, ehe wir das Element des Wassers 
verlassen, noch einiges von den Fischen, deren schup- 
pige Oberfläche zu gewissen Farben öfters teils im Gan- 
zen, teils streifig, teils fleckenweis spezifiziert ist, noch 
öfter ein gewisses Farbenspiel zeigt, das auf die Ver- 
wandtschaft der Schuppen mit den Gehäusen der Schal- 
tiere, dem Perlemutter, ja selbst der Perle hinweist. Nicht 
zu übergehen ist hierbei, daß heißere Himmelsstriche, auch 
schon in das Wasser wirksam, die Farben der Fische her- 
vorbringen, verschönern und erhöhen. 

645. Auf Otahiti bemerkte Forster Fische, deren Ober- 
flächen sehr schön spielten, besonders im Augenblick, 
da der Fisch starb. Man erinnre sich hierbei des Cha- 
mäleons und andrer ähnlichen Erscheinungen, welche, 
dereinst zusammengestellt, diese Wirkungen deutlicher er- 
kennen lassen. 



IIL CHEMISCHE FARBEN 189 

646. Noch zuletzt, obgleich außer der Reihe, ist wohl 
noch das Farbenspiel gewisser Mollusken zu erwähnen, 
sowie die Phosphoreszenz einiger Seegeschöpfe, welche 
sich auch in Farben spielend verlieren soll, 

647. Wenden wir nunmehr unsre Betrachtung auf die- 
jenigen Geschöpfe, welche dem Licht und der Luft und 
der trocknen Wärme angehören, so finden wir uns frei- 
lich erst recht im lebendigen Farbenreiche. Hier erschei- 
nen uns an trefflich organisierten Teilen die Elementar- 
farben in ihrer größten Reinheit und Schönheit. Sie 
deuten uns aber doch, daß ebendiese Geschöpfe noch 
auf einer niedern Stufe der Organisation stehen, eben 
weil diese Elementarfarben noch unverarbeitet bei ihnen 
hervortreten können. Auch hier scheint die Hitze viel zu 
Ausarbeitung dieser Erscheinung beizutragen. 

648. Wir finden Insekten, welche als ganz konzentrierter 
FarbenstoflF anzusehen sind, worunter besonders die Kok- 
kusarten berühmt sind; wobei wir zu bemerken nicht 
unterlassen, daß ihre Weise, sich an Vegetabilien anzu- 
siedeln, ja in dieselben hineinzunisten, auch zugleich jene 
Auswüchse hervorbringt, welche als Beizen zu Befesti- 
gung der Farben so große Dienste leisten. 

649. Am auffallendsten aber zeigt sich die Farbengewalt, 
verbunden mit regelmäßiger Organisation, an denjenigen 
Insekten, welche eine vollkommene Metamorphose zu 
ihrer Entwicklung bedürfen, an Käfern, vorzüglich aber 
an Schmetterlingen. 

650. Diese letztern, die man wahrhafte Ausgeburten des 
Lichtes und der Luft nennen könnte, zeigen schon in 
ihrem Raupenzustand oft die schönsten Farben, welche, 
spezifiziert wie sie sind, auf die künftigen Farben des 
Schmetterlings deuten, eine Betrachtung, die, wenn sie 
künftig weiter verfolgt wird, gewiß in manches Geheim- 
nis der Organisation eine erfreuliche Einsicht gewähren 
muß. 

651. Wenn wir übrigens die Flügel des Schmetterlings 
näher betrachten und in seinem netzartigen Gewebe die 
Spuren eines Armes entdecken und ferner die Art, wie 
dieser gleichsam verflächte Arm durch zarte Federn be- 



1 9 o DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

deckt und zum Organ des Fliegens bestimmt worden, so 
glaubt-n wir ein Gesetz gewahr zu werden, wonach sich 
die große Mannigtaltiglceit der Färbung richtet, welchej 
künftig näher zu entwickeln sein wird. 

652. Daß auch überhaupt die Hitze auf Größe des Ge- 
schöpfes, auf Ausbildung der Form, auf mehrere Herr- 
lichkeit der Farben Einfluß habe, bedarf wohl kaum er- 
innert zu werden. 

LIII. Vögel 

653. Je weiter wir nun uns gegen die höhern Organisa- 
tionen bewegen, desto mehr haben wir Ursache, flüchtig 
und vorübergehend nur einiges hinzustreuen. Denn alles, 
was solchen organischen Wesen natürlich begegnet, ist 
eine Wirkung von so vielen Prämissen, daß, ohne die- 
selben wenigstens angedeutet zu haben, nur etwas Unzu- 
längliches und Gewagtes ausgesprochen wird. 

654. Wie wir bei den Pflanzen finden, daß ihr Höheres, 
die ausgebildeten Blüten und Früchte auf dem Stamme 
gleichsam gewurzelt sind und sich von voUkommneren 
Säften nähren, als ihnen die Wurzel zuerst zugebracht 
hat, wie wir bemerken, daß die Schmarotzerpflanzen, die 
das Organische als ihr Element behandeln, an Kräften 
und Eigenschaften sich ganz vorzüglich beweisen: so kön- 
nen wir auch die Federn der Vögel in einem gewissen 
Sinne mit den Pflanzen vergleichen. Die Federn ent- 
springen als ein Letztes aus der Oberfläche eines Kör- 
pers, der noch viel nach außen herzugeben hat, und sind 
deswegen sehr reich ausgestattete Organe. 

655. Die Kiele erwachsen nicht allein verhältnismäßig 
zu einer ansehnlichen Größe, sondern sie sind durchaus 
geästet, wodurch sie eigentlich zu Federn werden, und 
manche dieser Ausästungen, Befiederungen sind wieder 
subdividiert, wodurch sie abermals an die Pflanzen er- 
innern. 

656. Die Federn sind sehr verschieden an Form und 
Größe, aber sie bleiben immer dasselbe Organ, das sich 
nur nach Beschaffenheit des Körperteiles, aus welchem es 
entspringt, bildet und umbildet. 



III. CHEMISCHE FARBEN 191 

657. Mit der Form verwandelt sich auch die Farbe, und 
ein gewisses Gesetz leitet sowohl die allgemeine Fär- 
bung als auch die besondre, wie wir sie nennen möch- 
ten, diejenige nämlich, wodurch die einzelne Feder 
scheckig wird. Dieses ist es, woraus alle Zeichnung des 
bunten Gefieders entspringt und woraus zuletzt das Pfauen- 
auge hervorgeht. Es ist ein Ähnliches mit jenem, das wir 
bei Gelegenheit der Metamorphose der Pflanzen früher 
entwickelt und welches darzulegen wir die nächste Ge- 
legenheit ergreifen werden. 

658. Nötigen uns hier Zeit und Umstände, über dieses 
organische Gesetz hinauszugehen, so ist doch hier unsre 
Pflicht, der chemischen Wirkungen zu gedenken, welche 
sich bei Färbung der Federn auf eine uns nun schon hin- 
länglich bekannte Weise zu äußern pflegen. 

659. Das Gefieder ist allfarbig, doch im ganzen das 
gelbe, das sich zum roten steigert, häufiger als das 
blaue. 

660. Die Einwirkung des Lichts auf die Federn und ihre 
Farben ist durchaus bemerklich. So ist z. B. auf der 
Brust gewisser Papageien die Feder eigentlich gelb. 
Der schuppenartig hervortretende Teil, den das Licht be- 
scheint, ist aus dem Gelben ins Rote gesteigert. So sieht 
die Brust eines solchen Tiers hochrot aus; wenn man 
aber in die Federn bläst, erscheint das Gelbe. 

661. So ist durchaus der unbedeckte Teil der Federn 
von dem im ruhigen Zustand bedeckten höchlich unter- 
schieden, so daß sogar nur der unbedeckte Teil, z. B. 
bei Raben, bunte Farben spielt, der bedeckte aber nicht, 
nach welcher Anleitung man die Schwanzfedern, wenn 
sie diurcheinander geworfen sind, sogleich wieder zu- 
rechtlegen kann. 

LIV. Säugetiere und Menschen 

662. Hier fangen die Elementarfarben an, uns ganz zu 
verlassen. Wir sind auf der höchsten Stufe, auf der wir 
nur flüchtig verweilen. 

663. Das Säugetier steht überhaupt entschieden auf der 



1 9 2 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

Lebensseite. Alles, was sich an ihm äußert, ist lebendig. 
Von dem Innern sprechen wir nicht, also hier nur einiges 
von der Oberfläche, Die Haare unterscheiden sich schon 
dadurch von den Federn, daß sie der Haut mehr ange- 
hören, daß sie einfach, fadenartig, nicht geästet sind. An 
den verschiedenen Teilen des Körpers sind sie aber auch 
nach Art der Federn kürzer, länger, zarter und stärker, 
farblos oder gefärbt, und dies alles nach Gesetzen, welche 
sich aussprechen lassen. 

664. Weiß und Schwarz, Gelb, Gelbrot und Braun wech- 
seln auf mannigfaltige Weise, doch erscheinen sie niemals 
auf eine solche Art, daß sie uns an die Elementarfarben er- 
innerten. Sie sind alle vielmehr gemischte, durch organische 
Kochung bezwungene Farben und bezeichnen mehr oder 
weniger die Stufenhöhe des Wesens, dem sie angehören. 

665. Eine von den wichtigsten Betrachtungen der Mor- 
phologie, insofern sie Oberflächen beobachtet, ist diese, 
daß auch bei den vierfüßigen Tieren die Flecken der 
Haut auf die innern Teile, über welche sie gezogen ist, 
einen Bezug haben. So willkürlich übrigens die Natur 
dem flüchtigen Anblick hier zu wirken scheint, so kon- 
sequent wird dennoch ein tiefes Gesetz beobachtet, dessen 
Entwicklung und Anwendung freilich nur einer genauen 
Sorgfalt und treuen Teilnehmung vorbehalten ist. 

666. Wenn bei Affen gewisse nackte Teile bunt, mit 
Elementarfarben erscheinen, so zeigt dies die weite Ent- 
fernung eines solchen Geschöpfs von der Vollkommen- 
heit an: denn man kann sagen, je edler ein Geschöpf ist, 
je mehr ist alles Stoffartige in ihm verarbeitet; je wesent- 
licher seine Oberfläche mit dem Innern zusammenhängt, 
desto weniger können auf derselben Elementarfarben er- 
scheinen. Denn da, wo alles ein vollkommenes Ganzes 
zusammen ausmachen soll, kann sich nicht hier und da 
etwas Spezifisches absondern. 

667. Von dem Menschen haben wir wenig zu sagen, denn 
er trennt sich ganz von der allgemeinen Naturlehre los, 
in der wir jetzt eigentHch wandeln. Auf des Menschen 
Inneres ist so viel verwandt, daß seine Oberfläche nur 
sparsamer begabt werden konnte. 



III. CHEMISCHE FARBEN 193 

668. Wenn man nimmt, daß schon unter der Haut die 
Tiere mit Interkutanmuskeln mehr belastet als begünstigt 
sind, wenn man sieht, daß gar manches Überflüssige nach 
außen strebt, wie z. B. die großen Ohren und Schwänze, 
nicht weniger die Haare, Mähnen, Zotten: so sieht man 
wohl, daß die Natur vieles abzugeben und zu verschwen- 
den hatte. 

669. Dagegen ist die Oberfläche des Menschen glatt und 
rein imd läßt bei den vollkommensten außer wenigen 
mit Haar mehr gezierten als bedeckten Stellen die schöne 
Form sehen; denn, im Vorbeigehen sei es gesagt: ein 
Überfluß der Haare an Brust, Armen, Schenkeln deutet 
eher auf Schwäche als auf Stärke; wie denn wahrschein- 
lich nur die Poeten, durch den Anlaß einer übrigens star- 
ken Tiematur verführt, mitunter solche haarige Helden 
zu Ehren gebracht haben. 

670. Doch haben wir hauptsächlich an diesem Ort von 
der Farbe zu reden. Und so ist die Farbe der mensch- 
lichen Haut in allen ihren Abweichungen durchaus keine 
Elementarfarbe, sondern eine durch organische Kochung 
höchst bearbeitete Erscheinung. 

671. Daß die Farbe der Haut und Haare auf einen Unter- 
schied der Charaktere deute, ist wohl keine Frage, wie 
wir ja schon einen bedeutenden Unterschied an blonden 
und braunen Menschen gewahr werden, wodurch wir auf 
die Vermutung geleitet worden, daß ein oder das andre 
organische System vorwaltend eine solche Verschieden- 
heit hervorbringe. Ein gleiches läßt sich wohl auf Natio- 
nen anwenden, wobei vielleicht zu bemerken wäre, daß 
auch gewisse Farben mit gewissen Bildungen zusammen- 
treffen, worauf wir schon durch die Mohrenphysiognomien 
aufmerksam geworden. 

672. Übrigens wäre wohl hier der Ort, der Zweiflerfrage 
zu begegnen, ob denn nicht alle Menschenbildung und 
-färbe gleich schön und nur durch Gewohnheit und Eigen- 
dünkel eine der andern vorgezogen werde. Wir getrauen 
uns aber in Gefolg alles dessen, was bisher vorgekom- 
men, zu behaupten, daß der weiße Mensch, d. h. der- 
jenige, dessen Oberfläche vom Weißen ins Gelbliche, 

GOETHE XVII 13. 



1 94 DKR FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

Bräunliche, Rötliche spielt, kurz dessen Oberfläche am 
gleichgültigsten erscheint, am wenigsten sich zu irgend 
etwas Besondrem hinneigt, der schönste sei. Und so wird 
auch wohl künftig, wenn von der Form die Rede sein 
wird, ein solcher Gipfel menschlicher Gestalt sich vor 
das Anschauen bringen lassen; nicht als ob diese alte 
Streitfrage hierdurch für immer entschieden sein sollte 
(denn es gibt Menschen genug, welche Ursache haben, 
diese Deutsamkeit des Äußern in Zweifel zu setzen), son- 
dern daß dasjenige ausgesprochen werde, was aus einer 
Folge von Beobachtung und Urteil einem Sicherheit und 
Beruhigung suchenden Gemüte hervorspringt. Und so fü- 
gen wir zum Schluß noch einige auf die elementarchemi- 
sche Farbenlehre sich beziehende Betrachtungen bei. 

LV. Physische und chemische Wirkungen farbiger 
Beleuchtung 

673. Die physischen und chemischen Wirkungen farb- 
loser Beleuchtung sind bekannt, so daß es hier unnötig 
sein dürfte, sie weitläuftig auseinanderzusetzen. Das 
farblose Licht zeigt sich unter verschiedenen Bedingun- 
gen, als Wärme erregend, als ein Leuchten gewissen 
Körpern mitteilend, als auf Säurung und Entsäurung wir- 
kend. In der Art und Stärke dieser Wirkungen findet sich 
wohl mancher Unterschied, aber keine solche Differenz, 
die auf einen Gegensatz hinwiese, wie solche bei farbigen 
Beleuchtungen erscheint, wovon wir nunmehr kürzlich 
Rechenschaft zu geben gedenken. 

674. Von der Wirkung farbiger Beleuchtung als wärme- 
erregend wissen wir folgendes zu sagen. An einem sehr 
sensiblen, sogenannten Luftthermometer beobachte man 
die Temperatur des dunklen Zimmers. Bringt man die 
Kugel darauf in das direkt hereinscheinende Sonnenlicht, 
so ist nichts natürlicher, als daß die Flüssigkeit einen 
viel höhern Grad der Wärme anzeige. Schiebt man als- 
dann farbige Gläser vor, so folgt auch ganz natürlich, daß 
sich der Wärmegrad vermindre, erstlich weil die Wirkung 
des direkten Lichts schon durch das Glas etwas gehindert 



III. CHEMISCHE FARBEN 195 

ist, sodann aber vorzüglich, weil ein farbiges Glas, als ein 
Dunkles, ein wenigeres Licht hindurchläßt. 

675. Hiebei zeigt sich aber dem aufmerksamen Beob- 
achter ein Unterschied der Wärmerregung, je nachdem 
diese oder jene Farbe dem Glase eigen ist. Das gelbe 
und gelbrote Glas bringt eine höhere Temperatur als das 
blaue und blaurote hervor, und zwar ist der Unterschied 
von Bedeutung. 

676. Will man diesen Versuch mit dem sogenannten 
prismatischen Spektrum anstellen, so bemerke man am 
Thermometer erst die Temperatur des Zimmers, lasse 
alsdann das blaufärbige Licht auf die Kugel fallen, so 
wird ein etwas höherer Wärmegrad angezeigt, welcher 
immer wächst, wenn man die übrigen Farben nach und 
nach auf die Kugel bringt. In der gelbroten ist die 
Temperatur am stärksten, noch stärker aber unter dem 
Gelbroten, 

Macht man die Vorrichtung mit dem Wasserprisma, so 
daß man das weiße Licht in der Mitte vollkommen haben 
kann, so ist dieses zwar gebrochne, aber noch nicht ge- 
färbte Licht das wärmste; die übrigen Farben verhalten 
sich hingegen, wie vorher gesagt. 

677. Da es hier nur um Andeutung, nicht aber um Ab- 
leitung und Erklärung dieser Phänomene zu tun ist, so 
bemerken wir nur im Vorbeigehen, daß sich am Spek- 
trum unter dem Roten keinesweges das Licht vollkommen 
abschneidet, sondern daß immer noch ein gebrochnes, 
von seinem Wege abgelenktes, sich hinter dem prisma- 
tischen Farbenbilde gleichsam herschleichendes Licht zu 
bemerken ist, so daß man bei näherer Betrachtung wohl 
kaum nötig haben wird, zu unsichtbaren Strahlen und 
deren Brechung seine Zuflucht zu nehmen. 

678. Die Mitteilung des Lichtes durch farbige Beleuch- 
tung zeigt dieselbige Difierenz. Den Bononischen Phos- 
phoren teilt sich das Licht mit durch blaue und violette 
Gläser, keinesweges aber durch gelbe und gelbrote; ja 
man will sogar bemerkt haben, daß die Phosphoren, wel- 
chen man durch violette und blaue Gläser den Glüh- 
schein mitgeteilt, wenn man solche nachher unter die 



1 96 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

gelben und gelbroten Scheiben gebracht, früher verlö- 
schen als die, welche man im dunklen Zimmer ruhig 
liegen läßt. 

679. Man kann diese Versuche wie die vorhergehenden 
auch durch das prismatische Spektrum machen, und es 
zeigen sich immer dieselben Resultate. 

680. Von der Wirkung farbiger Beleuchtung auf Säurung 
und Entsäurung kann man sich folgendermaßen unter- 
richten. Man streiche feuchtes, ganz weißes Hornsilber 
auf einen Papierstreifen, man lege ihn ins Licht, daß er 
einigermaßen grau werde, und schneide ihn alsdenn in 
drei Stücke. Das eine lege man in ein Buch als bleiben- 
des Muster, das andre unter ein gelbrotes, das dritte unter 
ein blaurotes Glas. Dieses letzte Stück wird immer dun- 
kelgrauer werden und eine Entsäurung anzeigen. Das 
unter dem gelbroten befindliche wird immer heller grau, 
tritt also dem ersten Zustand vollkommnerer Säurung 
wieder näher. Von beiden kann man sich durch Verglei- 
chung mit dem Musterstücke überzeugen. 

681. Man hat auch eine schöne Vorrichtung gemacht, 
diese Versuche mit dem prismatischen Bilde anzustellen. 
Die Resultate sind denen bisher erwähnten gemäß, und 
wir werden das Nähere davon späterhin vortragen und 
dabei die Arbeiten eines genauen Beobachters benutzen, 
der sich bisher mit diesen Versuchen sorgfältig beschäf- 
tigte. 

LVI. Chemische Wirkung bei der dioptrischen Achromasie 

682. Zuerst ersuchen wir unsre Leser, dasjenige wieder 
nachzusehen, was wir oben (285 — 298) über diese Ma- 
terie vorgetragen, damit es hier keiner weitem Wieder- 
holung bedürfe. 

683. Man kann also einem Glase die Eigenschaft ge- 
ben, daß es, ohne viel stärker zu refrangieren als vor- 
her, d. h. ohne das Bild um ein sehr Merkliches weiter 
zu verrücken, dennoch viel breitere Farbensäume her- 
vorbringt. 

684. Diese Eigenschaft wird dem Glase durch Metall- 



III. CHEMISCHE FARBEN 197 

kalke mitgeteilt. Daher Mennige, mit einem reinen Glase 
innig zusammengeschmolzen und vereinigt, diese Wir- 
kung hervorbringt. Flintglas (291) ist ein solches mit 
Bleikalk bereitetes Glas. Auf diesem Wege ist man weiter 
gegangen und hat die sogenannte Spießglanzbutter, die 
sich nach einer neuem Bereitung als reine Flüssigkeit 
darstellen läßt,, in linsenförmigen und prismatischen Ge- 
fäßen benutzt und hat eine sehr starke Farbenerschei- 
nung bei mäßiger Refraktion hervorgebracht und die 
von uns sogenannte Hyperchromasie sehr lebhaft darge- 
stellt. 

685. Bedenkt man nun, daß das gemeine Glas, wenig- 
stens überwiegend, alkahscher Natur sei, indem es vor- 
züglich aus Sand und Laugensalzen zusammengeschmol- 
zen wird, so möchte wohl eine Reihe von Versuchen 
belehrend sein, welche das Verhältnis völlig alkalischer 
Liquoren zu völligen Säuren auseinandersetzten. 

686. Wäre nun das Maximum und Minimum gefunden, 
so wäre die Frage, ob nicht irgendein brechend Mittel 
zu erdenken sei, in welchem die von der Refraktion bei- 
nah unabhängig auf- und absteigende Farbenerscheinung 
bei Verrückung des Bildes völlig Null werden könnte. 

687. Wie sehr wünschenswert wäre es daher für diesen 
letzten Punkt sowohl als für unsre ganze dritte Abteilung, 
ja für die Farbenlehre überhaupt, daß die mit Bearbei- 
tung der Chemie unter immer fortschreitenden neuen 
Ansichten beschäftigten Männer auch hier eingreifen und 
das, was wir beinahe nur mit rohen Zügen angedeutet, in 
das Feinere verfolgen und in einem allgemeinen, der gan- 
zen Wissenschaft zusagenden Sinne bearbeiten möchten. 



VIERTE ABTEILUNG. ALLGEMEINE AN^ 
SICHTEN NACH INNEN 

688. T '\r 7IR haben bisher die Phänomene fast ge- 

\ A / waltsam auseinander gehalten, die sich 
V V teils ihrer Natur nach, teils dem Bedürf- 
nis unsres Geistes gemäß immer wieder zu vereinigen 
strebten. Wir haben sie nach einer gewissen Methode in 
drei Abteilungen vorgetragen und die Farben zuerst be- 
merkt als flüchtige Wirkung und Gegenwirkung des Auges 
selbst, ferner als vorübergehende Wirkung farbloser, durch- 
scheinender, durchsichtiger, undurchsichtiger Körper auf 
das Licht, besonders auf das Lichtbild; endlich sind wir 
zu dem Punkte gelangt, wo wir sie als dauernd, als den 
Körpern wirklich einwohnend zuversichtlich ansprechen 
konnten. 

689. In dieser stetigen Reihe haben wir, soviel es mög- 
lich sein wollte, die Erscheinungen zu bestimmen, zu son- 
dern und zu ordnen gesucht. Jetzt, da wir nicht mehr 
fürchten, sie zu vermischen oder zu verwirren, können wir 
unternehmen, erstlich das Allgemeine, was sich von die- 
sen Erscheinungen innerhalb des geschlossenen Kreises 
prädizieren läßt, anzugeben, zweitens anzudeuten, wie 
sich dieser besondre Kreis an die übrigen Glieder ver- 
wandter Naturerscheinungen anschließt imd sich mit ihnen 
verkettet. 

IVü leicht die Farbe entsteht 

690. Wir haben beobachtet, daß die Farbe unter man- 
cherlei Bedingungen sehr leicht und schnell entstehe. 
Die Empfindlichkeit des Auges gegen das Licht, die ge- 
setzliche Gegenwirkung der Retina gegen dasselbe brin- 
gen augenblicklich ein leichtes Farbenspiel hervor. Jedes 
gemäßigte Licht kann als farbig angesehen werden, ja 
wir dürfen jedes Licht, insofern es gesehen wird, farbig 
nennen. Farbloses Licht, farblose Flächen sind gewisser- 
maßen Abstraktionen; in der Erfahrung werden wir sie 
kaum gewahr. 

691. Wenn das Licht einen farblosen Körper berührt, 
von ihm zurückprallt, an ihm her-, durch ihn durchgeht, 



IV. ALLGEMEINE ANSICHTEN 199 

so erscheinen die Farben sogleich; nur müssen wir hier- 
bei bedenken, was so oft von uns urgiert worden, daß 
nicht jene Hauptbedingungen der Refraktion, der Re- 
flexion usw. hinreichend sind, die Erscheinung hervor- 
zubringen. Das Licht wirkt zwar manchmal dabei an und 
für sich, öfters aber als ein bestimmtes, begrenztes, als 
ein Lichtbild. Die Trübe der Mittel ist oft eine notwen- 
dige Bedingung, so wie auch Halb- und Doppelschatten 
zu manchen farbigen Erscheinungen erfordert werden. 
Durchaus aber entsteht die Farbe augenblicklich und mit 
der größten Leichtigkeit. So finden wir denn auch fer- 
ner, daß durch Druck, Hauch, Rotation, Wärme, durch 
mancherlei Arten von Bewegung und Veränderung an 
glatten reinen Körpern sowie an farblosen Liquoren die 
Farbe sogleich hervorgebracht werde. 

692. In den Bestandteilen der Körper darf nur die ge- 
ringste Verändenmg vor sich gehen, es sei nun durch 
Mischung mit andern oder durch sonstige Bestimmungen, 
so entsteht die Farbe an den Körpern oder verändert 
sich an denselben. 

Wie energisch die Farbe sei 

693. Die physischen Farben und besonders die prisma- 
tischen wurden ehemals wegen ihrer besondem Herr- 
lichkeit und Energie colores emphatici gtudiVWit. Bei nähe- 
rer Betrachtung aber kann man allen Farberscheinungen 
eine hohe Emphase zuschreiben, vorausgesetzt, daß sie 
unter den reinsten und vollkommensten Bedingungen dar- 
gestellt werden. 

694. Die dunkle Natur der Farbe, ihre hohe gesättigte 
Qualität ist das, wodurch sie den ernsthaften und zu- 
gleich reizenden Eindruck hervorbringt, und indem man 
sie als eine Bedingung des Lichtes ansehen kann, so kann 
sie auch das Licht nicht entbehren als der mitwirkenden 
Ursache ihrer Erscheinung, als der Unterlage ihres Er- 
scheinens, als einer aufscheinenden und die Farbe mani- 
festierenden Gewalt. 



2 oo DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

Wie entschieden die Farbe sei 

695. Entstehen der Farbe und Sichentscheiden ist eins. 
Wenn das Licht mit einer allgemeinen Gleichgültigkeit 
sich und die Gegenstände darstellt und uns von einer be- 
deutungslosen Gegenwart gewiß macht, so zeigt sich die 
Farbe jederzeit spezifisch, charakteristisch, bedeutend. 

696. Im allgemeinen betrachtet, entscheidet sie sich 
nach zwei Seiten. Sie stellt einen Gegensatz dar, den wir 
eine Polarität nennen und durch ein + und — recht gut 
bezeichnen können. 



Plus. 


Minus. 


Gelb. 


Blau. 


Wirkung. 


Beraubung. 


Licht. 


Schatten. 


Hell. 


Dunkel. 


Kraft. 


Schwäche. 


Wärme. 


Kälte. 


Nähe. 


Feme. 


Abstoßen. 


Anziehen. 


Verwandtschaft 


Verwandtschaft 


mit Säuren. 


mit Alkalien. 



Mischung der beiden Seiten 

697. Wenn man diesen spezifizierten Gegensatz in sich 
vermischt, so heben sich die beiderseitigen Eigenschaften 
nicht auf; sind sie aber auf den Punkt des Gleichge- 
wichts gebracht, daß man keine der beiden besonders 
erkennt, so erhält die Mischung wieder etwas Spezifi- 
sches fürs Auge, sie erscheint als eine Einheit, bei der 
wir an die Zusammensetzung nicht denken. Diese Ein- 
heit nennen wir Grün. 

698. Wenn nun zwei aus derselben Quelle entspringende 
entgegengesetzte Phänomene, indem man sie zusammen- 
bringt, sich nicht aufheben, sondern sich zu einem dritten 
angenehm Bemerkbaren verbinden, so ist dies schon ein 
Phänomen, das auf Übereinstimmung hindeutet. Das 
Vollkommnere ist noch zurück. 



IV. ALLGEMEINE ANSICHTEN 201 

Steigerung ins Rote 

699. Das Blaue und Gelbe läßt sich nicht verdichten, 
ohne daß zugleich eine andre Erscheinung mit eintrete. 
Die Farbe ist in ihrem lichtesten Zustand ein Dunkles, 
wird sie verdichtet, so muß sie dunkler werden, aber zu- 
gleich erhält sie einen Schein, den wir mit dem Worte 
"rötlich" bezeichnen. 

700. Dieser Schein wächst immer fort, so daß er auf 
der höchsten Stufe der Steigerung prävaliert. Ein ge- 
waltsamer Lichteindruck klingt purpurfarben ab. Bei dem 
Gelbroten der prismatischen Versuche, das unmittelbar 
aus dem Gelben entspringt, denkt man kaum mehr an 
das Gelbe. 

701. Die Steigerung entsteht schon durch farblose trübe 
Mittel, und hier sehen wir die Wirkung in ihrer höch- 
sten Reinheit und Allgemeinheit. Farbige spezifizierte 
durchsichtige Liquoren zeigen diese Steigerung sehr auf- 
fallend in den Stufengefäßen. Diese Steigerung ist un- 
aufhaltsam schnell und stetig; sie ist allgemein und kommt 
sowohl bei physiologischen als physischen und chemi- 
schen Farben vor. 

Verbindung der gesteigerten Enden 

702. Haben die Enden des einfachen Gegensatzes durch 
Mischung ein schönes und angenehmes Phänomen be- 
wirkt, so werden die gesteigerten Enden, wenn man sie 
verbindet, noch eine anmutigere Farbe hervorbringen; ja 
es läßt sich denken, daß hier der höchste Punkt der 
ganzen Erscheinung sein werde. 

703. Und so ist es auch: denn es entsteht das reine Rot, 
das wir oft um seiner hohen Würde willen den Purpur 
genannt haben. 

704. Es gibt verschiedene Arten, wie der Purpur in der 
Erscheinung entsteht: durch Übereinanderführung des 
violetten Saums und gelbroten Randes bei prismatischen 
Versuchen, durch fortgesetzte Steigerung bei chemischen, 
durch den organischen Gegensatz bei physiologischen 
Versuchen. 



2 o 2 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

705. Als Pigment entsteht er nicht durch Mischung oder 
Vereinigung, sondern durch Fixierung einer Körperlich- 
keit auf dem hohen kulminierenden Farbenpunkte. Da- 
her der Maler Ursache hat, drei Grundfarben anzuneh- 
men, indem er aus diesen die übrigen sämtlich zu- 
sammensetzt. Der Physiker hingegen nimmt nur zwei 
Grundfarben an, aus denen er die übrigen entwickelt 
und zusammensetzt. 



Vollständigkeit der mannigfaltigen Erscheinung 

706. Die mannigfaltigen Erscheinungen, auf ihren ver- 
schiedenen Stufen fixiert und nebeneinander betrachtet, 
bringen Totalität hervor. Diese Totalität ist Harmonie 
fürs Auge. 

707. Der Farbenkreis ist vor unsern Augen entstanden, 
die mannigfaltigen Verhältnisse des Werdens sind uns 
deutlich. Zwei reine ursprüngliche Gegensätze sind das 
Fundament des Ganzen. Es zeigt sich sodann eine Stei- 
gerung, wodurch sie sich beide einem dritten nähern; 
dadurch entsteht auf jeder Seite ein Tiefstes und ein 
Höchstes, ein Einfachstes und Bedingtestes, ein Gemein- 
stes und ein Edelstes. Sodann kommen zwei Vereinungen 
(Vermischungen, Verbindungen, wie man es nennen will) 
zur Sprache, einmal der einfachen anfänglichen und so- 
dann der gesteigerten Gegensätze. 

Übereinstimmung der vollständigen Erscheinung 

708. Die Totalität nebeneinander zu sehen, macht einen 
harmonischen Eindruck aufs Auge. Man hat hier den 
Unterschied zwischen dem physischen Gegensatz und der 
harmonischen Entgegenstellung zu bedenken. Der erste 
beruht auf der reinen, nackten, ursprünglichen Dualität, 
insofern sie als ein Getrenntes angesehen wird; die zweite 
beruht auf der abgeleiteten, entwickelten und dargestellten 
Totalität. 

709. Jede einzelne Gegeneinanderstellung, die harmo- 
nisch sein soll, muß Totalität enthalten. Hievon werden 



IV. ALLGEMEINE ANSICHTEN 203 

wir durch die physiologischen Versuche belehrt. Eine 
Entwicklung der sämtlichen möglichen Entgegenstel- 
lungen um den ganzen Farbenkreis wird nächstens ge- 
leistet. 

Wie leicht die Farbe von einer Seite auf die andre zu 

wenden 

710. Die Beweglichkeit der Farbe haben wir schon bei 
der Steigerung und bei der Durchwanderung des Krei- 
ses zu bedenken Ursache gehabt; aber auch sogar hin- 
über und herüber werfen sie sich notwendig imd ge- 
schwind. 

711. Physiologische Farben zeigen sich anders auf dunk- 
lem als auf hellem Grund. Bei den physikalischen ist 
die Verbindung des objektiven und subjektiven Versuchs 
höchst merkwürdig. Die epoptischen Farben sollen beim 
durchscheinenden Licht und beim aufscheinenden ent- 
gegengesetzt sein. Wie die chemischen Farben durch 
Feuer und Alkalien umzuwenden, ist seines Orts hin- 
länglich gezeigt worden. 

Wie leicht die Farbe verschwindet 

712. Was seit der schnellen Erregung imd ihrer Ent- 
scheidung bisher bedacht worden, die Mischung, die Stei- 
gerung, die Verbindung, die Trennung sowie die har- 
monische Forderung, alles geschieht mit der größten 
Schnelligkeit und Bereitwilligkeit; aber ebenso schnell 
verschwindet auch die Farbe wieder gänzlich. 

713. Die physiologischen Erscheinungen sind auf keine 
Weise festzuhalten, die physischen dauern nur so lange, 
als die äußre Bedingung währt, die chemischen selbst 
haben eine große BewegHchkeit und sind durch entgegen- 
gesetzte Reagenzien herüber- und hinüberzuwerfen, ja 
sogar aufzuheben. 



2 04 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

JVü fest die Farbe bleibt 

714. Die chemischen Farben geben ein Zeugnis sehr 
langer Dauer. Die Farben, durch Schmelzung in Gläsern 
fixiert, sowie durch Natur in Edelsteinen, trotzen aller 
Zeit und Gegenwirkung. 

715. Die Färberei fixiert von ihrer Seite die Farben sehr 
mächtig. Und Pigmente, welche durch Reagenzien sonst 
leicht herüber- und hinübergeführt werden, lassen sich 
durch Beizen zur größten Beständigkeit an und in Körper 
übertragen. 



FÜNFTE ABTEILUNG. NACHBARLICHE 
VERHÄLTNISSE 



m; 



Verhältnis zur Philosophie 

716. "^ yj" AN kann von dem Physiker nicht fordern, 
daß er Philosoph sei; aber man kann von 

.ihm erwarten, daß er so viel philosophi- 
sche Bildung habe, um sich gründlich von der Welt zu 
unterscheiden und mit ihr wieder im höhern Sinne zu- 
sammenzutreten. Er soll sich eine Methode bilden, die 
dem Anschauen gemäß ist; er soll sich hüten, das An- 
schauen in Begriffe, den BegrifiF in Worte zu verwandeln 
und mit diesen Worten, als wärens Gegenstände, umzu- 
gehen und zu verfahren; er soll von den Bemühungen des 
Philosophen Kenntnis haben, um die Phänomene bis an 
die philosophische Region hinanzuführen. 

717. Man kann von dem Philosophen nicht verlangen, 
daß er Physiker sei, und dennoch ist seine Einwirkung 
auf den physischen Kreis so notwendig und so wün- 
schenswert. Dazu bedarf er nicht des Einzelnen, sondern 
nur der Einsicht in jene Endpunkte, wo das Einzelne zu- 
sammentrifft. 

718. Wir haben früher (175 ff.) dieser wichtigen Betrach- 
tung im Vorbeigehen erwähnt und sprechen sie hier, als 
am schicklichen Orte, nochmals aus. Das Schlimmste, was 
der Physik sowie mancher andern Wissenschaft wider- 
fahren kann, ist, daß man das Abgeleitete für das Ur- 
sprüngliche hält und, da man das Ursprüngliche aus Ab- 
geleitetem nicht ableiten kann, das Ursprüngliche aus 
dem Abgeleiteten zu erklären sucht. Dadurch entsteht 
eine unendliche Verwirrung, ein Wortkram und eine fort- 
dauernde Bemühimg, Ausflüchte zu suchen und zu finden, 
wo das Wahre nur irgend hervortritt und mächtig wer- 
den will. 

719. Indem sich der Beobachter, der Naturforscher auf 
diese Weise abquält, weil die Erscheinungen der Mei- 
nung jederzeit widersprechen, so kann der Philosoph mit 
einem falschen Resultate in seiner Sphäre noch immer 
operieren, indem kein Resultat so falsch ist, daß es nicht 



2 o6 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

als Form ohne allen Gehalt auf irgendeine Weise gelten 
könnte. 

720. Kann dagegen der Physiker zur Erkenntnis des- 
jenigen gelangen, was wir ein Urphänomen genannt ha- 
ben, so ist er geborgen und der Philosoph mit ihm. Er: 
denn er überzeugt sich, daß er an die Grenze seiner 
Wissenschaft gelangt sei, daß er sich auf der empirischen 
Höhe befinde, wo er rückwärts die Erfahrung in allen 
ihren Stufen überschauen und vorwärts in das Reich der 
Theorie, wo nicht eintreten, doch einblicken könne. Der 
Philosoph ist geborgen: denn er nimmt aus des Physikers 
Hand ein Letztes, das bei ihm nun ein Erstes wird. Er 
bekümmert sich nun mit Recht nicht mehr um die Er- 
scheinung, wenn man darunter das Abgeleitete versteht, 
wie man es entweder schon wissenschaftlich zusammen- 
gestellt findet oder wie es gar in empirischen Fällen zer- 
streut und verworren vor die Sinne tritt. Will er ja auch 
diesen Weg durchlaufen und einen Blick ins Einzelne 
nicht verschmähen, so tut er es mit Bequemlichkeit, an- 
statt daß er bei anderer Behandlung sich entweder zu lange 
in den Zwischenregionen aufhält oder sie nur flüchtig 
durchstreift, ohne sie genau kennen zu lernen. 

721. In diesem Sinne die Farbenlehre dem Philosophen 
zu nähern, war des Verfassers Wunsch, und wenn ihm 
solches in der Ausführung selbst aus mancherlei Ursachen 
nicht gelungen sein sollte, so wird er bei Revision seiner 
Arbeit, bei Rekapitulation des Vorgetragenen sowie in 
dem polemischen und historischen Teile dieses Ziel im- 
mer im Auge haben und später, wo manches deutlicher 
wird auszusprechen sein, auf diese Betrachtung zurück- 
kehren. 

Verhältnis zur Mathematik 

722. Man kann von dem Physiker, welcher die Natur- 
lehre in ihrem ganzen Umfange behandeln will, ver- 
langen, daß er Mathematiker sei. In den mittleren Zei- 
ten war die Mathematik das vorzüglichste unter den 
Organen, durch welche man sich der Geheimnisse der 
Natur zu bemächtigen hofl:te, und noch ist in gewissen 



V. NACHBARLICHE VERHÄLTNISSE 207 

Teilen der Naturlehre die Meßkunst, wie billig, herr- 
schend. 

723. Der Verfasser kann sich keiner Kultur von dieser 
Seite rühmen und verweilt auch deshalb nur in den von 
der Meßkunst unabhängigen Regionen, die sich in der 
neuem Zeit weit und breit aufgetan haben. 

724. Wer bekennt nicht, daß die Mathematik als eins 
der herrlichsten menschlichen Organe der Physik von 
einer Seite sehr vieles genutzt! Daß sie aber durch fal- 
sche Anwendung ihrer Behandlungsweise dieser Wissen- 
schaft gar manches geschadet, läßt sich auch nicht wohl 
leugnen, und man findfets hier und da notdürftig einge- 
standen. 

725. Die Farbenlehre besonders hat sehr viel gelitten, 
und ihre Fortschritte sind äußerst gehindert worden, daß 
man sie mit der übrigen Optik, weiche der Meßkunst 
nicht entbehren kann, vermengte, da sie doch eigentlich 
von jener ganz abgesondert betrachtet werden kann. 

726. Dazu kam noch das Übel, daß ein großer Mathe- 
matiker über den physischen Ursprung der Farben eine 
ganz falsche Vorstellung bei sich festsetzte und durch 
seine großen Verdienste als Meßkünstler die Fehler, die 
er als Naturforscher begangen, vor einer in Vorurteilen 
stets befangnen Welt auf lange Zeit sanktionierte. 

727. Der Verfasser des Gegenwärtigen hat die Farben- 
lehre durchaus von der Matliematik entfernt zu halten 
gesucht, ob sich gleich gewisse Punkte deutlich genug 
ergeben, wo die Beihülfe der Meßkunst wünschenswert 
sein würde. Wären die vorurteilsfreien Mathematiker, 
mit denen er umzugehen das Glück hatte und hat, nicht 
durch andre Geschäfte abgehalten gewesen, um mit ihm 
gemeine Sache machen zu können, so würde der Behand- 
lung von dieser Seite einiges Verdienst nicht fehlen. 
Aber so mag denn auch dieser Mangel zum Vorteil ge- 
reichen, indem es nunmehr des geistreichen Mathemati- 
kers Geschäft werden kann, selbst aufzusuchen, wo denn 
die Farbenlehre seiner Hülfe bedarf und wie er zur Voll- 
endung dieses Teils der Naturwissenschaft das Seinige 
beitragen kann. 



2 o 8 DER FA RBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

728. Überhaupt wäre es zu wünschen, daß die Deut- 
schen, die so vieles Gute leisten, indem sie sich das 
Gute fremder Nationen aneignen, sich nach und nach ge- 
wöhnten, in Gesellschaft zu arbeiten. Wir leben zwar in 
einer diesem Wunsche gerade entgegengesetzten Epoche. 
Jeder will nicht nur original in seinen Ansichten, son- 
dern auch im Gange seines Lebens imd Tuns von den 
Bemühungen anderer unabhängig, wo nicht sein, doch, 
daß er es sei, sich überreden. Man bemerkt sehr oft, daß 
Männer, die freilich manches geleistet, nur sich selbst, 
ihre eigenen Schriften, Journale und Kompendien zitie- 
ren, anstatt daß es für den einzelnen und für die Welt 
viel vorteilhafter wäre, wenn mehrere zu gemeinsamer 
Arbeit gerufen würden. Das Betragen unserer Nachbarn, 
der Franzosen, ist hierin musterhaft, wie man z. B. in 
der Vorrede Cuviers zu seinem '^Tableau iUmentaire de 
rhistoire naturelle des animaux'^ mit Vergnügen sehen 
wird. 

729. Wer die Wissenschaften imd ihren Gang mit treuem 
Auge beobachtet hat, wird sogar die Frage aufwerfen: 
ob es denn vorteilhaft sei, so manche, obgleich ver- 
wandte Beschäftigungen und Bemühungen in einer Per- 
son zu vereinigen, und ob es nicht bei der Beschränkt- 
heit der menschlichen Natur gemäßer sei, z. B. den auf- 
suchenden und findenden von dem behandelnden und an- 
wendenden Manne zu unterscheiden, Haben sich doch 
die himmelbeobachtenden und stemaufsuchenden Astro- 
nomen von den bahnberechnenden, das Ganze umfassen- 
den und näher bestimmenden in der neuern Zeit gewis- 
sermaßen getrennt. Die Geschichte der Farbenlehre wird 
uns zu diesen Betrachtungen öfter zurückführen. 

Verhältnis zur Technik des Färbers 

730. Sind wir bei unsern Arbeiten dem Mathematiker 
aus dem Wege gegangen, so haben wir dagegen gesucht, 
der Technik des Färbers zu begegnen. Und obgleich die- 
jenige Abteilung, welche die Farben in chemischer Rück- 
sicht abhandelt, nicht die vollständigste und umstand- 



V. NACHBARLICHE VERHÄLTNISSE 209 

iichste ist, so wird doch sowohl darin als in dem, was 
wir Allgemeines von den Farben ausgesprochen, der 
Färber weit mehr seine Rechnung finden als bei der bis- 
herigen Theorie, die ihn ohne allen Trost ließ. 

731. Merkwürdig ist es, in diesem Sinne die Anleitungen 
zur Färbekunst zu betrachten. Wie der katholische Christ, 
wenn er in seinen Tempel tritt, sich mit Weihwasser be- 
sprengt und vor dem Hochwürdigen die Kniee beugt und 
vielleicht alsdann ohne sonderliche Andacht seine An- 
gelegenheiten mit Freunden bespricht oder Liebesaben- 
teuern nachgeht, so fangen die sämtlichen Färbelehren 
mit einer respektvollen Erwähnung der Theorie gezie- 
mend an, ohne daß sich auch nachher nur eine Spur 
fände, daß etwas aus dieser Theorie herflösse, daß diese 
Theorie irgend etwas erleuchte, erläutere und zu prak- 
tischen Handgriffen irgendeinen Vorteil gewähre. 

732. Dagegen finden sich Männer, welche den Umfang 
des praktischen Färbewesens wohl eingesehen, in dem 
Falle, sich mit der herkömmlichen Theorie zu entzweien, 
ihre Blößen mehr oder weniger zu entdecken und ein der 
Natur und Erfahrung gemäßeres Allgemeines aufzusuchen. 
Wenn uns in der Geschichte die Namen Castel und Gü- 
lich begegnen, so werden wir hierüber weitläuftiger zu 
handeln Ursache haben; wobei sich zugleich Gelegenheit 
finden wird zu zeigen, wie eine fortgesetzte Empirie, in- 
dem sie in allem Zufälligen umhergreift, den Kreis, in 
den sie gebannt ist, wirklich ausläuft und sich als ein 
hohes Vollendetes dem Theoretiker, wenn er klare Augen 
und ein redliches Gemüt hat, zu seiner großen Bequem- 
lichkeit überliefert. 

Verhältnis zur Physiologie und Pathologie 

733. Wenn wir in der Abteilung, welche die Farben in 
physiologischer und pathologischer Rücksicht betrachtet, 
fast nur allgemein bekannte Phänomene überliefert, so 
werden dagegen einige neue Ansichten dem Physiologen 
nicht unwillkommen sein. Besonders hoffen wir seine Zu- 
friedenheit dadurch erreicht zu haben, daß wir gewisse 

GOETHE XVII 14. 



2 1 o DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 
Phänomene, welche isoliert standen, zu ihren ähnlichen 
und gleichen gebracht und ihm dadurch gewissermaßen 
vorgearbeitet haben. 

734. Was den pathologischen Anhang betriflft, so ist er 
freilich unzulänglich und inkohärent. Wir besitzen aber 
die vortrefflichsten Männer, die nicht allein in diesem 
Fache höchst erfahren und kenntnisreich sind, sondern 
auch zugleich wegen eines so gebildeten Geistes verehrt 
werden, daß es ihnen wenig Mühe machen kann, diese 
Rubriken umzuschreiben und das, was ich angedeutet, 
vollständig auszuführen und zugleich an die höheren Ein- 
sichten in den Organismus anzuschließen. 

Verhältnis zur Naturgeschichte 

735. Insofern wir hoffen können, daß die Naturgeschichte 
auch nach und nach sich in eine Ableitung der Natur- 
erscheinungen aus höhern Phänomenen umbilden wird, 
so glaubt der Verfasser auch hierzu einiges angedeutet 
und vorbereitet zu haben. Indem die Farbe in ihrer 
größten Mannigfaltigkeit sich auf der Oberfläche leben- 
diger Wesen dem Auge darstellt, so ist sie ein wichtiger 
Teil der äußeren Zeichen, wodurch wir gewahr werden, 
was im Innern vorgeht. 

736. Zwar ist ihr von einer Seite wegen ihrer Unbe- 
stimmtheit und Versatilität nicht allzuviel zu trauen, doch 
wird ebendiese Beweglichkeit, insofern sie sich uns als 
eine konstante Erscheinung zeigt, wieder ein Kriterion des 
beweglichen Lebens, und der Verfasser wünscht nichts 
mehr, als daß ihm Frist gegönnt sei, das, was er hierüber 
wahrgenommen, in einer Folge, zu der hier der Ort nicht 
war, weitläuftiger auseinanderzusetzen. 

Verhältnis zur allgemeinen Physik 

737. Der Zustand, in welchem sich die allgemeine Phy- 
sik gegenwärtig befindet, scheint auch unserer Arbeit be- 
sonders günstig, indem die Naturlehre durch rastlose, 
mannigfaltige Behandlung sich nach und nach zu einer 



V. NACHBARLICHE VERHÄLTNISSE 2 1 1 

solchen Höhe erhoben hat, daß es nicht unmöglich scheint, 
die grenzenlose Empirie an einen methodischen Mittel- 
punkt heranzuziehen, 

738. Dessen, was zu weit von unserm besondern Kreise 
abliegt, nicht zu gedenken, so finden sich die Formeln, 
durch die man die elementaren Naturerscheinungen, wo 
nicht dogmatisch, doch wenigstens zum didaktischen Be- 
hufe ausspricht, durchaus auf dem Wege, daß man sieht, 
man werde durch die Übereinstimmung der Zeichen 
bald auch notwendig zur Übereinstimmung im Sinne ge- 
langen. 

739. Treue Beobachter der Natur, wenn sie auch sonst 
noch so verschieden denken, werden doch darin mitein- 
ander übereinkommen, daß alles, was erscheinen, was 
uns als ein Phänomen begegnen solle, müsse entweder 
eine ursprüngliche Entzweiung, die einer Vereinigung 
fähig ist, oder eine ursprüngliche Einheit, die zur Ent- 
zweiung gelangen könne, andeuten und sich auf eine 
solche Weise darstellen. Das Geeinte zu entzweien, das 
Entzweite zu einigen, ist das Leben der Natur; dies ist 
die ewige Systole und Diastole, die ewige Synkrisis und 
Diakrisis, das Ein- und Ausatmen der Welt, in der wir 
leben, weben und sind. 

740. Daß dasjenige, was wir hier als Zahl, als Eins und 
Zwei aussprechen, ein höheres Geschäft sei, versteht sich 
von selbst, so wie die Erscheinung eines Dritten, Vier- 
ten sich ferner Entwickelnden immer in einem höhern 
Sinne zunehmen, besonders aber allen diesen Ausdrücken 
eine echte Anschauung unterzulegen ist. 

741. Das Eisen kennen wir als einen besondern, von 
andern unterschiedenen Körper; aber es ist ein gleich- 
gültiges, uns nur in manchem Bezug imd zu manchem 
Gebrauch merkwürdiges Wesen. Wie wenig aber bedarf 
es, und die Gleichgültigkeit dieses Körpers ist aufgeho- 
ben! Eine Entzweiung geht vor, die, indem sie sich wie- 
der zu vereinigen strebt und sich selbst aufsucht, einen 
gleichsam magischen Bezug auf ihresgleichen gewinnt 
und diese Entzweiung, die doch nur wieder eine Ver- 
einigung ist, durch ihr ganzes Geschlecht fortsetzt. Hier 



2 1 2 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

kennen wir das gleichgültige Wesen, das Eisen; wir sehen 
die Entzweiung an ihm entstehen, sich fortpflanzen und 
verschwinden und sich leicht wieder aufs neue erregen: 
nach unserer Meinung ein Urphänomen, das unmittel- 
bar an der Idee steht und nichts Irdisches über sich er- 
kennt. 

742. Mit der Elektrizität verhält es sich wieder auf eine 
eigne Weise. Das Elektrische, als ein Gleichgültiges, 
kennen wir nicht. Es ist für uns ein Nichts, ein Null, ein 
Nullpunkt, ein Gleichgültigkeitspunkt, der aber in allen 
erscheinenden Wesen liegt und zugleich der Quellpunkt 
ist, aus dem bei dem geringsten Anlaß eine Doppeler- 
scheinung hervortritt, welche nur insofern erscheint, als 
sie wieder verschwindet. Die Bedingungen, unter wel- 
chen jenes Hervortreten erregt wird, sind nach Beschaf- 
fenheit der besondern Körper unendlich verschieden. 
Von dem gröbsten mechanischen Reiben sehr unterschie- 
dener Körper aneinander bis zu dem leisesten Nebenein- 
andersein zweier völlig gleichen, nur durch weniger als 
einen Hauch anders determinierten Körper ist die Er- 
scheinung rege und gegenwärtig, ja auffallend und mäch- 
tig, und zwar dergestalt bestimmt und geeignet, daß wir 
die Formeln der Polarität, des Plus und Minus, als Nord 
und Süd, als Glas und Harz schicklich und naturgemäß 
anwenden. 

743. Diese Erscheinung, ob sie gleich der Oberfläche be- 
sonders folgt, ist doch keinesweges oberflächlich. Sie wirkt 
aufdieBestimmung körperlicher Eigenschaften und schUeßt 
sich an die große Doppelerscheinung, welche sich in der 
Chemie so herrschend zeigt, an Oxydation und Desoxy- 
dation, unmittelbar wirkend an. 

744. In diese Reihe, in diesen Kreis, in diesen Kranz 
von Phänomenen auch die Erscheinungen der Farbe her- 
anzubringen und einzuschließen, war das Ziel unseres Be- 
strebens. Was uns nicht gelungen ist, werden andre 
leisten. Wir fanden einen uranfänglichen ungeheuren 
Gegensatz von Licht und Finsternis, den man allgemei- 
ner durch Licht und Nichtlicht ausdrücken kann; wir 
suchten denselben zu vermitteln und dadurch die sieht- 



V. NACHBARLICHE VERHÄLTNISSE 213 

bare Welt aus Licht, Schatten und Farbe herauszubilden, 
wobei wir uns zu Entwickelung der Phänomene verschie- 
dener Formeln bedienten, wie sie uns in der Lehre des 
Magnetismus, der Elektrizität, des Chemismus überliefert 
werden. Wir mußten aber weiter gehen, weil wir uns in 
einer höhern Region befanden und mannigfaltigere Ver- 
hältnisse auszudrücken hatten. 

745. Wenn sich Elektrizität und Galvanität in ihrer All- 
gemeinheit von dem Besondern der magnetischen Er- 
scheinungen abtrennt und erhebt, so kann man sagen, 
daß die Farbe, obgleich unter eben den Gesetzen stehend, 
sich doch viel höher erhebe und, indem sie für den edlen 
Sinn des Auges wirksam ist, auch ihre Natur zu ihrem 
Vorteile dartue. Man vergleiche das Mannigfaltige, das 
aus einer Steigerung des Gelben und Blauen zum Roten, 
aus der Verknüpfung dieser beiden höheren Enden zum 
Purpur, aus der Vermischung der beiden niedern Enden 
zum Grün entsteht. Welch ein ungleich mannigfaltigeres 
Schema entspringt hier nicht, als dasjenige ist, worin sich 
Magnetismus und Elektrizität begreifen lassen! Auch 
stehen diese letzteren Erscheinungen auf einer niedern 
Stufe, so daß sie zwar die aligemeine Welt durchdringen 
und beleben, sich aber zum Menschen im höheren Sinne 
nicht heraufbegeben können, um von ihm ästhetisch be- 
nutzt zu werden. Das allgemeine einfache physische 
Schema muß erst in sich selbst erhöht und vermannig- 
faltigt werden, um zu höheren Zwecken zu dienen. 

746. Man rufe in diesem Sinne zurück, was durchaus 
von uns bisher sowohl im allgemeinen als besondern von 
der Farbe prädiziert worden, und man wird sich selbst 
dasjenige, was hier nur leicht angedeutet ist, ausführen 
und entwickeln. Man wird dem Wissen, der Wissenschaft, 
dem Handwerk und der Kunst Glück wünschen, wenn es 
möglich wäre, das schöne Kapitel der Farbenlehre aus 
seiner atomistischen Beschränktheit und Abgesondertheit, 
in die es bisher verwiesen, dem allgemeinen dynamischen 
Flusse des Lebens und. Wirkens wiederzugeben, dessen 
sich die jetzige Zeit erfreut. Diese Empfindungen wer- 
den bei uns noch lebhafter werden, wenn uns die Ge- 



2 1 4 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

schichte so manchen wackern und einsichtsvollen Mann 
vorführen wird, dem es nicht gelang, von seinen Über- 
zeugungen seine Zeitgenossen zu durchdringen. 

Verhältnis zur Tonlehre 

14']. Ehe wir nunmehr zu den sinnlich- sittlichen und 
daraus entspringenden ästhetischen Wirkungen der Farbe 
übergehen, ist es der Ort, auch von ihrem Verhältnisse 
zu dem Ton einiges zu sagen. 

Daß ein gewisses Verhältnis der Farbe zum Ton statt- 
finde, hat man von jeher gefühlt, wie die öftern Ver- 
gleichungen, welche teils vorübergehend, teils umständ- 
lich genug angestellt worden, beweisen. Der Fehler, den 
man hiebei begangen, beruhet nur auf Folgendem. 

748. Vergleichen lassen sich Farbe und Ton unterein- 
ander auf keine Weise; aber beide lassen sich auf eine 
höhere Formel beziehen, aus einer höhern Formel beide, 
jedoch jedes für sich, ableiten. Wie zwei Flüsse, die auf 
einem Berge entspringen, aber unter ganz verschiedenen 
Bedingungen in zwei ganz entgegengesetzte Weltgegen- 
den laufen, so daß auf dem beiderseitigen ganzen Wege 
keine einzelne Stelle der andern verglichen werden kann, 
so sind auch Farbe und Ton. Beide sind allgemeine ele- 
mentare Wirkungen, nach dem allgemeinen Gesetz des 
Trennens und Zusammenstrebens, des Auf- imd Ab- 
schwankens, des Hin- und Widerwägens wirkend, doch 
nach ganz verschiedenen Seiten, auf verschiedene Weise, 
auf verschiedene Zwischenelemente, für verschiedene 
Sinne. 

749. Möchte jemand die Art und Weise, wie wir die 
Farbenlehre an die allgemeine Naturlehre angeknüpft, 
recht fassen und dasjenige, was uns entgangen und ab- 
gegangen, durch Glück und Genialität ersetzen, so würde 
die Tonlehre nach tmserer Überzeugung an die allge- 
meine Physik vollkommen anzuschließen sein, da sie jetzt 
innerhalb derselben gleichsam nur historisch abgesondert 
steht. 

750. Aber eben darin läge die größte Schwierigkeit, die 



V. NACHBARLICHE VERHÄLTNISSE 215 
für uns gewordene positive, auf seltsamen empirischen, 
zufälligen, mathematischen, ästhetischen, geniahschen 
Wegen entsprungene Musik zugunsten einer physikali- 
schen Behandlung zu zerstören und in ihre ersten phy- 
sischen Elemente aufzulösen. Vielleicht wäre auch hierzu, 
auf dem Punkte, wo Wissenschaft und Kunst sich befin- 
den, nach so manchen schönen Vorarbeiten Zeit und Ge- 
legenheit. 

Schlußbetrachtung über Sprache und Terminologie 

751. Man bedenkt niemals genug, daß eine Sprache ei- 
gentlich nur symbolisch, nur bildlich sei und die Gegen- 
stände niemals unmittelbar, sondern nur im Widerscheine 
ausdrücke. Dieses ist besonders der Fall, wenn von We- 
sen die Rede ist, welche an die Erfahrung nur heran- 
treten und die m>an mehr Tätigkeiten als Gegenstände 
nennen kann, dergleichen im Reiche der Naturlehre im- 
merfort in Bewegung sind. Sie lassen sich nicht festhalten, 
und doch soll man von ihnen reden; man sucht daher alle 
Arten von Formeln auf, um ihnen wenigstens gleichnis- 
weise beizukommen. 

752. Metaphysische Formeln haben eine große Breite 
und Tiefe; jedoch sie würdig auszufüllen, wird ein reicher 
Gehalt erfordert, sonst bleiben sie hohl.' Mathematische 
Formeln lassen sich in vielen Fällen sehr bequem und 
glücklich anwenden; aber es bleibt ihnen immer etwas 
Steifes und Ungelenkes, und wir fühlen bald ihre Unzu- 
länglichkeit, weil wir, selbst in Elementarfällen, sehr früh 
ein Inkommensurables gewahr werden; ferner sind sie 
auch nur innerhalb eines gewissen Kreises besonders 
hiezu gebildeter Geister verständlich. Mechanische For- 
meln sprechen mehr zu dem gemeinen Sinn; aber sie 
sind auch gemeiner und behalten immer etwas Rohes. 
Sie verwandeln das Lebendige in ein Totes; sie töten 
das innre Leben, um von außen ein unzulängliches her- 
anzubringen. Korpuskularformeln sind ihnen nahe ver- 
wandt; das Bewegliche wird starr durch sie, Vorstellung 
imd Ausdruck ungeschlacht. Dagegen erscheinen die 



2 1 6 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

moralischen Formeln, welche freilich zartere Verhältnisse 
ausdrücken, als bloße Gleichnisse und verlieren sich denn 
auch wohl zuletzt in Spiele des Witzes. 

753. Könnte man sich jedoch aller dieser Arten der 
Vorstellung und des Ausdrucks mit Bewußtsein bedienen 
und in einer mannigfaltigen Sprache seine Betrachtungen 
über Natiu-phänoraene überliefern, hielte man sich von 
Einseitigkeit frei und faßte einen lebendigen Sinn in einen 
lebendigen Ausdruck, so ließe sich manches Erfreuliche 
mitteilen. 

754. Jedoch wie schwer ist es, das Zeichen nicht an die 
Stelle der Sache zu setzen, das Wesen immer lebendig 
vor sich zu haben und es nicht durch das Wort zu töten. 
Dabei sind wir in den neuern Zeiten in eine noch größere 
Gefahr geraten, indem wir aus allem Erkenn- und Wiß- 
baren Ausdrücke und Terminologien herübergenommen 
haben, um unsre Anschauungen der einfacheren Natur 
auszudrücken. Astronomie, Kosmologie, Geologie, Natur- 
geschichte, ja Religion und Mystik werden zu Hülfe ge- 
rufen, und wie oft wird nicht das Allgemeine durch ein 
Besonderes, das Elementare durch ein Abgeleitetes mehr 
zugedeckt und verdunkelt als aufgehellt und näher ge- 
bracht! Wir kennen das Bedürfnis recht gut, wodurch 
eine solche Sprache entstanden ist und sich ausbreitet, 
wir wissen aucK, daß sie sich in einem gewissen Sinne 
unentbehrlich macht: allein nur ein mäßiger, anspruchs- 
loser Gebrauch mit Überzeugung und Bewußtsein kann 
Vorteil bringen. 

755. Am wünschenswertesten wäre jedoch, daß man die 
Sprache, wodurch man die Einzelnheiten eines gewissen 
Kreises bezeichnen will, aus dem Kreise selbst nähme, 
die einfachste Erscheinung als Grundformel behandelte 
und die mannigfaltigem von daher ableitete und ent- 
wickelte. 

756.- Die Notwendigkeit und Schicklichkeit einer solchen 
Zeichensprache, wo das Grundzeichen die Erscheinung 
selbst ausdrückt, hat man recht gut gefühlt, indem man 
die Formel der Polarität, dem Magneten abgeborgt, auf 
Elektrizität usw. hinübergeführt hat. Das Plus und Minus, 



V. NACHBARLICHE VERHÄLTNISSE 217 

was an dessen Stelle gesetzt werden kann, hat bei so 
vielen Phänomenen eine schickliche Anwendung gefun- 
den; ja der Tonkünstler ist, wahrscheinlich ohne sich um 
jene andern Fächer zu bekümmern, durch die Natur ver- 
anlaßt worden, die Hauptdifferenz der Tonarten durch 
Majeur und Mineur auszudrücken. 

757. So haben auch wir seit langer Zeit den Ausdruck 
der Polarität in die Farbenlehre einzuführen gewünscht; 
mit welchem Rechte und in welchem Sinne, mag die 
gegenwärtige Arbeit ausweisen. Vielleicht finden wir 
künftig Raum, durch eine solche Behandlung und Sym- 
bolik, welche ihr Anschauen jederzeit mit sich führen 
müßte, die elementaren Naturphänomene nach unsrer 
Weise aneinander zu knüpfen und dadurch dasjenige deut- 
licher zu machen, was hier nur im allgemeinen und viel- 
leicht nicht bestimmt genug ausgesprochen worden. 



SECHSTE ABTEILUNG. SINNLICH^SITT. 
LICHE WIRKUNG DER FARBE 



Di 



758. "1 \ A die Farbe in der Reihe der uranfänglichen 
|Naturerscheinungen einen so hohen Platz 

behauptet, indem sie den ihr angewiesenen 
einfachen Kreis mit entschiedener Mannigfaltigkeit aus- 
füllt, so werden wir uns nicht wundern, wenn wir erfah- 
ren, daß sie auf den Sinn des Auges, dem sie vorzüglich 
zugeeignet ist, und durch dessen Vermittelung auf das 
Gemüt in ihren allgemeinsten elementaren Erscheinun- 
gen, ohne Bezug auf Beschaffenheit oder Form eines 
Materials, an dessen Oberfläche wir sie gewahr werden, 
einzeln eine spezifische, in Zusammenstellung eine teils 
harmonische, teils charakteristische, oft auch unharmo- 
nische, immer aber eine entschiedene und bedeutende 
Wirkung hervorbringe, die sich unmittelbar an das Sitt- 
liche anschließt. Deshalb denn Farbe, als ein Element 
derKimst betrachtet, zu den höchsten ästhetischen Zwecken 
mitwirkend genutzt werden kann. 

759. Die Menschen empfinden im allgemeinen eine große 
Freude an der Farbe. Das Auge bedarf ihrer, wie es des 
Lichtes bedarf. Man erinnre sich der Erquickung, wenn 
an einem trüben Tage die Sonne auf einen einzelnen Teil 
der Gegend scheint und die Farben daselbst sichtbar 
macht. Daß man den farbigen Edelsteinen Heilkräfte zu- 
schrieb, mag aus dem tiefen Gefühl dieses unaussprech- 
lichen Behagens entstanden sein. 

760. Die Farben, die wir an den Körpern erblicken, sind 
nicht etwa dem Auge ein völlig Fremdes, wodurch es 
erst zu dieser Empfindung gleichsam gestempelt würde. 
Nein, dieses Organ ist immer in der Disposition, selbst 
Farben hervorzubringen, und genießt einer angenehmen 
Empfindung, wenn etwas der eignen Natur Gemäßes ihm 
von außen gebracht wird, wenn seine Bestimmbarkeit 
nach einer gewissen Seite hin bedeutend bestimmt wird. 

761. Aus der Idee des Gegensatzes der Erscheinung, 
aus der Kenntnis, die wir von den besondern Bestim- 
mungen desselben erlangt haben, können wir schließen, 
daß die einzelnen Farbeindrücke nicht verwechselt wer- 



VI. SINNLICH- SITTLICHE WIRKUNG 2 1 9 

den können, daß sie spezifisch wirken und entschieden 
spezifische Zustände in dem lebendigen Organ hervor- 
bringen müssen. 

762. Eben auch so in dem Gemüt. Die Erfahrung lehrt 
uns, daß die einzelnen Farben besondre Gemütsstim- 
mungen geben. Von einem geistreichen Franzosen wird 
erzählt: il pritendoit que son ton de coiiversation avec Ma- 
dame itoit changi. depuis qu^elle avoit changi en cramoisi le 
tneuble de son cabinet qtii itoit bleu. 

763. Diese einzelnen bedeutenden Wirkungen vollkom- 
men zu empfinden, muß man das Auge ganz mit einer 
Farbe umgeben, z. B. in einem einfarbigen Zimmer sich 
befinden, durch ein farbiges Glas sehen. Man identifiziert 
sich alsdann mit der Farbe; sie stimmt Auge und Geist 
mit sich unisono. 

764. Die Farben von der Plusseite sind Gelb, Rotgelb 
(Orange), Gelbrot (Mennig, Zinnober). Sie stimmen reg- 
sam, lebhaft, strebend. 

Gelb 

765. Es ist die nächste Farbe am Licht. Sie entsteht 
durch die gehndeste Mäßigung desselben, es sei durch 
trübe Mittel oder durch schwache Zurückwerfung von 
weißen Flächen. Bei den prismatischen Versuchen er- 
streckt sie sich allein breit in den lichten Raum und kann 
dort, wenn die beiden Pole noch abgesondert vonein- 
ander stehen, ehe sie sich mit dem Blauen zum Grünen 
vermischt, in ihrer schönsten Reinheit gesehen werden. 
Wie das chemische Gelb sich an und über dem Weißen 
entwickelt, ist gehörigen Orts umständlich vorgetragen 
worden. 

766. Sie fuhrt in ihrer höchsten Reinheit immer die Na- 
tur des Hellen mit sich und besitzt eine heitere, muntere, 
sanft reizende Eigenschaft. 

767. In diesem Grade ist sie als Umgebung, es sei als 
Kleid, Vorhang, Tapete, angenehm. Das Gold in seinem 
ganz ungemischten Zustande gibt uns, besonders wenn 



2 2 o DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

der Glanz hinzukommt, einen neuen und hohen Begriff 
von dieser Farbe; so wie ein starkes Gelb, wenn es auf 
glänzender Seide, z, B. auf Atlas, erscheint, eine präch- 
tige und edle Wirkung tut. 

768. So ist es der Erfahrung gemäß, daß das Gelbe einen 
durchaus warmen und behaglichen Eindruck mache. Da- 
her es auch in der Malerei der beleuchteten und wirk- 
samen Seite zukommt. 

769. Diesen erwärmenden Effekt kann man am lebhaf- 
testen bemerken, wenn man durch ein gelbes Glas, be- 
sonders in grauen Wintertagen, eine Landschaft ansieht. 
Das Auge wird erfreut, das Herz ausgedehnt, das Ge- 
müt erheitert; eine unmittelbare Wärme scheint uns an- 
zuwehen. 

770. Wenn nun diese Farbe, in ihrer Reinheit und hel- 
lem Zustande angenehm und erfreulich, in ihrer ganzen 
Kraft aber etwas Heiteres und Edles hat, so ist sie da- 
gegen äußerst empfindlich imd macht eine sehr unange- 
nehme Wirkung, wenn sie beschmutzt oder einigermaßen 
ins Minus gezogen wird. So hat die Farbe des Schwefels, 
die ins Grüne fällt, etwas Unangenehmes. 

771. Wenn die gelbe Farbe unreinen und unedlen Ober- 
flächen mitgeteilt wird, wie dem gemeinen Tuch, dem 
Filz und dergleichen, worauf sie nicht mit ganzer Energie 
erscheint, entsteht eine solche unangenehme Wirkung. 
Durch eine geringe und unmerkliche Bewegung wird der 
schöne Eindruck des Feuers und Goldes in die Empfin- 
dung des Kotigen verwandelt und die Farbe der Ehre 
und Wonne zur Farbe der Schande, des Absehens und 
Mißbehagens umgekehrt. Daher mögen die gelben Hüte 
der Bankerottierer, die gelben Ringe auf den Mänteln 
der Juden entstanden sein; ja die sogenannte Hahnrei - 
färbe ist eigentlich nur ein schmutziges Gelb. 

Rotgelb 

772. Da sich keine Farbe als stillstehend betrachten 
läßt, so kann man das Gelbe sehr leicht durch Verdich- 
tung und Verdunklung ins RötHche steigern und erheben. 



VI. SINNLICH- SITTLICHE WIRKUNG 2 2 1 

Uie Farbe wächst an Energie und erscheint im Rotgelben 
mächtiger und herrlicher. 

773. Alles, was wir vom Gelben gesagt haben, gilt auch 
hier, nur im höhern Grade. Das Rotgelbe gibt eigentlich 
dem Auge das Gefühl von Wärme und Wonne, indem es 
die Farbe der höhern Glut sowie den mildern Abglanz 
der untergehenden Sonne repräsentiert. Deswegen ist sie 
auch bei Umgebungen angenehm und als Kleidung in 
mehr oder minderm Grade erfreulich oder herrlich. Ein 
kleiner Blick ins Rote gibt dem Gelben gleich ein ander 
Ansehn, und wenn Engländer und Deutsche sich noch 
an blaßgelben hellen Lederfarben genügen lassen, so liebt 
der Franzose, wie Pater Castel schon bemerkt, das ins 
Rot gesteigerte Gelb; wie ihn überhaupt an Farben alles 
freut, was sich auf der aktiven Seite befindet. 

Gelbrot 

774. Wie das reine Gelb sehr leicht in das Rotgelbe 
hinübergeht, so ist die Steigerung dieses letzten ins 
Gelbrote nicht aufzuhalten. Das angenehme heitre Ge- 
fühl, das uns das Rotgelbe noch gewährt, steigert sich 
bis zum unerträglich Gewaltsamen im hohen Gelb- 
roten. 

775. Die aktive Seite ist hier in ihrer höchsten Energie, 
und es ist kein Wunder, daß energische, gesunde, rohe 
Menschen sich besonders an dieser Farbe erfreuen. Man 
hat die Neigung zu derselben bei wilden Völkern durch- 
aus bemerkt. Und wenn Kinder, sich selbst überlassen, 
zu illuminieren anfangen, so werden sie Zinnober und 
Mennig nicht schonen. 

776. Man darf eine vollkommen gelbrote Fläche stan 
ansehen, so scheint sich die F'arbe wirklich ins Organ zu 
bohren. Sie bringt eine unglaubliche Erschütterung her- 
vor und behält diese Wirkung bei einem ziemlichen Grade 
von Dunkelheit. 

Die Erscheinung eines gelbroten Tuches beunruhigt und 
erzürnt die Tiere. Auch habe ich gebildete Menschen 
gekannt, denen es unerträglich fiel, wenn ihnen an 



2 2 2 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL \ 

einem sonst grauen Tage jemand im Scharlachrock be- 
gegnete. 

777, Die Farben von der Minusseite sind Blau, Rotblau 
und Blaurot. Sie stimmen zu einer unruhigen, weichen 
und sehnenden Empfindung. 

Blau 
1l2>. So wie Gelb immer ein Licht mit sich führt, so 
kann man sagen, daß Blau immer etwas Dunkles mit sich 
führe. 

779. Diese Farbe macht für das Auge eine sonderbare 
und fast unaussprechliche Wirkung. Sie ist als Farbe eine 
Energie; allein sie steht auf der negativen Seite und ist 
in ihrer höchsten Reinheit gleichsam ein reizendes Nichts. 
Es ist etwas Widersprechendes von Reiz und Ruhe im 
Anblick. 

780. Wie wir den hohen Himmel, die fernen Berge blau 
sehen, so scheint eine blaue Fläche auch vor uns zurück- 
zuweichen. 

781. Wie wir einen angenehmen Gegenstand, der vor 
uns flieht, gern verfolgen, so sehen wir das Blaue gern 
an, nicht weil es auf uns dringt, sondern weil es uns nach 
sich zieht. 

782. Das Blaue gibt uns ein Gefühl von Kälte, so wie es 
uns auch an Schatten erinnert. Wie es vom Schwarzen 
abgeleitet sei, ist uns bekannt. 

783. Zimmer, die rein blau austapeziert sind, erscheinen 
gewissermaßen weit, aber eigentlich leer und kalt. 

784. Blaues Glas zeigt die Gegenstände im traurigen 
Licht. 

785. Es ist nicht unangenehm, wenn das Blau einiger- 
maßen vom Plus partizipiert. Das Meergrün ist vielmehr 
eine liebliche Farbe. 

Rotblau 

786. Wie wir das Gelbe sehr bald in einer Steigerung 
gefunden haben, so bemerken wir auch bei dem Blauen 
dieselbe Eigenschaft. 



VI. SINNLICH - SITFLICHE W IRKUNG 223 

787. Das Blaue steigert sich sehr sanft ins Rote und er- 
hält dadurch etwas Wirksames, ob es sich gleich auf der 
passiven Seite befindet. Sein Reiz ist aber von ganz an- 
drer Art als der des Rotgelben: er belebt nicht sowohl, 
als daß er unruhig macht. 

788. So wie die Steigerung selbst unaufhaltsam ist, so 
wünscht man auch mit dieser Farbe immer fortzugehen, 
nicht aber, wie beim Rotgelben, immer tätig vorwärts zu 
schreiten, sondern einen Punkt zu finden, wo man aus- 
ruhen könnte. 

789. Sehr verdünnt kennen wir die Farbe unter dem 
Namen Lila; aber auch so hat sie etwas Lebhaftes ohne 
Fröhlichkeit. 

Blaurot 

790. Jene Unruhe nimmt bei der weiterschreitenden Stei- 
gerung zu, und man kann wohl behaupten, daß eine Ta- 
pete von einem ganz reinen gesättigten Blaurot eine Art 
von unerträglicher Gegenwart sein müsse. Deswegen es 
auch, wenn es als Kleidung, Band oder sonstiger Zierat 
vorkommt, sehr verdünnt und hell angewendet wird, da 
es denn seiner bezeichneten Natur nach einen ganz be- 
sondem Reiz ausübt. 

791. Indem die hohe Geistlichkeit diese unruhige Farbe 
sich angeeignet hat, so dürfte man wohl sagen, daß sie 
auf den unruhigen Stafi'eln einer immer vordringenden 
Steigerung unaufhaltsam zu dem Kardinalpurpur hinauf- 
strebe. 

Rot 

792. Man entferne bei dieser Benennung alles, was im 
Roten einen Eindruck von Gelb oder Blau machen könnte. 
Man denke sich ein ganz reines Rot, einen vollkomme- 
nen, auf einer weißen Porzellanschale aufgetrockneten 
Karmin. Wir haben diese Farbe ihrer hohen Würde 
wegen manchmal Purpur genannt, ob wir gleichwohl 
wissen, daß der Purpur der Alten sich mehr nach der 
blauen Seite hinzog. 

793. Wer die prismatische Entstehung des Purpurs kennt, 



2 2 4 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 
der wird nicht paradox finden, wenn wir behaupten, daß 
diese Farbe teils actu, teils potentia alle andern Farben 
enthalte. 

794. Wenn wir beim Gelben und Blauen eine strebende 
Steigerung ins Rote gesehen und dabei unsre Gefühle 
bemerkt haben, so läßt sich denken, daß nun in der Ver- 
einigung der gesteigerten Pole eine eigentliche Beruhi- 
gung, die wir eine ideale Befriedigung nennen möchten, 
stattfinden könne. Und so entsteht bei physischen Phä- 
nomenen diese höchste aller Farbenerscheinungen aus 
dem Zusammentreten zweier entgegengesetzten Enden, 
die sich zu einer Vereinigung nach und nach selbst vor- 
bereitet haben. 

795. Als Pigment hingegen erscheint sie uns als ein 
Fertiges und als das vollkommenste Rot in der Coche- 
nille; welches Material jedoch durch chemische Behand- 
lung bald ins Plus, bald ins Minus zu führen ist und allen- 
falls im besten Karmin als völlig im Gleichgewicht stehend 
angesehen werden kann. 

796. Die Wirkung dieser Farbe ist so einzig wie ihre 
Natur. Sie gibt einen Eindruck sowohl von Ernst und 
Würde als von Huld und Anmut. Jenes leistet sie in 
ihrem dunklen verdichteten, dieses in ihrem hellen ver- 
dünnten Zustande. Und so kann sich die Würde des Al- 
ters und die Liebenswürdigkeit der Jugend in eine Farbe 
kleiden. 

797. Von der Eifersucht der Regenten auf den Purpur 
erzählt uns die Geschichte manches. Eine Umgebung von 
dieser Farbe ist immer ernst und prächtig. 

798. Das Purpurglas zeigt eine wohlerleuchtete Land- 
schaft in furchtbarem Lichte. So müßte der Farbeton 
über Erd und Himmel am Tage des Gerichts ausge- 
breitet sein. 

799. Da die beiden Materialien, deren sich die Färberei 
zur Hervorbringimg dieser Farbe vorzüglich bedient, der 
Kermes und die Cochenille, sich mehr oder weniger zum 
Plus und Minus neigen, auch sich durch Behandlung mit 
Säuren und Alkalien herüber- und hinüberführen lassen, 
so ist zu bemerken, daß die Franzosen sich auf der wirk- 



VI. SINxNLICH-SITTLICHE WIRKUNG 223 

samen Seite halten, wie der französische Scharlach zeigt, 
welcher ins Gelbe zieht, die Italiener hingegen auf der 
passiven Seite verharren, so daß ihr Scharlach eine 
Ahnung von Blau behält. 

800. Durch eine ähnliche alkalische Behandlung ent- 
steht das Karmesin, eine Farbe, die den Franzosen sehr 
verhaßt sein muß, da sie die Ausdrücke sot en cramoisi^ 
mUhant efi cratnoisi als das Äußerste des Abgeschmackten 
und Bösen bezeichnen. 

Grün 

801. Wenn man Gelb und Blau, welche wir als die er- 
sten und einfachsten Farben ansehen, gleich bei ihrem 
ersten Erscheinen auf der ersten Stufe ihrer Wirkung zu- 
sammenbringt, so entsteht diejenige Farbe, welche wir 
Grün nennen. 

802. Unser Auge findet in derselben eine reale Befrie- 
digung. Wenn beide Mutterfarben sich in der Mischung 
genau das Gleichgewicht halten, dergestalt daß keine vor 
der andern bemerklich ist, so ruht das Auge und das Ge- 
müt auf diesem Gemischten wie auf einem Einfachen. 
Man will nicht weiter, und man kann nicht weiter. Des- 
wegen für Zimmer, in denen man sich immer befindet, 
die grüne Farbe zur Tapete meist gewählt wird, 

Totalität und Harmonie 

803. Wir haben bisher zum Behuf unsres Vortrages an- 
genommen, daß das Auge genötigt werden könne, sich 
mit irgendeiner einzelnen Farbe zu identifizieren; allein 
dies möchte wohl nur auf einen Augenblick möglich 
sein. 

804. Denn wenn wir uns von einer Farbe umgeben sehen, 
welche die Empfindung ihrer Eigenschaft in unserm Auge 
erregt und uns durch ihre Gegenwart nötigt, mit ihr in 
einem identischen Zustande zu verharren, so ist es eine 
gezwungene Lage, in welcher das Organ ungern ver- 
weilt. 

ÜOEXHE XVa 15. 



2 2 6 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

805. Wenn das Auge die Farbe erblickt, so wird es 
gleich in Tätigkeit gesetzt, und es ist seiner Natur ge- 
mäß, auf der Stelle eine andre, so unbewußt als notwen- 
dig, hervorzubringen, welche mit der gegebenen die To- 
talität des ganzen Farbenkreises enthält. Eine einzelne 
Farbe erregt in dem Auge durch eine spezifische Emp- 
findung das Streben nach Allgemeinheit. 

806. Um nun diese Totalität gewahr zu werden, um sich 
selbst zu befriedigen, sucht es neben jedem farbigen 
Raum einen farblosen, um die geforderte Farbe an dem- 
selben hervorzubringen. 

807. Hier liegt also das Grundgesetz aller Harmonie 
der Farben, wovon sich jeder durch eigene Erfahrung 
überzeugen kann, indem er sich mit den Versuchen, die 
wir in der Abteilung der physiologischen Farben ange- 
zeigt, genau bekannt macht. 

808. Wird nun die Farbentotalität von außen dem Auge 
als Objekt gebracht, so ist sie ihm erfreulich, weil ihm 
die Summe seiner eignen Tätigkeit als Realität entgegen- 
kommt. Es sei also zuerst von diesen harmonischen Zu- 
sammenstellungen die Rede. 

809. Um sich davon auf das leichteste zu imterrichten, 
denke man sich in dem von uns angegebenen Farbenkreise 
einen beweglichen Diameter und führe denselben im gan- 
zen Kreise herum, so werden die beiden Enden nach 
und nach die sich fordernden Farben bezeichnen, welche 
sich denn freilich zuletzt auf drei einfache Gegensätze 
zurückfuhren lassen. 

810. Gelb fordert Rotblau, 
Blau fordert Rotgelb, 
Purpur fordert Grün 

und umgekehrt. * 

811. Wie der von uns supponierte Zeiger von der Mitte j 
der von uns naturmäßig geordneten Farben wegrückt, j 
ebenso rückt er mit dem andern Ende in der entgegen- 
gesetzten Abstufung weiter, und es läßt sich durch eine j 
solche Vorrichtung zu einer jeden fordernden Farbe die 
geforderte bequem bezeichnen. Sich hiezu einen Far- 
benkreis zu bilden, der nicht wie der unsre abgesetzt. 



VI. SINNLICH- SITTLICHE WIRKUNG 227 

sondern in einem stetigen Fortschritte die Farben und 
ihre Übergänge zeigte, würde nicht unnütz sein: denn wir 
stehen hier auf einem sehr wichtigen Punkt, der alle unsre 
Aufmerksamkeit verdient. 

812. Wurden wir vorher bei dem Beschauen einzelner 
Farben gewissermaßen pathologisch affiziert, indem wir, 
zu einzelnen Empfindungen fortgerissen, uns bald lebhaft 
und strebend, bald weich und sehnend, bald zum Edlen 
emporgehoben, bald zum Gemeinen herabgezogen fühl- 
ten, so führt uns das Bedürfnis nach Totalität, welches 
unserm Organ eingeboren ist, aus dieser Beschränkung 
heraus; es setzt sich selbst in Freiheit, indem es den Gegen- 
satz des ihm aufgedrungenen Einzelnen und somit eine 
befriedigende Ganzheit hervorbringt. 

813. So einfach also diese eigentlich harmonischen Gegen- 
sätze sind, welche uns in dem engen Kreise gegeben wer- 
den, so wichtig ist der Wink, daß uns die Natur durch 
Totalität zur Freiheit heraufzuheben angelegt ist und daß 
wir diesmal eine Naturerscheinung zum ästhetischen Ge- 
brauch unmittelbar überliefert erhalten. 

814. Indem wir also aussprechen können, daß der Far- 
benkreis, wie wir ihn angegeben, auch schon dem Stoff 
nach eine angenehme Empfindung hervorbringe, ist es der 
Ort, zu gedenken, daß man bisher den Regenbogen mit 
Unrecht als ein Beispiel der Farbentotalität angenommen: 
denn es fehlt demselben die Hauptfarbe, das reine Rot, 
der Purpur, welcher nicht entstehen kann, da sich bei die- 
ser Erscheinung so wenig als bei dem hergebrachten pris- 
matischen Bilde das Gelbrot und Blaurot zu erreichen ver- 
mögen. 

815. Überhaupt zeigt uns die Natur kein allgemeines 
Phänomen, wo die Farbentotalität völlig beisammen wäre. 
Durch Versuche läßt sich eiij solches in seiner vollkomm- 
nen Schönheit hervorbringen. Wie sich aber die völlige 
Erscheinung im Kreise zusammenstellt, machen wir uns 
am besten durch Pigmente auf Papier begreiflich, bis wir, 
bei natürlichen Anlagen und nach mancher Erfahrung und 
Übung, uns endlich von der Idee dieser Harmonie völlig 
penetriert und sie uns im Geiste gegenwärtig fühlen. 



2 2 8 1 )1<:R FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TKI I . 

Charakteristische Zusammeristelhingen 

8 1 6 . Außer diesen rein harmonischen, aus sich selbst ent- 
springenden Zusammenstellungen, welche immer Totalität 
mit sich führen, gibt es noch andre, welche durch Willkür 
hervorgebracht werden und die wir dadurch am leichte- 
sten bezeichnen, daß sie in unserm Farbenkreise nicht 
nach Diametern, sondern nach Chorden aufzufinden sind, 
und zwar zuerst dergestalt, daß eine Mittelfarbe über- 
sprungen wird. 

817. Wir nennen diese Zusammenstellungen charakte- 
ristisch, weil sie sämtlich etwas Bedeutendes haben, das 
sich uns mit einem gewissen Ausdruck aufdringt, aber uns 
nicht befriedigt, indem jedes Charakteristische nur da- 
durch entsteht, daß es als ein Teil aus einem Ganzen 
heraustritt, mit welchem es ein Verhältnis hat, ohne sich 
darin aufzulösen. 

818. Da wir die Farben in ihrer Entstehung sowie deren 
harmonische Verhältnisse kennen, so läßt sich erwarten, 
daß auch die Charaktere der willkürlichen Zusammen- 
stellungen von der verschiedensten Bedeutung sein wer- 
den. Wir wollen sie einzeln durchgehen. 

Gelb und Blau 

819. Dieses ist die einfachste von solchen Zusammen- 
stellungen. Man kann sagen, es sei zu wenig in ihr: denn 
da ihr jede Spur von Rot fehlt, so geht ihr zu viel von 
der Totalität ab. In diesem Sinne kann man sie arm und, 
da die beiden Pole auf ihrer niedrigsten Stufe stehn, ge- 
mein nennen. Doch hat sie den Vorteil, daß sie zunächst 
am Grünen und also an der realen Befriedigung steht. 

Gelb und Purpur 

820. Hat etwas Einseitiges, aber Heiteres und Prächtiges. 
Man sieht die beiden Enden der tätigen Seite nebenein- 
ander, ohne daß das stetige Werden ausgedrückt sei. 
Da man aus ihrer Mischung durch Pigmente das Gelbrote 
erwarten kann, so stehn sie gewissermaßen anstatt dieser 
Farbe. 



VI. SINNLICH -SITTLICHE WIRKUNG 229 

Blau und Purpur 

821. Die beiden Enden der passiven Seite mit dem Über- 
gewicht des obern Endes nach dem aktiven zu. Da durch 
Mischung beider das Blaurote entsteht, so wird der Effekt 
dieser ZusammensteUung sich auch gedachter Farbe nähern, 

Gelbrot und Blaurot 

822. Haben, zusammengestellt, als die gesteigerten En- 
den der beiden Seiten etwas Erregendes, Hohes. Sie 
geben uns die Vorahnung des Purpurs, der bei physikali- 
schen Versuchen aus ihrer Vereinigung entsteht. 

823. Diese vier Zusammenstellungen haben also das Ge- 
meinsame, daß sie, vermischt, die Zwischenfarben unseres 
Farbenkreises hervorbringen würden; wie sie auch schon 
tun, wenn die Zusammenstellung aus kleinen Teilen be- 
steht und aus der Ferne betrachtet wird. Eine Fläche mit 
schmalen blau- imd gelben Streifen erscheint in einiger 
Entfernung grün. 

824. Wenn nun aber das Auge Blau und Gelb neben- 
einander sieht, so befindet es sich in der sonderbaren Be- 
mühung, immer Grün hervorbringen zu wollen, ohne da- 
mit zustande zu kommen und ohne also im Einzelnen 
Ruhe oder im Ganzen Gefühl der Totalität bewirken zu 
können, 

825. Man sieht also, daß wir nicht mit Unrecht diese 
Zusammenstellungen charakteristisch genannt haben, so 
wie denn auch der Charakter einer jeden sich auf den 
Charakter der einzelnen Farben, woraus sie zusammen- 
gestellt ist, beziehen muß. 

Charakterlose Zusammenstellungen 

826. Wir wenden uns nun zu der letzten Art der Zu- 
sammenstellungen, welche sich aus dem Kreise leicht 
herausfinden lassen. Es sind nämlich diejenigen, welche 
durch kleinere Chorden angedeutet werden, wenn man 
nicht eine ganze Mittelfarbe, sondern nur den Übergang 
aus einer in die andere überspringt. 

827. Man kann diese Zusammenstellungen wohl die cha- 



2 3 o DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHfi:R TEIL 
rakterlosen nennen, indem sie zu nahe aneinander liegen, 
als daß ihr Eindruck bedeutsam werden könnte. Doch 
behaupten die meisten immer noch ein gewisses Recht, 
da sie ein Fortschreiten andeuten, dessen Verhältnis aber 
kaum fühlbar werden kann. 

828. So drücken Gelb und Gelbrot, Gelbrot und Purpur, 
Blau und Blaurot, Blaurot und Purpur die nächsten Stufen 
der Steigerung und Kulmination aus und können in ge- 
wissen Verhältnissen der Massen keine üble Wirkung 
tun. 

829. Gelb und Grün hat immer etwas Gemein-Heiteres, 
Blau und Grün aber immer etwas Gemein-Widerliches; 
deswegen unsre guten Vorfahren diese letzte Zusammen- 
stellung auch Narrenfarbe genannt haben. 

Bezug der Zusammenstellungen zu Hell und Dunkel 

830. Diese Zusammenstellungen können sehr vermannig- 
faltigt werden, indem man beide Farben hell, beide Far- 
ben dunkel, eine Farbe hell, die andre dunkel zusammen- 
bringen kann; wobei jedoch, was im allgemeinen gegolten 
hat, in jedem besondern Falle gelten muß. Von dem un- 
endlich Mannigfaltigen, was dabei stattfindet, erwähnen 
wir nur F^olgendes. 

831. Die aktive Seite, mit dem Schwarzen zusammenge- 
stellt, gewinnt an Energie; die passive verliert. Die ak- 
tive, mit dem Weißen und Hellen zusammengebracht, ver- 
liert an Kraft; die passive gewinnt an Heiterkeit. Purpur 
und Grün mit Schwarz sieht dunkel und düster, mit Weiß 
hingegen erfreulich aus. 

832. Hierzu kommt nun noch, daß alle Farben mehr oder 
weniger beschmutzt, bis auf einen gewissen Grad unkennt- 
lich gemacht und so teils unter sich selbst, teils mit rei- 
nen Farben zusammengestellt werden können, wodurch 
zwar die Verhältnisse unendlich variiert werden, wobei 
aber doch alles gilt, was von den reinen gegolten hat. 

Historische Betrachtungen 

833. Wenn in dem Vorhergehenden die Grundsätze der 
Farbenharmonie vorcretragen worden, so wird es nicht 



VI. SINNLICH- SriTLICHE WIRKUNG 231 

zweckwidrig sein, wenn wir das dort Ausgesprochene in 
Verbindung mit Erfahrungen und Beispielen nochmals 
wiederholen. 

834. Jene Grundsätze waren aus der menschlichen Natur 
und aus den anerkannten Verhältnissen der Farbenerschei- 
nungen abgeleitet. In der Erfahrung begegnet uns man- 
ches, was jenen Grundsätzen gemäß, manches, was ihnen 
widersprechend ist. 

835. Naturmenschen, rohe Völker, Kinder haben große 
Neigung zur Farbe in ihrer höchsten Energie und also 
besonders zu dem Gelbroten. Sie haben auch eine Nei- 
gung ziun Bunten. Das Bunte aber entsteht, wenn die Far- 
ben in ihrer höchsten Energie ohne harmonisches Gleich- 
gewicht zusammengestellt worden. Findet sich aber dieses 
Gleichgewicht durch Instinkt oder zufällig beobachtet, so 
entsteht eine angenehme Wirkung. Ich erinnere mich, 
daß ein hessischer Offizier, der aus Amerika kam, sein Ge- 
sicht nach Art der Wilden mit reinen Farben bemalte, 
wodurch eine Art von Totalität entstand, die keine unan- 
genehme Wirkung tat. 

836. Die Völker des südlichen Europas tragen zu Klei- 
dern sehr lebhafte Farben. Die Seidenwaren, welche sie 
leichten Kaufs haben, begünstigen diese Neigung. Auch 
sind besonders die Frauen mit ihren lebhaftesten Miedern 
und Bändern immer mit der Gegend in Harmonie, indem 
sie nicht imstande sind, den Glanz des Himmels und der 
Erde zu überscheinen, 

837. Die Geschichte der Färberei belehrt uns, daß bei 
den Trachten der Nationen gewisse technische Bequem- 
lichkeiten und Vorteile sehr großen Einfluß hatten. So 
sieht man die Deutschen viel in Blau gehen, weil es eine 
dauerhafte Farbe des Tuches ist, auch in manchen Gegen- 
den alle Landleute in grünem Zwillich, weil dieser ge- 
dachte Farbe gut annimmt. Möchte ein Reisender hierauf 
achten, so würden ihm bald angenehme und lehrreiche 
Beobachtungen gelingen. 

838. Farben, wie sie Stimmungen hervorbringen, fügen 
sich auch zu Stimmungen und Zuständen. Lebhafte Na- 
tionen, z. B, die Franzosen, lieben die gesteigerten Farben, 



2 3 2 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

besonders der aktiven Seite; gemäßigte, als Engländer und 
Deutsche, das Stroh- oder Ledergelb, wozu sie Dunkel- 
blau tragen. Nach Würde strebende Nationen, als Italiener 
und Spanier, ziehen die rote Farbe ihrer Mäntel auf die 
passive Seite hinüber. 

839. Man bezieht bei Kleidungen den Charakter der Farbe 
auf den Charakter der Person. So kann man das Verhält- 
nis der einzelnen Farben und Zusammenstellungen zu Ge- 
sichtsfarbe, Alter und Stand beobachten. 

840. Die weibliche Jugend hält auf Rosenfarb und Meer- 
grün, das Alter auf Violett und Dunkelgrün. Die Blondine 
hat zu Violett und Hellgelb, die Brünette zu Blau und 
Gelbrot Neigung, und sämtlich mit Recht. 

Die römischen Kaiser waren auf den Purpur höchst eifer- 
süchtig. Die Kleidung des chinesischen Kaisers ist Orange, 
mit Purpur gestickt. Zitronengelb dürfen auch seine Be- 
dienten mid die Geistlichen tragen. 

841. Gebildete Menschen haben einige Abneigung vor 
Farben. Es kann dieses teils aus Schwäche des Organs, 
teils aus Unsicherheit des Geschmacks geschehen, die sich 
gern in das völlige Nichts flüchtet. Die Frauen gehen nun- 
mehr fast durchgängig weiß und die Männer schwarz. 

842. Überhaupt aber steht hier eine Beobachtung nicht 
am unrechten Platze, daß der Mensch, so gern er sich 
auszeichnet, sich auch ebenso gern unter seinesgleichen 
verlieren mag. 

843. Die schwarze Farbe sollte den venezianischen Edel- 
mann an eine republikanische Gleichheit erinnern. 

844. Inwiefern der trübe nordische Himmel die Farben 
nach und nach vertrieben hat, ließe sich vielleicht auch 
noch untersuchen. 

845. Man ist freilich bei dem Gebrauch der ganzen Far- 
ben sehr eingeschränkt, dahingegen die beschmutzten, 
getöteten, sogenannten Modefarben unendlich viele ab- 
weichende Grade imd Schattierungen zeigen, wovon die 
meisten nicht ohne Anmut sind. 

846. Zu bemerken ist noch, daß die Frauenzimmer bei 
ganzen Farben in Gefahr kommen, eine nicht ganz leb- 
hafte Gesichtsfarbe noch unscheinbarer zu machen; wie 



VI. SINNLICH -SriTLICHE WIRKUNG 233 

sie denn überhaupt genötigt sind, sobald sie einer glän- 
zenden Umgebung das Gleichgewicht halten sollen, ihre 
Gesichtsfarbe durch Schminke zu erhöhen. 

847. Hier wäre nun noch eine artige Arbeit zu machen 
übrig, nämlich eine Beurteilung der Uniformen, Livreen, 
Kokarden und andrer Abzeichen nach den oben aufge- 
stellten Grundsätzen. Man könnte im allgemeinen sagen, 
daß solche Kleidungen oder Abzeichen keine harmoni- 
schen Farben haben dürfen. Die Uniformen sollten Cha- 
rakter und Würde haben; die Livreen können gemein und 
ins Auge fallend sein. An Beispielen von guter und schlech- 
ter Art würde es nicht fehlen, da der Farbenkreis eng und 
schon oft genug durchprobiert worden ist. 

Ästhetische Wirkung 

848. Aus der sinnlichen und sittlichen Wirkung der Far- 
ben, sowohl einzeln als in Zusammenstellung, wie wir sie 
bisher vorgetragen haben, wird nun für den Künstler die 
ästhetische Wirkung abgeleitet. Wir wollen auch darüber 
die nötigsten Winke geben, wenn wir vorher die allge- 
meine Bedingung malerischer Darstellung, Licht und Schat- 
ten, abgehandelt, woran sich die Farbenerscheinung un- 
mittelbar anschließt. 

Helldunkel 

849. Das Helldunkel, clair-obscur, nennen wir die Er- 
scheinung körperlicher Gegenstände, wenn an denselben 
nur die Wirkung des Lichtes und Schattens betrachtet 
wird. 

850. Im engern Sinne wird auch manchmal eine Schatten- 
partie, welche durch Reflexe beleuchtet wird, so genannt; 
doch wir brauchen hier das Wort in seinem ersten, allge- 
meinern Sinne. 

851. Die Trennung des Helldunkels von aller Farben- 
erscheinung ist möglich und nötig. Der Künstler wird das 
Rätsel der Darstellung eher lösen, wenn er sich zuerst 
das Helldunkel unabhängig von Farben denkt und dasselbe 
in seinem ganzen Umfange kennen lernt 



2 34 I^ER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

852. Das Helldunkel macht den Körper als Körper er- 
scheinen, indem uns Licht und Schatten von der Dichtig- 
keit belehrt. 

853. Es kommt dabei in Betracht das höchste Licht, die 
Mitteltinte, der Schatten, und bei dem letzten wieder der 
eigene Schatten des Körpers, der auf andre Körper ge- 
worfene Schatten, der erhellte Schatten oder Reflex. 

854. Zum natürlichsten Beispiel für das Helldunkel wäre 
die Kugel günstig, um sich einen allgemeinen Begriff zu 
bilden, aber nicht hinlänglich zum ästhetischen Gebrauch, 
Die verfließende Einheit einer solchen Rundung führt zum 
Nebulistischen. Um Kunstwirkungen zu erzwecken, müs- 
sen an ihr Flächen hervorgebracht werden, damit die Teile 
der Schatten- und Lichtseite sich mehr in sich selbst ab- 
sondern. 

855. Die Italiener nennen dieses il piazzoso; man könnte 
es im Deutschen das Flächenhafte nennen. Wenn nun 
also die Kugel ein vollkommenes Beispiel des natürlichen 
Helldunkels wäre, so würde ein Vieleck ein Beispiel des 
künstlichen sein, wo alle Arten von Lichtern, Halblich- 
tern, Schatten und Reflexen bemerklich wären, 

856. Die Traube ist als ein gutes Beispiel eines male- 
rischen Ganzen im Helldunkel anerkannt, um so mehr, 
als sie ihrer Form nach eine vorzügliche Gruppe darzu- 
stellen imstande ist; aber sie ist bloß für den Meister 
tauglich, der das, was er auszuüben versteht, in ihr zu 
sehen weiß. 

857. Um den ersten Begriff faßlich zu machen, der selbst 
von einem Vieleck immer noch schwer zu abstrahieren 
ist, schlagen wir einen Kubus vor, dessen drei gesehene 
Seiten das Licht, die Mitteltinte und den Schatten abge- 
sondert nebeneinander vorstellen. 

858. Jedoch um zum Helldunkel einer zusammengesetz- 
tem Figur überzugehen, wählen wir das Beispiel eines 
aufgeschlagenen Buches, welches uns einer größern Man- 
nigfaltigkeit näherbringt. 

859. Die antiken Statuen aus der schönen Zeit findet man 
zu solchen Wirkungen höchst zweckmäßig gearbeitet. Die 
Lichtpartien sind einfach behandelt, die Schattenseiten 



VI. SINNLICH-SITTLICHE WIRKUNG 235 

desto mehr unterbrochen, damit sie für mannigfaltige Re- 
flexe empfänglich würden; wobei man sich des Beispiels 
vom Vieleck erinnern kann. 

860. Beispiele antiker Malerei geben hierzu die Herkü- 
lanischen Gemälde und die Aldobrandinische Hochzeit. 

861. Moderne Beispiele finden sich in einzelnen Figuren 
Raffaels, an ganzen Gemälden Correggios, der nieder- 
ländischen Schule, besonders des Rubens. 

Streben zur Farbe 

862. Ein Kunstwerk schwarz und weiß kann in der Ma- 
lerei selten vorkommen. Einige Arbeiten von Polydor 
geben uns davon Beispiele, sowie unsre Kupferstiche und 
geschabten Blätter. Diese Arten, insofern sie sich mit For- 
men und Haltung beschäftigen, sind schätzenswert; allein 
sie haben wenig Gefälliges fürs Auge, indem sie nur durch 
eine gewaltsame Abstraktion entstehen. 

863. Wenn sich der Künstler seinem Gefühl überläßt, so 
meldet sich etwas Farbiges gleich. Sobald das Schwarze 
ins Blauliche fällt, entsteht eine Forderung des Gelben, 
das denn der Künstler instinktmäßig verteilt luid, teils 
rein in den Lichtern, teils gerötet und beschmutzt als Braun 
in den Reflexen, zu Belebung des Ganzen anbringt, wie 
es ihm am rätlichsten zu sein scheint. 

864. Alle Arten von Camai'eu, oder Färb in Farbe, laufen 
doch am Ende dahin hinaus, daß ein geforderter Gegen- 
satz oder irgendeine farbige Wirkung angebracht wird. So 
hat Polydor in seinen schwarz- und weißen Freskogemälden 
ein gelbes Gefäß oder sonst etwas derart eingeführt. 

865. Überhaupt strebten die Menschen in der Kunst in- 
stinktmäßig jederzeit nach Farbe. Man darf nur täglich 
beobachten, wie Zeichenlustige von Tusche oder schwar- 
zer Kreide auf weiß Papier zu farbigem Papier sich stei- 
gern, dann verschiedene Kreiden anwenden und endlich 
ins Pastell übergehen. Man sah in unsern Zeiten Gesich- 
ter, mit Silberstift gezeichnet, durch rote Bäckchen belebt 
und mit farbigen Kleidern angetan, ja Silhouetten in bun- 
ten Uniformen. Paolo Uccello malte farbige Landschafter 
zu farblosen Figuren. 



2 3 6 DKR FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

866. Selbst die Bildhauerei der Alten konnte diesem Trieb 
nicht widerstehen. Die Ägypter strichen ihre Basreliefs 
an. Den Statuen gab man Augen von farbigen Steinen. 
Zu marmornen Köpfen und Extremitäten fügte man por- 
phyrne Gewänder, so wie man bunte Kalksinter zum 
Sturze der Brustbilder nahm. Die Jesuiten verfehlten nicht, 
ihren heiligen Aloysius in Rom auf diese Weise zusammen- 
zusetzen, und die neuste Bildhauerei unterscheidet das 
Fleisch durch eine Tinktur von den Gewändern. 

Haltung 

867. Wenn die Linearperspektive die Ab.stufung der Ge- 
genstände in scheinbarer Größe durch Entfernung zeigt, 
so läßt uns die Luftperspektive die Abstufung der Gegen- 
stände in mehr oder minderer Deutlichkeit durch Entfer- 
nung sehen. 

868. Ob wir zwar entfernte Gegenstände nach der Natur 
unsres Auges nicht so deutlich sehen als nähere, so ruht 
doch die Laftperspektive eigentlich auf dem wichtigen 
Satz, daß alle durchsichtigen Mittel einigermaßen trübe 
sind. 

869. Die Atmosphäre ist also immer mehr oder weniger 
trüb. Besonders zeigt sie diese Eigenschaft in den süd- 
lichen Gegenden bei hohem Barometerstand, trocknem 
Wetter und wolkenlosem Himmel, wo man eine sehr merk- 
hche Abstufung wenig auseinander stehender Gegenstände 
beobachten kann. 

870. Im allgemeinen ist diese Erscheinimg jedermann 
bekannt; der Maler hingegen sieht die Abstufung bei den 
geringsten Abständen oder glaubt sie zu sehen. Er stellt 
sie praktisch dar, indem er die Teile eines Körpers, z. B. 
eines völlig vorwärts gekehrten Gesichtes, voneinander 
abstuft. Hiebei behauptet Beleuchtung ihre Rechte. Diese 
kommt von der Seite in Betracht, sowie die Haltung von 
vorn nach der Tiefe zu. 

Kolorit 

871. Indeuo wir nunmehr zur Farbengebung übergehen 
setzen wir voraus, daß der Maler überhaupt mit dem Ent - 



VI. SlNiNLlCH-SriTLlCHE \VlRKüNG 237 

wurf unserer Farbenlehre bekannt sei und sich gewisse 
Kapitel und Rubriken, die ihn vorzüglich berühren, wohl 
zu eigen gemacht habe: denn so wird er sich imstande 
befinden, das Theoretische sowohl als das Praktische, im 
Erkennen der Natur und im Anwenden auf die Kunst, 
mit Leichtigkeit zu behandeln. 

Kolorit des Orts 

872. Die erste Erscheinung des Kolorits tritt in der Na- 
tur gleich mit der Haltung ein: denn die Luftperspektive 
beruht auf der Lehre von den trüben Mitteln. Wir sehen 
den Himmel, die entfernten Gegenstände, ja die nahen 
Schatten blau. Zugleich erscheint uns das Leuchtende und 
Beleuchtete stufenweise gelb bis zur Purpurfarbe. In man- 
chen Fällen tritt sogleich die physiologische Forderung 
der Farben ein, und eine ganz farblose Landschaft wird 
durch diese mit- und gegeneinander wirkenden Bestim- 
mungen vor unserm Auge völlig farbig erscheinen. 

Kolorit der Gegenstände 

873. Lokalfarben sind die allgemeinen Elementarfarben, 
aber nach den Eigenschaften der Körper und ihrer Ober- 
flächen, an denen wir sie gewahr werden, spezifiziert. 
Diese Spezifikation geht bis ins unendliche. 

874. Es ist ein großer Unterschied, ob man gefärbte Seide 
oder Wolle vor sich hat. Jede Art des Bereitens und We- 
bens bringt schon Abweichungen hervor. Rauhigkeit, 
Glätte, Glanz kommen in Betrachtung. 

875. Es ist daher ein der Kunst sehr schädliches Vorur- 
teil, daß der gute Maler keine Rücksicht auf den Stoff der 
Gewänder nehmen, sondern nur immer gleichsam ab- 
strakte Falten malen müsse. Wird nicht hierdurch alle 
charakteristische Abwechslung aufgehoben, und ist das 
Porträt von Leo X. deshalb weniger trefflich, weil auf 
diesem Bilde Samt, Atlas und Mohr nebeneinander nach- 
geahmt ward.^ 

876. Bei Naturprodukten erscheinen die Farben mehr 
oder weniger modifiziert, spezifiziert, ja individualisiert; 



238 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

welches bei Steinen und Pflanzen, bei den Federn der 
Vögel und den Haaren der Tiere wohl zu beobachten ist. 

877. Die Hauptkunst des Malers bleibt immer, daß er die 
Gegenwart des bestimmten Stoffes nachahme und das All- 
gemeine, Elementare der Farbenerscheinung zerstöre. Die 
höchste Schwierigkeit findet sich hier bei der Oberfläche 
des menschlichen Körpers. 

878. Das Fleisch steht im ganzen auf der aktiven Seite; 
doch spielt das Blauliche der passiven auch mit herein. 
Die Farbe ist durchaus ihrem elementaren Zustande ent- 
rückt und durch Organisation neutralisiert. 

879. Das Kolorit des Ortesund das Kolorit der Gegen- 
stände in Harmonie zu bringen, wird nach Betrachtung 
dessen, was von uns in der Farbenlehre abgehandelt wor- 
den, dem geistreichen Künstler leichter werden, als bis- 
her der Fall war, und er wird imstande sein, unendlich 
schöne, mannigfaltige und zugleich wahre Erscheinungen 
darzustellen. 

Charakteristisches Kolorit 

880. Die Zusammenstellung farbiger Gegenstände sowohl 
als die Färbung des Raums, in welchem sie enthalten 
sind, soll nach Zwecken geschehen, welche der Künstler 
sich vorsetzt. Hiezu ist besonders die Kenntnis der Wir- 
kung der Farben auf Empfindung, sowohl im einzelnen 
als in Zusammenstellung, nötig. Deshalb sich denn der 
Maler von dem allgemeinen Duahsm sowohl als von den 
besondern Gegensätzen penetrieren soll; wie er denn 
überhaupt wohl innehaben müßte, was wir von den Ei- 
genschaften der Farben gesagt haben. 

881. Das Charakteristische kann unter drei Hauptru- 
briken begriffen werden, die wir einstweilen durch das 
Mächtige, das Sanfte und das Glänzende bezeichnen 
wollen. 

882. Das erste wird durch das Übergewicht der aktiven, 
das zweite durch das Übergewicht der passiven Seite, das 
dritte durch Totalität und Darstellung des ganzen Farben - 
kreises im Gleichgewicht hervorgebracht. 

883. Der mächtige Effekt wird erreicht durch Gelb, Gelb- 



VI. SINNLICH-SnrLlCHE WIRKUNG 239 

rot und Purpur, welche letzte Farbe auch noch auf der 
Plusseite zu halten ist. Wenig Violett und Blau, noch 
weniger Grün ist anzubringen. Der sanfte Effekt wird 
durch Blau, Violett und Purpur, welcher jedoch auf die 
Minusseite zu führen ist, hervorgebracht. Wenig Gelb und 
Gelbrot, aber viel Grün kann stattfinden. 

884. Wenn man also diese beiden Effekte in ihrer vollen 
Bedeutung hervorbringen will, so kann man die geforder- 
ten Farben bis auf ein Minimum ausschließen und nur so 
viel von ihnen sehen lassen, als eine Ahnimg der Tota- 
lität unweigerlich zu verlangen scheint. 

Harmonisches Kolorit 

885. Obgleich die beiden charakteristischen Bestimmun- 
gen nach der eben angezeigten Weise auch gewisser- 
maßen harmonisch genannt werden können, so entsteht 
doch die eigentliche harmonische Wirkung nur alsdann, 
wenn alle Farben nebeneinander im Gleichgewicht ange- 
bracht sind. 

886. Man kann hiedurch das Glänzende sowohl als das 
Angenehme hervorbringen, welche beide jedoch immer 
etwas Allgemeines und in diesem Sinne etwas Charakter- 
loses haben werden. 

887. Hierin liegt die Ursache, warum das Kolorit der 
meisten Neuern charakterlos ist; denn indem sie nur ihrem 
Instinkt folgen, so bleibt das Letzte, wohin er sie führen 
kann, die Totalität, die sie mehr oder weniger erreichen, 
dadurch aber zugleich den Charakter versäumen, den das 
Bild allenfalls haben könnte. 

888. Hat man hingegen jene Grundsätze im Auge, so 
sieht man, wie sich für jeden Gegenstand mit Sicherheit 
eine andre Farbenstimmung wählen läßt. Freilich fordert 
die Anwendung unendliche Modifikationen, welche dem 
Genie allein, wenn es von diesen Grundsätzen durchdrun- 
gen ist, gelingen werden. 

Echter Ton 

889. Wenn man das Wort Ton oder vielmehr Tonart auch 
noch künftig von der Musik borgen und bei der Farben- 



2 40 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

gebung brauchen will, so wird es in einem bessern Sinne 
als bisher geschehen können. 

890. Man würde nicht mit Unrecht ein Bild von mäch- 
tigem Effekt mit einem musikaHschen Stücke aus dem Dur- 
Ton, ein Gemälde von sanftem Effekt mit einem Stücke 
aus dem Moll-Ton vergleichen, so wie man für die Modi- 
fikation dieser beiden Haupteflfekte andre Vergleichungen 
finden könnte. 

Falscher Ton 

891. Was man bisher Ton nannte, war ein Schleier von 
einer einzigen Farbe über das ganze Bild gezogen. Man 
nahm ihn gewöhnlich gelb, indem man aus Instinkt das 
Bild auf die mächtige Seite treiben wollte. 

892. Wenn man ein Gemälde durch ein gelbes Glas an- 
sieht, so wird es uns in diesem Ton erscheinen. Es ist der 
Mühe wert, diesen Versuch zu machen und zu wieder- 
holen, um genau kennen zu lernen, was bei einer solchen 
Operation eigentlich vorgeht. Es ist eine Art Nachtbe- 
leuchtung, eine Steigerung, aber zugleich Verdüsterung 
der Plusseite und eine Beschmutzung der Minusseite. 

893. Dieser unechte Ton ist durch Instinkt aus Unsicher- 
heit dessen, was zu tun sei, entstanden, so daß man an- 
statt der Totalität eine Uniformität hervorbrachte. 

Schwaches Kolorit 

894. Eben diese Unsicherheit ist Ursache, daß man die 
Farben der Gemälde so sehr gebrochen hat, daß man aus 
dem Grauen heraus und in das Graue hinein malt und die 
Farbe so leise behandelt als möglich. 

895. Man findet in solchen Gemälden oft die harmoni- 
schen Gegenstellungen recht glücklich, aber ohne Mut, 
weil man sich vor dem Bunten fürchtet. 

Das Bunte 

89 6. Bunt kann ein Gemälde leicht werden, in welchem 
man bloß empirisch, nach unsichern Eindrücken, die Far- 
ben in ihrer ganzen Kraft nebeneinander stellen wollte. 



VI. SINNLICH- SriTLICHE WIRKUNG 241 

897. Wenn man dagegen schwache, obgleich widrige Far- 
ben nebeneinander setzt, so ist freilich der Effekt nicht 
auffallend. Man trägt seine Unsicherheit auf den Zuschauer 
hinüber, der denn an seiner Seite weder loben noch tadeln 
kann. 

898. Auch ist es eine wichtige Betrachtung, daß man 
zwar die Farben unter sich in einem Bilde richtig aufstel- 
len könne, daß aber doch ein Bild bunt werden müsse, 
wenn man die Farben in bezug auf Licht und Schatten 
falsch anwendet. 

899. Es kann dieser Fall um so leichter eintreten, als 
Licht und Schatten schon durch die Zeichnung gegeben 
und in derselben gleichsam enthalten ist, dahingegen die 
Farbe der Wahl und Willkür noch unterworfen bleibt. 

Fufcht vor dem llieoretischen 

900. Man fand bisher bei den Malern eine Furcht, ja eine 
entschiedene Abneigung gegen alle theoretische Betrach- 
tungen über die Farbe und was zu ihr gehört, welches 
ihnen jedoch nicht übel zu deuten war. Denn das bisher 
sogenannte Theoretische war grundlos, schwankend und 
auf Empirie hindeutend. Wir wünschen, daß unsre Be- 
mühungen diese Furcht einigermaßen vermindern und den 
Künstler anreizen mögen, die aufgestellten Grundsätze 
praktisch zu prüfen und zu beleben. 

Letzter Zweck 

901. Denn ohne Übersicht des Ganzen wird der letzte 
Zweck nicht erreicht. Von allem dem, was wir bisher vor- 
getragen, durchdringe sich der Künstler. Nur durch die 
Einstimmung des Lichtesund Schattens, der Haltung, der 
wahren und charakteristischen Farbengebung kann das 
Gemälde von der Seite, von der wir es gegenwärtig be- 
trachten, als vollendet erscheinen. 

Grimde 

902. Es war die Art der altern Künstler, auf hellen Grund 
zu malen. Er bestand aus Kreide und wurde auf Lein- 
wand oder Holz stark aufgetragen und poliert. Sodann 

GOETHE XVn 16. 



242 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

wurde der Umriß aufgezeichnet und das Bild mit einer 
schwärzlichen oder bräunlichen Farbe ausgetuscht. Der- 
gleichen auf diese Art zum Kolorieren vorbereitete Bilder 
sind noch übrig von Leonardo da Vinci, Fra Bartolommeo 
und mehrere von Guido. 

903. Wenn man zur Kolorierung schritt und weiße Ge- 
wänder darstellen wollte, so ließ man zuweilen diesen 
Grund stehen. Tizian tat es in seiner spätem Zeit, wo 
er die große Sicherheit hatte und mit wenig Mühe viel zu 
leisten wußte. Der weißliche Grund wurde als Mitteltinte 
behandelt, die Schatten aufgetragen und die hohen Lich- 
ter aufgesetzt. 

904. Beim Kolorieren war das untergelegte, gleichsam 
getuschte Bild immer wirksam. Man malte z. B, ein Ge- 
wand mit einer Lasurfarbe, und das Weiße schien durch 
und gab der Farbe ein Leben, so wie der schon früher 
zum Schatten angelegte Teil die Farbe gedämpft zeigte, 
ohne daß sie gemischt oder beschmutzt gewesen wäre. 

905. Diese Methode hatte viele Vorteile. Denn an den 
lichten Stellen des Bildes hatte man einen hellen, an den 
beschatteten einen dunkeln Grund. Das ganze Bild war 
vorbereitet; man konnte mit leichten Farben malen, und 
man war der Übereinstimmung des Lichtes mit den Far- 
ben gewiß. Zu unsern Zeiten ruht die Aquarellmalerei auf 
diesen Grundsätzen. 

906. Übrigens wird in der Ölmalerei gegenwärtig durch- 
aus ein heller Grund gebraucht, weil Mitteltinten mehr 
oder weniger durchsichtig sind und also durch einen hel- 
len Grund einigermaßen belebt, so wie die Schatten selbst 
nicht so leicht dunkel werden. 

907. Auf dunkle Gründe malte man auch eine Zeitlang. 
Wahrscheinlich hat sie Tintoret eingeführt; ob Giorgione 
sich derselben bedient, ist nicht bekannt. Tizians beste 
Bilder sind nicht auf dunkeln Grund gemalt. 

908. Ein solcher Grund war rotbraun, und wenn auf den- 
selben das Bild aufgezeichnet war, so wurden die stärk- 
sten Schatten aufgetragen, die Lichtfarben impastierte 
man auf den hohen Stellen sehr stark und vertrieb sie 
gegen den Schatten zu; da denn der dunkle Grund durch 



VI. SINNLICH- SITTLICHE WIRKUNG 243 

die verdünnte Farbe als Mitteltinte durchsah. Der Effekt 
wurde beim Ausmalen durch mehrmaliges Übergehen der 
lichten Partien und Aufsetzen der hohen Lichter erreicht. 

909. Wenn diese Art sich besonders wegen der Geschwin- 
digkeit bei der Arbeit empfiehlt, so hat sie doch in der 
Folge viel Schädliches. Der energische Grund wächst und 
wird dunkler; was die hellen Farben nach und nach an 
Klarheit verlieren, gibt der Schattenseite immer mehr und 
mehr Übergewicht. Die Mitteltinten werden immer dunk- 
ler und der Schatten zuletzt ganz finster. Die stark auf- 
getragenen Lichter bleiben allein hell, und man sieht nur 
lichte Flecken auf dem Bilde, wovon uns die Gemälde 
der Bolognesischen Schule und des Caravaggio genüg- 
same Beispiele geben, 

910. Auch ist nicht imschicklich, hier noch zum Schlüsse 
des Lasierens zu erwähnen. Dieses geschieht, wenn man 
eine schon aufgetragene Farbe als hellen Grund betrach- 
tet. Man kann eine Farbe dadurch fürs Auge mischen, sie 
steigern, ihr einen sogenannten Ton geben; man macht 
sie dabei aber immer dunkler. 

Pigmente 

911. Wir empfangen sie aus der Hand des Chemikers 
und Naturforschers. Manches ist darüber aufgezeichnet 
und durch den Druck bekannt geworden, doch verdiente 
dieses Kapitel von Zeit zu Zeit neu bearbeitet zu werden. 
Indessen teilt der Meister seine Kenntnisse hierüber dem 
Schüler mit, der Künstler dem Künstler. 

912. Diejenigen Pigmente, welche ihrer Natur nach die 
dauerhaftesten sind, werden vorzüglich ausgesucht, aber 
auch die Behandlungsart trägt viel zur Dauer des Bildes 
bei. Deswegen sind so wenig Farbenkörper als möglich 
anzuwenden und die simpelste Methode des Auftrags nicht 
genug zu empfehlen. 

913. Denn aus der Menge der Pigmente ist manches Übel 
für das Kolorit entsprungen. Jedes Pigment hat sein eigen- 
tümliches Wesen in Absicht seiner Wirkung aufs Auge, 
ferner etwas Eigentümliches, wie es technisch behandelt 
sein will. Jenes ist Ursache, daß die Harmonie schwerer 



2 44 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 
durch mehrere als durch wenige Pigmente zu erreichen ist; 
dieses, daß chemische Wirkung und Gegenwirkung unter 
den Farbekörpern stattfinden kann. 

914. Ferner gedenken wir noch einiger falschen Rich- 
tungen, von denen sich die Künstler hinreißen lassen. Die 
Maler begehren immer nach neuen Farbekörpern und 
glauben, wenn ein solcher gefunden wird, einen Vorschritt 
in der Kunst getan zu haben. Sie tragen großes Verlan- 
gen, die alten mechanischen Behandlungsarten kennen zu 
lernen, wodurch sie viel Zeit verHeren; wie wir uns denn 
zu Ende des vorigen Jahrhunderts mit der Wachsmalerei 
viel zu lange gequält haben. Andre gehen darauf aus, 
neue Behandlungsarten zu erfinden, wodurch denn auch 
weiter nichts gewonnen wird. Denn es ist zuletzt doch nur 
der Geist, der jede Technik lebendig macht. 

Allegorischer^ symbolischer^ mystischer Gebrauch der Farbe 

915. Es ist oben umständlich nachgewiesen worden, daß 
eine jede Farbe einen besondern Eindruck auf den Men- 
schen mache und dadurch ihr Wesen sowohl dem Auge 
als Gemüt offenbare. Daraus folgt sogleich, daß die Farbe 
sich zu gewissen sinnlichen, sittlichen, ästhetischen Zwek- 
ken anwenden lasse. 

916. Einen solchen Gebrauch also, der mit der Natur 
völlig übereinträfe, könnte man den symbolischen nennen, 
indem die Farbe ihrer Wirkung gemäß angewendet würde 
und das wahre Verhältnis sogleich die Bedeutung aus- 
spräche. Stellt man z. B. den Purpur als die Majestät be- 
zeichnend auf, so wird wohl kein Zweifel sein, daß der 
rechte Ausdruck gefunden worden; wie sich alles dieses 
schon oben hinreichend auseinandergesetzt findet. 

917. Hiermit ist ein anderer Gebrauch nahe verwandt, 
den man den allegorischen nennen könnte. Bei diesem 
ist mehr Zufälliges und Willkürliches, ja man kann sagen, 
etwas Konventionelles, indem uns erst der Sinn des Zei- 
chens überliefert werden muß, ehe wir wissen, was es be- 
deuten soll, wie es sich z. B. mit der grünen Farbe ver- 
hält, die man der Hoffnung zugeteilt hat. 

918. Daß zuletzt auch die Farbe eine mystische Deutung 



VI. SINNLICH -srrrLicHp: Wirkung 245 

erlaube, läßt sich wohl ahnen. Denn da jenes Schema, 
worin sich die Farbenmannigfaltigkeit darstellen läßt, 
solche Urverhältnisse andeutet, die sowohl der mensch- 
lichen Anschauung als der Natur angehören, so ist wohl 
kein Zweifel, daß man sich ihrer Beziige, gleichsam als 
einer Sprache, auch da bedienen könne, wenn man Ur- 
verhältnisse ausdrücken will, die nicht ebenso mächtig 
und mannigfaltig in die Sinne fallen. Der Mathematiker 
schätzt den Wert und Gebrauch des Triangels; der Tri- 
angel steht bei dem Mystiker in großer Verehrung, gar 
manches läßt sich im Triangel schematisieren und die 
Farbenerscheinung gleichfalls, und zwar dergestalt, daß 
man durch Verdopplung und Verschränkung zu dem alten 
geheimnisvollen Sechseck gelangt. 

919. Wenn man erst das Auseinandergehen des Gelben 
und Blauen wird recht gefaßt, besonders aber die Stei- 
gerung ins Rote genugsam betrachtet haben, wodurch das 
Entgegengesetzte sich gegeneinander neigt und sich in 
einem Dritten vereinigt, dann wird gewiß eine besondere 
geheimnisvolle Anschauung eintreten, daß man diesen 
beiden getrennten, einander entgegengesetzten Wesen 
eine geistige Bedeutung unterlegen könne, und man wird 
sich kaum enthalten, wenn man sie imterwärts das Grün 
und oberwärts das Rot hervorbringen sieht, dort an die 
irdischen, hier an die himmlischen Ausgeburten der Elo- 
him zu gedenken. 

920. Doch wir tun besser, uns nicht noch zum Schlüsse 
dem Verdacht der Schwärmerei auszusetzen, um so mehr, 
als es, wenn unsre Farbenlehre Gunst gewinnt, an alle- 
gorischen, symbolischen und mystischen Anwendungen 
und Deutungen dem Geiste der Zeit gemäß gewiß nicht 
fehlen wird. 

Schlußwort 
Indem ich diese Arbeit, welche mich lange genug beschäf- 
tigt, doch zuletzt nur als Entwurf gleichsam aus dem Steg- 
reife herauszugeben im Falle bin und nun die vorstehen- 
den gedruckten Bogen durchblättere, so erinnere ich mich 
des Wunsches, den ein sorgfältiger Schriftsteller vormals 



2 46 DER FARBENLEHRE DIDAKTISCHER TEIL 

geäußert, daß er seine Werke lieber zuerst ins Konzept 
gedruckt sähe, um alsdann aufs neue mit frischem Blick 
an das Geschäft zu gehen, weil alles Mangelhafte uns im 
Drucke deutlicher entgegenkomme als selbst in der sau- 
bersten Handschrift. 

Um wie lebhafter mußte bei mir dieser Wunsch entstehen, 
da ich nicht einmal eine völlig reinliche Abschrift vor 
dem Druck durchgehen konnte, da die sukzessive Redak- 
tion dieser Blätter in eine Zeit fiel, welche eine ruhige 
Sammlung des Gemüts unmöglich machte. 
Wie vieles hätte ich daher meinen Lesern zu sagen, wo- 
von sich doch manches schon in der Einleitung findet. 
Femer wird man mir vergönnen, in der Geschichte der 
Farbenlehre auch meiner Bemühungen und der Schick- 
sale zu gedenken, welche sie erduldeten. 
Hier aber stehe wenigstens eine Betrachtung vielleicht 
nicht am unrechten Orte, die Beantwortung der Frage: 
was kann derjenige, der nicht im Fall ist, sein ganzes 
Leben den Wissenschaften zu widmen , doch für die Wissen- 
schaften leisten und wirken? was kann er als Gast in einer 
fremden Wohnung zum Vorteile der Besitzer ausrichten? 
Wenn man die Kunst in einem höhern Sinne betrachtet, 
so möchte man wünschen, daß nur Meister sich damit ab- 
gäben, daß die Schüler auf das strengste geprüft würden, 
daß Liebhaber sich in einer ehrfurchtsvollen Annäherung 
glücklich fühlten. Denn das Kunstwerk soll aus dem 
Genie entspringen, der Künstler soll Gehalt und Form aus 
der Tiefe seines eigenen Wesens hervorrufen, sich gegen 
den Stoff beherrschend verhalten und sich der äußern 
Einflüsse nur zu seiner Ausbildtmg bedienen. 
Wie aber dennoch aus mancherlei Ursachen schon der 
Künstler den Dilettanten zu ehren hat, so ist es bei wissen- 
schaftlichen Gegenständen noch weit mehr der Fall, daß 
der Liebhaber etwas Erfreuliches und Nützliches zu lei- 
sten imstande ist. Die Wissenschaften ruhen weit mehr 
auf der Erfahrung als die Kunst, und zum Erfahren ist 
gar mancher geschickt. Das Wissenschaftliche wird von 
vielen Seiten zusammengetragen und kann vieler Hände, 
vieler Köpfe nicht entbehren. Das Wissen läßt sich über- 



VI. SINNLICH- SrnXICHE WIRKUNG 247 

liefern, diese Schätze können vererbt werden, und das 
von eineyn Erworbene werden manche sich zueignen. Es 
ist daher niemand, der nichtseinen Beitrag den Wissen- 
schaften anbieten dürfte. Wie vieles sind wir nicht dem 
Zufall, dem Handwerk, einer augenblicklichen Aufmerk- 
samkeit schuldig! Alle Naturen, die mit einer glücklichen 
Sinnlichkeit begabt sind, Frauen, Kinder, sind fähig, uns 
lebhafte und wohlgefaßte Bemerkungen mitzuteilen. 
In der Wissenschaft kann also nicht verlangt werden, daß 
derjenige, der etwas für sie zu leisten gedenkt, ihr das 
ganze Leben widme, sie ganz überschaue und umgehe, 
welches überhaupt auch für den Eingeweihten eine hohe 
Forderung ist. Durchsucht man jedoch die Geschichte der 
Wissenschaften überhaupt, besonders aber die Geschichte 
der Naturwissenschaft, so findet man, daß manches Vor- 
züglichere von einzelnen in einzelnen Fächern, sehr oft von 
Laien geleistet worden. 

Wohin irgend die Neigung, Zufall oder Gelegenheit den 
Menschen führt, welche Phänomene besonders ihm auf- 
fallen, ihm einen Anteil abgewinnen, ihn festhalten, ihn 
beschäftigen, immer wird es zum Vorteil der Wissenschaft 
sein. Denn jedes neue Verhältnis, das an den Tag kommt, 
jede neue Behandlungsart, selbst das Unzulängliche, selbst 
der Irrtum ist brauchbar oder aufregend und für die Folge 
nicht verloren. 

In diesem Sinne mag der Verfasser denn auch mit einiger 
Beruhigung auf seine Arbeit zurücksehen; in dieser Betrach- 
tung kann er wohl einigen Mut schöpfen zu dem, was zu 
tun noch übrig bleibt und, zwar nicht mit sich selbst zu- 
frieden, doch in sich selbst getrost, das Geleistete und zu 
Leistende einer teilnehmenden Welt und Nachwelt emp- 
fehlen. 

Multi pertransibunt tt augebitur scientia. 



STATT DES VERSPROCHENEN 
SUPPLEMENTAREN TEILS 

[Zur Farbenlehre. Zweiter Band. 1810] 

IVtr stammen unser sechs Geschwister 

Von einem wunder sa?iien Paar, 
Die Mutter ewig ernst und düster, 

Der Vater fröhlich immerdar; 
Von beideti erbten wir die Tugend, 

Von ihr die Milde, voti ihm den Glanz: 
So drehn wir uns in ewiger Jugend 

Um dich herum im Zirkeltanz. 
Gern meiden wir die schwarzen Höhlen 

Und lieben uns dm heitern Tag, 
V/ir sind es, die die Welt beseelen 

Mit unsers Lebens Zauberschlag. 
Wir sind des Frühlings lustge Boten 

Und führen seinen munterji Reihn; 
Drum fliehen wir das Haus der Toten, 

Denn um uns her muß Leben sein. 
Uns mag kein Glücklicher entbehren, 

Wir sind dabei, wo fnan sich freut. 
Und läßt der Kaiser sich verehren, 

Wir leihen ihm die Herrlichkeit. 

Schiller 

IN der Vorrede des ersten Bandes haben wir zu den drei 
nunmehr beendigten Teilen unsres Werkes, dem didak- 
tischen, polemischen, historischen, noch einen vierten, 
supplementären versprochen, welcher sich bei einer sol- 
chen Unternehmung allerdings nötig macht; und es wird 
daher, in doppeltem Sinne, einer Entschuldigung bedür- 
fen, daß derselbe nicht gegenwärtig mit den übrigen zu- 
gleich erscheint. 

Ohne zu gedenken, wie lange diese Bände, die man hier 
dem Publikum übergibt, vorbereitet waren, dürfen wir 
wohl bemerken, daß schon vor vier Jahren der Druck der- 
selben angefangen und durch so manche öfifentliche und 
häusliche, durch geistige und körperliche, wissenschaft- 
hche und technische Hindernisse verspätet worden. 
Abermals nähert sich mit dem Frühjahr derjenige Termin, 
an welchem die stillen Früchte gelehrten Fleißes durch den 
Buchhandel verbreitet werden, eben zu der Zeit, als die 
drei ersten Teile unserer chromatischen Arbeit die Presse 
verlassen und mit den dazu gehörigen Tafeln ausgestattet 



STATT DES VERSPROCH. SUPPLEM. TEILS 249 

worden. Der dritte Teil ist zur Stärke eines ganzen Ban- 
des herangewachsen, dessen größere Hälfte er eigentlich 
nur ausmachen sollte, und es scheint daher wohl rätlich, 
die Herausgabe des so weit Gediehenen nicht aufzuschie- 
ben, indem die vorliegende Masse groß genug ist, um als 
eine nicht ganz unwerte Gabe der teilnehmenden Welt an- 
geboten zu werden. 

Was jedoch von einem supplementären Teile zu erwarten 
stehe, wollen wir hier mit wenigem bemerken. Eine Re- 
vision des Didaktischen kann auf mancherlei Weise statt- 
finden. Denn wir werden im Laufe einer solchen Arbeit 
mit Phänomenen bekannt, die, wenn auch nicht neu oder 
von solcher Bedeutung, daß sie unerwartete Aufschlüsse 
geben, doch mehr als andere sich zu Repräsentanten von 
vielen Fällen qualifizieren und sich daher gerade in ein 
Lehrbuch aufgenommen zu werden vorzüglich eignen, weil 
man das Didaktische von allen Einzelnheiten, allem Zwei- 
deutigen und Schwankenden so viel als möglich zu reinigen 
hat, um dasselbe immer sicherer und bedeutender zu 
machen. 

Hierdurch wird auch dasjenige, was allein Methode zu 
nennen ist, immer vollkommener. Denn je mehr die ein- 
zelnen Teile an innerem Werte wachsen, desto reiner und 
sicherer schließen sie aneinander, und das Ganze ist leichter 
zu übersehen, dergestalt daß zuletzt die höhern theoreti- 
schen Einsichten von selbst und unerwartet hervor- und 
dem Betrachter entgegentreten. 

Die Beschreibung des Apparats wäre sodann das Not- 
wendigste. Denn obgleich die Haupterfordernisse bei den 
Versuchen selbst angegeben sind und eigentlich nichts 
vorkommt, was außerhalb der Einsicht eines geschickten 
Mechanikers und Experimentators läge, so würde es doch 
gut sein, auf wenigen Blättern zu übersehen, was man denn 
eigentlich bedürfe, um die sämthchen Phänomene, auf 
welche es ankommt, bequem hervorzubringen. Und frei- 
lich sind hiezu Hülfsmittel der verschiedensten Art nötig. 
Auch hat man diesen Apparat, wenn er sich einmal bei- 
sammen befindet, so gut als jeden andern, ja vielleicht 
noch mehr, in Ordnung zu halten, damit man zu jeder 



2 5 o ZUR FARBENLEHRE 

Zeit die verlangten Versuche anstellen und vorlegen könne. 
Denn es wird künftig nicht wie bisher die Ausrede gelten, 
daß durch gewisse Versuche, vor hundert Jahren in Eng- 
land angestellt, alles hinlänghch auch für uns bewiesen 
und abgetan sei. Nicht weniger ist zu bedenken, daß, ob 
wir gleich die Farbenlehre der freien Natur wiederzugeben I 
so viel als möglich bemüht gewesen, doch ein geräumiges 
Zimmer, welches man nach Belieben erhellen und ver- 
finstern kann, nötig bleibt, damit man für sich und andere, 
sowohl die Lehre als die Kontrovers, befriedigend durch 
Versuche und Beispiele belegen könne. Diese ganz un- 
erläßliche Einrichtung ist von der Art, daß sie einem Privat- 
manne beschwerlich werden müßte; deswegen darf man sie 
wohl Universitäten und Akademien der Wissenschaften zur 
Pflicht machen, damit statt des alten Wortkrams die Er- 
scheinungen selbst und ihre wahren Verhältnisse dem Wiß- 
begierigen anschaulich werden. 

Was den polemischen Teil betrifft, so ist demselben noch 
eine Abhandlung hinzuzufügen über dasjenige, was vor- 
geht, wenn die so nahe verwandten Werkzeuge, Prismen 
und Linsen, vereinigt gebraucht werden. Es ist zwar höchst 
einfach und wäre von einem jeden leicht einzusehen, wenn 
nicht Newton und seine Schüler auch hier einen völlig 
willkürlichen Gebrauch der Werkzeuge zu ganz entgegen- 
gesetzten Zwecken eingeführt hätten. Denn einmal sollen 
auf diesem Wege die farbigen Lichter völlig separiert, ein 
andermal wieder völlig vereinigt werden: welches denn 
beides nicht geleistet wird noch werden kann. 
An diese Betrachtungen schließt sich unmittelbar eine 
andere. Es ist nämlich die Frage, was in einer Glas- oder 
Wasserkugel durch Refraktion oder Reflexion gewirkt wer- 
de, damit wir das so merkwürdige als schöne Phänomen 
des Regenbogens erblicken. Auch mit diesem hat man, 
wie mit so vielem andern, fertig und ins reine zu sein 
geglaubt. Wir hingegen sind überzeugt, daß man den 
Hauptpunkt vernachlässigt, welchen Antonius de Do- 
minis bei seiner Behandlung dieses Gegenstandes schon 
sicher und entschieden ausgesprochen. 
Zu dem historischen Teile Ueßen sich auch mancherlei 



STATT DES VERSPROCH. SUPPLEM. TEILS 251 

Supplemente geben. Zuerst wären Zitate nachzubringen, 
gar mancherlei Verbesserungen in Namen, Jahrzahlen und 
andern kleinen Angaben. Bei manchem Artikel könnte 
sogar eine neue Bearbeitung stattfinden, wie wir z. B. das 
über Keplern Gesagte gegenwärtig bedeutender und 
zweckgemäßer auszuführen uns getrauten. 
Auch mit Rubriken und kurzen Inhaltsanzeigen kleinerer 
Schriften ließen sich diese historisch-literarischen Mate- 
rialien um vieles vermehren, von denen hier manches weg- 
geblieben, was uns einen gewissen Bezug versteckt hätte, 
der aus einer Hintereinanderstellung bedeutender Schrif- 
ten eines Zeitraums von sich selbst, ohne weiteres Räso- 
nieren und Pragmatisieren, hervorzugehen schien. 
Soll jedoch dereinst das Geschichtliche einen unmittel- 
baren Einfluß auf das Didaktische erlangen, so wäre jenes 
einmal nach den Abteilungen, Rubriken, Kapiteln des 
Entwurfs gedrängt aufzuführen, wodurch die Zeitenfolge 
zwar aufgehoben, die Folge und Übereinstimmung des 
Sinnes hingegen sich desto deutlicher zeigen würde. Der 
liberal Gesinnte, nicht auf seiner Persönlichkeit undEigen- 
heit Verharrende würde mit Vergnügen auch hier bemer- 
ken, daß nichts Neues unter der Sonne, daß das Wissen 
und die Wissenschaft ewig sei, daß das wahrhaft Bedeu- 
tende darin von unsern Vorfahren, wo nicht immer er- 
kannt und ergriffen, doch wenigstens geahndet und das 
Ganze der Wissenschaft, so wie jeder Tüchtigkeit und 
Kunst, von ihnen empfunden, geschätzt und nach ihrer 
Weise geübt worden. 

Doch wäre vielleicht vor allem andern noch das Geschicht- 
liche der letzten zwanzig Jahre nachzubringen, obgleich 
keine sonderliche Ausbeute davon zu hoffen steht. Das 
Bedeutende darunter, die Wirkung farbiger Beleuchtung 
betreffend, welche Herschel wieder zur Sprache gebracht, 
wird in einem Aufsatze, den wir Herrn Dr. Seebeck in 
Jena verdanken, hier zum Schlüsse mitgeteilt. Das selt- 
sam Unerfreuhche, durch welches Wünsch neue Verwirrung 
in der Farbenlehre angerichtet, ist bei Erklärung der Ta- 
feln in seine ersten Elemente aufgelöst und dabei das Nö- 
tige erinnert worden. 



2 52 ZUR FARBENLEHRE 

Der andern, minder wirksamen Äußerungen möchte ich 
überhaupt gegenwärtig nicht gerne, so wenig als dessen, 
was sich auf mich bezieht, gedenken. Teils hat man ge- 
sucht, durch ein mißwoUendesVerschweigen, meine frühem 
Bemühungen gänzlich auszulöschen, welches um so mehr 
tunlich schien, als ich selbst seit vielen Jahren nichts direkt 
deshalb zur Sprache brachte. Teils hat man von meinen 
Ansichten, die ich seit ebenso langer Zeit im Leben und 
Gespräch gern mitteilte, in größern und kleineren Schriften 
eine Art von Halbgebrauch gemacht, ohne mir die Ehre 
zu erzeigen, meiner dabei zu gedenken. Dieses alles zu 
rügen, deutlich zu machen, wie auf diese Weise die gute 
Sache retardiert und diskreditiert worden, würde zu un- 
freundlichen Erklärungen Anlaß geben, und ich könnte 
denn doch, da ich mit meinen Vorfahren und mit mir selbst 
streng genug umgegangen, die Mitlebenden nicht wohl 
schonender behandeln. 

Viel besser und auch wohl gelinder macht sich dies in der 
folgenden Zeit, wenn sich erst ergeben wird, ob dieses 
Werk sich Eingang verschafft und was für Wirkungen es 
hervorbringt. Die Farbenlehre scheint überhaupt jetzt an 
die Tagesordnung zu kommen. Außer dem, was Runge in 
Hamburg als Maler bereits gegeben, verspricht Klotz in 
München gleichfalls von der Kunstseite her einen ansehn- 
lichen Beitrag. Placidus Heinrich zu Regensburg läßt ein 
ausführhches Werk erwarten, und mit einem schönen Auf- 
satz über die Bedeutung der Farben in der Natur hat uns 
Steffens beschenkt. Diesem möchten wir vorzüglich die 
gute Sache empfehlen, da er in die Farbenwelt von der 
chemischen Seite hereintritt und also mit freiem, unbe- 
fangenem Mut sein Verdienst hier betätigen kann. Nichts 
von allem soll uns unbeachtet bleiben: wir bemerken, was 
für und gegen uns, was mit und wider uns erscheint, wer 
den antiquierten Irrtum zu wiederholen trachtet, oder wer 
das alte und vorhandene Wahre erneut und belebt, und 
wohl gar unerwartete Ansichten durch Genie oder Zufall 
eröffnet, um eine Lehre zu fördern, deren abgeschlossener 
Kreis sich vielleicht vor vielen andern ausfüllen und voll- 
enden läßt. 



STAIT DES VERSPROCH. SUPPLEM. TEILS 253 

Was diesen frommen Wünschen und Hoffnungen entgegen- 
steht, ist mir nicht unbekannt. Der Sache würde nicht 
dienlich sein, es hier ausdrückhch auszusprechen. Einige 
Jahre belehren uns hierüber am besten, und man vergönne 
mir nur Zeit, zu überlegen, ob es vorteilhafter sei, die 
teils notwendigen, teils nutzbaren Supplemente zusammen 
in einem Bande oder heftweise nach Gelegenheit heraus- 
zugeben. 

Wirkung farbiger Beleuchtung 

Ob wir uns schon aus oben erwähnten Ursachen enthal- 
ten, desjenigen umständlich zu gedenken, was seit den 
letzten zwanzig Jahren in unserm Fache vorgekommen, 
so dürfen wir doch den bedeutendsten Punkt nicht über- 
gehen, welchen Herschel besonders wieder in Anregung 
gebracht, wir meinen die Wirkung farbiger Beleuchtung 
auf Leuchtsteine, Metalloxyde und Pflanzen: ein Kapitel, 
das, in unserm Entwürfe nur skizziert, in der Chemie immer 
von größerer Bedeutung werden muß. Wir können unsre 
Pflicht hierin nicht besser erfüllen, als wenn wir einen 
ausführlichen Aufsatz von Herrn Dr. Seebeck zu Jena ein- 
rücken, der von dem scharfen und treuen Beobachtungs- 
geiste des Verfassers sowie von dessen unvergleichlicher 
Gabe zu experimentieren ein schönes Zeugnis ablegt, und 
bei Freunden der Wissenschaft den Wunsch erregen wird, 
der Verfasser möge sich immer in dem Falle befinden, 
seinem natürlichen und beurkundeten Forscherberufe zu 
folgen. 

Wirkung farbiger Beleuchtung auf verschiedene Arten von 

Leuchtsteinen 
Zu diesen Versuchen bediente ich mich folgender künst- 
licher Leuchtsteine oder Phosphoren. 

1 . Barytphosphoren, nach Marggrafs bekannter Angabe be- 
reitet. Die vollkommensten von diesen leuchteten, nach- 
dem sie dem Sonnen- oder auch bloß dem Tageshchte aus- 
gesetzt worden, geibrot, wie schwach glühende Kohlen. 

2. Phosphoren aus künstlichem schwefelsaurem Strontian, 



2 54 ZUR FARBENLEHRE 

ganz auf dieselbe Weise wie die vorigen, mit Gummi 
Traganth im freien Feuer des Windofens präpariert. 
Diese leuchteten meergrün, einige Stücke schwach bläu- 
lich. 

3, Nach Cantons Vorschrift aus gebrannten Austerschalen 
zubereitete Kalkphosphoren, welche größtenteils hellgelb 
leuchteten. Einige von diesen gaben reines Rosenrot, an- 
dere ein blasses Violett. 

Der Glanz und die Lebhaftigkeit der Farbe der Phosphoren 
steht mit der Intensität des exzitierenden Lichtes in direk- 
tem Verhältnis; je schwächer dieses ist, desto schwächer 
und blässer phosphoreszieren jene im Dunkeln; ja in sehr 
schwachem Lichte, z. B. im Mondlichte, werden sie fast 
ganz farblos, weißlich leuchtend. 

Diese Phosphoren wurden nach der Reihe den verschie- 
denen prismatischen Farben ausgesetzt. Im Blau und Violett 
wurden alle sogleich leuchtend, doch war ihr Licht auf 
keine Weise verändert: die Barytphosphoren erschienen 
im Dunkeln gelbrot, die neuen Strontianphosphoren meer- 
grün, usw. vollkommen so, wie sie dem reinen Sonnen- 
lichte ausgesetzt leuchteten. Im Blauen wurden sie nur 
wenig schwächer leuchtend als im Violett. Hart über dem 
Violett, wo kaum eine Farbe zu erkennen ist, nahmen sie 
einen ebenso lebhaften Glanz an als im Violett. Im Grün 
wurden sie beträchtlich schwächer leuchtend als im Blau, 
im Gelben noch viel schwächer und im Rot am schwäch- 
sten, und zwar wurden sie hier mehrenteils nur weißlich 
leuchtend. Auch unter dem Rot nahmen die Phosphoren 
häufig einen Glanz an. 

So verhielten sich die Leuchtsteine und auch noch an- 
dere leuchtende Körper in den Farbengespenstern einer 
beträchtlichen Anzahl Glasprismen, unter denen einige 
höchst vollkommen waren. Im Gelb und Rot derselben 
wurden gute Leuchtsteine zwar leuchtend (noch bei einer 
fünf bis sechs Linien breiten Öffnung im Laden und in ei- 
nem Abstände von neun bis zwölf Fuß vom Prisma); doch 
immer sehr viel schwächer als im Blau und Violett. Wenn 
die Öffnung im Laden noch kleiner war, etwa zwei Linien 
im Durchmesser betrug, so wurden mehrere Leuchtsteine 



STATT DES VERSPROCH. SUPPLEiM. TEILS 255 

in dem eben erwähnten Abstände im Rot nicht mehr leuch- 
tend, im Blau und Violett aber wurden sie es. 

Versuche mit farbigen Gläsern 
Ein dickes dunkelblaues Glas, durch welches nur hell er- 
leuchtete Gegenstände eben zu erkennen waren, wurde 
vor den von der Sonne beschienenen Laden der dunkeln 
Kammer befestigt und ein Bononischer Leuchtstein in 
das einfallende Licht gehalten; er wurde im Augenblick 
leuchtend, und zwar wie gewöhnlich gelbrot. Die übrigen 
Leuchtsteine verhielten sich ebenso. 
Nun wurde ein gelbrotes Glas, wodurch man vollkommen 
alle Gegenstände erkennen konnte, in den Laden gesetzt 
und die Leuchtseine in dies helle gelbrote Licht gelegt; 
aber keiner von allen wurde leuchtend, wie lange sie auch 
in diesem Lichte bheben. 

EinLeuchtstein wurde durch reines Sonnenlicht zumPhos- 
phoreszieren gebracht und die Zeit bemerkt, welche bis 
zu seinem völligen Erlöschen verfloß. Dies währte etwa 
zehn Minuten. Er wurde hierauf nochmals in der Sonne 
leuchtend gemacht und dann sogleich in das durch das 
gelbrote Glas einfallende Licht gehalten. Er verlosch hier 
nicht nur völlig, sondern auch in beträchtlich kürzerer 
Zeit als für sich im Dunkeln; schon nach ein bis zwei 
Minuten konnte man keinen Schein mehr an diesem Phos- 
phor erkennen. Je lebhafter die Sonne schien, desto schnel- 
ler erfolgte das Erlöschen unter dem gelbroten Glase. 
Wenn schon aus diesen Versuchen die entgegengesetzte 
Wirkung der gelbroten und blauen Beleuchtung unwider- 
sprechlich hervorging, so wurde sie noch glänzender durch 
folgende Vorrichtung bestätigt. 

Ich stellte in das durch das gelbrote Glas einfallende 
Sonnenlicht eine Linse von vier Zoll und brachte in den 
Fokus derselben einen auf das lebhafteste glänzenden 
Barytphosphor; er erlosch hier sogleich, wie eine in Wasser 
getauchte Kohle. Selbst die empfindlichsten und dauernd- 
sten Leuchtsteine, z. B. die grünlichen Strontianphos- 
phoren, wurden hier in wenigen Sekunden lichtlos. Man 
braucht die Leuchtsteine nicht einmal völlig in den Fo- 



256 ZUR FARBENLEHRE 

kus zu bringen, auch außer demselben erlöschen sie schon 
nach einigen Sekunden. 

Statt des gelbroten Glases wurde hierauf eine stärkere 
blaue Scheibe, durch welche man noch alle Gegenstände 
erkennen konnte, in den Laden befestigt, die nämliche 
Linse davor gestellt und in den Fokus derselben ein 
dunkler, nicht leuchtender Erdphosphor gehalten; er wurde ! 
hier sogleich glühend, und wohl so stark als im hellesten 
Sonnenschein. 

Auch das prismatische Rot wirkt, wie schon Wilson und 
später Davy und Ritter bemerkt hatten, lichtschwächend 
auf die Phosphoren. Nach meinen Erfahrungen erlöschen 
sie hier gemeinhin nicht völlig, sondern kommen nur in 
etwas kürzerer Zeit auf den schwachen Lichtzustand zu- 
rück, den sie an dieser Stelle annehmen. Ist die Öffnung 
im Laden sehr klein, so werden, wie schon oben ange- 
führt, die Phosphoren, bei einer gewissen Entfernung vom 
Prisma, in dem Rot desselben nicht mehr leuchtend, aber 
dann wirkt auch diese Beleuchtung überhaupt nicht; die 
Phosphoren erlöschen hier nicht schneller als für sich im 
Dunkeln. Im Blau und Violett dagegen werden die Leucht- 
steine in dem angegebenen Abstände noch leuchtend; 
hieraus folgt also, daß die deprimierende Kraft des Roten 
und Gelben früher abnimmt als die exzitierende des Blauen 
und Violetten. Doch auch diese hört in einer größern Ent- 
fernung vom Prisma auf, und dort existiert nur für das 
Auge noch ein wirksames Farbenbild. 
Wie das Licht der Sonne, so wirkt auch jedes andere 
Licht durch die genannten farbigen Gläser auf die Leucht- 
steine, wenn es nur überhaupt Intensität genug hat, ein 
Leuchten in den Steinen zu erregen. Es ist bekannt, daß 
die Bononischen und Cantonschen Phosphoren durch den 
Funken der Leydener Flasche leuchtend werden. Man 
läßt, um dies zu bewirken, gemeiniglich den Schlag 
durch den Phosphor gehen. Dies ist jedoch nicht nötig; 
auch wenn er sich in hermetisch verschlossenen Glas- 
röhren befindet und einen Zoll, ja noch tiefer unter den 
Kugeln des allgemeinen Ausladers liegt, so wird er wäh- 
rend der Explosion der Flasche leuchtend. 



STA'l"r DES VERSPROCH. SUPPLEM. TEILS 257 

Zwei Leuchtsteine von gleicher Güte wurden, einer in 
gelbroter, der andere in dunkelblauer Glasröhre einen Zoll 
unter die Kugeln des allgemeinen Ausladers gelegt und 
eine Flasche mittelst desselben entladen. Als der Funke 
überschlug, wurde der Leuchtstein in der dunkelblauen 
Röhre sogleich leuchtend, der in der gelbroten Glasröhre 
dagegen blieb dunkel. 

Diese Versuche, welche ich öfters wiederholt habe, be- 
weisen zugleich, daß die Elektrizität, indem sie die Phos- 
phoren leuchtend macht, nur als Licht wirkt, daher denn 
auch lichtlose Elektrizität keinen Erdphosphor oder ähn- 
lichen leuchtenden Körper zum Phosphoreszieren bringt. 
Hierüber und über das Leuchten als chemischen Prozeß 
an einem andern Orte mehr. 

Die genannten Phosphoren und überhaupt alle Substanzen , 
welche im Dunkeln glühend erscheinen, nachdem sie dem 
Licht der Sonne oder einer andern starken Beleuchtung 
ausgesetzt werden, leuchten schon in diesem Lichte selbst. 
Hiervon kann man sich am besten überzeugen, wenn man 
Erdphosphoren, welche einzelne nichtleuchtende Stellen 
haben, dem durch ein recht dunkelblaues oder violettes 
Glas einfallenden Sonnenlichte entgegenhält; die leuch- 
tenden Stellen, besonders die gelbrot leuchtenden der 
Bononischen Phosphoren, sieht man nun deutlich glühen, 
in dem Augenblicke wie sie ins Licht kommen (ja die 
empfindlichem schon in einiger Entfernung von dem vollen 
Lichte), die nichtleuchtenden Stellen dagegen haben die 
Farbe des Glases, sehen blau oder violett aus. Vor dem 
gelbroten Glase, wo sie bekanntlich nicht leuchtend wer- 
den, erscheinen sie ganz einfarbig. Das Leuchten im Dun- 
keln ist also nur ein Beharren in dem Zustande, den der 
fremde leuchtende Körper hervorrief, ein Nachklingen, 
Verklingen. 

Vorstehendes will Beccaria anders gefunden haben; nach 
ihm wurde der Bologneser Phosphor unter allen farbigen 
Gläsern leuchtend, und zwar glänzte er im Dunkeln mit 
rotem Lichte, wenn er unter roten Gläsern, und mit blauem 
Lichte, wenn er unter blauen Gläsern dem Sonnenlicht 

GOETHE XVII 17. 



2 5 8 ZUR FARBENLEHRE 

war ausgesetzt worden. — Woher nun diese abweichenden, 
ja ganz entgegengesetzten Resultate? — Die beste Auf- 
klärung hierüber gibt die Geschichte dieser Entdeckung, 
welche auch durch ihren Zusammenhang mit dem Streit 
über die Newtonische Lehre interessant ist. 
Zanotti stellte die ersten Versuche über die Wirkung des 
farbigen Lichtes auf den Bononischen Phosphor an ( 1 7 2 8). 
Erwartend, daß er mit der Farbe des ihn trefifenden Lichtes 
leuchten werde, hielt er ihn für vorzüglich geschickt, den 
Streit der Cartesianer und Newtonianer über die Natur 
des Lichts zur Entscheidung zu bringen. Algarotti, ein 
eifriger Anhänger Newtons, wohnte diesen Versuchen bei. 
Sie ließen die prismatischen Farben auf ihrebestenLeucht- 
steine fallen, allein sie konnten, "wie auch der Strahl ge- 
färbt war", keinen Unterschied wahrnehmen, der Stein 
leuchtete schwach und '■'■nahm keinesweges die Farbe des 
Lichtes an, in welches er gehaltefi worden''\ woraus Zanotti 
den Schluß zog, "daß der Phosphor durch sein eigentüm- 
liches Licht glänze, und daß dieses durch das von außen 
auffallende Licht nur belebt werde". Er fügte hinzu, "daß 
aus diesen Versuchen sich nichts beweisen lasse, und daß 
sich beide Hypothesen damit vertrügen". (Zanottis Ab- 
handlung steht in denComment.Bonon.Vol.VL p. 205.) 
Hiermit hatte man sich beruhigt, bis 1 7 7 o Joh. Bapt. Becca- 
ria in Turin mit neuen Versuchen auftrat. Er verfertigte, 
wie erzählt wird, künstliche Leuchtsteine, welche den Stein 
von Bologna weit übertrafen, setzte diese unter farbigen 
Gläsern dem Sonnenlichte aus und versicherte, daß seine 
Phosphoren unter blauem Glase blau, unter rotem Glase 
rot geleuchtet hätten. (Philos. Transact. LXL p. 112.) 
Diese Entdeckung machte großes Aufsehen und wurde von 
den Newtonianern gut aufgenommen. Priestley (in seiner 
Geschichte der Optik p. 267) erklärte: "durch diese Ver- 
suche sei nun außer Streit gesetzt, daß der Phosphor eben 
dasselbe Licht, welches er empfängt, und kein anderes 
von sich gebe, und hierdurch sei auch bewiesen, daß das 
Licht aus körperlichen Teilen bestehe, weil es eingesogen, 
angehalten und wieder zurückgegeben werden könne". 
Mehrere Physiker wiederholten Beccarias Versuche, doch 



STATT DES VERSPROCH. SUPPLEM. TEILS 259 

keinem gelangen sie. Wilson vor allen gab sich viele 
Mühe. Magellan verschaffte ihm von Beccaria eine sehr 
genaue Beschreibung der Versuche mit allen Umständen, 
beide wiederholten die Versuche nochmals, "aber alle 
ihre Unternehmungen waren umsonst", nie sahen sie die 
Phosphoren mit der Farbe des Glases leuchten. (Von Wilsons 
interessanten Versuchen findet man einen Auszug in Geh- 
lers Sammlung zur Physik und Naturgeschichte, i. Band.) 
Euler mischte sich auch in den Streit; er fand Wilsons 
Versuche seiner Lehre vom Licht günstig und behauptete, 
die Newtonische Theorie der Farben werde hierdurch 
gänzlich über den Haufen geworfen. Die Newtonianer 
erwiderten: Euler habe keine Ursache zu triumphieren, 
Beccaria verdiene ebensoviel Glauben als Wilson, und 
dann wären ja auch unter Wilsons Versuchen mehrere, 
die nach der Eulerschen Theorie ebensowenig erklärt wer- 
den könnten. Es wurden indessen mehrere mißlungene 
Versuche bekannt, und es blieb nun denen, die sich mit 
Beccaria retten wollten, nichts übrig als zu behaupten, 
die Gegner hätten keine so guten Leuchtsteine oder Gläser 
gehabt als jener, und dies ist bis auf den heutigen Tag 
auch oft genug geschehen. Späterhin trat Beccaria selbst 
gegen sich auf und erklärte, daß er sich geirrt habe; doch 
hierauf wurde wenig Rücksicht genommen. Man hatte be- 
reits neue Zeugen für seine früheren Entdeckungen, und 
diese sagten den mehrstenNewtonianern besser zu. Allent- 
halben findet man von nun an einen Brief Magellans an 
Priestley zitiert, der jene neue Bestätigung enthält; mit 
Stillschweigen wird aber gemeiniglich der Widerruf Bec- 
carias übergangen, obwohl er in demselben Briefe aus- 
führhch zu lesen ist. Magellan erzählt in diesem Briefe 
(s. Priestleys Versuche und Beobachtungen über verschie- 
dene Gattungen der Luft, UJ. Teil, Anhang p. 16): "er 
habe (1776) bei dem Prof. Allamand in Leyden sehr 
schöne farbige Gläser gefunden und habe gegen diesen 
geäußert: wie sehr es ihm aufgefallen sei, daß er nie im- 
stande gewesen, Beccarias Versuche mit Erfolg zu wieder- 
holen, welches er dem Umstand zuschreibe, daß er nicht 
so gute Gläser gehabt habe als Beccaria, und als er jetzt 



2 6 o ZUR FARBENLEHRE 

vor sich sehe." Allamand antwortete hierauf: "es sei einer 
von seinen Versuchen beinahe einerlei mit den Versuchen 
Beccarias gewesen; denn ein Stück des Bononischen Phos- 
phors habe die Farbe des durch ein Prisma geteilten Son- 
nenstrahls gezeigt, dem er ihn ausgesetzt hatte." Hemster- 
huis, der bei den Versuchen Allamands zugegen gewesen, 
soll noch hinzugefügt haben, "daß nach einiger Zeit, wenn 
die deuthch an dem Phosphorus gesehene Farbe zu ver- 
gehen anfing, derselbe gelblich geworden sei, als wenn 
der Phosphorus bloß dem Sonnenlichte, ohne Teilung der 
farbigen Strahlen desselben, wäre ausgesetzt worden." 
"Überdies", sagt Magellan, "besitze ich das Original eines 
in Italien geschriebenen Briefes, aus dem sich ergibt, daß 
ein junger Herr vom ersten Range, mit zween Cavaliers, 
seinen Führern, vor deren Augen dieser Versuch von dem 
P. Beccaria wiederholt worden, eben dieses Phänomen ge- 
sehen habe, und daß die Farben des Phosphorus im dun- 
keln Zimmer deutlich genug gewesen sind, um daraus, 
ohne vorhergegangene Nachricht, die richtige Farbe des 
Glases erraten zu können, durch welches die Sonne den- 
selben beschienen hatte." — "Es ist mir unangenehm," 
fährt hierauf Magellan fort, "aus einem gedruckten Briefe 
des gedachten Prof. Beccaria gesehen zu haben, daß er 
fast die ganze Sache wieder aufgibt, indem er sich bei 
seinen Versuchen geirrt und den Schatten oder die blasse 
Dunkelheit des Phosphorus für eine bestimmte Farbe ge- 
nommen habe. Er habe sich dabei, sagt er, nach dem Herrn 
Zanotti, Präsidenten der Akademie zu Bologna, gerichtet; 
denn er selbst und andere wären nie imstande gewesen, das- 
selbe Phänomen zti. sehend 

Und gegen dies ofiene und entscheidende Geständnis Bec- 
carias, gegen so viele und sorgfältig angestellte Versuche 
erfahrner Physiker mochte man noch ein Zeugnis, wie das 
jener vornehmen Beobachter, und ein halbes, wie das von 
Allamand, aufführen und geltend zu machen suchen! Wäre 
dies wohl geschehen, wenn nicht vorgefaßte Meinung und 
der Wunsch, einer beliebten Lehre den Sieg zu verschaffen 
und die Gegner auf jede Weise aus dem Felde zu schlagen, 
sich eingemengt hätte: — Die Aussage von Hemsterhuis ist 



STATT DES VERSPROCH. SUPPLEM. TEILS 261 

zwar bestimmter als die von Allamand, doch ist auch sie 
von keinem Gewicht, da die Art, wie der Versuch und das 
Material, womit er angestellt worden, nicht angegeben 
sind. Denn auf die Beschaffenheit des Leuchtsteins kömmt 
auch viel an; enthielt der Barytphosphor z. B. Strontian- 
oder flußsaure Kalkerde, so konnte wohl ein bläulicher 
Schein gesehen werden, wenn er ins blaue Licht gehalten 
wurde. An Leuchtsteinen, die aus einer Mischung der ge- 
nannten Erden bestehen, läßt sich wirklich etwas Ähnliches 
zeigen, doch nicht allein im blauen, sondern auch im Tages- 
lichte, weil jene Erden bläulich und grünlich leuchtende 
Phosphoren geben. An Phosphoren, die nur mit einer Farbe 
leuchten, wird man nie etwas der Art wahrnehmen. 
Wo der von Magellan angeführte gedruckte Brief Beccarias 
steht, habe ich nicht finden können. 
Einer Täuschung habe ich noch zu erwähnen, die bei den 
Versuchen mit Prismen und farbigen Gläsern vorkommen 
kann. Die Phosphoren können wirklich bisweilen in ei- 
ner ganz entgegengesetzten als ihrer gewöhnlichen Farbe 
leuchtend erscheinen. Dies ist dann der Fall, wenn das 
Auge des Beobachtenden von irgendeiner lebhaften Farbe 
affiziert war. So sah ich Bononische Steine, welche im 
prismatischen Rot weißhch leuchtend werden, im Dunkeln 
mit grünlichem Lichte glänzen, wenn ich auch nur flüchtig 
vorher (ja selbst eine Minute und länger vorher) in das 
Rot gesehen hatte. Wenn ich dies vermieden hatte, so 
erschienen sie weiß oder höchst blaßgelb. Eine ähnhche 
Veränderung der Farbe bemerkte ich auch einmal an den 
rosenroten Kalkphosphoren, als ich diese vor ein violettes 
von der Sonne erhelltes Glas hielt; sie leuchteten mir nun 
im Dunkeln rotgelb. Mein Gehülfe dagegen, welcher sich 
ganz im Dunkeln befunden hatte, versicherte, das schönste 
rosenrote Licht zu sehen. Als sich meine Augen von dem 
vorigen Eindrucke erholt hatten, erschienen auch mir 
diese Phosphoren im Dunkeln rosenrot, so wie sie nun 
meinem Gehülfen, welcher in das violette Licht gesehen 
hatte, gelbrot schienen. Durch Violett wird, nach bekann- 
ten physiologischen Gesetzen (E[ntwurfd.Farbenl.,§]47ff.) 
Gelb im Auge hervorgerufen, so wie durch Rot Grün, durch 



262 ZUR FARBENLEHRE 

Orange Blau, und umgekehrt; und auf diese Weise entsteht 
im gegenwartigen Fall, wie in mehreren andern eine Täu- 
schung, vor der man sich zu hüten hat. 

Von der chemischen Aktion des Lichts und der farbigen 
Beleuchtung 
Es ist eine der wichtigsten Entdeckungen der neuem Zeit, 
daß mit der äußerlichen, längst bekannten Veränderung 
der Körper im Sonnenlichte häufig auch eine innere, eine 
Änderung in den chemischen Bestandteilen verbunden sei. 
Scheele erwies zuerst, in seiner Abhandlung von Luft und 
Feuer, daß die Metallkalke im Lichte "phlogistisierfoder, 
wie wir uns jetzt ausdrücken, desoxydiert werden. Sene- 
bier, Priestley, Berthollet, Miß Fulham, Rumford, Ritter 
und andere bestätigten diese Entdeckung und vermehrten 
sie mit mancher neuen. 

Eine der empfindlichsten Substanzen gegen die Aktion 
des Sonnenlichtes ist das salzsaure Silber oder Hornsilber; 
es ist bekanntlich frisch gefällt weiß und wird im Lichte 
sehr bald grau und endlich schwarz, wobei es den größten 
Teil, wo nicht alle seine Säure verliert. Schon Scheele 
bemerkte, daß die prismatischen Farben ungleich auf das- 
selbe wirkten, "daß die Schwärzung im Violett schneller 
erfolge als in den andern Farben" (a. a, O. § 66). Sene- 
bier bestätigte diese Erfahrung und führt in seiner Ab- 
handlung über den Einfluß des Sonnenlichtes, 3. T. S. 97 
an: "daß das Hornsilber sich im violetten Strahl in 15 Se- 
kunden, im blauen in 23 Sekunden, im grünen in 35 Se- 
kunden, im gelben in 5^/2 Minute, im pomeranzenfarbenen 
in 1 2 Minuten und im roten in 20 Minuten gefärbt habe"; 
auch sagte er, "daß er nie vermögend gewesen sei, die 
Farbe in den drei letzten prismatischen Farben so stark 
zu machen, als die vom violetten Strahl hervorgebrachte 
war". Ritter (s. Gilb. Annalen der Physik, Bd.VIL S. 527 
und Bd. XIL S. 409) will auch noch außerhalb dem Violett 
"sogenannte unsichtbare Strahlen entdeckt haben, welche 
das Hornsilber noch stärker reduzierten als das violette 
Licht selbst"; ferner, "daß die Reduktion an dem Orte 
des Maximums, außer dem Violett, nach dem Blau hin 



STATT DES VERSPROCH. SUPPLEM. TEILS 263 

abnehme und mehr hinter dem Grün aufhöre; und daß sie 
im Orange und Rot in wahre Oxydation des bereits Re- 
duzierten übergehe". 

Schon Senebiers Versuche zeigten deutlich eine Hemmung 
der Wirkung auf der Seite des Gelben und Roten, sowohl 
der Zeit als dem Grade nach; doch fand nach ihm hier 
noch eine Reduktion statt, wo Ritter eine Oxydation fand. 
Neue Versuche waren also nötig. Hier sind die Resultate 
von den meinigen. 

Als ich das Spektrum eines fehlerfreien Prismas, welches 
die Lage hatte, in welcher der Einfallswinkel an der vor- 
dem Fläche dem Brechungswinkel an der hintern Fläche 
gleich ist, bei einer Öffnung von etwa 5 bis 6 Linien im La- 
den, in einem Abstände, wo eben Gelb und Blau zusammen - 
treten, auf weißes, noch feuchtes und auf Papier gestriche- 
nes Hornsilber fallen ließ und 15 bis 20 Minuten, durch 
eine schickliche Vorrichtung, in unveränderter Stellung 
erhielt, so fand ich das Hornsilber folgendermaßen ver- 
ändert. Im Violett war es rötlichbraun (bald mehr violett, 
bald mehr blau) geworden, und auch noch über die vor- 
her bezeichnete Grenze des Violett hinaus erstreckte sich 
diese Färbung, doch war sie nicht stärker als im Violett; 
im Blauen des Spektrums war das Hornsilber rein blau 
geworden, und diese Farbe erstreckte sich abnehmend 
und heller werdend bis ins Grün; im Gelben fand ich das 
Hornsilber mehrenteils unverändert, bisweilen kam es mir 
etwas gelblicher vor als vorher; im Rot dagegen, und 
mehrenteils noch etwas über das Rot hinaus, hatte es meist 
rosenrote oder hortensienrote Farbe angenommen. Bei 
einigen Prismen fiel diese Rötung ganz außerhalb dem 
Rot des Spektrums, es waren dies solche, bei welchen 
auch die stärkste Erwärmung außer dem Rot statthatte. 
Das prismatische Farbenbild hat jenseits des Violett und 
jenseits des Rot noch einen mehr oder minder hellen 
farblosen Schein; in diesem veränderte sich das Horn- 
silber folgendermaßen: Über dem oben beschriebenen 
braunen Streifen — der im Violett und hart darüber ent- 
standen war — hatte sich das Hornsilber mehrere Zoll hin- 
auf, allmählich heller werdend, bläulichgrau gefärbt; jen- 



2 04 ZUR FARBENLEHRE 

seits des roten Streifen aber, der soeben beschrieben wor- 
den, war es noch eine beträchtliche Strecke hinab schwach 
rötlich geworden. 

Wenn am Lichte grau gewordenes, noch feuchtes Horn- 
silber ebenso lange der Einwirkung des prismatischen 
Sonnenbildes ausgesetzt wird, so verändert es sich im 
Violett und Blau wie vorhin; im Roten und Gelben da- 
gegen wird man das Hornsilber hellerfinden, als es vor- 
her war, zwar nur wenig heller, doch deutlich und un- 
verkennbar. Eine Rötung in oder hart unter dem prisma- 
tischen Rot wird man auch hier gewahr werden. 
Wurde das Spektrum in einem größern Abstände, etwa 
12 bis 15 Fuß vom Prisma, aufgefangen, so blieb das 
weiße Hornsilber im Gelben und Roten weiß, das schon 
graue blieb so grau als vorher, zumal wenn auch die Öff- 
nung im Laden etwas verengert wurde; im Blau und Vio- 
lett dagegen schwärzte es sich, obwohl schwächer als näher 
am Prisma. In einem noch beträchtlichem Abstände hört 
auch endlich die reduzierende Kraft des blauen und vio- 
letten Lichtes auf. Eine gleiche Abnahme der Aktion der 
prismatischenFarben bemerkten wir bereitsandenLeucht- 
steinen, und zwar früher am Gelb und Rot als am Blau und 
Violett. 

Läßt man Violett und Rot von zwei Prismen zusammen- 
treten, so erhält man bekannthch ein Pfirsichblütrot. In 
diesem wird das Hornsilber auch gerötet, und zwar wird 
es oft sehr schön karmesinrot. 

Wenn man das prismatische Spektrum so nahe am Prisma 
auffängt, daß nur die Ränder gefärbt, die Mitte aber weiß 
erscheint, so bemerkt man hart unter dem Blau noch einen 
gelbrötlichen blassen Streifen; dieser rötet zwar das Horn- 
silber nicht, aber er wirkt doch hemmend auf die vom 
Weißen herrührende Reduktion oder Schwärzung, wie 
Ritter schon vor mir bemerkt hat. 

Noch kann man am Prisma ein Rot hervorbringen, näm- 
lich wenn man eine Leiste mitten über das Prisma be- 
festigt; es erscheint dann in dem nahe aufgefangenen 
weißen Felde des Spektrums mitten Gelb, Pfirsichblütrot 
und Blau; diese aber wirken auf das Hornsilber nicht oder 



STATT DES VERSPROCH. SUPPLEM. TEILS 265 

(loch nur so schwach, daß es kaum zu bemerken ist; ich 
konnte wenigstens in verschiedenen Abständen vom Pris- 
ma keine recht deutliche Wirkung von diesen Farben er- 
kennen. 

Versuche mit farbigen Gläsern 
Das salzsaure Silber wurde unter den violetten, blauen 
und blaugrünen Gläsern wie am Sonnen- oder Tageslichte 
grau, und zwar nach der Verschiedenheit der Gläser auch 
verschieden nuanciert, bei der einen mehr ins Bläuliche, 
bei der andern mehr ins Rötliche ziehend, oft auch fast 
schwarz. Unter gelben und gelbgrünen Gläsern dagegen 
veränderte sich das Hornsilber wenig; selbst unter nur 
sehr schwach gefärbten Gläsern blieb es im Tageslicht 
lange weiß, nur die Wirkung des Sonnenlichtes konnten 
diese nicht aufheben, aber sie schwächten sie doch be- 
deutend. Unter tiefern orangefarbigen Gläsern veränderte 
sich das Hornsilber noch weniger, und erst nachdem es 
mehrere Wochen gehörig benetzt, dem Sonnenlichte unter 
diesen ausgesetzt war, färbte es sich schwach und zwar 
rötlich. Hornsilber, welches so tief als möglich geschwärzt 
war, wurde unter dem gelbroten Glase im Sonnenlichte 
sehr bald heller, nach sechs Stunden war seine Farbe 
schmutzig gelb oder rötlich. 

Alle die Farben, welche wir das weiße salzsaure Silber 
im prismatischen Spektrum haben annehmen sehen, kom- 
men auch an dem, welches dem gemeinen Tageslichte 
ausgesetzt ist, vor; in einem sehr schwachen Lichte wird 
es gelblich, in einem lebhafteren läuft es blaßrot an; doch 
verfliegt diese Farbe sehr schnell, das Hornsilber wird 
gleich darauf grau und braun in verschiedenen Schattierun - 
gen und endlich schwarz. In diesem letzten Zustande ist 
es fast gänzlich seiner Säure beraubt; die gelbe und rote 
Farbe des Hornsilbers scheinen die niedrigsten und Blau 
und Violett höhere Stufen der Entsäurung desselben zu 
bezeichnen. Dies zugegeben, so folgt aus den eben er- 
zählten Beobachtungen, daß zwar im prismatischen Rot 
und noch über dasselbe hinaus eine Entsäurung stattfindet, 
daß aber auch hier Gelb und Rot hemmend wirken, und 



2 66 ZUR FARBENLEHRE 

daß die Entsäurung durch gelbrote Beleuchtung aut eine 
niedrigere Stufe derselben zurückgeführt werden kann. 
Von den verschiedenen Versuchen, welche ich mit reinen 
Metalloxyden angestellt habe, will ich hier einen ausheben, 
welcher über das, was ihnen allen im Lichte begegnet, 
keinen Zweifel weiter übriglassen wird. 
Rotes Quecksilberoxyd wurde in drei verschiedenen Glä- 
sern, in einem dunkelblauen, einem gelbroten und in einem 
weißen Glase, unter destilliertem Wasser der Einwirkung 
der Sonne und des Tageslichts mehrere Monate hindurch 
ausgesetzt. An dem Quecksilberoxyd im weißen Glase er- 
folgte unter beständiger Gasentbindung eine vollkommene 
Desoxydation, es verwandelte sich in graues, unvoUkomm- 
nes Oxyd, und ein Teil wurde selbst zu reinem regulini- 
schen Quecksilber hergestellt, welches nach einiger Zeit 
zu einer nicht unbeträchtlichen Kugel zusammenlief. Das 
Oxyd im dunkelblauen Glase hatte dieselbe Veränderung 
erlitten, es hatte sich zum Teil reduziert, zum Teil war 
es unvollkommenes Oxyd geworden. Das Quecksilberoxyd 
im gelbroten Glase dagegen war fast unverändert, nur ein 
wenig heller schien es mir nach sechs Monaten geworden 
zu sein. 

Die blaue Beleuchtung wirkt überhaupt auf alle Substanzen, 
welche im Licht eine Veränderung erleiden, wie das reine 
Sonnen- oder Tageslicht; die rote Beleuchtung dagegen 
verhält sich immer entgegengesetzt, häufig bloß wie gänz- 
liche Abwesenheit des Lichtes. So wird, um noch einige 
Beispiele anzuführen, die farblose Salpetersäure unter 
blauen und violetten Gläsern gelb, wie im reinen Sonnen- 
lichte, unter dem gelbroten bleibt sie weiß; Bestuschefis 
Nerventinktur wird im Sonnenlichte weiß, unter dem 
blauen Glase gleichfalls, unter dem gelbroten aber bleibt 
sie gelb usw. 

Wir haben oben bei den Versuchen mit den Leuchtsteinen 
bemerkt, daß die Aktion, welche einmal durch das Licht 
hervorgerufen worden, auch im Dunkeln noch fortwährt; 
dasselbe läßt sich auch an den Substanzen nachweisen, 
welche im Licht entschieden eine chemische Veränderung 
erleiden. Schon an jedem Hornsilberpräparat kann man es 



STATT DES VERSPROCH. SUPPLEM. TEILS 267 

sehen, doch noch vollkommener am Goldsalze. Von einer 
Auflösung des salzsauren Goldsalzes streiche man etwas 
auf zwei Streifen Papier; das eine, A, werde sogleich an 
einem ganz dunkeln Orte aufgehoben, das andere, B, aber 
einige Minuten ins Sonnen- oder Tageslicht gelegt, und 
bleibe darin nur so lange, bis sich eine schwache Ver- 
änderung der Farbe zeigt, bis es etwas grau wird, und nun 
werde es zu dem Präparat A getan und alles Licht so voll- 
kommen als möglich abgehalten. Nach einer halben Stun- 
de vergleiche man die Präparate; B wird beträchtlich tiefer 
gefärbt sein, als man es hineingelegt hatte, A dagegen 
findet man unverändert. B färbt sich von Stunde zu Stunde 
tiefer und wird endlich violett, wie Goldsalz, das längere 
Zeit im Lichte gelegen hatte, während A noch unverän- 
dert rein goldgelb erscheint. 

Wirkung der farbigen Beleuchtimg auf die Pflanzen 
Die wichtigsten Versuche hierüber verdanken wir Sene- 
bier und Tessier. Nach Senebier (s. dessen Abhandlung 
über den Einfluß des Sonnenlichtes, 2. T. S. 29. 4) er- 
reichten die Pflanzen unter gelber Beleuchtung eine grö- 
ßere Höhe als unter der violetten; die Blätter der Pflan- 
zen unter dem gelben Glase kamen grün zum Vorschein 
und vergilbten hernach, die unter dem roten blieben grün, 
wie sie hervorkamen; in der violetten Beleuchtung nalim 
die grüne Farbe der Blätter mit dem Alter zu, sie wurde 
dunkler. 

Nach den Versuchen von Tessier (v. Mem. de l'Academ. 
des Sc. de Paris. 1 7 83. p. 1 33) blieben die Pflanzen unter 
dunkelblauem Glase am grünsten, unter dunkelgelbem hin- 
gegen wurden sie bleich. 

Die blaue Beleuchtung wirkt also auf die Pflanzen voll- 
kommen wie das reine Sonnenlicht, die dunkelgelbe Be- 
leuchtung dagegen wie die Finsternis; denn auch in die- 
ser werden die Pflanzen bleich, schießen stärker; genug, 
sie zeigen sich mehr oder weniger etioliert. 



ERKLÄRUNG DER ZU GOETHES 
FARBENLEHRE GEHÖRIGEN TAFELN 

[Ohne Orts- und Jahresangabe 1810 bei Cotta erschienen] 

DIESE Tafeln*, ob sie gleich das Werk nur desulto- 
risch begleiten und in diesem Sinne als fragmen- 
tarisch angesehen werden können, machen doch 
unter sich ein gewisses Ganze, das seine eigenen Bezüge 
hat, welche herausgehoben zu werden verdienen. Nicht 
weniger ist es bequem und belehrend, für jede einzelne 
Tafel einen kurzen Kommentar zu finden, in welchem das- 
jenige, was sie leisten soll, auseinandergesetzt wird. Hier- 
durch erleichtert sich der Gebrauch derselben, und man 
wird sie sodann sowohl jenen Stellen, wo sie angeführt 
sind, gemäßer, als auch den ganzen Vortrag anschaulicher 
und zusammenhängender finden. Wir gehen sie der Reihe 
nach durch und bemerken dabei teils, was uns darin ge- 
leistet scheint, teils auch, was noch zu wünschen wäre. 

Erste Tafel 
Erste Figur. Das einfache, aber doch zur Erklärung des 
allgemeinen Farbenwesens völlig hinreichende Schema. 
Gelb, Blau und Rot sind als Trias gegeneinander über ge- 
stellt; ebenso die intermediären, gemischten oder abge- 
leiteten. Dieses Schema hat den Vorteil, daß alle gezoge- 
nen Diameter des Zirkels ohne weiteres die physiologisch 
geforderte Farbe angeben. Will der Liebhaber weiter gehen 
und einen solchen Kreis stetig und sorgfältig durchnüan- 
cieren, so wird dasjenige, was hier nur dem Begriflf, dem 
Gedanken überlassen ist, noch besser vor die Sinne zu 
bringen sein. Die nachfolgenden Figuren sind meistens 
physiologischen Erscheinungen gewidmet, die wir nun- 
mehr, nach der Ordnung unsers Entwurfs und nicht nach 
den hier angeschriebenen Zahlen, erläutern. 
Zehnte Figur. Stellt vor, wie das abklingende, blendende 
Bild (Entwurf e. Farbenl., Didakt. Teil, § SpfF.), wenn das 
Auge sich auf einen dunklen oder hellen Grund wendet, 
nach und nach die Farben verändert und auf eine oder 
die andere Weise im entschiedenen Gegensatze abklingt. 

1 Vgl. am Schluß des Bandes die Tafeln „Zur Farbenlehre". 



ERKLÄRUNG DER TAFELN 269 

Sechste Figur. Vorrichtung und Phänomen, wie die blauen 
und gelben Schatten bei der Morgen- und Abenddäm- 
merung zu beobachten sind. (E. 70.) 
Fünfte Figur. Bei erstgedachter Vorrichtung stand der 
schattenwerfende Körper in der Mitte. Hier sind zwei 
Körper zu beiden Seiten angebracht. Diese Zeichnung ist 
als der Durchschnitt einer Vorrichtung anzusehen, die man 
sich leicht verschafifen kann. 

Neunte Figur. Phänomen zu E. 80. Ein schwarzer Streif 
auf einer weißen Fläche gegen ein mit blauem Wasser ge- 
fülltes Gefäß, dessen Boden spiegelartig ist, gehalten, gibt 
ein Doppelbild, wie es hier erscheint, das von der untern 
Fläche blau, das von der obern gelbrot. Wo beide Bilder 
zusammentreffen, findet sich das Weiße und Schwarze des 
abgespiegelten Bildes. 

Dritte Figur. Drückt ohngefähr die Wirkung derE. 88 be- 
schriebenen Erscheinungen aus. 

Vierte Figur. Gibt Anlaß, sich die subjektiven Höfe vor- 
zustellen, obgleich dieselben zu zeichnen und zu illumi- 
nieren mehr Sorgfalt erfordern würde. 
Zweite Figur. Ein doppeltes, ineinander gefügtes Farben - 
Schema. Das äußere, wie jenes allgemeine der ersten Figur 
mit der Totalität der Farben; das innere zeigt an, wie nach 
unserer Meinung diejenigen Menschen, welche mit der 
Akyanoblepsie behaftet sind, die Farben sehen. In diesem 
Schema fehlt das Blaue ganz. Gelb, Gelbrot und Reinrot 
sehen sie mit uns: Violett und Blau wie Rosenrot und Grün 
wie Gelbrot. 

Achte Figur. Diese ist bestimmt, gedachtes Verhältnis auf 
eine andere Weise auszudrücken, indem kleine farbige 
Scheiben erst nebeneinander und dann unter diese andere 
Scheiben gesetzt sind, welche den Akyanoblepen völlig 
von der Farbe der oberen erscheinen. Die Freunde der 
Natur, wenn ihnen solche Personen vorkommen sollten, 
werden ersucht, nach dieser Anleitung sich größere far- 
bige Papiermuster zu verschaffen und ihr Examen des Sub- 
jekts darnach anzustellen. Da mehrere, welche auf diese 
Weise in Untersuchung genommen, in ihren Äußerungen 
übereinstimmten, so würde es auf alle Fälle interessant 



2 7 o ZUR FA RBENLEHRE 

sein, noch zu erfahren, daß diese Abweichung von der ge- 
wöhnlichenNaturdennochaufihreWeisegesetzmäßigsei. 
Eilfte Figur. Eine Landschaft ohneBlau, wie ungefähr, nach 
unserer Überzeugung, der Akyanobleps die Welt sieht. 
Siebente Figur. Eine Flamme, bei welcher der obere Teil 
als körperlich, gelb und gelbrot, der untere Teil dunst- 
artig, blau, ja schön violett, sobald ein schwarzer Grund 
dahinter steht, erscheint. Es ist dieser Versuch am eminen- 
testen mit angezündetem Weingeist zu machen. 

Zweite Tafel 

Ist der Farbenerscheinung gewidmet, wie sie sich bei Ge- 
legenheit der Refraktion zeigt. Da die Felder nicht nu- 
meriert sind, so bezeichnen wir sie nach ihrer Lage. 
Oberes Feld. A ein helles Rund auf schwarzem Grunde, 
mit bloßen Augen angesehen durchaus farblos. B dasselbe 
durch ein Vergrößerungsglas betrachtet. Indem es sich aus- 
dehnt, bewegt sich das Weiße scheinbar nach dem Schwar- 
zen zu, und es entsteht der blaue und blaurote Rand. Cdie 
Scheibe A durch ein Verkleinerungsglas angesehen. In- 
dem sie sich zusammenzieht, bewegt sich scheinbar der 
dunkle Grund gegen das Helle zu, wodurch der gelbe und 
gelbrote Rand entsteht. Dies sind die reinen Elemente aller 
prismatischen Erscheinungen, und wer sie faßt, wird sich 
durch alles das übrige durchhelfen. In D ist zum Überfluß 
supponiert, als wenn die weiße Scheibe, die durch ein 
Vergrößerungsglas erweitert wird, eine kleinere schwarze 
Scheibe, die sich zugleich mit erweitert, in sich habe; wo- 
durch also, wie in C, nur auf umgekehrtem Wege, das 
Schwarze scheinbar über das Weiße bewegt wird und so- 
mit der gelbe und gelbrote Rand entsteht. Beim Illumi- 
nieren hat man das Rote weggelassen, welches immer an 
dem Schwarzen gedacht werden muß. 
Prismen sind nur Teile von Linsen und bringen, aus leicht 
zu begreifenden Ursachen, das Phänomen nur eminenter 
hervor. Die vier folgenden Felder sind prismatischen Er- 
scheinungen gewidmet. 

Das erste, links des Beschauers. Eine farblose Scheibe a 
wird, es sei objektiv oder subjektiv, nach b c J bewegt. 



ERKLÄRUNG DER TAFELN 2 7 1 

Der helle, nach dem Schwarzen vorangehende Rand wird 
blau und blaurot, der dunkle, dem hellen Bilde folgende 
Rand gelb und gelbrot erscheinen, vollkommen nach dem 
uns nun bekannten Gesetze von B und C in dem oberen. 
Felde. 

Das zweite^ rechts des Beschauers. Ein Viereck a wird, 
objektiv oder subjektiv, nach b c d geführt. Im ersten und 
letzten Falle sind nur zwei Seiten gefärbt, weil die beiden 
andern dergestalt fortgerückt werden, daß die Ränder sich 
nicht übereinander bewegen. Im dritten Falle ^, bei wel- 
chem die Bewegung in der Diagonale geschieht, sind alle 
vier Seiten gefärbt. 

Das dritte Feld, links des Beschauers. Hier denke man sich, 
daß eine farblose Scheibe ^, durch ein Prisma hier mit a b 
bezeichnet, nach /gerückt werde, und durch ein anderes 
Prisma d c nach //, so wird, wenn man jedes Prisma be- 
sonders nimmt, die Erscheinung nach der Angabe der 
Tafel sein. Bringt man beide Prismen übereinander, so 
rückt das Bild in der Diagonale nach g und ist nach dem 
bekannten Gesetz gefärbt. Nur ist hier in derTafel der Feh- 
ler, daß das erscheinende Bild^g' nicht weit genug wegge- 
rückt und nicht breit genug gefärbt ist. Welches man sich 
denken oder auf einem besondern Blatte leicht verbessern 
kann. Es ist dies der von Newton so oft urgierte Versuch 
mit dem Spektrum, das den Bückhng macht. 
Das vierte Feld^ rechts des Beschauers. Hier werden die 
subjektiven Färbungen weißerStreifen auf schwarzemGrund 
und schwarzer auf weißem Grunde dargestellt. In der ersten 
Reihe sieht man den schwarzen und weißen Streifen noch 
mit schmalen Farben gesäumt. In der zweiten Reihe treten 
die Farbensäume aneinander, in der dritten übereinander, 
und in der vierten decken sich die Innern oder äußern Far- 
ben völlig. 

Wer sich diese zweite Tafel recht bekannt macht, dem wird 
es nicht schwer sein, alle subjektiven Versuche zu ent- 
wickeln. 



27 2 ZUR FARBENLEHRE 

Eingeschaltete Tafel 
IIa bezeichnet 
Diese Tafel ist sorgfältig zusammengestellt, um auf einen 
Blick die bedeutendsten subjektiven prismatischenFarben- 
erscheinungen übersehen zu können. Auch in der Größe, 
wie sie hier gezeichnet ist, belehrt sie vollkommen, wenn 
man sie durch ein Prisma von wenigen Graden ansieht. Nir- 
gends, als da wo Schwarz und Weiß grenzen, erblickt man 
Farben. So laufen sie an den wurmförmigen Zügen her, 
welche in der obern Ecke angebracht sind. So zeigen sie 
sich an jedem geradlinigen Rande, der mit der Achse des 
Prismas parallel bewegt wird. So fehlen sie an jedem, der 
mit der Achse des Prismas vertikal bewegt wird. Die an- 
gebrachte Fackel wird nach eben demselben Gesetz ge- 
färbt wie die Flamme der siebenten Figur auf der ersten 
Tafel. Die schwarze und die weiße Scheibe können zu Ver- 
suchen mit der Linse gebraucht werden. Wie denn auch 
in einiger Entfernung mit bloßem Auge entscheidend zu 
beobachten ist, daß die schwarze Scheibe viel kleiner als 
die weiße erscheint. 

Wenn man dieser Tafel die Größe einer Elle gibt, so sind 
die darauf befindlichen Bilder zu allen Versuchen geschickt, 
die man auch mit Prismen von 60 Graden anstellen mag. 

Dritte Tafel 
Diese ist mit Sorgfalt von einem jeden Liebhaber der Far- 
benlehre ebenfalls in der Größe einer Elle und drüber nach- 
zubilden, weil hieran alle Versuche, die wir in dem sieb- 
zehnten und achtzehnten Kapitel unseres "Entwurfs" an- 
gegeben haben (wenn nämlich graue und sodann farbige 
Bilder durch Brechung verrückt werden), zu sehen sind. 
Man tut wohl, sie auf eine Scheibe zu bringen, die sich 
vertikal drehen läßt. Nur derjenige, der sich mit dieser 
Tafel und den Kapiteln, wodurch sie erläutert ist, recht 
bekannt gemacht, wird das Kaptiose und Unzulängliche 
des ersten Newtonischen Versuchs der Optik einsehen; 
und es war wohl der Mühe wert, auf alle Weise jenen Irr- 
tum bis in den letzten Winkel zu verfolgen, welchem an- 
zuhängen nun niemand mehr erlaubt sein kann. 



ERKLÄRUNG DER TAFELN 273 

Vierte Tafel 

In dem oberen Felde sind die Mittelbilder der vorigen Tafel 
so vorgestellt, wie sie durchs Prisma gesäumt erscheinen: 
da man die Säume aber nur nach dem Gesetz und nicht 
nach der Art, wie sie sich in der Erfahrung mit der Farbe 
des Bildes vermischen, illuminieren konnte, so ist das hier 
Dargestellte mehr als Wegweiser denn als die Sache selbst 
anzusehen; mehr als eine Versinnlichung dessen was vor- 
geht, denn als das was durch dieses Vorgehen entspringt; 
mehr als eine Entwickelung, eine Analyse der Erscheinung 
denn als die Erscheinung selbst. Wie denn überhaupt der 
Naturforscher sich von dem Buch und der Tafel erst wie- 
der loszumachen hat, wenn er wahrhaften Nutzen von bei- 
den ziehen will. 

Das untere Feld soll eine Versinnlichung desjenigen sein, 
was vorgeht, um die Achromasie durch zwei verschiedene 
Mittel zu bewirken. 

Man denke sich zwischen beiden Linien a b und f</ meh- 
rere viereckte weiße Bilder auf einer schwarzen Tafel, wo- 
von hier nur eins unter Nr. i angegeben ist. Man denke 
sich durch ein Prisma von Crownglas g ein gleiches Bild, 
was neben i gestanden hat, heruntergerückt, wie wir in 
Nr. 2 sehen. Es wird mit einem schmalen Saume gefärbt 
erscheinen. Ein drittes Bild werde durch ein Prisma von 
Flintglas gleichfalls nicht weitergerückt, als wir es in Nr. 3 
erbhcken, so wird dieses viel stärker gesäumt erscheinen. 
Man lasse nun ein solches Bild durch ein aus beiden Prismen 
zusammengelegtes Parallelepipedon g h in die Höhe an 
seine vorige Stelle bringen, so wird die Brechung aufge- 
hoben, ein Überschuß von Färbung aber, der sich vom 
Prisma // herschreibt, übrigbleiben, wie in Nr. 4. Gibt man 
nun dem Prisma h einen geringern Winkel, so wird die 
Farbenerscheinung aufgehoben, aber es bleibt Brechung 
übrig, wie wir bei Nr. 5 sehen. Dieses ist, glauben wir, 
für jeden eine bequeme Darstellung sowohl von dem Ver- 
hältnis des Ganzen als besonders der Achromasie in Nr. 5 
und der Hyperchromasie in Nr. 4. 



C.OETHF, XVir 18. 



274 ZUR FARBENLEHRE 

Fünfte Tafel 
Wahrhafte Darstellung, wie die Farbe erscheint, wenn ein 
leuchtendes Bild durch Brechung objektiv verrückt wird. 
Die Figur oben links in der Ecke stellt erstlich ein Par- 
allelepipedon von Glas vor, welches oben dergestalt zu- 
gedeckt ist, daß das Sonnenbild nur in der Mitte der Fläche 
durchfallen kann. Man sieht an den punktierten Linien, 
welchen Weg das Licht ohne Brechung nehmen würde; 
man sieht an den ausgezogenen Linien die Brechung im 
dichteren Mittel, sowie an den ins dünnere Mittel über- 
gehenden zwar eine schwache, aber doch deuthche Far- 
benerscheinung. Dieses ist der einfache Versuch, der dem 
prismatischen zum Grunde liegt. Beurteilt man die Far- 
bensäume ihrer Bewegung nach, so würde man hier sagen 
können, der gelbrote und gelbe sei der meist-, derblaue 
und blaurote der wenigst-refrangible, weil dieser in das 
Bild hinein, jener aus dem Bilde heraus zu streben scheint. 
Allein wer die Lehre von Verrückung des Bildes recht 
innehat, der wird sich dieses scheinbare Rätsel sehr leicht 
erklären. 

Nun denke man sich den untern, gezeichneten Keil weg- 
genommen, so daß der obere allein wirkt, und es wird 
eine mächtigere Verrückung des Bildes und eine stärkere 
Färbung, zwar nach der andern Seite, aber doch nach den- 
selben Gesetzen, entstehen. 

Die größere Figur, welche zu betrachten man das Blatt 
die Quere nehmen wird, zeigt nunmehr ausführlich, was 
vorgeht, wenn ein leuchtendes Bild objektiv durchs Prisma 
verrückt wird. Die beiden Farbensäume fangen in einem 
Punkte an, da wo Hell und Dunkel aneinander grenzt; sie 
lassen ein reines Weiß zwischen sich, bis dahin, wo sie 
sich treffen; da denn erst ein Grün entspringt, welches sich 
verbreitert, zuvor das Blaue völlig und dann zuletzt auch 
das Gelbe aufzehrt. Das anstoßende Blaue und Blaurote 
können dieser grünen Mitte beim weitern Fortschritte nichts 
anhaben. 

Nun betrachte man die unten gezeichneten Querdurch- 
schnitte des obern Längendurchschnittes als die Spektra, 
welche erscheinen, wenn man an diesen Stellen eine Pappe 



ERKLÄRUNG DER TAFELN 275 

entgegenhält: und man wird finden, daß sie sich schritt- 
weise verändern. Es ist angenommen, daß ein vierecktes 
leuchtendes Bild verrückt werde, welches die Sache viel 
deutlicher macht, weil die vertikalen Grenzen rein blei- 
ben und die horizontalen Unterschiede der Farben deut- 
licher werden. 

Der Durchschnitt, über welchen man oben eine punktierte 
Ellipse gezeichnet, ist ohngefähr derjenige, wo Newton 
und seine Schüler das Bild auffassen, festhalten und messen, 
derjenige, wo die Maße mit der Tonskala zusammentrefifen 
sollen. Bloß die aufmerksame Betrachtung dieser Tafel muß 
einen jeden, der nur geraden Sinn hat, auf einmal in den 
Fall setzen, sowohl das natürliche alsjenes bestrittene Ver- 
hältnis zu übersehen. 

Sechste Tafel 

Diese Einsicht wird vermehrt und gestärkt, wenn man hier 
vergleicht, was mit Verrückung eines völlig gleichen dunk- 
len Bildes vorgeht. Hier ist eben das Austreten; eben das 
Verbreitern; hier bleibt das reine Dunkel, wie dort das 
reine Helle, in der Mitten. Die entgegengesetzten Säume 
greifen wieder übereinander, und wie dort Grün so ent- 
steht hier ein vollkommenes Rot. Nun braucht man nicht 
erst diese vorzügliche Farbe zu verschweigen. Dieses 
Spektrum, über ein dunkles Bild hervorgebracht, ist eben- 
sogut ein Spektrum als jenes über das helle Bild hervor- 
gebrachte; beide müssen immer nebeneinander gehalten, 
parallelisiert und zusammen erwähnt werden, wenn man 
sichs klarmachen will, worauf es ankommt. Diese beiden 
Tafeln, nebeneinandergestellt, recht betrachtet, recht be- 
dacht und die Formel des verrückten Bildes dabei im rech- 
ten Sinne ausgesprochen, müssen den einseitigen Newtoni- 
schen Poltergeist auf immerdar verscheuchen. 

Siebente Tafel 
Auf dieser sind mehrere unwahre und kaptiose Figuren 
Newtons zusammengestellt, wie solche leider in allen Kom- 
pendien, Lexicis und andern Lehrbüchern seit einem Jahr- 
hundert unverantwortlich wiederholt werden. 



2 7 6 ZUR FARBENLEHRE 

Erste Figur. Ein linearer Lichtstrahl trifft auf ein Mittel 
und spaltet sich in fünffarbige Strahlen. Wenn auch New- 
ton nicht selbst diese Figur vorbringt, so ist sie doch bei 
seinen Schülern gäng und gäbe, die nicht das mindeste 
Bedenken haben, etwas, wovon die Erfahrung nichts weiß, 
in einer hypothetischen Figur darzustellen. Man sehe nach, 
was wir hierüber zu der eilften Tafel weiter ausführen wer- 
den. 

Zweite Figur. Ein sogenannter Lichtstrahl, von einiger 
Breite, geht durchs Prisma und kommt hinter demselben 
als ein verlängertes Bild auf der Tafel an. Was aber eigent- 
lich im Prisma und zwischen dem Prisma und der Tafel 
vorgehe, ist verschwiegen und verheimlicht. 
Dritte Figur, der vorigen ähnlich; das, was daran aus- 
führlicher ist, ganz hypothetisch. Schon vor dem Prisma 
wird der Strahl durch Linien in verschiedene geteilt, so 
gehn sie durchs Prisma, so kommen sie hinten an. Vor 
dem Prisma sind sie ganz hypothetisch, innerhalb des- 
selben zum größten Teil: denn in demselben kann nur 
oben und unten eine ganz schmale Randerscheinung statt- 
finden. Hinter dem Prisma ist die mittlere Linie hypo- 
thetisch und die nächsten beiden falsch gezogen, weil sie 
mit der obern und untern aus einem Punkt, oder wenig- 
stens nahezu aus einem Punkt, entspringen müßten. 
Vierte Figur. Das Spektrum als eine Einheit vorgestellt. 
Fünfte Figur. Dasselbe, in welchem die darin enthalten 
sein sollenden homogenen Lichter als übereinander grei- 
fende Ringe gezeichnet sind. Wenn ein rundes Bild ver- 
rückt wird, so kann sich ein oberflächlicher oder im Vor- 
urteil befangner Zuschauer das Phänomen ohngefähr so 
vorbilden lassen. Man verrücke ein vierecktes Bild, wie 
wir auf der fünften und sechsten Tafel getan haben, und 
die Täuschung ist nicht mehr möglich. 
Sechste Figur. Ganz hypothetisch. Sie will uns glauben 
machen, bei Verlängerung des Bildes sei es möglich, jene 
Strahlenkreischen weiter voneinander abzusondern. 
Siebente Figur. Nicht allein hypothetisch, sondern völlig 
unwahr. Wenn die verschiedenfarbigen Lichtscheibchen 
sich absondern lassen, warum hängt man sie denn hier mit 



ERKLÄRUNG DER TAFELN 277 

Strichelchen zusammen: Niemand hat auch nur den Schein 
dieser Figur mit Augen gesehen. 

Achte Figur. So wunderlich als falsch, um das zu bezeich- 
nen, was bei der Verbindung der Linse mit dem Prisma vor- 
geht. 

Neunte Figur. Eine der letzten Newtonischen Figuren, um 
endlich die weiße Mitte gleich hinter dem Prisma, die lange 
genug ignoriert worden, zu erklären und der schon völlig 
fertigen Hypothese anzupassen. 

Achte Tafel 
Hier hat man mit redlicher Mühe und Anstrengung eine 
einzige unwahre und kaptiose Newtonische Figur, die ein- 
undzwanzigste des ersten Teiles, in mehrere Figuren zer- 
legt oder vielmehr die wahre Genese des Phänomens durch 
mehrere Figuren ausgedrückt. Wir brauchen hierüber nichts 
weiter zu sagen, weil wir bei Entwicklung des neunten 
Versuchs (Polemik § 196—203) diese Tafel umständlich 
erläutert und das Nötige deshalb mitgeteilt haben. 

Neunte Tafel 

Bei dieser und der folgenden dagegen müssen wir um desto 
weitläuftiger sein, nicht weil die darauf vorgestellte theore- 
tische Verkehrtheit schwer einzusehen wäre, sondern weil 
wir denn doch einmal schheßlich diese unglaublichen Tor- 
heiten vor das Forum eines neuen Jahrhunderts bringen 
möchten. 

Wir mußten bei der ersten Farbensäule, über welcher das 
Wort Natur geschrieben steht, mehr Stufen vom Gelben 
bis zum Gelbroten, vom Blauen bis zum Blauroten an- 
nehmen, als eigentlich nötig wäre, um uns mit der wun- 
derlichen Darstellung der Gegner, die danebengesetzt ist, 
einigermaßen parallel zu stellen. Hier zeigt sich natur- 
gemäß das unveränderte Weiß in der Mitte; von der einen 
Seite steigt das Gelbe bis ins Gelbrote, von der andern 
das Blaue bis ins Blaurote, und damit ist die Sache ab- 
getan. Aber nun sehe man die daneben schachbrettartig 
aufgestellte — Posse dürfen wir sagen: denn nur als eine 
solche können wir sie aufführen. 



2 78 ZUR FARBENLEHRE 

Sobald meine Beiträge zur Optik erschienen waren, machte 
sichs die ganze Gild zur Pflicht, sogleich über mich her- 
zufallen und zu zeigen, daß dasjenige, was ich noch für 
problematisch hielt, schon längst erklärt sei. Gren in Halle 
besonders verwandelte die Newtonischen Äußerungen in 
ein Buchstabenschema, welches zeigen sollte, wie man 
eigentlich die Lichtstrahlen en ichelo7i hintereinander müsse 
aufmarschieren lassen, um das belobte zusammengesetzte 
Weiß in der Mitte hervorzubringen. Genau in der Mitte 
nämlich muß die violette Tete der zurückbleibenden Ko- 
lonne schon angekommen sein, ehe die gelbrote Queue 
der voreilenden Kolonne die Mitte verläßt. Da nun alle 
Zwischenkolonnen verhältnismäßig vorrücken, so treffen 
ihre verschiedenfarbigen Teile auf der Mitte dergestalt 
zusammen, daß sie in die Quere abermals diese sieben- 
farbige Folge bilden und, insofern man sie als überein - 
andergeschoben sich deckend betrachten kann, nunmehr 
weiß erscheinen. 

Man stelle sich diese Farben liquid vor und sehe, was 
herauskommt, wenn man sie zusammenstreicht. 



Blaurot, Rotblau, Hellblau, Grün, 

machen 

Hinaufwärts: 

Rotblau, Hellblau, Grün, Hellgelb, Rotgelb, Gelbrot 

machen Hellgelb 

Hellblau, Grün, Hellgelb, Rotgelb, Gelbrot 

machen dunkler Gelb 

Grün, Hellgelb, Rotgelb, Gelbrot 

machen tioch dunkler Gelb 
Hellgelb, Rotgelb, Gelbrot 

va.2.QhtXi rötlich Gelb 
Rotgelb, Gelbrot 

machen Rotgelb 
Gelbrot 

steht seinen Mann. 



ERKLÄRUNG DER TAFELN 279 

Nun sollte man doch denken, das Seltsamste sei vorüber, 
aber ein weit Barockeres steht uns noch bevor. Denn wenn 
die Mitte auf gemeldete Art weiß wird, so muß eine jede 
auf- und absteigende Querreihe, die nun nicht mehr sämt- 
liche Farben enthält, in sich summiert, diejenige Farbe 
hervorbringen, welche im prismatischen Bilde ihrer Rich- 
tung korrespondiert. 

Das erste also gesetzt, daß die sieben Farben der mittlem 
Reihe Weiß machen, so machen die sechs Farben der näch- 
sten drüber Hellgelb und der nächsten drunter Hellblau; 
die fünf Farben der folgenden sofort dunkler Gelb und 
dunkler Blau; vier Farben sodann ein noch dunkler Gelb 
und ein noch dunkler Blau; drei Farben machen Rotgelb 
und Rotblau; zwei Farben endlich Gelbrot und Blaurot; 
und zuletzt steht Blaurot und Gelbrot jedes für sich. 
Ob es nun gleich hiermit wohl genug sein könnte, so wollen 
wir doch noch ein übriges tun und das, was auf unserer 
Tafel mit Farben ausgedrückt ist, auch noch tabellarisch 
mit Worten ausdrücken. 



Hellgelb, Rotgelb, Gelbrot 

Weiß 

Hinabwärts: 

Blaurot, Rotblau, Hellblau, Grün, Hellgelb, Rotgelb 

machen Hellblau 

Blaurot, Rotblau, Hellblau, Grün, Hellgelb 

machen dunkler Blau 

Blaurot, Rotblau, Hellblau, Grün 

machen noch dmikler Blau 
Blaurot, Rotblau, Hellblau 

machen rötlich Blau 
Blaurot, Rotblau 

machen Rotblau 
Blaurot 

steht seinen Mann. 



2 8o ZUR FARBENLEHRE 

Wir haben dieses Wortschema vorzüglich deshalb so um- 
ständlich ausgeführt, damit demjenigen vorgearbeitet sei, 
der es als Theses aufstellen möchte, um darüber im Narren - 
türme zu disputieren oder in der Hexenküche zu kon- 
versieren. Weil es nun zugleich rätlich wäre, das Behaup- 
tete durch Erfahrung darzustellen, und sich wohl schwerlich 
ein newtonisch gesinnter Maler finden würde, der aus Zu- 
sammenmischung seiner ganzen Palette Weiß hervorzu- 
bringen unternähme, so ließe sich vielleicht dadurch eine 
Auskunft treffen, daß man einen namhaften Mechanikus um 
die Gefälligkeit ersuchte, mit seinem künstlichen Schwung- 
rade den geneigten Zuschauern nicht einen blauen, son- 
dern einen grauen Dunst vor die Augen zu machen. 
Auf derselbigen Tafel haben wir gleichfalls gesucht, von 
der Art und Weise Rechenschaft zu geben, wie der selt- 
same Wünsch sich aus der Sache zu ziehen gesucht, da 
ihm die Newtonische Erklärungsart nicht haltbar vorkam. 
Wir haben die seinige, insofern es möglich war, der Natur 
und der Grenischen parallel an die Seite zu stellen gesucht. 
Daraus wird nun klar, daß er nichts weiter getan, als jene 
Erklärungs- und Vorstellungsweise zu abbrevieren. Erbe- 
hält nämlich von sieben Farben nur die Mitte und die bei- 
den Enden, Grün, Blaurot und Gelbrot, in welchen dreien 
die beiden übrigen mit ihren Stufen freilich schon stecken; 
setzt dann, wiewohl auf eine ebenso närrische Weise als 
die Newtonianer, aus Grün, Gelbrot und Blaurot Weiß 
zusammen. Hinaufwärts muß aus Grün und Gelbrot Gelb 
mit seinen Stufen, hinunterwärts aus Grün und Blaurot 
Blau mit seinen Stufen entspringen. Gelbrot und Blaurot, 
wie bei Gren, bezahlen für sich. Auch diese Tollheit läßt 
sich auf unsrer Tafel, ohne darüber viel Worte zu machen, 
recht gut übersehen. 

Auf dem untern Teile der Tafel haben wir die Entstehung 
des Grünen, nach der Natur und nach Wünsch, dargestellt. 
Zuerst zeigt sich das prismatische Phänomen, wenn das 
Grün aus dem Zusammentreten des helleren Gelb und Blau 
schon entstanden ist. Wie dies geschieht, ist daneben ge- 
zeigt, da die von beiden Seiten kommenden Säume als 
nebeneinander stehend gezeichnet sind. Sodann folgt 



ERKLÄRUNG DER TAFELN 281 

Wünsch mit seinen vertrakten drei Urfarben. Sie sind so 
auseinandergezerrt, daß das Grün nun auf einmal eine 
Person für sich spielt und sich zwischen seinen gleichfalls 
selbständigen Brüdern sehen lassen darf. Hätte die mensch- 
liche Natur nicht solche unendliche Neigung zum Irrtum, 
so müßte ein so abschreckendes Beispiel, wie übrigens 
talentvolle Männer sich verirren können, von größerem 
Nutzen für die Jugend sein als jenes, wenn die Lacedä- 
monier ihren Jünglingen besoffene Knechte zur Warnung 
vorführten. 

Zehnte Tafel 

Überzeugt wie ich war, daß die prismatische Farbener- 
scheinung sowohl dem Licht als dem angrenzenden Dunkel 
angehöre, mußte ich freilich die subjektiven Versuche, 
mit denen ich mich besonders abgab, anders als ein New- 
tonianer ansehen. Ein weißes Bild oder Streifen auf schwar- 
zem, ein schwarzes Bild oder Streifen auf weißem Grunde, 
durchs Prisma in der Nähe betrachtet, blieben, indem die 
Ränder sich färbten, jenes in der Mitte weiß, dieses in 
der Mitte schwarz. Wie sich bei mehrerer Entfernung des 
Beobachters die Farbensäume verbreiterten, wurde dort 
das Weiße, hier das Schwarze zugedeckt, und endlich, bei 
noch weiterem Wegtreten, zeigte sich durch Vermischung 
dort ein Grün, hier ein vollkommenes Rot, wie solches auf 
unserer zweiten Tafel, unten in der Ecke rechts, darge- 
stellt ist. 

Diese Phänomene gingen mir also völlig parallel. Was bei 
Erklärung des einen recht war, schien bei dem andern 
billig; und ich machte daher die Folgerung, daß, wenn die 
Schule behaupten könne, das weiße Bild auf schwarzem 
Grunde werde durch die Brechung in Farben aufgelöst, 
getrennt, zerstreut, sie ebensogut sagen könne und müsse, 
daß das schwarze Bild durch Brechung gleichfalls aufgelöst, 
gespalten, zerstreut werde. 

Dagegen hatten die Newtonianer bereits seit einem Jahr- 
hundert eine fertige Ausflucht, deren sich Richter schon 
gegen Rizzetti bedient: daß nämlich diese farbigen Säume 
nicht dem Dunkeln, sondern dem Hellen zuzuschreiben 



282 ZUR FARBENLEHRE 

seien, dem Lichte, das vom Rande herstrahle und nach 
der Brechung, in Farben aufgelöst, farbig zum Auge des 
Beschauenden gelange. 

Wie ein Rezensent der Jenaischen allgemeinen Literatur- 
zeitung vom Jahre 1792 in Nr. 31 diese Erklärungsart 
gegen mich geltend zu machen sucht, wird auf gegen- 
wärtiger Tafel genau und aufrichtig dargestellt. Er behilft 
sich in gedachtem Zeitungsblatt, wieGren, mit Buchstaben. 
Wir haben die Mühe übernommen, nicht allein sein Buch- 
stabenschema in reinliche und genaue Käsen einzuquar- 
tieren, sondern wir haben daneben auch durch farbige 
Quadrate die Sache augenfäUiger zu machen gesucht. 
Zuerst steht, wie auf der vorigen Tafel, das natürliche 
Verhältnis, wie nämhch der blaue und blaurote Rand von 
dem Hellen nach dem Dunklen, der gelbe und der gelbrote 
Rand vom Dunklen nach dem Hellen strebt, und weil sie 
sich eben berühren, ein aneinander stoßendes, obgleich 
noch nicht übereinander greifendes Farbenbild hervor- 
bringen. Wieviel Umstände dagegen derRezensentbraucht, 
um seine beidenFarbendetachements, nach der Grenischen 
Weise, en ichelon gegeneinander aufmarschieren und sich 
endlich berühren zu lassen, mag, wer Geduld hat, von ihm 
selbst vernehmen. 

"Ein schwarzer Streifen auf weißem Grunde wird hier 
durch die Buchstaben m np q bezeichnet. Die Buchstaben 
r^^r^ & bedeuten Rot, Gelb, Grün, Blau, Violett. Nun 
schicke der nächste weiße Punkt bei A über den schwar- 
zen Streifen einen Lichtstrahl durchs Prisma ins Auge des 
Beobachters. Dieser wird in die genannten Farben, von 
welchen wir der Kürze wegen nur fünf annehmen, ge- 
spalten und auf die aus Newtons Versuchen bekannte Art 
zerstreut werden. Ist nun der brechende Winkel des Pris- 
mas nach unten gekehrt, so wird der gelbe Teil des ge- 
spaltenen Lichtstrahles nicht mehr auf den weißen Teil 
des Papiers, sondern herunter in den schwarzen Streifen 
bei g gleich neben h vom Auge projiziert werden, und nur 
der rote wird in r gleich neben A bleiben, wo der ganze 
weiße Punkt liegt, von welchem der Strahl kam. Der grüne 
wird noch weiter herunter neben i, der blaue in b neben k 



ERKLÄRUNG DER TAFELN 283 

und der violette in v neben /treffen. Mit den etwas höher 
liegenden Lichtpunkten, bei B, C, D, E, geht es ebenso. 
Deren blaue und violette Teile reichen aber nicht so weit 
herunter in den schwarzen Streifen als die des Licht- 
punktes bei A; folglich sieht man auch bloß diese letzteiti 
isoliert im schwarzen Streifen neben k und /. In i ist nebst 
dem Grün vom Lichtpunkt A auch noch Blau vom Licht- 
punkt B unb Violett von C vorhanden. Deshalb erkennt 
man dieses Grün schon nicht mehr, sondern es erscheint 
schon als ein weißliches Licht oder als das hellste Blau. 
Das Gelb bei // ist ganz unkenntlich, weil ihm noch Grün, 
Blau und Violett von den Punkten B, C, D beigemischt 
sind. Das gleich drüber liegende Rot bei A aber erscheint 
völlig weiß, weil ihm das Gelb, Grün, Blau und Violett 
von den Lichtpunkten bei B^ C, D, £ beigemischt sind. 
Nach dieser Vorstellungsart käme also das Blaue und Vio- 
lette im schwarzen Streifen nicht von dieser Schwärze, 
sondern von dem darüber hegenden weißen Licht, das 
vom Prisma gespalten, zerstreut und vom Auge herunter 
ins Schwarze ist projiziert worden. 

Auf gleiche Art ließe sich zeigen, warum unterhalb des 
schwarzen Streifens bei a nichts weiter als Rot erscheint, 
wenn anders der schwarze Streifen nicht gar zu schmal 
ist. Der Lichtpunkt bei a erhält nämlich von keinem Licht- 
punkt bei A, B usw. eine Farbe, indem sich keine der- 
selben über die schwarze Region hinaus erstreckt, noch 
weniger die Schwärze selbst dergleichen liefern kann. Die 
rote Farbe bei b aber hat auch noch die gelbe des drüber- 
liegenden Lichtpunkts bei a in sich und gibt also Orange- 
gelb. Das Rot bei c hat Gelb von b und Grün von a, er- 
scheint also hellgelb und verliert sich schon allmählich 
ins Weiße. Bei d und e erscheinen die farbigen Teile der 
einzelnen Lichtpunkte schon beinahe ganz weiß, weil hier 
schon fast alle Farben wieder beieinander sind. Es ver- 
steht sich übrigens, daß die Buchstaben r g gr usw., die 
im Schema «f^^//einander gesetzt sind, iiber- oder viel- 
mehr ///einander liegend gedacht werden müssen. Auch 
muß man sich da, wo keine Querstriche stehen, ebenfalls 
fiirbige Teile von gespaltenen, höher liegenden Licht- 



2 84 ZUR FARBENLEHRE 

punkten vorstellen; dahingegen an den Stellen, wo Punkte 
stehen, keine weitere als bloß durch die Buchstaben ange- 
zeigten Farbenteile angenommen werden können. 
Sonach würde also der Newtonianer, bei hinlänglich schwar- 
zen Streifen, nicht Gelb und Blau, sondern Rot und Violett 
am reinsten sehen, indem das Gelb von Rot und Grün und 
das Blau von Grün und Violett allemal etwas gestört ist: es 
sei denn, daß man nicht mehr als einen einzigen Strahl von 
einem gleich über oder unter dem schwarzen Streifen lie- 
genden Lichtpunkt ins Auge bekomme. Denn alsdann 
müßte man alle einzelnen Farben auf dem Schwarz ganz 
rein sehen; sie würden aber dann so schwach sein, daß 
man sie schwerlich erkennen könnte. 
Wäre der schwarze Streifen so schmal oder so weit vom 
Auge des Beobachters entfernt, daß das Violett bei /wie- 
der herunter auf den weißen Grund, also mit in das r bei 
a fiele, so würde man dieses r nicht mehr rein Rot, son- 
dern Pfirsichblüt sehen, so wie unter dem Gelb bei c Grün 
erscheinen müßte, wenn bei d schon wieder ein neuer 
schwarzer Streifen anfinge, indem alsdann das nächste r 
bei d hinweggedacht werden müßte und bloß die Mischung 
von Gelb, Grün und Blau übrigblieb. 
Wäre hingegen der schwarze Streifen sehr viel breiter, als 
er hier angenommen worden, so würde unterhalb /bis zur 
Grenze alles schwarz bleiben, so wie unter e alles weiß 
bleibt, wenn sich da kein weißer Streifen wieder an- 
fängt." 

Eine achtzehnjährige Antikritik gegen diese Rezension ist 
noch unter unsern Papieren. Wir können aber dieselbe 
recht gut zurückhalten, weil sie schon vollkommen in un- 
serer vollbrachten Arbeit liegt. Die Nachwelt wird mit Er- 
staunen ein solches Musterstück betrachten, wie gegen das 
Ende des achtzehnten Jahrhunderts in den Naturwissen- 
schaften auf eine Weise verfahren worden, deren sich 
das dunkelste Mönchtum und eine sich selbst verirrende 
Scholastik nicht zu schämen hätte. 

Wie mit eben diesen Erscheinungen an einem schwarzen 
Streifen der wunderliche fF?V/w^/i sich abgequält, weil seine 
Voraussetzung nicht passen wollte, soll nunmehr auch von 



ERKLÄRUNG DER TAFELN 285 

uns dargestellt werden. Wir haben diesem Zwecke den 
untern Raum der zehnten Tafel gewidmet. 
Erst sieht man abermals einen schwarzen Streifen durch 
das Ganze gehen. Das einfache Verfahren der Natur ist 
dargestellt. Ins Schwarze herein wirken Blau und Blaurot, 
vom Schwarzen ab Gelbrot und Gelb. Wo die beiden ins 
Rot gesteigerten Enden übereinander greifen, erscheint 
ein vollkommenes Rot, und damit ist die Erfahrung ab- 
getan. 

Nun läßt hingegen Wünsch abermals seine drei Grund- 
farben en Echelon von oben und unten in das Schwarze 
hineinmarschieren. Allein hier gelingt ihm nicht einmal, 
was ihm auf der vorigen Tafel gelang, indem seine hypo- 
thetischen Wesen, selbst nach seiner eignen Auslegung, 
das Phänomen nicht hervorbringen können. Mit aller Be- 
mühung bringt er die Naturerscheinung nicht heraus. Zwar 
macht er aus Blaurot und Gelbrot das vollkommene Rot; 
allein unten drunter, wo er das Gelbrot haben soll, treten 
leider drei Grundfarben übereinander und müßten also 
Weiß geben; wie wir denn auch diese Käse unilluminiert 
gelassen. Ferner wird nun aus Gelbrot und Grün Hell- 
gelb; und der Schwanz der grünen Kolonne ist ganz ohne 
Wirkung. Hinaufwärts, über dem vollkommenen Rot, tritt 
Grün und Blaurot zusammen, woraus denn nach seiner 
löblichen Theorie Blau entsteht. Allein nun findet sich 
leider obendrüber Grün und Gelbrot nebeneinander, und 
da müßte denn abermals Gelb entstehen, welches aber 
niemals erscheint noch erscheinen kann; deswegen haben 
wir auch die Käse weiß gelassen. Die übrigen Farben ins 
Weiße zu verfolgen, möchte nun wohl weiter nicht wert 
sein. 

Dieses sind die Resultate einer Auslegungsart, die bloß 
dadurch entstanden ist, daß ein sonst scharfsinniger Mann 
die Newtonische nicht wegwarf, sondern sich an einem 
Paroli und Septleva des Irrturas ergötzte. Fast möchten 
wir glauben, daß es im Gehirn ganz besondere Organe für 
diese seltsamen Geistesoperationen gebe. Möge doch Gall 
einmal den Schädel eines rechten Stock-Newtonianers 
untersuchen und uns darüber einigen Aufschluß erteilen. 



286 ZUR FARBENLEHRE 

Eilfte Tafel 
Wenn es dem Dichter, der sich eine Zeitlang in der Hölle 
aufhalten müssen, doch zuletzt etwas bänglich und ängst- 
lich wird und er mit großem Jubel die wieder erblickte 
Sonne begrüßt, so haben wir auch alle Ursache, froh und 
heiter aufzuschauen, wenn wir aus dem Fegefeuer der vier 
letztenTafeln zu einer naturgemäßen Darstellunggelangen, 
wie sie uns nunmehr die eilfte einfach und klar hinlegt. 
Es gehört solche eigentlich zum polemischen Teile und 
zwar zu § 289 bis 301. Dort ist zwar das Nötige schon 
gesagt worden, aber wir tragen die Sache lieber nochmals 
vor, weil diesehieraufgezeichnetenFiguren von der größten 
Bedeutung sind und sie das, was bei der objektiven Re- 
fraktion zur Sprache kömmt, sowohl didaktisch als pole- 
misch aufs deutlichste ans Licht stellen. 
Erste Figur. Es ist die in allen Lehrbüchern vorkommende, 
wie nämlich das Verhältnis des Sinus des Einfallswinkels 
zu dem Sinus des Brechungswinkels vorgestellt wird. 
Zweite Figur. Ist die hypothetische Vorstellung, wie New- 
ton und seine Schule das Verhältnis des in farbige Strahlen 
auseinander gebrochenen Strahls zu dem einfallenden dar- 
stellen. Man sieht, daß hier nicht das einfache Verhältnis 
eines Sinus stattfinden könnte, sondern daß die weniger 
oder mehr gebrochenen Strahlen größere oder kleinere 
Sinus haben müßten. Nach Newtonischer Vorstellung ist 
der Sinus des mittelsten grünen Strahls als Normalsinus 
angenommen: aber dieses ist falsch; denn das Maß der 
Refraktion kann niemals in der Mitte des Bildes, sondern 
es muß am Ende desselben genommen werden. 
Daß die erste Figur ein der Erfahrung gemäßes Verhältnis 
in abstrakten Linien darstellt, mochte hingehen. Wenn 
aber bei Nr. 2 ein Phänomen, ohne seine notwendigen Be- 
dingungen, auch auf eine so abgezogene Weise vorgetragen 
wird, so laufen wir Gefahr, uns eine der Natur ungemäße 
Theorie aufheften zu lassen. 

Das Licht oder Millionen Strahlen desselben mögen aus 
dem dünnern Mittel, welches hier als der obere halbe Teil 
des Zirkels bezeichnet ist, in das dichtere, welches der 
untere Halbkreis vorstellt, übergehen und auf das stärkste 



ERKLÄRUiN G DER TAFELN 2 8 7 

gebrochen werden, so wird man doch diese Brechung nicht 
messen, noch viel weniger eine Farbenerscheinung be- 
merken können. Bedeckt man aber, wie in der 
DrittenF/gur, die dem einfallenden Licht entgegenstehende 
Seite mit irgendeinem undurchsichtigenHindernis, so folgt, 
weil dieBrechunggegen das volle Licht zugeht, das Finstere 
dem Hellen, und es entspringt der gelbroteundgelbe Saum. 
Auf gleiche Weise muß bei umgekehrter Vorrichtung, 
Vierte Figur, nach eben demselben Gesetze, das Licht dem 
Finstern folgen, und es entsteht der blaue und blaurote 
Rand. Dies ist das Faktum der Farbenerscheinung, wie sie 
sich an die Lehre und an die Gesetze der Brechung an- 
schließt, und in beiden Fällen gilt der Normalsinus für 
die entgegengesetzten Farben. 

Fünfte Figur. In dieser wird nun gezeigt, wie sich das 
Phänomen und das Gesetz der Farbenerscheinung von der 
Brechung gleichsam losmacht und mit ihr in Unverhältnis 
steht, indem bei gleicher Brechung, wie in den vorigen 
Fällen, die Farbenverbreiterung stärker ist; wodurch 
Achromasie und Hvperchromasie hervorgebracht wird. 

(E. 345 ff-) 

Wir empfehlen diese Tafel allen denen, die sich und an- 
dern das wahre Verhältnis der Erscheinungen entwickeln 
wollen. Gebe der Himmel, daß diese einfache Darstellung 
allen polemischen Wust auf ewige Zeiten von uns ent- 
ferne! 

Zwölfte Tafel 
Der fromme Wunsch, daß wir von der Newtonischen vor- 
sätzlichen oder zufälligen Verirrung nicht weiter mehr hören 
möchten, kann nur alsdann erfüllt werden, wenn die ganze 
Lehre vor dem Wahrheitsblick einer reinen Erfahrung und 
tüchtigen Beurteilung verschwunden ist. Leider führt uns 
diese Tafel, welche abermals zur Kontrovers gehört, wie- 
der zu den Sophistereien zurück, wodurch freilich Unauf- 
merksame getäuscht werden können. 
Der wegen seiner Versuche so berühmte Newton läßt wäh- 
rend seiner Untersuchungen und Beobachtungen, welche 
so scharf und genau sein sollen, immer wieder, ehe man 



2 88 ZUR FARBENLEHRE 

sichs versieht, mancherlei ZufäUigkeiten obwalten. Eine 
Fliege, die ihm über die Wand läuft, die Lettern eines auf- 
geschlagenen Buches, ein Knoblauchblatt, ein Schächtel- 
chen Zinnober, und was ihm sonst in die Quere kommt, 
wird mit hereingezogen, und die dabei eintretenden Er- 
scheinungen müssen dann gelten, was sie können. 
Da die einmal aus dem Licht gesonderten homogenen 
Lichter nach jener Lehre nicht weiter zu trennen sind, 
sondern bei neuen Brechungen unverändert bleiben, so 
läßt Newton das Spektrum auf ein gedrucktes Buch fallen, 
betrachtet dieses alsdann mit einemPrisma und behauptet, 
daß nun die Buchstaben keine farbigen Säume und Barte 
mehr zeigen, wie sie es tun, wenn man das weiße gedruckte 
Blatt durchs Prisma ansieht. 

Nur ein unaufmerksamer Beobachter kann also reden. Wir 
haben wiederholt gewiesen und behauptet, daß aufgefärb- 
ten Flächen die Säume der Bilder bloß darum unschein- 
bar sind, weil sie einmal der farbigen Fläche widersprechen 
und dadurch mißfärbig werden, das andre Mal aber mit 
derselben übereinstimmen und sich also in ihr verlieren. 
Doch dürfen auch bei gefärbten Flächen die Bilder nur 
genugsam als hell oder dunkel abstechen, so sieht man die 
gedachten Säume und Barte deuthch und überzeugend ge- 
nug, welche sich in vielen Fällen besonders durch Mischung 
manifestieren. 

Wir haben daher zur Fixierung dieses Versuchs die zwölfte 
Tafel in sechs Felder eingeteilt, diese mit den sechs vor- 
züglichsten Farben illuminiert und auf denselben wieder 
einfache farbige Bilder angebracht, so daß außer einigen 
Mückenflügeln nichts Dekomponibles auf dieser Tafel ge- 
funden wird. Man betrachte sie aber durch ein Prisma, und 
man wird sogleich die Säume und Barte stärker und schwä- 
cher, nach Verhältnis des Hellen und Dunkeln, und sodann 
wunderhch gefärbt, nach Verhältnis der Mischung mit dem 
Grunde, ohne allen Widerspruch erblicken. 
Wem an dieser Sache ernstlich gelegen ist, wird sich 
größere Tafeln mit helleren und satteren Farben von aller- 
lei Schattierungen verfertigen und überall dasselbige fin- 
den. 



ERKLÄRUNG DER TAFELN 289 

Daß ein gefärbtes Papier einer durch prismatische Farben 
erleuchteten Fläche völlig gleich zu halten sei, erhellet 
daraus, daß die beiden ersten und Grundversuche von 
Newtons Optik mit farbigen Papieren angestellt und doch 
von ihnen als farbigen Lichtern gesprochen worden. Man 
mache diese Farben so satt als man will, immer werden 
die Bildersäume sich nach wie vor verhalten, vorausgesetzt, 
daß die Bilder an Helligkeit oder Dunkelheit vom farbigen 
Grunde genugsam abstechen. 

Wollen die Newtonianer nach alter Weise ihre Ausflucht 
dahin nehmen, daß keins der homogenen Lichter voll- 
kommen homogen, die dekomponierten nicht völlig de- 
komponiert seien, daß ihnen allen die Erbsünde ihrer 
Mutter, des Lichts, heterogen und dekomponibel zu sein, 
noch immer in einem gewissen Grade anklebe, weshalb 
denn die freilich unbedingt ausgesprochenen Axiome durch 
die Ej-fahrung bis zu nichts bedingt und limitiert werden: 
so überlassen wir gern die Schule ihrem würdigen Prä- 
sidenten und Anführer der Kosaken, dessen Qualifikation 
zu dieser Stelle wir in dem Werk selbst wohlmeinend dar- 
getan. 

Dreizehnte Tafel, 
teils der Kontrovers, teils der natürlichen Darstellung des 

Phänomens gewidmet 
Die vierte Figur, nach einer Newtonischen kopiert, der 
ersten des zweiten Teiles, ist gehörigen Orts in ihrer gan- 
zen Unrichtigkeit, Unreinheit, Falschheit und Betrüglich- 
keit dargestellt worden. 

Um das Phänomen, wovon die Rede ist, in seiner Anlei- 
tung kennen zu lernen, sehe man unsere oben drüber 
stehende Figuren und bemerke Folgendes: 
Erste Figur. Das Lichtbild geht durch ein großes Prisma, 
die Farbenerscheinung entsteht an beiden Grenzen, der 
weißen Mitte ist eine Tafel entgegengestellt. Durch eine 
Öflfnung derselben fällt dieses gebrochene weiße Licht, 
und sogleich entstehn gesetzmäßig an den Grenzen die 
Farbenerscheinungen, sich verbreitend, sich vereinigend 
und das Grün bildend. 

GOETHE XVII ig. 



290 ZUR FARBENLEHRE 

Zweite Figur. Dasselbe Prisma, derselbe Lichtdurchgang, 
dieselbe Farbenentstehung an den Grenzen. Hier hat man 
aber weder diesen entstandenen Farben noch der weißen 
Mitte eine Tafel entgegengesetzt, sondern jene gehen ins 
Weite, in diese aber hat man ein schmales Hindernis ein- 
geschoben, an dessen Rändern abermals die Farbenerschei- 
nung nach dem Gesetz entsteht. Jene ersten Randerschei- 
nungen hätten für sich bei weiterem Fortgang ein Grün 
hervorgebracht; nun sind aber hier, durch dies schmale 
Hindernis, zwei neue Grenzen entstanden, deren äußere 
Seiten mit jenen ersten Randerscheinungen Grün, deren 
innere hingegen, nach dem Dunkeln zu, Purpur hervor- 
bringen, wodurch denn ein ganz eignes und kompliziertes 
Spektrum zum Vorschein kommt. 

Dritte Figur. Hier hat man die Phänomene der beiden 
obern Figuren vereinigt. Man gab dem einfallenden Licht 
mehr Breite, machte die Öffnung der Tafel größer und 
setzte das Hindernis als einen durchschnittenen Stab vor 
das Prisma. Dieses ist nun eigentUch die rechte und recht- 
liche Darstellung desjenigen, was Newton durch seine 
drunter stehende Figur andeuten will, wo das angebrachte 
Pfötchen mit einem Stäbchen die farbigen Strahlen da 
wegpariert, wo sie nach der Theorie selbst noch nicht 
existieren. 

Bei unserer dritten Figur sieht man nun freilich ein noch 
komplizierteres Spektrum am Ende anlangen, allein es ist 
und bleibt doch immer dasselbe. Wir finden hier eine drei- 
fache Randerscheinung; die erste oben und unten aus dem 
Prisma, welche nur bis zur Tafel gelangt; die zweite in der 
Mitte aus dem Prisma, an den beiden Rändern, welche 
das Stäbchen verursacht; die dritte an den Grenzen der 
Öffnung, welche die Tafel läßt und wodurch die mittlere 
Erscheinung zugleich durchgeht. 

Man begreift bei genauer Betrachtung dieser Normalfigur 
recht gut, was für verschiedenartige Erscheinungen vor- 
kommen müssen, wenn man das Stäbchen hin und wieder 
bewegt, so daß die dadurch neu entstehenden mit den 
schon entstandenen sich auf allerlei Weise verbinden, ver- 
mischen, sich irren und einander aufheben: welches aber 



ERKLÄRUNG DER TAFELN 2 9 1 

niemanden irremachen wird, der unsere naturgemäße Ab- 
leitung kennt. 

Vierzehnte Tafel 

Die mittlere Figur dieserTafel gehört zum dritten Versuche 
des zweiten Teils der Newtonischen Optik und ist von uns 
schon als kaptios und falsch gerügt worden. Man vergleiche 
nunmehr unsre naturgemäße oben drüber gestellte, deren 
Teile wir mit denselben Buchstaben bezeichnet haben. 
A B C ist hier auch das Prisma, auf welches das volle 
Sonnenhcht fällt. Bei A und C geht jedoch die farbige 
Randerscheinung an und würde sich, wenn in F und G 
eine Tafel stände, daselbst abbilden. £) und B ist nun- 
mehr die von Newton angegebene Tafel, welche ganz inner- 
halb des weißen Lichtes stehen soll. Von ihren beiden 
Enden Z> und £ würden daher naturgemäß abermals far- 
bige Randerscheinungen entspringen und sich in fg ab- 
bilden. 

Ließe man nun die Tafel D E unbeweglich stehen und 
brächte zwei Tafeln de und 6 e wie Schaufeln eines Wasser- 
rades, jedoch beweglich an, so würden von den Enden s 
und e abermals farbige Ränder verursacht werden, die sich 
auf der Tafel D Eva. h und i abbildeten. Hier hätten wir 
also schon die Rändererscheinungen dreimal bei diesem 
Versuche, die jedoch Newton völlig verschweigt. Um nun 
diejenigen, welche er aufführt, und denen zuliebe er seinen 
Versuch so wunderlich anstellt, vorsAuge bringen zu können, 
haben wir in /und k ein paar Stifte supponiert, von welchen 
die Erscheinung abermals hervorgebracht wird, und wo- 
durch noch mehr auffällt, daß es eigentlich ein Rand ist, 
welcher die Farben verursacht, ob ihn gleich Newton ge- 
rade durch diesen Versuch ausschließen und beseitigen 
möchte. 

Wer diese beiden Figuren mit Aufmerksamkeit vergleicht, 
die Newtonische Auslegung und die unsrige wohl be- 
herzigt, der wird hier abermals das seltsamste Beispiel, 
wie ein Versuch entstellt werden kann, mit Verwunderung 
wahrnehmen. 
Die untere Figur ist die Newtonische zehnte des zweiten 



292 ZUR FARBENLEHRE 

Teils und gehört zu dessen dreizehntem Versuch, der bei 
uns entwickelt worden. 

Fünfzehnte Tafel 
Gehört zum historischen Teil und stellt die Figur vor, 
welche Antonius de Dominis zu Versinnlichung dessen, 
was im Regentropfen vorgeht, ausgedacht. In der ange- 
zogenen Stelle findet man seine eigene Erklärung. Wenn 
vom Regentropfen die Rede sein wird, müssen wir uns 
abermals darauf beziehen. Hier bemerken wir nur, daß er 
nicht, wie seine Nachfolger, die Sache mit einem hypo- 
thetischen Strahl abtut, sondern den Durchschnitt des auf 
dem Grunde der Kugel zusammengezogenen Sonnenbildes, 
durch g g bezeichnet, naturgemäß darstellt: welches bei 
einer gründlichen Erklärung des Regenbogens von großer 
Bedeutung ist. 

Sechzehnte Tafel* 
Das zusammengesetzte hohle Wasserprisma ist hier schwe- 
bend vorgestellt. Man kann seine zwei undurchsichtigen 
bleiernen Seiten von den durchsichtigen gläsernen leicht 
unterscheiden und sieht, daß die oberste ni cht zugeschlossen 
ist. Man erkennt das schmale Fensterblei, wodurch das 
ganze Instrument verbunden wird, indem die Bleizainen 
an den Rändern hingeführt und wohlverkittet sind. 
Es schwebt das Prisma über seinem Gestelle. Dieses hat 
zwei Seitenbretter mit Leisten eingefaßt, um das Prisma 
zu empfangen. Die eine Leiste ist kurz und einfach, die 
andere länger und eingeschnitten. Dieser Einschnitt dient, 
wenn das Prisma unmittelbar an den Brettern niederge- 
lassen ist und auf den Leisten ruht, eine ausgeschnittene 
Pappe vor die eine Fläche des Prismas zu schieben, um 
dadurch objektive Versuche hervorzubringen, welche mit 
den subjektiven parallel gehn. 

Die erstbeschriebenen Seitenbretter sind durch beweg- 
liche Zapfen mit zwei Pfosten verbunden und können 
durch eine Schraube an die Pfosten angezogen oder von 

* Diese von Goethe auch im zweiten Stück der „Beiträge zur Optik" 
gegebene Tafel befindet sich hier Seite 330. 



ERKLÄRUNG DER TAFELN 293 

denselben entfernt und also dem Prisma genau angepaßt 
werden. 

Die beiden Pfosten stehen auf einem Boden von starkem 
Holz, das einwärts vertieft ist, damit das aus dem prisma- 
tischen Gefäß allenfalls auströpfelnde Wasser aufgefangen 
werde. Die Leisten der oben beschriebenen Seitenbretter 
gehn unterwärts nicht zusammen, damit das Wasser un- 
gehindert abträufeln könne. 

Ob nun gleich dieses Prisma, wie es hier vorgestellt ist, 
leicht angeschafft werden und guten Nutzen gewähren kann, 
so ließe sich doch solches auf mancherlei Weise verbessern. 
Besonders würde dasselbe sehr gewinnen, wenn man an 
der einen untern Seite, genau in der Spitze des Winkels, 
eine mit einem verschlossenen Hahn versehene Röhre an- 
brächte, so daß man das Wasser bequem ablassen und das 
Gefäß jederzeit reinigen könnte, welches jetzt nur ge- 
schehen kann, indem man es aus dem Gestelle hebt. Wie 
dieses Erfordernis, und was sonst noch zu wünschen wäre, 
zu bewerkstelligen sei, wird ein geübter Mechaniker wohl 
auszudenken wissen. 



CHROMATIK 



Bringst du die Natur heran^ 
Daß sie jeder nutzen kann; 
Falsches hast du nicht ersonnen^ 
Hast der Menschen Gunst gewonnen. 



BEITRÄGE ZUR OPTIK 

ERSTES STÜCK. 1791 
MIT XXVn TAFELN 1 

Einleitung 

1. /' ^EGEN die Reize der Farben, welche über die 
I -»ganze sichtbare Natur ausgebreitet sind, werden 
^^ — Jnur wenig Menschen unempfindlich bleiben. Auch 

ohne Bezug auf Gestalt sind diese Erscheinungen dem 
Auge gefäUig und machen an und für sich einen ver- 
gnügenden Eindruck. Wir sehen das einfache Grün einer 
frischgemähten Wiese mit Zufriedenheit, ob es gleich nur 
eine unbedeutende Fläche ist, und ein Wald tut in einiger 
Entfernung schon als große einförmige Masse unserm 
Auge wohl. 

2. Reizender als dieses allgemeine grüne Gewand, in 
welches sich die ganze vegetabilische Natur gewöhnlich 
kleidet, sind jene entschiedenem Farben, womit sie sich 
in den Stunden ihrer Hochzeitfeier schmückt. Sie tritt aus 
ihrer alltäglichen Gleichgültigkeit hervor und zeigt end- 
lich, was sie lange vorbereitet, unserm Auge. Sie wirkt 
auf einmal, schnell, zu dem größten Zwecke. Die Dauer 
künftiger Geschlechter wird entschieden, und wir sehen 
in diesem Augenblicke die schönsten und muntersten 
Blumen und Blüten. 

3. Wie angenehm beleben bunte und gescheckte Tiere 
die Wälder und die Wiesen! Wie ziert der Schmetterling 
die Staude, der Vogel den Baum! Ein Schauspiel, das wir 
Nordländer freilich nur aus Erzählungen kennen. Wir stau- 
nen, als hörten wir ein Märchen, wenn der entzückte Rei- 
sende uns von einem Palmenwalde spricht, auf den sich 
ein Flug der größten und buntesten Papageien niederläßt 
und zwischen seinen dunkeln Ästen sich wiegt. 

4. Ebenso wird es uns, wenn wir eine Zeitlang in dem 
schönen Italien gelebt, ein Märchen, wenn wir uns er- 
innern, wie harmonisch dort der Himmel sich mit der Erde 
verbindet und seinen lebhaften Glanz über sie verbreitet. 
Er zeigt uns meist ein reines tiefes Blau; die auf- und 

^ Vgl. am Schluß des Bandes die 27 Abbildungen auf den nenn 
Tafeln "Beiträge zur Optik", 



2 98 CHROMATIK 

untergehende Sonne gibt uns einen Begriff vom höchsten 
Rotbis zum lichtesten Gelb; leichtehin und wieder ziehende 
Wolkenfärben sich mannigfaltig, und die Farben des himm- 
lischen Gewölbes teilen sich auf die angenehmste Art dem 
Boden mit, auf dem wir stehen. Eine blaue Feme zeigt 
uns den liebhchsten Übergang des Himmels zur Erde, und 
durch einen verbreiteten reinen Duft schwebt ein lebhafter 
Glanz in tausendfachen Spielungen über der Gegend. Ein 
angenehmes Blau färbt selbst die nächsten Schatten; der 
Abglanz der Sonne entzückt uns von Blättern und Zwei- 
gen, indes der reine Himmel sich im Wasser zu unsern 
Füßen spiegelt. Alles was unser Auge übersieht, ist so 
harmonisch gefärbt, so klar, so deutlich, und wir ver- 
gessen fast, daß auch Licht und Schatten in diesem Bilde 
sei. Nur selten werden wir in unsern Gegenden an jene 
paradiesischen Augenblicke erinnert, und ich lasse einen 
Vorhang über dieses Gemälde fallen, damit es uns nicht 
an ruhiger Betrachtung störe, die wir nunmehr anzustellen 
gedenken. 

5. Wenn wir die Körper, aus denen die Welt besteht, im 
Bezüge auf Farben betrachten, so können wir leicht be- 
merken, daß diese zarten Erscheinungen, die bei gewissen 
Veränderungen des Körpers so leicht entstehen und ver- 
schwinden, nicht etwa zufälhg sind, sondern von bestän- 
digen Gesetzen abhangen. Gewisse Farben sind gewissen 
Geschöpfen eigen, und jede Veränderung der äußerlichen 
Erscheinung läßt uns auf eine innere wesentliche Ver- 
änderung schließen. Die Rose verbleicht, indem sie ver- 
blüht, und die bunte Farbe des Waldes verkündigt uns 
die rauhe Jahreszeit. 

6. Von diesen Erfahrungen geleitet, schließen wir, daß es 
mit andern Wirkungen der Natur ebenso beschaffen sei. 
Indem wir den Himmel blau sehen, schreiben wir der 
Luft eine blaue Eigenschaft zu und nehmen an, daß wir 
diese alsdann erst gewahr werden, wann wir eine große 
Luftmasse vor uns haben. Wir erklären auch die blaue 
Farbe der Berge auf diese Weise, ob wir gleich bei näherer 
Aufmerksamkeit leicht bemerken, daß wir mit dieser Er- 
klärung nicht auslangen: denn, wäre sie richtig, so müßten 



BEITRÄGE ZUR OPTIK I 299 

die entferntesten Berge am dunkelblauesten erscheinen, 
weil sich zwischen uns und ihnen die größte Luftmasse 
befindet. Wir bemerken aber gerade das Gegenteih denn 
nur in einer gewissen Entfernung erscheinen die Berge 
im schönen hohen Blau, da die entfernteren immer heller 
werden und sich zuletzt ins Weißhche verlieren. 

7. Eine andere Lufterscheinung gibt uns noch mehr zu 
denken. Es verbreitet ein Gewitter über die Gegend einen 
traurigen Schleier, die Sonne bescheint ihn, und es bildet 
sich in diesem Augenblick ein Kreis der angenehmsten 
und lebhaftesten Farben. DieseErscheinung ist so wunder- 
bar erfreulich an sich selbst und so tröstlich in dem 
Augenblicke, daß jugendlich empfindende Völker eine 
niedersteigende Botschaft der Gottheit, ein Zeichen des 
geschlossenenFriedensbundes zwischen Göttern undMen- 
schen darin zu erkennen glaubten. 

8. Die beständigen Farben dieser Erscheinung und ähn- 
licher Phänomene lassen uns ein sehr einfaches und be- 
ständiges Gesetz vermuten, das auch zum Grunde anderer 
Phänomene zu liegen scheint. Schon das Kind findet in 
der Seifenblase ein buntes Spielwerk, und den Knaben 
blendet die glänzende Farbenerscheinung, wenn er durch 
ein besonders geschliffenes Glas die Welt ansieht. Der 
Jüngling beobachtet, vergleicht, zählt, und findet: daß sich 
die unendliche Abweichung der Farbenharmonie in einem 
kleinen Kreise nahe beisammen übersehen lasse; und da- 
mit es ja am Gegensatze nicht fehle, so werden diese 
Farben, die bisher so angenehm waren, so manche Er- 
götzlichkeit gewährten, dem Manne in dem Augenblicke 
hinderlich und verdrießlich, wenn er sich entfernte Gegen- 
stände durch Hülfe künstlicher Gläser näher bringen und 
die leuchtenden Körper, die in dem unendlichen Räume 
geordnet sind, genauer beobachten will. 

9. Von diesen schönen und, wie gesagt, unter gewissen 
Umständen unbequemen Erscheinungen sind seit den 
ältesten Zeiten nachdenkende Menschen gereizt worden, 
sie teils genauer zu beobachten, teils sie durch künstliche 
Versuche unter verschiedenen Umständen zu wiederholen, 
ihrer Ursache und ihren Verhältnissen näher zu bringen. 



300 CHROMATIK 

Die Geschichte der Optik lehrt uns, wie langsam es da- 
mit zuging. 

10. Jedermann weiß, daß vor mehr als hundert Jahren 
ein tiefsinniger Mann sich mit dieser Materie beschäftigte, 
mancherleiErfahrungenanstellte, einLehrgebäude, gleich- 
sam als eine Feste mitten im Felde dieser Wissenschaft, 
errichtete und durch eine mächtige Schule seine Nach- 
folger nötigte, sich an diese Partei anzuschließen, wenn 
sie nicht besorgen wollten, ganz und gar verdrängt zu 
werden. 

11. Indessen hat es doch dieser Lehre nicht an Wider- 
sachern gefehlt, und es steht von Zeit zu Zeit einer und 
der andere wieder auf; obgleich die meisten, gleich als 
hätten sie verwegen die Lade des Bundes angerührt, aus 
der Reihe der Lebendigen verschwinden. 

12. Demungeachtet kann man sich nicht leugnen, daß 
große und wichtige Einwendungen gegen das Newtonsche 
System gemacht worden. Ob sie widerlegt sind, bleibt 
noch eine Frage: denn wer wäre stolz genug, in einer so 
verwickelten Sache sich zum Richter aufzuwerfen? 

13. Es würde sogar verwegen sein, sich in jenen Streit 
zu mischen, wenn nicht derjenige, der in dieser Wissen- 
schaft einige Vorschritte machen will, zu seiner eigenen 
Belehrung die angefochtenen Punkte untersuchen müßte. 
Dieses wird schwer, weil die Versuche verwickelt und be- 
schwerlich nachzumachen sind, weil die Theorie abstrakt 
ist und die Anwendung derselben ohne die genauste Ein- 
sicht in die höhere Rechenkunst nicht beurteilt werden 
kann. 

14. Diese Schwierigkeiten würden mich mutlos gemacht 
haben, wenn ich nicht bedacht hätte: daß reine Erfahrungen 
zum Fundament der ganzen Naturwissenschaft liegen soll- 
ten, daß man eine Reihe derselben aufstellen könne, ohne 
auf irgendeinen weiteren Bezug Rücksicht zu nehmen; 
daß eine Theorie nur erst alsdann schätzenswert sei, wenn 
sie alle Erfahrungen unter sich begreift und der prak- 
tischen Anwendung derselben zu Hülfe kommt; daß end- 
lich die Berechnung selbst, wenn sie nicht, wie so oft ge- 
schehen ist, vergebene Bemühung sein soll, auf sicheren 



BEITRÄGE ZUR OPTIK I 301 

Datis fortarbeiten müsse. In dieser Überzeugung entschloß 
ich mich, den physikalischen Teil der Lehre des Lichtes 
und der Farben ohne jede andere Rücksicht vorzunehmen, 
und gleichsam für einen Augenblick zu supponieren, als 
wenn in demselben noch vieles zweifelhaft, noch vieles 
zu erfinden wäre. 

15. Meine Pflicht war daher, die bekannten Versuche 
aufs genaueste nochmals anzustellen, sie zu analysieren, 
zu vergleichen und zu ordnen, wodurch ich in den Fall 
kam, neue Versuche zu erfinden und die Reihe derselben 
vollständiger zu machen. Da ich dem lebhaften Wunsche 
nicht widerstehen konnte, wenigstens mein Vaterland auf 
diese Wissenschaft aufmerksamer zu sehen, als es bisher 
gewesen, so habe ich gesorgt, daß man so leicht und be- 
quem als möglich die Erfahrungen selbst anstellen könne, 
von denen die Rede sein wird, und ich werde am Ende 
dieses Aufsatzes noch besonders von dem Gebrauche 
der kleinen Tafeln sprechen, welche zugleich ausgegeben 
werden. 

16. Wir haben in diesen letzten Jahren eine Wissenschaft 
unglaublich erweitert gesehen, und sie erweitert sich zu 
unsrer Freude und zu unserm Nutzen gleichsam noch jeden 
Tag: ich meine die Chemie. Aber welch ein allgemeines 
Bestreben der scharfsichtigsten Männer wirkt nicht in der- 
selben! Welche Mannigfaltigkeit von Erfahrungen! Welche 
genaue Untersuchung der Körper, auf die man wirkt; wel- 
che scharfe Prüfung der Instrumente, durch die man wirkt; 
welche methodische Fortschritte; welche glückliche Be- 
nutzung zufälliger Erscheinungen; welche Kühnheit in 
Hypothesen; welche Lebhaftigkeit in Bestreitung der- 
selben; wie viele in diesem Konflikt beiden Parteien 
gleichsam abgedrungene Erfindungen; welche unpartei- 
ische Benutzung desjenigen, was durch allgemeine Be- 
mühung nicht einem, sondern allen gehört! 

17. Es wird manchem, der den Fleiß und die Sorgfalt 
kennt, mit welchen die Optik schon durchgearbeitet wor- 
den, vielleicht sonderbar vorkommen, wenn ich dieser 
Wissenschaft auch noch eine solche Epoche zu wünschen 
mich unterfange. Wenn man sich aber erinnert, wie oft 



302 CHROMATIK 

sich scheinbare Hypothesen in der Vorstellung der Men- 
schen festsetzten, sich lange darin behaupteten und nur 
durch ein ungeheures Übergewicht von Erfahrungen end- 
lich verbannt werden konnten; wenn man weiß, wie leicht 
eine flache bildliche Vorstellung von der Einbildungs- 
kraft aufgenommen wird und der Mensch sich so gerne 
überredet, er habe die wahren Verhältnisse mit dem Ver- 
stände gefaßt; wenn man bemerkt hat, wie behaglich er 
oft das zu begreifen glaubt, was er nur weiß: so wird man, 
besonders in unserm Jahrzehent, wo die verjährtesten 
Rechte bezweifelt und angegriffen werden, verzeihlich fin- 
den, wenn jemand die Dokumente untersucht, aufweiche 
eine wichtige Theorie ihren Besitz gegründet hat. 
i8. Man wird es mir um so mehr verzeihen, da ich zu- 
fälligerweise und durch andere Wege in den Kreis dieser 
Wissenschaft gelangt bin, als diejenigen sind, durch die 
man sich ihr gewöhnlich nähert. Durch den Umgang mit 
Künstlern von Jugend auf und durch eigene Bemühungen 
wurde ich auf den wichtigen Teil der Malerkunst, auf die 
Farbengebufjg aufmerksam gemacht, besonders in den letz- 
ten Jahren, da die Seele ein lebhaftes freudiges Bild der 
harmonisch-farbigen Welt unter einem reinen glücklichen 
Himmel empfing. Denn wenn jemand Ursach hat, sich um 
die Wirkungen und Verhältnisse der Farben zu bekümmern, 
so ist es der Maler, der sie überall suchen, überall finden, 
sie versetzen, verändern und abstufen muß; dahingegen 
der Optiker seit langer Zeit beschäftigt ist, sie zu ver- 
bannen, seine Gläser davon zu reinigen, und nun seinen 
höchsten Endzweck erreicht hat, da das Meisterwerk der 
bis auf einen hohen Grad farblosen Sehröhre in unsern 
Zeiten endlich gelungen ist. 

19. Der bildende Künstler konnte von jener Theorie, 
woraus der Optiker bei seinen negativen Bemühungen die 
vorkommenden Erscheinungen noch allenfalls erklärte, 
wenig Vorteil ziehen. Denn ob er gleich die bunten Farben 
des Prisma mit den übrigen Beobachtern bewunderte und 
die Harmonie derselben empfand, so blieb es ihm doch 
immer ein Rätsel, wie er sie über die Gegenstände aus- 
teilen sollte, die er nach gewissen Verhältnissen gebildet 



BEITRÄGE ZUR OPTIK I 303 

und geordnet hatte. Ein großer Teil der Harmonie eines 
Gemäldes beruht auf Licht und Schatten; aber das Ver- 
hältnis der Farben zu Licht und Schatten war nicht so 
leicht entdeckt, und doch konnte jeder Maler bald ein- 
sehen, daß bloß durch Verbindung beider Harmonien 
sein Gemälde vollkommen werden könne, und daß es 
nicht genug sei, eine Farbe mit Schwarz oder Braun zu 
vermischen, um sie zur Schattenfarbe zu machen. Man- 
cherlei Versuche bei einem von der Natur glücklich ge- 
bildeten Auge, Übung des Gefühls, Überlieferung und 
Beispiele großer Meister brachten endlich die Künstler 
auf einen hohen Grad der Vortrefflichkeit, ob sie gleich 
die Regeln, wornach sie handelten, kaum mitteilen konn- 
ten; und man kann sich in einer großen Gemäldesamm- 
lung überzeugen, daß fast jeder Meister eine andere Art 
die Farben zu behandeln gehabt hat. 

20. Es ist hier der Ort nicht, diese Materien weiter aus- 
zuführen, und zu untersuchen, welchen allgemeinen Ge- 
setzen diese verschiedenen Behandlungen unterworfen 
sein könnten. Ich bemerke hier nur ein Hauptgesetz, wel- 
ches die Künstler entdeckten: ein solches, das mit dem 
Gesetze des Lichtes und des Schattens gleichen Schritt 
hielt und sich an dasselbe auf das innigste anschloß, es 
war das Gesetz der sogenannten warmen und kalten Tinten. 
Man bemerkte, daß gewisse Farben, nebeneinander ge- 
stellt, ebenso einen großen Effekt machten, als tiefer 
Schatten neben dem hellsten Lichte, und daß diese Farben 
ebensogut Abstufungen erlitten als der Schatten durch 
die Widerscheine. Ja es fand sich, daß man bloß durch 
die Gegeneinanderstellung der Farben gleichsam ohne 
Schatten ein sehr vollkommenes Gemälde hervorbringen 
könnte, wie uns noch jetzt reizende Bilder der größten 
Meister Beispiele geben. 

21. Mit allen diesen Punkten, deren hier nur im Vorbei- 
gehen gedacht wird, werden wir uns in der Folge mehr 
beschäftigen, wenn wir erst eine Reihe Erfahrungen durch- 
gegangen sind. Dieses erste gegenwärtige Stück wird die 
einfachsten prismatischen Versuche enthalten, wenige, 
aber merkwürdige Versuche, die zwar nicht alle neu, aber 



304 CHROMATIK 

doch nicht so bekannt sind, als sie es zu sein verdienten. 
Es sei mir erlaubt, eh ich sie vortrage, das Allgemeinere 
vorauszuschicken. 

2 2 . Den Zustand des Raums um uns, wenn wir mit ofienen 
gesunden Augen keine Gegenstände erblicken, nennen i 
wir die Finsternis. Wir denken sie abstrakt ohne Gegen- | 
stand als eine Verneinung, sie ist, wie die Ruhe, den } 
Müden willkommen, den Muntern unangenehm. i 

23. Das Licht hingegen können wir uns niemals in ab- j 
stracto denken, sondern wir werden es gewahr als die j 
Wirkung eines bestimmten Gegenstandes, der sich in dem I 
Räume befindet und durch eben diese Wirkung andere 
Gegenstände sichtbar macht. 

24. Licht und Finsternis führen einen beständigen Streit 
miteinander; Wirkung und Gegenwirkung beider ist nicht j 
zu verkennen. Mit ungeheurer Elastiziät und Schnelhg- ! 
keit eilt das Licht von der Sonne zur Erde und verdrängt ' 
die Finsternis; ebenso wirkt ein jedes künstliche Licht in i 
einem proportionierten Räume. Aber sobald diese un- ! 
mittelbare Wirkung wieder aufhört, zeigt die Finsternis , 
wieder ihre Gewalt und stellt sich in Schatten, Dämme- 
rung und Nacht sogleich wieder her. 

25. Die Oberflächen der Körper, die uns sichtbar werden, 
haben außer ihren Eigenschaften, welche wir durchs Ge- 
fühl erkennen, noch eine, welche dem Gefühl gewöhnlich 
nicht unterworfen ist; wir nennen diese Eigenschaft ^rtrr^^. 
In diesem allgemeinen Sinne nennen wir Schwarz und 'i 
Weiß so gut als Blau, Gelb und Rot mit allen ihren Mi- 
schungen eine Farbe. Wenn wir aber genauer aufmerken, 
so werden wir leicht finden, daß wir jene beiden ersten 
von den letztern abzusondern haben. 

26. Die Wirkung des Lichts auf ungefärbte Wassertropfen, 
welche sich vor einem dunkeln Grunde befinden, zeigt 
uns eine Erscheinung von Gelb, Blau und Rot mit ver- 
schiedenen Mischungen: ein ungefärbtes prismatisches 
Glas läßt uns ein ähnliches Phänomen an allen Gegen- 
ständen erblicken. Diese Farben, welche an der Ober- i 
fläche der Körper nicht bleibend sind, sondern nur unter 
gewissen Umständen gesehen werden, möchte ich absolute 



BEITRÄGE ZUR OPTIK I 305 

Farben nennen; die mit ihnen korrespondierenden Ober- 
flächen /^r^z^^'^ Körper. 

27. Wir bemerken, daß wir allen absoluten Farben körper- 
liche Repräsentanten stellen können, welche, ob sie gleich 
nicht in dem Glänze wie jene erscheinen, dennoch sich 
ihnen in einem hohen Grade nähern und eine gewisse 
Verwandtschaft anzeigen. 

28. Sind diese farbigen Körper von der Art, daß sie ihre 
Eigenschaften ungefärbten oder anders gefärbten Kör- 
pern leicht mitteilen, so nennen wir %\^ färbende Körper, 
oder nach dem Vorschlage Herrn Hofrats Lichtenberg 
Pigmente. *^ 

29. Wie wir nun auf diese Weise farbige Körper und 
Pigmente teils finden, teils bereiten und mischen können, 
welche die prismatischen Farben so ziemlich repräsen- 
tieren: so ist das reine Weiß dagegen ein Repräsentant 
des Lichts, das reine Schwarz ein Repräsentant der Fin- 
sternis, und in jenem Sinne, wie wir die prismatische Er- 
scheinung farbig nennen, ist Weiß und Schwarz keine 
Farbe; aber es gibt so gut ein weißes als schwarzes Pig- 
ment, mit welchem sich diese Erscheinung auf andere 
Körper übertragen läßt. 

30. Unter den eigentlich farbigen Erscheinungen sind nur 
zwei, die uns einen ganz reinen Begrifif geben, nämlich 
Gelb und Blau. Sie haben die besondere Eigenschaft, daß 
sie zusammen vermischt eine dritte Farbe hervorbringen, 
die wir Grün nennen. 

31. Dagegen kennen wir die rote Farbe nie in einem ganz 
reinen Zustande: denn wir finden, daß sie sich entweder 
zum Gelben oder zum Blauen hinneigt. 

32. Von den übrigen Mischungen und Abstufungen wird 
erst in der Folge die Rede sein können. 

I 

Prismatische Erscheinungen im allgemeinen 

33. Das Prisma, ein Instrument, welches in den Morgen- 
ländern so hoch geachtet wird, daß sich der chinesische 

* Enclebens Natnrlehre, fünfte Auflage, S. 315. 
r.OETHE XVII 20. 



3o6 CHROMATIK 

Kaiser den ausschließenden Besitz desselben, gleichsam 
als ein Majestätsrecht, vorbehält, dessen wunderbare Er- 
scheinungen uns in der ersten Jugend auffallen und in 
jedem Alter Verwunderung erregen, ein Instrument, auf 
dem beinahe allein die bisher angenommene Farbentheorie 
beruht, ist der Gegenstand, mit dem wir uns zuerst be- 
schäftigen werden. 

34. Das Prisma ist allgemein bekannt, und es ist kaum 
nötig zu sagen, daß solches ein länglicher gläserner Kör- 
per sei, dessen beide Endflächen aus gleichen, parallel- 
stehenden Triangeln gebildet sind. Parallele Ränder gehen 
rechtwinklig von den Winkeln beider Endflächen aus, ver- 
binden diese Endflächen und bilden drei gleiche Seiten. 

35. Gewöhnlich sind die Dreiecke, durch welche die Ge- 
stalt des Prisma bestimmt wird, gleichseitig, und folglich 
auch alle Winkel derselben gleich und jeder von sechzig 
Graden. Es sind diese zum Gebrauch ganz bequem und 
können bei unsern Versuchen nicht entbehrt werden. Doch 
wird es auch nötig sein, solche Prismen anzuwenden, deren 
Basis ein gleichschenkliger spitzwinkliger Triangel, ohn- 
gefähr von fünfzehn bis zwanzig Graden ist. Rechtwinklige 
und stumpfwinklige Prismen lassen wir vorerst unberührt. 

36. Wenn wir ein gewöhnhches gleichseitiges Prisma vor 
die Augen nehmen, so erscheinen uns die Gegenstände 
auf eine mannigfaltige Weise gefärbt, die Erscheinung ist 
blendend und manchen Augen schmerzhaft; ich muß da- 
her wünschen, daß diejenigen, welche an meinen Be- 
mühungen Anteil nehmen möchten und nicht gewohnt 
sind, durch das Prisma zu sehen, zuerst ihr Auge daran 
üben, teils um sich an die Erscheinung zu gewöhnen, teils 
die Verwunderung, welche die Neuheit derselben erregt, 
einigermaßen abzustumpfen. Denn sollen Versuche me- 
thodisch angestellt und in einer Reihe vorgetragen wer- 
den, so ist es nötig, daß die Seele des Beobachters aus 
der Zerstreuung sich sammle und von dem Staunen zur 
Betrachtung übergehe. 

37. Man nehme also zuerst das Prisma vor, betrachte 
durch dasselbe die Gegenstände des Zimmers und der 
Landschaft, man halte den Winkel, durch den man sieht. 



BEITRÄGE ZUR OPTIK I 307 

bald oberwärts bald unterwärts, man halte das Prisma 
horizontal oder vertikal, und man wird immer dieselbigen 
Erscheinungen wahrnehmen. Die Linien werden im ge- 
wissen Sinne gebogen und gefärbt sein; schmale, kleine 
Körper werden ganz farbig erscheinen und gleichsam far- 
bige Strahlen von ihnen ausfahren; man wird Gelb, Rot, 
Grün, Blau, Violett und Pfirsichblüt bald hier und da er- 
blicken; alle Farben werden harmonieren; man wird eine 
gewisse Ordnung wahrnehmen, ohne sie genau bestimmen 
zu können, und ich wünsche, daß man diese Erscheinungen 
so lange betrachte, bis man selbst ein Verlangen empfindet, 
das Gesetz derselben näher einzusehen und sich aus die- 
sem glänzenden Labyrinthe herauszufinden. Alsdann erst 
wünschte ich, daß man zu den nachstehenden Versuchen 
überginge und sich gefallen ließe, der Demonstration mit 
Aufmerksamkeit zu folgen und das, was erst Spiel war, zu 
einer ernsthaften Beschäftigung zu machen. 

II 
Besondere prismatische Versuche 

38. Ein durchsichtiger Körper kann im allgemeinen Sinne 
prismatisch heißen, wenn zwei Flächen desselben in einem 
Winkel zusammenlaufen. Wir haben auch bei einem jeden 
Prisma nur auf diesen Winkel, welcher gewöhnlich der 
brechende Winkel genannt wird, zu sehen, und es kommen 
bei den Versuchen, welche gegenwärtig angestellt werden, 
nur zwei Flächen in Betracht, welche durch denselben 
verbunden werden. Bei einem gleichwinkligen Prisma, 
dessen drei Flächen gleich sind, denken wir uns die eine 
Fläche weg oder bedecken sie mit einem schwarzen Pa- 
piere, um uns zu überzeugen, daß sie vorerst weiter keinen 
Einfluß hat. Wir kehren bei den folgenden Versuchen den 
brechenden Winkel unterwärts, und wenn wir auf diese 
Weise die Erscheinungen genau bemerkt haben, so können 
wir nachher denselben hinaufwärts und auf beide Seiten 
kehren und die Reihe von Versuchen wiederholen. 

39. Mit dem auf die angezeigte Weise gerichteten Prisma 
beschaut der Beobachter nochmals zuerst alle Gegen- 



3o8 CHROMATIK 

stände, die sich in seinem Gesichtskreise befinden. Er 
wird überall bunte Farben erblicken, welche gleichsam 
den Regenbogen auf mannigfaltige Weise wiederholen. 

40. Er wird besonders diese Farben an horizontalen Rän- 
dern und kleinen Gegenständen am lebhaftesten wahr- 
nehmen, indem von ihnen gleichsam Strahlen ausfahren 
und sich aufwärts und niederwärts erstrecken. Horizon- 
tale Linien werden zugleich gefärbt und gebogen sein: 
an vertikalen läßt sich keine Farbe bemerken, und nur 
bei genauer Beobachtung wird man finden, daß zwei ver- 
tikale Parallellinien unterwärts sich ein wenig gegenein- 
ander zuneigen. 

41. Man betrachte den reinen blauen Himmel durch das 
Prisma, man wird denselben blau sehen und nicht die 
mindeste Farbenspielung an demselben wahrnehmen. 
Ebenso betrachte man reine einfarbige oder schwarze und 
weiße Flächen, und man wird sie, wenn das Prisma rein 
ist, kaum ein wenig dunkler als mit bloßen Augen sehen, 
übrigensabergleichfalls keine Farbenspielungbemerken. 

42. Sobald an dem reinen blauen Himmel sich nur das 
mindeste Wölkchen zeigt, so wird man auch sogleich 
Farben erblicken. Ein Stern am Abendhimmel wird sich 
sogleich als ein buntes Flämmchen, und jeder bemerkliche 
Flecken auf irgendeiner farbigen Fläche sogleich bunte 
Farben durch das Prisma zeigen. Eben deswegen ist der 
vorstehende Versuch mit großer Vorsicht anzustellen, weil 
eine schwarze und weiße, wie auch jede gefärbte Fläche 
selten so rein ist, daß nicht z. B. in dem weißen Papiere 
ein Knötchen, oder eine Faser, an einer einförmigen Wand 
irgendeine Erhobenheit sich befinden sollte, wodurch eine 
geringe Veränderung von Licht und Schatten hervor- 
gebracht wird, bei der sogleich Farben sichtbar werden. 

43. Um sich davon zu überzeugen, nehme man die Karte 
Nr. I vor das Prisma, und man wird sehen, wie die Farben 
sich an die wurmförmig gezogenen Linien anschmiegen. 
Man wird ein übereinstimmendes, aber ein verworrenes 
und zum Teil undeutliches Farbenspiel bemerken. 

44. Um sogleich einen Schritt weiterzugehen und sich 
zu überzeugen, daß eine regelmäßige Abwechselung von 



BEITRÄGE ZUR OPTIK I 309 

Licht und Schatten auch regelmäßige Farben durchs Prisma 
hervorbringe, so betrachte man Nr. 2, worauf schwarze 
und weiße Vierecke regelmäßig abwechseln. Man wird mit 
Vergnügen ein Viereck wie das andere gefärbt sehen, und 
es wird noch mehr Aufmerksamkeit erregen, wenn man 
die Karte dergestalt vor das Prisma hält, daß die Seiten 
der Vierecke mit der Achse des Prisma parallel laufen. 
Man wird durch die bloße veränderte Richtung ein ver- 
ändertes Farbenspiel auf der Karte entstehen sehen. 
Man halte ferner die Karten Nr. 20 und 2 1 dergestalt vor 
das Prisma, daß die Linien parallel mit der Achse laufen; 
man nehme Nr. 22 horizontal, perpendikular, diagonal 
vor das Glas, und man wird immer veränderte Farben 
erblicken, wenngleich die Karten nur schwarze und weiße 
Flächen zeigen, ja sogar wenn nur die Richtung derselben 
gegen das Prisma verändert wird. 

45. Um diese wunderbare Erscheinungen näher zu ana- 
lysieren, nehmen wir die Karte Nr. 3 vor das Glas, und 
zwar so, daß der weiße Streifen derselben parallel mit 
der Achse gerichtet sei; wir bemerken alsdann, wenn das 
Blatt ohngefähr eine Elle vom Prisma entfernt steht, einen 
reinen, wenig gebogenen Regenbogenstreifen, und zwar 
die Farben völhg in der Ordnung, wie wir sie am Himmel 
gewahr werden, oben Rot, dann herunterwärts Gelb, Grün, 
Blau, Violett. Wir finden in gedachter Entfernung den 
weißen Streifen ganz aufgehoben, gebogen, farbig und 
verbreitert. Die Karte Nr. 5 zeigt die Farbenordnung und 
Gestalt dieser Erscheinung. 

46. An die Stelle jener Karte nehmen wir die folgende 
Nr. 4, und es wird uns in derselben Lage der schwarze 
Streif eine ähnliche farbige Erscheinung zeigen; nur wer- 
den die Farben an derselben gewissermaßen umgekehrt 
sein. Wir sehen zu unterst Gelb, dann folgt hinaufwärts 
Rot, sodann Violett, sodann Blau. Der schwarze Streifen 
ist ebensogut wie der weiße gebogen, verbreitet und von 
strahlenden Farben völlig aufgehoben. Die Karte Nr. 6 
zeigt ohngefähr, wie er sich dem Auge darstellt. 

47. Wir haben bei den vorigen Experimenten gesehen, 
daß sich die Ordnungen der Farben gewissennaßen um- 



3IO CHROMATIK 

kehren: wir müssen diesem Gesetze weiter nachspüren. 
Wir nehmen deswegen die Karte Nr. 7 vor das Prisma, 
und zwar dergestalt, daß der schwarze Teil oben, der 
weiße Teil unten befindhch ist: und wir werden sogleich 
an dem Rande zwischen beiden einen roten und gelben 
Streifen erblicken, ohne daß sich an diesem Rande eine 
Spur von Blau, Grün oder Violett finden ließe. Die Karte 
Nr. 8 zeigt uns diesen farbigen Rand gemalt. 

48. Höchst merkwürdig ist es nun, wenn wir die Karte 
Nr. 7 umkehren, dergestalt, daß das Schwarze unten und 
das Weiße sich oben befindet: in diesem Augenblicke 
zeigt uns das Prisma an dem Rande, der uns vorhin gelb 
und rot erschien, einen blau- und violetten Streifen, wie 
die Karte Nr. 9 denselben zeigt. 

49. Besonders auffallend ist es, wenn wir die Karte Nr. 7 
dergestalt vor das Prisma bringen, daß der Rand zwischen 
Schwarz und Weiß vertikal vor uns steht. Wir werden 
denselben alsdann ungefärbt erblicken; wir dürfen aber 
nur mit der geringsten Bewegung ihn hin und wieder 
neigen, so werden wir bald Rot bald Blau in dem Augen- 
blicke sehen, wenn das Schwarze oder das Weiße bald 
oben bald unten sich befindet. Diese Erfahrungen führen 
uns natürlich zu den folgenden Versuchen. 

50. Auf der Karte Nr. 10 sind zwei schwarze und zwei 
weiße Vierecke kreuzweise angebracht; so daß sich Schwarz 
und Weiß wechselsweise übereinander befindet. Die Wir- 
kung des Prisma bleibt auch hier, wie bei den vorigen 
Beobachtungen, sich gleich, und wir sehen nunmehr die 
verschiedenfarbigen Streifen nebeneinander auf ««^/'Li- 
nie, wie sie Nr. 1 1 zeigt, und der Begrifi' von dem Gegen- 
satze wird uns immer einleuchtender. 

5 1 . Um diesen völlig zur Klarheit zu bringen, nehmen wir 
die Karte Nr. 3 wieder vor das Prisma und halten sie der- 
gestalt, daß der darauf befindliche weiße Streifen vertikal 
vor uns steht. Wir werden sogleich die rote und gelbe 
Farbe oben, die blaue und violette unten erblicken, und 
der Zwischenraum des Streifens wird weiß erscheinen, so 
wie es die Karte Nr. 12 angibt. 

52. Betrachten wir auf eben die Weise die Karte Nr. 4, 



BEITRÄGE ZUR OPTIK I 311 

so sehen wir die Erscheinung abermals umgekehrt, indem 
an dem schwarzen Streifen das Blaue und Violette sich 
oben, das Rot und Gelbe sich unten zeigt, und gleichfalls 
das Schwarze in der Mitte unverändert erscheint. Nr. 13 
zeigt uns auch diese Farben in ihrer Ordnung und Ent- 
fernung, 

III 
Übersicht und weitere Ausführung 

53. Das Prisma zeigt den Augen desjenigen, der durch 
dasselbe sieht, alle farbige oder unfarbige Flächen in dem- 
selben Zustande, wie er sie mit dem bloßen Auge sieht, 
ohne weitere Veränderung, als daß sie wegen Stärke und 
Düsternheit des Glases ein wenig dunkel erscheinen, wel- 
ches aber auch schon der Fall bei gläsernen Tafeln ist. 

54. Das Prisma zeigt nur Farben da, wo Licht und Schat- 
ten horizontal wechseln; deswegen zeigt es gewöhnlich 
an allen horizontalen Rändern Farben, weil kaum ein 
Rand zu denken ist, wo nicht auch Abweichung der Farbe 
oder des Lichts und des Schattens von einem Gegenstande 
zum andern existiert. 

(Ich merke hier zu mehrerer Deutlichkeit an, was erst in 
der Folge weiter ausgeführt werden kann, daß an den 
Rändern, wo farbige Gegenstände aneinander stoßen, das 
Prisma gleichfalls die Farben nach dem bisherigen Ge- 
setze zeigt, nämlich nur insofern, als eine Farbe, die über 
der andern steht, dunkler oder heller ist.) 

55. Das Prisma zeigt die Farben nicht aufeinander folgend, 
sondern einander entgegengesetzt. Da auf diesem Grund- 
satze alles beruht, so ist es notwendig, die Versuche, die 
wir schon gesehen haben, in dieser Rücksicht nochmals 
zu wiederholen. 

56. Wenn wir den Versuch, welcher den horizontalen 
weißen Streifen ganz gefärbt und die fünf Farben in einer 
Folge zeigt, einen Augenblick bewundern, so hilft uns 
doch bald die alte Theorie, und wir können uns diesen 
horizontalen Papierstreifen als eine Öffnung eines Fenster- 
ladens, als die Wirkung eines hereinfallenden, in die fünf 



312 CHROMATIK 

oder sieben Farben gebrochenen Lichtstreifens vorstellen. 
Wenn wir aber den schwarzen Streifen auf weiß Papier 
vor uns nehmen, so verwundern wir uns um desto mehr, 
da wir auch diesen schwarzen Streifen völlig aufgehoben 
und die Finsternis sowohl als das Licht in Farben ver- 
wandelt sehen. Ich habe fast einen jeden, der diese letzte 
Erfahrung zum ersten Male machte, über diese beiden 
Versuche erstaunt gesehen; ich habe die vergeblichen 
Bemühungen gesehen, das Phänomen aus der bisherigen 
Theorie zu erklären. 

57. Wir dürfen aber nur eben diese schwarzen und weißen 
Streifen vertikal halten und die Versuche des §51 und 5 2 
wiederholen, so wirdsich uns gleich das Rätsel aufschließen. 
Wir sehen nämlich alsdann die obern und untern Ränder 
völlig voneinander getrennt, wir sehen den schwarzen und 
weißen Stab in der Mitte und bemerken, daß bei jenen 
ersten Versuchen der horizontale schwarze und weiße Stab 
nur deswegen ganz gefärbt war, weil er zu schmal ist und 
die farbigen Ausstrahlungen beider Ränder einander in 
der Mitte des Stabes erreichen können. 

58. Da diese Strahlungen, wie hier nur im Vorbeigehn 
bemerkt werden kann, in der Nähe des Prisma geringer 
sind als in der Entfernung, so bringe man nur den hori- 
zontalen weißen Streif nahe ans Prisma, und man wird die 
getrennten farbigen Ränder so gut als in dem vertikalen 
Zustande und das reine Weiß und Schwarz in der Mitte 
des Streifes erblicken; man entferne ihn darauf, und man 
wird bald in dem Weißen das Gelbe, in dem Schwarzen 
das Violette herunterstrahlen und sowohl Weiß als Schwarz 
völlig aufgehoben sehen. Man entferne beide Karten noch 
weiter, und man wird in der Mitte des weißen Streifes ein 
schönes Papageigrün erblicken, weil Gelb und Blau sich 
strahlend vermischen. Ebenso werden wir in der Mitte des 
schwarzen Streifens in gedachter Entfernung ein schönes 
Pfirsichblüt sehen, weil die Strahlungen des Violetten und 
Roten sich miteinander vereinigen. Ich füge, zu noch 
größerer Deutlichkeit, ein Schema hier bei, wie an ge- 
dachten Stellen die Farben stehen müssen. 

59. Gesetz der farbigen Ränder, wie solche durchs Prisma 



BEITRÄGE ZUR OPTIK I 313 

erscheinen, wenn, wie bei allen bisherigen Versuchen 
vorausgesetzt wird, der brechende Winkel unterwärts ge- 
kehrt ist. 



Schema I 


Schema 2 


Weiß auf Schwarz 


Schwarz auf Weiß 


Rot 


Blau 


Gelb 


Violett 


ttt 


ttt 


Blau 


Rot 


Violett 


Gelb. 



Ist der Körper, an dem die Ränder erscheinen, breit ge- 
nug, so kann der mit f t t bezeichnete Raum eine pro- 
portionierliche Breite haben; ist der Körper schmal, oder 
es vermehrt sich die Strahlung durch Entfernung, so ent- 
steht an dem Orte, der mit ttt bezeichnet ist, in dem 
ersten Falle Grün, in dem andern Pfirsichblüt, und das 
Schema sieht alsdenn so aus: 



Schema 3 


Schema 4 


Weiß auf Schwarz 


Schwarz auf Weiß 


Rot 


Blau 


Gelb 


Violett 


Grün 


Pfirschblüt 


Blau 


Rot 


Violett 


Gelb. 



Nur ist in beiden Fällen zu bemerken, daß die Mischungen 
Grün und Pfirsichblüt bei starken Strahlungen dergestalt 
prädominieren, daß sie die Farben, woraus sie zusammen- 
gesetzt sind, gänzlich aufheben; doch wird dieses erst in 
dem eigenen Kapitel von der Strahlung genauer aus- 
geführt werden. 

60. Da die bisher allgemein verbreiteten Prismen alle 
gleichseitig sind und sehr starke Strahlungen hervorbrin- 
gen, so habe ich mich in meinem Vortrage darnach ge- 
richtet, damit die Versuche sogleich desto allgemeiner 



314 CHROMATIK 

angestellt werden können; allein die ganze Demonstration 
zieht sich ins Kürzere zusammen und erhält sogleich den 
höchsten Grad von Evidenz, wenn man sehr spitze Pris- 
men von IG bis 15 Graden gebraucht. Es zeigen sich als 
denn die Farben viel reiner an den Rändern selbst einer 
schmalen horizontalen Linie. 

61. So kann man z. B. die beiden Karten Nr. 20 und 21 
durch ein spitzwinkhges Prisma ansehen, und man wird 
den feinen blauvioletten und gelbroten Streif an allen 
entgegengesetzten Rändern erblicken. Nimmt man da- 
gegen ein gleichseitiges Prisma, so geben beide Karten, 
die sich nur durch die verschiedenen Breiten der weißen 
und schwarzen Streifen unterschieden, zwei ganz ver- 
schiedene Farbenspiele, welche sich aus den Schemen 3 
und 4 und der ihnen beigefügten Bemerkung leicht er- 
klären lassen. Die Karte Nr. 20 erklärt sich nach dem 
Schema Nr. 3 Weiß auf Schwarz, und es zeigt solche in 
einer Entfernung von ohngefähr 2 Fuß Hochrot, Papagei- 
grün, Violett; und es läßt sich ein Punkt finden, wo man 
ebensowenig Blau als Gelb bemerkt. Dagegen ist die Karte 
Nr. 2 1 als Schwarz awf Weiß anzusehen; sie zeigt in ge- 
dachter Entfernung Blau, Pfirsichblüt und Gelb, und es läßt 
sich gleichfalls eine Entfernung finden, wo man kein Hoch- 
rot und kein Violett erblickt. 

62. Die Karte 19 zeigt uns, wenn wir sie nah genug an 
das Prisma halten, an dem breiten Streifen noch Blau, 
Violett, Hochrot und Gelb, wenn an dem schmälern 
Streifen das Hochrot schon durch das Violette überwältigt 
und zu einem hellen Pfirsichblüt verändert ist. Diese Er- 
fahrung zeigt sich noch deutlicher, wenn man den breiten 
Streif noch einmal so breit macht, welches mit ein paar 
Pinselstrichen geschehen kann, als warum ich die Lieb- 
haber ersuche. Ein ähnlicher sehr auffallender Versuch 
findet bei den Fensterrahmen statt, vorausgesetzt daß man 
den freien Himmel hinter ihnen sieht: der starke Quer- 
stab des Kreuzes wird von obenherein blau, violett, hoch- 
rot und gelb erscheinen, wenn die kleinen Stäbe nur blau, 
violett und gelb sind. 

62,. Diese Reihe von Experimenten, deren eins sich an das 



BEITRÄGE ZUR OPTIK I 315 

andere anschließt, entwickelt die Phänomene der Farben, 
wie sie uns durch das Prisma erscheinen, wenn die Rän- 
der, an denen sie gesehen werden, entschieden schwarz 
auf weiß sind. Grau auf Schwarz, Weiß und Grau läßt uns 
zarte und sonderbare Phänomene sehen, ebenso die übri- 
gen Farben, gegen Schwarz und Weiß, gegeneinander 
selbst gehalten und durchs Prima betrachtet. In dem näch- 
sten Stücke dieser Beiträge werden auch diese Wirkungen 
umständlich ausgeführt werden, und es sollte mir ange- 
nehm sein, wenn die Sagazität des größten Teils meiner 
Leser mir voreilte, ja wenn die wichtigsten Punkte, die 
ich noch später vorzutragen habe, von einigen entdeckt 
würden, eh sie durch mich bekannt werden: denn es liegt 
in dem Wenigen, was schon gesagt ist, in diesen gerin- 
gen, einem Spielwerk ähnlich sehenden Tafeln der Grund 
mancher schönen Folge und der Erklärung manches wich- 
tigen Phänomens. Gegenwärtig kann ich nur noch einen 
Schritt weiter tun. 

64. Unsere bisherigen Versuche beschäftigten sich nur mit 
gradlinichten Rändern, und es war notwendig, um das 
Principium, wornach sie gefärbt erscheinen, auf das ein- 
fachste und faßlichste darzustellen. Wir können nunmehr, 
ohne Furcht uns zu verwirren, uns auch an gebogene 
Linien, an zirkelrunde Gegenstände wagen. 

65. Man nehme die Karte Nr. 19 nochmals zur Hand und 
halte sie in der Diagonale vor das Prisma, dergestalt daß 
die Kreuze als Andreaskreuze erscheinen; man wird die 
Farben in der Folge des vierten Schemas erblicken, und 
alle Linien werden gefärbt erscheinen. Es zeigen sich also 
hier abermals alle Ränder farbig, sobald sie nur im min- 
desten vom Perpendikel abweichen. Nimmt man die Karte 
Nr. 2 3 nahe vor das Prisma, so findet man die Ränder des 
schwarzen und weißen Zirkels von oben herunter und von 
unten hinauf halbmondförmig nach denen Schemen i und 
2 gefärbt, und das Schwarze und Weiße zeigt sich noch in 
der Mitte, wie die Karte Nr. 17 es angibt. Der schwarz- 
und weiße Kreis sind beide ringsum gefärbt, aus eben der 
Ursache, aus welcher ein Andreaskreuz oder ein weiß- 
oder schwarzes Viereck, dessen Diagonale perpendikular 



31 6 CHROMATIK 

vors Prima gehalten würde, ganz gefärbt erscheinen muß, 
weil sie nämhch aus Linien bestehen, die alle vom Per- 
pendikel abweichen. Man wird dieses Gesetz hier um so 
deutlicher erblicken, als die farbigen Ränder der Zirkel 
zu beiden Seiten schmal sind, hingegen der obere und 
untere sehr verbreitert erscheinen: denn natürlicherweise 
können die Seitenränder als Perpendikularlinien ange- 
sehen werden, die sich gradweise dem Horizont zuneigen 
und insofern immer mit vermehrter Strahlung erscheinen. 
Man versäume nicht, auch diese Karte vor allen Dingen 
mit dem spitzwinklichten Prisma zu betrachten. 

66. Man entferne sich sodann von der Karte Nr. 23 ohn- 
gefähr um 2 Fuß und betrachte sie durch das gleich- 
seitige Prisma: man wird, wie ehemals die schmalen Strei- 
fen, nunmehro auch diese runde schwarz- und weißen 
Bilder völlig gefärbt sehen, und zwar wie solches die Karte 
Nr. 1 8 zeigt, nach dem Schema Nr. 3 und 4. Es fällt nun- 
mehr deutlich in die Augen, daß der schwarze so gut als 
der weiße Gegenstand durch die farbigen Ausstrahlungen 
der Ränder uns völlig gefärbt erscheint und daß wir die 
Ursache dieses Phänomens nirgends anders zu suchen 
haben. 

67. Es muß uns bei der weißen, nach dem Schema Nr. 3 
durchs Prisma veränderten und zugleich sehr in die Länge 
gezogenen runden Figur das Spectrum Solis des Newtons 
einfallen, und wir glauben einen Augenblick, die Wirkung 
eines durch ein Loch im Fensterladen gespaltenen Licht- ' 
Strahls zu erblicken; wenn wir aber gleich darneben einen 
Strahl der Finsternis annehmen und denselben so gut als 
das Licht in fünf oder sieben Farben spalten müssen, so 
sehen wir leicht, daß wir auf dem Wege sind, in große 
Verwirrungen zu geraten. 

68. Ich habe noch einen weiten Weg zu machen, eh ich 
an das Experiment gelange, wo ein durch einen Fenster- 
laden in eine dunkle Kammer geworfener Lichtstrahl ein 
Phänomen zeigt, dem ähnlich, das wir auf unserer Karte 
erblicken. So viel aber leidet die Reihe der Demonstra- 
tion hier anzuführen. 

69. Man bringe eine zirkelrunde weiße Fläche, von wel- 



BEITRÄGE ZUR OPTIK I 317 

eher Größe man will, auf eine schwarze Tafel: man wird 
in einer ihrer Größe proportionierten Entfernung erst die 
Ränder farbig und dann den Kreis ganz gefärbt sehen. 
Wären Tafel und Kxeis sehr groß, so sähe man dieselben 
erst in einer großen Ferne ganz gefärbt, teils weil sich 
die Strahlung durch Entfernung vermehrt, teils weil der 
Gegenstand im Auge kleiner erscheint. Genauere Bestim- 
mung von allen diesen und, ich kann hoffen, sogar bis auf 
einen gewissen Grad Maß und Berechnung, wird das Ka- 
pitel liefern, das eigens von der Strahlung handeln soll. 

70. Man sehe nun also an dem reinen Himmel nach Ster- 
nen, nach dem Monde, ja nach der Sonne, wenn man 
vorher ihre mächtigen Strahlen durch eine angerauchte 
Scheibe gemäßigt hat, man sehe jedes Loch in einem 
Fensterladen, in einem Schirm, der gegen das Licht ge- 
stellt ist, durch das Prisma an: man wird alle diese Ge- 
genstände nach dem Schema Nr. 3 gefärbt erblicken, und 
wir werden aus dem Vorigen die Ursache leicht angeben 
können, warum leuchtende Körper, oder helle Öffnungen, 
die entweder durch Entfernung sehr verkleinert werden 
oder an sich klein sind, ganz und gar gefärbt erscheinen 
und die Strahlungen an ihren Rändern sich ineinander 
verlieren müssen, da weiße Flächen, die nur schwache Re- 
präsentanten sind, schon jene Wirkung hervorbringen. 

71. Da ich nunmehr alles gesagt habe, was für den An- 
fang zu sagen war, so würde ich mich nur selbst wieder- 
holen müssen, wenn ich das Vorgetragene weiter auslegen 
wollte. Ich überlasse daher dem Nachdenken meiner Leser 
das hinzuzutun, was der Methode meines Vortrags wider 
meinen Willen an Klarheit abgehen mag: denn ich habe 
bemerken können, wie schwer es schon mündlich und mit 
allen Gerätschaften versehen sei, den Vortrag dieser in 
mehr als einem Sinne befremdenden Versuche durchzu- 
führen. So viel bin ich überzeugt, daß es jedem denkenden 
Menschen Freude machen wird, sich mit diesen Anfängen 
bekannt zu machen, besonders wenn er die Folgerungen, 
die sich daraus ziehen lassen, entweder ahndet oder ent- 
deckt. 



3i8 CHROMATIK 

IV 

Rekapitulation 

72. Ich wiederhole nunmehr kürzHch teils die Erfahrungen 
selbst, teils diejenigen Sätze, welche unmittelbar daraus 
folgen. Die Ordnung, wie sie hier hintereinander stehen, 
ist mehr oder weniger willkürhch, und es wird mir ange- 
nehm sein, wenn meine Leser die Paragraphen dieses 
Kapitels genau prüffen, sie mit dem Vorhergehenden ver- 
gleichen und sie alsdann nach eigner Methode aneinander 
reihen. Erst künftig, wenn wir diese Lehre auf mehr als 
eine Weise bearbeitet haben, können wir hoffen, dieselbe 
rein und natürlich zu entwickeln. 

1. Schwarze, weiße und einfarbige reine Flächen zeigen 
durchs Prisma keine Farben. § 41. 

2. An allen Rändern zeigen sich Farben. §37,40,42,43. 

3. Die Ränder zeigen Farben, weil Licht und Schatten an 
denselben aneinander grenzet. § 44, 54. 

4. Wenn farbige Flächen aneinander stoßen, unterwerfen 
auch sie sich diesem Gesetze und zeigen Farben, inso- 
fern eine heller oder dunkler ist als die andere. § 54. 

5. Die Farben erscheinen uns strahlend an den Rändern. 

§37, 45> 46. 

6. Sie erscheinen strahlend nach dem Schwarzen wie nach 
dem Weißen, nach dem Dunkeln wie nach dem Hellen zu. 

7. Die Strahlungen geschehen nach dem Perpendikel, der 
auf die Achse des Prismas fällt. § 45, 46, 47, 48. 

8. Kein Rand, der mit der Achse des Prismas perpen- 
dikular steht, erscheint gefärbt, § 49. 

9. Alle Ränder, die mit der Achse des Prismas parallel 
gehen, erscheinen gefärbt. 

IG. Alle schmale Körper, die mit der Achse des Prisma 
eine parallele Richtung haben, erscheinen ganz gefärbt 
und verbreitert. § 37. 

11. Ein runder Körper erscheint eUiptisch, dergestalt daß 
sein größter Diameter auf der Achse des Prisma perpen- 
dikular steht. § 65, 66, 67. 

12. Alle Linien, die mit der Achse des Prisma parallel 
gehen, erscheinen gebogen. § 40. 



BEITRÄGE ZUR OPTIK I 319 

13. Alle Parallellinien, die auf der Achse des Prisma ver- 
tikal stehen, scheinen sich gegen den brechenden Winkel 
zu ein wenig zusammenzuneigen. § 40. 

14. Je schärfer und stärker Licht und Schatten am Rande 
miteinander grenzt, desto stärker erscheinen die Farben. 

15. Die farbigen Ränder zeigen sich im Gegensatz. Es 
stehen zwei Pole unveränderlich einander gegenüber. 
§48, 49, 50, 55. 

1 6 . Die beiden entgegengesetzten Pole kommen darin mit- 
einander überein, daß jeder aus zwei leicht zu unterschei- 
denden Farben besteht, der eine aus Roth und Gelb, der 
andere aus Blau und Violett. § 51, 52. 

17. Die Strahlungen dieser Farben entfernen sich vom 
Rande, und zwar strahlen Rot und Violett nach dem 
Schwarzen, Gelb und Blau nach dem Weißen zu. 

18. Man kann diese Pole unendlich voneinander entfernt 
denken. § 51, 52. 

1.9. Mankann sie einander unendlichnahe denken. §45,46. 

20. Erscheinen uns die beiden Pole an einem weißen Kör- 
per, der sich gegen einen schwarzen Grund befindet, und 
hat derselbe eine verhältnismäßige Größe, daß die far- 
bigen Strahlungen der Ränder sich erreichen können, so 
entsteht in der Mitte ein Papageigrün. § 59. 

21. Erscheinen sie uns an einem schwarzen Körper, der auf 
einem weißen Grunde steht unter gedachter Bedingung, 
so steht in der Mitte derselben ein Pfirsichblüt. § 59. 

22. Sowohl schwarze als weiße Körper können unter die- 
sen Umständen ganz farbig erscheinen. § 45, 46, 66. 

23. Sonne, Mond, Sterne, Öffnung des Fensterladens er- 
scheinen durchs Prisma nur farbig, weil sie als kleine helle 
Körper auf einem dunkeln Grunde anzusehen sind. §67. 

24. Sie erscheinen elliptisch, dergestalt daß die Farben- 
strahlungen und folglich auch der große Diameter der 
Ellipse auf der Achse des Prismas vertikal steht. §66,67. 
73. Ich sollte zwar hier vielleicht, noch ehe ich schUeße, 
einige allgemeine Betrachtungen anstellen und in die 
Ferne hindeuten, wohin ich meine Leser zu führen ge- 
denke. Es kann dieses aber wohl erst an dem Ende des 
folgenden Stückes geschehen, weil dasjenige, was ich hier 



32 o CHROMATIK 

allenfalls sagen könnte, doch immer noch als unbelegt 
und unerwiesen erscheinen müßte. So viel kann ich aber 
denjenigen Beobachtern, welche gern vorwärts dringen 
mögen, sagen: daß in den wenigen Erfahrungen, die ich 
vorgetragen habe, der Grund zu allem Künftigen schon 
gelegt ist, und daß es beinahe nur Entwicklung sein wird, 
wenn wir in der Folge das durch das Prisma entdeckte 
Gesetz in allen Linsen, Glaskugeln und andern mannig- 
faltig geschlififenen Gläsern, in Wassertropfen und Dünsten, 
ja endlich mit dem bloßen Auge unter gewissen gege- 
benen Bedingungen entdecken werden. 

V 
Über den zu diesen Versuchen nötigen Apparat 
und besonders über die mit diesem Stücke aus- 
gegebenen Karten 

74. Sobald ich mir vornahm, die Erfahrungen über die 
Entstehung der prismatischen Farben dem Publikum vor- 
zulegen, empfand ich gleich den Wunsch, sie so schnell 
als möghch, wenigstens in meinem Vaterlande bekannt 
und ausgebreitet zusehen. Da hierbei alles auf den Augen- 
schein ankommt, so war es nötig zu sorgen, daß jeder- 
mann mit der größten Leichtigkeit dazu gelangen könne; 
es wollte weder eine Beschreibung, noch ausgemalte 
Kupfertafeln, die der Schrift angefügt würden, zu diesem 
Zwecke hinreichen. Ich beschloß also, die großen Tafeln, 
welche ich zu meinen Versuchen verfertigt, im kleinen 
nachahmen zu lassen und dadurch sowohl einen jeden so- 
gleich durch das Anschauen zu überzeugen, als auch ein 
lebhafteres Interesse zu erregen. Diejenigen Liebhaber, 
die einen ernsthafteren Anteil daran nehmen, werden nun 
leicht die Tafeln i, 2, 3, 4, 7, 10, 14, 19, 20, 21, 22, 
23 in behebig großem Format nachmachen lassen und die 
Versuche alsdann mit desto mehr Bequemlichkeit und 
größerm Sukzeß wiederholen. Ja sie werden durch eigenes 
Nachdenken noch mehrere Abwechselungen erfinden kön- 
nen, als ich für diesmal anbringen konnte. Denn jede 
schwarze Figur auf weißem Grunde und jede weiße auf 



BEITRÄGE ZUR OPTIK I 321 

schwarzem Grunde bringt neue Erscheinungen hervor, die 
man ins Unendhche vervielfältigen kann. Ich empfehle 
besonders Andreaskreuze^ Sterne u. dgl., nicht weniger alle 
Arten von Mustern, die durch Abwechselung von schwarz- 
und weißen Vierecken entstehen, welche letztere oft, wie 
die Karte Nr. 22 zeigt, von dreierlei Seiten verschiedene 
farbige Phänomene darstellen. 

75. Man wird, indem man selbst dergleichen Versuche 
ersinnt, immer mehr von der Konsequenz desjenigen über- 
zeugt werden, was oben vorgetragen worden ist. Um die 
Abwechselung des Oben und Unten der beiden farbichten 
Pole recht deutlich einzusehen, verfertige man sich einen 
schwarzen Stern auf weiß- und einen weißen Stern auf 
schwarzem Grunde, und durchbohre ihn mit einer Nadel 
dergestalt, daß man ihn auf derselben wie auf einer Achse 
herumdrehen kann. Während des Drehens beobachte man 
denselben durchs Prisma, und man wird diesen Versuch 
mit Vergnügen und Nachdenken wiederholen. 

76. Ich habe meinen Vortrag dergestalt eingerichtet, daß 
die Versuche durch jedes gewöhnliche gleichseitige Prisma 
angestellt werden können, wenn es nur von weißem Glase 
ist; ja selbst mit einem Prisma von grünlichem Glase 
lassen sie sich anstellen, wenn man die geringe Differenz, 
welche die Farbe verursacht, bei der Beobachtung in Ge- 
danken abrechnen will. 

77. Zu der völligen Evidenz der vorgetragenen Sätze ge- 
hört aber, daß man ein spitzwinkliges Prisma von zehn 
bis zwanzig Graden anwende. Es kann ein jeder Glas- 
schleifer solche leicht aus einer starken Glastafel verfer- 
tigen; und wenn sie auch nur einen starken Zoll hoch und 
einige Zoll breit sind, so daß man nur mit einem Auge 
durchsieht, indem man das andere zuschließt: so sind sie 
vorerst hinreichend. Ich werde aber dafür sorgen, daß 
Prismen von reinem Glase und nach genau bestimmtem 
Maße an Liebhaber mit den folgenden Stücken ausge- 
geben werden können. Wie denn überhaupt der nötige 
Apparat zu den anzustellenden Versuchen nach und nach 
wachsen wird, so genau ich auch zu Werke gehen werde, 
die Versuche zu simplifizieren. 

GOETHE XVII ai. 



32 2 CHROMATIK 

78. Da sich aber doch der Fall oft ereignen kann, daß 
diese kleine Schrift mit denen dazu gehörigen Tafeln an 
Orte gelangt, wo keine Prismen vorhanden sind, so habe 
ich farbige Tafeln hinzugefügt, um dem Beobachter we- 
nigstens auf einige Weise zu Hülfe zu kommen und ihm, 
bis er sich nach einem Prisma umgesehen, einstweilen 
verständlich zu sein. Auch demjenigen, der das nötige 
Instrument besitzt, werden diese gemalte Karten nicht 
unnütz sein. Er kann seine Beobachtungen damit verglei- 
chen und überzeugt sich eher von dem Gesetz einer Er- 
scheinung, welche er vor sich auf dem Papier schon fixiert 
sieht. 

79. Ich muß aber freilich hier zum voraus bemerken, daß 
man die Farben dieser Tafeln nicht mit den absoluten 
Farben der prismatischen Erscheinungen in Absicht ihrer 
Schönheit vergleichen möge: denn es sind dieselben nur 
wie jeder andere Holzschnitt bei einem wissenschaftlichen 
Buche anzusehen, der weder künsthch noch gefällig, son- 
dern bloß mechanisch und nützlich ist. 

80. Nur die unmittelbare Nähe einer Kartenfabrik macht 
es möglich, die Tafeln so wie sie sind um einen Preis zu 
liefern, der niemand abschrecken wird, und es war hier 
nicht die Frage, ein Werk für Bibliotheken auszuarbeiten, 
sondern einer kleinen Schrift die möglichste Ausbreitung 
zu verschaffen. 

81. Man wird daher diesen Tafeln manches nachsehen, 
wenn man sie zur Deutlichkeit nützlich findet. Ich werde 
bemüht sein, in der Folge diese Tafeln vollkommner zu 
machen, und sie auch einzeln ausgeben, damit jeder Lieb- 
haber eine solche durch den Gebrauch leicht zerstörte 
Sammlung sich verbessert wieder anschafifen kann. Ich 
füge noch einige Beobachtungen hinzu, damit man bei 
diesen Karten in den anzustellenden Erfahrungen nicht 
gestört werde. 

82. Es ist die Absicht, daß der Beobachter das Prisma, 
dessen Winkel unterwärts gekehrt ist, in der rechten Hand 
halte, bei den anzustellenden Erfahrungen die schwarz- 
und weißen Karten zuerst etwa einen halben Fuß hinter 
dem Prisma entfernt halte, indem er solche mit der linken 



BEITRÄGE ZUR OPTIK I 323 

Hand an der Seite, wo die Nummern befindlich sind, er- 
greift und die Nummern mit dem Daumen zudeckt. 

83. Da einige Karten nicht allein vertikal, sondern auch 
horizontal gehalten werden müssen, so versteht sichs von 
selbst, daß man sich gewöhnt, sie auf die eine wie auf die 
andre Weise zu wenden. Man entferne alsdann das Prisma 
nach und nach bis zur Weite von zwei Fuß oder so weit, 
bis die Zeichnung der Karten undeuthch wird; man bringe 
sie wieder herbei und gewöhne sich von selbst nach und 
nach an die verschiedenen Phänomene. 

84. Wer diese schwarze und weiße Tafeln in größerm For- 
mat nachahmt, wird diese Erscheinung in größerer Entfer- 
nung und mit mehr Bequemlichkeit beobachten können. 

85. Zum Verständnis des § 65, 66, 67 lege man die drei 
Karten Nr. 23, 17 und 18 dergestalt vor sich, daß die 
schwarze Hälfte zur linken Seite des Beobachters bleibt; 
die Nummern an diesen Karten mögen aufgeklebt sein 
wie sie wollen. 

86. Die Tafeln Nr. 16, 24, 25, 26, 27 werden erst in den 
folgenden Stücken nötig werden. 

87. So wie auch der Versuch^jiiit der Tafel Nr. 14 in der 
Reihe des gegenwärtigen Vortrags nicht Platz nehmen 
konnte; indessen kann man denselben einstweilen zur Be- 
lustigung anstellen. Wenn man die Tafel Nr. 14 durch das 
Prisma betrachtet, so wird die abgebildete Fackel einem 
angezündeten Lichte ähnhch erscheinen, wie die i5te Ta- 
fel solches darstellt. Sehn wir bei Nachtzeit ein angezün- 
detes Licht auch nur mit bloßen Augen, so werden wir 
die Spitze desselben rot und gelb, den untern Teil des- 
selben blau sehen. Diese Farben werden sich in einem 
ungeheuren Grade verstärken, wenn wir das brennende 
Licht durch ein Prisma betrachten. Inwiefern sich diese 
Erfahrung an die übrigen von uns bisher beobachteten 
anschließt, wird sich erst künftig zeigen. 

88. Ich wiederhole nochmals, daß die Beschreibung der 
Versuche besonders des zweiten Kapitels nur alsdann 
mit den Erfahrungen übereinstimmen könne, wenn der 
Beobachter den sogenannten brechenden Winkel unter- 
wärts gekehrt hat und so die Gegenstände betrachtet. Wie 



324 CHROMATIK 

sich die Farben alsdann zeigen, geben die gemalten Kar- 
ten an; die Ausdrücke eben, unten, horizontal^ perpcndiku- 
lar beziehen sich auf diese Richtung. Sie würden sich, 
wenn man den gedachten Winkel nunmehr auch nach 
oben, nach der rechten oder linken Hand wendete, fol- 
gendermaßen verändern: 

Der Winkel des Prisma gekehrt 
nach unten nach oben n.derrechten n. der linken 
unten oben rechts links 

oben unten links rechts 

horizontal horizontal perpendikular perpendikular 
perpendikular perpendikular horizontal horizontal. 
Man sieht leicht, daß, wenn man sich diese Richtung des 
Prisma in einem Kreise denkt, sich das Oben und Unten, 
Rechts und Links auf ein Immi und Außen beziehe, wel- 
ches sich deutlicher ergeben wird, wenn wir dereinst Ver- 
suche durch Linsen anstellen werden. 

VI 

Beschreibung^ der Tafeln 

Da es möglich wäre, daß ungeachtet aller angewendeten 

Mühe und beobachteten Genauigkeit eine falsche Nummer 

auf eine Karte getragen würde, so füge ich hier nochmals 

eine Beschreibung der Tafeln hinzu und ersuche jeden 

Beobachter, sie hiernach zu revidieren. 

Nr. I. Schwarze wurmförmige Züge auf weißem Grunde. 

Nr. 2. Schwarze und weiße kleine Vierecke. 

Wird horizontal und diagonal vor das Prisma gehalten. 

Nr. 3. Ein weißer Stab auf schwarzem Grunde. 

Nr. 4. Ein schwarzer Stab auf weißem Grunde. 

Diese beiden Nummern braucht der Beobachter sowohl 

horizontal, als vertikal. 

Nr. 5. Ein Regenbogenstreif auf schwarzem Grunde. 

Nr. 6. Ein umgewendeter Regenbogenstreif auf weißem 

Grunde. 

Diese beiden Tafeln legt man horizontal vor sich, und zwar 

so, daß der Rücken des Bogens aufwärts gekehrt ist. 



BEITRÄGE ZUR OPTIK I 325 

Nr. 7. Eine halb schwarz, halb weiße Tafel. 
Der Beobachter bedient sich derselben, daß bald das 
Schwarze, bald das Weiße unten steht. 
Nr. 8. Eine halb schwarz, halb weiße Tafel mit einem 
rot- und gelben Streif. 

Wir legen sie dergestalt vor uns, daß sich das Schwarze 
oben befindet. 

Nr. 9. Eine halb schwarz, halb weiße Tafel mit einem 
blauen und violetten Streir. 

Wir legen sie dergestalt vor uns, daß das Schwarze sich 
unten befindet. 

Nr. 10. Zwei schwarze und zwei weiße längliche Vierecke 
übers Kreuz gestellt. 

Wir können sie horizontal, perpendikular, diagonal vors 
Prisma nehmen, 

Nr. 1 1. Zwei schwarze und weiße längliche Vierecke übers 
Kreuz gestellt mit einem roten, gelben, blauen und violet- 
ten Rande. 

Wir legen sie dergestalt vor uns, daß der rote und gelbe 
Rand unter dem Schwarzen, der blaue und gelbe über dem 
Schwarzen sich befindet. 

Nr. 12. Ein weißer Stab auf schwarzem Grunde mit far- 
bigen Enden, 

Wir halten ihn perpendikular vor uns, so daß der rote 
und gelbe Rand oben, der blaue und violette unten sich 
befindet. 

Nr. 13. Ein schwarzer Stab auf weißem Grunde mit bunten 
Enden. 

\Vir betrachten ilm dergestalt, daß das blaue und violette 
l'",ndesich oben, das rote und gelbe sich unten befindet. 
Nr. 14. Die Gestalt einer Fackel, Weiß auf Schwarz. 
Nr. 15. Ebendieselbe Gestalt mit Farben, wie sie durchs 
Prisma erscheinen. 

Nr. 16. Eine Tafel halb schwarz, halb weiß, auf dem 
schwarzen Teile eine weiße Rundung mit gelber Einfas- 
sung, auf dem weißen Teile eine schwarze Rundung mit 
blauer Einfassung. 

Diese Tafel erklärt sich erst in dem folgenden Stücke. 
-\t. 17. Eine halb weiß, halb schwarze Tafel, auf jedem 



326 CHROMATIK 

Teile eine elliptische Figur mit abwechselnden Farben, 
in deren Mitte man noch Schwarz und Weiß erkennt. 
Nr, i8. Eine gleichfalls geteilte schwarz und weiße Tafel 
mit völlig farbigen elliptischen Figuren. 
Diese beiden letzten Tafeln legt der Beobachter horizontal 
vor sich, dergestalt daß der schwarze Teil sich zu seiner 
linken Hand befindet. 

Nr. 19. Zwei Horizontallinien, von einer Vertikallinie 
durchkreuzt. 

Man kann sie horizontal, vertikal und diagonal vor das 
Prisma halten. 

Nr. 20. Schmale weiße Streifen auf schwarzem Grunde. 
Nr. 2 1. Schmale schwarze Streifen auf weißem Grunde. 
Diese beiden Tafeln werden vors Prisma gebracht, der- 
gestalt daß die Streifen mit der Achse des Prisma par- 
allel laufen. 

Nr. 22. Gebrochene schwarze und weiße Linien, 
Man kann diese Karte sowohl horizontal als vertikal und 
diagonal vor das Prisma bringen. 

Nr. 23. Eine schwarz und weiß geteilte Tafel; auf dem 
schwarzen Teile ein weißes Rund, auf dem weißen ein 
schwarzes Rund. 

Ich wünsche, daß der Beobachter, wenn die ganze Samm- 
lung vor ihm liegt, diese Nummer an die Stelle von Nr. 16 
und diese hierher lege: denn das ist eigenthch die Ord- 
nung wie sie gehören. Es versteht sich aber, daß die Num- 
mern selbst nicht verändert werden, weil die gegenwär- 
tige Tafel in meinem Vortrage auch als Nr. 23 auf- 
geführt ist. 

Nr. 24. Auf einer weißen Tafel in der Mitte ein schwarzer 
Streif; auf der einen Seite viele Punkte um ein Zentrum, 
auf der andern eine Zirkelfigur mit einem Kreuze und 
Punkten. 

Nr. 25. Auf einer weißen Tafel zwei Vierecke, eins mit 
geraden, das andere mit gebogenen Seiten. 
Nr. 26. Linearzeichnungen mit Buchstaben. 
Nr. 27. Auf einem schwarzen Grunde zwei weiße Triangel, - 
mit den Spitzen gegeneinander gekehrt, mit bunten 
Rändern, 



BEITRÄGE ZUR OPTIK I 327 

Diese vier letztern Tafeln sowie Nr. x6 werden erst in den 
folgenden Stücken erklärt. 

Die Sorgfalt, womit ich die Tafeln hier abermals durch- 
gegangen, ist, wie ich überzeugt bin, nur für den Anfang 
nötig. Man wird sich gar bald in diese Tafeln auch ohne 
Nummern finden und sie ohne Anweisung gebrauchen 
lernen, da bei allen diesen Versuchen ein ganz einfaches 
Principium nur auf verschiedene Weise angewendet wird. 



BEITRÄGE ZUR OPTIK 

ZWEITES STÜCK. 1792 

MIT EINER GROSSEN KOLORIERTEN TAFEL 
UND EINEM KUPFER 1 

VII 

Beschreibung- eines großen Prisma 

ALS ich die schwarzen und weißen kleinen Tafeln, 
mit dem ersten Stücke dieser Beiträge, dem Publice 
vorlegte, hatte ich die Absicht, meinen Lesern da- 
durch die anzustellenden Beobachtungen bequem zu ma- 
chen. Ich hoffte, sie würden sich ein Prisma leicht an- 
schaöen und alsdann die Erfahrungen, die ich beschrieb, 
ohne weitere Umstände wiederholen können. 
Allein es hat sich gezeigt, daß die Prismen beinahe gänz- 
lich aus dem Handel verschwunden sind, und daß viele 
Liebhaber dieses sonst so gemeine Instrument, wenigstens 
für den Augenblick, nicht finden können. 
Auch hatte ich angezeigt, daß die gleichseitigen gläsernen 
Prismen, wegen der starken Strahlung, welche sie besonders 
in einiger Entfernung hervorbringen, dem Beobachter oft 
hinderlich seien. 

Ich habe gewünscht, daß man die von mir angegebenen 
Erfahrungen mit sehr spitzwinkligen Prismen von fünfzehn 
bis zwanzig Graden wiederholen möge, als durch welche 
die Ränder sehr zart gefärbt und nur mäßig strahlend er- 
scheinen, auch der weiße Raum zwischen beiden seine 
unverfälschte Reinheit behält. 

Man hatte gehofift, sowohl gewöhnliche gläserne Prismen 
als gedachte gläserne Keile mit dem gegenwärtigen zweiten 
Stücke auszugeben, aber es hat auch nicht glücken wollen, 
die gemachten Bestellungen zur rechten Zeit abgehefert 
zu sehen. 

Ich finde es daher nötig, meinen Lesern eine andere ein- 
fache Maschine zu empfehlen, welche ihnen, sowohl bei 
Wiederholung der Versuche des ersten Stückes, als b( 
Prüfung derer, die ich erst in der Folge vorlegen werde, 

* Die kolorierte Tafel scheint schon 1792 nur wenigen Lesern zu- 
gegangen zu sein (vgl. Seite 639 f.) und ist heute verschollen; das 
Kupfer vgl. hier Seite 330. 



BEITRÄGE ZUR OFHK II 331 

manche Dienste leisten wird. Es ist diese Maschine ein 
aus zwei starkengeschliffenen, reinenGlastafeln zusammen- 
gesetztes Prisma, welches bei Versuchen mit reinem Was- 
ser angefüllt wird. 

Die Größe der Tafeln ist zwar willkürlich, doch wünschte 
ich, daß sie wenigstens einen rheinischen Fuß lang und 
acht rheinische Zoll hoch sein möchten. Diese länglich 
viereckten Tafeln werden durch zwei bleierne Dreiecke 
in einem Winkel von 60 Graden verbunden, der untere 
Rand mit Fensterblei verwahrt, und alle Fugen wohl ver- 
kittet, auch werden die obern Ränder der Gläser mit 
Fensterblei eingefaßt, um dadurch das Ganze besser zu- 
sammen zu halten. Ein geschickter Glaser wird ein sol- 
ches Prisma und jeder Tischler das Gestelle leicht ver- 
fertigen. Es ist diese Maschine auf beistehender Tafel 
abgebildet, und zu Ende des gegenwärtigen Stücks eine 
genaue Beschreibung angefügt, welche diese Abbildung 
deutlich erklärt. 

Ein solches prismatisches Gefäß hat den Vorzug, daß man 
durch solches bequem nach großen und kleinen Tafeln 
sehen und die Erscheinung der farbigen Ränder ohne An- 
strengung der Augen beobachten kann. Ferner erscheinen 
auch, wegen der weniger refrangierenden Kraft des Was- 
sers, die Ränder schmal gefärbt, und es ist also ein solches 
Prisma obgleich von sechzig Graden zu eben dem End- 
zwecke als ein spitzer gläserner Keil zu gebrauchen, ob- 
gleich dieser wegen der Reinheit sowohl der farbigen 
Ränder als des weißen Zwischenraums den Vorzug ver- 
dient. 

Man wird, so viel als möglich, reines Wasser zu den Ver- 
suchen nehmen und auch dieses nicht zu lange in dem 
Gefäße stehen lassen, vielmehr nach geendigter Beobach- 
tung das Wasser ausschöpfen und das Gefäß mit einem 
reinen Tuche auswischen und abtrocknen, weil sonst das 
Glas gerne anlauft, besonders die geschlififenen Tafeln, 
welche man wegen ihrer Stärke und Reinheit vorzüglich 
zu wählen hat, leicht blind werden. 

Ein solches Gefäß ist zu allen prismatischen Versuchen 
brauchbar, zu einigen unentbehrlich, und ich wünschte. 



332 CHROM ATIK 

daß diejenigen meiner Leser, welche Neigung haben dem 
Faden meines Vortrags zu folgen, sich je eher je lieber 
damit versehen möchten. 

VIII 
Von den Strahlungen 

89. Ich habe mich schon mehrmalen des Wortes Strah- 
lungen bedient, und es ist nötig, daß ich mich vorläufig 
über dasselbe erkläre, damit es wenigstens einstweilen 
gelte, bis wir es vielleicht in der Folge gegen ein schick- 
licheres vertauschen können. 

Wir haben uns in dem ersten Stücke überzeugt, daß uns 
das Prisma keine Farben zeigt als an den Rändern, wo 
Licht und Finsternis aneinander grenzen. Wir haben be- 
merkt, daß durch sehr spitzwinklige Prismen diese farbigen 
Ränder nur schmal gesehen werden, da sie hingegen so- 
wohl nach dem Schwarzen als dem Weißen zu sich sehr 
verbreitern, wenn der brechende Winkel, die refrangie- 
rende Kraft des Mittels oder die Entfernung des Beobach- 
ters zunimmt. 

90. Dieses Phänomen, wenn mir nämlich ein farbiger 
Rand durchs Prisma da erscheint, wo ich ihn mit bloßen 
Augen nicht sähe, und dieser farbige Rand sich von dem 
Schwarzen nach dem W^eißen und von dem Weißen nach 
dem Schwarzen zu erstreckt, nenne ich die Strahlung^ 
und drücke dadurch gleichsam nur das Phänomen an sich 
selbst aus, ohne noch irgend auf die Ursache desselben 
deuten zu wollen. 

91. Da die farbigen Erscheinungen an den Rändern die 
Grenze des Randes selbst ungewiß machen und die Zei- 
chen, die man sich durch Nadeln oder Punkte feststellen 
will, auch gefärbt und verzogen werden, so ist die Be- 
obachtung mit einiger Schwierigkeit verknüpft. Durch 
einen gläsernen Keil, von ohngefähr zehn Graden, er- 
scheinen beide farbige Ränder sehr zart, unmittelbar am 
Schwarzen gegen das Weiße zu. Der blaue Saum ist sehr 
schön hochblau und scheint mit einem feinen Pinsel auf 
den weißen Rand gezeichnet zu sein. Einen Ausfluß des 



BEITRÄGE ZUR OPTIK II 333 

Strahls nach dem Schwarzen zu bemerkt man nicht ohne 
die größte Aufmerksamkeit, ja man muß gleichsam über- 
zeugt sein, daß man ihn sehen müsse, um ihn zu finden. 
Dagegen ist an dem andern Rande das Hochrote gleich- 
falls sichtbar, und das Gelbe strahlt nur schwach nach dem 
Weißen zu. Verdoppelt man die Keile, so sieht man nun 
deutlich das Violette nach dem Schwarzen, das Gelbe 
nach dem Weißen zu sich erstrecken, und zwar beide in 
gleichem Maße. Das Blaue und Rote wird auch breiter, 
aber es ist schon schwerer zu sagen, ob sich jenes in das 
Weiße, dieses in das Schwarze verbreitet. 

92. Vielleicht läßt sich in der Folge das, was uns gegen- 
wärtig durch das Auge zu beobachten schwerfällt, auf 
einem andern Wege finden und näher bestimmen. So viel 
aber können wir inzwischen bemerken, daß das Blaue 
wenig in das Weiße, das Rote wenig in das Schwarze, 
das Violette viel in das Schwarze, das Gelbe viel in das 
Weiße hereinstrahlet. Da nun unter der Bedingung, wie 
wir das Prisma beständig halten, die beiden starken Strah- 
lungen abwärts, die beiden schwächern hinaufwärts gehen, 
so wird sowohl ein schwarzer Gegenstand auf weißem 
Grunde, als ein weißer auf schwarzem Grunde, oben wenig 
und unten viel gewinnen. 

Ich brauche daher das Wort Rand, wenn ich von dem 
schmäleren blauen und roten Farbenstreife, dagegen das 
Wort Strahlung^ wenn ich von dem breiteren violetten 
und gelben spreche, obgleich jene schmalen Streifen auch 
mäßig strahlen und sich verbreitern, und die breiteren 
Strahlungen von den Rändern unzertrennlich sind 
So viel wird vorerst hinreichen, um den Gebrauch dieses 
Wortes einigermaßen zu rechtfertigen und meinem Vor- 
trage die nötige Deutlichkeit zu geben. 

IX 

Graue Flächen, durchs Prisma betrachtet 

93. Wir haben in dem ersten Stücke nur schwarz und 
weiße Tafeln durchs Prisma betrachtet, weil sich an den- 
selben die farbigen Ränder und Strahlungen derselben am 



334 CHROMATIK 

deutlichsten ausnehmen. Gegenwärtig wiederholen wir jene 
Versuche mit grauen Flächen und finden abennals die 
Wirkungen des bekannten Gesetzes. 

94. Haben wir das Schwarze als Repräsentanten der 
Finsternis, das Weiße als Repräsentanten des Lichtes an- 
gesehen: so können wir sagen, daß das Graue den Schat- 
ten repräsentiere, welcher mehr oder weniger von Licht 
und Finsternis partizipiert und also manchmal zwischen 
beiden in der Mitte steht. 

95. Der Schatten ist dunkel, wenn wir ihn mit dem Lichte, 
er ist hell, wenn wir ihn mit der Finsternis vergleichen, 
und so wird sich auch eine graue Fläche, gegen eine 
schwarze als hell, gegen eine weiße als dunkel verhalten. 

96. Grau auf Schwarz wird uns also durchs Prisma alle 
die Phänomene zeigen, die wir in dem ersten Stücke 
dieser Beiträge durch Weiß auf Schwarz hervorgebracht 
haben. Die Ränder werden nach eben dem Gesetze ge- 
färbt und strahlen in eben der Breite, nur zeigen sich die 
Farben schwächer und nicht in der höchsten Reinheit. 

97. Ebenso wird Grau auf Weiß die Ränder sehen lassen, 
welche hervorgebracht wurden, wenn wir Schwarz auf 
Weiß durchs Prisma betrachteten. 

98. Verschiedene Schattierungen von Grau, stufenweise 
aneinander gesetzt, je nachdem man das Dunklere oben 
oder unten hinbringt, [werden] entweder nur Blau und 
Violett, oder nur Rot und Gelb an den Rändern zeigen. 
99.' Eben diese grauen Schattierungen, wenn man sie 
horizontal nebeneinander betrachtet und dieRänder durchs 
Prisma besieht, wo sie oben und unten an eine schwarze 
oder weiße Fläche stoßen, werden sich nach den uns be- 
kannten Gesetzen färben. 

100. Die zu diesem Stücke bestimmte Tafel* wird ohne 
weitere Anleitung dem Beobachter die Bequemlichkeit 
verschaffen, diese Versuche unter allen Umständen an- 
zustellen. 

* Vgl. hierzu wie zu § 104, ili usw. die Anmerkung auf Seite 328. 



BEITRÄGE ZUR OPTIK II 335 

X 

Farblose Flächen, durchs Prisma betrachtet 

loi. Eine farbige große Fläche zeigt keine prismatische 
Farben, eben wie schwarze, weiße und graue Flächen, es 
müßte denn zufällig oder vorsätzlich auch auf ihr Hell 
und Dunkel abwechseln. Es sind also auch nur Beobach- 
tungen durchs Prisma an farbigen Flächen anzustellen, 
insofern sie durch einen Rand von einer andern verschieden 
tingierten Fläche abgesondert werden. 

102. Es kommen alle Farben, welcher Art sie auch sein 
mögen, darin überein, daß sie dunkler als Weiß und heller 
als Schwarz erscheinen. Wenn wir also vorerst kleine 
farbige Flächen gegen schwarze und weiße Flächen halten 
und betrachten, so werden wir alles, was wir bei grauen 
Flächen bemerkt haben, hier abermals bemerken können; 
allein wir werden zugleich durch neue und sonderbare 
Phänomene in Verwunderung gesetzt, und angereizt fol- 
gende genaue Beobachtungen anzustellen. 

103. Da die Ränder und Strahlungen, welche uns das 
Prisma zeigt, farbig sind, so kann der Fall kommen, daß 
die Farbe des Randes und der Strahlung mit der Farbe 
einer farbigen Fläche homogen ist; es kann aber auch im 
entgegengesetzten Falle die Fläche mit dem Rande und 
der Strahlung heterogen sein. In dem ersten identifiiert 
sich der Rand mit der Fläche und scheint dieselbe zu 
vergrößern, in dem andern verunreiniget er sie, macht sie 
undeutlich und scheint sie zu verkleinern. Wir wollen die 
Fälle durchgehen, wo dieser Effekt am sonderbarsten 
auffällt. 

104. Man nehme die beiliegende Tafel horizontal vor 
sich und betrachte das rote und blaue Viereck auf schwar- 
zem Grunde nebeneinander, auf die gewöhnhche Weise 
durchs Prisma: so werden, da beide Farben heller sind als 
der Grund, an beiden, sowohl oben als unten, gleiche 
farbige Ränder und Strahlungen entstehen; nur werden 
sie dem Auge des Beobachters nicht gleich deutlich er- 
scheinen. 

105. Das Rote ist verhältnismäßig gegen das Schwarze 



33^ CHROMATE 

viel heller als das Blaue, die Farben der Ränder werden 
also an dem Roten stärker als an dem Blauen erscheinen, 
welches wenig von dem Schwarzen unterschieden ist. 
io6. Der obere rote Rand wird sich mit der Farbe des 
Vierecks identifiieren, und so wird das rote Viereck ein 
wenig hinaufwärts vergrößert scheinen; die gelbe herab- 
wärts wirkende Strahlung aber wird von der roten Fläche 
beinahe verschlungen und nur bei der genauesten Auf- 
merksamkeit sichtbar. Dagegen ist der rote Rand und die 
gelbe Strahlung mit dem blauen Viereck heterogen. Es 
wird also an dem Rande eine schmutzig rote und herein - 
wärts in das Viereck eine schmutzig grüne Farbe ent- 
stehen, und so wird beim ersten Anbhcke das blaue Vier- 
eck von dieser Seite zu verlieren scheinen. 

107. An dem untern Rande der beiden Vierecke wird ein 
blauer Rand und eine violette Strahlung entstehen und 
die entgegengesetzte Wirkung hervorbringen: denn der 
blaue Rand, der mit der roten Fläche heterogen ist, wird 
das Gelbrote, denn ein solches muß zu diesem Versuche 
gewählt werden, beschmutzen und eine Art von Grün 
hervorbringen, so daß das Rote von dieser Seite ver- 
kürzter scheint, und die violette Strahlung des Randes 
nach dem Schwarzen zu wird kaum bemerkt werden. 

108. Dagegen wird der blaue Rand sich mit der blauen 
Fläche identifiieren, ihr nicht allein nichts nehmen, son- 
dern vielmehr noch geben, und solche durch die violette 
Strahlung dem Anscheine nach noch mehr verlängern. 

109. Die Wirkung der homogenen und heterogenen Rän- 
der, wie ich sie gegenwärtig genau beschrieben habe, ist 
so mächtig und so sonderbar, daß einem jeden Beobach- 
ter beim ersten Anblicke die beiden Vierecke aus der 
horizontalen Linie heraus und im entgegengesetzten Sinne 
auseinandergerückt scheinen, das Rote hinaufwärts, das 
Blaue herabwärts. Doch wird bei näherer Betrachtung diese 
Täuschung sich bald verlieren, und man wird die Wir- 
kung der Ränder, wie ich sie angezeigt, bald genau be- 
merken lernen. 

110. Es sind überhaupt nur wenige Fälle, wo diese Täu- 
schung statthaben kann, sie ist sehr natürlich, wenn man 



BEITRÄGE ZUR OFFIK II 337 

zu dem roten Viereck ein mit Zinnober, zu dem blauen 
ein mit Indig gefärbtes Papier anwendet. Dieses ist der 
Fall, wo der blaue und rote Rand, da wo er homogen ist, 
sich unmerklich mit der Fläche verbindet, da wo er hetero- 
gen ist, die Farbe des Vierecks nur beschmutzt, ohne 
eine sehr deutliche Mittelfarbe hervorzubringen. Das rote 
Viereck muß nicht so sehr ins Gelbe fallen, sonst wird 
oben der dunkelrote Rand sichtbar; es muß aber von der 
andern Seite genug vom Gelben haben, sonst wird die 
gelbe Strahlung zu sichtbar. Das blaue darf nicht um das 
mindeste heller sein, sonst wird der rote und gelbe Rand 
sichtbar, und man kann die untere violette Strahlung 
nicht mehr als die verrückte Gestalt des hellblauen Vier- 
ecks ansehen. Und so mit den übrigen Umständen, die 
dabei vorkommen. 

111. Ich habe gesucht auf der beiliegenden Tafel die 
Töne der Farben dergestalt zu wählen, daß die Täuschung 
in einem hohen Grade hervorgebracht werde; weil es aber 
schwer ist, ein Papier so dunkelblau, als die Farbe hier 
erforderlich ist, egal anzustreichen: so werden einzelne 
Liebhaber, entweder durch sorgfältige Färbung des Papiers, 
oder auch durch Muster von Scharlach und blauem Tuche 
diesen Versuch noch reiner anstellen können. 

Ich wünsche, daß alle diejenigen, denen es um diese Sache 
Ernst wird, sich die hierbei anzuwendende geringe Mühe 
nicht möchten reuen lassen, um sich fest zu überzeugen, 
daß die farbigen Ränder, selbst in diesem Falle, einer 
geschärften Aufmerksamkeit nie entgehen können. Auch 
findet man schon auf unserer Tafel Gelegenheit, sich alle 
Zweifel zu benehmen. 

112. Man betrachte das weiße neben dem blauen ste- 
hende Viereck auf schwarzem Grunde, so werden an dem 
weißen, welches hier an der Stelle des roten steht, die 
entgegengesetzten Ränder in ihrer höchsten Energie in 
die Augen fallen. Es erstreckt sich an demselben der 
rote Rand fast noch mehr als am Roten selbst über das 
Blaue hinauf; der untere blaue Rand aber ist in seiner 
ganzen Schöne sichtbar, dagegen verliert es sich in dem 
blauen Viereck durch Identifikation. Die violette Strah- 

GOETHE XVII 22. 



338 CHROM ATIK 

lung hinabwärts ist viel deutlicher an dem Weißen als 
an dem Blauen. 

113. Man sehe nun herauf und herab, vergleiche das rote 
mit dem weißen, die beiden blauen Vierecke miteinander, 
das blaue mit dem roten, das blaue mit dem weißen, und 
man wird die Verhältnisse dieser Flächen zu ihren Rän- 
dern deuthch einsehen. 

114. Noch auffallender erscheinen die Ränder und ihre 
Verhältnisse zu den farbigen Flächen, wenn man die far- 
bigen Vierecke und das Schwarze auf weißem Grunde 
betrachtet: denn hier fällt jene Täuschung völhg weg, und 
die Wirkungen der Ränder sind so sichtbar, als wir sie 
nur in irgendeinem andern Falle gesehen haben. Man 
sehe zuerst das blaue und rote Viereck durchs Prisma an. 
An beiden entsteht der blaue Rand nunmehr oben, dieser, 
homogen mit dem Blauen, verbindet sich mit demselben 
und scheint es in die Höhe zu heben, nur daß der hell- 
blaue Rand oberwärts schon zu sichtbar ist. Das Violette 
ist auch herabwärts ins Blaue deutlich genug. Eben dieser 
obere blaue Rand ist nun mit dem roten Viereck heterogen, 
er ist kaum sichtbar, und die violette Strahlung bringt, 
verbunden mit dem Gelbrot, eine Pfirschblütfarbe zu- 
wege. 

115. Wenn nun auch gleich in diesem Falle die obern 
Ränder dieser Vierecke nicht horizontal erscheinen, so 
erscheinen es die untern desto mehr: denn indem beide 
Farben gegen das Weiße gerechnet dunkler sind, als sie 
gegen das Schwarze hell waren: so entsteht unter beiden 
der rote Rand mit seiner gelben Strahlung, er erscheint 
unter dem gelbroten Viereck in seiner ganzen Schönheit 
und unter dem blauen beinahe wie er unter dem Schwar- 
zen erscheint, wie man bemerken kann, wenn man die 
darunter gesetzten Vierecke und ihre Ränder mit den 
obern vergleicht. 

116. Um nun diesen Versuchen die größte Mannigfaltig- 
keit und Deutlichkeit zu geben, sind Vierecke von ver- 
schiedenen Farben in der Mitte der Tafel, halb auf die 
schwarze, halb auf die weiße Seite geklebt. Man wird sie, 
nach jenen uns nun bei farbigen Flächen genugsam be- 



BEITRÄGE ZUR OPTIK II 339 

kannt gewordenen Gesetzen, an ihren Rändern verschie- 
dentlich gefärbt finden, und die Vierecke werden in sich 
selbst entzwei gerissen und hinauf- und hinunterwärts ge- 
rückt scheinen. Da nun das Phänomen, das wir vorhin an 
einem roten und blauen Viereck, auf schwarzem Grunde, 
bis zur Täuschung gesehen haben, uns an zwei Hälften 
eines Vierecks von gleicher Farbe sichtbar wird, wie es 
denn an dem mennigroten kleinen Vierecke am allerauf- 
tallendsten ist, so werden wir dadurch abermals auf die 
farbigen Ränder, ihre Strahlungen und auf die Wirkungen 
ihrer homogenen oder heterogenen Natur zu den Flächen, 
an denen sie erscheinen, aufmerksam gemacht. 

117. Ich überlasse den Beobachtern, die mannigfaltigen 
Schattierungen der halb auf Schwarz, halb auf Weiß be- 
festigten Vierecke selbst zu vergleichen, und bemerke nur 
noch die scheinbare konträre Verzerrung, da Rot und Gelb 
auf Schwarz hinaufwärts, auf Weiß herunterwärts, Blau 
auf Schwarz herunterwärts und auf Weiß hinaufwärts ge- 
zogen scheinen. 

118. Es bleibt mir, ehe ich schließe, noch übrig, die 
schon bekannten Versuche noch auf eine Art zu ver- 
mannigfaltigen. Es stelle der Tieobachter die Tafel der- 
gestalt vor sich, daß sich der schwarze Teil oben und der 
weiße unten befindet; er betrachte durchs Prisma eben 
jene Vierecke, welche halb auf schwarzem, halb auf weißem 
Grunde stehen, nun horizontal nebeneinander; er wird 
bemerken, daß das rote Viereck durch einen Ansatz zweier 
roten Ränder gewinnt, er wird bei genauer Aufmerksam- 
keit die gelbe Strahlung von oben herein auf der roten 
Fläche bemerken, die untere gelbe Strahlung nach dem 
Weißen zu wird aber viel deutlicher sein. 

119. Oben an dem gelben Viereck ist der rote Rand sehr 
merklich, die gelbe Strahlung identifiiert sich mit der 
gelben Fläche, nur wird solche etwas schöner dadurch. 
Der untere Rand hat nur wenig Rot, und die gelbe Strah- 
lung ist sehr deuthch. Das hellblaue Viereck zeigt oben 
den dunkelroten Rand sehr deutlich, die gelbe Strahlung 
vermischt sich mit der blauen Farbe der Fläche und bringt 
ein Grün hervor, der untere Rand geht in eine Art von 



340 CHROM ATIK 

Violett über, die gelbe Strahlung ist blaß. An dem blauen 
Viereck ist der obere rote Rand kaum sichtbar, die gelbe 
Strahlung bringt herunterwärts ein schmutziges Grün her- 
vor; der untere rote Rand und die gelbe Strahlung zeigen 
sehr lebhafte Farben. 

I20. Wenn man nun in diesen Fällen bemerkt, daß die 
rote Fläche durch einen Ansatz auf beiden Seiten zu ge- 
winnen, die dunkelblaue wenigstens von einer Seite zu 
verlieren scheint: so wird man, wenn man die Pappe um- 
kehrt, daß der weiße Teil oben und der schwarze unten 
sich befindet, das umgekehrte Phänomen erblicken. 
12 1. Denn da nunmehr die homogenen Ränder und Strah- 
lungen an den blauen Vierecken entstehen und sich mit 
ihnen verbinden: so scheinen sie beide vergrößert, ja ein 
Teil der Flächen selbst schöner gefärbt, und nur eine ge- 
naue Beobachtung wird die Ränder und Strahlungen von 
der Farbe der Fläche selbst unterscheiden lehren. Das 
Gelbe und Rote dagegen werden nunmehr von den hetero- 
genen Rändern eingeschränkt. Der obere blaue Rand ist 
an beiden fast gar nicht sichtbar, die violette Strahlung 
zeigt sich als ein schönes Pfirschblüt auf dem Roten, als 
ein sehr blasses auf dem Gelben, die beiden untern Rän- 
der sind grün, an dem Roten schmutzig, lebhaft an dem 
Gelben, die violette Strahlung bemerkt man unter dem 
Roten sehr wenig, mehr unter dem Gelben. 
12 2. Es lassen sich diese Versuche noch sehr verviel- 
fältigen, wie ich denn hier die farbigen Ränder der dunkel- 
roten, hochgelben, grünen und hellblauen Vierecke, die 
sich auf der einen Seite der Tafel gleichfalls zwischen 
dem Schwarzen und Weißen befinden, nicht umständlich 
beschreibe und hererzähle, da sie sich jeder Beobachter 
leicht selbst deutlich machen und sich aufs neue über- 
zeugen kann, daß die farbigen Vierecke nebeneinander 
deswegen durchs Prisma verschoben erscheinen, weil der 
Ansatz der homogenen und heterogenen Ränder eine 
Täuschung hervorbringt, die wir nur durch eine sorgfäl- 
tige Reihe von Erfahrungen rektifizieren können. 



BEITRÄGE ZUR OPTIK II 341 

XI 

Nacherinnerung 

Ich beschließe hiermit vorerst den Vortrag jener pris- 
matischen Erfahrungen, welche ich die subjektiven nennen 
darf, indem die Erscheinungen in dem Auge des Beobach- 
ters vorgehen, wenn ohne Prisma an den Objekten, wel- 
che gesehen werden, eine Spur des Phänomens nicht 
leicht zu entdecken ist. 

Es leiten sich alle diese Versuche von einer einzigen Er- 
fahrung ab, nämlich: daß wir notwendig zwei entgegen- 
gesetzte Ränder vor uns stellen müssen, wenn wir sämt- 
liche prismatische Farben auf einmal sehn wollen, und 
daß wir diese Ränder verhältnismäßig aneinander rücken 
müssen, wenn die voneinander getrennten einander ent- 
gegengesetzten Erscheinungen sich verbinden und eine 
Farbenfolge durch einen gemischten Übergang darstellen 
sollen. 

Ich habe meine Bemühungen nur daraui gerichtet, die 
einfachen Erfahrungen in so viele Fälle zu vermannig- 
faltigen, als es mir jetzt möglich war und nützlich schien, 
und ich hofie, daß man meine Arbeit nicht deswegen ge- 
ringer schätzen wird, weil sich alle von mir vorgetragenen 
Versuche auf einen einzigen wieder zurückbringen lassen. 
Die unzähligen Operationen der Rechenkunst lassen sich 
auf wenige Formeln reduzieren, und die Magnetnadel zeigt 
uns eben darum den Weg von einem Ende des Meers zum 
andern, sie hilft uns aus den verworrensten unterirdischen 
Labyrinthen, läßt uns über Täler und Flüsse das Maß 
finden und gibt uns zu vielen ergötzlichen Kunststücken 
Anlaß, eben weil sie sich unveränderlich nach einem ein- 
fachen Gesetze richtet, das auf unserm ganzen Planeten 
gilt und also überall ein gewisses Hier und Dort angibt, 
das der menschliche Geist in allen Fällen zu bemerken 
und auf unzählige Art anzuwenden und zu benutzen ver- 
steht. 

Ein solches Gesetz kann gefunden, deutlich gemacht und 
tausendfältig angewendet werden, ohne daß man eine 
theoretische Erklärungsart gewählt oder gewagt hat. 



342 CHROMATIK 

Darf ich mir schmeicheln, in einer so durchgearbeiteten 
Materie, als die Lehre von den Farben ist, etwas Nütz- 
liches und Zweckdienhches zu leisten: so kann ich es nur 
alsdann, wenn ich die vielen Versuche, welche bezüglich 
auf Entstehung der Farben von so vielen Beobachtern an- 
gestellt worden und die überall zerstreut liegen, zusammen- 
bringe und sie nach ihrer natürlichen Verwandtschaft ohne 
weitere Rücksicht in Ordnung stelle. 
Man wird mir verzeihen, wenn ich nicht gleich anzeige, 
woher ich sie nehme, wo und wie sie bisher vorgetragen 
worden, wie man sie zu erklären gesucht, und ob sie 
dieser oder jener Theorie günstig scheinen. Was für Kenner 
überflüssig ist, dürfte den Liebhaber verwirren, und leicht 
werden Streitigkeiten erregt, die man so viel als möglich 
zu vermeiden hat. Sind die Materialien einmal beisammen, 
so ergibt sich die Anwendung von selbst. 
Ebenso wird man mir vergeben, wenn ich langsamer vor- 
wärts gehe, als ich mir es anfangs vorgesetzt, und, um 
keinen Fehltritt zu tun, meine Schritte zusammenziehe. 

Erklärung der Kupfertafel' 

Das zusammengesetzte hohle Prisma ist hier schwebend 
vorgestellt. Man kann seine zwei undurchsichtigen bleier- 
nen Seiten von den durchsichtigen gläsernen leicht unter- 
scheiden, und man weiß, daß die Oberfläche nicht zuge- 
schlossen ist. Man sieht das schmale Fensterblei, durch 
welches das ganze Instrument verbunden wird, indem 
solches an allen Rändern hingeführt und wohlverkittet 
ist. Es schwebt das Prisma über seinem Gestelle, dieses 
hat zwei Seitenbretter, welche mit Leisten eingefaßt sind, 
um das Prisma zu empfangen. Die eine Leiste ist kurz 
und einfach, die andere länger und eingeschnitten. Dieser 
Einschnitt dient, wenn das Prisma unmittelbar an den 
Brettern niedergelassen ist und auf den Leisten ruht, eine 
ausgeschnittene Pappe vor die eine Fläche des Prisma zu 
schieben und dadurch Versuche hervorzubringen, welche 
wir in den folgenden Stücken vorlegen werden. 

>• Vgl. Seite 330. 



BEITRÄGE ZUR OPTIK II 343 

Die erstbeschriebenen Seitenbretter sind durch beweg- 
liche Zapfen mit zwei Pfosten verbunden und können 
durch eine Schraube an die Pfosten angezogen oder von 
denselben entfernt und also dem Prisma genau angepaßt 
v/erden. 

Die beiden Pfosten stehen auf einem Boden von starkem 
Holz, das einwärts vertieft ist, damit das aus dem pris- 
matischen Gefäß allenfalls auströpfelnde Wasser aufge- 
fangen werde. Die Leisten der obenbeschriebenen Seiten- 
bretter gehen unterwärts nicht zusammen, damit das 
Wasser ungehindert abträufeln könne. 
Ich empfehle nochmals den Liebhabern dieses leicht zu 
verfertigende Instrument und ersuche sie, solches an 
einem offenen Fenster den Sonnenstrahlen auszusetzen. 
Man wird zum voraus manche merkwürdige Erscheinung 
gewahr werden, die ich erst später in ihrer Reihe auf- 
führen kann. 



EINIGE ALLGEMEINE CHROMATISCHE 
SÄTZE 

[PlandschriftHch. 1793] 

DIE Farbe ist eine Eigenschaft, die allen Körpern, 
die wir kennen, unter gewissen Bedingungen zu- 
kommen kann. 
Die Körper sind entweder farblos, oder können doch in 
den farblosen Zustand versetzt werden. 
In und an den Körpern kann durch bestimmte Behand- 
lung Farbe erregt, sie kann ihnen mitgeteilt, die erregte 
oder mitgeteilte kann verändert werden. 
Das Licht kommt auf eine doppelte Weise in Betrachtung, 
erstens als Mittel, durch welches wir die Farben erken- 
nen, und hier ist es in seinem höchsten, absolutesten Zu- 
stande farblos, zweitens als der reinste, feinste Körper, der 
teils mit allen übrigen Körpern Affinität hat, teils an wel- 
chem, wie an den übrigen Körpern, Farben erregt werden, 
welchem Farben mitgeteilt werden können. 
Wie das Licht sich an Reinheit und Energie gegen die 
übrigen Körper verhält, so verhalten sich auch seine Far- 
ben zu den Farben der übrigen Körper. Diese nennen wir 
mit einigen Alten einsweilen eigeneFarhen (colores pro- 
prios), jene nennen wir apparente^ die Alten nannten sie 
fürtrefilich colores emphaticos. 

Die Farben des Lichts, sowie der übrigen Körper, gehen 
manchmal nur vorüber, sie wechseln, kehren sich um. 



Diese Sätze machen, wie man sieht, keinen Anspruch, 
irgendeine Ursache der Farbenentstehung anzuzeigen, 
ebensowenig wagen sie es, auch nur die näheren Gesetze 
bezeichnen zu wollen, deren Bedingungen wir erst noch 
aufzusuchen haben, sie sprechen gewissermaßen nur die 
Erfahrungen aus, die wir beinahe so oft machen, als wir 
die Augen eröffnen. 

Es fragt sich, ob ich mich hierin nicht irre? ob sie zulässig 
und insofern zweckmäßig sind: daß wir den Punkt, von 
dem wir ausgehen und zu dem wir oft zurückkehren wer- 
den, dadurch deutlich bezeichnen. 



EINIGE ALLGEMEINE SÄTZE 345 

Vorschläge 
wie man sich in die vorzunehmenden Arbeiten teilen könne. 

Der größte Vorteil, der aus einer gemeinsamen Bearbei- 
tung einer so weit verbreiteten Wissenschaft entspringen 
könne, ist außer der Vollständigkeit auch der, daß keine 
einseitige Behandlungsart das Übergewicht gewinnen und 
die übrigen, die ebensoviel recht haben, wo nicht aus- 
schließen, doch wenigstens genieren dürfe. 
Wir wollen hier nur die allgemeinste Übersicht geben. 

Der Chemiker 
behandelt gleichsam privative 

die unorganischen Körper^ 
insofern sie farblos sind, insofern Farben an ihnen erregt^ 
sie ihnen mitgeteilt^ an ihnen verändert und abgewechselt 
werden können, und wie sie aus dem farbigen Zustande 
in den farblosen wieder zu versetzen sind. 
Er beobachtet gleichfalls die sogenannten Elemente, d. i. 
die unzerlegbaren, oder wenigstens bis jetzt unzerlegten 
Körper. Hier trifi"t er mit dem Physiker zusammen, dem 
er die Bearbeitung der Bedingungen überläßt, unter wel- 
chen das Licht farblos oder gefärbt erscheint. Dagegen 
untersucht er die Affinität des Lichtes zu andern Körpern 
(er untersucht, inwiefern das Licht zur Färbung der Pflan- 
zen beitrage? usw.), besonders zu solchen, die fast ganz aus 
Farbeteilen bestehen und unter dem Namen Pigmente zu 
bezeichnen sind. Ferner die Affinität dieser farbigen Stofl:e 
zu andern Körpern, den Metallkalken, Erden, zu den ob- 
stringenten Stoffen und durch diese zu den organischen 
Körpern; so würde teils die reine chemische Farbenlehre, 
teils die angewendete, die Färbekunst bearbeitet. In beiden 
ist schon so viel getan, daß man sich beinahe nur über die 
Ordnung verstehen dürfte, in welcher man die Phänomene 
und Erfahrungen aufzustellen der Natur gemäß fände. Vor- 
schläge dazu werde ich zur Prüfung darlegen. 

Der Physiker 
beschäftigt sich mit den Bedingungen, unter welchen das 
Licht /(7/7;/(3X, vorzüglich aber ^(?/är^/ erscheint. 



346 CHROMATIK 

Es ist und bleibt unter mancherlei Umständen fard/os, und 
immer wird es sich rein, einfach, gewaltig, schnell und 
empfindlich zeigen. 

Gefärbt erscheint es sehr oft unter verschiedenen Bedin- 
gungen, welche so genau als möglich voneinander zu son- 
dern sind, ob man gleich am Ende findet, daß eine in die 
andere eingreift. Es ist mir davon folgendes bekannt: 
In und an dem Lichte werden Farben erregt 

1. durch Mäßigung des Lichtes, 

2. durch Wechselwirkung des Lichtes auf die Schatten. 
Diese beiden Bedingungen bringen jederzeit Farben her- 
vor, und kann die Art, wie sie wirken, leicht erkannt wer- 
den. Bei den folgenden ist es nicht so, wir sagen daher: 
Ferner werden in und an dem Lichte Farben erregt^ 
bei Gelegenheit, 3. der Beugung, Inflexion, 

4. des Widerscheins, Reflexion, 

5. der Brechung, Refraktion. 

Diese drei bringen nicht immer Farben hervor, sondern 
sie müssen noch besonders bedingt werden. 
Dem Lichte werden Farben 7nitgeteilt 
6. durch farbige durchsichtige Körper. 
Dieses sind die mir bekannten sechs Bedingungen, unter 
die sich der größte Teil der Erfahrungen, die apparenten 
Farben betreffend, ordnen läßt. Ob sie hinreichend sind, 
wird die Folge der Arbeit zeigen. 

Von der dabei anzudeutenden Methode rede ich in einem 
besondern Abschnitt. 

Es gibt mehrere Erfahrungen, die man nicht gewiß zu ord- 
nen weiß, diese werden einsweilen besonders gestellt. 

Der Mathematiker 
wird dem Physiker beistehen, er wird die Methode prüfen, 
nach welcher die Versuche geordnet sind, er wird die- 
ses nach den allgemeinen Grundsätzen des Denkens tun 
und scharf bemerken, ob von dem Einfachen zu dem Zu- 
sammengesetzteren fortgeschritten worden, ob in dem 
Vortrag keine Lücken zu bemerken, und ob das, was als 
Resultat angegeben wird, auch wirklich aus dem Erfah- 
renen folgt. 



EINIGE ALLGEMEINE SÄTZE 347 

Er wird sodann in die Sache hineingehen und alles, was 
Zahl und Maß unterworfen ist, so rein und einfach als 
inöglich durcharbeiten. 

Der Mechaniker 
wird die kürzesten Wege und Mittel überlegen, wie zu den 
angegebenen Versuchen der Apparat beizuschaffen und 
herzustellen sei. Er wird Gelegenheithaben, seinen Scharf- 
sinn zu üben und Maschinen zu ersinnen, an denen und 
durch welche mehrere Versuche gemacht werden können, 
teils um Kosten, teils um Platz zu sparen. Denn oflfenbar 
wird nach diesen Arbeiten der Vorrat eines physikalischen 
Kabinetts sehr vermehrt werden. Die beste Einrichtung 
einer dunklen Kammer, die Bequemlichkeit des Apparats 
verdienen alles Nachdenken, um jeden Physiker in den 
Stand zu setzen, nicht allein alle nach einer reinen Me- 
thode aufzustellenden Versuche mit Leichtigkeit zu wie- 
derholen, sondern auch, wenn es erfordert wird, selbst die 
komplizierten falschen Experimente, von welchen ihm der 
Kritiker ein Verzeichnis liefert, darzustellen. 
Die gefälligsten und wunderbarsten wird man in die natür- 
liche Magie aufnehmen, um sie bekannt zu machen auch 
unter Personen, die kein wissenschaftliches Interesse an 
diesen Erscheinungen nehmen. 

Der Naturhistoriker 
wird die organischen Naturen durchgehen, inwiefern sie 
' farblos oder farbig sind. Er wird die verschiedenen Reiche 
und Klassen bearbeiten, und sehen, ob sich nicht Gesetze 
entdecken lassen, nach denen die organischen Körper farb- 
los oder gefärbt sind. Was Element, Klima, Gestalt dazu 
beiträgt. Er wird die Vorarbeiten des Chemikers und Phy- 
sikers zu Rate ziehen. 

Um nur etwas zu sagen, wie er seine Untersuchungen an- 
schließen könne, so bemerke man, daß reine ganze Farben 
nur an unvollkommenen organischen Naturen stattfinden: 
an Blumen, Raupen, Schmetterlingen, Schalen der Wür- 
mer, Fischen, Vögeln. An Säugetieren finden sich meist 



34 S CHROM ATI K 

nur gemischte Farben. Reine Farben an der Gestalt d 
Menschen würden unerträglich sein. 

Der Maler 
braucht die Farbe teils mechanisch , worinne ihm der Clie- 
miker vorgeht, mit welchem er sich, was diesen Teil be- 
trifft, verbinden wird. Teils zu ästhetischen Zwecken., und 
hier steht er höher als alle, die sich mit Farben beschäf- 
tigen. Er muß ihre Natur, ihre Wirkung tief und genau 
kennen, weil er die zartesten und doch verschiedensten 
Effekte hervorbringen will. Wir können hoffen, daß er uns 
die wichtigsten Aufschlüsse geben wird, wenn er von seiner 
Erfahrung ausgeht und durch Beispiel zeigt, wo, wie und 
warum er die verschiedenen Farben benutzt. 
Hoffentlich wird er sich von dieser Seite mit dem Phy- 
siker vereinigen können, von dem er bisher sich gänzlich 
verlassen sah. 

Vorläufig merke ich an, daß er folgendes unterscheidet: 
I. Licht und Schatten., Hell und Dunkel. 
2. Lokalfarbe, Farbe des Gegenstandes ohne Zusammen- 
hang. 

3. Apparcnte Farbe. Die Lehre von der Mäßigung des 
Lichts und den farbigen Schatten studiert er aufs ge- 
nauste. 

4. L^arben gebung. Harmonische Verbindung der Farben 
durch Zusammenstellung und Vereinigung der Lokal- und 
apparenten Farben. 

5. Ton. Allgemeine Farbe, die über ein ganzes Bild herrscht. 

Der Historiker 
wird die Geschichte der Farbenlehre aus der Geschichte 
der Optik und der übrigen Naturlehre aussondern. Er wird 
die Meinungen der Alten, die Hypothesen und Theorien 
der mittlem und neuern Zeit, die Streitigkeiten so un- 
parteiisch als möglich erzählen, er wird die obwaltenden 
moralisch-politischen Ursachen des Übergewichts dieser 
oder jener Lehre aufzufinden suchen und die Modifika- 
tion der herrschenden Theorien bis auf die neuesten Zeiten 
verfolgen. 



EINIGE AI.LGlCxMEINE SÄTZE 349 

Der Kritiker 
findet durch den Historiker seinen Weg gebahnt und durch 
die x'\rbeiten besonders des Physikers und Chemikers die 
r)ase seines Urteils befestigt. Er untersucht alle Versuche, 
von welchen jene zu reden sich enthalten, alle falsch ver- 
wickelte, falsch verknüpfte, falsch erklärte Versuche, und 
zeigt, wie sie einfacher anzustellen und wohin sie zu ord- 
nen sind. Er entdeckt alle Übereilungen des Urteils, die 
Unrichtigkeiten der Methode, die Lücken der Hypothesen, 
setzt die Punkte des Streites fest, und kommt dergestalt 
denen, die ihm vorgearbeitet haben, von seiner Seite zu 
Hülfe. 

Er erfreut sich an den Bemühungen derer, die ihren Geist 
an diesen Gegenständen geübt und scharfsinnige hypothe- 
tische Verbindungen ohne Anmaßung gemacht; er zieht 
aus der Geschichte einzelne aufgestellte Versuche und 
Meinungen hervor, die nicht die Aufmerksamkeit erregt, 
nicht das Glück gehabt, das sie verdient, und bringt ver- 
kanntes Verdienst zu Ehren. 

Er nimmt die polemischen Bemühungen über sich, damit 
die reine aufzustellende Lehre nicht getrübt werde. 
Ferner wird er die von uns eingegangene Methode recht- 
fertigen und, was sich in der Folge an ihr zu tadeln finden 
sollte, gleichfalls anzeigen. 



Haben wir nun von gedachten Männern die vorzüglichste 
Beihülfe zu erwarten, so werden wir doch in dem Falle 
sein, uns den Anteil mehrerer zu wünschen und zu er- 
bitten. 

So wird der Physiker dem Anatomen verschiedene Fragen 
über den Bau des Auges vorzulegen haben. 
So wird CiQi spekulative Philosoph eingeladen, den Erschei- 
nungen, mit denen wir uns beschäftigen, einen Blick zu 
gönnen; als Logiker unsere Methode zu beurteilen und zu 
reinigen; als Ästhetiker zu prüfen, ob er bei Betrachtung 
der Werke der Kunst und ihrer Schätzung einen sicherern 
Maßstab erhält, als der war, dessen er sich bisher bedient, 
usw. 



350 CHROMATIK 

Jeder aufmerksame Mensch wird uns an Phänomene er- 
innern, über die wir hinwegsahen. Sehr viel bin ich schon 
teilnehmenden Freunden schuldig geworden. 
Wie viel eine Wissenschaft durch allgemeineren Anteil ge- 
winnt, braucht nicht ausgeführt zu werden, und wie wohl- 
tätig sie besonders in unsern Zeiten werden kann, wenn 
sie das Gemüt von andern zudrängenden Gedanken ab- 
leitet, erfahre ich an mir selber. 

Lager bei Marienborn 
d. 2 1 Jul. 1793. 



ÜBER DIE EINTEILUNG DER FARBEN 
UND IHR VERHÄLTNIS GEGEN- 
EINANDER 

[Handschriftlich. Wohl 1793] 

WENN der billige Wunsch, die Farbenlehre durch 
mehrere Naturfreunde gemeinschaftlich behan- 
delt zu sehen, in Erfüllung gehen sollte, so ist 
vorauszusetzen, daß man suche, von eitiem Standorte aus- 
zugehen, sich über einige Punkte zur Leitung der Arbeit 
zu vereinigen. 

Man kann keine völlig ausgearbeitete unwidersprechliche 
Sätze zum Grunde legen, denn wir arbeiten ja, erst diese 
zu finden. Wir wollen suchen, nicht beweisen, und der 
Leitfaden, an dem wir ausgehen, möchte so hypothetisch 
sein als er will, wenn er uns nur dient, unsern Weg, wo- 
hin wir ihn auch nehmen, zu verfolgen und zurückzu- 
finden. 

Nachstehende Resultate habe ich aus vielen Arbeiten ge- 
zögen und finde im Fortarbeiten bequem, sie vor Augen 
zu haben; ich wünsche, daß sie andern auch nützlich sein 
mögen. 

Wir kennen nur zwei ganz reine Farben, welche, ohne uns 
einen Nebeneindruck zu geben, ohne an etwas anders zu 
erinnern, von uns wahrgenommen werden. Es sind 

Gelb und Blau. 

Sie stehen einander entgegen, so wie nur ein irgend uns 
bekannter Gegensatz. Die reine Existenz der einen schließt 
die reine Existenz der andern völlig aus, sie haben aber 
eine Neigung gegeneinander, als zwar entgegengesetzte 
aber nicht widersprechende Wesen; jede einzeln betrachtet 
macht einen bestimmten und höchst verschiedenen Eflfekt, 
nebeneinander gestellt machen sie einen angenehmen 
Eindruck aufs Auge, miteinander vermischt befriedigen 
sie den Blick. Diese gemischte Farbe nennen wir 

Grün. 

Dieses Grün ist die Wirkung der beiden vermischten, aber 
nicht vereinigten Farben, in den meisten Fällen lassen sie 
sich sondern und wieder zusammensetzen. 



352 CHROM ATI K 

Wir kehren zurück und betrachten die beiden Farben 
Gelb und Blau abermals in ihrem reinen Zustande und 
finden, daß sie auch heller und dunkler ohne Veränderung 
ihrer P^igenheit dargestellt werden können. 
Wir nehmen z. B. rein aufgelöstes Gummi Gutti und strei- 
chen davon auf ein Papier; sobald es getrocknet, über- 
streichen wir einen Teil zum zweitenmal und so fort, und 
wir finden, daß, je mehr Farbenteilchen das Papier be- 
decken, je dunkler die Farbe wird. Eben diesen Versuch 
machen wir mit fein geriebenem Berliner Blau. 
Wir können zwar auch die hellere Farbe dunkler erschei- 
nen machen, wenn wir das Papier vorher mit einer leich- 
tern oder stärkern Tusche überziehen und dann die Farbe 
darüber ziehen. Allein von der Vermischung mit Schwarz 
und Weiß darf bei uns nicht die Rede sein. Bei uns fragt 
sichs nur: sind die Farbenteile näher oder entfernter bei- 
sammen? jedoch in völliger Reinheit. 
Auf obgemeldete Weise verstärken wir die Farbe nicht 
lange, so finden wir, daß sie sich noch auf eine andere 
W^eise verändert, die wir nicht bloß durch dunkler aus- 
drücken können. Das Blaue nämlich sowohl als Gelbe 
nehmen einen gewissen Schein an, der, ohne daß die 
Farbe heller werde als vorher, sie lebhafter macht, ja 
man möchte beinahe sagen, sie ist wirksamer und doch 
dunkel. Wir nennen diesen Efiekt 

Rot. 

So ist ein reines trocknes Stück Gummi Gutta auf dem 
Bruche schon orangengelb. Man lege es gegen ein Stück 
schön rot Siegellack, und man wird wenig Unterschied 
sehen. Ebenso schimmert das gute Berliner Blau, der 
echte Indig auf dem Bruche ins Violette. Der Chemiker 
wird uns durch Verdickung der Liquore die schönsten 
Beispiele liefern. 

Rot nehmen wir also vorerst als keine eigene Farbe an, 
sondern kennen es als Eigenschaft, welche dem Gelben 
und Blauen zukommen kann. Rot steht weder dem Blauen 
noch dem Gelben entgegen, es entsteht vielmehr aus 
ihnen, es ist ein Zustand, in den sie versetzt werden können, 



ÜBER DIE EINTEILUNG DER FARBEN 353 

und zwar durch Verdichtung, durch Aneinanderdrängung 
ihrer Teile; geteilte rote Blutkügelchen legen ihre rote 
Farbe ab und nehmen eine gelbe an. Man nehme nun das 
Gelbrote und das Blaurote^ beides auf seiner höchsten 
Stufe und Reinheit, man vermische beide, so wird eine 
Farbe entstehen, welche alle übrigen an Pracht, besonders 
wenn die Farben emphatisch sind, übertrifft, es ist der 

Purpur^ 

der so viel Nuancen haben kann, als es Übergänge vom 
Gelbroten zum Blauroten geben kann. Diese Vermischung 
geschieht am reinsten und vollkommensten bei den pris- 
matischen Versuchen. Die Chemie wird uns die Übergänge 
sehr interessant zeigen. Wie es mit Pigmenten geschehen 
könne, wird der Maler angeben. 
Wir kennen also nur folgende Farben und Verbindungen: 

Purpur 



Gelbrot Blaurot 

Gelb Blau 

Grün 

\ Es läßt sich auch dieses Schema in einem Farbenkreise 

bequem darstellen.* 
1 Wir kennen, wie oben schon gesagt, keine Verdunklung 
\ derselben durch Schwarz^ welches immer zugleich eine 
Beschmutzung mit sich führt und unnötig die Zahl der 
Farbenabstufungen vermehrt. 

Wir enthalten uns gleichfalls der Vermischung mit Weiß^ 
obgleich dieses unschuldiger ist und bei trocknen Pig- 
menten ohngefähr eben das wäre, was das Zugießen des 
Wassers bei farbigen Liquoren ist. 

Das Schwarze bleibt uns wie das Weiße farblos, und wird 
uns in der Kunst nur Licht und Dunkel und farblosen 
Schatten durch Mischung vorstellen. Wir vermischen auch 
nicht die im Schema verschränkt stehenden Farben als 
Purpur und Grün, Blaurot und Gelb, Gelbrot und Blau, 

^ Vgl. Anmerkung auf Seite 378. 
GOETHE XVII 23. 



354 CHROMATIK 

als wodurch nur schmutzige Farben entstehen können. 
Über diese und deren Gebrauch wird uns der Maler bei 
Nachahmung natürlicher Gegenstände, der Färber bei 
Hervorbringung der Modefarben belehren. 
Da wir uns hier bemühen, das Reinste, Abstrakteste, was 
auf alle Fälle anwendbar sein sollte, darzustellen, so haben 
wir uns alles desjenigen zu enthalten, was unser Schema 
verunreinigen, es komphzieren und unsicher machen 
könnte. 

Der Erfolg mag das Vorgetragene rechtfertigen oder ver- 
bessern. 

DerKritikerwirdkünftigdie Farben-Pyramide, dasFarben- 
Lexikon, das Farben-Dreieck und sonstige Bemühungen 
beurteilen und jedem seinen Platz in der Wissenschaft 
und der Benutzung anweisen. 



VON DEN FARBIGEN SCHATTEN 

[Handschriftlich. 1792] 

ES erscheinen uns die Schatten, welche die Sonne bei 
Tag oder eine Flamme bei Nacht hinter undurch- 
sichtigenKörpern verursacht, gewöhnhch schwarz oder 
grau, allein sie werden unter gewissen Bedingungen farbig, 
und zwar nehmen sie verschiedne Farben an. Diese Be- 
dingungen zu erforschen habe ich viele Versuche ange- 
stellt, wovon ich gegenwärtig die merkwürdigsten vor- 
trage, mit der Hoffnung, daß sie einander selbst erklären 
und uns den Ursachen und Gesetzen dieser schönen und 
sonderbaren Erscheinungen näher führen werden. 
Die Erfahrung, daß morgens und abends bei einem ge- 
wissen Grade der Dämmerung der Schatten eines Körpers 
von einer Kerze auf einem weißen Papier hervorgebracht 
und von dem schwachen Tageslicht beschienen blau aus- 
sieht, ist wohl vielen bekannt, doch wünsche ich, daß 
man solche sogleich wiederholen möge. Wie ich denn 
diejenigen, die gedachtes Phänomen nicht gesehen, er- 
suche, sich mit demselben bekannt zu machen. 
Es kann solches sehr leicht bei der Morgen- und Abend- 
dämmerung geschehen, wenn man nur den Schatten irgend- 
eines Körpers mittelst eines Kerzenlichtes dergestalt auf 
ein weiß Papier wirft, daß das zum Fenster hereinfallende 
schwache Tageslicht das Papier einigermaßen beleuchte. 
Je mehr das Himmelslicht abnimmt, desto dunkelblauer 
wird der Schatten und wird zuletzt, wie jeder andre Kerzen- 
schatten bei Nacht, schwarz oder schwarzgrau. 
Da man nun den Himmel blau zu sehen gewohnt ist, da 
man der Atmosphäre eine gewisse, die blauen Strahlen 
absondernde und reflektierende Qualität zuschreibt, so 
leitet man die blaue Schattenerscheinung gewöhnhch von 
einem Widerschein des blauen Himmels oder von einer 
Wirkung der geheimen Eigenschaft der Atmosphäre her. 
Um gegen diese Erklärung einigen Zweifel zu erregen, 
stelle man folgenden Versuch an: An einem grauen Tage, 
wenn der ganze Himmel keine Spur von Blau zeigt, mache 
man ein Zimmer durch vorgezogne weiße Vorhänge düster, 
man entferne sich so weit von den Fenstern, daß auch kein 



356 CHROMATIK 

Licht von den grauen Wolken unmittelbar auf das Papiei 
fallen könne, man beobachte das Zimmer selbst, worin 
man sich befindet, und entferne aus demselben alles, was 
nur einigermaßen blau ist, man beobachte alsdann die 
gegen das Fenster gekehrte Schatten, welche eine Kerze 
auf das weiße Papier wirft, und man wird sie noch ebenso 
schön blau als gewöhnlich finden, vorausgesetzt, daß das 
gedämpfte Tageshcht mit dem Kerzenlichte in einer ge- 
wissen Proportion stehe, welche man durch Vor- und 
Zurückrücken der Fläche leicht entdeckt. Unter diesen 
Umständen wird uns die Einwirkung einer Atmosphäre, 
die sich im Zimmer nicht denken läßt, und ihrer blau- 
färbenden Qualität unbegreiflich bleiben. Auch sieht man 
nichts vor noch neben sich, woher ein blauer Reflex ent- 
stehen könne. 

Hat man sich geübt, diese blauen Schatten unter mehreren 
Umständen hervorzubringen und zu beobachten, so wird 
man eine andere Erscheinung leicht bemerken, die mit 
dieser verwandt, ja gewöhnlich verbunden ist. Sobald 
nämlich das Tageslicht Stärke genug hat, daß es gleich- 
falls den Schatten eines Körpers auf ein weißes Papier 
werfen kann, so wird dieser Schatten, wenn er vom Kerzen- 
lichte beleuchtet wird, gelb oder auch gelbrot, ja fast gelb- 
braun werden, und wird jenem blauen Schatten gegen- 
überstehen. 

Man nehme z. B. ein starkes Bleistift und stelle es der- 
gestalt zwischen Fenster und Kerzenhcht auf ein weißes 
Papier, daß die Schatten von beiden Seiten sichtbar wer- 
den, so wird man die gelben und blauen entgegengesetzten 
Schatten deutlich sehen. Nur ist folgendes dabei zu be- 
merken: das zum Fenster hereinfallende Tageslicht hat 
eine große Breite und macht also Doppelschatten, dahin- 
gegen das Kerzenlicht einen bestimmten und deswegen 
sichtbareren Schatten hervorbringt. Auch wird man das 
Auge ruhig auf beide Schatten richten und bald die beiden 
Farben rein und deutlich erkennen. 
Sind wir nun vorher gegen die Einwirkung der Atmo- 
sphäre auf die blauen Schatten einigermaßen mißtrauisch 
geworden, so werden wir doch hier den gelben Schatten 



VON DEN FARBIGEN SCHAITEN 357 

leichter aus einem Widerschein des Lichts zu erklären 
denken, da wirklich der gelbe Schatten mit der Farbe 
der Lichtflamme ziemlich übereinkommt, und wir können 
erst nach mannigfaltigen Versuchen eines andern Sinnes 
werden. 

So viel gleichsam als Einleitung; wobei ich wünschte, daß 
meine Leser, ehe sie weitergehen, selbst diese Erfahrungen 
anstellen, wozu die Mittel einem jeden gleich zur Hand 
sind. Der Augenschein wird ihnen den Gegenstand ge- 
wiß interessant machen, mit dem wir uns beschäftigen, 
und man wird nachstehenden Versuchen und ihrer Be- 
schreibung, die sich auf beiliegende Figuren [Seite 371] 
bezieht, desto eher folgen können, wenn man auch gleich 
den nötigen Apparat nicht bei der Hand haben sollte, sie 
sogleich selbst anzustellen. 



Erster Versuch. Erste Figur 

Es stehe in einer verfinsterten Kammer eine Kerze in a 
und scheine an der Kante des Körpers c vorbei, so wird 
auf der weißen Fläche <?/ein schwarzer oder schwarz- 
grauer Schatten eg entstehen, der übrige Raum ^/ wird 
von dem Lichte beleuchtet hell sein. Man eröfifne einen 
Fensterladen, so daß ein gemäßigtes Tageslicht von b 
herein und an der Kante des Körpers d vorbeifalle, so 
wird ein Schatten hf entstehen, und das Tageslicht wird 
den übrigen Raum eh beleuchten. Zugleich wird der 
Schatten eg blau, der Schatten hf gelb erscheinen und 
der von beiden Lichtern beleuchtete Raum gh hell blei- 
ben und die natürliche Farbe des Papiers ohne großen 
Unterschied daselbst erscheinen.* 

Zweiter Versuch. Zweite Figur 

Es stehe in a eine weiße Mauer, welche das Sonnenlicht 
nach einer gegenüber errichteten dunklen Kammer hinauf- 
wirft, und bringe auf einem hinter der Öffnung gehaltnen 
Papier den Schatten eg hervor; der heitere Himmel in b 

* Von diesem Unterschiede siehe unten [Seite 369]. 



358 CHROMATIK 

mache auf ebendemselben Papier den Schatten hf, so 
wird der durch den Widerschein der Mauer verursachte, 
vom Himmelslicht beschienene Schatten blau, der ent- 
gegengesetzte gelb sein, wie das innerhalb der dunklen 
Kammer hinter dem Papier befindliche Auge an den 
Rändern deutlich erkennen wird. 

Dritter Versuch. Zweite Figur 
Eben dieses Phänomen wird sich zeigen, wenn die unter- 
gehende Sonne sich in a befindet. Der Schatten eg ist 
lange blau, ehe in >^/ein Schatten erscheinen kann, Ist 
die Luft voll Dünste, so wird schon einige Zeit vor Sonnen- 
untergang das Sonnenlicht dergestalt geschwächt und das 
Licht der Atmosphäre so mächtig, daß letzteres den Schat- 
ten hf hervorbringen kann, welcher sogleich gelb er- 
scheint. Bei heiterem Himmel konnte ich aber dieses 
Phänomen nur dann erst gewahr werden, wenn die halbe 
Scheibe der Sonne schon unter dem Horizonte war. 

Vierter Versuch 
Man lege bei Sonnenschein und heiterm Himmel eine 
weiße Fläche horizontal auf den Boden und irgendeinen 
Körper darauf, so wird der Schatten durch den Einfluß 
des atmosphärischen Lichtes blau erscheinen, der Himmel 
mag selbst blau oder mit weißhchen Dünsten überzogen 
sein; vielmehr werden in dem letzten Falle, weil die Ener- 
gie der Sonne gemäßigter, das Licht des Himmels stär- 
ker wirkt, die Schatten hellblauer erscheinen. Daß der 
entgegengesetzte gelbe Schatten in diesem Falle nicht 
existieren kann, versteht sich von selbst. 

Fünfter Versuch 
Man lasse an einem heitern Tage, wenn der Himmel rein 
blau ist, den Widerschein desselben durch eine sechs Zoll 
weite Öffnung in eine dunkle Kammer fallen und bringe 
durch Zwischenstellung eines Körpers auf einer weißen 
horizontalen Fläche einen Schatten hervor, so wird er 
grau sein; man nähere demselben ein Kerzenlicht, und er 
wird nach und nach gelb werden, so wie der durch das 



VON DEN FARBIGEN SCHATTEN 359 

Kerzenlicht nach der Öffnung zu geworfne Schatten blau 
erscheinen wird. 

Alle diese Versuche lassen uns noch einigermaßen in 
Ungewißheit, ob nicht hier sich irgendeine Reflexion eines 
blauen oder gelben Gegenstandes mit einmische? Wir 
werden daher, um einzusehen, wie es sich damit verhalte, 
unsre Versuche vermannigfaltigen. 

SecJister Versuch. Erste Figur 
Es befinde sich eine Kerze in a und das Mondhcht scheine 
von b her, so wird der Schatten hf^ den das Mondlicht 
wirft und der vom Kerzenlichte beschienen wird, gelb er- 
scheinen, der Schatten eg aber, den die Kerze wirft und 
das Mondlicht bescheint, blau sein. Wir werden hier auf 
den Gedanken geführt: daß kein Widerschein eines ge- 
färbten Körpers, kein gefärbtes Licht auf die Schatten zu 
wirken brauche, um ihnen eine Farbe mitzuteilen. Denn 
der Mond, dem man einen gelblichen Schein nicht ab- 
sprechen kann, bringt hier gleichfalls einen reinen blauen 
Schatten hervor. Ich bitte jeden aufmerksamen Freund 
der Natur, beim klaren Vollmond diesen leicht anzustel- 
lenden Versuch nicht zu verabsäumen. 

Siebenter Versuch, Dritte Figur 
Es komme von a der Widerschein des Sonnenhchts von 
einer Mauer, wie bei dem zweiten Versuche; man bringe 
aber den Apparat innerhalb der dunklen Kammer an und 
setze in b ein brennendes Licht, so wird der Schatten eg 
gelb und der Schatten hf blau erscheinen. Es zeigt uns 
also der Widerschein vOn der Mauer, der vorher beim 
zweiten Versuch dem Tageslicht entgegengesetzt stärker 
war, nunmehr, da er gegen das Kerzenhcht der schwächere 
wird, grade die entgegengesetzte Wirkung als vorher, 
macht den Schatten, den er beleuchtet, blau, ungeachtet 
die Mauer wie vorher einen gelbhchen Schein von sich 
wirft. 

Wir kommen also durch diesen Versuch um so viel weiter, 
indem wir sehen, daß es hier nicht auf die Farbe des 



36o CHROM ATIK 

Lichts, sondern auf Energie desselben ankomme; wir er- 
fahren, daß diese Energie umgewendet, sogleich sub- 
ordiniert und eine entgegengesetzte Wirkung hervorzu- 
bringen determiniert werden kann. So haben wir bisher 
das Kerzenlicht immer triumphierend gesehen, es gibt 
aber auch Mittel, es zu subordinieren. 

Achter Versuch. Erste Figur 
Man setze in a eine Glutpfanne mit heftig brennenden 
Kohlen, man rücke eine brennende Kerze b so lange hin 
und wieder, bis die beiderseitigen Schatten sichtbar sind, 
so wird der Schatten hf gelbrot, der Schatten eg blau 
sein, ob er gleich von einer brennenden Kerze beleuchtet 
wird. 

Wir können nunmehr wagen, folgende Resultate zur Prü- 
fung aufzustellen. 

1. Der Schatten, den ein einziges, starkes, von keinem 
andern Lichte oder Widerschein balanciertes Licht her- 
vorbringt, ist schwarz. In einer wohlbehängten dunklen 
Kammer läßt sich diese Erfahrung mit dem Sonn- und 
Kerzenlicht am sichersten anstellen. Die schwärzesten, 
reinsten Schatten, die ich kenne, sind die: wenn man durch 
das Vorderglas des Sonnenmikroskops auf einer weißen 
Fläche Schattenbilder hervorbringt. 

2. Selten wird man einen Schatten so isolieren können, 
daß nicht irgendein reflektiertes Licht auf ihn wirke; einen 
solchen Schatten, auf den ein mehr oder weniger starkes 
benachbartes Licht einigen Einfluß hat, halten wir ge- 
wöhnhch für grau. Da wir aber erfahren haben, daß unter 
solchen Umständen die Schatten farbig werden, so fragt 
sich, in welchem Grade die beiden Lichtenergien von- 
einander unterschieden sein müssen, um diese Wirkung 
hervorzubringen. Der Analogie der Naturgesetze nach 
scheint, wie bei allen entgegengesetzten Wirkungen, kein 
Grad in Betrachtung zu kommen. Denn jedes aufgehobne 
Gleichgewicht und ein hier- oder dorthin sich neigendes 
Übergewicht ist in dem ersten Augenblicke entschieden, 
ob es gleich nur durch mehrere Grade merklicher wird. 
Ich wage aber hierüber nichts festzusetzen, vielleicht finden 



VON DEN FARBIGEN SCHATTEN 361 

sich in der Folge Versuche, die uns hierüber weitern Auf- 
schluß geben. So viel aber wird ein aufmerksamer Be- 
obachter bemerken, daß die Schatten, die wir gewöhnlich 
für grau halten, meist gefärbt sind. Selten werden sie auf 
eine ganz reine weiße Fläche geworfen, selten genau be- 
trachtet. 

Könnte man durch zwei völlig gleiche Lichter zwei ent- 
gegengesetzte Schatten hervorbringen, so würden beide 
grau sein. 

3. Von zwei entgegengesetzten Lichtem kann das eine so 
stark sein, daß es den Schatten, den das andre werfen 
könnte, völlig ausschließt, der Schatten aber, den er selbst 
wirft, kann doch durch das schwächere Licht farbig dar- 
gestellt werden. 

S. dritter und vierter Versuch. 

4. Zwei entgegengesetzte Lichter von differenter Energie 
bringen wechselsweise farbige Schatten hervor, und zwar 
dergestalt, daß der Schatten, den das stärkere Licht wirft 
und der vom schwächern beschienen wird, blau ist, der 
Schatten, den das schwächere wirft und den das stärkere 
bescheint, gelb, gelbrot, gelbbraun wird. 

Diese Farbe der Schatten ist ursprünglich^ nicht abgeleitet, 
sie wird unmittelbar nach einem unwandelbaren Natur- 
gesetze hervorgebracht. Hier bedarf es keiner Reflexion, 
noch irgendeiner andern Einwirkung eines etwa schon zu 
dieser oder jener Farbe determinierten Körpers. 
Was aber gefärbte Körper, indem sie das Licht entweder 
durchlassen oder zurückwerfen, auf die Schatten für Ein- 
fluß haben, wollen wir nunmehr untersuchen, und zwar 
nehmen wir zuerst gefärbte Glasscheiben vor. 

Neunter Versuch. Erste Figur 
Es mögen in a und b bei Nachtzeit zwei so viel möglich 
gleichbrennende Kerzen stehen, und die Schatten eg und 
hf werden grau erscheinen. Man halte vor das Licht b 
ein hellblaues Glas, sogleich wird der Schatten eg blau 
erscheinen, der Schatten h/ ahev gelb sein. Man hat zu 
diesem Versuche ein hellblaues Glas zu nehmen, weil die 
dunkelblauen besonders in einiger Entfernung von der 



302 CHROM ATIK 

Kerze kaum so viel Licht durchlassen als nötig ist, einen 
Schatten zu bilden. 

Dieser Versuch, wenn er allein stünde, würde uns wie 
jene ersten auch im Zweifel lassen, ob die blaue Farbe 
des einen Schattens sich nicht von dem blauen Glase, die 
gelbe Farbe des andern sich nicht von dem gelben Scheine 
des Lichts herschreibe; allein man wende den Versuch 
um, und man wird dasjenige, was man oben schon er- 
fahren, hier abermals bemerken. 

Zehnter Versuch. Erste Figur 
Man stelle in a und b abermals zwei gleichbrennende 
Kerzen, und die Schatten eg und hf werden grau sein. 
Man halte vor das Licht a ein hellgelbes Glas, sogleich 
wird der Schatten hf gelb, der Schatten e g blau er- 
scheinen, wenn dieser gleich wie bei dem vorigen Ver- 
suche, wo er gelb erschien, durch das unveränderte 
Kerzenlicht erhellt wird. 

Eilfter Versuch. Erste Figur 
Man wiederhole den ersten Versuch, wo eine Kerze in a 
dem gemäßigten Tageslichte b entgegengesetzt wird, und 
beobachte die gelb und blau farbigen Schatten. Es ist 
natürhch, daß der Schatten -^/gelb bleibe und nur noch 
gelber werde, wenn wir vor das Licht a ein gelbes Glas 
stellen. Halten wir aber 

Zwölfter Versuch. Erste Figur 
vor das Licht a ein hellblaues Glas, so bleibt der Schat- 
ten /;/noch immer gelb. Ein Phänomen, das uns unbegreif- 
lich wäre, wenn wir uns nicht schon überzeugt hätten: 
daß es nicht sowohl auf die Farbe des durch die Scheibe 
fallenden Lichtes als auf die Energie desselben ankomme. 
Und wir können aus diesem Versuche schließen, daß 
Kerzenlicht durch hellblaues G!as noch immer, unter den 
gegebnen Umständen, energischer sei als gemäßigtes 
Tagshcht. 

Wie sehr man diese Versuche noch vermannigfaltigen 
könne, läßt sich leicht denken, wir bleiben diesmal nur 



VON DEN FARBIGEN SCHATTEN 363 

bei diesen wenigen, weil sie uns hier schon genug ge- 
leistet haben. Wir gehen zu den Wirkungen des Lichts 
über, das von gefärbten Papieren zurückstrahlt, und finden 
unsre obigen Erfahrungen abermals bestätigt. 

DreizeJmter Versuch. Vierte Figur 
Durch die sechs Zoll weite Öfinung^ einer dunklen Kam- 
mer lasse man einen Sonnenstrahl xa auf eine horizon- 
tale Fläche fallen und richte die schattenwerfenden Ränder 
und die mit denselben verbundene weiße Fläche inner- 
halb der dunklen Kammer dergestalt, daß das von dem 
Punkte a zurückprallende Licht in eg einen Schatten 
mache, den übrigen Raum ^y aber erleuchte. Es wird so- 
dann das einfallende Tageslicht b in /;_/ gleichfalls einen 
Schatten machen und den Raum eh erleuchten. Liegt in 
a ein weißes Papier, so wird der Versuch dem zweiten 
Versuche ähnlich werden, der Schatten ^^ wird blau, der 
Schatten ^/wird gelb sein. 

Es ist bei diesem und den folgenden Versuchen zu merken: 
daß man durch Übung die rechte Entfernung des schatten- 
werfenden Körpers von dem Punkte a zu erlernen habe. 
Sie ist nicht bei allen Versuchen gleich, sondern die größte, 
wenn in a ein weiß Papier liegt, und kann immer geringer 
werden, je unenergischer die Farbe des Papiers ist, welches 
wir an diese Stelle legen. 

Vierzehnter Versuch. Vierte Figur 
Man lege in a ein gelbes Papier, sogleich wird die gelbe 
Farbe des Schattens hf sich verstärken und der Schatten 
eg gleichfalls blauer werden. Man verstärke die gelbe 
Farbe der Fläche in 0, so wird hf immer gelber, ja 
eigentlich rotgelb werden, der Schatten eg wird blau er- 
scheinen. 

Fünfzehnter Versuch. Vierte Figur 
Man lege in a ein hellblau Papier, so wird der davon 
reflektierte Sonnenstrahl, solang er energischer ist als das 
einfallende Tageslicht, die Schatten ///noch gelb deter- 
minieren, und der Schatten eg wird blau bleiben. Man 



364 CHROMATIK 

sieht, daß dieser Versuch mit dem zwölften übereinstimme. 
Er gerät aber nicht immer, aus Ursachen, die hier aus- 
zuführen zu weitläufig wäre. 

Sechzehnter Versuch. Vierte Figur 
Man verstärke die blaue Farbe in a, so wird der Schatten 
hf blau, der Schatten eg gelb werden, obgleich letzterer 
von dem blauen heitern Himmel beschienen wird. Wir 
sehen also hier abermals, daß zweierlei Blau, davon eins 
stärker als das andre ist, die entgegengesetzten farbigen 
Schatten hervorbringen könne. 

Es lassen sich diese Versuche nach Belieben vermannig- 
faltigen und an die Stelle in a Papiere von allerlei Farben 
und Schattierungen legen, und man wird immer zweierlei 
Arten von farbigen Schatten entgegengesetzt sehen. 
Unter allen gemischten Farben werden aber Grün und 
Rosenfarb die merkwürdigsten Phänomene darstellen, in- 
dem sie, wie wir oben von Gelb und Blau gesehen haben, 
einander wechselsweise in dem Schatten hervorbringen. 

Siebenzehnter Versuch. Vierte Figur 
Man lege an die Stelle a ein schön grünes Papier, das 
zwischen dem Blau und Gelbgrünen die rechte Mitte hält, 
so wird der Schatten fh grün, der Schatten ge dagegen 
rosenfarb, pfirschblüt oder mehr ins Purpur fallend er- 
scheinen. 

Achtzehnter V erstich. Vierte Figur 
Man lege in a ein Stück rosenfarbnen Taft oder Atlas (in 
Papier läßt sich die Farbe selten rein finden), so wird um- 
gekehrt der Schatten fh rosenfarb, der Schatten ge grün 
erscheinen. 

Hierbei kann uns die Übereinstimmung mit jenen pris- 
matischen Versuchen nicht entgehen, welche ich ander- 
wärts vorgetragen. Dort fanden wir Blau und Gelb als 
einfache Farben einander entgegengesetzt, ebenso Grün 
und Pfirschblüt (besser Purpur) als zusammengesetzte Far- 
ben, hier finden wir diese Gegensätze produktiv realisiert, 
indem sich gedachte Farben wechselsweise erzeugen; und 



VON DEN FARBIGEN SCHATTEN 365 

wir dürfen hoffen, daß, wenn wir einmal die große Masse 
der Versuche, die uns Farben bei Gelegenheit der Beu- 
gung, Zurückstrahlung und Brechung zeigen, geordnet vor 
uns sehen, die Lehre von den farbigen Schatten sich an 
jene unmittelbar anschließen und zu ihrer Erläuterung und 
Aufklärung vieles beitragen werde. 

Denn unter den apparenten Farben sind die farbigen 
Schatten deshalb äußerst merkwürdig, weil wir sie un- 
mittelbar vor uns sehen, weil hier die Wirkung geschieht, 
ohne daß die dazwischengestellten Körper von dem min- 
desten Einfluß seien. Deswegen ist das Gesetz, das wir 
gefunden haben, auch nur allgemein ausgesprochne Er- 
fahrung. So ziehen wir denn auch noch aus den letzten 
Versuchen folgendes Resultat. 

5. Auch beim Wider- und Durchscheinen wirken die 
Farben nicht als Farben, sondern als Energien, ebenso 
wie wir oben gesehen haben, daß das unmittelbare Licht 
seine Kraft äußert unabhängig von der Farbe, die man 
ihm allenfalls zuschreiben könnte. 

Wir sehen in diesen Wirkungen eine auffallend schöne 
Konsequenz. Denn wenn oben die farbigen Schatten durch 
eine vermehrte oder verminderte Energie des Lichts her- 
vorgebracht wurden, so haben wir gegenwärtig farbige, 
jenen Schatten korrespondierende Gläser und Flächen, 
durch welche das Licht zwar gefärbt durchgeht, von wel- 
chen es gefärbt widerstrahlt und, auch so determiniert 
nicht als Farbe sondern als Kraft, verhältnismäßig gegen 
ein andres ihm entgegengesetztes Licht wirkt. 
Erregt, wie ich hoffe, dieser Aufsatz bei Liebhabern der 
Xaturlehre einiges Interesse, wird das Vorgetragne be- 
stätigt oder bestritten, so wird künftig diese Materie be- 
stimmter, umständlicher, methodischer und sichrer ab- 
gehandelt werden können. Ohne Vorzeigung der Experi- 
mente, ohne mündlichen Vortrag ist es schwer, eine so 
zarte und komplizierte Lehre deuthch zu machen. 
Zu leichterer Übersicht füge ich das Schema der ange- 
stellten Versuche noch bei; man sieht, wie sehr sie zu 
vermannigfaltigen sind. 



366 



CHROMATIK 



Schema der vorgetragnen Versuche* 

Herrschendes Licht Subordiniertes Licht 

A B 

wechselsweise auf die entgegengesetzten Schatten 
wirkend, machen sie farbig. 

Schatten von B geworfen, Schatten von A geworfen, 



von A erleuchtet sind gelb, 
gelbrot, braunrot. 

1. Kerzenlicht. 

2. Mauerwiderschein. 

3 . Auf- oder untergehende 
Sonne. 

4. Hohe Sonne. 



5. Kerzenlicht. 

6. Kerzenhcht. 

7. Kerzenlicht. 

8. Glühende Kohlen. 

9. Kerzenlicht durch gelb 
Glas. 

10. Kerzenlicht. 

11. Kerzenlicht durch gelb 
Glas. 

12. Kerzenlicht durch hell- 
blau Glas. 

13. Widerschein von weiß 
Papier. 

14. Widerschein von gelb 
Papier. 

15. Widerschein von hell- 
blau Papier. 

16. Himmelslicht. 



von B erleuchtet sind blau, 
unter Umständen grünlich. 
Gemäßigtes Tagslicht. 
Gemäßigtes Tagslicht. 

Heitrer Himmel. 
Duftiger Himmel, 
erscheint der blaue Schat- 
ten allein. 
Heitrer Himmel. 
Vollmondschein. 
Mauerwiderschein. 
Kerzenlicht. 

Kerzenlicht. 

Kerzenlicht durch hellblau 

Glas. 

Gemäßigtes Tageslicht. 

Gemäßigtes Tageslicht. 

Himmelslicht. 

Himmelslicht. 



Himmelslicht. 
Widerschein von 
blau Papier. 



dunkel - 



1 Der 17. und 18. Versuch sind von Goethe nicht mit aufgenommen. 



VON DEN FARBIGEN SCHATTEN 367 

Von den Meinungen der Naturforscher über die Ent- 
stehung der farbigen Schatten sind mir folgende bekannt, 
die ich nur kürzHch anführe, und wünsche, daß ein Lieb- 
haber der Naturlehre sie umständlicher auseinandersetzte 
und meinen Vortrag in Vergleichung damit brächte. Es 
würde sich alsdann zeigen, ob sich nunmehr die öfters 
beobachteten Phänomene besser ordnen, die von jenen 
Beobachtern angegebnen Umstände beurteilen oder sup- 
pheren, die notwendigen Bedingungen von zufälligen Ne- 
benereignissen absondern lassen. 

Von der Reflexion der Farbe des reinen Himmels schreibt 
die blauen Schatten Leonard da Vinci her.* Nach ihm 
mehrere. J/^ra;/** nimmt als ungezweifelt an, daß die ge- 
färbten Schatten durch den Widerschein der Wolken oder 
Dünste bewirkt werden. 

Aus €\x\tx gewissen Beschaffenheit der Luft und der atmo- 
sphärischen Dünste erklären die blauen Schatten Melville 
und Bouguer.*** 

Dem Winkel ^ts einfallenden Lichts, der Länge des Schat- 
tens, der i^zV/^/«»^ der beschatteten Fläche gegen die Sonne 
scheint Beguelin einigen Einfluß zuzuschreiben.**** 
Eine Vermutung, daß die Eigenschaften der umgebenden 
Körper Ursache an der verschiednen Schattenfarbe sein 
können, hegte Wilkens.\ 

Von einer Verminderung des Lichts und der mehr oder 
wenigem Lebhaftigkeit, womit die Lichtstrahlen aufs Auge 
wirken, glaubt Mazhis die gelb- und blauen Schatten her- 
leiten zu können. ff 

Für eine Mischung von Licht und Schatten hält Otto von 
Guericke den blauen Schatten, wie auch die blaue Farbe 
des Himmels. f ff 

Bei dieser letzten Meinung merke ich nur an, wie sehr 
die würdigen älteren Beobachter sich der richtigen Er- 
klärung dieser Phänomene genähert. Sie hielten die Far- 

* In seinem Traktat über die Malerkunst. — ** In seinen Ent- 
deckungen über das Licht. Weigels Übersetzung p. 134. — 
*** Pricstlcy, Geschichte der Optik. Klügels Übersetzung p. 329. 
- **** Ebendaselbst p. 330. — + Journal der Physik 7, Bandes 
I. Heft p. 21. — ff Mim. de fAcad. de Berlin des Jahrs 1752 
;.;weiter Band p. 260. — fff Pritstley, p. 328. 



368 CHROMATIK 

ben*, besonders die blaue, für eine Mischung von Licht 
und Finsternis; auch nach unsern Versuchen entsteht die 
Farbe aus einer Wirkung des Lichts auf den Schatten, 
aus einer Wechselwirkung, die Leben und Reiz auch dahin 
verbreitet, wo wir sonst nur Negation, Abwesenheit des 
erfreulichen Lichts zu sehen glaubten. 
Kircher ssigi im allgemeinen color, lumen opacatum. Könnte 
man einen angemeßnern Ausdruck für die farbigen Schat- 
ten finden? Ja, wollte man die Benennung lumen opcuatum 
dem gelben Schatten zueignen, so würden wir den ent- 
gegengesetzten blauen Schatten gar wohl mit umbra illu- 
minata bezeichnen können, weil in jenem das Wirkende, 
in diesem das Leidende prävaliert und der wechselwir- 
kende Gegensatz sich durch eine solche Terminologie ge- 
wissermaßen ausdrücken heße.** 

Doch was sind Worte gegen die großen und herrlichen 
Wirkungen der Natur? Diese wollen wir so viel uns mög- 
lich ist getreu beobachten, genau beschreiben und natür- 
lich ordnen, so werden wir Nahrung genug für unsern 
Geist finden. Worte entzweien, der Sinn vereinigt die 
Gemüter. 

Zum Schlüsse noch einige Anmerkungen und Anwen- 
dungen der vorgelegten Resultate auf besondere Fälle. 
Wir bedienen uns zu unsern Versuchen am bequemsten 
einer starken Pappe von der Größe einer gewöhnlichen 
Spielkarte, wir schneiden in selbige ein zirkelrundes oder 
vierecktes Loch und bringen ein weißes Papier unter das- 
selbige, wir richten die Ränder des Ausschnitts gegen die 
verschiednen Lichter, wie die beigefügten Figuren an- 
zeigen, und rücken so lange, bis wir die farbigen Schatten 
auf dem weißen Papier entstehen sehen. Sie zeichnen sich 
besonders schön aus, wenn das Auge sich hinter dem 
Papiere befindet. 

Wir können uns auch eines länglichen Körpers, z. B. eines 
starken Bleistifts bedienen und solchen zwischen die bei- 
den Lichter aufstellen, da sich denn zu beiden Seiten die 

* Joh. Casp. Funccii Über de coloribus codi. Ulmae 17 16. — ** Der 
sehr verschrieene Gauthier war auf diesem Wege. Wir wollen auf 
jede Vorstellungs-Art aufmerksam sein. 



VON DEN FARBIGEN SCHATTEN 369 

farbigen Schatten sehr gut zeigen. Bei allen gedachten 
Versuchen, besonders aber bei den zarteren, nehme man 
das reinste weiße Papier, das womöghch weder ins Gelbe 
noch ins Blaue fällt. Denn es ist schon oben bemerkt, daß 
wir weit mehr farbige Schatten sehen würden, wenn sie 
jederzeit auf eine weiße Fläche fielen. Denn nicht ge- 
rechnet, daß jeder auf eine weiße Fläche fallender Schat- 
ten schon an und für sich heller ist und also der entgegen- 
gesetzten Lichtenergie ihre Wirkung früher zu äußern 
erlaubt, so zeichnet er sich auch auf derselben am rein^ 
sten und ist von aller Beimischung irgendeiner Lokalfarbe 
völhg befreit. Eine weiße Fläche als völlig rein und farb- 
los kann für den Probierstein aller Farben gelten. 
Deswegen werden wir in der Natur mehrgedachte Phä- 
nomene an weißen Gebäuden und auf dem Schnee gewahr. 
Auf dem Schnee sind die Schatten, welche die Sonne 
verursacht jederzeit blau, nur in dem Falle, wenn die 
Sonne purpurfarb untergeht, sind sie grün. Es entstehen 
auch in diesem letzten Falle purpurfarbene Schatten an 
der Sonnenseite, wenn die entgegengesetzte Himmels- 
seite so rein und wirksam ist wie bei dem dritten Ver- 
suche, daß sie die Schatten der Körper dem geschwächten 
Sonnenlichte entgegenwerfen kann. Sie sind aber selten 
und werden noch seltner bemerkt, weilmansie dem Wider- 
schein der Sonnenfarbe zuschreibt. 

Ich führe noch eine Erfahrung eines aufmerksamen Natur- 
forschers an und suche sie aus dem Vorhergehenden zu 
erklären. 

Es ist erst gesagt worden, daß sich die blauen Schatten 
nirgends lebhafter zeigen als auf dem Schnee, und doch 
beobachtete de Saussure, als er von dem Mont-Blanc 
herabstieg, die ?)ch2i\.iex\ färb los. Es war mir diese Beobach- 
tung, als ich sie zum erstenmal las, um desto auffallender, 
als ich die farbigen Schatten auf dem Schnee der hohen 
Berge selbst beobachtet hatte. An der Richtigkeit der Be- 
obachtung konnte bei so einem Manne nicht gezweifelt 
werden, dessen Scharfbhck sich soeben an den Schat- 
tierungen des blauen Himmels geübt hatte. Wäre der 
Schatten nur im mindesten farbig gewesen, so würde er 

I lOETHE XVII 24. 



37° CHROMATIK 

es entdeckt und verglichen haben. Diesen anscheinenden 
Widerspruch glaub ich durch die Betrachtung der ob- 
waltenden Umstände erklären zu können. 
Es ist bekannt, daß der Himmel immer dunkler blau er- 
scheint, je höher wir uns über den niedern Dunstkreis er- 
heben. De Saussure hatte die Farbe des Himmels auf dem 
Mont-Blanc genau zu bestimmen einige Schattierungen 
blau Papier mitgenommen. Er fand den Himmel hoch 
königsblau. Daraus folgt, daß er kein Licht auf den Berg 
herabschickte, welches dem Sonnenhchte das Gegenge- 
wicht gehalten und die blaue Farbe im Schatten erzeugt 
hätte. Da wir nun oben gesehen haben, daß der Himmel 
in den Schatten die blaue Farbe nicht erzeugt, insofern er 
blau ist, sondern insofern er Licht ausstrahlt, das einem 
andern Lichte das Gegengewicht hält, so werden wir auch 
dieses Phänomen uns zu erklären und an seinen rechten 
Ort zu stellen wissen. 

Wie sehr übrigens diese theoretische Bemühungen dem 
Landschaftsmaler zu Hülfe kommen, welcher nur dann 
einen hohen Grad seiner Kunst erreicht, wenn er durch 
Verbindung dieser himmhschen Phänomene mit den Ge- 
stalten und Farben der irdischen Gegenstände eine Zau- 
berwelt erschafft, welcher niemand die Wahrheit ableug- 
nen kann, wird sich in der Folge näher ergeben, wenn wir 
einen größern Umfang bearbeitet haben und alsdann das- 
jenige sich aussondern läßt, was für den Künstler beson- 
ders brauchbar ist. 



VON DEN FARBIGEN SCHATTEN 37 1 





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VERSUCH, DIE ELEMENTE 
DER FARBENLEHRE ZU ENTDECKEN 

[Handschriftlich. Wahrscheinlich Ende 1793] 

Arduum sane est hoc negotium, in quo plura 
esse existimo,quae sub occultioribus caussis 
latent, quam quae sciuntur; pluraque quae 
dubitationem quam quae cognitionem pa- 
riant. Agiiilonius. 

Von weißen, schwarzen, grauen Körpern 
und Flächen 

1. T"^ S scheint nichts leichter zu sein, als sich deutlich 
|-H zu machen, was man eigentlich untei JVeiß verstehe, 
X /und sich darüber mit andern zu vereinigen, und 

doch ist es außerordenthch schwer, aus Ursachen, welche 
nur nach und nach entwickelt und erst am Ende dieser 
kleinen Abhandlung völlig ins klare gesetzt werden kön- 
nen. Ich erbitte mir eine parteilose Aufmerksamkeit für 
die Methode und den Gang meines Vortrags. 

2. Wir nehmen zuerst einen durchsichtigen^ farblosen Kör- 
per, z. B. das Wasser, vor uns, und wir bemerken (die Re- 
fraktion abgerechnet), daß wir durch eine gewisse Masse 
desselben die Gegenstände ihrer Gestalt und Farbe nach 
deutlich erkennen, so daß ein Körper auf seinem höchsten 
Grade der Durchsichtigkeit für das Auge gleichsam kein 
Körper mehr ist und nur durch das Gefühl entdeckt wer- 
den kann. 

3. Es gehe nun das reinste Wasser in seinen kleinsten Tei- 
len in Festigkeit und zugleich Undurchsichtigkeit über, und 
wir werden sodann den Schnee haben, dessen Anhäufung 
uns die reinste Fläche darstellt, welche uns nunmehr einen 
vollkommenen und unzerstörlichenBegriflfdes Weißen gibt. 
Ebenso verwandeln sich durchsichtige Kristalle, z. B. des 
Glauberischen Wundersalzes, wenn ihnen ihr Kristalli- 
sationswasser entgeht, in ein blendend weißes Pulver. 

4. Diese Körper gehen nun unter veränderten Umständen 
aus dem weißen undurchsichtigen Zustande in den Zustand 
der farblosen Durchsichtigkeit wieder zurück. So leiten wir 
die weißen Körper von den durchsichtigen farblosen ab, wir 
führen sie zur Durchsichtigkeit wieder zurück, und diese un- 
mittelbare Verwandtschaft, diese Rückkehr in den durch- 
sichtigen Zustand ist aller unserer Aufmerksamkeit wert. 



DIE ELEMENTE DER FARBENLEHRE 373 

5. Außer denen weißen Körpern, welche wir aus durch- 
sichtigen entstehen und wieder in solche übergehen sehen, 
gibt es ihrer viele, welche in den weißen Zustand versetzt 
werden können, teils durch Wasser, Licht und Luft, welche 
Operation \v'\x Bleie he?i nennen, wodurch alle Teile, die wir 
nur einigermaßen farbig nennen können, aus ihnen aus- 
gezogen und abgesondert werden, teils durch heftig wir- 
kende Mittel, wodurch eine ähnliche Operation vor sich 
geht. 

6. Alle diese Wirkungen, wovon der Chemiker nähere 
Rechenschaft zu geben hat, bringen einen Effekt hervor, 
der uns zugleich mit dem Begriff vom Weißen den Begriff 
von unbedingter Reinheit und Einfachheit eindrückt, so daß 
wir auch im Sittlichen den Begriff von Weiß mit dem Be- 
griff von Einfalt, Unschuld, Reinheit verbunden haben. 

7. Das Weiße hat die größte Empfindlichkeit gegen das Licht ^ 
eine Eigenschaft, welche von den Naturforschern genugsam 
bemerkt und auf verschiedene Art bestimmt und ausge- 
druckt worden ist. Uns sei genug, hier anzuführen, daß 
eine weiße Fläche (worunter wir künftig diejenige ver- 
stehen, welche dem frischgefallenen Schnee am nächsten 
kommt) unter allen andern Flächen, sie mögen grau, schwarz 
oder farbig sein, wenn solche neben ihr einem gleichen Lichte 
ausgesetzt sind, die hellste ist, dergestalt daß ihr Eindruck 
auf das Auge in der finstersten Nacht noch sichtbar bleibt 
oder doch am letzten verschwindet. 

8. Eine gleiche Empfindlichkeit hat das Weiße gegen alle 
Berührung anderer abfärbefiderKöx^&x, sie mögen schwarz, 
grau oder sonst farbig sein. Der mindeste Strich, der min- 
deste Flecken wird auf dem Weißen bemerkt. Alles, was 
nicht weiß ist, zeigt sich im Augenblicke auf dem Weißen, 
und es bleibt also der Probierstein für alle übrigen Farben 
und Schattierungen. 

9. Wenn wir nun dagegen das Schwarze aufsuchen, so 
können wir solches nicht wie das Weiße herleiten. Wir 
suchen und finden es als einen festen Körper, und zwar 
am häufigsten als einen solchen, mit dem eine Halbver- 
brennung vorgegangen. Die Kohle ist dieser merkwürdige 
Körper, der uns diesen I^egrift' am strengsten gewährt. 



374 CHROMATIK 

10. Versetzen wir nun durch irgendeine chemische Ope- 
ration einen erst durchsichtigen Liquor in den Zustand, 
daß wir ihn schwarz nennen, so finden wir, statt daß das 
Weiße in Durchsichtigkeit überging, gerade die entgegen- 
gesetzte Eigenschaft. Man kann einen schwarzen Liquor 
verfertigen, der nicht trüb, sondern in kleinen Massen 
durchsichtig genug ist, aber er wird einen weißen Gegen- 
stand, den wir durch ihn anblicken, verdunkeln. Sobald 
die Masse einigermaßen verstärkt wird, läßt er kein Bild, 
kein Licht mehr hindurch. 

1 1 . So ist auch die Eigenschaft einer schwarzen Fläche eine 
gänzliche Unempfindlichkeit gegen das Licht. 

Ein schwarzer Körper macht zwar, um mit den Alten zu 
reden, so gut die Grenze des Lichts als ein anderer {ter- 
7ninat lucem). Die Lichtstrahlen kehren auch von dem- 
selbigen in unser Auge zurück: denn wir sehen einen schwar- 
zenKörper so gut als einen andern. Wenn sieaber von einem 
weißen Körper in der größten Energie zurückkehren, so 
kehren sie von einem schwarzen mit der geringsten Energie 
zurück. So ist denn auch ein schwarzer Körper unter allen 
denjenigen, die neben ihm einem gleichen Lichte ausgesetzt 
werden, diGX dunkelste, und der Eindruckdesselben aufs Auge 
verschwindet bei sukzessiver Verminderung des Lichtes am 
geschwindesten. 

1 2 . Nehmen wir nun irgend zwei Körper, die wir für schwarz 
und weiß erkennen, und mischen sie aufs feinste gerieben 
untereinander, so nennen wir das daraus entstehende Pul- 
ver grau. Haben wir nun vorher gesehen, daß Schwarz und 
Weiß die strengsten Gegensätze sind, die wir vielleicht 
kennen, daß Schwarz und Weiß in ihrem höchsten und 
reinsten Zustande gedacht und dargestellt werden können, 
so ist offenbar, da wir nun den Zustand eines Körpers, 
der aus beiden gemischt ist, Grau nennen, daß das Schwarze 
und das Weiße aus dem Grauen gesondert werden, niemals 
aber aus dem Grauen entstehen könne. Denn wenn z. B. 
die Kreide von dem Magnet angezogen würde, so könnte 
man sie mit leichter Mühe von der Kohle separieren, und 
beidePulver würden nunmehr nebeneinanderinihrer höch- 
sten Reinheit sich befinden. Wenn ich eine graue Leinwand 



DIE ELEMENTE DER FARBENLEHRE 375 

auf die Bleiche bringe, so entsteht nicht das Weiße aus dem 
Grauen, sondern die Leinwand wird weiß, w^enn alle die 
fremden, feinen, dem Pfianzenstoff anhängenden f?j:bigen 
oder graulichen Teile durch Wasser, Licht und Luft hin- 
weggenommen und die leinenen Fäden in der höchsten 
Reinheit dargestellt werden. 

13. Das Graue muß also die notwendige Eigenschaft haben, 
daß ^% heller als Schwarz und dunkler als ^ifz/^ sei. Weiß und 
Schwarz sind nicht die äußersten Enden eines Zustandes, 
den wir grau nennen, sondern Grau entsteht aus Ver- 
mischung oder Verbindung jener beiden Gegensätze. 

14. Man vergleicht also billig das Weiße mit dem Lichte, 
weil es das Hellste ist, was wir kennen, und das Schwarze 
mit der Finsternis, weil uns nichts Dunkleres bekannt ist, 
das Graue mit dem Schatten, der, solange keine völlige Be- 
raubung des Lichts vorgeht, gewöhnlich grau erscheint. 

15. Es ist hier der Ort, zu bemerken: daß eine Vermin- 
derung des Lichtes, welchem eine Fläche ausgesetzt ist, 
oder eine Beschattung derselben, anzusehen ist als würde 
die Fläche mehr oder weniger mit einer schwarzen durch- 
sichtigen Tusche überstrichen, daraus denn ein Grau ent- 
steht, wie wir es auch bei Zeichnungen nachahmen. Ein 
weißes Papier, das im Schatten liegt, könnte gegen alles, 
was neben ihm liegt, noch für weiß gelten; es ist aber in 
diesem Zustande eigentlich grau und zeigt sich besonders 
als ein solches gegen ein weißes Papier, das dem vollen 
Lichte ausgesetzt ist. Ein schwarzer Körper, den man dem 
vollen Lichte aussetzt, wird eigentlich grau, weil es einerlei 
ist, ob man ihm mehr Licht gibt oder ihn mit einem weißen 
Körper vermischt. DasWeiße kann ni e Schwarz, dasSchwar- 
ze nie Weiß werden; sind sie im Grauen vermischt, so muß 
dem Weißen erst der schwarze Teil, dem Schwarzen der 
weiße Teil genommen werden, alsdann sind beide wieder 
in ihrem reinen Zustande, und das Graue hört auf zu sein, 
so wie der Knoten aufhört zu sein, wenn man die beiden 
Enden des Bandes, aus denen er geknüpft war, wieder von- 
einander löst. 

16. Schließlich bemerke ich, daß wir alle Körper undPig- 
mente, welche entweder weiß, schwarz oder grau sind, 



376 CHROMATIK 

farblos nennen, weil sie uns nur das Helle und Dunkle, 
gleichsam in abstracto durch Anstrengen und Abspannen 
des Auges ohne Nebenbegrifif, ohne ein Verhältnis gegen- 
einander als das Verhältnis des strengsten Gegensatzes und 
dtx gleic/igültigsten Vermtsc/iung darstellen. Weder Schwarz 
noch Weiß für sich, noch nebeneinander, noch in Ver- 
mischung lassen dem Auge die mindeste Spur jenes Reizes 
empfinden, welchen uns farbige Flächen gewähren, so daß 
vielmehr eine Fläche, auf welcher wir Schwarz, Weiß und 
Grau verbunden sehen, das Traurigste ist, was wir nur er- 
bhcken können. Wir gehen nun zu den Körpern und Flächen 
über, welche wir eigentlich farbig nennen. 

Von farbigen Flächen 

17. Wir kennen nur zwei ganz reine Farben, welche, ohne 
einen Nebeneindruck zu geben, ohne an etwas anders zu 
erinnern, von uns wahrgenommen werden. Es sind 

Gelb und Blau. 

Sie stehen einander entgegen wie alle uns bekannte ent- 
gegengesetzte Dinge oder Eigenschaften. Die reine Existenz 
der einen schließt die reine Existenz der andern völlig aus. 
Dennoch haben sie eine Neigung gegeneinander, als zwei 
entgegengesetzte, aber nicht widersprechende Wesen. Jede 
einzeln betrachtet macht einen bestimmten und höchst ver- 
schiedenen Effekt, nebeneinander gestellt machen sie einen 
angenehmen Eindruck aufs Auge, miteinander vermischt 
befriedigen sie denBlick. Diese gemischte Farbe nennen wir 

Grün. 
Dieses Grün ist die Wirkung der beiden vermischten, aber 
nicht vereinigten Farben, in vielen Fällen lassen sie sich 
sondern und wieder zusammensetzen. 

18. Wir kehren zurück und betrachten die beiden Farben 
Gelb und Blau abermals in ihrem reinen Zustande und 
finden, daß sie uns heller und dunkler ohne Veränderung 
ihrer Eigenheit dargestellt werden können. Wir nehmen 
z. B. rein aufgelöstes Gummi Gutta und streichen davon 
auf ein Papier. Sobald es getrocknet, überstreichen wir 



DIE ELEMENTE DER FARBENLEHRE 3 7 7 

einen Teil zum zweitenmal usf., und wir finden, daß je 
mehr Farbeteile das Papier bedecken, je dunkler die Farbe 
wird. Eben diesen Versuch machen wir mit feingeriebe- 
nem und deluiertem Berlinerblau. 

19. Wir können zwar auch die helle Farbe dunkler er- 
scheinen machen, wenn wir das Papier vorher mit einer 
leichtern oder stärkern Tusche überziehen und dann die 
Farbe darüber tragen; allein von der Vermischung der 
Farben mit Schwarz und Weiß darf bei uns nicht die Rede 
sein. Hier fragt sichs nur: sind die Farbenteile näher oder 
entfernter beisammen, jedoch in völliger Reinheit? Die 
schönsten Beispiele wird uns der Chemiker durch mehr 
oder weniger gesättigte Tinkturen liefern. 

20. Auf obgemeldete Weise verstärken wir aber die Farbe 
nicht lange, so finden wir, daß sie sich noch auf eine andre 
Art verändert, die wir nicht bloß durch dunkler ausdrücken 
können. Das Blaue nämlich sowohl als das Gelbe nehmen 
einen gewissen Schein an, der, ohne daß die Farbe heller 
werde als vorher, sie lebhafter macht, ja man möchte bei- 
nah sagen: sie ist wirksamer und doch dunkler. Wir nennen 
diesen Effekt 

Rot. 

So ist ein reines trocknes Stück Gummi Gutta auf dem 
frischen Bruch orangenfarb. Man lege es gegen ein Stück 
Siegellack, das wir für schön Rot erkennen, und man wird 
wenig Unterschied sehen. Blut mit Wasser vermischt er- 
scheint uns gelb. Die Piatinaauflösung in Königswasser, 
welche sehr verdünnt gelb erscheint, wird bei mehrerer 
Sättigung mennigfarb. So schimmert das Berlinerblau, der 
echte Indig auf dem Bruch ins Violette. Ich besitze einen 
sehr konzentrierten Indig, dessen Bereitung mir unbekannt 
ist, der in seinem trocknen Zustande beinah ins Kupfer- 
rote fällt und das Wasser mit dem schönsten reinsten Blau 
färbt. 

2 1 . Rot nehmen wir also vorerst als keine eigene Farbe 
an, sondern kennen es als eine Eigenschaft, welche dem 
Gelben und Blauen zukommen kann. Rot steht weder dem 
Blauen noch dem Gelben entgegen; es entsteht vielmehr 
aus ihnen; es ist ein Zustand, in den sie versetzt werden 



378 CHROMATIK 

können, und zwar, wie wir hier vorläufig sehen, durch Ver- 
dichtung und durch Aneinanderdrängung ihrer Teile. 
2 2. Man nehme nun das Gelbrote und das Blaurote, bei- 
des auf seiner höchsten Stufe und Reinheit, man vermische 
beide, so wird eine Farbe entstehen, welche alle andern 
an Pracht und zugleich an Lieblichkeit übertrifft; es ist der 

Purpur, 
der so viele Nuancen haben kann, als es Übergänge vom 
Gelbroten zum Blauroten gibt. Die Vermischung geschieht 
am reinsten und vollkommensten bei prismatischen Ver- 
suchen, die Chemie wird uns die Übergänge sehr interessant 
zeigen. 

23. Wir kennen also nur folgende Farben und Verbin- 
dungen: 

Purpur 

Gelbrot Blaurot 

Gelb Blau 



Grün 

und stellen dieses Schema in einem Farbenkreise hier 
neben vor.^ 

24. Wir kennen, wie oben schon gesagt, keine Verdunke- 
lung dieser Farben durch Schwarz, welche immer zugleich 
eine Beschmutzung mit sich führt und unnötig die Zahl 
der Abstufungen vermehrt. 

25. Wir enthalten uns gleichfalls der Vermischung mit 
Weiß, obgleich diese unschuldiger ist und bei trockenen 
Pigmenten ohngefähr das wäre, was das Zugießen des 
Wassers bei farbigen Tinkturen ist. 

26. Jene oben angezeigte, in unserm Schema aufgestellte 
Farben erkennen wir für die einzigen reinen, welche exi- 
stieren können. Sobald man verschränkte Vermischungen, 
z. B. Purpur und Grün, Blaurot und Gelb, Gelbrot und Blau 
vermischt, entstehen alsobald schmutzige Farben. DerMaler 
bedient sich ihrer bei Nachahmung natürlicherGegenstände, 
der Färber bei Hervorbringung der Modefarben. 

27. Wir haben aber noch auf einen merkwürdigen Um- 

^ Die Zeichnung fehlt. 



DIE ELEMENTE DER FARBENLEHRE 379 

stand achtzugeben. Sobald wir alle Farben des Schemas in 
einer gewissen Proportion zusammenmischen, so entsteht 
eine Unfarbe daraus. Man könnte dieses sich a priori S2igQn: 
denn da die Farben eben dadurch Farben sind, daß sie be- 
sondere Kriteria haben, die unser Auge unterscheidet, so 
folgt, daß sie in einer solchen Vermischung, wo keines 
dieser Kriterien hervorsticht, eine Unfarbe hervorbringen, 
welche auf ein weißes Papier gestrichen uns völhg den 
Begrifif von Grau gibt, wie uns ein darneben gestrichener 
Fleck von Tusche überzeugen kann. 

28. Alle Körper und Flächen nun, welche dergestalt mit 
einfachen oder gemischten Farben erscheinen, haben die 
Eigenschaft gemein, welche alle unsre Aufmerksamkeit 
verdient: daß sie dunkler als Weiß und heller als Schwarz 
sind und sich also von dieser Seite mit dem Grauen ver- 
gleichen lassen. 

29. Dieses zeigt sich aufs deutlichste, wenn wir abermals 
zu den durchsichtigen Körpern zurückkehren. Man nehme 
jedes reine Wasser in einer gläsernen Flasche oder in einem 
Gefäße mit gläsernem Boden; man vermische mit dem 
Wasser irgendeinen leicht aufzulösenden farbigen Körper, 
so wird das daruntergelegte weiße Papier uns zwar einen 
höchst anmutigen Eindruck machen, dabei aber schon bei 
der geringsten Farberscheinung iiogleich dunkler als vor- 
her aussehen. Wir können dieses Dunkle so weit treiben, 
daß nach und nach durch mehrere Beimischung eines sol- 
chen auf löslichen Farbenstofifes die Tinktur endlich völlig 
undurchsichtig wird und kaum einen Schein der unter- 
liegenden weißen Fläche oder eines andern Lichts durch- 
läßt. 

30. Diese Annäherung an das Schwarze, an das Undurch- 
sichtige folgt natürhch aus der Eigenschaft der Farbe, daß 
sie dunkler als Weiß ist, und daß sie durch Anhäufung 
ihrer Masse zur Undurchsichtigkeit und zur Annäherung 
an das Schwarze kann gebracht werden, obgleich eine 
Farbe als solche, wie sich aus Begrififen derselben schon 
herleiten und durch Versuche dartun läßt, so wenig Schwarz 
als Weiß werden kann. 

31. Da es von der höchsten Wichtigkeit ist, daß wir die 



38o CHROMATIK 

Erfahrung, alle farbige Flächen seien dunkleralsdie weißen, 
die mit ihnen einem gleichen Licht ausgesetzt sind, recht 
fassen, so bemerken wir nur, was an einem andern Orte 
umständlicher auszuführen ist: daß die reizende Energie^ 
womit farbige Körper auf unsre Augen wirken, mit der 
Helligkeit^ womit das Weiße auf das Auge wirkt, nicht zu 
verwechseln sei. Eine orangefarbige Fläche neben einer 
weißen wirkt gewaltsamer auf das Auge als jene, nicht weil 
sie heller ist, sondern weil sie einen eignen Reiz besitzt, 
da das Weiße uns heller, aber nur gleichgültig erscheint. 
Von verschiedenen Wirkungen der Farben auf die Augen 
und das Gemüt wird besonders zu handeln sein. 
32. Man nehme zwei Flaschen von dem reinsten Glase, 
man gieße in beide reines destilliertes Wasser, man bereite 
sich nach dem oben angegebenen Schema farbige Tink- 
turen, die sich chemisch nicht dekomponieren, sondern 
sich friedlich vermischen, man tröpfle in eine von den 
Flaschen gleich viel von jeder hinein, und man beobachte 
das Phänomen, das entstehen wird. Das durchsichtige Wasser 
wird gefärbt werden, wie die Liquoren hineinkommen, nach 
den verschiedenen Mischungen wird die gemischte Farbe 
erscheinen, ja man wird zuletzt ein unfärbiges Wasser un- 
ter verschiedenenProportionenderLiquorenhervorbringen 
können. Allein niemand wl^rd behaupten, daß dieses Wasser 
nun so hell sei als das in der Flasche, in welche keine far- 
bige Liquoren eingetröpfelt worden. Was hat man also 
getan? Solange man harmonische Tinkturen hineingoß, 
hat man das Wasser gefärbt^ und da man widersprechende 
Farben hineinbrachte, hat man das Wasser beschmutzt; man 
hat ihm eine Unfarbe mitgeteilt, man hat ihm aber von 
seiner Hellung und, wenn ich so sagen darf, von seiner 
spezifischen Durchsichtigkeit genommen. Dieses wird um 
so deutlicher, wenn die Dose der Farben, welche man in 
das Wasser eintröpfelt, verstärkt wird, wo man bald eine 
dunkelgraue oder bräunliche, in geringer Masse schon un- 
durchsichtige Tinktur erhalten wird. Man denke sich nun 
dieses dergestalt gefärbte Wasser in Schnee verwandelt; so 
wird man schwerlich behaupten, daß er so weiß als der 
natürliche werden könne. 



DIE ELEMENTE DER FARBENLEHRE 381 

33. Wir haben oben schon dieWirkung derFarbenmischung 
gesehen und können auch nun hier daraus folgern und 
weitergehen. Alle Farben zusammengemischt bringen eine 
Unfarbe hervor, die so temperiert werden kann, daß sie uns 
den Eindruck von Grau, den Eindruck eines farblosen 
Schattens macht, welchernur immer dunkler wird, \& reiner 
man farbige Pigmente und in je verstärkterm Grade man 
sie genommen. 

34. Diese Unfarbe aber muß jederzeit dunkler als Weiß 
und heller als Schwarz sein: denn da jede einzelne Farbe 
eben diese Eigenschaft mit dem Grauen gemein hat, so 
können sie solche, untereinander gemischt, nicht verlieren, 
sondern sämtliche Farben, welche die Eigenschaft eines 
Schattens haben, müssen, wenn durch Vermischung die 
Kriterien aufgehoben werden, die Eigenschaft eines farb- 
losen Schattens annehmen. Dieses zeigt sich uns unter jeder 
Bedingung, unter allen Umständen wahr. 

35. Man mag die Farben unsres Schemas als Pulver oder 
naß durcheinander mischen, so werden sie, auf ein weißes 
Papier gebracht, unter jedem Lichte dunkler erscheinen als 
das Papier; man mag unser Si^hema auf ein Schwungrad 
anbringen und die Scheibe nunmehr mit Gewalt umdrehen, 
so wird der vorher durch verschiedene Farben sich aus- 
zeichnende Ring grau, dunkler als das Weiße und heller 
als das Schwarze erscheinen. (Welches man am deuthch- 
sten sehen kann, wenn man die Mitte weiß läßt und einen 
schwarzen Kranz außen um das Schema zieht.) So viele 
tausend Maler haben ihre Paletten so oft geputzt, und kei- 
nem ist es je gelungen, noch wird ihm gelingen, durch 
die Vermischung aller Farben ein reines Weiß hervorzu- 
bringen; viele tausend Färber haben oft alle Arten von 
Farbenbrühen zusammengegossen, und niemals ist das hin- 
eingetauchte Tuch weiß hervorgezogen worden. Ja ich darf 
dreist sagen, man erdenke sich Versuche von welcher Art 
man wolle, so wird man niemals imstande sein, aus farbigen 
Pigmenten ein weißes Pigment zusammenzusetzen, das 
neben oder auf vollkommen reinem Schnee oder Puder 
nicht grau oder bräunlich erschiene. 



382 CHROMATIK 

Übergang zur Streitfrage 

36. Hier könnten wir die gegenwärtige Abhandlung schlie- 
ßen, weil uns nichts übrig zu sein scheint, was in der 
Reihe dieser Darstellungen noch weiter abginge, wenn 
uns nicht die Frage aufgeworfen werden könnte: woher 
denn nur die Idee, ein weißes Pigment aus farbigen Pig- 
menten zusammenzusetzen, ihren Ursprung genommen 
habe? Wir geben davon folgende Rechenschaft. 

37. Newton glaubte aus den farbigen Phänomenen, welche 
wir bei der Refraktion unter gewissen Bedingungen gewahr 
werden, folgern zu müssen, daß das farblose Licht aus 
mehreren farbigen Lichtern zusammengesetzt sei; er glaubte 
es beweisen zu können. Seinem Scharfsinn blieb nicht ver- 
borgen, daß, wenn dieses wahr sei, auch wahr sein müsse, 
daß Weiß aus farbigen Pigmenten zusammengesetzt wer- 
den könnte. Er sagt daher*: '■'^ Die weiße und alle graue 
Farben zwischen Weiß und Schwarz können aus Farben zu- 
sammengesetzt werdend 

38. Wer meiner obigen Ausführung mit Aufmerksamkeit 
gefolgt ist, wird sogleich einsehen, daß diese Proposition 
nicht rein und richtig ausgesprochen ist. Denn es ist zwar 
der Erfahrung gemäß, es kann durch viele Versuche dar- 
gestellt werden, daß aus Vermischung aller Farben ein 
Grau hervorgebracht werden könne. Es ist auch nichts 
natürlicher, als daß es von uns abhänge, dieses Grau so 
hell zu machen, als es uns behebt. Allein es folgt aus dem 
Begriff des Grauen selbst, daß Grau niemals Weiß werden, 
daß Grau nicht mit dem Weißen auf diese Art verglichen 
werden könne. Analysiert man jene Proposition, so heißt 
sie: Das Weiße in seinem ganz reinen Zustande, sowie im 
Zustande, wenn es mit Schwarz gemischt ist, kann aus 
allen Farben zusammengesetzt werden. Das letzte leugnet 
niemand, das erste ist unmöglich. Wir wollen nun sehen, 
was sein Experiment beweist. 

39. Ehe Newton dasselbe vorträgt, präludiert er schon: 
daß alle farbige Pulver einen großen Teil des Lichtes, 
von dem sie erleuchtet werden, in sich schlucken und aus- 

* Opt. prop. V. Theorem. IV. Libr. I. Part. II, 



DTE ELEMENTE DER FARBENLEHRE 383 

löschen, er gibt davon eine Ursache an, die er aus pris- 
matischen Versuchen herleitet. Was er daraus folgert, setze 
ich mit seinen eigenen Worten hierher. "Deswegen ist nicht 
zu erwarten, daß aus der Vermischung solcher Pulver eine 
helle und leuchtende Weiße entstehen könne, wie die Weiße 
des Papiers ist, sondern eine dunkle und trübe Weiße ^ wie aus 
der Vermischung des Lichts und der Finsternis oder aus 
Schwarz und Weiß entstehen mag: nämlich eine graue oder 
dunkle Mittelfarbe wie die Farbe der Nägel, dex Asche, der 
Steine, des Mörtels, des Kotes und dergleichen, und eine 
solche weißlich- dunkle Farbe habe ich aus farbigen unter- 
einandergemischten Pulvern öfters hervorgebracht."* 

40. Man sieht aus diesen Worten ganz deuthch, daß er 
nichts anders beweist, als was wir schon zugegeben haben, 
daß nämlich Grau aus Mischung aller Farben entstehen 
könne. Denn wer sieht nicht, daß das Wort Weiß hier 
ganz willkürlich gebraucht wird und eigentlich ganz un- 
nütz und überflüssig dasteht. Ja, ich darf kühnlich fragen, 
welchem Beobachter und Theoristen unsrer Zeit man er- 
lauben würde zu sagen: weiß wie Asche, Mörtelund Kot'i 

41. Ich übergehe daher die Erzählung, wie Newton aus 
Mennige, Grünspan, Bergblau und Karmin ein Kotweiß 
zusammengemischt hat. Ich bemerke nur: daß die meisten 
dieser Pigmente, besonders trocken gerieben, eine grau- 
liche mehlige Eigenschaft an sich haben. Jeder, der Lust 
hat, dergleichen Pigmente durcheinander zu reiben, wird 
es gar leicht dahinbringen, sich ein Pulver zu verschaffen, 
das er mit der Asche vergleichen kann. 

42. Da er nun also bis dahin nur den einen Teil seiner 
Proposition bewiesen, daß nämlich Grau aus allen Farben 
zusammengesetzt werden könne, welches aber in der Reihe 
seiner Demonstration von keiner Bedeutung, von keinem 
Gewicht gewesen wäre, so muß er, da er Weiß nicht aus 
den Farben zusammensetzen kann, wenigstens das zu- 

* Hoc certum est, quicquid in contrariam sententiam afterat New- 
tonus, colorum rubri, flavi et coerulei mixtione nee lucem nee co- 
lorem generari album, sed omnis generis fuscos, badios, rufos, glau- 
coä, cinereos; prout plus ex uno quam ex altero simplicium parti- 
cipant. Mayer, de affinitate colorum § 8. 



384 CHROMATIK 

sammengesetzte Grau weiß zu machen suchen. Dieses zu 
erreichen nimmt er folgende Wendung. "Es können auch", 
fährt er fort, "diese dunklen oder graulichen Mittelfarben 
(hier ist das Wort weiß weggelassen, da es doch in der 
Proposition steht, auch bisher immer gebraucht worden; 
allein der Widerspruch wäre zu ofienbar) aus Weiß und 
Schwarz in verschiedenen Mischungen hervorgebracht wer- 
den, und folglich sind sie von den wirklichen weißen nicht 
der Art der Farbe nach, sondern nur im Grade der Hellung 
verschieden, und damit sie gänzlich weiß werden, wird 
nichts weiter erfordert, als daß ihr Licht vermehrt werde. 
Wenn nun also diese Farben nur durch Vermehrung des 
Lichts zu einer vollkommenen Weiße gebracht werden 
können, so folgt daraus, daß sie von derselben Art seien 
wie die besten Weißen^ und von ihnen in nichts unter- 
schieden sind als bloß in der Menge des Lichts." 

43. Ich rufe eine unparteiische Kritik zur Beurteilung 
dieser Wendung auf, hier ist Newton selbst genötiget, 
Schwarz und Weiß als zwei entgegengesetzte Körper an- 
zunehmen. Aus diesen mischt er ein Grau zusammen, und 
dieses Grau will er wieder nur durch ein verstärktes Licht 
zu Weiß machen. Wird er denn jemals auch durch das 
verstärkteste Licht das Weiße, z. B. die Kreide, wieder 
so weiß machen als sie war, ehe sie mit dem Schwarzen, 
z. B. mit der Kohle, gemischt war, und fällt das Falsche 
dieser Behauptung nicht gleich in die Augen, sobald das 
Grau aus mehr Schwarz als Weiß gemischt ist? Wir wollen 
nun sehen, wie er auch diese Assertion zu beweisen ge- 
denkt. 

44. Er nimmt ein hellgraues Pulver und legt es in die 
Sonne, legt nicht weit davon ein weißes Papier in den 
Schatten, vergleicht beide miteinander, und da, besonders 
wenn man sie von ferne betrachtet, beide einen gleichen 
Eindruck auf das Auge machen, so folgert er daraus, das 
graue Pulver sei nun durch das vermehrte Licht weiß ge- 
worden. Auch hier wird man ohne scharfsinnige Unter- 
suchung leicht bemerken, daß das hellgraue Pulver nicht 
dadurch weiß geworden, daß man es dem Sonnenlichte 
ausgesetzt, sondern daß das weiße Papier grau geworden. 



DIE ELEMENTE DER FARBENLEHRE 385 

weil man es in den Schatten gelegt, und daß man also hier 
eigentlich nur Grau und Grau vergleiche. Ich habe oben 
jederzeit bemerkt und drauf bestanden, daß farbige und 
farblose Körper, wenn man sie in Absicht auf Hell und 
Dunkel vergleichen will, beide einem gleichen Grade von 
He /iung ausgesetzt werden müssen. Und folgt nicht dieses 
aus der Natur der Vergleichung selbst? ja wo würde jemals 
etwas vergleichbar oder meßbar sein, wenn man so ver- 
fahren wollte: Wenn ein Mann sich gegen ein Kind bückt 
oder das Kind auf den Tisch hebt, wird nun gesagt werden 
können: eins sei so groß als das andrer Heißt das messen, 
wenn man die Kriterien des Unterschieds gegeneinander 
aufhebt? 

45. Ich artikuHere also hier wiederholt, daß die Newto- 
nische Proposition falsch und kaptiös gestellt, auch von 
ihm keinesweges durch Experimente erwiesen worden, 
ja daß vielmehr seine Experimente sowohl als seine dür- 
ren Worte beweisen: daß aus farbigen Pigmenten ebenso 
wie aus Weiß und Schwarz nur ein Grau zusammengesetzt 
werden könne, das mit dem reinen Weißen, wie es uns 
sehr viele Körper darstellen, unter einerlei Hellung ver- 
glichen, jeder Zeit dunkler als dasselbe erscheint, wie es 
unter eben dieser Bedingung gegen Schwarz jederzeit hel- 
ler erscheinen muß. Es gründet sich diese Behauptung 
auf die Begriffe der Dinge selbst, mit denen wir umgehen, 
auf mehrere übereinstimmende Erfahrungen. Sie fließt 
aus einem, wie mir dünkt, ganz natürlichen Räsonnement 
her, und mir bleibt weiter nichts übrig, als sie einer schar- 
fen Prüfung zu überlassen. 

Rekapitulation 

Von weißen^ schwarzen^ grauen Körpern und Flächen 

1. Schwierigkeit, sich zu erklären und zu vereinigen, was 
man unter Weiß verstehe. 

2. Der Vortrag fängt mit Betrachtung einiger Eigenschaf- 
ten der durchsichtigen farblosen Körper an. 

3. Ein solcher Körper, der in seinen kleinsten Teilen in 
Undurchsichtigkeit übergeht, wird weiß. 

COETHE XVII 25. 



386 CHROMATIK 

4. Ein solcher Körper kann wieder in den Zustand der 
farblosen Durchsichtigkeit zurückgeführt werden. 

5. Viele Körper werden weiß, indem man sie bleicht. 

6. Alle weiße Körper geben uns einen Begriff von Rein- 
heit und Einfachheit. 

7. Das Weiße hat die größte Empfindlichkeit gegen das 
Licht. Eine weiße Fläche ist die hellste unter allen, die 
mit ihr einem gleichen Lichte ausgesetzt sind. 

8. Das Weiße ist gegen alle Berührung anderer abfärben- 
der Körper sehr empfindlich. 

9. Das Schwarze kann nicht wie das Weiße hergeleitet 
werden. Es wird uns als ein fester undurchsichtiger Kör- 
per bekannt. 

I o. Ein schwarzer klarer Liquor ist in geringer Masse un- 
durchsichtig. 

1 1 . Eine schwarze Fläche ist die unempfindlichste gegen 
das Licht und die dunkelste aller, die neben ihr einer 
gleichen Hellung ausgesetzt werden. 

1 2 . Aus dem Schwarzen und Weißen entsteht das Graue. 

13. Das Graue hat die Eigenschaft, heller als Schwarz und 
dunkler als Weiß zu sein. 

14. Man vergleicht das Weiße mitdemZ/V>^/(?, das Schwarze 
mit der Finsternis und das Graue mit dem Schatten. 

15. Wenn man eine weiße Fläche in den Schatten legt 
oder sie mehr oder weniger mit Tusche überstreicht, bringt 
man einerlei Effekt hervor; sie scheint oder wird dadurch 
grau. 

i6. Alle Körper und Pigmente, welche schwarz, weiß oder 
grau sind, werden färb los genannt. 

Von farbigen Flächen 

17. Wir kennen nur zwei Grundfarben, Gelb und Blau, 
aus ihrer Mischung entsteht Grün. 

18. Jene beiden Farben können durch Aneinanderdrängen 
ihrer Teile dunkler gemacht werden. 

19. Von Vermischung mit Schwarz oder Weiß darf hier 
die Rede nicht sein. 

20. Blau und Gelb verstärkt, werden beide Rot. 



DIE ELEMENTE DER FARBENLEHRE 387 

2 1 . Rot wird vorerst als keine eigne Farbe angenommen. 

22. Das Gelbrote und Blaurote vermischt, bringt Purpur 
hervor. 

23. Schema A^xY2iX\)t.xi, ihrer Abstufungen, Übergänge und 
Verbindungen. 

24. Verdunkelung der Farben durch Schwarz wird aber- 
mals widerraten. 

2 5 . Gleichfalls Vermischung derselben mit Weiß. 

26. Verschränkte Vermischungen bringen schnulzige Far- 
ben hervor. 

27. Alle Farben in einer gewissen Proportion vermischt, 
bringen eine Unfarbe hervor. 

28. Alle Farben haben die Eigenschaft, daß sie dunkler 
als Weiß und heller als Schwarz sind. 

29. Durchsichtige farbige Liquoren machen ein farbloses 
Wasser immer dunkler. 

30. Nähern sich bei mehrerer Sättigung der Undurch- 
sichtigkeit, daher dem Schtvarzen. 

31. Die reizende Energie, womit die Farben auf unsere 
Augen wirken, ist wohl von der gleichgültigen Helligkeit 
des Weißen zu unterscheiden. 

32. Die Eigenschaft der Farben, dunkler als Weiß und 
heller als Schwarz zu sein, kommt natürlich auch der Un- 
farbe zu, welche aus Mischung aller Farben entsteht. 

33. Sie macht daher den Eindruck von Grau. 

34. Dieses zeigt sich uns unter jeder Bedingung wahr. 

35. Verschiedene Beispiele. 

Übergang zur Streitfrage 

36. Frage, woher die Idee, ein weißes Pigment aus far- 
bigen Pigmenten zusammenzusetzen, ihren Ursprung ge- 
nommen habe? 

37. Newton bemerkt, daß, wenn ein weißes Licht aus far- 
bigen Lichtern zusammengesetzt sein sollte, auch ein 
weißes Pigment aus farbigen Pigmenten entstehen müsse. 
Kr bejaht diese Proposition in dem Gang seiner Demon- 
strationen. 

38. Das Unreine und Unrichtige dieser Proposition folgt 



388 CHROMATIK 

aus der umständlichen Ausführung, die wir bisher gelie- 
fert. 

39. Wie Newton bei seinem Versuche präludiert. Er ge- 
steht selbst, nur ein Kotweiß hervorgebracht zu haben. 

40. Das Wort Weiß ist also ganz willkürlich gebraucht 
und steht unmlz sowohl in der Proposition als in der Aus- 
führung. 

41. Bemerkung der Pigmente, aus welchen Newton ein 
aschgraues Pulver hervorbringt. 

42. Er nimmt nun die Wendung, durch vermehrtes Licht 
ein hellgraues Pulver heller erscheinen zu machen, und 
behauptet: das beste Weiß sei vom Grauen nicht der Art 
nach unterschieden. 

43. Eine unparteiische Kritik wird zu Beurteilung dieser 
Wendung aufgefordert und der Hauptpunkt, worauf die 
Entscheidung beruht, nochmals eingeschärft. 

44. Er sucht seine Assertion dadurch zu beweisen, indem 
er ein hellgraues Pulver in die Sonne legt und solches mit 
einem weißen, aber im Schatten gelegenen Papier vergleicht. 
Heißt das messen, wenn man die Kriterien des Unterschieds 
gegeneinander aufhebt": 

45. Artikulierte Wiederholung der diesseitigen Behaup- 
tungen. 



iÜBER NEWTONS HYPOTHESE DER 
DIVERSEN REFRANGIBILITÄT] 

[Handschriftlich. Wohl 1793] 

WIE sehr zu jener Zeit, als Scholastiker noch 
die Lehrstühle besetzten, der Philosoph sich 
nur eine Welt in sich selbst zu erbauen trach- 
tete, seine Schüler nur in dem Kunststück unterrichtete, 
mit willkürlichen Ideen auf eine feine und seltsame Art 
zu spielen, ist jedem bekannt, der in die Geschichte der 
Philosophie nur einige Blicke getan. Sie erzählt uns, wie 
lange die Menschen sich mit diesen unfruchtbaren Be- 
mühungen gequält und dennoch immer dabei auch für 
Naturforscher gelten wollen, wie endlich treflfliche Köpfe 
eingesehen, daß ein Weltweiser, eh er über die Natur der 
Dinge zu reden sich vermißt, erst die Gegenstände selbst 
zu kennen habe, mit denen sie uns so mannigfaltig und 
übereinstimmend umgibt. Wir erfahren, daß treffliche 
Männer einiger Jahrhunderte aus den düstern Gewölben 
hervorzusteigen bemüht gewesen, aber doch nur zu einem 
Schimmer des Lichtes gelangen können, indem ihr eigner 
Geist und der Geist ihrer Zeit sie noch zu heftig zurück- 
hielt. 

Nun sehen wir endlich Baco von Verulam auftreten. Er 
zeigt zuerst, daß selbst der gute Wille, die Natur und ihre 
Kräfte kennen zu lernen, nicht hinreiche, sondern daß der 
Forscher sich zu diesem wichtigen Geschäfte besonders 
auszubilden habe. Er zeigt uns die Macht gewisser Vor- 
stellungsarten, gewisser Vorurteile, die uns hindern, die 
Gegenstände, welche die Natur uns darbietet, genau zu 
kennen und den Zusammenhang, in dem sie untereinander 
stehen, zu begreifen. Wir erschrecken über die Forderun- 
gen, die er an den Beobachter macht, und erstaunen über 
die Hülfsmittel, die er ihm reicht, über die neuen Organe, 
mit denen er ihn ausrüstet. 

Von diesem Augenblick an scheint Beobachtung über Gril- 
lenfängerei zu siegen, an die Stelle des Wortes die Sache 
zu treten, indem das Wort eine wohlbeobachtete Sache 
bezeichnet. Hier scheint eine neue Epoche anzugehen, 
eine neue Bahn sich zu öffnen. Jeder Beobachter scheint 



390 CHROMATIK 

gezwungen, auf die Willkür seines eigenen Geistes Ver- 
zicht zu tun und sich den bestimmten Sachen zu unter- 
werfen. Aber leider, es scheint nur! Wenige Männer haben 
Gewalt genug über sich selbst, einen Teil dieses Weges 
zurückzulegen, und der fürtreffliche Descartes überlebt den 
Baco um fünfundzwanzig Jahre und hinterläßt bei einer 
großen Wahrheitsliebe, bei aller eignen Überzeugung, daß 
ein Beobachter der reinen und bedächtigen Methode der 
Mathematiker zu folgen habe, seinen Schülern nur ein Luft- 
gebäude von Träumen und Meinungen, das vor einer fort- 
gesetzten Erfahrung, vor einem freieren Bhck der Nach- 
folger bald verschwinden mußte. 

Daß Bacons Bemühungen und die früheren Beispiele der 
Mathematiker weniger gefruchtet, als man hätte hofifen 
sollen, gestehtdie Geschichte der Philosophie ungern. Doch 
erfahren wir bei genauer Untersuchung auch hier, was wir 
so oft im Leben bemerkten, daß Erkennen und Tun, Über- 
zeugung und Handlung durch eine ungeheure Kluft ge- 
trennt sein können. 

Es mag sein, daß die dunkle Schreibart Bacons, in wel- 
cher dieser außerordentliche Mann die geheimnisvollen 
Wirkungen unsrer Seele oft in geheimnisvollen und selt- 
samen Worten darlegt, Ursache gewesen sei, daß seine 
Schriften nicht so viel, wie man hoffen und wünschen 
mußte, gewirkt haben; aber mehr noch möchte in der Na- 
tur der menschhchen Köpfe, und zwar eben in der Natur 
der Vortrefflichsten die Ursache zu suchen sein, warum 
so schwer auf dem Wege der reinen Erfahrung Fortschritte 
gemacht werden. 

Das Genie, das vorzüghch berufen ist, auf jede Weise große 
Wirkung hervorzubringen, hat seiner Natur nach den Trieb, 
über die Gegenstände zu gebieten, sie sich zuzueignen, sie 
seiner Art zu denken und zu sein zu unterwerfen. Viel 
schwerer und leider oft nur zu spät entschließt es sich, 
auch den Gegenständen ihre Würde einzuräumen; und wenn 
es durch seine produktive Kraft eine kleine Welt aus sich 
hervorzubringen vermag, so tut es der großen Welt meist 
unrecht, indem es lieber wenige Erfahrungen in einen Zu- 
sammenhang dichtet, der ihm angemessen ist, als daß es 



ÜBER NEWTONS HYPOTHESE 3 9 1 

bescheiden viele Erfahrungen nebeneinander stellen sollte, 
um womöglich ihren natürlichen Zusammenhang endlich 
zu entdecken. So ungeduldig es sich nun bei der Beobach- 
tung zeigt, so fest finden wir es, auf einer einmal gefaßten 
Idee zu beharren und so tätig sie auszubilden. Sehr leicht 
findet es Gründe, die Blößen seines Systems zu decken, und 
zeigt einen neuen Zweig seiner Fähigkeiten, indem es das- 
jenige hartnäckig verteidigt, was es niemals bei sich hätte 
begründen sollen. Prägt sich nun gar eine solche Vorstel- 
lungsart, eine solche Ideenreihe in die Köpfe leicht ein- 
genommener gleichzeitiger Jünglinge, so geht ein halbes, 
ja ein ganzes Jahrhundert darüber hin, bis ein Irrtum ent- 
deckt, und wenn er entdeckt ist, bis er endHch wirklich 
anerkannt und ausgestoßen wird. 

Jede Schule scheint von den Grundsätzen der römischen 
Kirche etwas geerbt zu haben. Wer von dem einmal fest- 
gestellten Glaubensbekenntnisse abweicht, wird als Ketzer 
ohne weiteres verdammt, und wenn ja zuletzt die Wahr- 
heit siegt, so darf man nur in der Geschichte zurücksehen, 
und man findet gewöhnhch, daß sie schon früher bekannt, 
öffentlich dargestellt, aber leider mit Gewalt oder Kunst 
wieder auf eine Zeit unterdrückt worden. 
Freilich ist die Menge immer auf der Seite der herrschen- 
den Schule; es ist so bequem, für das, was man nicht be- 
greift, wenigstens Formeln zu haben und, durch sie ge- 
schützt, alle mühsame Erfahrung, alle beschwerliche Über- 
sicht, alle sorgfältige Zusammenstellung für überflüssig zu 
erklären, und so bleibt dem Beobachter, der, auf dem freien 
Wegeder Natur, die unendlichen Phänomene verfolgt, wel- 
che die Schule schon in ihren engen Kreis gebannt zu haben 
glaubt, nichts übrig, als entweder einsam und in sich ver- 
schlossen seinen Weg fortzugehen, oder bei einem öffent- 
lichen Bekenntnis sich auf die heftigen Anfälle einer ganzen 
Partei vorzubereiten. 

Und so ist mir recht wohl bekannt, was mich erwartet, in- 
dem ich gegenwärtig auftrete, um zu zeigen, daß ein gro- 
ßer und berühmter Beobachter als Mensch seinen Tribut 
abtragen müsse, daß selbst das große Genie Newtons sich 
bei Erfahrungen übereilte und mit Folgerungen zu früh- 



392 CHROMATIK 

zeitig vorschritt, daß er unsägliche Mühe auf die Behaup- 
tung seines einmal festgestellten Irrtums verwendete, daß 
sein durch diese Bemühungen errichtetes Gebäude die 
Menschen dergestalt verblendete, daß sie nach dessen 
Grund zu forschen zum Teil versäumten, zum Teil, durch 
Gewohnheit und Vorurteil beherrscht, es nicht nur für 
einzig ewig erklärten, sondern auch jeden, der den Grund 
zu untersuchen, die Maße und Verhältnisse zu beurteilen 
wagte, als einen verwegnen Toren abzuweisen und zu ver- 
schreien wußten. 

Wohlbekannt mit diesen Gefahren wage ich dennoch mit 
dem Geständnisse meiner Überzeugung öfifentlich hervor- 
zutreten und zu behaupten: Newton habe keineswegs er- 
wiesen, daß das farblose Licht aus mehreren andern Lich- 
tern, die zugleich an Farbe und an Brechbarkeit verschie- 
den sind, zusammengesetzt sei; ich erkläre vielmehr die 
diverse Refrangibilität nur für eine künstliche Hypothese, 
die vor genauer Beobachtung und scharfer Beurteilung 
verschwinden muß. Nach dieser kühnen Erklärung habe 
ich alle Ursache, in meinem Vortrage bedächtig zu Werke 
zu gehen, um eine so schwere und verwickelte Sache zu 
einer abermaligen Revision vorzubereiten. Ich bin daher 
genötigt, ehe ich zur Abhandlung selbst schreite, einiges 
vorauszuschicken, um die Standpunkte anzugeben, woraus 
die Lehre sowohl als mein Widerspruch zu betrachten ist. 
Vor allen Dingen muß ich auf das dringendste einschärfen, 
daß diverse Refrangibilität keine Tatsache, kein Faktum 
sei. Newton erzählt uns selbst den Gang seiner Beobach- 
tungen und seiner Schlüsse, der aufmerksame Kritiker ist 
also imstande, ihm auf dem Fuße zu folgen. Hier ziehe 
ich nur die ersten Linien der ausführlichen Darstellung, 
die das Werk selbst enthalten wird. Newton findet, indem 
er einen Sonnenstrahl durch ein Prisma unter bestimmten 
Umständen durchgehen läßt, das aufgefangene Bild des- 
selben nach der Brechung viel länger als breit und, was 
noch mehr ist, mit verschiedenen Farben gefärbt. 
Hierauf gibt er sich Mühe, sowohl durch Veränderung der 
Versuche als durch mathematische Prüfung die Ursache 
dieser Verlängerung des Bildes zu erforschen, und da er 



ÜBER NEWTONS HYPOTHESE 393 

sie immer größer findet, als sie nach allen äußern Um- 
ständen und Einwirkungen, die er bemerken kann, sein 
sollte, so schließt er: die Ursache derselben müsse inner- 
halb des Lichtes liegen; die Ausdehnung des Bildes in die 
Länge entstehe durch eine Teilung des Lichtes, diese Tei- 
lung werde durch Refraktion möglich, weil die verschied- 
nen Strahlen, woraus das zusammengesetzte Licht bestehe, 
nicht nach einem allgemeinen Gesetze, sondern nach eig- 
nen Gesetzen gebrochen werden, da man sie denn nach- 
her an ihren verschiedenen Farben gar bequem erkenne. 
Diese Meinung setzt sich sogleich bei ihm fest; er stellt 
verschiedene Versuche an, die ihn nur noch mehr darin 
bestärken, und ob er gleich anfangs seine Überzeugung 
nur als Theorie vorträgt, so befestigt sie sich doch nach 
und nach dergestalt in seinem Geiste, daß er die diverse 
Refrangibilität wirklich als ein Faktum aufstellt. (Opusc. II, 

P-37I-) 

Auf eben diese Weise fahren seine Schüler fort, die di- 
verse Refrangibilität teils als eine festbegründete und un- 
widerlegliche Theorie, teils gelegentlich als ein Faktum 
darzulegen. 

Diese erste und größte Verirrung muß vor allen Dingen 
bemerkt werden. Denn wie sollte man noch in Wissen- 
schaften Vorschritte hoffen können, wenn dasjenige, was 
nur geschlossen, gemeint oder geglaubt wird, uns als ein 
Faktum aufgedrungen werden dürfte. 
Es ist ein Faktum, daß unter denen Umständen, welche 
Newton genau angibt, das Sonnenbild fünfmal länger als 
breit ist und daß dieses verlängerte Bild vollkommen far- 
big erscheint. Dieses Phänomen kann jeder Beobachter 
ohne große Bemühung wiederholt sehn. 
Newton erzählt uns selbst, wie er zu Werke gegangen, um 
sich zu überzeugen, daß keine äußere Ursache diese Ver- 
längerung und Färbung des Bildes hervorbringen könne. 
Diese seine Behandlung ist, wie schon oben gesagt, der 
Kritik unterworfen: denn wir können viele Fragen auf- 
werfen, wir können mit Genauigkeit untersuchen: ob er 
denn auch recht verfahren? und inwiefern sein Beweis in 
jedem Sinne vollständig sei.^ 



394 CHROMATIK 

Setzt man seine Gründe auseinander, so werden sie fol- 
gende Gestalt haben: 

Das Bild ist, wenn der Strahl die Refraktion erlitten, län- 
ger, als es nach den Gesetzen der Refraktion sein sollte. 
Nun habe ich alles versucht und mich dadurch überzeugt, daß 
keine äußere Ursache an dieser Verlängerung schuld sei. 
Also ist es eine innere Ursache, und diese finden wir in 
der Teilbarkeit des Lichtes. Denn da es einen großem 
Raum einnimmt als vorher, muß es geteilt, muß es aus- 
einandergeworfen werden, und da wir das auseinander- 
geworfene Licht farbig sehen, so müssen die verschiede- 
nen Teile desselben farbig sein. 

Wieviel ist nicht sogleich gegen dieses Räsonnement auch 
einzuwenden! 

Beim ersten Satze sei uns erlaubt zu fragen, wie hat man 
denn die Gesetze der Refraktion festgestellt? — Aus der Er- 
fahrung.— Gut! Und der die Erfahrung machte, um die Ge- 
setze festzustellen, hat er die Ausnahme, von der die Rede 
ist, beobachtet oder nicht.* — Ob er sie beobachtet hat, wis- 
sen wir nicht; aber er hat sie nicht in Betrachtung gezo- 
gen. — So dürfen wir also an der Allgemeinheit dieses Na- 
turgesetzes zweifeln und fragen: Sollt es nicht möglich 
sein, dieses Gesetz allgemeiner auszusprechen, und zwar 
so, daß die hier angeführte Ausnahme mit darunter be- 
griffen wäre? 

Was gegen die Überzeugung aus einer vollständigen Erfah- 
rung einzuwenden sei, fällt in die Augen. Hier fragt sich, 
ist denn auch alles beobachtet worden, was beobachtet 
werden mußte? Wer kann beweisen, daß eine Erfahrung 
vollständig sei? Und gilt nicht gegen ihn jede Darlegung 
neuer Erfahrungen, die in diesen KLreis gehören? 
Gesetzt aber auch, gegen beides wäre nichts einzuwenden, 
und man nähme den Schluß: hier wirkt eine innere Ur- 
sache, als gültig an, so ist doch die Folgerung übereilt: diese 
Ursache liege in irgendeiner Eigenschaft des Lichts; denn 
wir haben ja in diesem Falle gebrochnes Licht und bre- 
chendes Mittel, und warum sollte das Mittel nicht durch 
eine uns unbekannte Ursache Doppelbilder hervorbringen 
können, oder durch eine unerklärte, vielleicht mit der Re- 



ÜBER NEWTONS HYPOTHESE 395 

fraktion und Reflektion nur verwandte Kraft das Bild in 
die Länge zu dehnen imstande sein. Ist es denn, ausschließ- 
lich, die letzte Notwendigkeit, dem Licht die geheimnis- 
volle Eigenschaft zuzuschreiben, sich durch ein Mittel, wo- 
durch es hindurchgeht, spalten und in Elemente teilen zu 
lassen? 

Doch sei dies alles hier nicht etwa, um irgend etwas fest- 
zusetzen oder zu einer Disputation einen Grund zu legen, 
beigebracht, sondern nur um zu zeigen, wie wenig diverse 
Refrangibilität als Faktum gelten könne. 
Die künftigen Revisoren werden also ersucht, darauf zu 
sehen, daß niemand, er sei wer er wolle, sich unterfange, 
eine Erklärung, Theorie oder Hypothese für eine Tatsache 
auszugeben. Daß der Stein fällt, ist Faktum, daß es durch 
Attraktion geschehe, ist Theorie, von der man sich innigst 
überzeugen, die man aber nie erfahren, nie sehen, nie 
wissen kann. 

Sollte denn aber, wird man mir einwerfen, wenn auch jener 
außerordentliche Mann in seinen Erfahrungen nicht ge- 
nau genug und in seinen Schlüssen voreilig gewesen wäre, 
wenn seine Theorie wirklich nur Hypothese wäre, sollte 
ein solcher Irrtum in hundert Jahren durch so viele Ge- 
lehrte, Akademien und Sozietäten, welche die Versuche 
wiederholt und die Lehre geprüft, nicht schon entdeckt 
worden sein? 

Ich antworte hierauf: Wäre es wirklich geschehen, daß man 
die Newtonischen Versuche oft genug mit scharfem Be- 
obachtungsgeist wiederholt, daß man seinen Gang verfolgt 
hätte, so würde man früher die Verbesserung der dioptri- 
schen Fernröhre erfunden haben; man würde schon früher 
den Irrtum entdeckt haben, in den Newton verfiel, als er 
behauptete, ja nach seiner Theorie behaupten mußte, daß 
die Stärke der Farbenerscheinung nach der Stärke der Re- 
fraktion gerechnet werden könne. 

Hat man nun, fahre ich fort zu fragen, da die Entdeckung 
gemacht war, daß die Farbenerscheinung ganz für sich, 
auf eine unerklärbare Weise, vermehrt oder vermindert 
werde, ohne daß die Refraktion mit ihr gleichen Schritt 
halte, hat man denn untersucht, wie tief dieser Irrtum in 



396 CHROMATIK 

der Newtoni sehen Lehre verborgen gewesen? hat man denn 
gefragt, ob dieser entdeckte Irrtum nicht sogleich gegen 
die ganze Theorie mißtrauisch machen müsser Hier und 
da finde ich es leise angegeben; aber hervorgehoben, ans 
Licht gestellt ward es, soviel ich weiß, niemals. 
Wenn sich Newton durch seine Erfahrungen und seine 
Hypothese, denn für weiteres kann ich seine Meinung künf- 
tig nicht gelten lassen, völlig überzeugt fand, daß sich die 
dioptrischen Fernröhre auf keine Weise verbessern ließen, 
wenn er dadurch auf die Erfindung seines Spiegelteleskops 
geführt wurde, wenn er auf die Verbesserung desselben 
lebhaft drang, wenn er als Resultat am Ende des ersten 
Teils des ersten Buchs der Optik jene Überzeugung auf- 
stellt, daß die dioptrischen Fernröhre nicht verbessert wer- 
den können, so muß ja wohl, da nun dieses Resultat falsch 
befunden worden, der Irrtum tiefer als nur auf der Ober- 
fläche liegen, so müssen ja wohl die Erfahrungen weder 
genau noch vollständig, oder die Schlüsse daraus nicht 
durch richtige Operationen des Geistes gezogen sein. 
Hat man hierauf, wie doch natürlich gewesen wäre, ge- 
merkt.^ Hat man bei diesem eintretenden wichtigen Fall 
die Sache nochmals in Untersuchung genommen? Keines- 
wegs! Manleugnete lieber dieMöglichkeit der Erfahrungen, 
die schon gemacht waren, und anstatt zu gestehen, daß 
durch diese Entdeckung jene Theorie selbst auf der Stelle 
vernichtet werde, so suchte man lieber durch Akkomoda- 
tionen ihr wenigstens einen Schein des Lebens zu erhal- 
ten, und so spukt das Gespenst der diversen Refrangibiji- 
tät noch immer in den Schulen der Physik, und man glaubt 
einen treuen aufmerksamen Beobachter noch immer durch 
die Autorität eines großen Mannes zu schrecken, dessen 
Irrtum in der Sache, wovon die Rede ist, schon seit meh- 
reren Jahren nicht geleugnet werden kann. 
Es sei denn, höre ich mir hierauf antworten, wir wollen 
uns einen Augenblick als möglich denken, daß in jener 
Lehre wirklich ein Irrtum verborgen liege, daß er auch 
sogar schon halb entdeckt sei; aber wer will es mit dem 
größten Geometer aufnehmen, dem die Hülfsmittel der 
höheren Rechenkunst alle zu Gebote standen und dessen 



ÜBER NEWTONS HYPOTHESE 397 

Fehlschlüsse, wenn er ihrer begangen haben sollte, nur 
durch seinesgleichen entdeckt werden können. 
Diesen Einwurf erwarte ich von niemand, der Kenntnis 
in der Sache hat, von der die Rede ist. Newton erscheint 
hier nicht als Mathematiker auf dem Platze, wir haben es 
nur mit Newton dem Physiker zu tun. Seine Erfahrungen 
kannjedermitgesundenSinnenwiederholen, seine Schlüsse 
kann jeder ruhige Denker prüfen. Was von Messungen, 
mathematischen Beweisen und Formeln vorkommt, ist kei- 
neswegs von der höheren Art und läßt sich mit einiger 
Kenntnis recht gut übersehen, und unglücklicherweise ist 
dieses selbst die schwächste Seite seiner Arbeit; seine For- 
meln sind falsch befunden worden, und seine Messungen, 
seine darauf gegründete Berechnungen gelten nur von ein- 
zelnen Fällen, und vergebens sucht er sie zu allgemeinen 
Verhältnissen, zu durchaus gültigen Naturgesetzen zu er- 
heben. 

Der vortrefflichste Rechenmeister kann eine Rechnung 
fertigen, an deren Kalkül nichts auszusetzen ist, und doch 
kann sie falsch sein, doch mit der Kasse nicht übereintreffen. 
Es durften ihm nur einige Belege fehlen, deren Mangel er 
übersah oder nicht bemerken konnte; sobald sich diese fin- 
den, fällt das ganze Zahlengebäude zusammen, und die an 
sich lobenswerte, bis auf den kleinsten Bruch der Pfennige, 
richtige Arbeit ist verloren und muß von neuem unter- 
nommen werden. Wie viele Fälle dieser Art zeigt uns die 
Geschichte der mathematischen Wissenschaften. Wie man- 
cher Geometer war als Beobachter weniger glücklich, wel- 
cher hat nicht mehr als einmal in seinem Leben nach fal- 
schen Datis richtig, aber vergebens gerechnet. 
Daß dieses Newtons Fall in seiner Optik sei, hoffe ich in 
meiner Schrift ausführlich zu zeigen. Es war nicht schwer, 
seinen Irrtum zu entdecken, denn schon mehrere vor mir 
haben ihn eingesehen; aber es ist schwer, ihn zu entwickeln, 
denn dieses ist noch keinem seiner Gegner gelungen, viel- 
leicht gelingt es auch mir nicht; indessen werde ich mein 
möglichstes tun, daß, wenn auch ich noch als Ketzer ver- 
dammt werden sollte, wenigstens ein glücklicherer Nach- 
folger eine brauchbare Vorarbeit finde. 



L 



398 CHROMATIK 

Ich werde es an nichts fehlen lassen, seine Versuche aufs 
genauste durchzugehen, und zeigen, wiefern sie an sich 
selbst richtig oder wiefern an ihnen etwas auszusetzen; 
ob der Beobachter einen unleugbaren Versuch richtig ge- 
sehen, oder ob er sich durch einen Schein habe blenden 
lassen; ob er alle Nebenumstände bemerkt; ob die Ver- 
suche vollständig, ob sie gut geordnet sind, und ob die 
Schlüsse, die er daraus zieht, notwendig erfolgen. 
Die größte Aufmerksamkeit haben wir ferner auf seinen 
Vortrag zu wenden. Man hat schon lange anerkannt, daß 
weder seine optischen Vorlesungen noch die Optik selbst 
in mathematischer Ordnung geschrieben sei. Dieses kann 
bei einer physikalischen Materie nur so viel heißen: der 
Verfasser habe nicht von den einfachsten Versuchen an- 
gefangen, um von da zu den zusammengesetzten fortzu- 
gehen, als wodurch allein eine reine Ableitung und eine 
Darstellung des innern Zusammenhangs möglich wird, wo- 
durch eine theoretische Erklärung allein vorbereitet wer- 
den kann. Und so ist es auch wirklich, wie jeder, der diese 
beiden Schriften zur Hand nimmt, bei dem ersten Blick 
erkennen kann. In den optischen Lektionen geht er natür- 
licher zu Werke. Er spricht als ein überzeugter Mann und 
legt uns offen dar, wie er sich überzeugt hat. In der Optik 
ist er künstlicher Sachwalter, der uns zu überzeugen sucht; 
man sieht, er hat schon Widerspruch erlitten, und diesem 
Widerspruch soll vorgebaut werden, und wenn die Optik 
ein unsterbliches Werk genannt zu werden verdient, so 
wird sie es deswegen bleiben, weil sie uns ein Zeugnis gibt, 
das zwar in der Geschichte der Wissenschaften oft genug 
wiederholt ist, welche Mühe sich ein scharfsinniger Geist 
geben kann, um sich und andern den Irrtum zu verbergen, 
den er einmal festzusetzen beliebt hat. Wie die Menschen 
überhaupt meist nur den Gebrauch des Verstandes schätzen 
und bewundern, er mag übrigens gebraucht werden zu was 
er wolle. 

Verblendet von einigen in die Augen fallenden Versuchen, 
hingerissen von der künstlichen Darstellung der Argumente, 
blieb man auf dem Punkte stehen, auf den sich Newton 
gestellt hatte und auf den jeder seiner Schüler sich stellen 



ÜBER NEWTONS HYPOTHESE 399 

mußte, um in der Theorie ein scheinbares Ganze zu er- 
blicken. So sieht der Zuschauer, der vorm Theater auf dem 
Punkte steht, von welchem und zu welchem der geschickte 
Maler die Linien seiner Dekoration gezogen, ein völlig 
verschlossenes Zimmer vor sich, indem die Zwischenräume 
der Seitenwände ihm nicht bemerkbar sein können. Alles 
paßt so genau, daß diese Linien nicht gerade zu laufen 
scheinen, sondern im Auge wirklich gerade laufen. Aber 
er trete nur einen Schritt zur Seite, so wird die Illusion 
sogleich verschwinden; er wird die Kunst mehr als im 
ersten Augenblicke bewundern, da er getäuscht war, aber 
die Täuschung wird aufhören. 

Es wird jedem auffallen, wenn wir in der Folge zeigen, 
daß die ganze Stärke der Newtonischen Theorie darin be- 
stand, daß ihr Erfinder sowohl als seine Schüler ausdrück- 
lichverlangten, daß man von ihrem Standort, auf ihre Weise 
die Gegenstände betrachten und sich von dem scheinbaren 
Zusammenhang als von einem wirkhchen überzeugen sollte. 
Wer mit reinem unbefangenen Blick die Versuche, wie sie 
in Newtons Optik und in mehreren Kompendien durch- 
einandergestellt sind, betrachtet, glaubt seinen Augen 
kaum; die Verblendung ist so groß, daß sie Sophistereien 
zuläßt, die ganz nahe an Unredlichkeit grenzen. 
Da man einmal bei der Refraktion eine so wichtige Er- 
scheinung gesehen hatte, da eine ganz neue und beim 
ersten Anblick Mißtrauen erregende Theorie der ganzen 
Licht- und Farbenlehre darauf erbauet war, hätte man nicht 
sorgen sollen, alle Fälle zu sammlen und in einer gewissen 
Ordnung aufzustellen.' Allein die Schüler hatten nicht Ur- 
sache es zu tun, weil bei dem schon vollendeten Bau die 
neuen Materialien ihnen nur im Wege gelegen hätten, 
und die Gegner konnten es nicht tun, weil ihnen noch 
manches zur Vollständigkeit fehlte, das uns glücklicher- 
weise die Zeit entdeckt hat, und außerdem hatten die 
letzten meistenteils auch nur im Sinne, aus den bekannten 
Materialien gleichfalls ein hypothetisches Ganze zusam- 
menzusetzen und ihre Schöpfungen der Newtonischen ent- 
gegenzustellen. 
Da ich nun die ganze Angelegenheit zur Revision vorbe- 



400 CHROMATIK 

reite und, wenn ich die anders beschäftigte Aufmerksam- 
keit meiner Zeitgenossen nicht erregen sollte, meine Ar- 
beit dem folgenden Jahrhundert empfehle, so werde ich 
vor allen Dingen die bedeutenden Phänomene und Ver- 
suche, welche uns bei Gelegenheit der Refraktion Farben 
zeigen, in derjenigen Ordnung vortragen, die mir nach 
vieler Überlegung die natürlichste scheint, und zwar werde 
ich dabei folgendergestalt zu Werke gehn, daß ich zuerst 
die Fälle zeige, in welchen die Refraktion vollkommen 
wirkt, ohne daß eine Farbenerscheinung entstehe. Ferner 
werde ich die Bedingungen ausführen, welche zur Refrak- 
tion hinzukommen müssen, damit eine Farbenerscheinung 
sichtbar werde, und nach welchen Gesetzen sie alsdann 
erscheine. Sodann werde ich zeigen, unter welchen Um- 
ständen sich diese Farbenerscheinung vermehre, vermin- 
dere und endlich gar wieder verschwinde, wobei die Kraft 
der Strahlenbrechung dabei in ihrem vollen Maße wirken 
kann. Ob es alsdann zu kühn ist, hieraus zu folgern, daß 
diese Farbenerscheinungen von der Brechung unabhängig 
seien, daß die Refraktion keineswegs die Ursache sei, durch 
welche, sondern nur eine Gelegenheit, bei welcher die 
Farbenerscheinung sich sehen läßt, wird sich am Schlüsse 
zeigen. Ich wenigstens hoffe, die diverse Refrangibilität 
werde vor der bloßen Darstellung der sämtlichen Versuche 
verschwinden. 

Ich werde sodann in einem zweiten Abschnitt historisch 
und kritisch zu Werke gehn und das, was die frühern Philo- 
sophen von den vorgelegten Versuchen gekannt und was 
sie daraus geschlossen, vortragen; ferner auf die Geschichte 
der Newtonischen Erfahrungen und seiner Theorie über- 
gehen, den Gang seines Geistes, seiner Beobachtungen 
und seiner Schlüsse in diesem Falle verfolgen. Sodann 
werde ich die Lehrart seiner älteren Schüler vor Erfindung 
der achromatischen Gläser und darauf die Wendung der 
neueren nach gedachter Entdeckung darlegen. Darauf die 
Bemühungen der älteren und neueren Gegner der Theorie 
auf ebendiese Weise ans Licht stellen und die Ursachen 
anzeigen, warum ihr Bestreben so wenig gewirkt hat. End- 
lich werde ich suchen, den Punkt deutlich zu machen, wo 



ÜBER NEWTONS HYPOTHESE 401 

wir gegenwärtig stehen, und nach dem Ziele deuten, das 
mir selbst noch in der Ferne liegt. Niemand kann lebhafter 
wünschen als ich, daß dieses Feld bald auch von andern, 
es sei durch Teilnahme oder durch Widerspruch, emsig 
bebaut werde. 



GOETHE XVII 26. 



ÜBER DIE FARBENERSCHEINUNGEN, 

DIE WIR BEI GELEGENHEIT 
DER REFRAKTION GEWAHR WERDEN 

[Handschriftlich. 1793] 

Einleitung 

i.l \-^^ Wirkung der Refraktion, wodurch die Licht- 

I 1 strahlen von ihrem Wege abgelenkt werden, wo- 
.1 — y durch uns das Bild eines Gegenstandes an einem 
andern Orte erscheint, als es sich wirklich befindet, ist 
ein sehr merkwürdiges Phänomen. Die Erfahrungen und 
Versuche, unter welchen Umständen sie bemerkt wird, die 
Gesetze, nach welchen sie sich äußert, sind von den Natur- 
forschern beobachtet, geordnet und berechnet worden. 
Ich setze voraus, daß man wenigstens im allgemeinen mit 
dieser Lehre bekannt sei, indem ich nur von den appa- 
renten Farben zu handeln gedenke, welche uns bei dieser 
Gelegenheit erscheinen. 

2. Diese Farbenerscheinungen sind unter gewissen Um- 
ständen so lebhaft, schön und überraschend, daß sie die 
Aufmerksamkeit der Naturforscher von jeher billig auf sich 
gezogen haben. Einige dieser Phänomene haben zu der 
fast allgemein angenommenen Theorie Anlaß gegeben, 
und doch ist mir unbekannt, daß die Erfahrungen und Ver- 
suche jemals vollständig gesammlet und in ihrer natürlichen 
Ordnung aufgestellt worden. Wir wollen versuchen, ob 
wir diese Erscheinungen bis zu ihren ersten Spuren ver- 
folgen können; wir wollen sie von da bis auf den höchsten 
Grad ihrer Schönheit begleiten und ihnen alsdann bis da- 
hin folgen, wo sie wieder verschwinden, und durch diesen 
Zirkel die Gesezte dieser Erscheinung an den Tag zu 
bringen bemüht sein. 

3. Vorher aber ist es nötig, daß wir die verschiedenen 
Versuche, welche wir bei dieser Gelegenheit anstellen, 
im allgemeinen betrachten und, was wir dabei zu be- 
merken finden, festsetzen. Alle Versuche, welche bei dieser 
Gelegenheit vorkommen, lassen sich einteilen in 

objektive 
subjektive 



FARBENERSCHEINUNGEN BEI REFRAKTION 403 

verbundene und 
gemischte Versuche. 

4. Objektive nenne ich diejenigen, wo das brechende Mittel 
sich nicht zwischen der Erscheinung und dem Beobachter 
findet, z. B. wenn wir das SonnenUcht durch das Prisma 
fallen lassen und das farbige Bild an der Wand erblicken. 

5. Subjektive nenne ich, wenn das brechende Mittel zwi- 
schen der Erscheinung und dem Auge des Beobachters 
sich befindet, z. B. wenn wir ein Prisma vor die Augen 
halten und schwarze und weiße Tafeln dadurch betrach- 
ten und die Ordnung der Farbenerscheinung an selbigen 
wahrnehmen. 

6. Wir werden genau zu bestimmen suchen, worin diese 
beiderlei Arten von Versuchen miteinander übereinkom- 
men, und worin sie voneinander verschieden sind. Wir 
werden sie nebeneinander stellen und sehen, inwiefern 
sie miteinander gleichen Schritt halten oder voneinander 
abweichen. Auf diese genaue Absonderung kommt sehr 
viel an, da man sie gewöhnlich vi\xx promiscue zu gebrau- 
chen pflegt. 

7. Kennen wir diese Versuche genau, so werden wir sie 
desto eher beurteilen können, wenn wir sie in Verbindung 
untereinander zu betrachten haben. Es werden uns sehr 
merkwürdige und sehr komplizierte Phänomene nicht irre- 
machen, welche uns durch diese verbundene Versuche dar- 
gestellt werden. 

8. Gemischte Versuche nenne ich zum Unterschied unreine, 
ohne Methode und Zweck vereinigte Versuche der objek- 
tiven und subjektiven Phänomene, welche nur alsdann 
vorkommen werden, wenn wir imstande sind, die Bemü- 
hungen unserer Vorgänger kritisch zu beurteilen. 



404 CHROMATIK 

ERSTER ABSCHNITT 

Refraktion an und für sich selbst bringt 

keine Farbenerscheinung hervor 

Subjektive Versuche 

Erster Versuch {Fig. ly 

9. Man nehme ein Gefäß, das breiter als hoch ist, und stelle 
es vor sich in die Hellung des Tageslichts, und die innern 
Flächen desselben werden uns ihre eigne Farbe zeigen; 
es sei das Gefäß holzfarb, man streiche es weiß, schwarz, 
gelb oder blau an, so wird man, wie bei jedem andern 
Körper, den Anstrich der Oberfläche rein erkennen. Man 
gieße hierauf reines Wasser hinein; der Boden wird uns 
nach den Gesetzen der Refraktion erhöht, die Wände so 
viel verkürzt erscheinen. Man schaue durch das Wasser 
von allen Seiten, und es wird keine apparente Farbe in 
dem Gefäße erscheinen. Die Oberfläche des Bodens und 
der Wände wird uns ihren Anstrich wie vorher sehen lassen, 
obgleich die Refraktion schon vollkommen wirket und uns 
alle Stellen des Gefäßes an einem andern Platze zeigt. 

Zweiter Versuch {.Fig. 2) 

10. Man halte sodann das Gefäß schief, so daß der Boden 
mit dem Horizonte einen spitzen Winkel macht. Man stelle 
sich auf die Seite des spitzen Winkels, sehe abermals durch 
das Wasser in das Gefäß, man wird ebensowenig appa- 
rente Farben und nur die Farbe des Gefäßes wie vorher 
erblicken. 

Dritter Versuch (Fig. 3) 

1 1. Man gehe um das Gefäß herum und stelle sich auf die 
Seite, wo das brechende Mittel am dicksten ist, auch da 
wird man keine Farbenerscheinungen sehen und in diesen 
drei Fällen völlig gleiche Erfahrungen machen. 

Vierter Versuch (Fig. 4) 

12. Man nehme hierauf ein Gefäß mit einem Glasboden, 
richte es dergestalt, daß der Boden mit der Wasserwage 

1 Die Figuren zu den Versuchen stehen am Schluß des Bandes auf 
den Tafeln „Farbenerscheinungen bei der Refraktion". 



FARBENERSCHEINUNGEN BEI REFRAKTION 405 

parallel sei, und stelle es erhöht über ein weißes Papier; 
man sehe nun durch das Mittel auf das weiße Papier, man 
lege statt desselben ein schwarzes oder ein farbiges hin, 
und man wird niemals apparente Farben sehen, ob man 
gleich die Fläche und ihre Teile nach dem Gesetz der 
Refraktion an einem ganz andern Orte erblickt, als wo sie 
sich wirklich befindet. 

Fünfter Versuch {Fig. 5) 

13. Man hebe nun die eine Seite des Bodens dergestalt in 
die Höhe, daß der Glasboden einen spitzen Winkel mit 
der Wasserwage macht, stelle sich an die Seite des Win- 
kels und schaue dadurch auf die weiße oder farbige Fläche. 
Auch in diesem Falle zeigen sie sich vor wie nach, und 
keine apparente Farben erscheinen. 

Sechster Versuch [Fig. 6) 

14. Man gehe nun abermals um das Gefäß herum, so daß 
man auf der dicken Seite des Mittels stehe, und dieser 
Versuch wird den vorigen gleich sein. 

15. Wir sprechen also das Resultat dieser Erfahrungen 
dergestalt aus: Das Auge sieht durch ein brechendes Mittel^ 
es ?nag dasselbe parallel oder im Winkel sein, es mag die 
Brechung einfach oder doppelt geschehen, auf jeder Fläche, 
die nur mit eine?7i reinen, gleichen Pigmente angestrichen ist, 
oder, welches ebensoviel heißt, auf allen Flächen von einer 
gleichen Schattierung oder Farbe, keine apparente Farben, 
sondern die Fläche und ihre Teile erscheinen uns, obgleich 
durch die Refraktion an einem andern Orte, doch völlig un- 
verändert, als 7venn wir sie durch kein Mittel sähen; es 
müßte denn sein, daß sie etwas dunkler oder trüber er- 
schienen. 

Objektive Versuche 

16. Daß man den drei ersten subjektiven Versuchen keine 
objektiven an die Seite setzen könne, folgt aus ihrer Natur, 
indem das brechende Mittel unmittelbar den Boden und 
die Wände berührt und also immer zwischen dem Auge 
und dem Gegenstande bleibt; den drei letztern Versuchen 
aber können wir folgende objektive an die Seite setzen. 



4o6 CHROMATIK 

Siebenter Versuch {Fig./') 

17. Man richte und stelle das Gefäß, wie in dem vierten 
Versuche, den gläsernen Boden mit der Wage des Wassers 
parallel und lasse die Sonnenstrahlen frei durch dasselbe 
auf eine weiße oder gefärbte Fläche fallen; auch da wird 
das Auge, das nunmehr unmittelbar auf die Fläche sieht, 
dieselbe erhellt sehen, aber darauf keine apparente Far- 
ben erblicken. 

Achter Versuch {Fig. 8) 

18. Ebenso wird es geschehen, wenn wir das Gefäß, wie 
bei dem fünften Versuche, zu einem spitzwinkhgen Mittel 
umändern und diesen Winkel gegen die Sonne kehren. 

Neunter Versuch {Fig.g) 

19. Gleichfalls wenn wir die starke Seite des Mittels gegen 
die Sonne richten, wird das Auge des Beobachters auf 
der Fläche, sie mag eine Farbe haben welche sie will, 
das Sonnenlicht zwar von seinem Wege abgelenkt, doch 
unverändert und farblos erblicken. 

20. Aus diesen objektiven Versuchen ziehen wir folgendes 
Resultat: Das Sonnenlicht kann durch ein brechendes Mittel 
hindurchscheinen, es kann darin gebrochen, von seinem Wege 
abgelenkt werden, und es bleibt demohngeachtet bei der stärk- 
sten wie bei der geringsten Ablenkung noch farblos tvie vor 
seinem Eintritte. 

21. Halten wir nun diese Resultate der objektiven Erfah- 
rungen mit jenen zusammen, welche wir aus den subjek-. 
tiven (§ 1 5) gezogen, so dürfen wir wohl ohne Anstand als 
Axiom festsetzen: Refraktion an und für sich bringt keine 
Farbe7ierscheimmg hervor. 



FARBENERSCHEINUNGEN BEI REFRAKTION 407 
ZWEITER ABSCHNrn^ 

Zur Refraktion müssen sich noch andere 
Bedingungen hinzugesellen, wenn die Farben- 
erscheinung stattfinden soll 

22. Wer die in dem vorigen Abschnitt vorgelegten Ver- 
suche aufmerksam betrachtet und die daraus natürlich ge- 
zogenen Folgen anerkannt hat, wird nunmehr billig die 
Frage aufwerfen: Auf welchem Wege es uns denn gelingen 
könne, die Farberscheinung verbunden mit der Refrak- 
tion darzustellen, da wir bisher Refraktion ganz rein von 
aller Farberscheinung gefunden haben? Wir antworten 
hierauf, daß uns der Zufall dahin führen und daß wir bei 
genauer Wiederholung der im vorigen Abschnitt ange- 
zeigten Versuche, besonders der objektiven, gelegentlich 
bemerken können, unter welchen Umständen apparente 
Farben erschienen. So wird man z.B. beim siebenten Ver- 
suche § 17, wenn das Glas Knötchen oder Streifen hat, 
sogleich auf dem unterliegenden Papiere apparente Farben 
erblicken. 

23. Wir werden dadurch auf den Weg geleitet, bei sub- 
jektiven Versuchen das Bild zu begrenzen, bei objektiven 
dem Licht undurchsichtige Hindernisse in den Weg zu 
setzen. Daraus entstehen nachfolgende Versuche, welche 
abermals in subjektive und objektive zerfallen. Ich werde 
jede Art abermals allein behandeln, doch beide in gleicher 
Ordnung und Folge, so daß sie zuletzt bequem gegenein- 
ander gehalten und miteinander verglichen werden können. 



Subjektive Versuche 

ERSTES KAPITEL 

Unter welchen Bedingungen 

die Farbenerscheinung sichtbar wird 

Zehnter Versuch {Fig. lö) 
24. Wir legen in das oben beschriebene Gefäß mit Wasser 
ein schwarz angestrichnes Blech, in dessen Mitte eine 
zirkelrunde weiße Fläche im Durchschnitt ungefähr einige 



4o8 CHROMATIK 

Zoll gemalt ist, wir richten unser Auge so viel als mög- 
lich senkrecht auf den Mittelpunkt der Fläche, und wir 
werden keine Farbenerscheinung erbhcken, 

Eilfter Versuch 

25. Wir bewegen uns dergestalt von dem Gefäße hinweg, 
daß wir in einer schiefen Richtung nach der Fläche sehen, 
so erblicken wir bald eine Farbenerscheinung, und zwar 
so, daß der nächste Rand der weißen Fläche uns gelb und 
gelbrot erscheint, der entgegengesetzte Rand aber mit 
einer blauen Farbe eingefaßt ist. 

26. Wir erkennen also hier sogleich zwei notwendige Be- 
dingungen, welche zur Refraktion hinzukommen müssen, 
um eine Farbenerscheinung hervorzubringen. 

1. Begrenzung des Bildes, (a) 

2. Bestimmte Richtung des Auges gegen die Grenze 
des Bildes, (b) 

2 7 . Wir gehen nun weiter und bemerken zuerst, daß, wie 
wir uns um das Gefäß herum bewegen, die Farbe uns be- 
ständig nachfolgt, daß der uns nächste Rand der gelbe, 
der entgegengesetzte der blaue ist. 

Zwölfter Versuch {Fig. 12) 

28. Verändern wir den Versuch dergestalt, daß wir eine 
schwarze Kreisfläche auf weißem Grunde unter Wasser 
beschauen, so finden wir, daß sich die Farbenerscheinung 
nicht nach der Nähe und Entfernung des Randes richte, 
sondern nach dem Verhältnisse der schwarzen oder weißen 
Fläche zu unserm Auge. 

29. Denn wenn uns das Schwarze zunächst und das Weiße 
hinter ihm liegt, sehen wir jederzeit einen gelben Rand; 
der Rand hingegen am Schwarzen, wenn das Weiße uns 
zunächst liegt, erscheint uns immer blau, und auch diese 
Erscheinung folgt uns, wenn wir um das Gefäß herum- 
gehen. 

Dreizehnter Versuch {Fig. 13) 

30. Um diesen Versuch zu vermannigfaltigen, machen wir 
uns nunmehr zum Mittelpunkte und bewegen das Gefäß 



FARBENERSCHEINUNGEN BEI REFRAKTION 409 

um uns herum, anstatt daß wir uns bisher um das Gefäß 
bewegt haben. Die Erfahrung bleibt sich gleich, zeigt sich 
aber reiner in bezug auf den Beobachter, und wir werden 
zu dem einfachsten aller Versuche geführt, uns in die Mitte 
einer schwarzen oder weißen runden Fläche zu stellen, 
die mit dem Gegensatze begrenzt ist, ein brechendes 
Mittel zwischen die Fläche und unser Auge zu bringen 
und die oben angezeigten Versuche nunmehr im ganzen 
zu sehen. In einem großen reinen Gartenbassin, dessen 
Boden man mit Ölfarbe anstreicht, läßt sich dieser Ver- 
such am schönsten darstellen, (c) 

Vierzehnter Versuch {Fig. 14) 

3 1 . Er läßt sich aber auch, jedoch unvollkommen, im klei- 
nen denken, wenn wir nämlich einen größeren weißen 
Kreis, z. B. von zwei Fußen, auf schwarzem Grunde in ein 
Gefäß mit Wasser bringen, unser Auge perpendikular auf 
den Mittelpunkt des Kreises richten und dasselbe dem 
Wasser so lange nähern, bis wir die Farbenerscheinung 
nach obiger Ordnung erblicken, (d) 

32. Man sieht leicht, daß alle diese Versuche im Grunde 
nur Variationen eines einzigen sind; allein es wird bei 
dieser Abhandlung die Vollständigkeitkeinesweges gleich- 
gültig: denn nur jetzt, nach der mannigfaltigen Anwendung 
dieser Erfahrungen, dürfen wir Folgendes aussprechen: In 
unserm Auge liegt das Gesetz, bei Gelegenheit der Re- 
fraktion an dem Rande einer schwarzen Fläche auf weißem 
Grunde, in deren Mittelpunkte wir stehen, einen gelben 
Rand, an dem Rande einer weißen Fläche auf schwarzem 
Grunde einen blauen Rand zu sehen, vorausgesetzt, daß 
dieser Rand unter einem gewissen Winkel gesehen wird. 

33. Diese Erscheinung, welche wir bisher nur bei einer 
einfachen Refraktion bemerkt haben, verändert sich auch 
nicht bei der doppelten, vorausgesetzt, daß das Mittel 
parallel bleibt. 

Fünfzehnter Versuch {Fig. /j) 
Man bringe die oben gebrauchte Tafel unter ein durch- 
sichtiges paralleles Mittel, richte das Auge schief gegen 



4IO CHROMATIK 

das Gefäß, um jene Erscheinung entstehen zu sehen, sie 
wird dieselbe sein, welche wir oben erblickten, man kann 
um das Gefäß herumgehen, und sie wird sich gleichmäßig 
verhalten. 

34. Wir gehen, nachdem wir durch diese einfachen Ver- 
suche ein subjektives Gesetz des Auges mit seinen Be- 
stimmungen festgesetzt, zu Mitteln über, welche nicht 
parallel sind, und bemerken auch durch solche die Er- 
scheinung. 

Sechzehnter Versuch {Fig. 16) 

35. Nehmen wir ein konvexes Glas vors Auge und sehen 
damit auf ein weißes Papier, so werden wir keine Farben- 
erscheinung erblicken, wenn das Papier ganz glatt und 
eben ist; an dem Rande hingegen eines jeden dunkeln 
Fleckens wird uns sogleich die Farbenerscheinung be- 
gegnen. 

Siebzehnter Versuch {Fig. I/) 

36. Man nehme eine weiße Karte, worauf ein proportio- 
nierter schwarzer Kreis, ein solcher nämlich, der durch das 
Vergrößrungsglas auf einmal übersehen werden kann, ge- 
malt ist, man betrachte selbigen durch das Glas, und er 
wird, sobald er uns deutlich vergrößert erscheint, mit 
einem schönen gelb- und gelbroten Rande eingefaßt sein. 

Achtzehnter Versuch {Fig. 18) 
3 7 . Ingleichen wird ein weißer Kreis auf schwarzem Grunde 
unter diesen Umständen blau eingefaßt erscheinen. 

38. Man kann also sagen, daß das Auge durch ein Ver- 
größrungsglas die Farben erscheinung nach eben dem Ge- 
setze wie durch parallele Mittel erblickt. (§31.) 

Neunzehnter Versuch {Fig. IQ) 

39. Nimmt man dagegen ein konkaves Glas und betrachtet 
jene Karten dadurch, so wird die Erscheinung umgekehrt 
sein, der weiße Kreis ist gelb, der schwarze blau einge- 
faßt. 

40. Wir sehen aus diesen Erfahrungen, daß die Erschei- 
nung der Farben sich immer in einem Gegensatze zeigt, 



FARBENERSCHEINÜNGEN BEI REFRAKTION 411 

daß sie sehr beweglich ist, ja daß sie völlig umgewendet 
werden kann. Wir fragen jetzt noch nicht nach nähern Ur- 
sachen, ob wir gleichwohl künftig, wenn wir alle Erschei- 
nungen vor uns haben und die Berechnung uns zur Hülfe 
kommt, erwünschte Aufschlüsse hoffen dürfen. 

41. Wir schreiten nun zu denen vorzüglich so genannten 
prismatischen Erfahrungen und Versuchen, welche mit 
denen erst erzählten vöUig übereinstimmend sind. 

42. [Fig. 20.) Man kann ein Prisma als ein Stück einer 
konkaven oder konvexen Linse ansehen, und wir werden 
also durch die Prismen nur diejenigen Erscheinungen se- 
hen, die uns schon bekannt sind, nur müssen wir uns, wenn 
wir ein Prisma vor die Augen nehmen, in die Mitte einer 
großen auf die Erde gemalten schwarzen oder weißen 
Fläche denken, und alsdann werden wir uns die Identität 
der prismatischen Versuche mit denjenigen, welche wir 
schon kennen, leicht anschaulich machen. 

43. Es ist nötig, daß man diese ersten Versuche durch 
spitzwinklichte Prismen anstelle, welche kein Beobachter 
künftig entbehren kann, wenn er meiner vorzutragenden 
Lehre mit Überzeugung beitreten oder sie mit Gewicht 
bestreiten will. 

Zwanzigster Versuch {Fig. 21^ 

44. Man stelle sich also in die Mitte einer runden schwarzen 
Fläche, die auf der Erde gemalt und von Weiß begrenzt 
ist (e), und nehme das spitzwinklichte Prisma dergestalt 
vor die Augen, daß der spitze Winkel nach außen zuge- 
kehrt ist, so wird der schwarze Kreis gelb umgrenzt er- 
scheinen, und zwar deswegen, weil er nach dem Gesetz des 
konvexen Glases erscheint: denn indem die Schärfe des 
Prismas nach außen gewendet ist, so sieht mein Auge die 
Farben eben so, als wenn ich in der Mitte einer Ungeheuern 
Linse stehen könnte und durch den Rand derselben die 
Grenze des Schwarzen und Weißen anschaute. Stelle ich 
mich in die Mitte eines weißen Zirkels, so seh ich den 
mit Schwarz abwechselnden Rand alsdenn nach den Ge- 
setzen blau gefärbt. {Einundzzvamigster Versuch. Fig. 2 2.) 



412 CHROM ATIK 

Zweiundzwanzigster Versuch {^Fig. 23) 

45. Wende ich nun mein spitzwinkUges Prisma nach innen 
und stelle mich wieder in den Mittelpunkt des schwarzen 
oder weißen Kreises, so werde ich die Erscheinung nach 
den Gesetzen des konkaven Glases sehen: denn es ist nun- 
mehr eben der Fall, als wenn ich in der Mitte eines Unge- 
heuern konkaven Glases stehen könnte und die Grenzen der 
Kreisbilder durch den Rand desselben beschaute. {Drei- 
undzwanzigster Versuch. Fig. 24.^ 

46. Hiermit wären nun die subjektiven Versuche, die uns 
bei Gelegenheit der Refraktion Farbenerscheinungen zei- 
gen, so sehr simplifiziert und untereinander verbunden, 
als es mir vorerst möglich scheinen wollte. Wie notwendig 
diese Methode sei, wird demjenigen am besten einleuch- 
ten, der einsieht, daß man sich nicht eher an die Erklä- 
rung eines Phänomens wagen dürfe, bis man solches auf 
seine einfachsten Elemente zurückgeführt hat. 

Vierundzwanzigster Versuch (^Fig.25) 

47. Wir können nunmehr nicht irre werden, wenn wir künf- 
tighin schwarz und weiße Tafeln an der Wand aufhängen: 
denn wir dürfen den schwarzen Kreis, in dem wir stehen, 
nur in Gedanken in eine ausgehöhlte Halbkugel verwan- 
deln und supponieren, daß dieselbe weiß eingefaßt sei, so 
werden wir zwischen Schwarz und Weiß durchs Prisma 
den farbigen Rand nach obigen Gesetzen so gut in der 
Höhe als vorher auf dem Boden erblicken. 

48. So sind also folgende Ausdrücke synonym: 

Schwarz unten nach innen 

— ,, oben. nach außen. 

Weiß unten nach innen 

— ,, oben. nach außen. 

Der brechende gegen den 

Winkel des Beobachter zu. 
Prisma nach 
unten. 

Derselbe Von dem 

nach oben. Beobachter ab. 



farbenerschf:inungen bei Refraktion 413 

49. Die Zweckmäßigkeit und Konsequenz des bisherigen 
Vortrags wird hoffentlich allen Liebhabern einleuchten, 
welche die nötigen Werkzeuge zur Hand nehmen und die 
Versuche genau wiederholen wollen. Sie werden sich mit 
mir über folgende übereinstimmende Erfahrungen ver- 
einigen: 

1. Die Farbenerscheinung läßt sich nur an Rändern se- 
hen; auf den Flächen, sie seien schwarz oder weiß, sehen 
wir nicht die mindeste apparente Farbe, sondern sie er- 
scheinen uns nach der Refraktion wie vorher. 

2. Der eine Rand erscheint jederzeit gelb und gelbrot, 
der andere blau. 

3. Wir bemerken an dem gelben Rand, daß das Gelbe 
nach dem Weißen zu und das Gelbrote nach dem Schwar- 
zen zu strahlt. An dem blauen Rande bemerken wir bei 
den ersten Versuchen nur ein reines Blau, das nach dem 
Weißen strahlt, die letzteren Versuche durch die Prismen 
aber, bei welchen die Erscheinung sich stärker zeigt, zei- 
gen uns mit den übrigen Farben ein Violett, das nach dem 
Schwarzen strahlt. 

ZWEITES KAPITEL 

Unter welchen Bedingungen der Grad der 
Farbenerscheinung vermehrt wird 

50. Nachdem wir nun die einfachsten Erscheinungen und 
ihre Bedingungen beobachtet haben, so dürfen wir wagen, 
zu komplizierteren Phänomenen überzugehen, und zwar 
nehmen wir zuerst die Vermehrung des Grades der Er- 
scheinung vor. 

Fünfundzwanzigster Versuch {Fig. 26) 

5 1 . Wi r haben oben bemerkt, daß bei parallelen Mitteln eine 
gewisse schiefe Richtung gegen das Mittel und das Bild 
erfordert werde, wenn die Farbenerscheinung sich zeigen 
soll. Vermehrt man nun die schiefe Richtung des Auges 
gegen die Oberfläche des brechenden Mittels, so wird 
auch die Farbenerscheinung vermehrt. Es sehe z. B. ein 
Auge in A durch das Mittel ab nach den Rändern cd, so 



414 CHROMATIK 

wird es daran Farben erblicken, wenn die Ränder ^/noch 
farblos erscheinen. Dagegen wird ein Auge in B die Rän- 
der ^/farbig, die Ränder cd aber breiter gefärbt erblicken. 
Die erste Bedingung der verstärkten Farbenerscheinung 
ist also: schiefere Richtung des Auges gegen die Oberfläche 
paralleler Mittel, in welchen wir bei einfacher oder 
durch welche wir bei doppelter Brechung die Objekte 
erblicken. 

Sechsundzwanzigster Versuch {Fig. 2y) 
5 2 . Ferner bemerken wir bei einer doppelten Brechung, so- 
bald das Mittel aufhört parallel zu sein, daß die Farben- 
erscheinung sich gleichfalls verstärkt, z. B. wenn das Auge 
in A durch das Mittel ab den Gegenstand cd betrachtet 
und die farbigen Ränder desselben wahrgenommen hat, 
so hebe man das Gefäß dergestalt in die Höhe, daß der 
Boden mit der Wasserfläche einen spitzen Winkel macht, 
und halte übrigens die Entfernung des Bildes so viel als 
möglich gleich, so wird man alsbald die Ränder zwar nach 
demselben Gesetze wie vorher, jedoch viel stärker gefärbt 
sehen. Es wird sich künftig, wenn Maß und Berechnung 
uns zu Hülfe kommen, zeigen, was eigentlich hier vorgeht, 
ob auch hier eine größere Schiefe bewirkt wird? oder ob 
sich etwas anderes darein mischt? 

Die zweite Bedingung der Farbenvermehrung ist also die 
Winkelgestalt des Mittels. 

Siebenundzwanzigster Versuch 
53. Die dritte Art den Grad der Erscheinung zu vermehren 
ist: wenn das Mittel verdickt wird, es sei nun parallel oder 
im Winkel. Man sehe auf die unter dem Wasser liegenden 
Ränder unter einer gewissen Richtung. Man behalte seinen 
Platz und gieße mehr Wasser ins Gefäß, so wird die Er- 
scheinung, wenn sie vorher nicht da war, entstehen oder, 
wenn sie schon bemerklich war, sich verstärken. Ingleichen 
wird ein Prisma, dessen brechender Winkel mehrere Grade 
hat, in eben der Entfernung von dem Gegenstand breitere 
Farben zeigen als ein spitzwinkliges. Ob man nun sagen 
könne, daß bei dieser dritten Bedingung auch die Brechung 



FARBENERSCHEINUNGEN BEI REFRAKTION 415 

vermehrt werde, indem das Phänomen an Stärke zunimmt, 
oder ob ein ander Verhältnis des Gegenstands oder des 
Mittels daran Ursache sind, wird künftiger Untersuchung 
überlassen. 

54. Der vierte Fall, in welchem die Farbenerscheinung 
sich in einem hohen Grade vermehrt, ist, wenn man das 
winklige Mittel, durch welches wir schauen, von dem Ge- 
genstande, den man beobachtet, nach und nach entfernt, 
und hier treten eigentlich erst diejenigen Versuche ein, 
welche man sonst per excellentiam prismatische Versuche 
zu nennen pflegt. 

55. Man nehme ein spitzwinkliges Prisma vor die Augen 
und beschaue dadurch einen kleinen weißen Kreis auf 
schwarzem Grunde, so wird man die Ränder nach obigen 
Gesetzen gefärbt sehen. {Achtundzwanzigster Versuch. 
Fig. 28.) Man entferne sich von dem Gegenstande, so 
werden die Ränder breiter werden und mehr in das 
Schwarze und Weiße hineinstrahlen. [N eunmidzwanzigster 
Versuch. Fig. 2g.) Weil man aber, um die Erscheinung zu 
vermehren, sich allzuweit von dem Gegenstande entfernen 
müßte, wodurch derselbe, so wie die Ränder, besonders 
bei nicht ganz reinen Gläsern, einigermaßen trübe wird, 
so nehme man gleich ein gewöhnliches gleichseitiges 
Prisma, trete ganz nahe zu dem Gegenstand, und man wird 
nur die Ränder wie durch das spitzwinklige gefärbt er- 
blicken. [Dreißigster Versuch.) Entfernt man sich, so ver- 
mehren sich die Strahlen der Ränder, und diese Strahlen 
reichen endlich zusammen und fangen an, einander der- 
gestalt zu decken, daß auf der weißen Fläche durch die 
Mischung von Gelb und Blau Grün entsteht, auf einer 
schwarzen durch die Mischung von Gelbrot und Blaurot 
ein Purpur erscheint. {EinunddreißigsterVersuch. Fig. 30.) 
Bei noch weiterer Entfernung und sehr schmalen Gegen- 
ständen decken sich die innern entgegengesetzten Farben 
vollkommen, und die Erscheinung[en] dieser drei Fälle 
sind folgende, vorausgesetzt, daß der brechende Winkel 
des Prismas unter sich gekehrt ist. {Zweiunddreißigster 
Versuch. Fig.31.) 



41 6 CHROMATIK 

Erster Fall 
Die Ränder stehen gegeneinander über: 

Phänomen a und c Phänomen b und d 

Fig. 28 und 29 Fig. 28 und 29 

Gelbrot Blau 

Gelb Blaurot 

Weiß Schwarz 

Blau Gelbrot 

Blaurot Gelb. 

Zweiter Fall 

Die Strahlungen der Ränder fangen an sich zu decken: 

Phänomen e Phänomen/ 

Fig. 30 Fig. 30 

Gelbrot Blau 

Gelb Blaurot 

Grün Purpur 

Blau Gelbrot 

Blaurot Gelb. 

Dritter Fall 
Die Strahlungen der Ränder haben sich vollkommen ge- 
deckt: 

Phänomen g Phänomen // 

Fig. 31 Fig. 31 

Gelbrot Blau 

Grün Purpur 

Blaurot Gelb. 

Was die beiden ersten Fälle betrifft, so habe ich solche 
in ihrem ganzen Umfange und mit allen ihren Abwechse- 
lungen in meinen optischen Beiträgen ausgeführt und darf 
also wohl dorthin verweisen. Der dritte Fall aber ist delikat 
zu beobachten. Es sollen die Umstände und Vorrichtungen 
bei und zu diesem zarten Versuche und die zu beobachten- 
den Kautelen von mir besonders vorgetragen werden. 
56. Entfernung vom Gegenstande bei nicht parallelen Mitteln 
ist also die vierte Bedingung, unter der sich das Phäno- 
men mächtiger sehen läßt. Hier scheint nun die Verstär- 
kung nicht aus einer vermehrten Refraktion herzukommen: 



FARBENERSCHEINUNGEN BEI REFRAKTION 417 

denn man stelle zwei Gegenstände dergestalt hinterein- 
ander, daß sie sich beinahe im Auge decken, und betrachte 
sie durchs Prisma, so wird die Brechung beide in gleichem 
Grade von der Stelle rücken, der entfernte hingegen wird 
proportionierlich farbiger erscheinen als der erste. 

57. Die nähern Umstände und die nächste Ursache dieser 
Erscheinung werden uns bei den objektiven Versuchen 
durch den Augenschein deutlicher werden, anstatt daß 
wir bei subjektiven nur die Wirkung bemerken. Ich be- 
ziehe mich also, was diesen Punkt betrifft, auf eine dort 
vorzutragende Ausführung. Haben wir nun bei diesen vier 
Bedingungen, welche ich samt und sonders der Aufmerk- 
samkeit der Beobachter empfehle, mehr oder weniger zu 
zweifeln Ursache gehabt, ob die Refraktion in demselben 
Grade vermehrt werde, als die Farbenerscheinung zunimmt, 
so finden wir dagegen eine fünfte Bedingung, welche ganz 
unabhängig von stärkerer oder schwächerer Refraktion 
uns eine vermehrte oder verminderte Farbenerscheinung 
zeigt. 

58. Es ist diese merkwürdige Bedingung erst in unsern 
Zeiten entdeckt und nach mancherlei Widerspruch end- 
hch durch Versuche unumstößlich dargetan worden. Ich 
sehe mich genötigt, die Geschichte zu Hülfe zu nehmen, 
um für weniger unterrichtete Liebhaber der Naturlehre 
deutlich werden zu können. 

59. Es hatte Newton festgestellt, daß das weiße farblose 
Licht zusammengesetzt und teilbar sei, und zwar daß sol- 
ches besonders durch Refraktion geteilt, gespalten, zer- 
streut werde. Aus dieser Lehre, welche er durch mehrere 
Versuche darzutun glaubte, folgte natürlich, daß Stärke 
und Schwäche der Farbenerscheinung mit der Stärke und 
Schwäche der Refraktionskraft gleichen Schrittes gehe: 
denn warum sollte die Wirkung der Ursache nicht pro- 
portioniert sein? Auch waren mehrere Versuche dieser 
Meinung günstig, wie denn z. B. Wasser eine geringere 
Refraktionskraft und geringere Farbenerscheinung als das 
Glas bemerken läßt. 

60. Newton bestärkte sich in dieser Idee, welche aus sei- 
ner Theorie unmittelbar folgte, durch einen Versuch, wel- 

GOETHE XVII 27. 



41 8 CHROMATIK 

eher beweisen sollte: daß die Farbenerscheinung niemals 
anders aufgehoben werden könne, als wenn durch eine ent- 
gegengesetzte Refraktion zugleich die Wirkung der ersten 
Brechung aufgehoben würde. 

6i. Es dauerte achtzig Jahre, bis man den Irrtum und die 
Unzulänglichkeit desVersuches entdeckte, obgleich so viele 
Gelehrte und gelehrte Gesellschaften in diesem Zeiträume 
behaupteten: die Newtonischen Versuche wiederholt, rich- 
tig befunden und so sich von der Wahrheit seiner Sätze 
überzeugt zu haben. Endlich kam man auf einem sehr 
sonderbaren Wege zur Entdeckung: daß die Refraktions- 
kraft mit der Kraft, die Farbenerscheinung darzustellen, 
in keinem Verhältnis stehe, so daß ein paar Mittel ein- 
ander an Refraktionskraft gleich, an Kraft die Farben - 
erscheinung zu bewirken ungleich sein könnten, daß der 
umgekehrte Fall ebensogut stattfinden könne, daß man 
die Farbenerscheinung in einem Mittel vermehren und 
vermindern könne, ohne daß die Refraktionskraft in glei- 
chem Grade verändert werde, daß man also nicht, wie man 
bisher geglaubt, sobald man die Refraktionskraft eines 
Mittels wisse, auch nun die Stärke der Farbenerscheinung 
nach der bekannten Formel ausrechnen könne, sondern 
daß man erst, wenn man durch Versuche sich mit der 
Refraktionskraft eines Mittels bekannt gemacht, neue Ver- 
suche anzustellen habe, um zu erforschen, welche Kraft 
die Farbenerscheinung mehr oder weniger darzustellen 
das Mittel besitze, genug, daß die farbendarstellende Kraft 
als von der Refraktionskraft unabhängig angesehen werden 
könne. 

62. Hier wird uns nun unsere gewohnte Art, Ränder durch 
Prismen zu betrachten, sehr zustatten kommen: denn man 
beschaue z. B. durch ein Prisma von Flintglas, als welches 
die Farbenerscheinung am heftigsten hervorbringt, einen 
weißen Kreis auf schwarzem Grunde, und denselben gleich! 
darauf, ohne den Ort zu verändern, durch ein Prisma von 
gemeinem Glase von gleichen Graden: so wird er im ersten 
Falle schon ganz mit Farben überdeckt sein, da in dem 
zweiten die weiße Mitte noch deutlich zu erkennen ist. 
Die fünfte Bedingung der Farbenverbreiterung ist also ob- 



FARBENERSCHEINUNGEN BEI REFRAKTION 419 

erwähnte Eigenschaft der brechenden Mittel^ welche von 
der Refraktion wo nicht unabhängig, doch außer allem 
Verhältnisse mit ihr wirkt, eine Eigenschaft, die wir üb- 
rigens noch nicht näher kennen, 

63. Diese fünf Bedingungen, wodurch die Farbenerschei- 
nung bei Gelegenheit der Refraktion vermehrt wird, sind 
mir bisher bekannt geworden. Wie wichtig es sei, sie ge- 
nau zu kennen und zu beobachten, wird uns erst bei der 
Anwendung recht deutlich werden. 

Ich gehe nunmehr zu den Bedingungen über, unter wel- 
chen die Farbenerscheinung vermindert wird. 

Unter welchen Bedingungen, bei fortdauernder 

Begrenzung des Gegenstandes, der Grad der 

Farbenerscheinungen vermindert wird 

64. Zuerst ist offenbar, daß man die fünf in dem vorigen 
Abschnitte angezeigten Bedingungen der Vermehrung un- 
serer Farbenerscheinung nur stufenweise aufheben oder 
rückgängig machen dürfe, um auch die Farbenerschei- 
nungen auf eben dem Wege wieder zu vermindern, wie 
wir sie vermehrt haben. So darf man also nur auf das 
brechende parallele Mittel unter einem Winkel von mehre- 
ren Graden sehen, man darf den Winkel des Prismas ver- 
mindern, man darf von der Dicke des parallelen Mittels 
etwas hinwegnehmen, sich mit dem Prisma vorm Auge 
dem Gegenstande nähern oder durch chemische Ver- 
mischung die Kraft der Farbenerscheinung in dem Mittel 
schwächen, so wird jederzeit unter übrigens gleichen Um- 
ständen der Grad der Farbenerscheinung verringert zu be- 
merken sein. Es sind aber noch einige Mittel übrig, den 
Grad der Farbenerscheinung zu verringern, welche ich je- 
doch, um des Zusammenhangs willen und um mich nicht 
zu wiederholen, erst in dem folgenden Abschnitt, zu wel- 
chem ich sogleich übergehe, vorzutragen für rätlich finde. 



420 CHROMATIK 

Unter welchen Bedingungen, bei fortdauernder 
Begrenzung des Gegenstandes, die Farben- 
erscheinung gänzlich aufgehoben wird 

65. Wir hatten uns in dem ersten Abschnitte überzeugt, daß 
Refraktion an und für sich keine Farbenerscheinung her- 
vorbringe, wir hatten zu Anfange des zweiten Abschnitts 
dem Bilde, das wir durch Refraktion betrachteten, schon 
entschiedene Grenzen gesetzt und fanden die Grenzen 
des weißen Kreises auf schwarzem Grunde noch immer 
farblos, wenn wir das Auge senkrecht auf dessen Mittel- 
punkt richteten. Wir werden uns also um so weniger ver- 
wundern, wenn uns noch unter verschiedenen Umständen 
gelingt, die Farbenerscheinung aufzuheben, ohne daß die 
Refraktion zugleich zessiere. 

Dreiunddreißigster Versuch (Fig. 32) 

66. Man lege zwei spitzwinklige Prismen aufeinander und 
verschaffe sich dadurch ein paralleles Mittel, man sehe 
durch solches nach dem eingeschränkten Gegenstande, 
dergestalt daß das Auge senkrecht auf dem Diameter des 
Kreises stehe, und man wird die Ränder des Kreises farb- 
los erblicken. 

67. {Fig. 33 u. 34.) Man ziehe nun die beiden Keile aus- 
einander und schaue durch jeglichen besonders, so wer- 
den die Ränder nach den oben angeführten Gesetzen ge- 
färbt erscheinen. 

Vierunddreißigster Versuch (Fig. 35) 

68. Schöbe man beide gleiche Keile abermals voreinander, 
so würde die Farbenerscheinung wieder ganz aufgehoben 
werden; brächte man aber einen Keil von gleicher Glas- 
art, aber von geringerem Winkel hinter den ersten, so 
würde die Wirkung des ersten Keiles durch die Wirkung 
des zweiten geschwächt, aber nicht aufgehoben. Die Far- 
benerscheinung würde also nach dem Gesetze des stär- 
keren Prismas sich zeigen, abgezogen die Wirkung, welche 
das schwächere Prisma ausüben würde, wenn man allein 
durchschaute. 



FARBENERSCHEINUNGEN BEI REFRAKTION 421 

69. {Fig. 36.) Dieses Phänomen ließe sich auch, wenn die 
Refraktionskraft und Farbenerscheinung gleichen Schrittes 
ginge, begreifen: denn wenn ichdemPrismaü!/^^ein anderes 
Prisma von einem geringeren Winkel ac e entgegensetzte, 
so ist es ebenso viel, als wenn ich nachher durch ein spitz- 
winkligeres Prisma hindurchsähe, wie die verlängerten Li- 
nien acd\xr\A <^<:^ ausweisen, indem eine stärkere Refrak- 
tion in dem ersten als in dem andern Falle stattfindet. 

70. Allein hier kann nun der Fall der fünften Bedingung 
eintreten, daß z. B. die Glasart des kleineren Prisma ä!<r^ 
eine stärkere Kraft hat, die Farbenerscheinungen zu zeigen, 
als die Glasart des großen ab c, beide Mittel aber an Re- 
fraktionskraft gleich sind. Hier bleibt also eine doppelte, 
nicht parallele Refraktion übrig, welche wir sonst mit einer 
sehr lebhaften Farbenerscheinung verbunden fanden; allein 
wir sehen diesmal, wenn wir durch diese in gehöriger Pro- 
portion zusammengesetzte Mittel hindurch nach unserm ge - 
wohnlichen Objekte blicken, nicht die mindeste Farben- 
erscheinung an den Rändern, ob wir gleich das Bild sehr 
stark von seinem Platze geruckt sehen. So hilft uns also 
die fünfte Bedingung, die Farbenerscheinung zu vermehren, 
welche wir oben kennen lernten, hier die Farbenerschei- 
nung gänzlich aufheben, bei Fällen, wo die Refraktion noch 
ihre völlige Wirkung äußert. 

7 1 . Es bleibt uns noch ein wichtiger Fall zu bemerken 
übrig, wo wir die Entfernung des Prismas vom Gegenstande, 
welche uns oben als ein vorzügliches Mittel, die Farben- 
erscheinung zu vermehren, bekanntgeworden, gebrauchen 
können, um die Farbenerscheinung bei bestehender Re- 
fraktion gleichfalls völlig aufzuheben. Ich muß, um auch 
hier deutlich zu werden, einiges schon mehrmals Beob- 
achtete abermals wiederholen. 

72. {Fig. 32.) Es schaue ein Auge durch ein aus zwei Pris- 
men zusammengesetztes Parallelepipedum in a nach dena 
begrenzten Gegenstande in d, so werden die Ränder farb- 
los erscheinen, ein gleiches wird sich zeigen, wenn Auge 
und Parallelepipedum sich nach b und c bewegen. 

73. {Fig. 33.) Es schaue das Auge durch das spitzwinklige 
Prisma in a nach dem Gegenstande in d, so wird derselbe 



42 2 CHROMATIK 

nach dem bekannten Gesetz gefärbt erscheinen. Die gleiche 
Erscheinung, jedoch proportionierhch schwächer, wird 
fortdauern, wenn Aug und Prisma sich dem Gegenstande 
nähern und nach b und c hinrücken, wie oben umständ- 
lich ausgeführt worden ist. 

74. [Fig. 34.) Sieht das Auge durch ein spitzwinklichtes 
Prisma, das in entgegengesetzter Richtung aufgestellt ist, 
nach demselben Gegenstande, so wird die Erscheinung 
umgekehrt und gleichfalls in ab und c in einer der Ent- 
fernung proportionierten Breite gesehen werden. 

Fünfunddreißigster Versuch {Fig. sy) 

75. Setzt man nun also zwischen das Prisma in a, wodurch 
das Auge hindurchsieht, und den Gegenstand d ein Prisma 
von gleichen Graden, aber in umgekehrter Richtung an 
den Ort b, so daß das Auge nunmehr durch beide nach 
dem Gegenstande d sieht, so wird das Auge die Ränder 
des Gegenstandes d nach dem Gesetz des ihm nächsten 
Prismas, nur nicht verhältnismäßig stark zu seiner Ent- 
fernung erbhcken: denn das widersprechende Prisma in b 
vermindert die Wirkung des Prisma in a um die Hälfte, 
weil die Entfernung bd die Hälfte der Entfernung ad ist. 
Das Auge sieht also durch die Prismen in a und b die 
Farbenerscheinung nicht stärker, als wenn das Prisma a 
allein in b stünde oder wenn sein Winkel nur die Hälfte 
Grade enthielte. 

Sechsunddreißigster Versuch {Fig. 38) 

76. Von diesem merkwürdigenVerhältnis der Entfernungen 
und der Winkel untereinander überzeugen wir uns aufs 
vollkommenste, wenn wir in b ein entgegengesetztes Pris- 
ma stellen, das den doppelten Winkel des Prisma in a hat, 
und alsdann durch beide nach dem Gegenstande schauen, 
man wird alsdenn die Ränder desselben völlig farblos er- 
blicken. 

77. Wird nun bei dem ersten und dritten Fall wo nicht 
ganz, doch zum größten Teil in der Maße, wie die Far- 
benerscheinung verschwindet, auch die Refraktion auf- 
gehoben, so bleibt doch in dem fünften Falle die Refrak- 



FARBENERSCHEINUNGEN BEI REFRAKTION 423 

tion wenigstens um die ganze Hälfte des Prismas in b 
übrig, wenn auch die andere Hälfte durch die entgegen- 
gesetzte Wirkung des Prismas in a aufgehoben würde, und 
der Gegenstand in d wird von seinem Orte gerückt und 
doch farblos erscheinen. 

78. Wir haben hier also den merkwürdigen Fall, daß wir 
durch zwei Prismen von ei7ierlei Glasart, wenn wir nur 
ihreWinkel und ihre EntfernungvomBildeproportionieren, 
eine starke Refraktion beibehalten und die Farbenerschei- 
nung doch aufheben können. 

Siebenunddreißigster Versuch {Fig. 3g) 

79. Daß man nun zu diesen einander in verschiedenen Ent- 
fernungen entgegengesetztenPrismen von großen oder klei - 
nen Winkeln auch verschiedene Glasarten nehmen könne, um 
dieselbigen Effekte hervorzubringen, sieht man deuthch 
ein. Gesetzt also, man hätte eine Glasart, deren farben- 
zeigende Kraft noch einmal so groß wäre als die einer 
andern Glasart: so könnte man in b ein Prisma von glei- 
chen Graden wie das in a umgekehrt hinstellen, und der 
Gegenstand in d würde farblos erscheinen, es möchte von 
Refraktion was da wolle übrigbleiben. 

80. {Fig. 3g.) Es folgt hieraus, daß man auf diesem Wege 
eine sehr bequeme Art finde, zwei Glasarten gegeneinander 
zu messen, inwiefern ihre Gewalt, die Farbenerscheinung 
zu verstärken, gegeneinander proportioniert sei: denn man 
darf nur ein spitzwinkliges Prisma in a stellen und ein an- 
deres von gleichem Winkel entgegengesetzt zwischen a und 
d hin und her bewegen und auf der Linie cd, die in sehr 
genaue Maße eingeteilt sein kann, den Punkt bemerken, 
wo die Farbenerscheinung gänzlich zessiert, so wird sich 
alsdenn die Berechnung leicht anstellen lassen, welchen 
Winkel das Prisma von der stärkern Glasart haben müsse, 
um unmittelbar mit dem Prisma von der schwächern Glas- 
art verbunden den Gegenstand farblos darzustellen. 

81. Hat man sich nun einmal diese Erscheinungen und 
ihre Bedingungen in ihrer natürlichen Folge vorzustellen 
gewöhnt, so wird man die nutzbare Anwendung derselben 
in vielen Fällen nach und nach zu entwickeln wissen, uns 



424 CHROMATIK 

sei tür diesmal genug, nur einen flüchtigen Rückblick zu 
tun. Wir haben zuerst durch Erfahrungen dargetan, daß 
Refraktion an und für sich keine Farbenerscheinung, und 
zwar in subjektiven sowohl als objektiven Fällen hervor- 
bringe. Wir haben sodann gefunden, daß eine Begrenzung 
des Bildes nötig sei, um unter gewissen Umständen die 
Farbenerscheinung darzustellen. Wir haben ferner die Be- 
dingung aufgesucht, unter welcher sich die Farbenerschei- 
nung vermehrt, wir haben sie auf ihrem höchsten Grade 
gesehen, wir sind ebenso wieder zurückgeschritten und 
haben sie zuletzt völlig verschwinden sehen, ohne daß die 
Beschränkung des Bildes aufgehoben oder die Refraktions- 
kraft vernichtet worden wäre. 

82. Nimmt man alles zusammen, so finden sich weit we- 
niger Fälle, wo Refraktion und Farbenerscheinung ver- 
bunden sind, als Fälle, in welchen die Refraktion wirkt, 
ohne Farbenerscheinung zu zeigen. 

83. Von diesen subjektiven Versuchen, welche jeder Be- 
obachter ohne große Umstände wiederholen kann, gehen 
wir zu den objektiven über, welche, ob sie gleich nichts 
weiter aussprechen, als was uns schon bekannt ist, dennoch 
sorgfältig von uns durchzugehen sind. Wir werden so viel 
als möglich die Vorrichtungen dazu gleichfalls simpli- 
fizieren, um jeden Liebhaber instand zu setzen, sich durch 
den Augenschein von der Wahrheit unseres Vortrags über- 
zeugen zu können. 



[DIE ENTOPTISCHEN FARBEN] 

VORWORT 

[Zur Naturwissenschaft überhaupt. Ersten Bandes erstes Heft. 1817] 

INDEM ich die auf Bildung und Umbildung organischer 
Naturen sich beziehenden älteren Papiere aneinander zu 
reihen und einigermaßen brauchbar zu machen gedenke, 
kommt gar manches andere zur Hand, welches abzulehnen 
nicht rätlich scheint. Denn mich belehrte die Erfahrung, 
daß der eifrigste Liebhaber im wissenschaftlichen Felde 
gerade so wenig vollbringt, weil er erst ein Fach durch- 
zuarbeiten und abzuschließen gedenkt, um das Geleistete 
dem Publikum mit Zutrauen vorlegen zu können. Gar man- 
ches andere Verwandte jedoch drängt sich unterdessen 
heran, auch das ist nicht zu entbehren, es wird aufgefaßt, 
behandelt, bearbeitet, aber zuletzt auch wieder beseitigt, 
das Interesse wendet sich wo anders hin, und jeder ein- 
zelne Teil des Kreises kommt erst nach Jahren ernstlich 
wieder an die Reihe. 

Jährliche Sommerreisen erneuerten die Neigung zur Geo- 
logie, manche Bemerkung, die im Reiche des Wissens hätte 
fruchten können, liegt unbenutzt seit langer Zeit bei mir. 
Zur Kenntnis der böhmischen Gebirge habe manches zu- 
sammengetragen, und besonders die Zinnformation be- 
achtet, ich lasse dahermanchen früheren Aufsatz abdrucken, 
um spätere daran zu schließen. 

Das vielleicht nie zu lösende Rätsel: die Entstehung der 
Gänge, liegt mir immer im Sinne, und ich kann mich nicht 
enthalten, lieber nur eine Annäherung an das Verständnis 
zu versuchen, als mich mit faßhch scheinenden Erklärungen 
einzuschläfern. Hievon wünsche gleichfalls Rechenschaft 
zu geben. 

Die Farbenlehre ward bisher im stillen immer eifrig be- 
trieben; die Richtigkeit meiner Ansichten kenne ich zu 
gut, als daß mich die Unfreundlichkeit der Schule im min- 
desten irremachen sollte, mein Vortrag wirkt in verwandten 
Geistern fort, wenige Jahre werden es ausweisen, und ich 
denke zunächst auch ein Wort mitzusprechen. 
Die Farbenerscheinungen, von meinem vieljährigen Freun- 
de und Mitarbeiter Doktor Seebeck entdeckt und von ihm 



42 6 CHROMATIK 

entoptisch genannt, beschäftigen mich gegenwärtig aufs leb- 
hafteste. Die Bedingungen immer genauer zu erforschen, 
unter welchen sie erscheinen, sie als Komplement meiner 
zweiten, den physischenFarben gewidmeten Abteilungauf- 
zuführen, ist meine gewissenhafte Sorgfalt. Denn wie sollte 
das aufgeklärte Jahrhundert nicht bald einsehen, daß man 
mit Lichtkügelchen, denen Pol und Äquator angedichtet 
ward, sich nur selbst und andere zum besten hat. 
Da nun aber in der Naturwissenschaft das Historische dem 
Didaktischen, so wie dieses dem Dogmatischen vorangehen 
soll, so habe ich meinen verdienten Freund ersucht, selbst 
Nachricht und Kenntnis zu geben, wie er zu jener Ent- 
deckung gelangt, und unter welcher Rücksicht ihm der 
Preis von dem Institut zugeteilt worden. Dieser Aufsatz 
geht voran, hernach folgen noch zwei, deren erster die 
Phänomene des Doppelspats, der andere die bei Gelegen- 
heit der Untersuchung jener merkwürdigen Bilderverdop- 
pelung erst uns bekannt wordenen entoptischen Farben 
nach meiner Überzeugung und nach den Maximen meiner 
Farbenlehre auszusprechen bemüht sein wird. 



DIE ENTOPT. FARBEN: EIN AUSW. FREUND 427 

EINEM AUSWÄRTIGEN FREUND 

[Zur Naturwissenschaft überhaupt. Ersten Bandes erstes Heft. 18 17] 

IN dem Zeitraum zwischen Ostern und Pfingsten, den ich 
hier zubringe, ward ich von allen Seiten wissenschaftlich 
angeregt, und habe, mit Heiterkeit, meine alten Papiere 
wieder vorgenommen, welche zu benutzen ich einige 
Schwierigkeit jetzt wie sonst finde. Man fühlt wohl das 
frühere Bestreben, ernst und tüchtig zu sein, man lernt 
Vorzüge an sich selbst kennen, die man jetzt vermißt, dann 
aber sind doch reifere Resultate in uns aufgegangen, jene 
Mittelglieder können uns kein rechtes Interesse mehr ab- 
gewinnen. Dazu kommt noch, daß das Jahrhundert, auf 
rechten und falschen Wegen, nach allen Seiten in die Breite 
geht, so daß eine unschuldige. Schritt vor Schritt sich be- 
wegende Naivität, wie die meinige, vor mir selbst eine 
wundersame Rolle spielt. Wie ich mich bei diesen Bemü- 
hungen verhalte, sehen Sie am besten aus einigen gedruck- 
ten Bogen, durch die ich das, was Sie schon kennen, zu- 
sammenknüpfe. Möge das Ganze Ihnen und andern so 
treuen Freunden angenehm und nützlich sein. 
Jena, den 27. Mai 18 17. 



42 8 CHROMATIK 

Möget ihr das Licht zerstückeln, 
Färb um Farbe draus entwickeln, 
Oder andre Schwanke führen, 
Kügelchen polarisieren. 
Daß der Hörer ganz erschrocken, 
Fühlet Sinn und Sinne stocken. 
Nein! Es soll euch nicht gelingen. 
Sollt uns nicht beiseite bringen. 
Kräftig wie wirs angefangen. 
Wollen wir zum Ziel gelangen. 

GESCHICHTE DER ENTOPTISCHEN FARBEN 
[Zur Naturwissenschaft überhaupt. Ersten Bandes erstes Heft. 1817] 

DIE erste Nachricht von den interessanten Entdeckungen 
des Herrn Malus über Spiegelung und doppelte Strah- 
lenbrechung erhielten wir durch das Bulletin de la Soc. 
Fhilomatique l8og Janvier ^ ein Auszug aus einer Abhand- 
lung des Herrn Malus, welche am i2ten Dezember 1808 im 
Institut de France war vorgelesen worden. 18 10 erschien 
dessen TMorie de la double Rifraction, und 1 8 1 1 im Mo- 
niteurNr. 72, 73, 243, 247 Auszüge aus mehreren neuern 
Abhandlungen der Herren Malus, Biot und Arago über 
denselben Gegenstand. Diese waren mir bekannt, als ich 
in der Mitte des Augusts 181 2 die ersten Versuche über 
jene merkwürdigen Erscheinungen anzustellen begann. Es 
war von den französischen Physikern bereits entdeckt, daß 
die verdoppelnden Kristalle die Eigenschaft besitzen, die 
in Malus' Apparat bei sich kreuzender Lage der Spiegel 
aufgehobene Spiegelung, oder aufgehobene Doppelbilder 
der Kalkspate wiederherzustellen, wobei von Herrn Arago 
zuerst an Glimmer, Gips und Bergkristall ein Farbenwechsel 
in den beiden Bildern eines Doppelspat- oder Bergkristall- 
prisma bemerkt worden war. Dieselbe Wirkung hatte Malus 
an mehreren organischen Körpern wahrgenommen. Den 
einfach brechenden Körpern hingegen, fand er, fehle diese 
Eigenschaft der kristallisierten, so wie rekristallisierten. 
Doch an einemKörper aus dieser letztern Klasse, am Glase, 
und zwar an einem etwas prismatischen Flintglase, hatte 
Herr Arago eine ähnliche Wirkung wahrgenommen wie 
am Glimmer und Bergkristall. Dieses, sagt er im Moni- 
teur 181 1 Nr. 2 43, depolarisierte in allen Stellen dieLicht- 
strahlen, und auch hier erschienen die beiden Bilder des 
Kalkspates bisweilen in entgegengesetzten Farben, doch 



DIE ENTOPT. FARBEN: GESCHICHTE 429 

mehrenteils farblos. Dasselbe hatte ich Gelegenheit an 
einigen dicken Gläsern zu bemerken; ich fand aber auch, 
daß nicht alle Stellen derselben gleich wirkten, daß einige 
die Spiegelung und die Doppelbilder herstellten, andere 
nicht, und daß, wenn eine Stelle bei veränderter Rich- 
tung des Glases das Vermögen der Wiederherstellung ver- 
lor, ein anderer Punkt dasselbe erhielt, welcher vorher 
unwirksam gewesen war. Ja was noch merkwürdiger: bei 
unveränderter Richtung des Glases gegen die übrigen Teile 
des Apparates stellten einzelne Punkte das ordinäre Bild 
des Doppelspates, andere das extraordinäre und mehrere 
das Doppelbild wieder her. Die Neuheit dieser Erfahrung 
und die Aussicht, welche sich hier zu näheren Aufschlüssen 
über die Bedingungen und Gesetze der doppelten Strah- 
lenbrechung überhaupt, oder doch mindestens über die 
Wirkung der verdoppelnden Kristalle im Spiegelungs- 
apparat zu eröffnen schienen, forderten zur genausten 
Untersuchung dieser Erscheinungen auf. An einem Glas- 
würfel entdeckte ich zuerst eine gesetzmäßige Folge in 
Wiederherstellung und Aufhebung der Bilder des Kalk- 
spates, der einzelnen sowohl als der doppelten, und be- 
stimmte genau die Punkte, an welchen die eine oder die 
andere Wirkung eintritt, und zwar für jede Hauptrichtung 
des Würfels. Welchen Einfluß die äußere Gestalt der Kör- 
per auf die Erscheinungen habe, war der nächste Gegen- 
stand der Untersuchung, und ich fand, daß, wie die äußere 
Form der Glaskörper verändert werde, auch die Lage der 
herstellenden Punkte sich verändere. An mehreren Wür- 
feln, Zylindern, drei- und vierseitigen Prismen, Kegeln 
und Halbkugeln wurden nun die verschieden wirkenden 
Punkte bezeichnet. Diese und alle übrigen, § 6 bis 16 
meiner ersten Abhandlung in Schweiggers Journal für Che- 
mie und Physik B. VII, Heft 3 angeführten Beobachtungen 
wurden gemacht, ehe ich noch die Figuren^ welche ich 
später entoptische genannt habe, gesehen hatte. Mein erster 
Spiegelungsapparat hatte nämlich die unbequeme Ein- 
richtung, daß das Licht durch eine kleine Öffnung eines 
nahe vor den ersten Spiegel befestigten Schirmes fiel, wel- 
cher nicht zurückgeschlagen werden konnte; es war daher 



L 



43° CHROMATIK 

immer nur ein kleiner Raum der Glaskörper, kaum zwei 
Linien im Durchmesser, erleuchtet, und so entdeckte ich 
denn alle einzelne Teile der entoptischen Figuren, ohne 
daß mir die ganzen Figuren zu Gesichte kamen. Schon 
am 14. September 181 2 hatte ich in mein Tagebuch alle 
die Erscheinungen, welche § 8 und 9 der angeführten Ab- 
handlung beschrieben worden, nebst der dazu gehörenden 
zweiten Figur Taf. I eingetragen. Erst nachdem andere 
Untersuchungen mich auf den § 23 jener Abhandlung be- 
schriebenen Brechungsapparat geführt hatten, erblickte ich 
in diesem am 21. Februar 18 13 zum erstenmal die voll- 
ständigen entoptischen Figuren, welche auf der zweiten 
Tafel u. a. O. abgebildet worden sind. Und nun zeigte 
sich, daß die Herstellung der aufgehobenen Spiegelung 
sowohl als der Doppelbilder des Kalkspates nur an den 
hellen Stellen der Figuren erfolge, an den dunkeln aber 
wieder verschwinde, daß die Farbensäume an den Rän- 
dern der dunkeln Teile, oder wo ein Helleres an ein Trü- 
beres grenzt, entstehen, usw. 

Deutlich wurde nun erkannt, daß es bei diesen Farben- 
bildungen nicht auf die Dicke oder Dünnheit der Körper 
ankomme, wie man früher aus den Erscheinungen vom 
Glimmer und Gips geschlossen hatte, auch nicht auf die 
prismatische Form der Gläser, sondern daß sie sich in ganz 
parallelen Glaskörpern bei perpendikulär einfallendem 
Lichte bilden. Ich zeigte, daß nicht alle Gläser gleiche 
Farbenfiguren erzeugen, wenn sie auch in Form und Dicke 
einander gleich sind, und daß die mehresten, wie z. B. ge- 
wöhnliches Tafelglas und Scheiben von Spiegelglas keine 
Figuren hervorbringen, auch nicht wenn mehrere über- 
einander geschichtet werden. Es wurde ferner bemerkt, 
daß die entoptischen Figuren sich verändern, wenn die 
Glaskörper in andere Richtungen gegen die übrigen un- 
veränderten Teile des Apparates gebracht werden, ja daß 
ganz entgegengesetzte Figuren erscheinen, je nachdem die 
beiden Spiegel des Apparates oder die beiden Scheiben- 
säulen eine sich kreuzende oder €vnt gleichnamige Richtung 
erhalten. Auch machte ich auf den Gegensatz aufmerksam, 
welcher sich noch besonders zwischen Spiegelung und Bre- 



DIR ENTOPT. FARBEN: GESCHICHTE 431 

chung an den entoptischen Figuren zeigt, so daß ein Spiegel 
und eine Scheibensäule, in gleichnamiger Richtung ver- 
bunden, dieselbe Figur in dem zwischen ihnen befindlichen 
Glaskörper hervorruft, wie zwei sich ^r^«2^«d?'^ Spiegel oder 
Scheibensäulen; daß hingegen ein Spiegel und eine Schei- 
bensäule, in sich kreuzenäerhsige verbunden, die entgegen- 
gesetzte Figur, und zwar wie zwei gleichnamig gerichtete 
Spiegel oder Scheibensäulen erzeuge. Später fand ich, daß 
auch durch einfache Spiegel die entoptischen Figuren der 
Glaskörper dargestellt werden können, daß aber immer 
eine doppelte Beleuchtung dazu erforderlich sei. Wird z. B. 
ein Spiegel gegen den klaren Himmel gekehrt und ein 
Glaskörper davor gehalten, so vertritt der Himmel die 
Stelle des zweiten Spiegels, und es entstehen in dem Glas- 
körper entgegengesetzte Figuren, je nachdem die Sonne 
dem Beobachter im Rücken oder zur Seite steht. Bei ganz 
gleichförmig bedecktem Himmel erscheint auch in den 
besten entoptischen Gläsern keine Figur, wenn nicht irgend 
woher sonst ein reflektiertes Licht auf dieselben fällt, oder 
vielmehr, wenn sie nicht irgendeinen spiegelnden Hinter- 
grund haben, aufweichen ein lebhafteres Licht fallen muß. 
Diese Beobachtungen und Versuche habe ich im dritten 
Heft des Schweiggerschen Journals für Chemie und Physik 
18 13 bekanntgemacht. 

Mancherlei Störungen und andere Arbeiten unterbrachen 
diese Untersuchungen. Lange bheb es unentschieden, von 
welchen Bedingungen es abhänge, daß einige Gläser das 
Vermögen der entoptischen Figurenbildung besitzen, an- 
dere nicht, bis ich durch das plötzliche Zerspringen eines 
schönen entoptischen Glases in mehrere Stücke, als davon 
etwas mit der Scheibe heruntergeschnitten werden sollte, 
und durch die wiederholten Klagen meiner Glasschleifer 
über die Härte einiger Gläser, welche dazu als die vor- 
züglichsten in Darstellung der entoptischen Figuren be- 
funden wurden, auf die Vermutung kam, daß wohl nur 
schnell abgekühlte und deshalb härtere und zerbrechlichere 
Gläser ausschließend die Eigenschaft besitzen möchten, 
entoptische Figuren zu bilden. Folgende Versuche wurden 
nun angestellt. 



ft 



432 CHROM ATIK 

Scheiben von Spiegelglas, welche keine Spur einer entop- 
tischen Figur zeigten, wurden im Tiegel bis zum Rotglühen 
erhitzt und ein Teil derselben an freier Luft abgekühlt, 
ein anderer in bedeckten Tiegeln und in erwärmtem Ofen. 
Es bestätigte sich, was ich erwartet hatte: die ersteren 
bildeten entoptische Figuren, die letztern keine. Gläser, 
welche vortreffliche entoptische Figuren erzeugten, wur- 
den geglüht und langsam abgekühlt, sie hatten nun diese 
Eigenschaft verloren. Gläser im glühenden Zustand zwi- 
schen die Spiegel gebracht, zeigten keine Figuren; erst 
im Abkühlen fingen sie an sich zu bilden. So war denn 
der obenstehende Satz bestätigt. Von diesen Versuchen, 
welche im Oktober i8 14 unternommen wurden, sowie von 
mehreren andern, habeich in Schweiggers Journal für Che- 
mie und Physik B. XII, S. i bis 17 Nachricht gegeben. 
Von den letztern will ich hier nur noch einen ausheben, 
welcher besonders beachtet zu werden verdient. Wenn ent- 
optische Figurenscheiben von gleicher Art übereinander 
geschichtet werden, so erscheinen neue und zusammen- 
gesetztere Figuren, als jede Scheibe einzeln gezeigt hatte, 
d. h. die entoptischen Farbenfiguren bilden sich durch das 
Übereinanderschichten gleichartiger Scheiben immer wei- 
ter aus. Späterhin fand ich, daß dies seine Grenze hat, und 
daß über eine gewisse Zahl hinaus die Figur wieder schwä- 
cher wird und endlich ganz verschwindet. Z. B. dreißig 
bis vi erzig der vortrefiflichsten entoptischen Scheiben geben 
keine Figur mehr, sie erscheinen im Spiegelungsapparat 
so gleichförmig trüb als gutgekühlte Gläser. 
Diese Entdeckungen sind es, für welche mir von dem In- 
stitut de France die Hälfte des für 1 8 1 6 ausgesetzten Preises 
zuerkannt wurde. Ich hatte mich um diesen Preis nicht 
beworben; es war mir die Aufgabe sogar unbekannt ge- 
blieben. Herr Arago hat das Institut zuerst auf meine Unter- 
suchungen aufmerksam gemacht, wie ich vom Herrn Mi- 
nister von Altenstein und Hrn. Prof. Schweigger erfahre, 
denen er es selbst gesagt hat. Die erste Nachricht erhielt 
ich von Herrn Biot, welcher mir im Dezember 18 15 an- 
zeigte, daß eine Kommission des Instituts, zu welcher er 
gleichfalls gehöre, eben im Begriff sei, über einen Preis 



DIE ENTOPT. FARBEN: GESCHICHTE 433 

für die besten zur allgemeinen Physik gehörigen Versuche 
zu entscheiden, welche vor dem ersten Oktober 181 5 zur 
Kenntnis des Instituts gelangt und nicht vor dem i. Ok- 
tober 18 13 bekannt waren. Man habe meiner hierbei 
gedacht; er forderte mich zugleich auf, ihm ein Exemplar 
der Abhandlung zu senden, in welcher ich das Verfahren 
beschrieben hätte, wie den Gläsern die Eigenschaft, ent- 
optische Figuren zu erzeugen, nach Willkür erteilt und ge- 
nommen werden könne. Noch ehe er meine Antwort er- 
hielt, zeigte er mir an, daß er diese Abhandlung auf der 
Königl. Bibhothek gefunden habe. Bald nachher erfolgte 
die Erteilung des Preises, worüber das im Moniteur 1816 
Nr. 10 eingerückte Programm des Institut de France fol- 
gende nähere Angabe enthält. 

La classe, aprls avoir entendu la cominission chargie d!exa- 
miner les pieces qui pouvaient concourir, ajugi, d apres son 
rapport, quHl convenait de par tager ce prix entre M. Seebeck 
et M. Brewster. — M. Seebeck a dicouvert que toutes les 
masses de verre, chauffies et ensuite rejroidies rapidement^ 
produisent des figures regulüres diversement colories, lors- 
qu'elles sont interposies entre des piles de glace ou entre des 
miroirs rißecteurs, combinis suivant la Methode de Malus. 
II a vu en outre que les figures qui se produisent dans un 
mime morceau devenaient diffirentes quand on en changeait 
la forme. M. Seebeck a publii sa dlcouverte dans le Journal 
de Physique de Schweigger, en 1813 et 1814, il a montri 
que ces phinomlnes dlpendent de la rapiditi du refroidisse- 
niejit, de sorte que Ion peut ainsi, par des rlchauffemens et 
des refroidissemens convenables, donner ou oter au verre la 
propriiti de produire des couleurs. — M. Brewster est auteur 
dun grand nombre de mimoires insiris dans les Transactions 
philosophiques, et qui sont compris dans les limites du con- 
cours. II en a envoyi plusieurs autres en manuscrit. Parmi 
les faits importans contenus dans ces mimoires, il en est beau^ 
coup qui ont Iti antirieurement ddcouverts et imprimis en 
France; mais dans le nombre des risultats qui appartiennent 
ä M. Brewster, les ccmmissaires ont splcialement distingui 
le tratisport des couleurs de la nacre de perle, la formation 
des couleurs compUmentaires par des riflexions successives 

GOETHE XVII 38. 



434 CHROMATIK 

entre des surfacesmitalliques, et de diveloppement des plUno- 
menes qiie M. Seebeck avait dicouverts. — Der ganze Preis 
betrug 3000 Fr. Jeder von uns erhielt eine goldene Me- 
daille mit seinem Namen, von 317 Fr. innerem Wert, und 
II 83 Fr. in Silber. 

Seebeck. 



D.ENTOPT. FARBEN: WIRKG.D. DOPPELSPATS 435 

DOPPELBILDER DES RHOMBISCHEN KALKSPATS 
[Zur Naturwissenschaft überhaupt. Ersten Bandes erstes Heft. 1 8 1 7] 

DA die entoptischen Farben in Gefolg der Untersuchung 
der merkwürdigen optischen Phänomene des genann- 
ten Minerals entdeckt worden, so möchte man es wohl dem 
Vortrag angemessen halten, von diesen Erscheinungen und 
von denen dabei bemerkbaren Farbensäumen einiges vor- 
auszuschicken. 

Die Doppelbilder des bekaimten durchsichtigen rhombi- 
schen Kalkspats sind hauptsächlich deswegen merkwürdig, 
weil sie Halb- und Schattenbilder genannt werden können, 
und mit denjenigen völlig übereinkommen, welche von 
zwei Flächen durchsichtiger Körper reflektiert werden. 
Halbbilder hießen sie, weil sie das Objekt, in Absicht auf 
die Stärke seiner Gegenwart, nur halb ausdrücken, Schat- 
tenbilder, weil sie den Grund, den dahinter liegenden Ge- 
genstand durchscheinen lassen. 

Aus diesen Eigenschaften fließt, daß jedes durch den ge- 
dachten Kalkspat verdoppelte Bild von dem Grunde par- 
tizipiert, über den es scheinbar hingeführt wird. Ein weißes 
Bildchen auf schwarzem Grunde wird als ein doppeltes 
graues, ein schwarzes Bildchen auf weißem Grunde eben- 
mäßig als ein doppeltes graues erscheinen; nur da wo beide 
Bilder sich decken, zeigt sich das volle Bild, zeigt sich das 
wahre, dem Auge undurchdringliche Objekt, es sei dieses 
von welcher Art es wolle. 

Um die Versuche zu vermannigfaltigen, schneide man eine 
kleine viereckige Öffnung in ein weißes Papier, eine gleiche 
in ein schwarzes, man lege beide nach und nach auf die 
verschiedensten Gründe, so wird das Bildchen unter dem 
Doppelspat halbiert, schwach, schattenhaft erscheinen, es 
sei von welcher Farbe es wolle, nur wo die beiden Bild- 
chen zusammentreffen, wird die kräftige volle Farbe des 
Grundes sichtbar werden. 

Hieraus erhellet also, daß man nicht sagen kann, das Weiße 
bestehe aus einem doppelten Grau, sondern das reine ob- 
jektive Weiß des Bildchens erscheint da, wo die Bildchen 
zusammentreffen. Die beiden grauen Bilder entstehen nicht 



436 CHROMATIK 

aus dem zerlegten Weiß, sondern sie sind Schattenbilder 
des Weißen, durch welche der schwarze Grund hindurch- 
blickt und sie grau erscheinen läßt. Es gilt von allen Bil- 
dern auf schwarzem, weißem und farbigem Grunde. 
In diesem letzten Falle zeigt sich bei den Schattenbildern 
die Mischung ganz deutlich. Verrückt man ein gelbes Bild- 
chen auf blauem Grund, so zeigen sich die Schattenbilder 
grünlich; Violett und Orange bringen ein purpurähnliches 
Bildchen hervor; Blau und Purpur ein schönes Violett usw. 
Die Gesetze der Mischung gelten auch hier, wie auf dem 
Schwungrad und überall, und wer möchte nun sagen, daß 
Gelb aus doppeltem Grün, Purpur aus doppeltem Orange 
bestünde. Doch hat man dergleichen Redensarten wohl 
auch schon früher gehört. 

Das Unzulässige einer solchen Erklärungsart aber noch 
mehr an den Tag zu bringen, mache man die Grundbilder 
von Glanzgold, Glanzsilber, pohertem Stahl, man verrücke 
sie durch den Doppelspat; der Fall ist wie bei allen übrigen. 
Man würde sagen müssen: das Glanzgold bestehe aus dop- 
peltem Mattgold, das Glanzsilber aus doppeltem Matt- 
silber und der blanke Stahl aus doppeltem angelaufenen. 
So viel von den Zwillingsbildern des Doppelspats, nun zu 
der Randfärbung derselben! Hiezu eine Tafel. ^ 
Man lege den Doppelspat auf das Viereck A, so wird das- 
selbe dem Betrachter entgegengehoben werden, und zwar 
wie es auf der Tafel unmittelbar darunter gezeichnet ist. 
Das helle Bild A ist in zwei Schattenbilder a und b ge- 
trennt. Nur die Stelle c, wo sie sich decken, ist weiß wie 
das Grundbild A. Das Schattenbild a erscheint ohne far- 
bige Ränder, dagegen das Schattenbild b damit begrenzt 
ist, wie die Zeichnung darstellt. Dieses ist folgendermaßen 
abzuleiten und zu erklären. Man setze einen gläsernen 
Kubus auf das Grundbild A und schaue perpendikulär 
darauf, so wird es uns nach den Gesetzen der Brechung 
und Hebung ohngefähr um ein Dritteil der Kubusstärke 
entgegengehoben sein. Hier hat also Brechung und He- 
bung schon vollkommen ihre Wirkung getan; allein wir 
sehen an dem gehobenen Bild keine Ränder und zwar des- 

^ Vgl. die erste Figur auf Seite 440. 



D. ENTOPT. FARBEN: WIRKG.D. DOPPELSPATS 437 

wegen, weil es weder vergrößert, noch verkleinert, noch 
an die Seite gerückt ist. (Entwurf einer Farbenlehre § 196 
[Seite 88].) Eben dies ist der Fall mit dem Bilde a des 
Doppelspats, Dieses wird uns, wie man sich durch eine 
Vorrichtung überzeugen kann, rein entgegengehoben und 
erscheint an der Stelle des Grundbildes. Das Schatten- 
bild b hingegen ist von demselben weg und zur Seite ge- 
rückt, und zwar hier nach unserer Rechten, dies zeigen die 
Ränder an, da die Bewegung von Hell über Dunkel blaue, 
und von Dunkel über Hell gelbe Ränder hervorbringt. 
Daß aber beide Schattenbilder, wenn man sie genugsam 
von der Stelle rückt, an ihren Rändern gefärbt werden 
können, dies läßt sich durch das höchst interessante See- 
beckische Doppelspatprisma aufs deutlichste zeigen, in- 
dem man dadurch Bilder von ziemUcher Größe völlig tren- 
nen kann. Beide erscheinen gefärbt. Weil aber das eine 
sich geschwinder entfernt, als das andere vom Platze rückt, 
so hat jenes stärkere Ränder, die auch, bei weiterer Ent- 
fernung des Beobachters, sich immer proportionierhch ver- 
breitern. Genug, alles geschieht bei der Doppelrefraktion 
nach den Gesetzen der einfachen, und wer hier nach be- 
sonderen Eigenschaften des Lichts forscht, möchte wohl 
schwerlich großen Vorteil gewinnen. 
Insofern man Brechung und Spieglung mechanisch be- 
trachten kann, so läßt sich auch gar wohl das Phänomen 
desDoppelspatesmechanischbehandeln: denn es entspringt 
aus einer mit Spieglung verbundenen Brechung. Hievon 
gibt ein Stück Doppelspat, welches ich besitze, den schön- 
sten Beweis; wie es denn auch alles Vorige bestätigt. 
Wenn man den gewöhnlichen Doppelspat unmittelbar vors 
Auge hält und sich von dem Bilde entfernt, so sieht man 
das Doppelbild ohngefähr wie mans gesehn, als der Kalk- 
spat unmittelbar darauf lag, nur lassen sich die farbigen 
Ränder schwerer erkennen. Entfernt man sich weiter, so 
tritt hinter jenem Doppelbild noch ein Doppelbild hervor. 
Dies gilt aber nur, wenn man durch gewisse Stellen des 
Doppelspats hindurchsieht. 

Ein besonderes Stück aber dieses Minerals besitze ich, 
welches ganz vorzügliche Eigenschaften hat. Legt man 



438 CHROMATIK 

nämlich das Auge unmittelbar auf den Doppelspat und 
entfernt sich von dem Grundbilde, so treten gleich, wie 
es auf der Tafel vorgestellt ist, zwei Seitenbilder rechts 
und links hervor, welche, nach verschiedener Richtung 
des Auges und des durchsichtigen Rhomben, bald einfach 
wie in d^ bald doppelt wie in e und /erscheinen. Sie sind 
noch schattenhafter, grauer als die Bilder ö, b^ sind aber, 
weil Grau gegen Schwarz immer für hell gilt, nach dem 
bekannten Gesetz der Bewegung eines hellen Bildes über 
ein dunkles gefärbt, und zwar das zu unserer rechten Seite 
nach der Norm von b (wodurch die Bewegung dieses letz- 
tern Bildes nach der Rechten gleichfalls betätigt wird) und 
das auf der linken Seite umgekehrt. 
Der Beobachter kann, wenn er immer mehr von dem Ge- 
genstandsbilde zurücktritt, die beiden Seitenbilder sehr 
weit voneinander entfernen. Nehme ich bei Nacht ein bren- 
nendesLichtundbetrachte dasselbe durch gedachtes Exem- 
plar, so erscheint es gedoppelt, aber nicht merklich farbig. 
Die beiden Seitenbilder sind auch sogleich da, und ich 
habe sie bis auf fünf Fuß auseinander gebracht, beide stark 
gefärbt nach dem Gesetze wie d und e, f. 
Daß aber diese Seitenbilder nicht aus einer abgeleiteten 
Spieglung des in dem Doppelspat erscheinenden ersten 
Doppelbildes, sondern aus einer direkten Spieglung des 
Grundbildes in die (wahrscheinlich diagonalen) Lamellen 
des Doppelspats entstehen, läßt sich aus Folgendem ab- 
nehmen. 

Man bringe das Hauptbild und die beiden Seitenbilder 
scheinbar weit genug auseinander, dann fahre man mit 
einem Stückchen Pappe sachte an der untern Fläche herein, 
so wird man erst das eine Seitenbild zudecken, dann wird 
das mittlere und erst spät das letzte verschwinden, wor- 
aus hervorzugehn scheint, daß die Seitenbilder unmittel- 
bar von dem Grundbilde entspringen. 
Sind diese Seitenbilder schon beobachtet.' Von meinen 
Doppelspat- Exemplaren bringt sie nur eins hervor. Ich 
erinnere mich nicht, woher ich es erhalten. Es hat aber 
ein viel zarteres und feineres Ansehn als die übrigen; auch 
ist ein vierter Durchgang der Blätter sehr deutlich zu sehn, 



D.ENTOPT. FARBEN: WIRKG.D. DOPPELSPATS 439 

welchen die Mineralogen den verstecktblättrigen nennen 
(Lenz, Erkenntnislehre Bd. II, S. 748). Die zarten epopti- 
schen Farben spielen wie ein Hauch durch die ganze Masse 
und zeugen von der feinsten Trennung der Lamellen. Durch 
ein Prisma von einem so gearteten Exemplar würde man die 
bewundernswürdigste Fata Morgana vorstellen können. 
Objektive Versuche damit anzustellen fehlte mir der Son- 
nenschein. 

Weimar, den 12, Januar 1813. 
s. m. 

G. 



k. 



440 



CHROMATIK 



Flg. 







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Fiö^ 3. 







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DIE ENTOPT. FARBEN: ELEMENTE 441 

ELEMENTE DER ENTOPTISCHEN FARBEN 

[Zur Naturwissenschaft überhaupt. Ersten Bandes erstes Heft. 181 7] 

Apparat. Zweite Figur^ 

EINE Fläche a — zwei Spiegel, auf der Rückseite ge- 
schwärzt, b^ c, gegen die Fläche in etwa 45 Graden 
gerichtet. — Ein Glaswiirfel d, die entoptischen Farben dar- 
zustellen geeignet. Und, in Ermanglung desselben, meh- 
rere aufeinander geschichtete Glasplatten, durch eine 
Hülse verbunden. 

Versuche ohne den Würfel 
Man stelle den Apparat so, daß das Licht in der Rich- 
tung des Pfeils f auf die Tafel falle, so wird man den 
Widerschein derselben in beiden Spiegeln gleich hell er- 
blicken. Sodann bewege man den Apparat, damit das Licht 
in der Richtung des Pfeils e hereinfalle, so wird der Wider- 
schein der Tafel im Spiegel c merkhch heller als im Spie- 
gel b sein. Fiele das Licht in der Richtung des Pfeils g 
her, so würde das Umgekehrte stattfinden. 

Versuche mit dem Würfel 
Man setze nunmehr den Würfel ein, wie die Figur aus- 
weist, so werden im ersten Fall völhg gleiche entoptische 
Bilder, und zwar die weißen Kreuze zum Vorschein kom- 
men, in den beiden andern aber die entgegengesetzten, 
und zwar das weiße Kjreuz jederzeit in dem Spiegel, der 
dem einfallenden Licht zugewendet ist und den unmittel- 
baren Reflex des Hauptlichtes, des direkten Lichtes auf- 
nimmt, in dem andern Spiegel aber das schwarze Kreuz, 
weil zu diesem nur ein Seitenschein, eine oblique, ge- 
schwächtere Reflexion gelangt. 

Aus diesen reinen Elementen kann sich ein jeder alle ein- 
zelne Vorkommenheiten der entoptischen Farben ent- 
wickeln; doch sei eine erleichternde Auslegunghinzugefügt. 
Wir setzen voraus, daß die Beobachtungen an einem ofiiien 
Fenster einer sonst nicht weiter beleuchteten Stube ge- 
schehen. 

* Vgl. die zweite Figur auf Seite 440. 



442 CHROMATIK 

Überzeuge man sich nun vor allen Dingen, daß hier nur 
das von der Tafel reflektierte Licht allein wirke, deshalb 
verdecke man die Spiegel, sowie die Oberseite des Kubus 
vor jedem andern heranscheinenden Lichte. 
Man wechsle die Fläche der Tafel a nach Belieben ab und 
nehme vorerst einen mit Quecksilber belegten Spiegel. 
Hier wird nun auffallen, was jedermann weiß und zugibt: 
daß das Licht nur dann bei der Reflexion verhältnismäßig 
am stärksten wirke, wenn es immer in derselben Ebene 
fortschreitet und, obgleichmehrmals reflektiert, dochimmer 
der ursprünglichen Richtung treu bleibt und so vom Him- 
mel zur Fläche, dann zum Spiegel, und zuletzt ins Auge 
gelangt. Das Seitenlicht hingegen ist, in dem gegebenen 
Falle, wegen der glatten Oberfläche ganz null, wir sehen 
nur ein Finsteres. 

Man bediene sich eines geglätteten schwarzen Papiers, 
das direkte Licht, von der glänzenden Oberfläche dem 
Spiegel mitgeteilt, erhellt ihn, die Seitenfläche hingegen 
kann nur Finsternis bewirken. 

Man nehme nun blendend weißes Papier, grauliches, blau- 
liches, und vergleiche die beiden Widerscheine der Spie- 
gel: in dem einen wird die Fläche a dunkeler als in dem 
andern erscheinen. 

Nun setze man den Würfel an seinen Platz, der helle Wider- 
schein wird die helle Figur, der dunkele die dunklere her- 
vorbringen. Hieraus folgt nun, daß ein gemäßigtes Licht 
zu der Erscheinung nötig sei, und zwar ein mehr oder 
weniger, in einem gewissen Gegensatze, gemäßigtes, um 
die Doppelerscheinung zu bilden. Hier geschieht die Mäßi- 
gung durch Reflexion. 

Wir schreiten nun zu dem Apparat, der uns in den Stand 
setzt, die Umkehrung jederzeit auffallend darzustellen, 
wenn uns auch nur das mindeste Tageslicht zu Gebote 
steht. Ein unterer Spiegel nehme das Himmelslicht direkt 
auf, man vergleiche dieses reflektierte Licht mit dem grauen 
Himmel, so wird es dunkeler als derselbe erscheinen; rich- 
tet man nun den obern Spiegel parallel mit dem untern, 
so erscheint das Himmelslicht in demselben abermals ge- 
dämpfter. Wendet man aber den obern Spiegel übers Kreuz, 



DIE ENTOPT. FARBEN: ELEMENTE 443 

so wirkt diese, obgleich auch nur zweite Reflexion viel 
schwächer als in jenem Falle, und es wird eine bedeutende 
Verdunkelung zu bemerken sein: denn der Spiegel obli- 
quiert das Licht, und es hat nicht mehr Energie als in 
jenen Grundversuchen, wo es von der Seite her schien. 
Ein zwischen beide Spiegel gestellter Kubus zeigt nun 
deshalb das schwarze Kreuz; richtet man den zweiten obern 
Spiegel wieder parallel, so ist das weiße Kreuz zu sehen. 
Die Umkehrung durch Glimmerblättchen bewirkt, ist ganz 
dieselbe. Fig. 3 [auf Seite 440]. 

Man stelle bei Nachtzeit eine brennende Kerze so, daß 
das Bild der Flamme von dem untern Spiegel in den oberen 
reflektiert wird, welcher parallel mit dem untern gestellt 
ist, so wird man die Flamme aufrecht abgespiegelt sehen, 
um nur weniges verdunkelt; wendet man den obern Spie- 
gel zur Seite, so legt sich die Flamme horizontal und, 
wie aus dem Vorhergehenden folgt, noch mehr verdüstert. 
Führt man den obern Spiegel rundum, so steht die Flamme 
bei der Richtung von neunzig Graden auf dem Kopfe, bei 
der Seitenrichtung liegt sie horizontal, und bei der paral- 
lelen ist sie wiederaufgerichtet, wechselsweise erhellt und 
verdüstert; verschwinden aber wird sie nie. Hiervon kann 
man sich völlig überzeugen, wenn man als untern Spiegel 
einen mit Quecksilber belegten anwendet. 
Diese Erscheinungen jedoch auf ihre Elemente zurück- 
zuführen, war deshalb schwierig, weil in der Empirie man- 
che Fälle eintreten, welche diese zart sich hin und her 
bewegendenPhänomene schwankend und ungewißmachen. 
Sie jedoch aus dem uns ofienbarten Grundgesetz abzu- 
leiten und zu erklären, unternehme man, durch einen hellen 
klaren Tag begünstigt, folgende Versuche. 
An ein von der Sonne nicht beschienenes Fenster lege 
man den geschwärzten Spiegel horizontal, und gegen die 
Fläche desselben neige man die eine Seite des Kubus, in 
einem Winkel von etwa 90 Graden, die Außenseite da- 
gegen werde nach einem reinen blauen Himmel gerichtet, 
und sogleich wird das schwarze oder weiße Kreuz mit 
farbigen Umgebungen sich sehen lassen. 
Bei unveränderter Lage dieses einfachen Apparats setze 



444 CHROMATIK 

man die Beobachtungen mehrere Stunden fort, und man 
wird bemerken, daß, indem sich die Sonne am Himmel 
hinbewegt, ohne jedoch weder Kubus noch Spiegel zu 
bescheinen, das Kreuz zu schwanken anfängt, sich ver- 
ändert und zuletzt in das entgegengesetzte mit umgekehrten 
Farben sich verwandelt. Dieses Rätsel wird nur bei völlig 
heiterm Himmel im Freien gelöst. 

Man wende, bei Sonnenaufgang, den Apparat gegen 
Westen, das schönste weiße Kreuz wird erscheinen; man 
wende den Kubus gegen Süden und Norden, und das 
schwarze Kreuz wird sich vollkommen abspiegeln. Und 
so richtet sich nun dieser Wechsel den ganzen Tag über 
nach jeder Sonnenstellung; die der Sonne entgegengesetzte 
Himmelsgegend gibt immer das weiße Kreuz, weil sie das 
direkte Licht reflektiert, die an der Seite hegenden Him- 
melsgegenden geben das schwarze Kreuz, weil sie das 
oblique Licht zurückwerfen. Zwischen den Hauptgegenden 
ist die Erscheinung als Übergang schwankend. 
Je höher die Sonne steigt, desto zweifelhafter wird das 
schwarze Kreuz, weil bei hohem Sonnenstande der Seiten- 
himmel beinahe direktes Licht reflektiert. Stünde die Sonne 
im Zenit, im reinen blauen Äther, so müßte von allen 
Seiten das weiße Kreuz erscheinen, weil das Himmels- 
gewölbe von allen Seiten direktes Licht zurückwürfe. 
Unser meist getrübter Atmosphärenzustand wird aber den 
entscheidenden Hauptversuch seltenbegünstigen, mit desto 
größerem Eifer fasse der Naturfreund die glücklichen Mo- 
mente und belehre sich an hinderhchen und störenden 
Zufälligkeiten, 

Wie wir diese Erscheinungen, wenn sie sich bestätigen, 
zugunsten unserer Farbenlehre deuten, kann Freunden 
derselben nicht verborgen sein; was der Physik im ganzen 
hieraus Gutes zuwüchse, werden wir uns mit Freuden an- 
eignen. 

Mit Dank haben wir jedoch sogleich zu erkennen, wie sehr 
wir durch belehrende Unterhaltung, vorgezeigte Versuche, 
mitgeteilten Apparat durch Herrn Geheimen Hofrat Voigt, 
bei unserm Bemühen, in diesen Tagen gefördert worden. 
Jena, den 8. Juni 1817. 



DIE ENTOPTISCHEN FARBEN 445 

ENTOPTISCHE FARBEN 
[Zur Naturwissenschaft überhaupt. Ersten Bandes drittes Heft. 1820] 

Ansprache 

BEI diesem Geschäft erfuhr ich, wie mehrmals im Leben, 
günstiges und ungünstiges Geschick, fördernd und hin- 
dernd. Nun aber gelange, nach zwei Jahren, an demselben 
Tage zu eben demselben Ort, wo ich, bei gleich heiterer 
Atmosphäre, die entscheidenden Versuche nochmals wie- 
derholen kann. Möge mir eine hinreichende Darstellung 
gelingen, wozu ich mich wenigstens wohl zubereitet fühle. 
Ich war indessen nicht müßig und habe immerfort versucht, 
erprobt und eine Bedingung nach der andern ausgeforscht, 
unter welchen die Erscheinung sich ofifenbaren möchte. 
Hiebei muß ich aber jener Beihülfe dankbar anerkennend 
gedenken, die mir von vorzüglichen wissenschaftlichen 
Freunden bisher gegönnt worden. Ich erfreute mich des 
besondern Anteils der Herren Döbereiner, Hegel, Körner, 
Lenz, Roux, Schultz, Seebeck, Schweigger, Voigt. Durch 
gründlich motivierten Beifall, warnende Bemerkungen, 
Beitrag eingreifender Erfahrung, Mitteilung natürlicher, 
Bereitung künstlicher Körper, durch Verbesserung und Be- 
reicherung des Apparats und genauste Nachbildung der 
Phänomene, wie sie sich steigern und Schritt vor Schritt 
vermannigfaltigen, ward ich von ihrer Seite höchlich ge- 
fördert. Von der meinen verfehlte ich nicht die Versuche 
fleißig zu wiederholen, zu vereinfachen, zu vermannig- 
falten, zu vergleichen, zu ordnen und zu verknüpfen. Und 
nun wende ich mich zur Darstellung selbst, die auf viel- 
fache Weise möglich wäre, sie aber gegenwärtig unter- 
nehme, wie sie mir gerade zum Sinne paßt, früher oder 
später wäre sie anders ausgefallen. 

Freilich müßte sie mündlich geschehen bei Vorzeigung 
aller Versuche, wovon die Rede ist, denn Wort und Zei- 
chen sind nichts gegen sicheres, lebendiges Anschauen. 
Möchte sich der Apparat, diese wichtigen Phänomene zu 
vergegenwärtigen, einfach und zusammengesetzt durch 
Tätigkeit geschickter Mechaniker von Tag zu Tag ver- 
mehren. 



446 CHROMATIK 

Übrigens hoff ich, daß man meine Ansicht der Farben über- 
haupt, besonders aber der physischen kenne: denn ich 
schreibe Gegenwärtiges als einen meiner Farbenlehre sich 
unmittelbar anschließenden Aufsatz, und zwar am Ende 
der zweiten Abteilung, hinter dem 485. Paragraphen 
[Seite 156 f.]. 
Tena, den 20. Tuli 1820. 

G. 



I 

Woher benannt? 
Die entoptischen Farben haben bei ihrer Entdeckung diesen 
Namen erhalten nach Analogie der übrigen, mehr oder we- 
niger bekannten und anerkannten physischen Farben, wie 
wir solche in dem Entwurf zu einer allgemeinen Chroma- 
tologie sorgfältig aufgeführt. Wir zeigten nämhch daselbst 
zuerst dioptnscheY?it\iQW ohne Refraktion, die aus der reinen 
Trübe entspringen; dioptrische mit Refraktion, die pris- 
matischen nämlich, bei welchen zur Brechung sich noch 
die Begrenzung eines Bildes nötig macht; kaioptrische, die 
auf der Oberfläche der Körper durch Spiegelung sich zei- 
gen; paroptische, welche sich zu dem Schatten der Körper 
gesellen; epoptische, die sich auf der Oberfläche der Kör- 
per unter verschiedenen Bedingungen flüchtig oder blei- 
bend erweisen; die nach der Zeit entdeckten wurden ent- 
optische genannt, weil sie innerhalb gewisser Körper zu 
schauen sind, und damit sie, wie ihrer Natur also auch 
dem Namensklange nach, sich an die vorhergehenden an- 
schlössen. Sie erweiterten höchst erfreulich unseren Kreis, 
gaben und empfingen Aufklärung und Bedeutung inner- 
halb des herrlich ausgestatteten Bezirks. 

II 

Wie sie entdeckt morden? 
In Gefolg der Entdeckungen und Bemühungen französi- 
scher Physiker, Malus ^ Biot und Arago im Jahr 1809, über 
Spiegelung und doppelte Strahlenbrechung, stellte Seeheck. 
im Jahr 18 1 2, sorgfältige Versuche wiederholend und fort- 



DIE ENTOPTISCHEN FARBEN 447 

schreitend an . Jene Beobachter hatten schon beiden ihrigen, 
die sich auf Darstellung und Aufhebung der Doppelbilder 
des Kalkspats hauptsächlich bezogen, einige Farbener- 
scheinungen bemerkt. Auch Seebeck hatte dergleichen ge- 
sehen; weil er sich aber eines unbequemen Spiegelappa- 
rates mit kleiner Öflfnung bediente, so ward er die einzelnen 
Teile der Figuren gewahr, ohne ihr Ganzes zu überschauen. 
Er befreite sich endlich von solchen Beschränkungen und 
fand, daß es Gläser gebe, welche die Farbe hervorbringen, 
andere nicht, und erkannte, daß Erhitzung bis zum Glü- 
hen und schnelles Abkühlen den Gläsern die entoptische 
Eigenschaft verleihe. 

Die ihm zugeteilte Hälfte des französischen Preises zeugte 
von parteiloser Anerkennung von selten einer fremden, 
ja feindlichen Nation, Brewster, ein Engländer, empfing 
die andere Hälfte. Er hatte sich mit demselben Gegen- 
stand beschäftigt und manche Bedingungen ausgesprochen, 
unter welchen jene Phänomene zum Vorschein kommen. 

ni 

Wie die entoptischen Eigenschaften dem Glase mitzuteilen 
Das Experiment in seiner größten Einfalt ist folgendes: man 
zerschneide eine mäßig starke Spiegelscheibe in mehrere 
anderthalbzöllige Quadrate, diese durchglühe man und 
verkühle sie geschwind. Was davon bei dieser Behandlung 
nicht zerspringt, ist nun fähig, entoptische Farben hervor- 
zubringen. 

IV 
Äußere Grundbedingung 
Bei unserer Darstellung kommt nun alles darauf an, daß 
man sich mit dem Körper, welcher entoptische Farben 
hervorzubringen vermag, unter den freien Himmel be- 
gebe, alle dunkle Kammern, alle kleine Löchlein (fora- 
w/«a^A.7;^//a) abermals hinter sich lasse. Eine reine, wolken- 
lose, blaue Atmosphäre, dies ist der Quell, wo wir eine 
auslangende Erkenntnis zu suchen haben! 



448 CHROMATIK 

V 
Einfachster Versuch 
Jene bereiteten Tafeln lege der Beschauer bei ganz reiner 
Atmosphäre flach auf einen schwarzen Grund, so daß er 
zwei Seiten derselben mit sich parallel habe, und halte 
sie nun, bei völlig reinem Himmel und niedrigem Sonnen- 
stand, so nach der der Sonne entgegengesetzten Himmels- 
gegend, richte sein Auge dermaßen auf die Platten, daß 
von ihrem Grunde dieAtmosphäre sich ihm zurückspiegele, 
und er wird sodann, in den vier Ecken eines hellen Grundes, 
vier dunkle Punkte gewahr werden. Wendet er sich dar- 
auf gegen die Himmelsgegenden, welche rechtwinklicht 
zu der vorigen Richtung stehen, so erblickt er vier helle 
Punkte auf einem dunklen Grund; diese beiden Erschei- 
nungen zeigen sich auf dem Boden der Glasplatte. Be- 
wegt man die gedachten Quadrate zwischen jenen ent- 
schiedenen Stellungen, so geraten die Figuren in ein 
Schwanken. 

Die Ursache, warum ein schwarzer Grund verlangt wird, 
ist diese: daß man vermeiden solle, entweder durch eine 
Lokalfarbe des Grundes die Erscheinung zu stören, oder 
durch allzugroße Hellung wohl gar aufzuheben. Übrigens 
tut der Grund nichts zur Sache, indem der Beschauer sein 
Auge so zu richten hat, daß von dem Grunde der Platte 
sich ihm die Atmosphäre vollkommen spiegele. 
Da es nun aber schon eine gewisse Übung erfordert, wenn 
der Beschauer diese einfachste Erscheinung gewahr wer- 
den soll, so lassen wir sie vorerst auf sich beruhen und 
steigern unsern Apparat und die Bedingungen desselben, 
damit wir mit größerer Bequemlichkeit und Mannigfaltig- 
keit die Phänomene verfolgen können. 

VI 

Zweiter^ gesteigerter Versuch 
Von dieser inneren, einfachen Spiegelung gehen wir zu 
einer nach außen über, welche zwar noch einfach genug 
ist, das Phänomen jedoch schon viel deuthcher und ent- 
schiedener vorlegt. Ein solider Glaskubus, an dessen Stelle 
auch ein aus mehreren Glasplatten zusammengesetzter 



DIE ENTOFnSCHEN FARBEN 449 

'i Kubus zu benutzen ist, werde, bei Sonnenaufgang oder 
-Untergang, auf einen schwarz belegten Spiegel gestellt 
oder etwas geneigt darüber gehalten. Man lasse den at- 
mosphärischen Widerschein nunmehr durch den Kubus 
auf den Spiegel fallen, so wird sich jene obgemeldte Er- 
scheinung, nur viel deutlicher, darstellen; der Widerschein 
von der der Sonne gegenüberstehenden Himmelsregion 
gibt die vier dunklen Punkte auf hellem Grund; die beiden 
Seitenregionen geben das Umgekehrte, vier helle Punkte 
auf dunklem Grund, und wir sehen bei diesem gesteiger- 
ten Versuch, zwischen den pfauenaugig sich bildenden 
Eckpunkten, einmal ein weißes, das andere Mal ein schwar- 
zes Kreuz, mit welchem Ausdruck wir denn auch künftig 
das Phänomen bezeichnen werden. Vor Sonnenaufgang 
oder nach Sonnenuntergang bei sehr gemäßigter Hellung 
erscheint das weiße Kreuz auch an der Sonnenseite. 
Wir sagen daher, der direkte Widerschein der Sonne, der 
aus der Atmosphäre zu uns zurückkehrt, gibt ein erhelltes 
Bild, das wir mit dem Namen des weißen Kreuzes be- 
zeichnen. Der obhque Widerschein gibt ein verdüstertes 
Bild, das sogenannte schwarze Kreuz. Geht man mit dem 
Versuch um den ganzen Himmel herum, so wird man 
finden, daß in den Achtelsregionen ein Schwanken ent- 
steht; wir gewahren eine undeutliche, aber, bei genauer 
Aufmerksamkeit, auf eine regelmäßige Gestalt zurückzu- 
führende Erscheinung. Zu bemerken ist, daß wir das helle 
Bild dasjenige nennen dürfen, welches auf weißem Grund 
farbige Züge sehen läßt, und umgekehrt das dunkle, wo 
sich zum dunklen Grunde hellere farbige Züge gesellen. 

VII 

Warum ein geschwärzter Spiegel? 
Bei physikalischen Versuchen soll man mit jeder Be- 
dingung sogleich die Absicht derselben anzeigen, weil 
sonst die Darstellung gar leicht auf Taschenspielerei hin- 
ausläuft. Das Phänomen, womit wir uns beschäftigen, ist 
ein schattiges, beschattetes, ein Skieron, und wird durch 
allzugroße Helle vertrieben, kann nicht zur Erscheinung 
kommen; deswegen bedient man sich zu den ersten Ver- 

GOETHE XVII 29. 



45° CHROM ATIK 

suchen billig verdüsterter Spiegelflächen, um einem jeden 
Beschauer die Erscheinung sogleich vor Augen zu stellen. 
Wie es sich mit klaren und abgestumpften Spiegelflächen 
verhalte, werden wir in der Folge zeigen. 

VIII 
Polarität 
Wenn wir den entoptischen Phänomenen Polarität zu- 
schreiben, so geschieht es in dem Sinne, wie Goethe in 
seiner Farbenlehre alle Chromagenesie zu entwicklen be- 
müht gewesen. Finsternis und Licht stehen einander ur- 
anfänglich entgegen, eins dem andern ewig fremd, nur 
die Materie, die in und zwischen beide sich stellt, hat, 
wenn sie körperhaft undurchsichtig ist, eine beleuchtete 
und eine finstere Seite, bei schwachem Gegenlicht aber 
erzeugt sich erst der Schatten. Ist die Materie durch- 
scheinend, so entwickelt sich in ihr, im Helldunklen, 
Trüben, in bezug aufs Auge, das, was wir Farbe nennen. 
Diese, sowie Hell und Dunkel, manifestiert sich über- 
haupt in polaren Gegensätzen. Sie können aufgehoben, 
neutrahsiert, indifferenziiert werden, so daß beide zu ver- 
schwinden scheinen; aber sie lassen sich auch umkehren, 
und diese Umwendung ist allgemein bei jeder Polarität 
die zarteste Sache von der Welt. Durch die mindeste Be- 
dingung kann das Plus in Minus, das Minus in Plus ver- 
wandelt werden. Dasselbe gilt also auch von den entop- 
tischen Erscheinungen. Durch den geringsten Anlaß wird 
das weiße Kreuz in das schwarze, das schwarze in das 
weiße verwandelt und die begleitenden Farben gleich- 
falls in ihre geforderten Gegensätze umgekehrt. Dieses 
aber auseinanderzulegen ist gegenwärtig unsere Pflicht. 
Man lasse den Hauptbegriff nicht los, und man wird, bei 
aller Veränderlichkeit, die Grunderscheinung immer wie- 
der finden. 

IX 

Nordländische Atmosphäre selten klar 
Ist nun die uranfängliche Erscheinung an dem klarsten, 
reinsien Himmel zu suchen, so läßt sich leicht einsehen, 
daß wir in unseren Gegenden nur selten eine vollkommene 



DIE ENTOFflSCHEN FARBEN 451 

Anschauung zu gewinnen im Falle sind. Nur langsam ent- 
deckte man die Hauptbedingung, langsamer die Neben- 
umstände, welche das Grundgesetz abermals gesetzmäßig 
bedingen und mehrfach irreführende Ab- und Auswei- 
chungen verursachen. 

X 

Beständiger Bezug auf den Sonnenstand 
Die Sonne, welche hier weder als leuchtender Körper, 
noch als Bild in Betracht kommt, bestimmt, indem sie 
den auch in seinem reinsten Zustande immer für trüb zu 
haltenden Luftkreis erhellt, die erste Grundbedingung 
aller entoptischen Farben; der direkte Widerschein der 
Sonne gibt immer das weiße, der rechtwinklige oblique 
das schwarze Kreuz; dies muß man zu wiederholen nicht 
müde werden, da noch manches dabei in Betracht zu 
ziehen ist. 

XI 

Teilung des Himmels in vier gleiche oder ungleiche Teile 
Daraus folgt nun, daß nur in- dem Moment der Sonnen - 
gleiche, bei Aufgang und Untergang, die oblique Erschei- 
nung genau auf den Meridian einen rechten Winkel bilde. 
Im Sommer, wo die Sonne nordwärts rückt, bleibt die 
Erscheinung in sich zwar immer rechtwinklig, bildet aber 
mit dem Meridian und, im Verlauf des Tages, mit sich 
selbst geschobene Andreaskreuze. 

XII 
Höchster Sonnenstand 
Zu Johanni, um die Mittagsstunde, ist der hellste Moment. 
Bei Kulmination der Sonne erscheint ein weißes Kreuz 
rings um den Horizont. Wir sagen deshalb: daß in solcher 
Stellung die Sonne rings um sich her direkten Wider- 
schein in dem Luftkreis bilde. Da aber bei polaren Er- 
scheinungen der Gegensatz immer sogleich sich mani- 
festieren muß, so findet man, da wo es am wenigsten zu 
suchen war, das schwarze Kreuz ohnfern von der Sonne. 
Und es muß sich in einem gewissen Abstand von ihr ein 
unsichtbarer Kreis obliquen Lichts bilden, den wir nur da- 



452 CHROMATIK 

durch gewahr werden, daß dessen Abglanz im Kubus das 
schwarze Kreuz hervorbringt. 

Sollte man in der Folge den Durchmesser dieses Ringes 
messen wollen und können, so würde sich wohl finden, 
daß er mit jenen sogenannten Höfen um Sonne und Mond 
in Verwandtschaft stehe. Ja, wir wagen auszusprechen: daß 
die Sonne, am klarsten Tage, immer einen solchen Hof 
potentia um sich habe, welcher, bei nebelartiger leicht- 
wolkiger Verdichtung der Atmosphäre, sich, vollständig 
oder teilweise, größer oder kleiner, farblos oder farbig, 
ja zuletzt gar mit Sonnenbildern geschmückt, meteorisch 
wiederholt und durchkreuzt, mehr oder weniger voll- 
kommen darstellt. 

XIII 

Tiefe Nacht 
Da unsere entoptischen Erscheinungen sämthch auf dem 
Widerschein der Sonne, den uns die Atmosphäre zusendet, 
beruhen, so war zu folgern: daß sie sich in den kürzesten 
Nächten sehr spät noch zeigen würden, und so fand sichs 
auch. Am i8. JuH nachts halb lo Uhr war das schwarze 
Kreuz des Versuches VI noch sichtbar; am 23. August 
schon um 8 Uhr nicht mehr. Das weiße Kreuz, welches 
ohnehin im zweifelhaften Falle etwas schwerer als das 
schwarze darzustellen ist, wollte sich mir nicht offenbaren; 
zuverlässige Freunde versichern mich aber, es zu gleicher 
Zeit gesehen zu haben. 

XIV 

Umwandlung durch trübe Mittel 
Tax den ersten Beobachtungen und Versuchen haben wir 
den klarsten Himmel gefordert: denn es war zu bemerken, 
daß durch Wolken aller Art das Phänomen unsicher wer- 
den könne. Um aber auch hierüber zu einiger Gesetzlich- 
keit zu gelangen, beobachtete man die verschiedensten 
Zustände der Atmosphäre; endhch glückte Folgendes. Man 
kennt die zarten, völhg gleich ausgeteilten Herbstnebel, 
welche den Himmel mit reinem leichten Schleier, be- 
sonders des Morgens, bedecken und das Sonnenbild ent- 
weder gar nicht oder doch nur strahlenlos durchscheinen 



DIE ENTOPTISCHEN FARBEN 453 

lassen. Bei einer auf diese Weise bedeckten Atmosphäre 
gibt sowohl die Sonnenseite als die gegenüberstehende 
das schwarze Kreuz, die Seitenregionen aber das weiße. 
An einem ganz heitern stillen Morgen in Karlsbad, an- 
fangs Mai 1820, als der Rauch, aus allen Essen auf- 
steigend, sich über dem Tal sanft zusammenzog und nebel- 
artig vor der Sonne stand, konnte ich bemerken, daß auch 
dieser Schleier an der Sonnenseite das weiße Kreuz in 
das schwarze verwandelte, anstatt daß auf der reinen West- 
seite über dem Hirschsprung das weiße Kreuz in völliger 
Klarheit bewirkt wurde. 

Ein gleiches erfuhr ich, als ein verästeter verzweigter 
Luftbaum sich, vor und nach Aufgang der Sonne, im 
Osten zeigte, er kehrte die Erscheinung um wie Nebel 
und Rauch. 

Völlig überzogener Regenhimmel kehrte die Erscheinung 
folgendermaßen um: die Ostseite gab das schwarze Kreuz, 
die Süd- und Nordseite das weiße, die Westseite, ob sie 
gleich auch überzogen war, hielt sich dem Gesetz gemäß 
und gab das weiße Kreuz. 

Nun hatten wir aber auch, zu unserer großen Zufrieden- 
heit, einen uralten, sehr getrübten Metallspiegel gefunden, 
welcher die Gegenstände zwar noch deutlich genug, aber 
doch sehr verdüstert wiedergibt. Auf diesen brachte man 
den Kubus und richtete ihn bei dem klarsten Zustand der 
Atmosphäre gegen die verschiedenen Himmelsgegenden. 
Auch hier zeigte sich das Phänomen umgekehrt: der direkte 
Widerschein gab das schwarze, der oblique das weiße 
Kreuz; und daß es ja an Mannigfaltigkeit der Versuche 
nicht fehle, wiederholte man sie bei rein verbreitetem 
Nebel; nun gab die Sonnenseite und ihr direkter Wider- 
schein das weiße, die Seitenregionen aber das schwarze 
Kreuz. Von großer Wichtigkeit scheinen uns diese Be- 
trachtungen. 

XV 

Rückkehr zu den entoptischen Gläsern 
Nachdem wir nun die entoptischen Körper zuerst in ihrem 
einfachen Zustand benutzt und, vor allen Dingen, in den 



454 CHROMATIK 

Höhen und Tiefen der Atmosphäre den eigenthchen Ur- 
quell der Erscheinungen zu entdecken, auch die polare 
Umkehrung derselben, teils auf natürlichem, teils auf 
künstlichem Wege, zu verfolgen gesucht, so wenden wir 
uns nun abermals zu gedachten Körpern, an denen wir 
die Phänomene nachgewiesen, um nun auch die mannig- 
faltigen Bedingungen, welchen diese Vermittler unter- 
worfen sind, zu erforschen und aufzuzählen. 

XVI 
Nähere Bezeichnung der entoptischen Erscheinung 
Um vorerst das Allgemeinste auszusprechen, so läßt sich 
sagen: daß wir Gestalten erbhcken, von gewissen Farben 
begleitet, und wieder Farben, an gewisse Gestalten ge- 
bunden, welche sich aber beiderseits nach der Form des 
Körpers richten müssen. 

Sprechen wir von Tafeln, und es sei ein Viereck gemeint, 
gleichseitig, länglich, rhombisch; es sei ein Dreieck jeder 
Art; die Platte sei rund oder oval; jede regelmäßige, so- 
wie jede zufällige Form nötigt das erscheinende Bild sich 
nach ihr zu bequemen, welchem denn jedesmal gewisse 
gesetzliche Farben anhängen. Von Körpern gilt dasselbige 
was von Platten. 

Das einfachste Bild ist dasjenige, was wir schon genugsam 
kennen; es wird in einer einzelnen viereckten Glasplatte 
hervorgebracht. 

Vier dunkle Punkte erscheinen in den Ecken des Qua- 
drats, die einen weißen kreuzförmigen Raum zwischen sich 
lassen; die Umkehrung zeigt uns helle Punkte in den Ecken 
des Quadrats, der übrige Raum scheint dunkel. 
Dieser Anfang des Phänomens ist nur wie ein Hauch, 
zwar deutlich und erkennbar genug, doch größerer Be- 
stimmtheit, Steigerung, Energie und Mannigfaltigkeit fähig, 
welches alles zusammen durch Vermehrung aufeinander- 
gelegter Platten hervorgebracht wird. 
Hier merke man nun auf ein bedeutendes Wort: die dunkeln 
und hellen Punkte sind wie Quellpunkte anzusehen, die 
sich aus sich selbst entfalten, sich erweitern, sich gegen 
die Mitte des Quadrats hindrängen, erst bestimmtere 



DIE ENTOPTISCHEN FARBEN 455 

Kreuze, dann Kjeuz nach Kreuzen, bei Vermehrung der 
aufeinandergelegten Platten, vielfach hervorbringen. 
Was die Farben betrifft, so entwickeln sie sich nach dem 
allgemeinen, längst bekannten, noch aber nicht durchaus 
anerkannten, ewigen Gesetz der Erscheinungen in und an 
dem Trüben, die hervortretenden Bilder werden unter 
ebendenselben Bedingungen gefärbt. Der dunkle Quell- 
punkt, der sich nach der Mitte zu bewegt, und also über 
hellen Grund geführt wird, muß Gelb hervorbringen, da 
aber, wo er den heilen Grund verläßt, wo ihm der helle 
Grund nachrückt, sich über ihn erstreckt, muß er ein Blau 
sehen lassen. Bewegen sich im Gegenfalle die hellen Punkte 
nach dem Innern, düstern, so erscheint vorwärts, gesetz- 
lich. Blaurot, am hinteren Ende hingegen Gelb und Gelb- 
rot. Dies wiederholt sichbeijedemneuentstehendenKreuze, 
bis die hintereinander folgenden Schenkel nahe rücken, 
wo alsdann, durch Vermischung der Ränder, Purpur und 
Grün entsteht. 

Da nun, durch Glasplatten übereinandergelegt, die Stei- 
gerung gefördert wird, so sollte folgen, daß ein Kubus 
schon in seiner Einfachheit gesteigerte Figuren hervor- 
bringe; doch dies bewahrheitet sich nur bis auf einen ge- 
wissen Grad. Und obgleich derjenige, welcher sämtliche 
Phänomene Zuschauern und Zuhörern vorlegen will, einen 
soHden guten entoptischen Kubus nicht entbehren kann, 
so empfiehlt sich doch ein Kubus von übereinander be- 
festigten Platten dem Liebhaber dadurch, weil er leichter 
anzuschaffen und noch überdies die Phänomene auffallen- 
der darzustellen geschickt ist. Was von dreieckigen und 
runden Platten zu sagen wäre, lassen wir auf sich beruhen; 
genug, wie die Form sich ändert, so ändert sich auch die 
Erscheinung; der Naturfreund wird sich dieses alles gar 
leicht selbst vor Augen führen können. 

XVII 

Abermalige Steigerung 

Vorrichtung mit ztvei Spiegeln 

Die im Vorhergehenden angezeigte gesteigerte vermannig- 

faltigte Erscheinung können wir jedoch auf obige einfache 



456 CHROMATIK 

Weise kaum gewahr werden; es ist daher eine dritte, zu- 
sammengesetztere Vorrichtung nötig. 
Wir bilden unsern Apparat aus zwei angeschwärzten, zu- 
einander gerichteten, einander antwortenden Spiegeln, 
zwischen welchen der Kubus angebracht ist. Der untere 
Spiegel ist unbeweglich, so gestellt, daß er das Himmels- 
licht aufnehme und es dem Kubus zuführe, der obere ist 
aufgehängt, um eine perpendikulare Achse beweglich, so 
daß er das Bild des von unten erleuchteten Kubus dem 
Zuschauer ins Auge bringe. Hängt er gleichnamig mit 
dem untern, so wird man die helle Erscheinung sehen, 
wendet man ihn nach der Seite, so obliquiert er das Licht, 
zeigt es obliquiert, und wir sehen das schwarze Kreuz, so- 
dann aber bei der Achtelswendung schwankende Züge. 
Manche andere spiegelnde Flächen, die wir durchversucht, 
Fensterscheiben, farbiges Glas, geglättete Oberflächen 
jeder Art, bringen die Wirkung des unteren Spiegels her- 
vor; auch wird sie wenig geschwächt noch verändert, wenn 
wir die atmosphärische Beleuchtung erst auf eine Glas- 
tafel, von da aber auf den einfachen oder zusammenge- 
setzten Apparat fallen lassen. 

Das klarste Licht des Vollmonds erhellt die Atmosphäre 
zu wenig, um von dorther die nötige Beleuchtung erhalten 
zu können, läßt man es aber auf eine Glastafel fallen, von 
da auf den Apparat, so tut es Wirkung und hat genüg- 
same Kraft, das Phänomen hervorzubringen. 

XVIII 
Wirkung der Spiegel in Absicht auf Hell ufid Dunkel 
Wir entfernen die entoptischen Körper nunmehr, um die 
Spiegel und ihre einzelne oder verbündete Wirksamkeit 
näher zu betrachten. Einem jeden Kunst- und Natur- 
freunde, der, auf einer, durch Anschwärzung der einen 
Seite, zum verkleinernden Konvexspiegel verwandelten 
Glaslinse, Landschaften betrachtet hat, ist wohl bekannt, 
daß sowohl Himmel als Gegenstände um ein Bedeutendes 
dunkler erscheinen, und so wird ihm nicht auffallen, wenn 
er, von unserm Doppelapparat den obern Spiegel weg- 
nehmend, unmittelbar auf den untern blickt, die heiterste 



DIE ENTOPTISCHEN FARBEN 457 

Atmosphäre nicht schön blau, sondern verdüstert gewahr 
zu werden. Daß bei parallel wieder eingehängtem oberen 
Spiegel, bei verdoppelter Reflexion, abermals eine Ver- 
düsterung vor sich gehe, ist gleichfalls eine natürliche 
Folge. Das Blau hat sich in ein Aschgrau verwandelt. 
Aber noch weit stärker ist die Verdüsterung bei Seiten- 
stellung des oberen Spiegels. Der nunmehr obliquierte 
Widerschein zeigt sich merklich dunkler als der direkte, 
und hierin legt sich die nächste Ursache der erhellenden 
und verdunkelnden Wirkung auf entoptische Gläser vor 
Augen. 

XIX 
Wirkung der Spiegel in Absicht auf irgendein Bild 
Um sich hiervon aufs kürzeste in Kenntnis zu setzen, 
stelle man eine Kerze dergestalt, daß das Bild der Flamme 
auf den untern Spiegel falle, man betrachte dasselbe so- 
dann durch den obern, parallel mit dem unteren hängen- 
den Spiegel; die Kerze wird aufgerichtet und die Flamme, 
als durch zwei verdüsterte Spiegel zum Auge gelangend, 
um etwas verdunkelt sein. 

Man führe den Spiegel in den rechten Winkel, die Kerze 
wird horizontal liegend erscheinen und die Flamme be- 
deutend verdunkelt. 

Abermals führe man den Spiegel weiter in die Gegen- 
stellung der ersten Richtung, die Flamme wird auf dem 
Kopfe stehen und wieder heller sein. Man drehe den 
Spiegel ferner um seine Achse, die Kerze scheint horizon- 
tal und abermals verdüstert, bis sie denn endlich, in die 
erste Stellung zurückgeführt, wieder hell wie vom Anfang 
erscheint. Ein jedes helles Bild auf dunklem Grunde, das 
man an die Stelle der Kerze bringt, wird dem aufmerk- 
samen Beobachter dieselbe Erscheinung gewähren. Wir 
wählen dazu einen hellen Pfeil auf dunklem Grunde, woran 
sowohl die Veränderung der Stellung des Bildes als dessen 
Erhellung und Verdüsterung deutlich gesehen wird. 



458 CHROM ATIK 

XX 

Identität durch klare Spiegel 
Bisher wäre also nichts Verwunderungswürdiges vorge- 
kommen; bei der größten Mannigfahigkeit bleibt alles in 
der Regel; so ist auch folgende Erscheinung ganz dem 
Gesetz gemäß, ob sie uns gleich bei der ersten Entdeckung 
wundersam überraschte. 

Bei dem Apparat mit zwei Spiegeln nehme man zum 
untersten, der das Himmelsiicht aufnimmt, einen mit 
Quecksilber belegten und richte ihn, bei dunkelblauer 
Atmosphäre, gegen den Seitenschein, der im Würfel das 
schwarze Kreuz erzeugt, dieses wird nun auch erscheinen 
und identisch bleiben, wennschon der Oberspiegel gleich- 
namig gestellt ist; denn die Eigenschaft des atmosphä- 
rischen Scheins wird durch den klaren Spiegel vollkommen 
überliefert, ebenso wie es bei jener Erfahrung mit einem 
Spiegel unmittelbar geschieht. 

Wir haben zur Bedingung gemacht, daß der Himmel so 
blau sein müsse, als es in unsern Gegenden möglich ist; 
und hier zeigt sich abermals der Himmel als eine ver- 
schleierte Nacht, wie wir ihn immer ansehen. Er ist es 
nun, der sein verdüstertes Licht in den klaren Spiegel 
sendet, welches alsdann, dem Kubus mitgeteilt, sich ge- 
rade in dem mäßigen Gleichgewicht befindet, das zur Er- 
scheinung unumgänglich nötig ist. 

XXI 

Abgeleiteter Schein und Widerschein 
Wir haben den unmittelbaren Widerschein von den ver- 
schiedenen Himmelsgegenden her als den ersten und ur- 
sprünglichen angenommen, aber auch abgeleiteter Schein 
und Widerschein bringt dieselben Phänomene hervor. 
Weißer Batist, vor ein besonntes Fenster gezogen, gibt 
zwar mit dem einfachen Apparat keine Erscheinung, wahr- 
scheinlich weil das davon herkommende Licht noch allzu - 
stark und lebhaft ist; der Kubus aber zwischen die Doppel - 
Spiegel gelegt gibt sowohl das weiße als schwarze Kreuz, 
denn der helle Schein der Batistfläche wird durch die bei- 
den Spiegel gemäßigt. 



DIE ENTOPTISCHEN FARBEN 459 

Vom abgeleiteten Widerschein wäre vielleicht nur Fol- 
gendes zu sagen: haben wir, durch unsern zweiten Appa- 
rat (VI), von irgendeiner Himmelsgegend her, die ent- 
optische Erscheinung bewirkt, so stelle man derselben 
atmosphärischen Region eine unbelegte spiegelnde Glas- 
tafel entgegen, wende sich mit dem Apparat nun zu ihr, 
und man wird die abgeleitete Erscheinung mit der ur- 
sprünglichen gleich finden. 

XXII 

Doppelt refrangierende Körper 
Der durchsichtige rhombische Kalkspat, dessen Eigen- 
schaft Bilder zu verdoppeln, ja zu vervielfachen, schon 
lange Zeit Forscher und Erklärer beschäftiget, gab immer- 
fort, bei Unzulänglichkeit früheren Bemühens, zu neuen 
Untersuchungen Anlaß. Hier wurde nach und nach ent- 
deckt: daß mehrere kristallinisch gebildete Körper eine 
solche Eigenschaft besitzen, und nicht allein dieses ward 
gefunden, sondern auch, bei vielfachster Behandlung sol- 
cher Gegenstände, noch andere begleitende Erscheinungen . 
Da man nun beim rhombischen Kalkspat gar deutlich be- 
merken konnte: daß der verschiedene Durchgang der Blät- 
ter und die deshalb gegeneinander wirkenden Spiegelungen 
die nächste Ursache der Erscheinung sei, so ward man auf 
Versuche geleitet, das Licht, durch spiegelnde, auf ver- 
schiedene Weise gegeneinander gerichtete Flächen, der- 
gestalt zu bedingen, daß künstliche Wirkungen, jenen 
natürlichen ähnlich, hervorgebracht werden konnten. 
Hiebei war freilich sehr viel gewonnen, man hatte einen 
äußern, künstlichen Apparat, wodurch man den Innern, 
natürlichen nachahmen, kontrollieren und beide gegen- 
einander vergleichen konnte. 

Nach dem Gange unserer Darstellung haben wir zuerst 
den künstlichen Apparat, in seiner größten Einfalt, mit 
der Natur in Rapport gesetzt, wir haben den Urquell aller 
dieser Erscheinungen in der Atmosphäre gefunden, so- 
dann unsere Vorrichtungen gesteigert, um das Phänomen 
in seiner größten Ausbildung darzustellen; nun gehen wir 
zu den natürlichen, durchsichtigen, kristallisierten Kör- 



46 o CHROMATIK 

pern über und sprechen also von ihnen aus: daß die Natur, 
in das Innerste solcher Körper, einen gleichen Spiegel- 
apparat aufgebaut habe, wie wir es mit äußerlichen, phy- 
sisch-mechanischen Mitteln getan, und es bleibt uns noch 
zu zeigen Pflicht: wie die doppelt refrangi er enden Kör- 
per gerade die sämtlichen, uns nun schon bekannten Phä- 
nomene gleichfalls hervorbringen, daß wir daher, wenn 
wir ihren natürlichen Apparat mit unserm künstlichen 
verbinden, die anmutigsten Erscheinungen vor Augen zu 
stellen fähig sind. Auch hier werden wir aufs einfachste 
verfahren und nur drei Körper in Anspruch nehmen, da 
sich die Erscheinung bei andern ähnlichen immerfort 
wiederholen muß und wiederholt. Diese drei Körper aber 
sind der Glimmer, das Fraueneis und der rhombische 
Kalkspat. 

XXIII 

Glimmerblättchen 
Die Glimmerblätter haben von der Natur den Spiegelungs- 
apparat in sich und zugleich die Fähigkeit, entoptische 
Farben hervorzubringen; deshalb ist es so bequem als lehr- 
reich, sie mit unsern künstlichen Vorrichtungen zu ver- 
binden. 

Um nun das Glimmerblättchen an und für sich zu unter- 
suchen, wird es allein zwischen beide, vorerst parallel 
gestellte Spiegel gebracht, und hier entdecken sich nach 
und nach die für uns so merkwürdigen Eigenschaften. 
Man bewege das Blättchen hin und her, und der Beschauer 
wird sogleich bemerken, daß ihm das Gesichtsfeld bald 
heller, bald dunkler erscheine; ist er recht aufmerksam und 
die Eigenschaft des Glimmerblättchens vollkommen zu- 
sagend, so wird er gewahr werden, daß die helle Erschei- 
nung von einem gelblichen, die dunkle von einem bläu- 
lichen Hauch begleitet ist. Wir greifen nun aber zu einer 
Vorrichtung, welche uns dient, genruere Versuche vorzu- 
nehmen. 

Wir stellen den entoptischen Kubus zwischen die zwei 
parallelen Spiegel an den gewohnten Ort, legen das Glim- 
merblatt darauf und bewegen es hin und her; auch hier 



DIE ENTOFllSCHEN FARBEN 461 

findet die Abänderung vom Hellen ins Dunkle, vom Gelb- 
lichen ins Bläuliche statt, dieses aber ist zugleich mit einer 
Umkehrung der Formen und der Farben in dem Kubus 
verbunden. Ein solches nun geschieht durch innere Spie- 
gelung des Glimmers, da unsere äußeren Spiegel unbe- 
wegt bleiben. Um nun hierüber ferner ins klare zu kommen, 
verfahre man folgendermaßen: man wende das auf dem 
Kubus hegende Blättchen so lange hin und her, bis die 
Erscheinung des weißen Kreuzes vollkommen rein ist, als 
wenn sich nichts zwischen dem Kubus und unsern Augen 
befände. Nun zeichne man, mit einer scharf einschneiden- 
den Spitze, auf das Glimmerblatt einen Strich an der Seite 
des Kubus, die mit uns parallel ist, her und schneide mit 
der Schere das Glimmerblatt in solcher Richtung durch. 
Hier haben wir nun die Basis unserer künftigen Opera- 
tionen. Man drehe nun das Glimmerblatt immer horizontal 
auf dem Kubus bedächtig herum, und man wird erst Figur 
und Farbe im Schwanken, endlich aber die völlige Um- 
kehrung, das schwarze Elreuz erbhcken. Nun zeichne man 
die gegenwärtige Lage des- Glimmerblattes zu der uns 
immer noch parallelen Seite des Kubus und schneide auch 
in dieser Richtung das Glimmerblatt durch, so wird man 
einen Winkel von 135 Graden mit der Grundlinie finden; 
hiernach läßt sich nun, ohne weiteres empirisches Herum- 
tasten, sogleich die Form der Tafel angeben, welche uns 
künftig sämtliche Phänomene gesetzlich zeigen soll, es ist 
die, welche wir einschalten. 




[ier sehen wir nun ein größeres Quadrat, aus dem sich 
rei kleinere entwickeln, und sagen, um beim Bezeichnen 
insrer Versuche alle Buchstaben und Zahlen zu vermeiden: 
der Beschauer halte die längere Seite parallel mit sich, 
so wird er die lichte Erscheinung erblicken; wählt man 
die schm ale Seite, so haben wir die finstere Erscheinung. 



462 CHROMATIK 

Die etwas umständliche Bildung solcher Tafeln können 
wir uns dadurch erleichtern, wenn wir, nach obiger Figur, 
eine Karte ausschneiden und sie unter die Spiegel, die 
lange Seite parallel mit uns haltend, bringen, auf derselben 
aber das Glimmerblatt hin und her bewegen, bis wir die 
helle Erscheinung vollkommen vor uns sehen. Klebt man 
in diesem Moment das Blättchen an die Karte fest, so 
dient uns der Ausschnitt als sichere Norm bei allen unsern 
Versuchen. 

Wenn wir nun die Erscheinungen sämtlich mehrmals durch- 
gehen, so finden wir Blättchen, welche uns entschiedenen 
Dienst leisten und das Phänomen vollkommen umkehren; 
andere aber bringen es nicht völlig dazu, sie erregen je- 
doch ein starkes Schwanken. Dieses ist sehr unterrichtend, 
indem wir nun daraus lernen, daß die bekannten Kreuze 
nicht etwa aus zwei sich durchschneidenden Linien ent- 
stehen, sondern aus zwei Haken, welche sich, aus den 
Ecken hervor, gegeneinander bewegen, wie es bei den 
Chladnischen Tonfiguren der Fall ist, wo solche Haken 
gleichfalls von der Seite hereinstreben, um das Kreuz im 
Sande auszubilden. 

Ferner ist zu bemerken, daß es auch Glimmerblättchen 
gebe, welche kaum eine Spur von allen diesen Erschei- 
nungen bemerken lassen. Diese Art ist, da die übrigen 
meist farblos wie Glastafeln anzusehen sind, auch in ihren 
feinsten Blättern tombakbraun; die meinigen sind von 
einer großen Glimmersäule abgetrennt. 
Schließlich haben wir nun noch einer sehr auffallenden 
Farbenerscheinung zu gedenken, welche sich unter fol- 
genden Bedingungen erblicken läßt. Es gibt Glimmer- 
blätter, vorgeschri ebenermaßen als sechsseitige Tafeln 
zugerichtet, diese zeigen in der ersten Hauptrichtung, das 
heißt die längere Seite parallel mit dem Beobachter ge- 
legt, keine besondere Farbe als allenfalls einen gelblichen, 
und wenn wir den oberen Spiegel zur Seite richten, blau- 
lichen Schein; legen wir aber die schmale Seite parallel 
mit uns, so erscheinen sogleich die schönsten Farben, die 
sich bei Seitenwendung des Spiegels in ihre Gegensätze 
verwandeln und zwar 



DIE ENTOFllSCHEN FARBEN 463 

Hell Dunkel 

Gelb Violett 

Gelbrot Blau 

Purpur Grün. 

Wobei zu bemerken, daß, wenn man dergleichen Blätter 
auf den entoptischen Kubus bringt, die Erscheinung des 
hellen und dunklen Kreuzes mit den schönsten bezüg- 
lichen Farben begleitet und überzogen wird. 

Und hier stehe denn eine Warnung eingeschaltet am 
rechten Platze: wir müssen uns wohl in acht nehmen, diese 
Farben, von denen wir gegenwärtig handeln, nicht mit 
den epoptischen zu vermischen. Wie nahe sie auch ver- 
wandt sein mögen, so besteht doch zwischen ihnen der 
große Unterschied, daß die epoptischen unter dem Spiegel - 
apparat nicht umgekehrt werden, sondern, gleichviel ob 
direkt oder von der Seite angeschaut, immer dieselbigen 
bleiben, dagegen die im Glimmerblättchen erscheinenden 
beweglicher Art sind und also auf einer höhern Stufe stehn. 

Ferner bringen wir den Umstand zur Sprache: daß der 
stumpfe Winkel der sechsseitigenTafel, welcher auf unserer 
Basis aufgerichtet wird und das Umkehren des Phänomens 
entscheidet, zusammengesetzt ist aus 90 Graden des rech- 
ten Winkels und aus 45, welche dem kleinen Quadrat 
angehören, zusammen 135 Grade. Es wird uns also, auf 
eine sehr einfache Weise, auf jene 35 bis 36 Grade ge- 
deutet, unter welchen bei allen Spiegelungen die Er- 
scheinung erlangt wird. 

Ferner fügen wir bemerkend hinzu: daß uns noch nicht 
gelingen wollen zu erfahren, wie unsere empirisch- theo- 
retische sechsseitige Tafel mit den von Natur sechsseitig 
gebildeten Glimmersäulen und deren Blättern in Über- 
einstimmung trete. Leider sind unsere wirksamen Glimmer- 
tafeln schon in kleine Fensterscheiben geschnitten, deren 
Seiten zu unseren Phänomenen in keinem Bezug stehen. 
Die einzelnen Glimmerblätter aber, an welchen die sechs- 
seitige Kristallisation nachzuweisen ist, sind gerade die- 
jenigen, welche die Umkehrung hartnäckig verweigern. 



464 CHROMATIK 

XXIV 

Fraueneis 
Mit durchsichtigen Gipsblättchen verhält es sich gleicher- 
maßen, man spaltet sie so fein als möglich und verfährt 
mit ihnen auf dieselbe Weise, wie bei dem Glimmer ge- 
zeigt worden. 

Man untersuche ein solches Blättchen an und für sich 
zwischen den beiden Spiegeln, und man wird eine Rich- 
tung finden, wo es vollkommen klar ist, diese bezeichne 
man als Basis der übrigen Versuche; man bilde sodann 
ein Sechseck und richte eine der kürzeren Seiten parallel 
mit sich, und man wird das Gesichtsfeld mit Farben von 
der größten Schönheit begabt sehen. Bei der Seitenstellung 
des Spiegels wechseln sie sämtlich, und es kommen an 
derselben Stelle die geforderten Gegensätze hervor. Ge- 
sellt man ein solches Blättchen zum Kubus, so wird jene 
erste Richtung die entoptische Erscheinung vöUig identisch 
lassen, in dem zweiten Falle aber das Bild verändert sein. 
Es werfen sich nämlich die beiden Farben, Purpur und 
Grün, an die hellen und dunkeln Züge der Bilder, so daß 
die Umkehrung als Umkehrung nicht deutlich wird, die 
Färbung jedoch auf eine solche Veränderung hinweist; 
denn sobald man den Spiegel nunmehr seitwärts wendet, 
so erscheint zwar das Bild noch immer vollkommen farbig, 
allein die Züge, die man vorher grün gesehen, erscheinen . 
purpur, und umgekehrt. 

Man sieht hieraus, daß schon bei den zartesten Tafeln 
das Bild einige Undeutlichkeit erleiden müsse; werden 
nun gar mehrere übereinander gelegt, so wird das Bild 
immer undeutlicher, bis es zuletzt gar nicht mehr zu er- 
kennen ist. Ich sehe daher das Verschwinden der Erschei- 
nung bei dem Umkehren nur als eine materielle Ver- 
düsterung an, die ganz allein der Unklarheit des ange- 
wendeten Mittels zuzuschreiben ist. 

XXV 

Doppelspat 
Von diesem bedeutenden, so oft besprochenen, beschrie- 
benen, bemessenen, berechneten und bemeinten Natur- 



DIE ENTOPTISCHEN FARBEN 465 

körper haben wir nur so viel zu sagen, als seine Eigen- 
schaften sich in unserm Kreise manifestieren. Er verhält 
sich gerade wie die vorhergehenden beiden; nur daß seine 
rhombische Figur und die Dicke seiner Kristalle einigen 
Unterschied machen mögen. Legen wir ihn übrigens zwi- 
schen die beiden Spiegel so, daß die längere oder kürzere 
Achse auf dem Beschauer perpendikular steht, so erscheint 
das Gesichtsfeld helle, und wir dürften alsdann nur den zu 
uns gekehrten Winkel abstutzen, so hätten wir, wenn die 
Operation an der langen Seite geschah, ein Sechseck mit 
zwei stumpfern Winkeln, und wenn wir die kürzere Dia- 
gonale abstutzen, ein etwas spitzwinkligeres Sechseck als 
unser regelmäßiges erhalten; aber doch immer ein Sechs- 
eck, dessen kürzere Seiten gegen uns gekehrt das Ge- 
sichtsfeld dunkler machen. Hierbei ist es aber keineswegs 
nötig, daß wir unsere Kristalle verderben, sondern wir 
heftenunsereausgeschnittene Karte, nachbekannter Weise, 
über den Kristall, oder zeichnen unsere Intention durch 
einen leichten Federstrich. 

Nun sprechen wir aber mit den vorigen Fällen völlig über- 
einstimmend aus: die erste Richtung, die das helle Seh- 
feld bewirkt, läßt die Erscheinung identisch, die Seiten- 
wendung jedoch des bekannten Winkels kehrt die Erschei- 
nung um, welches noch ganz deutlich, jedoch mehr der 
Farbe als der Form nach, an der Umkehrung der blauen 
Augen in gelbe bemerkt werden kann. Also ist auch hier 
ein Verschwinden, welches durch vermehrte Körperlich- 
keit des Mittels hervorgebracht würde, kein physischer, 
sondern ein ganz gemeiner Effekt der zunehmenden Un- 
durchsichtigkeit. 

Nun aber erwartet uns eine höchst angenehme Erschei- 
nung. Eäßt man einen solchen rhombischen isländischen 
Kristall durch Kunst dergestalt zurichten, daß zwei, der 
langen Achsenfläche parallele Abschnitte der Ecken ver- 
fügt und geschliffen werden, so wird man, wenn der Körper 
in dieser Lage zwischen die zwei Spiegel gebracht wird, 
einmal ein helles, das andere Mal ein dunkles Bild ge- 
wahr werden, analog jenen uns bekannten gefärbten ent- 
optischen Bildern; vier helle Punkte stehen zuerst inner- 

GOETHE XVII 30. 



466 CHROMATIK 

halb eines Kreises, um den sich mehr Kreise versammeln, 
und es gehen vier pinselartige Strahlungen aus von den 
Punkten, als hell und durchscheinend. Bei der Seiten- 
wendung zeigt sich der Gegensatz; wir sehen, in Ringe 
gefaßt, ein schwarzes Kreuz, von welchem gleichfalls vier 
schwarze büschelartige Strahlungen sich entfernen. 
Hier hätten wir nun die sämtlichen Erscheinungen bei- 
sammen; klare, helle Spiegelung und Identität, dunkle 
Spiegelung mit Umkehrung, letztere besonders von in- 
wohnenden, aber formlosen Farben begleitet; nun aber 
den Körper selbst, durch künstliche Bereitung, in seinem 
Innern aufgeschlossen und eine bewundernswürdige Er- 
scheinung zum Anschauen gebracht. 
So wäre denn also dieser höchst problematische Körper 
durch Untersuchung nur noch immer problematischer ge- 
worden und mit ihm so mancher andere. Freilich i.st es 
wunderbar genug, daß ihm dreierlei Arten der Farben- 
erscheinung zugeteilt sind: die prismatischen bei der 
Brechung und zwar doppelt und vielfach, die epoptischen 
zwischen seinen zarten Lamellen, wenn sich diese nur im 
mindesten, mit beibehaltener Berührung, auseinander- 
geben, und die entoptischen durch künstliche Vorberei- 
tung aus seinem Innern aufgeschlossen. Viel ist hiervon 
gesagt, viel ist zu sagen, für unsere Zwecke sei das We- 
nige hinreichend. 

XXVI 

Apparat^ vierfach gesteigert 
Was man bei allen Experimenten beobachten sollte, woll- 
ten wir, wie sonst auch geschehen, bei dem unsrigen zu 
leisten suchen. Zuerst sollte das Phänomen in seiner ganzen 
Einfalt erscheinen, sein Herkommen aussprechen und auf 
die Folgerung hindeuten. 

Unser einfachster Apparat (V) besteht aus einer ent- 
optischen Glastafel horizontal auf einen dunklen Grund 
gelegt und gegen die klare Atmosphäre in verschiedenen 
Richtungen gehalten; da sich denn der ätherische Ursprung 
der Erscheinungen und die Wirkung des direkten und 
obliquen Widerscheins sogleich ergibt, dergestalt daß, wenn 



DIE ENTOPTISCHEN FARBEN 467 

wir dies recht eingesehen, wir keiner ferneren Versuche 
bedürften. 

Aber es ist nötig, daß wir weiter gehen, die Abhängigkeit 
von äußeren Umständen zu mindern suchen, um das Phä- 
nomen bequemer, auffallender und nach Willen öfter dar- 
stellen zu können. 

Hierzu bahnt nun unser zweiter Versuch (VI) den Weg, 
wir bedienen uns eines entoptischen Kubus und eines 
schwarzen Spiegels; durch jenen lassen wir die atmo- 
sphärische Wirkung hindurchgehen und erblicken die far- 
bigen Bilder außerhalb demselben auf dem Spiegel, allein 
hierbei sind wir immer noch von der Atmosphäre abhängig; 
ohne einen völlig reinblauen Himmel bringen wir die Er- 
scheinung nicht hervor. 

Wir schreiten daher zu dem dritten, zusammengesetzteren 
Apparat (XVII). Wir richten zwei Spiegel gegeneinander, 
von welchen der untere die allseitige Atmosphäre vor- 
stellt, der obere hingegen die jedesmalige besondere Rich- 
tung, sie sei direkt, obliq, oder in der Diagonale. Hier 
verbirgt sich nun schon das wahre Naturverhältnis, das 
Phänomen als Phänomen ist auffallender; aber wenn man 
von vornherein nicht schon fundiert ist, so wird man 
schwerlich rückwärts ztir wahren anschauenden Erkennt- 
nis gelangen. Indessen dient uns dieser Apparat täglich und 
stündlich und wird uns deshalb so wert, weil wir die Zusam- 
menwirkung desselben mit den natürlichen Körpern und 
ihr wechselseitiges Betragen höchst belehrend finden. 
Nun aber haben wir noch einen vierten Apparat, dessen zu 
erwähnen wir nun Gelegenheit nehmen, er ist zwar der be- 
quemste und angenehmste, dagegen verbirgt er aber noch 
mehr das Grundphänomen, welches sich niemand rückwärts 
daraus zu entwickeln unternehmen würde. Er ist höchst 
sauber und zierlich gearbeitet, von dem Glasschleifer Niggl 
in München, und durch die Gunst des Herrn Professor 
Schweigger in meinen Besitz gekommen; er besteht aus 
vier Spiegeln, welche, sich aufeinander beziehend, sämt- 
liche Phänomene leicht und nett hervorbringen. Der erste 
Spiegel außerhalb des Apparats, fast horizontal gelegen, 
nimmt dasTageslichtunmittelbarauf und überliefert solches 



468 CHROMATIK 

dem zweiten, welcher, innerhalb des Instrumentes schief 
gestellt, wie der untere erste Spiegel des vorigen Apparats 
das empfangene Licht aufwärts schickt; unmittelbar über 
ihm wird der entoptische Kubus eingeschoben, auf wel- 
chen man, perpendikular, durch ein Sehrohr hinunter- 
bhckt; in diesem nun sind, statt des Okulars, zwei Spiegel 
angebracht, wovon der eine das Bild des Kubus von unten 
aufnimmt, der andere solches dem Beschauer ins Auge 
führt. Kehrt man nun die mit den beiden verbundenen 
Spiegeln zusammen bewegliche Hülse in die direkte oder 
Seitenstellung, so verwandeln sich die Bilder gar bequem 
und erfreulich Färb und Form nach, und um desto auf- 
fallender, da durch das viermal wiederholte Abspiegeln 
das Licht immer mehr gedämpft und gemäßigt worden. 
Noch ein anderes höchst erfreuendes Phänomen läßt sich 
zugleich darstellen, wenn man nämlich an die Stelle des 
Okulars ein kleines Prisma von Doppelspat setzt, wodurch 
man die gleichzeitige Erhellung und Verdunkelung, bei 
fortgesetzter Kreisbewegung der Hülse, höchst angenehm 
und überraschend beschauen und wiederholen kann. 
Sieht man nun zurück und vergegenwärtigt sich Schritt 
vor Schritt, wie jene Steigerung vorgegangen, was dazu 
beigetragen, was sie uns aufgeklärt, was sie verbirgt, so 
kann man uns in diesem ganzen Felde nichts Neues mehr 
vorzeigen, indem wir mit denAugen desLeibes und Geistes 
ungehindert methodisch vor- und rückwärts blicken. 

XXVII 

Warnung 
Wie nahe wir, durch unsern vierfach gesteigerten Apparat, 
an den Punkt gekommen, wo das Instrument, anstatt das 
Geheimnis der Natur zu entwickeln, sie zum unauflöslichen 
Rätsel macht, möge doch jeder naturliebende Experimen- 
tator beherzigen. Es ist nichts dagegen zu sagen, daß man, 
durch mechanische Vorrichtung, sich in den Stand setze, 
gewisse Phänomene bequemer und auffallender, nach 
Willen und Belieben vorzuzeigen; eigentliche Belehrung 
aber befördern sie nicht, ja es gibt unnütze und schäd- 
liche Apparate, wodurch die Naturanschauung ganz ver- 



DIE ENTOPTISCHEN FARBEN 469 

finstert wird, worunter auch diejenigen gehören, welche 
das Phänomen teihveise oder außer Zusammenhang vor- 
stellen. Diese sind es eigentlich, worauf Hypothesen ge- 
gründet, wodurch Hypothesen Jahrhunderte lang erhalten 
werden; da man aber hierüber nicht sprechen kann, ohne 
ins Polemische zu fallen, so darf davon bei unserm fried- 
lichen Vortrag die Rede nicht sein. 

XXVIII 

Von der innern Beschaffenheit des entoptischen Glases 
Wir haben vorhin, indem wir von den entoptischen Eigen- 
schaften gewisser Gläser gesprochen, welche in ihrem In- 
nern Formen und Farben zeigen, uns nur ans Phänomen 
gehalten, ohne weiter darauf einzugehen, ob sich ausmitteln 
lasse, wodurch denn diese Erscheinung eigentlich bewirkt 
werde. Da wir nun jedoch erfahren, daß gleiche Phäno- 
mene innerhalb natürlicher Körper zu bemerken sind, deren 
integrierende Teile, durch eigentümliche Gestaltund wech- 
selseitige Richtung, gleichfalls Formen und Farben her- 
vorbringen, so dürfen wir nun auch weitergehen und auf- 
suchen: welche Veränderung innerhalb der Glasplatten, 
bei schnellem Abkühlen, sich ereignen und ihnen jene be- 
deutend-anmutige Fähigkeit erteilen möchte. 
Es läßt sich beobachten, daß in Glastafeln, indem sie er- 
hitzt werden, eine Undulation vorgehe, die bei allmäh- 
lichem Abkühlen verklingt und verschwindet. Durch einen 
solchen geruhigen Übergang erhält die Masse eine innere 
Bindung, Konsistenz und Kraft, um, bis auf einen gewissen 
Grad, äußerer Gewalt widerstehen zu können. Der Bruch 
ist muschlig, und man könnte diesen Zustand, wenn auch 
uneigentlich, zäh nennen. 

Ein schnelles Abkühlen aber bewirkt das Gegenteil, die 
Schwingungen scheinen zu erstarren, dieMassebleibtinner- 
lich getrennt, spröde, die Teile stehen nebeneinander, und 
obgleich vor wie nach durchsichtig, behält das Ganze et- 
was, das man Punktualität genannt hat. Durch den Demant 
geritzt, bricht die Tafel reiner als eine des langsam ab- 
gekühlten Glases, sie braucht kaum nachgeschlififen zu 
werden. 



47° CHROMATIK 

Auch zerspringen solche Gläser entweder gleich oder nach- 
her, entweder von sich selbst oder veranlaßt. Man kennt 
jene Flaschen und Becher, welche durch hineingeworfene 
Steinchen rissig werden, ja zerspringen. 
Wenn von geschmolzenen Glastropfen, die man, zu schnell- 
ster Verkühlung, ins Wasser fallen ließ, die Spitze abge- 
brochen wird, zerspringen sie und lassen ein pulverarti- 
ges Wesen zurück; darunter findet ein aufmerksamer Be- 
obachter einen noch zusammenhängenden kleinen Bündel 
stänglicher Kristallisation, die sich um das in der Mitte 
eingeschlossene Luftpünktchen bildete. Eine gewisse ^^- 
lutio continui ist durchaus zu bemerken. 
Zugleich mit diesen Eigenschaften gewinnt nun das Glas 
die Fähigkeit, Figuren und Farben in seinem Innern sehen 
zu lassen. Denke man sich nun jene beim Erhitzen beob- 
achteten Schwingungen unter dem Erkalten fixiert, so wird 
man sich, nicht mit Unrecht, dadurch entstehende Hem- 
mungspunkte, Hemmungslinien einbilden können und da- 
zwischen freie Räume, sämtlich in einem gewissen Grade 
trüb, so daß sie, bezugsweise, bei veränderter Lichtein- 
wirkung, bald hell, bald dunkel erscheinen können. 
Kaum aber haben wir versucht, uns diese wundersame 
Naturwirkung einigermaßen begreiflich zu machen, so wer- 
den wir abermals weiter gefordert; wir finden unter an- 
dern, veränderten Bedingungen wieder neue Phänomene. 
Wir erfahren nämlich, daß diese Hemmungspunkte, diese 
Hemmungslinien in der Glastafel nicht unauslöschHch 
fixiert und für immer befestigt dürfen gedacht werden: denn 
obschon die ursprüngliche Figur der Tafel vor dem Glühen 
den Figuren und Farben, die innerhalb erscheinen sollen, 
Bestimmung gibt, so wird doch auch, nach dem Glühen 
und Verkühlen, bei veränderter Form die Figur verändert. 
Man schneide eine viereckte Platte mitten durch und bringe 
den parallelepipedischen Teil zwischen die Spiegel, so 
werden abermals vier Punkte in den Ecken erscheinen, 
zwei und zwei weit voneinander getrennt und, von den 
langen Seiten herein, der helle oder dunkle Raum viel 
breiter als von den schmalen. Schneidet man eine vier- 
eckte Tafel in der Diagonale durch, so erscheint eine Fi- 



DIE ENTOFnSCHEN FARBEN 471 

gur derjenigen ähnlich, die sich fand, wenn man Dreiecke 
glühte. 

Suchten wir uns nun vorhin mit einer mechanischen Vor- 
stellungsart durchzuhelfen, so werden wir schon wieder 
in eine höhere, in die allgemeine Region der ewig leben- 
den Natur gewiesen; wir erinnern uns, daß das kleinste 
Stück eines zerschlagenen magnetischen Eisensteins eben- 
sogut zwei Pole zeigt als das Ganze. 

XXIX 

Umsicht 
Wenn es zwar durchaus rätlich, ja höchst notwendig ist, 
das Phänomen erst an sich selbst zu betrachten, es in sich 
selbst sorgfältig zu wiederholen und solches von allen Sei- 
ten aber und abermals zu beschauen, so werden wir doch 
zuletzt angetrieben, uns nach außen zu wenden und, von 
unserm Standpunkte aus, allenthalben umherzublicken, 
ob wir nicht ähnliche Erscheinungen zugunsten unseres 
Vornehmens auffinden möchten, wie wir denn soeben an 
den so weit abgelegenen Magneten zu gedenken unwill- 
kürlich genötigt worden. 

Hier dürfen wir also die Analogie, als Handhabe, als He- 
bel die Natur anzufassen und zu bewegen gar wohl empfeh- 
len und anrühmen. Man lasse sich nicht irremachen, wenn 
Analogie manchmal irreführt, wenn sie, als zu weit ge- 
suchter willkürlicher Witz, völlig in Rauch aufgeht. Ver- 
werfen wir femer nicht ein heiteres humoristisches Spiel 
mit den Gegenständen, schickliche und unschickliche An- 
näherung, ja Verknüpfung des Entferntesten, womit man 
uns in Erstaunen zu setzen, durch Kontrast auf Kontrast 
zu überraschen trachtet. Halten wir uns aber zu unserm 
Zweck an eine reine methodische Analogie, wodurch Er- 
fahrung erst belebt wird, indem das Abgesonderte und 
entfernt Scheinende verknüpft, dessen Identität entdeckt 
und das eigentliche Gesamtleben der Natur auch in der 
Wissenschaft nach und nach empfunden wird. 
Die Verwandtschaft der entoptischen Figuren mit den übri- 
gen physischen haben wir oben schon angedeutet, es ist 
die nächste, natürhchste und nicht zu verkennen. Nun 



472 CHROMATIK 

müssen wir aber auch der physiologischen gedenken, welche 
hier in vollkommener Kraft und Schönheit hervortreten. 
Hieran finden wir abermals ein herrliches Beispiel, daß 
alles im Universen zusammenhängt, sich aufeinander be- 
zieht, einander antwortet. Was in der Atmosphäre vor- 
geht, begibt sich gleichfalls in des Menschen Auge, und 
der entoptische Gegensatz ist auch der physiologe. Man 
schaue, in dem obern Spiegel des dritten Apparats, das 
Abbild des unterhegenden Kubus; man nehme sodann 
diesen schnell hinweg, ohne einen Blick vom Spiegel zu 
verwenden, so wird die Erscheinung, die helle wie die 
dunkle, als gespenstiges Bild, umgekehrt im Auge stehen 
und die Farben zugleich sich in ihre Gegensätze verwan- 
deln, das Bräunlichgelb in Blau und umgekehrt, dem na- 
tursinnigen Forscher zu großer Freude und Kräftigung. 
Sodann aber wenden wir uns zur allgemeinen Naturlehre 
und versichern nach unserer Überzeugung Folgendes: so- 
bald die verschiedene Wirkung des direkten und obliquen 
Widerscheins eingesehen, die Allgemeinheit jenes Gesetzes 
anerkannt sein wird, so muß die Identität unzähligerPhäno- 
mene sich alsobald betätigen; Erfahrungen werden sich an- 
einanderschließen, die man als unzusammenhängend bisher 
betrachtet und vielleicht mit einzelnen hypothetischen Er- 
klärungsweisen vergebens begreiilich er zu machen gesucht. 
Da wir aber gegenwärtig nur die Absicht haben können, 
den Geist zu befreien und anzuregen, so bHcken wir rings- 
umher, um näher oder ferner auf gewisse Analogien zu 
deuten, die sich in der Folge aneinanderschließen, sich 
aus- und gegeneinander entwickeln mögen. Weiter kann 
unser Geschäft nicht gehen, denn wer will eine Arbeit 
übernehmen, die der Folgezeit noch manche Bemühung 
zumuten wird. 

XXX 

Chladnis Tonfiguren 
Alle geistreiche, mit Naturerscheinungen einigermaßen 
bekannte Personen, sobald sie unsern entoptischen Kubus 
zwischen den Spiegeln erblickten, riefen jedesmal die Ähn- 
lichkeit mit den Chladnischen Figuren, ohne sich zu be- 



DIE ENTOPTISCHEN FARBEN 473 

sinnen, lebhaft aus, und wer wollte sie auch verkennen? 
Daß nun diese äußeren auffallenden Erscheinungen ein 
gewisses inneres Verhältnis und in der Entstehungsart viel 
Übereinstimmung haben, ist gegenwärtig darzutun. 

Figuren 

Chladnis Seebecks 

entstehen 

i) durch Schwingungen. i) durch Schwingungen. 

Diese werden bewirkt 

2) durch Erschüttern der 2) durch Glühen der Glas- 
Glastafeln; tafeln, durch Druck usw.; 

verharren 

3) in Ruhe; 3) durch schnelle Verküh- 

lung; 
verschwinden 

4) durch neues Erschüttern; 4) durch neues Glühen und 

langsame Erkaltung; 
sie richten sich 

5) nach der Gestalt der ' 5) nach der Gestalt der 
Tafel; Tafel; 

sie bewegen sich 

6) von außen nach innen; 6) von außen nach innen; 

ihre Anfänge sind 

7) parabolischeLinien,wel- 7) parabolischeLinien, wel- 
che mit ihren Gipfeln che mit ihren Gipfeln 
gegeneinander streben, gegeneinander streben, 
beim Quadrat von der beim Quadrat aus den 
Seite, um ein Kreuz zu Ecken, um ein Kreuz zu 
bilden; bilden; 

sie vermannigfaltigen sich 

8) bei Verbreiterung der 8) bei Verniehrungder über- 
Tafel; einandergelegtenTafeln; 

sie beweisen sich 

9) als oberflächlich. 9) als innerlichst. 
Mögen vorerst diese Bezüge hinreichen, um die Verwandt- 
schaft im allgemeinen anzudeuten; gewiß wird dem For- 



474 CHROMATIK 

scher nichts angenehmer sein als eine hierüber fortge- 
setzte Betrachtung. Ja die reale Vergleichung beider Ver- 
suche, die Darstellung derselben nebeneinander, durch 
zwei Personen, welche solchen Experimenten gewachsen 
wären, müßte viel Vergnügen geben und dem innem Sinn 
die eigentliche Vergleichung überlassen, ^ie freilich mit 
Worten nie vollkommen dargestellt werden kann, weil das 
innere Naturverhältnis, wodurch sie, bei himmelweiter 
Verschiedenheit, einander ähnlich werden, immer von uns 
nur geahnet werden kann. 

XXXI 

Atmosphärische Meteore 
Da nach unserer Überzeugung die nähere Einsicht in die 
Effekte des direkten und obliquen Widerscheins auch zur 
Erklärung der atmosphärischen Meteore das Ihrige bei- 
tragenwird, so gedenken wir derselben gleichfalls an die- 
ser Stelle. Der Regenbogen, ob wir ihn gleich als durch 
Refraktion gewirkt anerkennen, hat doch das Eigene, daß 
wir die dabei entspringenden Farben eigentlich innerhalb 
der Tropfen sehen, denn auf dem Grunde derselben spie- 
gelt sich die bunte Verschiedenheit. 
Nun kommen die Farben des untern Bogens nach einem 
gewissen Gesetze zu unserm Auge und auf eine etwas kom- 
phziertere Weise die Farben des oberen Bogens gleich- 
falls; sobald wir dies eingesehen, so folgern wir: daß aus 
dem Raum zwischen den zwei Bogen kein Licht zu un- 
serm Auge gelangen könne, und dieses betätigt sich dem 
aufmerksamen Beobachter durch folgenden Umstand: Wenn 
wir auf einer reinen, vollkommen dichten Regenwand, 
welcher die Sonne klar und mächtig gegenübersteht, die 
beiden Bogen vollkommen ausgedrückt finden, so sehen 
wir den Raum zwischen beiden Bogen dunkelgrau, und 
zwar entschieden dunkler als über und unter der Erschei- 
nung. 

Wir schöpften daher die Vermutung, daß auch hier ein in 
gewissem Sinne obliquiertesLicht bewirkt werde, und rich- 
teten unseren zweiten entoptischen Apparat gegen diese 
Stelle, waren aber noch nicht so glücklich, zu einem ent- 



DIE ENTOPTISCHEN FARBEN 475 

schiedenen Resultate zu gelangen. So viel konnten wir be- 
merken, daß, wenn der Regenbogen selbst durch unsern 
entoptischen Kubus durchfiel, das weiße Kreuz erschien 
und er sich also dadurch als direkten Widerschein erwies. 
Der Raum unmittelbar drüber, welcher nach der Vermutung 
das schwarze Kreuz hätte hervorbringen sollen, gab uns 
keine deutliche' Erscheinung, da wir, seit wir auf diesen 
Gedanken gekommen, keinen entschieden vollkommenen 
doppelten Regenbogen und also auch keinen gesättigten 
dunklen Raum zwischen beiden beobachten konnten. Viel- 
leicht gelingt es andern Naturfreunden besser. 
Die Höfe, in deren Mitte Sonne und Mond stehen, die 
Nebensonnen und anderes, erhalten durch unsere Dar- 
stellung gewiß in der Folge manche Aufklärung. Die Höfe, 
deren Diameter vierzig Grad ist, koinzidieren wahrschein- 
lich mit dem Kreise, in welchem man bei dem höchsten 
Stand der Sonne um sie her das schwarze Kreuz bemerkt, 
ehe die entoptische Erscheinung von dem gewaltsamen 
Lichte aufgehoben wird. Hier wäre nun der Platz, mit In- 
strumenten zu operieren; Zahlen und Grade würden sehr 
willkommen sein. Richtet sich dereinst die Aufmerksam- 
keit der Naturforscher auf diese Punkte, gewinnt unser 
Vortrag sich mit der Zeit Vertrauen, so wird auch hiezu 
Rat werden, wie zu so vielem andern. 
Ein auffallendes Meteor, welches offenbar durch direkten 
Widerschein hervorgebracht worden, beschreibt uns der 
aufmerksame Reisende Bory de St. Vincent folgender- 
maßen: 

Le soir du 2. Germinal Van X nous vtmes un tres-beau phi- 
notnhie hwiineux. Le ciel itait pur^ stirtout vers le couchant; 
et au moment oü le soleil approchait de rhorizon, on distin- 
gua du cbU diamitralement opposi cinq ou six faisceaux de 
rayons hwiineux. Ils partaietit, en divergeant, d'un demi- 
disque pareil ä un grand globe, dont rhorizon sensible eüt 
cachi la moitii. Ce demi-disque itait de la couleur du ciel, 
quand son aziir b rille du phis grand iclat. Les rayons pa- 
raissaient d''autant plus vifs, que le soleil itait le plus pris 
de disparat Ire. 
Le couchant sHtant rempli de nuages, qui dirobaienl la wie 



476 CHROMATIK 

du soleil, le phinomene lumineux ne cessa pas; Vinstatit oü 
il fut le plus sensible, fut celui oü Fastre du jour düt etre 
descendu sous Phorizon; des-lors son Iclat diminua, et dis- 
parut peu-a-peu. 

XXXII 
Paradoxer Seitenblick auf die Astrologie 
Ein phantastisches Analogen der Wirksamkeit unseres di- 
rekten und obliquen Widerscheins finden wir schon in der 
Astrologie, doch mit dem Unterschiede, daß von ihren 
Eingeweihten der direkte Widerschein, den wir als heil- 
sam erkennen, für schädlich geachtet wird, mit dem Ge- 
viertschein jedoch, welcher mit unserm obliquierten zu- 
sammenfällt und den auch wir als deprimierend ansprechen, 
haben sie es getroffen, wenn sie denselben für widerwärtig 
und unglücklich erklärten. Wenn sodann derGedrittschein 
und Gesechstschein, welchen wir für schwankend erklä- 
ren, von ihnen als heilsam angenommen wird, so möchte 
dies allenfalls gelten, und würde die Erfahrung nicht sehr 
widersprechen: denn gerade an dem Schwankenden, Gleich- 
gültigen beweist der Mensch seine höhere Kraft und wen- 
det es gar leicht zu seinem Vorteil. 
Durch diese Bemerkungen wollen wir nur so viel sagen, 
daß gewisse Ansichten der irdischen und überirdischen 
Dinge, dunkel und klar, unvollständig und vollkommen, 
gläubig und abergläubisch, von jeher vor dem Geiste der 
Menschen gewaltet, welches kein Wunder ist, da wir alle 
auf gleiche Weise gebaut sind und wohlbegabte Menschen 
sämtlich die Welt aus einem und demselben Sinne an- 
schauen; daher denn, es werde entdeckt was da wolle, 
immer ein Analogon davon in früherer Zeit aufgefunden 
werden kann. 

Und so haben die Astrologen, deren Lehre auf gläubige, 
unermüdete Beschauung des Himmels begründet war, un- 
sere Lehre von Schein, Rück-, Wider- und Nebenschein 
vorempfunden, nur irrten sie darin, daß sie» das Gegen- 
über für ein Widerwärtiges erklärten, da doch der direkte 
Rück- und Widerschein für eine freundliche Erwiderung 
des ersten Scheins zu achten. Der Vollmond steht der 



DIE ENTÜPTISCHEN FARBEN 477 

Sonne nicht feindlich entgegen, sondern sendet ihr ge- 
fällig das Licht zurück, das sie ihm verlieh; es ist Arte- 
mis, die freundlich und sehnsuchtsvoll den Bruder an- 
bhckt. 

Wollte man daher diesem Wahnglauben fernerhin einige 
Aufmerksamkeit schenken, so müßte man, nach unsern An- 
gaben und Bestimmungen, bedeutende Horoskope, die 
schon in Erfüllung gegangen sind, rektifizieren und be- 
achten, inwiefern unsere Auslegungsart besser als jene An- 
nahme mit dem Erfolg übereintreffe. 
So würde z. B. eine Geburt, die gerade in die Zeit des 
Vollmondes fiele, für höchst glücklich anzusehen sein: denn 
der Mond erscheint nun nicht mehr als Widersacher, den 
günstigen Einfluß der Sonne hemmend und sogar aufhe- 
bend, sondern als ein freundlich milder, nachhelfender 
Beistand, als Lucina, als Hebamme. Welche große Ver- 
änderung der Sterndeutekunst durch diese Auslegungsart 
erwüchse, fällt jedem Freund und Gönner solcher Wun- 
derlichkeiten alsobald in die Augen. 

XXXIÖ 

Mechanische Wirkung 
Sollten wir nun vielleicht den Vorwurf hören, daß wir mit 
Verwandtschaften, Verhältnissen, mit Bezügen, Analogien, 
Deutungen und Gleichnissen zu weit umhergegriffen, so 
erwidern wir, daß der Geist sich nicht beweglich genug 
erhalten könne, weil er immer fürchten muß, an diesem 
oder jenem Phänomen zu erstarren; doch wollen wir uns 
sogleich zur nächsten Umgebung zurückwenden und die 
Fälle zeigen, wo wir jene allgemeinen kosmischen Phä- 
nomene mit eigner Hand technisch hervorbringen und 
also ihre Natur und Eigenschaft näher einzusehen glauben 
dürfen. Aber im Grunde sind wir doch nicht, wie wir wün- 
schen, durchaus gefördert, denn selbst was wir mechanisch 
leisten, müssen wir nach allgemeinen Naturgesetzen be- 
wirken, und die letzten Handgriflfe haben immer etwas 
Geistiges, wodurch alles körperlich Greifbare eigentlich 
belebt und zum Unbegreiflichen erhoben wird. 
Man spanne ein starkes Glastäfelchen, das keine entopti- 



478 CHROMATIK 

sehen Eigenschaften hat, in einen metallnen Schraubstock 
dergestalt, daß zwei entgegengesetzte Punkte der Periphe- 
rie vorzüglich affiziert werden, man bringe diese Vorrich- 
tung unter die Spiegel, so wird man eine von jenen bei- 
den Punkten ausgehende Erscheinung erblicken, sie ist 
büschelförmig, teils hell, teils dunkel, nach dem Gesetz 
gefärbt, und sucht sich, durch eine ovale Neigung gegen- 
einander, zu verbinden. Durch den Druck geht also eine 
Veränderung der Textur der Bestandteile vor, ihre Lage 
gegeneinander wird verändert, und wir dürfen eine Solu- 
tio continui, wie bei dem schnell verkühlten Glase vorgeht, 
annehmen. 

Eine ähnliche Erfahrung gibt uns hierüber abermals eini- 
ges Licht. Es fand sich ein knopfartig gearbeitetes Stück 
Bernstein, vollkommen klar, in der Mitte durchbohrt; zwi- 
schen die Spiegel gebracht, zeigten sich vier aus dem 
Mittelpunkt ausgehende weiße und bei der Umkehrung 
schwarze Strahlenbüschel. Hier scheint der Bohrer aus 
der Mitte gegen die Seite drückend ebendieselbe Wir- 
kung hervorgebracht zu haben als die Zwinge auf die 
Seiten der Glastafel, nur daß hier immanent geblieben 
war, was bei der Glastafel, wenn die Zwinge geöffnet wird, 
sogleich vorüber ist. Wir ließen, um der Sache mehr bei- 
zukommen, einige Stücke Bernstein durchbohren, das Phä- 
nomen gelang aber nicht zum zweitenmal. 

XXXIV 
Damastweberei 
Wo wir aber diese Erscheinung mit Händen greifen kön- 
nen, indem wir sie selbst technisch hervorbringen, ist bei 
dem Damastweben. Man nehme eine gefaltete Serviette 
von schön gearbeitetem, wohl gewaschenen und geglätte- 
ten Tafelzeuge und halte sie, flach, vor sich gegen das 
Licht; man wird Figuren und Grund deutlich unterschei- 
den. In einem Fall sieht man den Grund dunkel und die 
Figuren hell, kehrt man die Serviette im rechten Winkel 
nunmehr gegen das Licht, so wird der Grund hell, die 
Figuren aber dunkel erscheinen; wendet man die Spitze 
gegen das Licht, daß die Fläche diagonal erleuchtet wird, 



DIE ENTOPTISCHEN FARBEN 4 7 9 

so erblickt man weder Figuren noch Grund, sondern das 
Ganze ist von einem gleichgültigen Schimmer erleuchtet. 
Diese Erscheinung beruht auf dem Prinzip der Damast- 
weberei, wo das, nach Vorschrift, abwechselnde Muster 
darzustellen die Fäden auf eine eigene Weise übers Kreuz 
gerichtet sind, so daß die Gestalten hell erscheinen, wenn 
das Licht der Fadenlänge nach zu unserm Auge kommt, 
•dunkel aber von denen Fäden, welche quer gezogen sind. 
Die auf den Beschauer gerichteten Fäden leiten das Licht 
bis zu den Augen und bringen solches direkt zur Erschei- 
nung, die durchkreuzenden dagegen führen das Licht zur 
Seite und müssen daher als dunkel oder beschattet ge- 
sehen werden. In der Diagonale beleuchtet, führen sie 
beide das Licht vom Auge abwärts und können sich nur 
als gleichgültigen Schein manifestieren. 
Hier geht nun eben dasselbe hervor, was sich am großen 
Himmel ereignet, und des Webers Geschicklichkeit ver- 
ständiget uns über die Eigenschaften der Atmosphäre. Zu 
meinem Apparat ließ ich, durch eine geschickte Nähterin, 
erst ein Damenbrettmuster, woran sich die Erscheinung 
am entschiedensten zeigt, mit den zartesten Fäden sticken, 
sodann aber das entoptische Kreuz mit den Punkten in 
den Ecken, das man denn, je nachdem die Fläche gegen 
das Licht gerichtet ist, hell oder dunkel schauen kann. 

XXXV 

Ähnlende theoretische Ansicht 
Da wir uns bemühen, in dem Erfahrungskreise analoge 
Erscheinungen aufzusuchen, so ist es nicht weniger wichtig, 
wenn wir auf Vorstellungsarten treffen, welche, theoretisch 
ausgesprochen, auf unsere Absicht einiges Licht werfen 
können. 

Ein geistreicher Forscher hat die entoptischen Erschei- 
nungen, und die damit nahe verwandten Phänomene der 
doppelten Refraktion, dadurch aufzuklären getrachtet, daß 
er longitudinale und transversale Schwingungen des Lich- 
tes annahm. Da wir nun in der Damastweberei den Wider- 
schein des Lichtes durch Fäden bedingt sehen, welche 
teils der Länge, teils der Quere nach zu unserm Auge ge- 



48o CHROMATIK 

richtet sind, so wird uns niemand verargen, wenn wir in 
dieser Denkart eine Annäherung an die unsrige finden; 
ob wir gleich gern bekennen, daß wir jene Bedingungen 
nach unserer Weise nicht im Licht als Licht, sondern am 
Lichte, das uns nur mit der erfüllten Räumlichkeit, mit 
der zartesten und dichtesten Körperlichkeit zusammen- 
treffend erscheinen kann, bewirkt finden. 

XXXVI 

Gewässertes Seidenzeug 
Dieses wird erst in Riefen oder Maschen gewoben oder 
gestrickt, und alsdann, durch einen ungleich glättenden 
Druck, dergestalt geschoben, daß Höhen und Tiefen mit- 
einander abwechseln, wodurch, bei verschiedener Rich- 
tung des Seidenzeuges gegen den Tag, der Widerschein 
bald unserm Auge zugewendet, bald abgewendet wird. 

XXXVII 

Gemodelte Zinnoberfläche 
Hierher gehört gleichfalls die mannigfaltige und wunder- 
sam erfreuliche Erscheinung, wenn eine glatte Zinnober- 
fläche durch verdünnte Säuren angegriffen und dergestalt 
behandelt wird, daß dendritische Figuren darauf entstehen. 
Der Beobachter stelle sich mit dem Rücken gegen das 
Fenster und lasse das Licht von der einen Seite auf die 
vertikale Tafel fallen, so wird man den einen Teil der 
Zweige hell und erhöht, den andern dunkel und vertieft 
erblicken; nun kehre man sich leise herum, bis das Licht 
zur rechten Seite hereintritt: das erst Helle wird nun dunkel, 
das Dunkele hell, das Erhöhte vertieft und beschattet, das 
Vertiefte erhöht und erleuchtet in erfreulicher Mannigfal- 
tigkeit erscheinen. Solche Bleche, mit farbigem Lackfirnis 
überzogen, haben sich durch ihren anmutigen Anblick zu 
mancherlei Gebrauch empfohlen. Auch an solchen lackier- 
ten Flächen läßt sich der Versuch gar wohl anstellen, doch 
ist es besser, beim entoptischen Apparat, der Deutlich- 
keit wegen ungefirnißte Bleche vorzuzeigen. 



DIE ENTOPTISCHEN FARBEN 481 

XXXVIII 

Oberflächen natürlicher Körper 
Alle diejenigen Steinarten, welche wir schillernde nennen, 
schließen sich hier gleichfalls an. Mehreres, was zum Feld- 
spat gerechnet wird, Adular, Labrador, Schriftgranit, brin- 
gen das Licht durch Widerschein zum Auge, oder anders 
gerichtet, leiten sie es ab. Man schleift auch wohl der- 
gleichen Steine etwas erhaben, damit die Wirkung auf- 
fallender und abwechselnder werde und die helle Erschei- 
nung gegen die dunkle schneller und kräftiger kontrastiere. 
Das Katzenauge steht hier obenan; doch lassen sich As- 
beste und Selenite gleichmäßig zurichten. 

XXXIX 

Eückkehr und Wiederholung 
Nachdem wir nun die Bahn, die sich uns eröfifnete, nach 
Kräften zu durchlaufen gestrebt, kehren wir zum Anfang, 
zum Ursprung sämtlicher Erscheinungen wieder zurück. 
Der Urquell derselben ist die Wirkung der Sonne auf die 
Atmosphäre, auf die unendliche blaue Räumlichkeit. In 
freister Welt müssen wir immer wieder unsere Belehrung 
suchen. 

Bei heiterem Himmel, vor Aufgang der Sonne, sehen wir 
die Seite, wo sie sich ankündigt, heller als den übrigen 
Himmel, der uns rein und gleich blau erscheint, eben- 
dasselbe gilt vom Untergange. Die Bläue des übrigen Him- 
mels erscheint uns völlig gleich. Tausendmal haben wir 
das reine, heitere Gewölb des Himmels betrachtet, und 
es ist uns nicht in die Gedanken gekommen, daß es je 
eine ungleiche Beleuchtung heruntersenden könne, und 
doch sind wir hierüber nunmehr durch Versuche und Er- 
fahrungen belehrt. 

Da wir nun aber über diese Ungleichheit der atmosphä- 
rischen Wirkung schon aufgeklärt waren, versuchten wir 
mit Augen zu sehen, was wir folgern konnten: es müsse 
nämlich, im direkten Gegenschein der Sonne, der Himmel 
ein helleres Blau zeigen als zu beiden Seiten; dieser Unter- 
schied war jedoch nie zu entdecken, auch dem Landschafts- 
maler nicht, dessen Auge wir zum Beistand anriefen. 

GOETHE XVII 31. 



482 CHROMATIK 

Daß aber die durch entoptische Gläser entdeckte ungleiche 
Beleuchtung für ein glücklich gebornes, geübtes Maler- 
auge bemerklich sei, davon gibt Nachstehendes sichere 
Kunde, 

XL 

Wichtige Bemerkung eines Malers 
Ein vorzüglicher, leider allzufrüh von uns geschiedener 
Künstler Ferdinand, Jagemann, dem die Natur, nebst an- 
dern Erfordernissen, ein scharfes Auge für Licht und Schat- 
ten, Farbe und Haltung gegeben, erbaut sich eine Werk- 
statt zu größeren und kleineren Arbeiten; das einzige hohe 
Fenster derselben wird nach Norden, gegen den freisten 
Himmel gerichtet, und nun dachte man allen Bedingun- 
gen dieser Art genuggetan zu haben. 
Als unser Freund jedoch eine Zeitlang gearbeitet, wollte 
ihm, beim Porträtmalen, scheinen, daß die Physiognomien, 
die er nachbildete, nicht zu jeder Stunde des Tags gleich 
glücklich beleuchtet seien, und doch war an ihrer Stellung 
nicht das mindeste verrückt, noch die Beschaffenheit einer 
vollkommen hellen Atmosphäre irgend verändert worden. 
Die Abwechselung des günstigen und ungünstigen Lichts 
hielt ihre Tagesperioden; am frühsten Morgen erschien es 
am widerwärtigsten grau und unerfreuhch; es verbesserte 
sich, bis endlich, etwa eine Stunde vor Mittag, die G^^gen- 
stände ein ganz anderes Ansehen gewannen, Licht, Schat- 
ten, Farbe, Haltung, alles in seiner größten Vollkommen- 
heit sich dem Künstlerauge darbot, so wie er es der 
Leinwand anzuvertrauen nur wünschen konnte. Nachmit- 
tagverschwindetdiese herrliche Erscheinung; dieBeleuch- 
tung verschlimmert sich, auch am klarsten Tage, ohne daß 
in der Atmosphäre irgendeine Veränderung vorgegangen 
wäre. 

Als mir diese Bemerkung bekannt ward, knüpfte ich solche 
sogleich in Gedanken an jene Phänomene, mit denen wir 
uns so lange beschäftigten, und eilte, durch einen physi- 
schen Versuch dasjenige zu bestätigen und zu erläutern, 
was ein hellsehender Künstler, ganz für sich, aus einge- 
bomer Gabe, zu eigner Verwunderung, ja Bestürzung ent- 



DIE ENTOPTISCHEN FARBEN 483 

deckt hatte. Ich schaffte unsern zweiten entoptischen Ap- 
parat herbei, und dieser verhielt sich, wie man nach Obi- 
gem vermuten konnte. Zur Mittagszeit, wenn der Künst- 
ler seme Gegenstände am besten beleuchtet sah, gab der 
nördliche direkte Widerschein das weiße Kreuz, in Mor- 
gen- und Abendstunden hingegen, wo ihm das wider- 
wärtige, obliquierte Licht beschwerlich fiel, zeigte der Ku- 
bus das schwarze Kreuz, in der Zwischenzeit erfolgten die 
Übergänge. 

Unser Künstler also hatte, mit zartem geübten Sinn, eine 
der wichtigsten Naturwirkungen entdeckt, ohne sich da- 
von Rechenschaft zu geben. Der Physiker kommt ihm ent- 
gegen und zeigt, wie das Besondere auf dem Allgemeinen 
ruhe. 

Wir gedenken ähnlicher Fälle, die uns überraschten lange 
vorher, ehe die Kenntnis dieser Erscheinung uns erfreute. 
In Rom, wo wir zehen Wochen des allerreinsten Himmels, 
ohne die mindeste Wolke genossen, war es überhaupt gute 
Zeit, Gemälde zu sehen. Ich erinnere mich aber, daß eine 
in meinem Zimmer aufgestellte Aquarellzeichnung mir auf 
einmal so unendlich schön vorkam, als ich sie niemals 
gesehen. Ich schrieb es damals eben dem reinen Himmel 
und einer glücklichen augenblicklichen Disposition der 
Augen zu; nun, wenn ich der Sache wieder gedenke, er- 
innere ich mich, daß mein Zimmer gegen Abend lag, daß 
diese Erscheinung mir des Morgens zuerst auffiel, den 
ganzen Tag aber wegen des hohen Sonnenstandes Platz 
greifen konnte. 

Da nun aber gegenwärtig diese entschiedene Wirkung 
zum Bewußtsein gekommen ist, so können Kunstfreunde 
beim Beschauen und Vorzeigen ihrer Bilder sich und an- 
dern den Genuß gar sehr erhöhen, ja Kunsthändler den 
Wert ihrer Bilder durch Beobachtung eines glücklichen 
Widerscheins unglaublich steigern. 

Wenn uns nun kein Geheimnis blieb, wie wir ein fertiges 
Bild stellen müssen, um solches in seinem günstigsten 
Lichte zu zeigen, so wird der Künstler um so mehr, wenn 
er etwas nachbildet, das oblique Licht vermeiden und seine 
Werkstatt allenfalls mit zwei Fenstern versehen, eines ge- 



Ik 



484 CHROM ATIK 

gen Abend, das andere gegen Norden. Das erste dient 
ihm für die Morgenstunden, das zweite bis zwei, drei Uhr 
Nachmittag, und dann mag er wohl biUig feiern. Es sagte 
jemand im Scherz: der fleißigste Maler müsse seine Werk- 
statt wie eine Windmühle beweglich anlegen, da er denn, 
bei leichtem Drehen um die Achse, wo nicht gar durch 
ein Uhrwerk wie ein umgekehrtes Helioskop, dem guten 
Licht von Augenbhck zu Augenblick folgen könne. 
Ernsthafter ist die Bemerkung, daß im hohen Sommer, 
wo der Himmel schon vor zehen Uhr ringsumher das 
weiße Kreuz gibt und sich bis gegen Abend bei diesem 
günstigen Licht erhält, der Maler, wie durch die Jahres- 
zeit, so auch durch diesen Umstand aufgefordert, am flei- 
ßigsten zu sein Ursache habe. 

Leider muß ich jedoch bei unserer oft umhüllten Atmo- 
sphäre zugleich bekennen, daß die Wirkungen sich oft um- 
kehren und gerade das Gegenteil von dem Gehofiten und 
Erwarteten erfolgen könne; denn so wird z. B. bei den 
Nebelmorgen die Nordseite das weiße Kreuz und also ein 
gutes Licht geben, undderMaler, der hierauf achtete, würde 
sich einiger guten Stunden getrösten können. Deswegen 
sollte jeder Künstler unsern zweiten Apparat in seiner 
Werkstatt haben, damit er sich von den Zuständen und 
Wirkungen der Atmosphäre jederzeitunterrichten undseine 
Maßregeln darnach nehmen könne. 

XLI 

Fromme Wünsche 
Aus dem Bisherigen folgt, daß man, bei einer so müh- 
samen Bearbeitung dieses Gegenstandes, eine lebhaftere 
Teilnahme als bisher hoffen und wünschen muß. 
An die Mechaniker ergeht zuerst unsere Bitte, daß sie sich 
doch möchten auf die Bereitungen entoptischer Tafeln 
legen. Die reinste Glasart aus Quarz und Kali ist hiezu 
die vorzüglichste. Wir haben Versuche mit verschiedenen 
Glasarten gemacht und zuletzt auch mit dem Flintglas, 
fanden aber, daß diese nicht allein häufiger sprangen als 
andere, sondern auch durch die Reduktion des Bleies in- 
nerlich fleckig wurden, obgleich die wenigen Platten, wel- 



DIE ENTOPTISCHEN FARBEN 485 

che an beiden Fehlern nicht litten, die Erscheinung voll- 
kommen sehen ließen. 

Ferner bitten wir die Mechaniker, aus solchen Tafeln, die 
nur 1V4 Zoll im Viereck zu haben brauchen, übereinander 
gelegt, einen Kubus zu bilden und ihn in eine messingene 
Hülse zu fassen, oben und unten ofifen, an deren einem 
Ende sich ein schwarz angelaufener Spiegel im Scharnier 
gleichsam als ein Deckelchen bewegte. Diesen einfachen 
Apparat, womit die eigentlichen Haupt- und Urversuche 
können angestellt werden, empfehlen wir jedem Natur- 
freunde; uns wenigstens kommt er nicht von der Seite. 
Reisenden würden wir ihn besonders empfehlen, denn 
wie angenehm müßte es sein, in einem Lande, wo der 
Himmel monatelang blau ist, diese Versuche von der 
frühesten Morgendämmerung bis zur letzten Abenddäm- 
merung zu wiederholen. Man würde alsdann in den läng- 
sten Tagen auch schon mit einem einfachen Apparat den 
Bezirk um die Sonne, wo der schwarze Kreis erscheint, 
näher bestimmen können; ferner würde, je mehr man sich 
der Linie nähert, zu Mittage rings um den Horizont der 
weiße Kreis vollkommen sichtbar sein. Auf hohen Bergen, 
wo der Himmel immer mehr ein tieferes Blau zeigt, würde 
sehr interessant sein zu erfahren, daß die Atmosphäre, auch 
aus dem dunkelsten Blau den direkten Widerschein zu 
uns herabsendend, immer noch das weiße Kxeuz erzeugt; 
ferner müßte in nördhchen Ländern, wo die Nächte kurz, 
oder wo die Sonne gar nicht untergeht, dieses allgemeine 
Naturgesetz wieder auf eine besondere Weise sich betäti- 
gen. Auch wären bei leichten oder dichteren Nebeln die 
Beobachtungen nicht zu versäumen, und wer weiß was 
nicht alles für Gelegenheiten einem geistreichen Beob- 
achter die anmutigste Belehrung darböten, nicht gerech- 
net, daß er sogar ein heiteres Spielzeug in der Tasche 
trägt, wodurch er jedermann überraschen, unterhalten und 
zugleich ein Phänomen allgemeiner bekannt machen kann, 
welches, als eine der wichtigsten Entdeckungen der neue- 
sten Zeit, immer mehr geachtet werden wird. Wenn nun 
solche muntre Männer in der weiten Welt auf diesen Punkt 
ihre Tätigkeit im Vorübergehen wendeten, so würde es 



486 CHROMATIK 

Akademien der Wissenschaften wohl geziemen, den von 
uns angezeigten vierfachen Apparat fertigen zu lassen, und 
in gleicher Zeit alle übrigen Körper und Einrichtungen, 
die wir in der Farbenlehre zu einfacheren und zusammen- 
gesetzteren Versuchen angedeutet, aufzustellen, damit die 
entoptischen Farben in Gefolg der physiologischen, phy- 
sischen und chemischen vorgezeigt, und die Farbenlehre, 
welche doch eigentlich auf die Augen angewiesen ist, 
endlich einmal methodisch könne vor Augen gestellt 
werden. 

Es würde sodann auch der Vortrag akademischer Lehrer 
in diesem Fache mehr Klarheit gewinnen und dem fri- 
schen Menschenverstände der Jugend zu Hülfe kommen, 
anstatt daß man jetzt noch immer die Köpfe verderben 
muß, um sie belehren zu können. Und gerade in diesem 
Fache, vielleicht mehr als irgendeinem andern, drohet der 
Physik eine Verwirrung, die mehrere Lustra anhalten kann: 
denn indem man das alte Unhaltbare immer noch erhal- 
ten und fortpflanzen will, so dringt sich doch auch das 
neue Wahrhaftige, und war es auch nur in einzelnen Tei- 
len, den Menschen auf; nun kommt die Zeit, wo man je- 
nes nicht ganz verwerfen, dieses nicht ganz aufnehmen 
will, sondern beides einander zu akkommodieren sucht, 
wodurch eine Halbheit und Verderbtheit in den Köpfen 
entsteht, durch keine Logik wieder herzustellen. 

XLII 

Schlußanwendung ^ praktisch 
Zum Schlüsse wiederholen wir, was nicht genug zu wie- 
derholen ist, daß eine jede echte, treu beobachtete und 
redlich ausgesprochene Naturmaxime sich in tausend und 
abertausendFällen bewahrheiten und, insofern sie prägnant 
ist, ihre Verwandtschaft mit ebenso fruchtbaren Sätzen 
betätigen müsse, und eben dadurch überall ins Praktische 
eingreifen werde, weil ja das Praktische eben in verstän- 
diger Benutzung und klugem Gebrauch desjenigen besteht, 
was uns die Natur darbietet. 

Aus dieser Überzeugung fließt unsere Art, die Naturlehre 
zu behandeln; hierauf gründet sich unsere Gewissenhaftig- 



DIE ENTOPTISCHEN FARBEN 487 

fceit, erst die Phänomene in ihrem Urzustände aufzusuchen 
und sie sodann in ihrer mannigfaltigsten Ausbreitung 
und Anwendung zu verfolgen. 

Nach dieser Überzeugung haben wir unsere ganze Chro- 
matik und nun auch das Kapitel der entoptischen Farben 
aufgestellt; die Art unseres Verfahrens ist mit großem Be- 
dacht unternommen, auch die Stellung und Folge der 
Phänomene naturgemäß vorgetragen worden, wodurch wir 
unsere Arbeit den Freunden der Naturwissenschaft aufs 
beste zu empfehlen hoöen; andern, welche mit unserer 
Verfahrungsart unzufrieden, eine Umstellung des Vorge- 
tragenen wünschen, IVe iinpose the easiest of all tasks, that 
of undoing what has been done. 
Jena, den i. August 1820. 

Goethe. 



[NACHTRÄGE ZUR FARBENLEHRE] 

[ZurNaturwissenschaft überhaupt. Ersten Bandes viertes Heft. 1822] 

TABELLARISCHE ÜBERSICHT DER FARBEN- 
LEHRE 



rot 



Berührt im gemeinen 
Sinne von 



Auge 
empfänglich und gegenwirkend 

Berührt im höheren 
Sinne von 

Licht u. Finsterem, ^^^^^^^ '"' blaurot Weiß und Schwarz, 

beide durch Trübe Farbenkreis beide durch Mengung 

gültig atomistisch gemischt 

für alle Erscheinungen erzeugen 

gelb blau Grau 
grün 



dynamisch verbunden 

erzeugen 

Farbe 



Physiologisch. 

Subjektiv, 

unaufhaltsam, flüchtig; 

Vermittlung im 

Subjekt. 



Farbe manifestiert sich 
Physisch. 

Subjektiv und objektiv, 
wandelbar, verschwin- 
dend; Vermittlung 
durchscheinender, 
durchsichtigerKörper. 



Licht erweitert, Fin- 
sternis verengt. 

Helles Bild vergrößert, 
dunkles verkleinert 
sich. 

Helles Bild nähert, 
dunkles entfernt 
sich. 

Licht blendet, Finster- 
nis stellt her. 

Dauer des Eindrucks. 

Umkehrung. 

Verklingen, farbiges. 

Forderungen. 

Blendung, rot; 

Umkehrung, grün. 

Bild, rot, orange, gelb; 

Gegenbild, grün, blau, 
violett. 

Farbiges Licht und 
Schatten ebenso. 



Dioptrisch: 
durchscheinend ohne 
Refraktion und Bild; 
durchsichtig, mit Re- 
fraktion und Bild. 

Katoptrisch: bei be- 
schränktem Zurück- 
werfen. 

Paroptisch: bei kreu- 
zendem Vorbeischei- 
nen. 

Epoptisch: auf der 
Fläche und zwischen 
Flächen. 

Entoptisch: innerhalb 
durchsichtiger Kör- 
per. 



Chemisch. 

Objektiv, 
wandelbar, festzu- 
halten; 
Vermittlung Körper 

aller Art. 



Aktive Seite. 
Gelb, Gelbrot, Pur- 
pur; 
durch Säuren ge- 
steigert. 
Gelb, Gelbrot; 
wärmend, 
Licht entziehend 
Metallkalk nicht 
verändernd. 
Passive Seite. 
Blau, Blaurot, Grün; 
durch Alkalien her- 
abgezogen. 
Blau und Blaurot; 
kältend, 

Licht mitteilend, 
Metallkalk entsäu- 
rend. 



NACHTRÄGE Z. FARBENL.: ALT. EINLEITG. 489 

ÄLTERE EINLEITUNG 

DER Verfasser eines Entwurfes der Farbenlehre wurde 
oft gefragt: warum er seinen Gegnern nicht antworte, 
welche mit so großer Heftigkeit seinen Bemühungen alles 
Verdienst absprechen, seine Darstellungen als mangelhaft, 
seine Vorstellungsart als unzulässig, seine Behauptungen 
als unhaltbar, seine Gründe als unüberzeugend ausschreien. 
Hierauf ward einzelnen Freunden erwidert: daß er von 
jeher zu aller Kontrovers wenig Zutrauen gehabt, deshalb 
er auch seine frühern Arbeiten nie bevorwortet, weil hinter 
einer Vorrede gewöhnlich eine Mißhelligkeit mit dem Le- 
ser versteckt sei. Auch hat er allen öffentlichen und heim- 
lichen Angriffen auf sein Tun und Bemühen nichts ent- 
gegengestellt als eine fortwährende Tätigkeit, die er sich 
nur durch Vermeidung alles Streites, welcher sowohl den 
Autor als das Publikum von der Hauptsache gewöhnhch 
ablenkt, zu erhalten entschlossen blieb; ich habe, sprach 
er, niemals Gegner gehabt, Widersacher viele. 
Ein Autor, der mit etwas Ungewöhnlichem auftritt, ap- 
pelhert mit Recht an die Nachwelt, weil sich ja erst ein 
Tribunal bilden muß, vor dem das Ungewohnte beurteilt 
werden kann, und einen solchen Gerichtshof einzusetzen 
vermag nur die Zeit, welche dem Seltsamsten das Fremde 
abstreift und es als etwas Bekanntes vor uns hinstellt. Ver- 
gleichen wir die Rezensionen des Tags im ästhetischen 
Fache mit denen vor dreißig Jahren, so wird man, wenn 
auch nicht immer einstimmen, doch erstaunen, wie hoch 
das Urteil der Deutschen gestiegen ist, seitdem sie es so 
lange Zeit an den Produktionen einheimischer Schriftsteller 
üben konnten. Denn Fremdes beurteilt niemand, ehe er 
zu Hause einsichtig ist. 

Alles dieses läßt sich auf wissenschaftliche Dinge ebenfalls 
anwenden. Der Verfasser gab vor vielen Jahren die kleine 
Abhandlung über Metamorphose der Pflanzen heraus, man 
wußte nicht recht, was man daraus machen sollte. Pflanzen- 
kenner nahmen sie wo nicht unfreundlich doch kalt auf, man 
ließ das Gesagte höchstens für einen witzigen Einfall gelten 
und gestand dem Verfasser einigen Scharfsinn zu. Er setzte 



49° CHROMATIK 

seine Beobachtungen im stillen fort, erstreckte sie über 
die höheren Organisationen, behandelte die Verwandlung 
der Insekten, welche niemand leugnet, bearbeitete mit 
Fleiß komparierte Osteologie, und indem er etwas davon 
öffentlich mitzuteilen zauderte, hatte er das Vergnügen, zu 
sehen, daß dieselben Ideen, durch natürlichen Geistes- 
fortschritt, sich auch im Publikum entwickelten, dieselben 
Begriflfe sich sonderten und dieselben Überzeugungen sich 
festsetzten, obgleich unter dem Druck der herrschenden 
Vorstellungsart. Kein Forscher leugnet mehr die normalen 
und abnormen Umwandlungen organischer Wesen; die 
Naturgeschichte erhält dadurch neue Aufklärung, die ärzt- 
liche Behandlung einen rationellen Gang. Freihch ist auch 
hier mancher Mißgriff zu bemerken, manche Übereilung, 
wovon sich aber die Wissenschaft, rein fortschreitend, bald 
erholen wird. Man tadelt zwar mit Recht, daß das Wort 
Metamorphose, von dessen Bedeutung man vor zwanzig 
Jahren nichts wissen wollte, schon zur Phrase geworden, 
aber man sei immer zufrieden, daß durch Anregen und 
Auffassen dieses Begriffs so viel Gutes und Heilsames zur 
Klarheit gekommen. 

Ebenso muß es mit der Farbenlehre auch werden; es dauert 
vielleicht noch zwanzig Jahre, bis ein Tribunal sich bildet, 
vor welchem die Sache ventiliert und mit gerechter Ein- 
sicht entschieden werden kann. In diesem Fache läßt sich 
aber keine reine Erfahrungslehre aufstellen, wenn man 
nicht die unreine, hypothetische, falsche Newtonische 
Lehre oder vielmehr ihre Trümmer aus dem Wege räumt: 
denn sie ist gegenwärtig schon aufgelöst, weil man ihr alle 
Entdeckungen, die ihr geradezu widersprechen, dennoch 
anpassen oder sie vielmehr darnach zerren und verstüm- 
meln wollen. So mußte nach Erfindung der achromatischen 
Gläser zur Brechbarkeit noch eine Zerstreubarkeit gesellt 
werden, um sich notdürftig teils im Vortrag, teils in Be- 
rechnungen durchhelfen zu können. 
Die Newtonische Phraseologie ist jedoch schon über hun- 
dert Jahre im Gange, alle alternde Physiker sind darin von 
Jugend auf eingelernt, auch Männern von mittlem Jahren 
ist sie geläufig, weil sie wie eine Art von Scheidemünze 



NACHTRÄGE Z. FARBENL.: Äl/f. EINLEITG. 491 

durchaus gebraucht wird. Dazu kommt noch, daß der Ma- 
thematiker den großen Ruf eines verdienten allgemeinen 
Kunstgenossen nicht möchte ausdrücklich schmälern las- 
sen, wenn er gleich im einzelnen die Irrungen des außer- 
ordentlichen Mannes zugesteht. Noch bis auf den heutigen 
Tag werden junge Leute auf diese Weise ins Halbwahre 
und Falsche eingeweiht, und ich muß daher meinen Nach- 
fahren hinterlassen, die Sache dereinst vor ein kompe- 
tentes Gericht zu bringen, weil ich den gleichzeitigen 
Schöppenstuhl durchaus nicht anerkenne. 
Indessen habe ich, nach Herausgabe jener zwei starken 
Oktavbände, diesem Fache eine kaum unterbrochene Auf- 
merksamkeit gewidmet, trefifliche Mitarbeiter und Freunde 
gewonnen, deren Bemühungen gewiß nicht unfruchtbar 
bleiben werden. Diesen zu Liebe und Fordernis breche ich 
eigentlich mein Stillschweigen: denn ob ich freilichVerzicht 
tue, mich über das Gelingen meines Unternehmens endlich 
zu freuen, so wünsche ich doch durch Gegenwärtiges ge- 
bildete Leser in den Stand zu setzen, vorläufig einzusehen, 
wovon eigentlich die Rede ser, nicht damit sie die Sache 
beurteilen, sondern den Grund einsehen des Beharrensauf 
meinerVorstellungsart, trotz allemWiderspruch derWissen- 
schaftsverwandten und zum Verdruß aller Gildemeister. 

Jene bei den Bände führen den etwas sonderbaren Titel: Zur 
Farbenlehre, wodurch ausgedrückt wird, daß es nur eine 
Vorarbeit sein soll. Auch ist die erste Abteilung des ganzen 
V^erkts Entwurf einer Farbenlehrehtixitli, woraus hervor- 
geht, daß man eine völlig ausgebildete Lehre vorzutragen 
sich nicht anmaße. Dagegen kann man von einer solchen 
Vorarbeit verlangen, daß sie bis auf einen gewissen Grad 
zulänglich sei, daß sie dem Nacharbeitenden manche Mühe 
erspare; wozu denn zweierlei erforderlich ist, erstlich daß 
die Phänomene fleißig gesammelt, sodann daß sie in einer 
gewissen faßlichen Ordnung aufgestellt werden. Was das 
erste betrifft, so habe ich mit aller Aufmerksamkeit die 
sämtlichen Erscheinungen, die mir seit vielen Jahren be- 
kannt geworden, nachdem ich sie erst mit Augen gesehen, 
im Sinne betrachtet, im Geiste geprüft, in meinen didak- 



492 CHROMATIK 

tischen Kreis aufgenommen, und fahre fort im stillen 
nachzutragen, was mir teils verborgen geblieben, teils neu- 
entdeckt und bestätigt worden. Jeder Wohlwollende kann 
dasselbige tun, denn hiezu, wie zu andern Zwecken, ist 
die Einteilung in Paragraphen beliebt worden. Doch würde 
diese zu bequemer Faßlichkeit nicht hinreichend sein, 
wären die Erscheinungen nicht in gewisse Fächer, nach 
natürlicher Verwandtschaft, geteilt und zugleich gesondert 
und aneinander gereiht worden. Diese Einteilung geht 
dergestalt aus der Sache selbst hervor, daß sie von er- 
fahrenen und denkenden Männern gewissermaßen ge- 
braucht worden, schon vor der unseligen Newtonischen 
Theorie und auch nachher, als diese die Welt in pfäffi- 
schen Aberglauben verhüllt hatte. 

Der Abteilungen sind drei. Die erste enthält diejenigen 
Farben, welche dem Auge selbst angehören, indem sie 
schon durch farblose Anregung von außen entspringen 
und die Gegenwirkung des Auges gegen äußere Eindrücke 
betätigen. Es sind also solche, die der Person, dem Be- 
schauer, dem Betrachter eigens angehören, und verdienen 
daher den ersten Rang; wir nennen sie die physiologischen. 
In die dritte Abteilung sind solche gestellt, die wir dem 
Gegenstande zuschreiben müssen. Sie werden an Körpern 
hervorgebracht, verändern sich bei veränderten Eigen- 
schaften des Körpers, sie können an denselben für ewige 
Zeiten fixiert werden und sind penetrativ; man nennt sie* 
die chemischen, weil der sie hervorbringende Prozeß ein 
allgemein chemischer ist, der sich an allem Körperlichen 
dieser Welt manifestiert, deswegen denn nicht allein die 
eigentlich chemischen Farben, sondern auch solche, die 
sich an organischen Körpern zeigen und sich gleichen 
Gesetzen unterwerfen, hieher geordnet sind. Die zweite 
Klasse enthält nun die Phänomene, welche vermittlend 
zwischen denen der ersten und dritten stehen. Man hat 
solche die scheinbaren genannt, weil gewisse Mittel, unter 
gewissen Bedingungen, dem Auge Farbenerscheinungen 
darbringen, welche dem vermittlenden Körper nicht an- 
gehören, indem derselbe, sobald die Bedingung aufhört, 
farblos erscheint. 



NACHTRÄGE Z. FARBENL.: ALT. EINLEITG. 493 

Der echte und aufrichtige Wissenschaftsfreund findet nun 
hier ein dreifach Geschäft: ersthch, zu untersuchen, ob die 
Phänomene vollständig aufgezeichnet sind, und er wird das 
Fehlende nachbringen; sodann, ob ihm die Methode be- 
hage, nach welcher sie gereiht sind: ist diese seiner Denk- 
art nicht gemäß, so mag er nach einer andern die Erschei- 
nungen umordnen, und wir wünschen ihm Glück dazu! 
Schließlich wird er aufmerken, inwiefern eine von uns 
neubeliebte Terminologie mit den Phänomenen überein- 
stimme und inwiefern eine gewisse theoretische Ansicht, 
ohne welche weder Benennung noch Methode denkbar ist, 
naturgemäß erscheinen könne. Durch alles dieses würde 
er meinen Dank verdienen, aber nicht als Gegner auf- 
treten. 

Ebenso verhält es sich mit den allgemeinen Ansichten 
nach außen und was über nachbarliche Verhältnisse zu 
andern Wissenschaften gesagt ist. Was ich zuletzt über 
sinnlich- sittliche Wirkung der Farben geäußert und da- 
durch das Wissenschaftliche an die bildende Kunst ange- 
schlossen habe, findet weniger Anfechtung, ja man hat es 
brauchbar gefunden; wie man denn überhaupt meiner Ar- 
beit schon die Ehre antut, sie hie und da zu benutzen, 
ohne gerade meiner dabei zu gedenken. 
Als Materialien zur Geschichte der Farbenlehre ist alles, 
was ich deshalb gesammelt, was ich dabei gedacht und 
wie es mir vorgekommen, den Jahren nach zusammen- 
gereiht. Auch hier findet der Freund des Wahren gar man- 
cherlei Beschäftigung: er wird, wie ich seit jener Zeit auch 
selbst getan, gar manches Übersehene nachtragen, Lücken 
ausfüllen, die Meinung aufklären und in Gang und Schritt 
dieser geschichtlichen Wanderung mehr Gleichheit brin- 
gen; auch dadurch wird er mich verbinden und kann, in- 
dem er mich unterrichtet und belehrt, niemals mein Gegner 
werden. 

Was nun aber zuletzt die Anhänger Newtons betrifift, so 
sind auch diese nicht meine Gegner, ich aber bin der ihrige. 
Ich behaupte, daß ihr altes Kastell, schon durch die Zeit 
sehr angegrifien, nicht lange mehr bestehen kann, und ich 
bekenne, daß ich alles beizutragen Lust habe, damit es je 



494 CHROMATIK 

eher je lieber zusammenstürze. Mir aber können sie nichts 
zerstören, denn ich habe nicht gebaut; aber gesäet habe 
ich und so weit in die Welt hinaus, daß sie die Saat nicht 
verderben können und wenn sie noch so viel Unkraut zwi- r 
sehen den Weizen säen. 

Was man jedoch mit mehr Grund von mir fordern könnte 
und was ich wohl noch zu leisten wünschte, wäre ein dritter, 
ein Supplementarband, in welchem als Nachtrag erschiene 
alles, was mir zeither von altern und neuern Erfahrungen 
noch bekannt geworden, sodann, inwiefern ich meine Vor- 
stellung über diese Dinge erprobt gefunden oder ver- 
ändert. 

Hiezu würde die Geschichte der Farbenlehre, vom An- 
fang des Jahrhunderts bis auf den letzten Tag, vor allen 
Dingen erforderlich sein, wobei ich versuchen würde, meine 
Widersacher so zu behandeln, als wenn wir sämtlich, aus 
der Region des Blinzens und Meinens, schon lange in die 
Regionen des Schauens und Erkennens übergegangen wä- 
ren. Hieran würde sich schließen die Anwendung meiner 
einfachen Darstellung, um nicht zu sagen Grundsätze, auf 
kompliziertere Phänomene, deren Erwähnung ich bisher 
mit Fleiß vermieden; besonders eine neue Entwicklung 
des Regenbogens. Dieses ist gerade das Phänomen, worauf 
sich die mathematische Physik am meisten zugute tut. 
Hier, versichert man, trefife die Rechnung mit der Theorie 
vollkommen zusammen. 

Es ist belehrend, daß so viele tief- und scharfsinnige 
Männer nicht einsahen, wie eine Berechnung mit dem 
Phänomen vollkommen übereinstimmen kann und des- 
wegen gleichwohl die das Phänomen erklärende Theorie 
falsch sein dürfte. Im Praktischen gewahren wirs jeden 
Tag, doch in der Wissenschaft sollten auf der Höhe der 
Philosophie, auf der wir stehen und, obgleich mit einigem 
Schwanken, gegründet sind, dergleichen Verwechslungen 
nicht mehr vorkommen. 

Jener Supplementband, den ich selbst an mich fordere, 
aber leider nicht verspreche, sollte nun ferner enthalten 
das Verzeichnis eines vollkommenen Apparats, den jeder 
nicht allein besitzen, sondern jederzeit zu eigenem und 



NACHTRÄGE Z. FARBENL.: ALT. EINLEITG. 495 

fremdem Gebrauch benutzen könnte. Denn es ist nichts 
jammervoller als die akademisch-optischen Apparate, wel- 
che das Jahr über verstauben und verblinden, bis das Ka- 
pitel an die Reihe kommt, wo der Lehrer kümmerliche 
Versuche von Licht und Farben gerne darstellen möchte, 
wenn nur die Sonne bei der Hand wäre. Es kann sein, 
daß irgendwo etwas einigermaßen Hinreichendes vorge- 
zeigt werde, immer geschiehts aber nur nach dem kümmer- 
Hchen Anlaß der Kompendien, in welchen sich die New- 
tonische Lehre, die doch anfangs wenigstens ein Abra- 
kadabra war, zu unzusammenhängenden Trivialitäten ver- 
schlechtert. Die Zeugnisse hievon stehen schon im zweiten 
Bande des Werkes Zur Farbenlehre, und in den Sessions- 
berichten des künftigen Gerichts wird bei dieser Gelegen- 
heit öfters stehen: man lacht! 

Ein solches Verzeichnis des notwendigen Apparats wird 
ausführlich aufzusetzen sein, da meine sämtlichen Vor- 
richtungen mit den Büttnerschen und älteren fürsthchen 
Instrumenten vereinigt, in Jena aufgestellt, einen voll- 
ständigen Vortrag der Farbenlehre möghch machen wer- 
den. Jeder Studierende fordere auf seiner Akademie vom 
Professor der Physik einen Vortrag sämtlicher Phänomene, 
nach beliebiger Ordnung; fängt dieser aber den bisherigen 
Bocksbeutel damit an: ,,Man lasse durch ein kleines Loch 
einen Lichtstrahl usw." so lache man ihn aus, verlasse die 
dunkle Kammer, erfreue sich am blauen Himmel und am 
glühenden Rot der untergehenden Sonne nach unserer 
Anleitung. 

Auch würde jener intentierte Supplementband noch man- 
ches andere nachbringen, was einem verziehen wird, der 
nicht viel Zeit hat, das, was ihm zu sagen wichtig ist, in 
leserliche Phrasen einzukleiden. 



496 CHROMATIK 



NEUERE EINLEITUNG 



NACH abgeschlossenem entoptischen Vortrag, dessen 
Bearbeitung uns mehrere Jahre beschäftigt, nach dem 
frischen Beweis, daß an unsere Farbenlehre sich jede neu 
entdeckte Erscheinung freundhch anschließt, ins Ganze 
fügt und keiner besondern theoretischen Erklärung be- 
darf, finden wir der Sache geraten, manches Einzelne, was 
sich bisher gesammelt, hier gleichfalls darzulegen und in 
jene Einheit zu verschlingen. Den Hauptsinn unseres gan- 
zen Vorhabens wiederholen wir daher, weil das meiste, 
was bis jetzt über Farbe öffentlich gesagt worden, auf das 
deutlichste zeigt, daß man meine Bemühungen entweder 
nicht kennt oder ignoriert, nicht versteht oder nicht ver- 
stehen will. 

Und so wird es nicht zu weit ausgeholt sein, wenn wir 
sagen: daß unsere ältesten Vorfahren, bei ihrer Natur- 
beschauung, sich mit dem Phänomen begnügt, dasselbe 
wohl zu kennen getrachtet, aber an Versuche, wodurch 
es wiederholt würde, wodurch sein Allgemeineres zutage 
käme, nicht gedacht. Sie beschauten die Natur, besuchten 
Handwerker und Fabrikanten und belehrten sich, ohne sich 
aufzuklären. Sehr lange verfuhr man so: denn wie kind- 
hch war noch die Art von Versuch, daß man in einem 
ehernen Kessel Eisenfeilspäne durch einen untergehal- 
tenen Magnet gleichsam sieden ließ. 
In der Zwischenzeit wollen wir uns nicht aufhalten und 
nur gedenken: wie im 15. und 16. Jahrhundert die unend- 
lichste Masse von einzelnen Erfahrungen auf die Menschen 
eindrang, wie Porta Kenntnisse und Fertigkeiten viele 
Jahre durch in der ganzen Welt zusammensuchte, und wie 
Gilbert am Magneten zeigte, daß man auch ein einzelnes 
Phänomen in sich abschließen könne. 
In demselben Zeitraum zeigte Baco auf das lebhafteste 
zur Erfahrung hin und erregte das Verlangen, unzählbaren 
und unübersehbaren Einzelnheiten nachzugehn. Immer 
mehr und mehr beobachtete man; man probierte, ver- 
suchte, wiederholte; man überdachte, man überlegte zu- 
gleich, und so kam ein Wissen zur Erscheinung, von dem 



NACHTRÄGE Z. FARBENL.: NEUERE EINLTG. 497 

man vorher keinen Begriff gehabt hatte. Weil dies aber 
nicht vorübergehen, sondern das einmal Gefundene fest- 
gehalten und immer wieder dargestellt werden sollte, so 
befleißigte man sich schon in der zweiten Hälfte des 17, 
Jahrhunderts notdürftig verbesserter Instrumente, und es 
fanden sich Personen, die aus dem Handhaben derselben 
eine Art von Gewerbe machten. Dies alles war gut und 
löbhch, aber die Lust zu theoretisieren, gegen welche Baco 
sich so heftig geäußert hatte, kann und darf den Menschen 
nicht verlassen; und so groß ist die Macht des Gedan- 
kens, er sei wahr oder falsch, daß er die Erfahrung mit 
sich fortreißt: daher denn auch gesteigerte und verwickelte 
Maschinen der Theorie zu Diensten sein und dem Wahren 
wie dem Falschen zur Bestätigung und Gründung dienen 
mußten. Nirgends war dieses umgekehrte Verfahren trau- 
riger als in der Farbenlehre, wo eine ganz falsche, auf ein 
falsches Experiment gegründete Lehre durch neue, das 
Unwahre stets verbergende und die Verwirrung immer 
vermehrende, verwickeitere Versuche unzugänglich ge- 
macht und vor dem reinen Menschenverstand düster ver- 
hüllt ward. 

Da ich in die Naturwissenschaft als Freiwilliger hinein- 
kam, ohne Aussicht und Absicht auf einen Lehrstuhl, wel- 
chen besteigend man denn doch immer bereit sein muß 
ebensogut dasjenige vorzutragen, was man nicht weiß, als 
das, was man weiß, und zwar um der lieben Vollständig- 
keit willen, so konnte ich dagegen auf eine andere Voll- 
ständigkeit denken, auf den Baconischen Weg zurück- 
kehrend und die sämtlichen Phänomene, so viel ich ihrer 
gewahr werden konnte, sammlend, welches ohne eine ge- 
wisse Ordnung, ohne ein Neben-, Über- und Unterein- 
ander, für den denkenden Geist unmöglich ist. 
Wie ich in der Farbenlehre gehandelt, liegt jedermann vor 
Augen, der es beschauen will, das Fachwerk, das ich be- 
liebt, wüßte ich noch jetzt nicht zu verändern; noch jetzt 
gibt es mir Gelegenheit, Verwandtes mit Verwandtem zu 
gesellen, wie die entoptischen Farben bezeugen mögen, 
die, als neu entdeckt, sich in meinen übrigen Vortrag ein- 
schalten lassen, eben als hätte man sie gleich anfangs in 

GOETHE XVII 32. 



49« CHROMATIK 

Betracht gezogen. Hiedurch finde ich mich also berechtigt, 
ja genötigt, was ich etwa nachzubringen habe, in der- 
selben Ordnung aufzuführen: denn es kommt hier nicht 
darauf an, 'durch eine Hypothese die Erscheinungen zu 
verrenken, sondern die klaren natürlichen Rechte einer 
jeden anzuerkennen und ihr den Platz in der Stadt Gottes 
und der Natur anzuweisen, wo sie sich denn gern hin- 
stellen, ja niederlassen mag. Und wie sollte man einen so 
großen, errungenen und erprobten Vorteil aufgeben, da 
jedermann, der ein Instrument erfunden, das ihm in der 
Ausübung besondere Bequemlichkeit gewährt, aber an- 
dern unbekannt ist, solches bekannt zu machen sucht, 
entweder zu seiner Ehre oder, wenn er das Glück hat 
ein Engländer zu sein, nach erlangtem Patent zu seinem 
zeitlichen Gewinn. Lasse man mich also auch die Vor- 
teile wiederholt an Beispielen praktisch aussprechen, die 
mir aus der Methode zufließen, wornach ich die Farben- 
lehre gebildet. Sobald ich nämlich die Haupt- und Grund- 
phänomene gefunden und, wie sie sich verzweigen und 
aufeinander beziehen, geordnet hatte, so entstanden wahr- 
haft geistige Lokate, in welche man gar leicht den beson- 
dern Fall dem allgemeinen Begriff unterzuordnen und das 
Vereinzelte, Seltsame, Wunderbare in den Kreis des Be- 
kannten und Faßlichen einzuschließen fähig wird. 
Zu leichterer Übersicht ist deshalb eine Tabelle^ voraus- 
geschickt. 



Physiologe Farben 

Diese sind es, die als Anfang und Ende aller Farbenlehre 
bei unserm Vortrag vorangestellt worden, die auch wohl 
nach und nach in ihrem ganzen Wert und Würde aner- 
kannt und, anstatt daß man sie vorher als flüchtige Augen- 
fehler betrachtete, nunmehr als Norm und Richtschnur 
alles übrigen Sichtbaren festgehalten werden. Vorzüglich 
aber ist darauf zu achten, daß unser Auge weder auf das 

1 Vgl. Seite 488. 



NACHTRÄGE Z. FARBENL.: NEUERE EINLTG. 499 

kräftigste Licht noch auf die tiefste Finsternis eingerich- 
tet; jenes blendet, diese verneint im Übennaß. Das Organ 
des Sehens ist, wie die übrigen, auf einen Mittelstand an- 
gewiesen. Hell, Dunkel und die zwischen beiden entsprin- 
genden Farben sind die Elemente, aus denen das Auge 
seine Welt schöpft und schafft. Aus diesem Grundsatz 
fließt alles übrige, und wer ihn auffaßt und anwenden 
lernt, wird sich mit unserer Darstellung leicht befreunden. 

I 

Hell und Dunkel im Auge bleibend 
Hell und Dunkel, welche, eins oder das andere, auf das 
Auge wirkend, sogleich ihren Gegensatz fordern, stehn 
vor allem voran. Ein dunkler Gegenstand, sobald er sich 
entfernt, hinterläßt dem Auge die Nötigung, dieselbe Form 
hell zu sehen. In Scherz und Ernst führen wir eine Stelle 
aus Faust an, welche hierher bezüglich ist. Faust und 
Wagner auf dem Felde, gegen Abend, spazierend bemer- 
ken einen Pudel. 

Faust 
Siehst du den schwarzen Hund durch Saat und Stoppel streifen'? 

Wagner 
Ich sah ihn lange schon, nicht wichtig schien er mir. 

Faust 
Betracht ihn recht! Für was hältst du das Tier? 

Wagner 
Für einen Pudel, der auf seine Weise 
Sich auf der Spur des Herren plagt. 
Faust 
Bemerkst du, wie in weitem Schneckenkreise 
Er um uns her und immer näher jagt? 
Und irr ich nicht, so zieht ein Feuerstrudel 
Auf seinen Pfaden hinterdrein. 

Wagner 
Ich sehe nichts als einen schwarzen Pudel; 
Es mag bei Euch wohl Augentäuschung sein. 

Vorstehendes war schon lange, aus dichterischer Ahnung 
und nur im halben Bewußtein geschrieben, als, bei ge- 
mäßigtem Licht, vor meinem Fenster auf der Straße, ein 
schwarzer Pudel vorbeilief, der einen hellen Lichtschein 
nach sich zog: das undeutliche, im Auge gebliebene Bild 
seiner vorübereilenden Gestalt. Solche Erscheinungen sind 



500 CHROMATIK 

um desto angenehm-überraschender, als sie gerade, wenn 
wir unser Auge bewußtlos hingeben, am lebhaftesten und 
schönsten sich anmelden. 

2 

Weiteres Beispiel 
Wo ich die gleiche Erscheinung auch höchst auffallend 
bemerkte, war, als bei bedecktem Himmel und frischem 
Schnee die Schlitten eilend vorbeirutschten; da denn die 
dunklen Kufen weit hinter sich die klarsten Lichtstreifen 
nachschleppten. Niemand ist, dem solche Nachbilder nicht 
öfters vorkämen, aber man läßt sie unbeachtet vorüber- 
gehn; jedoch habe ich Personen gekannt, die sich deshalb 
ängstigten und einen fehlerhaften Zustand ihrer Augen 
darin zu finden glaubten, worauf denn der Aufschluß, den 
ich geben konnte, sie höchst erfreulich beruhigte. 

3 

Eintretende Reflexion 
Wer von dem eigentlichen Verhältnis unterrichtet ist, be- 
merkt das Phänomen öfters, weil die Reflexion gleich ein- 
tritt. Schiller verwünschte vielmal diese ihm mitgeteilte 
Ansicht, weil er dasjenige überall erblickte, wovon ihm 
die Notwendigkeit bekannt geworden. 

4 
Komplementare Farben 

Nun erinnern wir uns sogleich, daß ebenso wie Hell und 
Dunkel auch die Farben sich ihrem Gegensatze nach un- 
mittelbar fordern, so daß, nämlich im Satz und Gegensatz, 
alle immer zugleich enthalten sind. Deswegen hat man 
auch die geforderten Farben, nicht mit Unrecht, komple- 
mentäre genannt, indem die Wirkung und Gegenwirkung 
den ganzen Farbenkreis darstellt, so daß, wenn wir, mit 
den Malern und Pigmentisten, Blau, Gelb und Rot als 
Hauptfarben annehmen, alle drei in folgenden Gegen- 
sätzen immer gegenwärtig sind: 

Gelb Violett 

Blau Orange 

Rot Grün. 



NACHTRÄGE Z. FARBENL.: NEUERE EINLTG. 501 

Von diesen Phänomenen bringen wir einige in Erinnerung 
besonderer Umstände wegen, die sie merkwürdig machen. 

5 
Leuchtende Blumen 
Sehr erfreulich ist es, in den Stockholmer Abhandlungen, 
Band XXIV, Seite 291, zu lesen: daß ein Frauenzimmer 
das Blitzen der rotgelben Blumen zuerst entdeckt habe, 
denn dort heißt es: „Die feuergelben Blumen des Tropä- 
olum majus L. blitzen jeden Abend vor der Dämmerung, 
wie solches die Fräulein Tochter des Ritters Carl vonLinne, 
Elisabeth Christina, auf ihres Herrn Vaters Landgute, Ha- 
marby, eine Meile von Upsala, in Gesellschaft anderer, 
in dem Garten beobachtet hat. Dieses Blitzen besteht in 
einem plötzlichen Hervorschießen des Glanzes, daß man 
sich es nicht schneller vorstellen kann." 
Die Blumen, an welchen, außer dem Tropäolum, die gleiche 
Erscheinung bemerkt wurde, waren die Calendel, Feuer- 
lilie, Taygetes und manchmal die Sonnenblume. Mit vollem 
Rechte läßt sich aber der orientalische Mohn hinzutun, wie 
ich in meinem Entwurf der Farbenlehre § 54 umständlich 
erzählt habe und solches hier einrücke, da wenigen meiner 
Leser jenes Buch zur Hand sein möchte. 
,,Am 19. Junii 1799, als ich, zu später Abendzeit, bei der 
in eine klare Nacht übergehenden Dämmerung, mit einem 
Freunde im Garten auf und ab ging, bemerkten wir sehr 
deutlich an den Blumen des orientalischen Mohns, die vor 
allen andern eine mächtig-rote Farbe haben, etwas Flam- 
menähnliches, das sich in ihrer Nähe zeigte. Wir stellten 
uns vor die Stauden hin, sahen aufmerksam darauf, konnten 
aber nichts weiter bemerken, bis uns endlich bei abermali- 
gem Hin- und Wiedergehen gelang, indem wir seitwärts 
darauf blickten, die Erscheinung so oft zu wiederholen, 
als uns beliebte. Es zeigte sich, daß es ein physiologi- 
sches Farbenphänomen, und der scheinbare Blitz eigent- 
lich das Scheinbild der Blume, in der geforderten blau- 
grünen Farbe sei." 



502 CHROMATIK 

6 

Weitergeführt und ausgelegt 
Ist uns nun aber einmal die Ursache dieses Ereignisses be- 
kannt, so überzeugt man sich, daß unter gar vielen andern 
Bedingungen dasselbige hervorzubringen sei. Am Tage in 
dem blumenreichen Garten auf und ab gehend, bei ge- 
mäßigtem Licht, sogar beim hellen Sonnenschein, wird 
der aufmerksame Beobachter solche Scheinbilder gewahr; 
nur, wenn man die Absicht hat sie zu sehen, fasse man 
dunkle Blumen ins Auge, welche den besten Erfolg ge- 
währen. Die Purpurfarbe einer Päonie gibt im Gegensatz 
ein helles Meergrün; das violette Geranium ein gelblich 
grünes Nachbild; einen dunklen Buxbaumstreifen der Ra- 
batteneinfassung kann man, durch Abwendung des Auges, 
auf den Sandweg, hell violett projizieren und mit einiger 
Übung sich und andere von der Konstanz dieses Phäno- 
mens überzeugen. Denn ob wir gleich ganz unbewußt und 
unaufmerksam diese Erscheinungen vielleicht am lebhaf- 
testen gewahr werden, so hängt es doch auch von unserm 
Willen ab, dieselben vollkommen in jedem Augenbhek 
zu wiederholen. 

7 
Wechselseitige Erhöhung 
Wenn nun Hell und Dunkel, so wie die obgenannten sich 
fordernden Farben, wechselseitig hervortreten, sobald nur 
eine derselben dem Auge geboten wird, so folgt daraus, 
daß sie sich wechselseitig erhöhen, wenn sie nebenein- 
ander gestellt sind. Was Hell und Dunkel betrifift, so gibt 
folgender Versuch eine überraschend-angenehme Er- 
scheinung: 

Man habe graues Papier von verschiedenen aufeinander 
folgenden Schattierungen, man klebe Streifen desselben, 
der Ordnung nach, nebeneinander; man stelle sie vertikal, 
und man wird finden: daß jeder Streifen an der Seite, wo 
er ans Hellere stößt, dunkler, an der Seite, mit der er ans 
Dunkle stößt, heller aussieht; dergestalt daß die Streifen 
zusammen dem Bilde einer kannelierten Säule, die von 
einer Seite her beleuchtet ist, völlig ähnlich sehen. 



NACHTRÄGE Z. FARBENL.: NEUERE EINLTG. 503 

Physische Farben 

8 
Falsche Ableitung des Himmelblauen 
Zu traurigen Betrachtungen gibt es Anlaß, wenn man in 
der Naturlehre, nach Anerkennung eines wahren Prinzips, 
solches alsobald falsch anwenden sieht. Die physiologen 
Farben sind kaum eingestanden und dadurch die Chro- 
matik im Subjekt gegründet, so schwärmt man schon wieder 
umher und zieht Erscheinungen heran, die in ein ganz 
ander Kapitel gehören. Die Heidelberger Jahrbücher der 
Literatur, 12. Jahrgang, 10. Heft, sprechen von Munkes 
Anfangsgründen der Naturlehre und äußern sich folgen- 
dermaßen: 

,, Namentlich sind in der Optik die gefärbten Schatten, so 
wie die Bläue des Himmels als subjektive Farben darge- 
stellt, und findet für die letztere Behauptung, daß die at- 
mosphärische Luft nicht blau gefärbt sei, sondern nur durch 
subjektive Farbenbildung blau und über den hochrot ge- 
färbten Bergspitzen grün erscheine, unter andern der ein- 
fache Grund statt, daß der blauste Himmel, mit einem 
Auge frei, mit dem andern durch ein schwarz gefärbtes 
enges Rohr betrachtet, bloß dem freien Auge blau er- 
scheint." 

Daß die farbigen Schatten zu den subjektiven Farben ge- 
hören, daran ist wohl kein Zweifel; indem aber die Hei- 
delberger Jahrbücher der nachfolgenden grundlosen Be- 
hauptung das Himmelblau betreffend Beifall geben, so 
retardieren sie, wie schon vormals geschehen, die Aus- 
breitung der echten Farbenlehre. Gar sehr wünschten wir, 
Rezensent hätte dagegen Hrn. Munke zurechtgewiesen und 
uns die Mühe erspart, abermals zu wiederholen: die Him- 
melsbläue gehört in das Kapitel von der Trübe; man sehe 
Goethes Farbenlehre § 155 und folgende, wo sich alles 
natürlich entwickelt. Wie es aber irgendjemand einfallen 
könne, diese Bläue für eine subjektive Farbe anzusprechen, 
ist demjenigen unbegreiflich, der es weiß, daß physiologe 
Farbe aus einer Wechselwirkung entspringt, wo denn eine 
Erscheinung die andere notwendig voraussetzt. 



504 CHROMATIK 

Das reine Hellblau wird durch seinen Gegensatz, das 
Gelbrote, gefordert; nun möcht ich doch einmal die orange- 
farbne Welt sehen, die das Auge nötigte, den Himmel blau 
zu erblicken! Unter allen Bedingungen erscheint uns der 
reine Himmel blau, wir mögen ihn über alten Schindel- 
und Strohdächern, überZiegel-undSchieferdächern sehen; 
hinter jedem kahlen, unbewachsenen, grauen Berge, über 
dem düstersten Fichtenwald, über dem muntersten Bu- 
chenwald erscheint am heitern Tage der Himmel gleich 
blau, ja aus einem Brunnen heraus müßte er ebenso er- 
scheinen. Hier also kann von keiner geforderten Farbe 
die Rede sein. 

Wenden wir uns nun zu dem vorgeschriebenen Versuch, 
welcher jene Meinung begründen soll, so finden wir, daß 
Herr Munke sich ebenso im Sehen wie im Denken über- 
eilt hat; wie denn immer eins aus dem andern zu folgen 
pflegt. Nehme ich, nach dem Himmel schauend, vor das 
eine Auge ein Rohr und lasse das andere frei, so ist jenes 
vor allem eindringenden Licht geschützt, ruhiger und 
empfänglicher und sieht also die Himmelsbläue heller; 
da nun aber in unsern nördlichen Gegenden sehr selten 
die Atmosphäre ein vollkommenes Blau sehen läßt, so 
kann ein helleres, blasseres Blau gar leicht für weißlich, 
ja für farblos gehalten werden. 

Mit einer jeden reinblauen Tapete läßt sich derselbe Ver- 
such wiederholen; das freie Auge wird sie dunkler sehen 
als das geschützte. Vermannigfaltiget nun, nach des experi- 
mentierenden Physikers erster Pflicht, den Versuch immer 
weiter, so werdet ihr finden, daß das Gesagte nicht allein 
vom Blauen, sondern von allem Sichtbaren gelte; es gilt 
vom Weißen, von allen Stufen des Grauen bis ins Schwarze, 
von allen Farbenstufen, reinern und unreinem. Jedes Ge- 
sehene wird dem beruhigten Auge immer heller und folg- 
lich auch deutlicher erscheinen, als dem Auge, welches 
von allen Seiten Licht empfängt. Jede Papierrolle, sie 
braucht gar nicht einmal inwendig geschwärzt zu sein, setzt 
uns jeden Augenblick in den Stand, diesen einfachsten 
aller Versuche anzustellen; man nehme sie vor das eine 
Auge und bhcke zugleich mit dem andern freien umher 



NACHTRÄGE Z. FARBENL.: NEUERE EINLTG. 505 

im Zimmer oder in der Landschaft, so wird man die Wahr- 
heit des Gesagten erfahren. Das freie Auge sieht den 
frischgefallnen Schnee grau, wenn er dem durch die Rolle 
geschützten glänzend und beinahe blendend erscheint. 
Kaum aber bedarf es der Rolle: man sehe durch die als 
Röhre zusammengebogenen Finger, und eine zwar schwä- 
chere, doch gleiche Wirkung wird erfolgen, wie jeder 
Kunstfreund weiß, der bei Beschauung von Gemälden diese 
natürlich-leichte Vorrichtung sogleich zur Hand hat. 
Schließlich gedenken wir noch eines ganz einfachen Appa- 
rats, dessen wir uns in Bildergalerien bedienen und wel- 
cher uns vollkommen überzeugen kann, daß die Himmels- 
bläue keine subjektive Farbe sei. 

Man verfertige ein Kästchen von Blech oder Pappe, das. 
vorn offen, hinten zwei, den beiden Augen korrespon- 
dierende, kurze Röhren habe und inwendig schwarz ge- 
färbt sei; hiedurch schließe man alle irdischen Gegen- 
stände aus, beschaue mit beiden Augen den reinen Him- 
mel, und er wird vollkommen blau erscheinen. Wo ist denn 
aber nun das Pomeranzengelb, um jenen Gegensatz her- 
vorzurufen: 

Hierher gehört auch nachstehende Erfahrung. Es ist mir 
oft auf Reisen begegnet, daß ich, in der Postchaise sitzend, 
am hellen Sonnentage eingeschlafen bin, da mir denn, 
beim Erwachen, die Gegenstände, welche zuerst in die 
Augen fielen, überraschend hell, klar, rein und glänzend 
erschienen, kurz darnach aber, auf die gewohnte Weise, 
w ieder in einem gemäßigten Lichte sich darstellten. 

9 

Trüber Schmelz auf Glas 
Da sich uns nun abermals aufdringt, wie nötig es ist, die 
Lehre vom Trüben, woraus alle physische Farbenphäno- 
mene sich entwickeln lassen, weiter zu verbreiten und 
die erfreulich -überraschende Erscheinung vor jedermanns 
Auge zu bringen, so sei Folgendes hier denen gesagt, welche 
zu schauen Lust haben, den Wahnlustigen kann es nichts 
helfen. 
Schon in der alten Glasmalerei, welche ihren großen Effekt 



5o6 CHROMATIK 

den Metallkalken verdankt, findet man einen trüben 
Schmelz, welcher, auf Glas getragen, bei durchschei- 
nendem Lichte ein schönes Gelb hervorbringt; zu diesem 
Zwecke ward er auch daher benutzt. Die blaue Erschei- 
nung dagegen, bei auffallendem Licht und dunklem Grunde, 
kam dabei zwar nicht in Betracht; ich besitze jedoch eine 
solche Scheibe, durch die Gunst des Herrn Achim von 
Arnim, wo gewisse Räume beim durchscheinenden Licht, 
der Absicht des Malers gemäß, ein reines Gelb, in der 
entgegengesetzten Lage ein schönes Violett, zur Freude 
des Physikers, hervorbringen. 

In der neuern Zeit, wo die Glasmalerei wieder sehr löb- 
lich geübt wird, habe ich auf Wiener und Karlsbader 
Trinkgläsern dieses herrliche Phänomen in seiner größten 
Vollkommenheit gesehen. Am letztern Orte hat der Glas- 
arbeiter Mattoni den guten Gedanken gehabt, auf einem 
Glasbecher eine geringelte Schlange mit einer solchen 
Lasur zu überziehen, welche, bei durchscheinendem Licht 
oder auf einen weißen Grund gehalten, hochgelb, bei auf- 
scheinendem Licht und dunklem Grunde aber das schönste 
Blau sehen läßt. Man kann sogar durch eine geringe Be- 
wegung, indem man das Gelbe zu beschatten und das 
Blaue zu erhellen weiß, Grün und Violett hervorbringen. 
Möge der Künstler dergleichen viele in Bereitschaft haben, 
damit Badegäste sowohl als Durchreisende sich mit sol- 
chen Gefäßen versehen können, um dem Physiker ernstlich 
an Hand zu gehen und zum Scherz sowohl Junge als Alte 
ergötzlich zu überraschen. Hier erscheint ein Urphäno- 
men, setzt natürliche Menschen in Erstaunen und bringt 
die Erklärsucht zur Verzweiflung. 

Ferner hat man den Kranz um manche Glasbecher mit 
solchem trüben Mittel überzogen, woraus der sehr ange- 
nehme Efifekt entspringt, daß die aufgetragenen leichten 
Goldzieraten sich, von einem gelben, durchscheinenden, 
goldgleichen Grunde, bald metallisch-glänzend absetzen, 
bald auf blauem Grunde um desto schöner hervorgehoben 
werden. Mögen häufige Nachfragen die Künstler anfeuern, 
solche Gefäße zu vervielfältigen. 
Aus der Bereitung selbst machen sie kein Geheimnis, es 



NACHTRÄGE Z. FARBENL.: NEUERE EINLTG. 507 

ist feingepülvertes schwefelsaures Silber; bei dem Ein- 
schmelzen jedoch müssen zufällige, mir noch unbekannte 
Umstände eintreten: denn verschiedene nach Vorschrift 
unternommene Versuche haben bis jetzt nicht glücken 
wollen. Unsre so bereiteten Glastafeln bringen beim Durch- 
scheinen zwar das Gelbe zur Ansicht, die Umkehrung ins 
Blaue beim Aufscheinen will jedoch nicht gelingen. Dabei 
ist zu bemerken, daß das Silber unter dem Einschmelzen 
sich oft reduziert und zu körperlich wird, um trüb zu sein. 



Trübe Infiisionen 
Wenn wir aber von trüben Mitteln sprechen, so erinnert 
sich jedermann der Infusion des sogenannten Lignum ne- 
phriticum. Es hat aufgehört offizinell zu sein; die in den 
Apotheken unter dieser Rubrik noch vorhandenen Stücke 
gaben meist einen gelben, nicht aber ins Blaue sich um- 
wendenden Aufguß. Herr Hofr. Döberciner, dessen Mit- 
wirkung ich die entschiedensten Vorteile verdanke, ist 
gelegentlich zu einer Infusion gekommen, welche das 
Phänomen aufs allerschönste darstellt. Hier die Verfah- 
rungsweise, wie er solche mitgeteilt: 
,,Das Lignum quassiae (von Quassia excelsd) enthält eine 
eigentümliche rein bittere Substanz. Um diese, zum Be- 
huf einer nähern Untersuchung, unverändert darzustellen, 
wurde jenes Holz, in gepulvertem Zustande, in meiner 
Auflösungspresse mit Wasser, durch den Druck einer drei 
Fuß hohen Quecksilbersäule kalt extrahiert. Nachdem das 
Holz erschöpft war oder vielmehr aufgehört hatte dem 
Wasser farbigen Stoff mitzuteilen, wurde es mit einer 
neuen Quantität Wasser in der Absicht behandelt, um 
den letzten Anteil des etwa noch in ihm enthaltenen auf- 
löslichen Stoffes zu scheiden und zu meinem Zwecke zu 
gewinnen. Das Resultat dieser letzten Behandlung war 
Wasser ungefärbt, jedoch bitter schmeckend und mit der 
Eigenschaft begabt, die wir an rein trüben Mitteln kennen, 
wenn sie in einem durchsichtigen Glas erleuchtet oder 
beschattet werden. 
Hat man also die Absicht, aus der Quassia das weiße 



5o8 CHROM ATIK 

flüssige Chamäleon darzustellen, so muß man dieselbe 
pulvern und durch sie so lange kaltes Wasser filtrieren, 
bis sie von farbiger Substanz befreit und dieses nur noch 
äußerst schwach zu trüben fähig ist. In dieser Periode 
stellt sich, bei fortgesetzten Aufgüssen kalten Wassers, 
die oben beschriebene Flüssigkeit dar." 
Es hat diese Infusion den Vorteil, daß sie in einem Glase 
gut verschlossen, wohl über ein halbes Jahr das Phänomen 
sehr deutlich zeigt und zum Vorweisen immer bei der 
Hand ist; da jedoch die Bereitung Mühe und Genauigkeit 
erfordert, so geben wir ein anderes Mittel an, wobei sich 
die Erscheinung augenblicklich manifestiert. 
Man nehme einen Streifen frischer Rinde von der Roß- 
kastanie, man stecke denselben in ein Glas Wasser, und 
in der kürzesten Zeit werden wir das vollkommenste Him- 
melblau entstehen sehen, da, wo das von vorn erleuch- 
tete Glas auf dunklen Grund gestellt ist, hingegen das 
schönste Gelb, wenn wir es gegen das Licht halten. Dem 
Schüler wie dem Lehrer, dem Laien wie dem Einge- 
weihten ist es jeden Tag zur Hand. 

1 1 
Im Wasser Flamme 
Georg Agrikola, in seinem Werke de natura eorum quae 
effluunt ex terra, und zwar dessen viertem Buche, meldet 
Folgendes: si lapis in lacum, qui est prope Dennstadiu7n, 
Toringiae cppidum, injicitur, dum delabitur in proßinduni 
teil ardentis speciem prae se ferre solet. 
Bufifon, flammender Phänomene gedenkend, bringt diese 
Stelle genau übersetzt: Agricola rapporte, que lorsqu^on 
jetie une pierre dans le lac de Dennsted, en Turingue, il 
semble, lorsqu^elle descend dans Peau, que ce sott un trait 
de feu. 

Vorgemeldetes Phänomen erkennen wir als wahr an, vin- 
dizieren aber solches der Farbenlehre und zählen es zu 
den prismatischen Versuchen; und zwar verhält sichs da- 
mit folgendermaßen. 

Am obern Ende der westlichen Vorstadt von Tennstedt, 
einem durch Ackerbau gesegneten, im angenehmen Tale 



NACHTRÄGE Z. FARBENL.: NEUERE EINLTG. 509 

liegenden und von reichlichem Bach- und Brunnenwasser 
wohlversorgten Orte, liegt ein Teich mäßiger Größe, wel- 
cher nicht durch äußern Zufluß, sondern durch mächtige, 
in ihm selbst hervorstrebende Quellen, seinen immer glei- 
chen Wassergehalt einer zunächst daran gebauten Mühle 
überflüssig liefert. Von der unergründlichen Tiefe dieses 
Teichs, daß er im Sommer des Wassers nicht ermangele 
und Winters nicht zufriere, wissen die Anwohner viel zu 
erzählen, so auch die Klarheit des Wassers über alles zu 
rühmen. Letzteres ist auch ohne Widerrede zuzugestehn, 
und eben die Reinheit eines tiefen Wassers macht jenes 
den Augen vorgebildete Feuerphänomen möglich. 
Nun bemerke man, daß um den Teich her nur weiße Kalk- 
steine liegen, und mit solchen ist auch der Versuch nur 
anzustellen; man wähle einen schwarzen Stein, und nichts 
von Flamme wird gesehen werden. Wenn aber ein weißer 
untersinkt, so zeigen sich an ihm prismatische Ränder, und 
zwar weil er als helles Bild auf dunklem Grunde, er sinke 
noch so tief, immer durch die Refraktion dem Auge ent- 
gegengehoben wird, unten gelbrot und gelb, oben blau 
und blaurot; und so zittert diese Erscheinung als ein um- 
gekehrtes Flämmchen in die Tiefe. 

Leider war, bei meinem dortigen Sommeraufenthalte 1 8 1 6, 
der Teich lange nicht von Wasserpflanzen gereinigt wor- 
den, die aufs üppigste aus der Tiefe bis an und über die 
Oberfläche hervorsproßten, worunter die Chara, welche 
immer auf Schwefelquellen hindeutet, sich häufig bemer- 
ken ließ. Die einzigen reinen Stellen waren die der quel- 
lenden Punkte, aber zu weit von dem Ufer und zu sehr 
bewegt, als daß ich das Phänomen jemanden sonst als mir 
selbst darzustellen vermochte. 

Jedoch hatte ich das gleiche in dem Feldzuge von 1792 
schon in der Nähe von Verdun gesehen, wo ein tiefer, fast 
zirkelrunder Erdkessel vom klarsten, dem Grund entsprie- 
ßenden Quellwasser gefüllt war. Dort wiederholte ich 
meine herkömmlichen prismatischen Versuche im großen, 
und zwar wählte ich zu Gegenständen zerbrochene Stein- 
gutscherben, welche, an den dunkeln Seiten des Kessels 
sich, angenehm flammenartig und auffallend farbiger je 



5IO CHROMATIK 

kleiner sie waren, hinabsenkten. Ganze, kaum beschädigte 
Teller überließ mir die freundliche Feldküche. Unten auf 
dem Boden liegend zeigt ein solches helles Rund zunächst 
dem Beschauer immer Gelbrot und Gelb, oben Blau und 
Blaurot; und so werden kleinere Stücke, wie die beiden 
Farbenränder sich verbreitern, wohl für ein Flämmchen 
gelten. 

Wer eine solche reine ruhige Wassertiefe vor sich hat, 
der kann diese Erfahrung leicht zum Versuch erheben. Er 
gebe solchen Scherben eine ovale Gestalt, durchbohre sie 
am obern Teil, befestige sie an einen Faden, diesen an 
eine Fischerrute und tauche so das helle Bild ins Wasser, 
lasse es niedersinken und ziehe es wieder heraus, so wird 
er den flammenden Pfeil nach Belieben verstärken, seine 
Farben vermehren und vermindern können. 
Gelingt es einem Naturfreunde, den Tennstedter Mühlen- 
teich von Pflanzen reinigen zu lassen, wobei er wohl auf- 
achten möchte, welche Geschlechter und Arten hier ein- 
heimisch sind, so wird man auf angezeigte Weise den 
Versuch jeden Augenblick wiederholen können. Ja, der 
Mühlknappe könnte sich, durch einen immer vorhandenen 
leichten Apparat, wie ich oben angegeben, manches Trink- 
geld von Badegästen und Reisenden verdienen, da die 
Straße von Leipzig nach Mühlhausen an diesem Teiche 
vorbeigeht und Tennstedt, wegen der Wirksamkeit seiner 
Schwefelwasser, immer besucht sein wird. 
Doch brauchen wir eigentlich deswegen keine weite Reise 
zumachen; ein wahrer Versuch muß sich immer und über- 
all wiederholen lassen, wie denn jedermann auf seinem 
Schreibtische ein Stück Siegellack findet, welches ge- 
rieben auf die höchste, alles durchdringende, alles ver- 
bindende Naturkraft hindeutet. Ebenso ist auch ein jeder 
Brunnentrog voll klaren Wassers hinreichend, das merk- 
würdige Tennstedter Flämmchen hervorzubringen. Wir 
bedienen uns hierzu einer schwarzen Blechscheibe, nicht 
gar einen Fuß im Durchmesser, in deren Mitte ein weißes 
Rund gemalt ist; wir tauchen sie, an einen Faden geheftet, 
ein, und es bedarf kaum einer Elle Wassers, so ist die Er- 
scheinung für den aufmerksamen Beobachter schon da; 



NACHTRÄGE Z. FARBENL.: NEUERE EINLTG. 511 

mit mehrerer Tiefe vermehrt sich Glanz und Stärke. Nun 
ist aber die andere Seite weiß angestrichen, mit einem 
schwarzen Rund in der Mitte; nun versinkt ein eigent- 
hches Flämmchen, violett und blau unterwärts, gelb und 
gelbrot oberwärts, und das alles wieder aus Gründen, die 
doch endlich jedermann bekannt werden sollten. 



ÜBER DEN REGENBOGEN 
I 

Goethe an Siilpiz Boisserie 

FÜR Ihren werten Brief im allgemeinen und zum aller- 
schönsten dankend, will ich nur eiligst die wichtige 
Frage wegen des Regenbogens zu erwidern anfangen. 
Hier ist mit Worten nichts ausgerichtet, nichts mit Linien 
und Buchstaben; unmittelbare Anschauung ist not und 
eigenes Tun und Denken. Schaffen Sie sich also augen- 
blicklich eine hohle Glaskugel a, etwa 5 Zoll, mehr oder 
weniger im Durchmesser, wie sie Schuster und Schneider 




überall brauchen, um das Lampenlicht auf den Punkt ihrer . 
Arbeit zu konzentrieren, füllen solche mit Wasser durch 
das Hälschen und verschließen sie durch den Stöpsel b^ 
stellen sie auf ein festes Gestelle gegen ein verschlossenes 
Fenster d, treten alsdann mit dem Rücken gegen das Fen- 
ster gekehrt in e, etwas zur Seite, um das in der Rückseite 
der Kugel sich präsentierende umgekehrte verkleinerte 
Fensterbild zu schauen, fixieren solches und bewegen sich 
ganz wenig nach Ihrer rechten Hand zu, wo Sie denn sehen 
werden, daß die Glastafeln zwischen den Fensterleisten 
sich verengen und zuletzt, von den dunkeln Kreuzen völ- 
lig zusammengedrängt, mit einer schon vorher bemerk- 
baren Farbenerscheinung verschwinden, und zwar ganz am 
äußersten Rande g, die rote Farbe glänzend zuletzt. 



ÜBER DEN REGENBOGEN 513 

Diese Kugel entfernen Sie nicht aus Ihrer Gegenwart, son- 
dern betrachten sie hin und her gehend beim hellsten 
Sonnenschein, abends bei Licht; immer werden Sie finden, 
daß ein gebrochenes Bild an der einen Seite der Kugel sich 
abspiegelt und so, nach innen gefärbt, sich, wie Sie Ihr 
Auge nach dem Rande zu bewegen, verengt und bei nicht 
ganz deutlichen mittlem Farben entschieden rot ver- 
schwindet. 

Es ist also ein Bild und immer ein Bild, welches refran- 
giert und bewegt werden muß; die Sonne selbst ist hier 
weiter nichts als ein Bild. Von Strahlen ist gar die Rede 
nicht; sie sind eine Abstraktion, die erfunden wurde, um das 
Phänomen in seiner größten Einfalt allenfalls darzustel- 
len, von welcher Abstraktion aber fortoperiert, aufweiche 
weitergebaut oder vielmehr aufgehäuft, die Angelegen- 
heit zuletzt ins Unbegreifliche gespielt worden. Man braucht 
dieLinien zu einer Art von mathematischer Demonstration; 
sie sagen aber wenig oder gar nichts, weil von Massen und 
Bildern die Rede ist, wie man sie nicht darstellen und also 
im Buche nicht brauchen kann. 

Haben Sie das angegebene ganz einfache Experiment recht 
zu Herzen genommen, so schreiben Sie mir, auf welche 
Weise es Ihnen zusagt, und wir wollen sehen, wie wir 
immer weiterschreiten, bis wir es endlich im Regenbogen 
wiederfinden. 

Mehr nicht für heute, damit Gegenwärtiges als das Not- 
wendigste nicht aufgehalten werde. 
Weimar, den 11. Januar 1832. 

n 

Erwiderung 
Die Glaskugel, verehrtester Freund, steht nun schon seit 
vielen Tagen vor meinen Augen, und ich habe noch nicht 
dazu gelangen können, Ihnen zu sagen, was ich darin ge- 
sehen. 

Ihrem Rat gemäß habe ich sie bei gewöhnlichem Tages- 
licht wie bei Sonnen- und Kerzenlicht vielfach betrachtet, 
und immer habe ich bei der Bewegung meines Auges nach 

GOETHE XVII 33. 



5^4 



CHROMATIK 



der Seite gesehen, daß das hintere Bild des Fensters, der 
Sonne oder der Kerze am Rande der Kugel rot verschwin- 
det. Beim Sonnen- und Kerzenlicht habe ich bemerkt, daß 
das hintere Bild sich auch nach der Seite in der Kugel 
bei h abspiegelt, und daß die Farben erscheinen, wenn 
man so weit zur Seite schreitet, daß beide Bilder sich 
(bei g) übereinander schieben, und zwar löst sich die ganze 
Erscheinung in Rot auf, sobald beide Bilder sich decken: 
bei fernerem Fortschreiten verschwindet damit das Phä- 
nomen. 

Grundriß 




,0 



Es ist offenbar, daß bei dem gewöhnlichen Tageslicht das- 
selbe vorgeht, nur erscheint hierbei das zweite Spiegel- 
bild h nicht recht deutlich, weil das Fenster ein zu großes 
Bild macht und daher das zweite Spiegelbild bei diesem 
Experiment auf der gebogenen Kugelfläche sich in einen un- 
förmlichen Lichtschimmer auflöst, Die Sonnenscheibe und 
die Kerzenflamme hingegen erscheinen in ganz entschie- 
denen Bildern. Man sieht das vordere a, welches sich bei 
dem Zurseiteschreiten nur wenig bewegt, und die beiden 
hintern Bilder/und/;, welche sich, je nachdem man fort- 
schreitet, gegeneinander bewegen und endlich farbig über- 



ÜBER DEN REGENBOGEN 5 1 5 

einander schieben, bis sie sich gänzlich decken und rot 
verschwinden. 

Ferner habe ich die Kugel auf die Erde gestellt und das 
Bild der Sonne oder der daneben gestellten Kerze darauf 
fallen lassen, indem ich im rechten Winkel nahe an die 
Kugel trat. 

Das weiße Bild a erschien dann nicht weit von dem Hals 
der Kugel/, und in b zeigte sich ein farbiges Spektrum, 
welches bei der Bewegung nach d blau und bei der Be- 
wegung nach e rot verschwand. Um das Experiment am 
bequemsten zu machen, stellte ich mich in die Nähe eines 

Grundriß 




c' 



Tisches, auf dessen Ecke ich mich stützen konnte, so daß 
ich stehen bleiben durfte und nur den Oberleib nach den 
beiden Seiten hin oder leise vorwärts und rückwärts zu be- 
wegen brauchte. Das Spektrum scheint auch hier nicht auf 
einem einfachen Bilde zu beruhen, welches durch einen 
Teil der Glaskugel gebrochen wird, sondern es scheint, 
daß man hier gleich zwei übereinander geschobene Bilder 
sieht; denn als ich das Experiment mitKerzenhcht machte, 
zeigten sich nach dem Verschwinden des blauen Lichts 
zwei auseinandergehende schwache Bilder. Daß ich die- 
ses beim Sonnenlicht nicht gesehen, mag daher rühren, 
weil bei dem weißeren Licht der Sonne die reflektierten 



5i6 CHROMATIK 

Spiegelbilder im Gegensatz gegen das sehr glänzende Spek - 
trum weniger ansprechend erscheinen als bei dem orange- 
farbenen Kerzenhcht. 

Genug, ich habe mich mit der Glaskugel vielfältig be- 
freundet und erkenne darin einen sehr belehrenden Re- 
präsentanten des Regentropfens, so daß die Gedanken nun 
schon zum Regenbogen eilen. Ich halte sie zurück, um 
Ihrer Belehrung nicht vorzugreifen, die mir erst die ge- 
hörige Sicherheit zum Weiterschreiten geben oder mir zei- 
gen wird, daß ich auf dem Weg des Irrtums bin. Es wird 
mich unendlich freuen, wenn Sie mich über diese wun- 
derbar anziehende Naturerscheinung einmal zur Klarheit 
bringen. Was die gewöhnlichen Naturforscher darüber zu 
sagen wissen, ist gar unbefriedigend. 
München, am 2. Februar 1832, 

Sulpiz Boisseree. 

III 

Goethe an Sulpiz Boisserie 
Es ist ein großer Fehler, dessen man sich bei der Natur- 
forschung schuldig macht, wenn wir hoffen, ein kompli- 
ziertes Phänomen als solches erklären zu können, da schon 
viel dazu gehört, dasselbe auf seine ersten Elemente zu- 
rückzubringen; es aber durch alle verwickelten Fälle mit 
eben der Klarheit durchführen zu wollen, ist ein verge- 
benes Bestreben. Wir müssen einsehen lernen, daß wir 
dasjenige, was wir im Einfachsten geschaut und erkannt, 
im Zusammengesetzten supponieren und glauben müssen. 
Denn das Einfache verbirgt sich im Mannigfaltigen, und 
da ists, wo bei mir der Glaube eintritt, der nicht der An- 
fang, sondern das Ende alles Wissens ist. 

Der Regenbogen ist ein Refraktionsfall und vielleicht der 
komplizierteste von allen, wozu sich noch Reflexion ge- 
sellt. Wir können uns also sagen, daß das Besondere dieser 
Erscheinung alles, was von dem Allgemeinen der Refrak- 
tion und Reflexion erkennbar ist, enthalten muß. 
Nehmen Sie ferner das Heft meiner Tafeln und deren Er- 



ÜBER DEN REGENBOGEN 517 

klärung [Seite 268] vor sich und betrachten auf der zwei- 
ten die vier Figuren in der obersten Reihe, bezeichnet 
mit A, B, C, D. Lesen Sie, was Seite [270] zur Erklärung 
gesagt ist, und gehen Sie nun drauflos, sich mit diesen 
Anfängen völHg zu befreunden. Und zwar würde ich vor- 
schlagen, zuerst die objektiven Versuche bei durchfallen- 
dem Sonnenlichte vorzunehmen. 

Versehen Sie sich mit verschiedenen Linsen, besonders 
von bedeutendem Durchmesser und ziemlich ferner Brenn- 
weite, so werden Sie, wenn Sie Lichtmasse hindurch und 
auf ein Papier fallen lassen, sehen, wie sich ein abgebildeter 
Kreis verengt und einen gelben, zunächst am Dunklen 
einen gelbroten Saum erzeugt. Wie Sie nun die Erschei- 
nung näher betrachten, so bemerken Sie, daß sich ein sehr 
heller Kreis an den farbigen anschließt, aus der Mitte des 
Bildes jedoch sich ein graulich dunkler Raum entwickelt. 
Dieser läßt nun nach dem Hellen zu einen blauen Saum 
sehen, welcher violett das mittlere Dunkle umgrenzt, wel- 
ches sich hinter dem Fokus über das ganze Feld ausbreitet 
und durchaus blau gesäumt erscheint. 
Lassen Sie sich diese Phänomene auf das wiederholteste 
angelegen sein, so werden Sie alsdann zu weiteren Fort- 
schritten hingerissen werden. 

Hängen Sie nunmehr Ihre mit Wasser gefüllte Kugel (die 
Sie als eine gesetzlich aufgeblasene Linse ansehen können) 
ins freie Sonnenhcht, stellen Sie sich alsdann, gerade wie 
in meiner Zeichnung des ersten Versuchs angegeben ist, 
schauen Sie in die Kugel, so werden Sie statt jenes re- 
flektierten Fensters die auf die Kugel fallende Lichtmasse 
in einen Kreis zusammengezogen sehen, indessen der- 
selbige Kreis durch das Glas durchgeht, um hinter der 
äußern Fläche einen Brennpunkt zu suchen. Der Kreis 
aber innerhalb der Kugel, welcher durch Reflexion und 
Refraktion nunmehr in Ihr Auge kommt, ist der eigent- 
liche Grund jener Zurückstrahlung, wodurch der Regen- 
bogen möglich werden soll. 

Bewegen Sie sich nunmehr, wie in den andern bisherigen 
Fällen, so werden Sie bemerken, daß, indem Sie eine schie- 
fere Stellung annehmen, der Kreis sich nach und nach 



5i8 CHROMATIK 

oval macht, bis er sich dergestalt zusammenzieht, daß er 
Ihnen zuletzt auf der Seite sichtbar zu werden scheint und 
endlich als ein roter Punkt verschwindet. Zugleich wenn 
Sie aufmerksam sind, werden Sie bemerken, daß das In- 
nere dieses rotgesäumten Kreises dunkel ist und mit einem 
blau-violetten Saum, welcher mit dem Gelben des äußeren 
Kreises zusammentreffend zuerst das Grüne hervorbringt, 
sich sodann als Blau manifestiert und zuletzt bei völligem 
Zusammendrängen als Rot erscheint. 
Dabei müssen Sie sich nicht irremachen lassen, daß noch 
ein paar kleine Sonnenbilder sich an den Rand des Krei- 
ses gesellen, die ebenfalls ihre kleineren Höfe um sich 
haben, die denn auch bei oben bemerktem Zusammen- 
ziehen ihr Farbenspiel gleichfalls treiben und deren zusam- 
mengedrängte Kreise, als an ihren nach außen gekehrten 
halben Rändern gleichfalls rot, das Rot des Hauptkreises 
kurz vordem Verschwinden noch erhöhen müssen. Haben 
Sie alles dieses sich bekannt und durch wiederholtes 
Schauen ganz zu eigen gemacht, so werden Sie finden, 
daß doch noch nicht alles getan ist, wobei ich denn auf den 
allgemein betrachtenden Anfang meiner unternommenen 
Mitteilung hinweisen muß, Ihnen Gegenwärtiges zur Be- 
herzigung und Ausübung bestens empfehlend, worauf wir 
denn nach und nach in unsern Andeutungen fortzufahren 
und des eigentlichen reinen Glaubens uns immer würdiger 
zu machen suchen werden. 

Nun aber denken Sie nicht, daß Sie diese Angelegenheit 
jemals los werden. Wenn sie Ihnen das ganze Leben über 
zu schaffen macht, müssen Sie sichs gefallen lassen. Ent- 
fernen Sie die Kugel den Sommer über nicht aus Ihrer 
Nähe, wiederholen Sie an ihr die sämthchen Erfahrungen, 
auch jene mit Linsen und Prismen: es ist immer eins und 
ebendasselbe, das aber in Labyrinthen Versteckens spielt, 
wenn wir täppisch, hypothetisch, mathematisch, linearisch, 
angularisch darnach zu greifen wagen. Ich kehre zu mei- 
nem Anfang zurück und spreche noch aus, wie folgt. 
Ich habe immer gesucht, das möglichst Erkennbare, Wiß- 
bare, Anwendbare zu ergeifen, und habe es zu eigener 
Zufriedenheit, ja auch zu Billigung anderer darin weitge- 



ÜBER DEN REGENBOGEN 5 1 9 

bracht. Hiedurch bin ich für mich au die Grenze gelangt, 
dergestalt daß ich da anfange zu glauben, wo andere ver- 
zweifeln, und zwar diejenigen, die vom Erkennen zu viel 
verlangen und, wern^ sie nur ein gewisses dem Menschen 
Beschiedenes erreichen können, die größten Schätze der 
Menschheit für nichts achten. So wird man aus dem Gan- 
zen ins Einzelne und aus dem Einzelnen ins Ganze ge- 
trieben, man mag wollen oder nicht. 

Für freundliche Teilnahme dankbar, 

Fortgesetzte Geduld wünschend, 

Ferneres Vertrauen hoffend. 
Weimar, den 25. Februar 1832. 



MATERIALIEN 

ZUR GESCHICHTE 

DER 

FARBENLEHRE 



ZUR GESCHICHTE DER URZEIT 

DIE Zustände ungebildeter Völker, sowohl der alten 
als der neuern Zeit, sind sich meistens ähnlich. Stark 
in die Sinne fallende Phänomene werden lebhaft 
aufgefaßt. 

In dem Kreise meteorischer Erscheinungen mußte der 
seltnere, unter gleichen Bedingungen immer wiederkeh- 
rende Regenbogen die Aufmerksamkeit der Naturmen- 
schen besonders an sich ziehen. Die Frage, woher irgend- 
ein solches Ereignis entspringe, ist dem kindlichen Geiste 
wie dem ausgebildeten natürlich. Jener löst das Rätsel be- 
quem durch ein phantastisches, höchstens poetisches Sym- 
bolisieren; und so verwandelten die Griechen den Regen- 
bogen in ein liebliches Mädchen, eine Tochter desThaumas 
(des Erstaunens); beides mit Recht: denn wir werden bei 
diesem Anblick das Erhabene auf eine erfreuliche Weise 
gewahr. Und so ward sie diesem Gestalt-liebenden Volke 
ein Individuum, Iris, ein Friedensbote, ein Götterbote 
überhaupt, andern, weniger Form -bedürfenden Nationen, 
ein Friedenszeichen. 

Die übrigen atmosphärischea Farbenerscheinungen, all- 
gemein, weit ausgebreitet, immer wiederkehrend, waren 
nicht gleich auffallend. Die Morgenröte nur noch erschien 
gestaltet. 

Was wir überall und immer um uns sehen, das schauen 
und genießen wir wohl, aber wir beobachten es kaum, 
wir denken nicht darüber. Und wirklich entzog sich die 
Farbe, die alles Sichtbare bekleidet, selbst bei gebildeteren 
Völkern gewissermaßen der Betrachtung. Desto mehr Ge- 
brauch suchte man von den Farben zu machen, indem sich 
färbende Stoffe überall vorfanden. Das Erfreuliche des Far- 
bigen, Bunten wurde gleich gefühlt; und da die Zierde 
des Menschen erstes Bedürfnis zu sein scheint und ihm 
fast über das Notwendige geht, so war die Anwendung 
der Farben auf den nackten Körper und zu Gewändern 
bald im Gebrauch. 

Nirgends fehlte das Material zum Färben. Die Fruchtsäfte, 
fast jede Feuchtigkeit außer dem reinen Wasser, das Blut 
der Tiere, alles ist gefärbt; so auch die Metallkalke, be- 
sonders des überall vorhandnen Eisens. Mehrere verfaulte 



524 ZUR GESCHICHTE DER FARBENLEHRE 

Pflanzen geben einen entschiedenen Färbestofif, dergestalt 
daß der Schlick an seichten Stellen großer Flüsse als Farbe - 
material benutzt werden konnte. 

Jedes Beflecken ist eine Art von Färben, und die augen- 
blickliche Mitteilung konnte jeder bemerken, der eine rote 
Beere zerdrückte. Die Dauer dieser Mitteilung erfährt man 
gleichfalls bald. Auf dem Körper bewirkte man sie durch 
Tatuieren und Einreiben. Für die Gewänder fanden sich 
bald farbige Stoffe, welche auch die beizende Dauer mit 
sich führen, vorzüghch der Eisenrost, gewisse Frucht- 
schalen, durch welche sich der Übergang zu den Gall- 
äpfeln mag gefunden haben. 

Besonders aber machte sich der Saft der Purpurschnecke 
merkwürdig, indem das damit Gefärbte nicht allein schön 
und dauerhaft war, sondern auch zugleich mit der Dauer 
an Schönheit wuchs. 

Bei dieser jedem Zufall freigegebenen Anfärbung, bei der 
BequemHchkeit, das Zufällige vorsätzlich zu wiederholen 
und nachzuahmen, mußte auch die Aufforderung entstehen, 
die Farbe zu entfernen. Durchsichtigkeit und Weiße haben 
an und für sich schon etwas Edles und Wünschenswertes. 
Alle ersten Gläser waren farbig; ein farbloses Glas mit Ab- 
sicht darzustellen gelang erst spätem Bemühungen. Wenig 
Gespinste, oder was sonst zu Gewändern benutzt werden 
kann, ist von Anfang weiß; und so mußte man aufmerk- 
sam werden auf die entfärbende Kraft des Lichtes, be- 
sonders bei Vermittlung gewisser Feuchtigkeiten. Auch 
hat man gewiß bald genug den günstigen Bezug eines 
reinen weißen Grundes zu der darauf zu bringenden Farbe 
in früheren Zeiten eingesehen. 

DieFärberei konnte sich leicht und bequem vervollkomm- 
nen. Das Mischen, Sudlen und Manschen ist dem Menschen 
angeboren. Schwankendes Tasten und Versuchen ist seine 
Lust. Alle Arten von Infusionen gehen in Gärung oder in 
Fäulnis über; beide Eigenschaften begünstigen die Farbe 
in einem entgegengesetzten Sinne. Selbst untereinander 
gemischt und verbunden heben sie die Farbe nicht auf, 
sondern bedingen sie nur. Das Saure und Alkalische in 
seinem rohsten empirischen Vorkommen, in seinen ab- 



ZUR GESCHICHTE DER URZEIT 525 

surdesten Mischungen wurde von jeher zur Färberei ge- 
braucht, und viele Färberezepte bis auf den heutigen Tag 
sind lächerlich und zweckwidrig. 

Doch konnte bei geringem Wachstum der Kultur bald eine 
gewisse Absonderung der Materialien sowie Reinlichkeit 
und Konsequenz stattfinden, und die Technik gewann 
durch Überlieferung unendHch. Deswegen finden wir die 
Färberei bei Völkern von stationären Sitten auf einem so 
hohen Grade der Vollkommenheit, bei Ägyptiern, Indiern, 
Chinesen. 

Stationäre Völker behandlen ihre Technik mit Religion. 
Ihre Vorarbeit und Vorbereitung der Stoffe ist höchst rein- 
lich und genau, die Bearbeitung stufenweise sehr umständ- 
lich. Sie gehen mit einer Art von Naturlangsamkeit zu 
Werke; dadurch bringen sie Fabrikate hervor, welche 
bildungsfähigem, schnell vorschreitenden Nationen un- 
nachahmlich sind. 

Nur die technisch höchstgebildeten Völker, wo die Ma- 
schinen wieder zu verständigen Organen werden, wo die 
größte Genauigkeit sich mit der größten Schnelligkeit ver- 
bindet, solche reichen an jene hinan und übertreffen sie 
in vielem. Alles Mittlere ist nur eine Art von Pfuscherei, 
welche eine Konkurrenz, sobald sie entsteht, nicht aus- 
halten kann. 

Stationäre Völker verfertigen das Werk um sein selbst 
willen, aus einem frommen Begriff, unbekümmert um den 
Effekt; gebildete Völker aber müssen auf schnelle augen- 
blickliche Wirkung rechnen, um Beifall und Geld zu ge- 
winnen. 

Der charakteristische Eindruck der verschiedenen Farben 
wurde gar bald von den Völkern bemerkt, und man kann 
die verschiedene Anwendung in diesem Sinne bei der 
Färberei und der damit verbundenen Weberei, wenigstens 
manchmal, als absichtlich und aus einer richtigen Empfin- 
dung entspringend ansehen. 

Und so ist alles, was wir in der früheren Zeit und bei un- 
gebildeten Völkern bemerken können, praktisch. DasTheo- 
retische begegnet uns zuerst, indem wir nunmehr zu den 
gebildeten Griechen übergehen. 



[DIE ALDOBRANDINISCHE HOCHZEIT] 

SÄMTLICHE noch übriggebliebenen antiken Malereien 
zeigen einen fröhlichen heiteren Charakter der Farben, 
wodurch sie sich auffallend, und man mag hinzusetzen, 
nicht weniger vorteilhaft von den Arbeiten der Neuern 
unterscheiden als durch die anerkannte Überlegenheit in 
Geschmack und Stil der Formen. Die Ursache dieser fröh- 
licheren Farbenwirkung kann großenteils dem fröhhcheren 
Geist der alten Kunst zugeschrieben werden, und über- 
dem hat selbst die Malerei mit Wasserfarben wahrschein- 
lich dazu beigetragen; dahingegen die neuern Maler schon 
durch die Natur der Ölmalerei, welche dem Düstern günstig 
ist, und durch den oft schwermütigen Inhalt ihrer Bilder, 
auf einen ganz andern Weg gelenkt wurden. 
In betreff der Harmonie oder, mit andern Worten, der 
künstlichen Stellung und Verteilung der Farben sind die 
Alten, wie wir uns in der Folge zu zeigen bemühen wer- 
den, solchen Regeln gefolgt, die ihnen mehrere Mannig- 
faltigkeit und größern Spielraum erlaubten, als die Neuern 
bei ihrer Weise zu denken und zu malen gehabt haben. 
Die antiken Gemälde, welche zu Rom in den Ruinen der 
Bäder des Titus noch an Ort und Stelle übrig sind; andere 
bessere, die vor etwa dreißig Jahren in der Villa Negroni 
ausgegraben und seither nach England gebracht worden; 
ferner die berühmte Aldobrandinische Hochzeit, welche 
schon im siebzehnten Jahrhundert entdeckt und noch jetzt 
in Rom befindlich ist, sind ohne Zweifel sämtlich zeit- 
verwandtmit den Malereien aus Herkulanum undPompeji. 
Wenigstens entsprechen ihre Eigenschaften und Vorzüge 
einander dergestalt, daß, wenn wir hier noch einiges Nähere 
über das Kolorit, über Anwendung und Austeilung der 
Farben, wie auch über die Behandlung in der eben er- 
wähnten Aldobrandinischen Hochzeit beibringen, solches 
als von allen den noch vorhandenen antiken Gemälden 
besserer Art wird gelten können. 

Beabsichtigter Kürze wegen müssen wir annehmen, un- 
seren Lesern sei die Darstellung der Aldobrandinischen 
Hochzeit schon bekannt, und so unterlassen wir auch, von 
der Kunst der Erfindung, der Anordnung, der Zeichnung 



DIE ALDOBRANDINISCHE HOCHZEIT 527 

usw. zureden. Die folgenden Bemerkungen bezielen dem- 
nach vornehmlich nur: 
Kolorit, Ton und Harmonie, 
die vom Künstler angewendeten Farben, 
die Behandlung. 

Obschon die Arbeit im Ganzen nur flüchtig und skizzen- 
haft ist, so war der Maler dennoch mit großer Sorgfalt 
um zweckmäßige Abwechselung der Farbentöne, nach 
Maßgabe der verschiedenen Charaktere seiner Figuren, 
bemüht und hat sich darin besonders tüchtig erwiesen. 
Die zarte auf der Wange der Braut glühende Schamröte 
kontrastiert vortrefflich mit dem kräftigen Ton, in wel- 
chem der Bräutigam gehalten ist. Auch sind alle übrigen 
Figuren des Bildes mit feiner Kunst so nuanciert, wie die 
Bedeutung einer jeden es erfordert. Nicht geringere Fer- 
tigkeit und Kenntnisse zeigte unser alte Meister an den 
verschiedenen Stellen, wo er das Durchscheinende far- 
biger Gewänder durch Weiß angegeben, wo benachbarte 
Farben sich einander mitteilen; und ferner in der Wahl 
und Verteilung der den herrschenden violetten Ton des 
Bildes begünstigenden und von demselben wieder ge- 
hobenen Farben, zum Zweck einer fröhlich-harmonischen 
Wirkung des Ganzen. 

Den Ton eigens betreffend, mögen hier zu mehrerer Deut- 
lichkeit noch folgende Bemerkungen Platz nehmen. 
Wenn die Neuern, vielleicht durch das Bequeme einiger 
Farben in der Ölmalerei veranlaßt, den Ton ihrer Bilder 
fast immer gelb gewählt, oder auch zuweilen die Über- 
einstimmung, wie durch dämmerndes Licht, mit dem farbe- 
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